Die Globetrottels

Unterwegs im Magicbus

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Fersenwellness in Pampaneira

Diese Fersen fordern eine Pause.
Diesmal ernsthaft und diesmal wissen wir, dass es durchaus schlau ist, ihnen aufmerksam zuzuhören.
Statt den nicht existenten GR7 an irgendwelchen Hängen heute weiterzulaufen, bleiben wir einen Tag in Pampaneira: mit einem Örtchenrundgang als Maximum für die Füßchen. Fersenwellness an einem Montag. Ausnahmsweise schlau.

Tatsächlich tun wir heute wirklich nicht mehr, als zweimal durchs Dorf zu schleichen. Einmal im Mittags- und einmal im Abendlicht.
Eine Bergszenerie, die es an einigen Ecken (und mit etwas Phantasie) mit Santorini aufnehmen könnte. Nur ohne Mühlen und Meer und in einem anderen Land. Quasi: andalusisches Santorini für Arme am Rande der Sierra Nevada. Mit lustigen Schornsteinen.
Und wir essen.

Morgens bedienen wir uns am ausladendsten Frückstücksbuffet, das wir seit langem gesehen haben:
Neben 5 Torten, siebzig eingeschweißten weiteren Süßigkeiten, Brot und Gazpacho, Müsli und Joghurts gibt es dutzendweise, plattengewordene Wurstliebhaberträume. Und traumhaften Käse — in Olivenöl schwimmend.

Mittags finden wir ein Terrassenrestaurant, das tatsächlich mehrere, traditionelle Alpujarrasgerichte auf vegetarisch und/ oder vegan übersetzt hat. Unglaublich: wir haben die Wahl zwischen acht (!) verschiedenen Gerichten. Ein Wunder in einem Dorf, das für seinen Schinken berühmt ist.
Wir entscheiden uns für Fencheleintopf und ein unbeschreibliches Bohnengericht, in dem man auch baden wollte. So lecker ist das.

Nachmittags gibt’s Chocolate mit Churros. Die Schokolade so dick, dass der Löffel aufrecht in der Tasse stehen bleibt, die Churros so fettig, dass es von den Finger tropft.

Abends nehmen wir am Sozialleben der Bar teil. Die Touristen sind für heute weiter gezogen, die Alten des Dorfs haben ihre Plätze bezogen. Die Enkel des Wirts springen über das Kopfsteinpflaster mit schmuddeligen Hosen und haben ihre Freunde mitgebracht. Ein spanischer Harvey Keitel führt lebenswichtige Telefonate und übersieht dabei sträflich die rothaarige Schönheit an seinem Tisch, während der Schinken auf unsere Tapa unberührt vor sich hin verwest.
Mit steigendem Abend wird auch der Pegel immer lauter, beim zweitlautesten Völkchen der Welt, irgendwann ist der Hund unseres Tischnachbarns der einzige, der noch einen Überblick über die Gesamtsituation behalten kann.

Ein Fersenwellnesstag in Pampaneira. Unerwartet und gut.
So kann’s morgen weiter gehen.


Der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht…

Nachts zwischen Mäuschen geschlafen, ihr quieken direkt neben unseren Ohren: der Soundtrack eines Sonnenaufgangs über Hügeln, auf die wir unverbaubaren Zeltausblick haben. Dieses eines der besten Argumente fürs Zelten schlechthin:
Mitten drin in der Natur, ohne Schutzschild und in erster Reihe Weltaussicht.

Was vollkommen chillig und entspannt beginnt, soll in einem Tag enden, der den Ausspruch: „Der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht,“ erfunden haben könnte.

Wir starten um 10h, nach vielen Kaffees (endlich mal wieder mit Gaffeegochkas gekocht) und einem netten Plausch mit unseren Paderborner Campingnachbarn. Jedem, der im Mai in Andalusien gedenkt fernwandern zu gehen, dem soll gesagt sein: das ist eindeutig zu spät, wenn man über tausend Höhenmeter vor sich hat.

In Orgiva ist Halbmarathoneinmarsch. Wir kommen pünktlich zum ersten Zieleinlauf mit dem George Clooney der Alpujarras — möglicherweise der schnieke Bürgermeister von Orgiva!?
Wir hocken uns ins Café und lassen erstmal die anderen laufen: eine weitere Stunde Prokrastination unseres Weges. Eine weitere Stunde, in der es immer heißer wird.

Passend zur Hitze des Highnoons laufen wir los. Wohlwissend um die Höhenmeter, die vor uns liegen. Es gibt also nicht mal eine Entschuldigung: die Globetrottels trappeln sehenden Auges ins Verderben.

Bis ins erste Dorf— Soportuja— können wir den Weg noch als „sportlich“ abtun. Diesen angeblichen GR 7, den es nur noch auf den Karten zu geben scheint. Meist geht’s für uns über enge Trampelpfade, die zunehmend zuwachsen, weil kein Mensch hier mehr geht. Furten durch Bachläufe, die aus dem Berg herausdonnern, gerne an ungesicherten Hängen entlang und immer steil. Einmal müssen wir auf allen vieren klettern, um einen weiteren Höhenmeter nach oben zu kraxeln. Unter der brütenden Sonne Südspaniens. Nur letzteres nicht unerwartet.

Mit hoch rotem Kopf nach den ersten 10km rein nach Soportuja. Hier ists lustig. Im gesamten Dorf wird einem okkulten Hexenglauben gefrönt, den niemand so genau erklären kann. Zaubererfiguren an den Ecken, Hexen —als Graffiti, als Statue, als Malerei, als Puppen— überall. Ein Drachenbrunnen, dem Wasser aus dem Intimbereich sprudelt — man kann es sich nicht ausdenken.
Nach einer Cola kühlt unsere Farbe von kirschrot auf blassrosé runter. Wir sind motiviert und guter Dinge die fehlenden Kilometer in Angriff zu nehmen.
Es endet in einem Fiasko.

Das, was vor Soportuja noch als Trampelpfade zu identifizieren waren, löst sich nach dem Ort ganz langsam vollendest im Nichts auf:
Aus Feldweg wird erst Einfraupfad wird Trampelpfad, wird Einspurgang wird zunehmend zugewachsen, wird Weg komplett weg.

Unser Tagesziel in Sichtweite wollen wir eigentlich nicht aufgeben, irgendwann aber müssen wir. In dem Moment, da wir am Steilhang zur linken im Berg hängen, der Tritt noch knappe 30cm breit, vollkommen überwuchert von Gestrüpp, das den Abhang hinabdrängt. Und ein rechter Wanderstock, der plötzlich nur noch ins Leere stochert.
Ein sehr spannender Moment, wenn man plötzlich merkt: rechts unter den Blümchen kommt ja nix mehr. Hier gehts nur noch sehr viele Meter, plötzlich sehr steil bergab.
Im allerletzten Moment machen wir kehrt, uns am Gestrüpp zur Bergseite hin festhaltend, am ehesten am Hang taumelnd, viel Freude beim Umdrehen mit einem dicken Rucksack auf einer solchen Schneise.
GR7: offizieller, europäischer Fernwanderweg? Wann auch immer das mal war, 2024 ist es definitiv nicht mehr so.
Und was übrig blieb war nur noch ein blumengesäumter Suizidtrail. Und die ganze Zeit so angespannt, dass tatsächlich kein Foto geschossen wurde….

Nach einer halben Stunde Suche auf dem Berg nach einer alternativen Runde geben wir auf. Wir müssen zurück, runter zur engen Schnellstraße. Pampaneira vom Berg aus in Sicht: gäbe es den GR7, es wären nur noch drei Kilometer. Retour über die Schnellstraße werden es schließlich sechs sein. Eine sehr spannende Übung hinsichtlich der eigenen Frustrationstoleranz….

Vollkommen erschöpft und mit knallroten Köpfen erreichen wir nach 1100 Höhenmetern und knappen 20km insgesamt kurz vor sechs abends Pampaneira.
Die steilen Straßen mit Wasser inneMitte kann ich leider nicht mehr vorwärtsgehen, ich muss rückwärts die Gassen hoch. Alles egal, Hauptsache irgendwann da. Und diesen Tag: überlebt nennen.

Der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht.
Heute war es wirklich fast so weit.
Die Fersen meckern abends ernsthaft: Bürschchen, so geht’s nicht mehr lang!
Wir fallen in einen unruhigen Schlaf. Weil unsichtbare Hexen aus Soportuja an den Zehen ziehen ….


Technisch herausgefordert nach Orgiva mit Porcupineraupe

Das Hostal Manomete hat Wände aus Papier. Am Morgen können wir sagen, dass unser einziger Nachbar, der irgendwann noch einzog, dringend mal seinen Husten untersuchen lassen müsste. Und die Ohren — wegen der Lautstärke des TVs. Und den Kopf — wegen der Schlafstörung.
Da es kein Frühstück gibt, müssen wir nach einem kalten Espresso aus der Dose früher als erhofft raus. Kurz nach neun.

Einen ersten, warmen Kaffee gibt es aus dem Automaten Klippklapp am Straßenrand. Neben gutem Cappuccino für einen Euro führt der auch Crackpfeifen. Eine Wohltat, dass wir nur Koffein brauchen.

In Lanjarón ist die Zeit stehen geblieben. Nicht nur unser Hotel ist seit den 70ern vollkommen unverändert, auch die Wechselstube bietet noch immer an, D-Mark in Pesos zu tauschen.
Am Ende des Orts ein geöffnetes Café um kurz vor zehn., deren Preise sich seit 30 Jahren ebenso wenig verändert haben: Café con leche: 1,20€, belegtes Baguette 3€.
Eines aber ist sehr wohl anders also in den 90ern:
Am Nebentisch werden vier Transfrauen ohne ein Wimpernzucken bedient. In einem Dorf, dem man auf den ersten Blick Engstirnigkeit durchaus hätte zutrauen können. Weit fehl geschlagen, wie wunder-, wunderschön. Ein kleiner Moment, der mich noch lange vor dem Frühstück ein erstes Mal heute glücklich macht. Warum eigentlich nicht immer so!? Leben und leben lassen…

Heute wandern wir abseits der Feldwege, meist auf alten Viehtreiberpfaden. Das Mittelmeer meist in Sichtweite, unendlich weit weg. Am Wegesrand wachsen Oliven, Feigen, Aprikosen, Orangen, Zitronen und wilder Wein — bewässert von kleinen Gletscherflüsschen.
In einer alten Kapelle erloschene Kerzen retten: Pfadfinderehre und Mittagsschläfchen auf alten Terrassen in einer Wildblumenwiese. Dies ist es: ein Hauch vom Paradies— für alle unter uns, die gerne mal Romantiker*in geworden wären.

Der Abstieg nach Orgiva hingegen ist nichts für zartbeseelte Träumende. Emotional wenig berührt könnte man es: „technisch herausfordernd“ nennen, mit hysterionem Gesamtkostüm ist es eher eine „potenziell höllisch hochgefährliche Rutschpartie“. Für uns heute also beides: Chouchou an der Technik und ich im ganzen Rest vom Schützenfest.
Gott sei dank hebt eine Porcupineraupe auf dem Weg die Geister: so schaffen wir es
schlussendlich sogar ohne Sturz, wenn auch teils ungelenkt auf dem Hosenboden.
Der Weg ist der Weg, das Ziel ist das Ziel. Letzteres erreichen wir mit frischen Haxen. Womit ich natürlich niemals gerechnet hätte.

Orgiva.
„Hauptstadt“ der Alpujarras. Vor 8 Jahren waren wir schonmal mit dem Daily hier. An Heiligabend. Und sind schnellstens geflohen vor all dem „Hippie“-Elend, das leider so gar nicht „Hippie“ ist, sondern lediglich „nach dem Highlight verlottert“.
Im einzigen geöffneten Café des Orts zur Siestazeit trinken wir eine Cola. Als einzige — alle anderen Wilden (die komischerweise genauso aussehen wie wir) trinken Bier. Der Barkeeper bringt uns Brot mit Serrano: Sorry, essen wir nicht. Er dreht genervt die Augen: so was von Schnauze voll von Kiffern, irgendwelchen Alternativos und woken Vegetariern. „Dann esst wenigstens die Chips!“ bellt er, während der Schinken mit dem nächsten Windhauch über den Kirchplatz hinfort weht. Keine Metapher, es war wirklich so. Eine Geschichte vom traurig fliegenden Schinken, der gerne ein Schwein geblieben wäre.

Vor dem Supermarkt wird gebettelt. Früher mal englische Subkultur, heute mittags schon besoffen und restgestrandet in Orgiva.
Wir essen die Auslage mit den Augen: mal wieder lohnt es sich für uns nicht groß einzukaufen, weil wir nichts kochen können. Eines der größten Mankos auf diesem Weg, wenn nicht sogar das größte.
Ansonsten —und das fällt uns heute auf!— empfinden wir diese letzten Wochen als wirklich unerwartete Befreiung.
Nur das allernötigste dabei. Alles, was gebraucht wird, auf dem eigenen Rücken mit sich herumtragen zu können. Seltsam eigentlich, dass eigentlich nichts fehlt.
Eine ganz neue Freiheit. (Die aber auch wohl nur dann funktioniert, wenn man eine gedeckte Kreditkarte in der Tasche hat. Seien wir ehrlich.)

Nach über 700km zu Fuß ist heute endlich mal das Zelt dran. Auch, damit es sich gelohnt hat: 700km eine Hälfte des Gesamtgepäcks mitzuschleppen.
Wie sehr es sich hat — sagt jetzt die, die nicht schleppen musste!
Bereits beim Aufbau merken wir, dass wir mehr in unserem eigenen Element sind als jemals zuvor, in jeder dieser Herberge auf der Via Podiensis.

Tütenzelt aufstellen, Matten pusten, Chouchou hängt die Lebensmittel bärsicher in den Olivenbaum. Gelernt ist gelernt und alles mit unverbaubarem Bergblick.
Die WoMoCamper aus Holland und Paderborn haben ein bisschen was zu gucken und registrieren sehr wohl, dass wir um kurz vor sieben ein Dosenbier öffnen.
Drei heimatlose Stühle zwischen topausgestatteten Wohnmobilen: Entschuldigung. Brauchen Sie die noch oder können wir die haben?
Ein Paar in gemütlichen Campingsesseln nickt wohlwollend — damit ist unser Luxus perfekt.

Lecker essen im Campingrestaurant. Vegetarische Paella ist aus, aber es gibt vegane Burger. Die Barlady stellt uns nach der Bestellung überbackene Muscheln hin. Chuzpe hat sie: Gott sei dank. Denn die Muscheln schmecken traumhaft. Und der Burger auch.

Hauptstadt der Alpujarras, da sind wir:
Verlotterte Hippies, zu Fuß angekommen. Transfrauen können hier ungehindert morgens einen Kaffee bestellen und abends schläft der Dorfmechaniker am Tisch der Bar ein.
Vielleicht ist es kein Wunder, dass sich einstige Freigeister hier so wohl fühlten.
Wir —auf jeden Fall— sind sehr happy hier sein zu dürfen.


Löffelliste: Einmal durch die Dörfer der Alpujarras im Frühling, Etappe 1

Die Granadaiesens und die Granadias haben in der Nacht wieder gewütet. Entsprechend gerädert stehen wir um halb sieben auf: kein Auge tut man zu im Auge des Sturms des südspanischen Nachtlebens. Selbst, wenn man nicht feiert, sondern einfach nur drüber wohnt.

Kaffee am Busbahnhof muss Mut machen. Heute geht unser GR7 los: ein weiterer Meilenstein, ein weiterer Bucketlistmoment:
Einmal im Leben durch die Dörfer der Alpujarras im Frühling wandern.
Keine Ahnung, ob das für uns überhaupt machbar ist: lange nach dem Frühling, im heißen Staub und mit schrottigen Jakobswegfersen. Aber wir wollen es versuchen.

Mit dem Bus nach Niguëles.
Der Fahrer hat keinen Bock ins Zentrum zu fahren und schmeißt uns an der Landstraße raus. Verloren im Staub. So fangen wohl Abenteuer an.

Bereits nach einem Kilometer, im Zentrum von Niguëles, sind wir uns nicht mehr sicher, ob dieses Ding für uns überhaupt zu schaffen ist:
Die Sonne brennt um 11h bei 27 Grad gnadenlos herab und vor uns liegen 600 Höhenmeter.
Erstmal einen weiteren Kaffee im Dorf, um uns noch mehr Mut zu machen und einander ehrlich zu fragen, ob wir nicht zur Selbstüberschätzung neigen.

Der Kaffee ist stark. Der Kaffee ist gut.
Wir beratschlagen ernsthaft und entschließen uns, die ersten 500 Höhenmeter einfach in Angriff zu nehmen. Oben auf dem Gipfel entscheiden wir dann, ob diese Wanderung für uns machbar ist. Oder ob wir dann schon lange ausgedörrt auf irgendeinem Mandelhain vor uns hinvegetieren und auf Hilfe warten müssen.

Der Weg geht so fies bergan, wie die Karte es verraten hat. In gleisender Hitze.
Tatsächlich aber schaffen wir die ersten 500 Höhenmeter: schwitzend, mit roten Backen, aber noch mit restlicher Luft im Gepäck.
Die Entscheidung steht damit kurz vor dem ersten Gipfel fest: ab hier geht’s heute weiter voran und nicht mehr zurück.

19km laufen wir durch spanische Sonne. Kein Moment, in dem wir keine Schmetterlinge sehen. Wildes Gras neben Ginster und Aussicht. Endlose Mandelhaine und Blumen, die man ob der Wasserarmut gar nicht mehr trocknen müsste, um sie als immerwährende
Trockenblumen in den Handel zu bringen.

Alles sieht aus wie angelegt zu irgendwas oder irgendwo hin. Man mag kaum glauben, dass in dieser Gegend kein Landschaftsgärtner sein Händchen im Spiel hat: so perfekt steht Gestrüpp neben Wildblümchen neben zerzaustem Gras neben plüschigen Mandelbäumen.
Aus einem Hain entspringt eine Quelle — halbtote Füße im eiskalten Quellwasser: eine Wohltat ohne Worte. Auch wenn man‘s den Füßen nicht abnimmt, wenn man sie danach so anschaut.

Irgendwann taucht in der Ferne, tief im Tal, das ersehnte Lanjarón auf: erste Zieletappe unseres GR7. Nach nicht endenwollenden fünf Kilometern. Die längsten unseres Lebens. Bis ins Dorf, in dem die Zeit irgendwann stehen geblieben ist.

Unerwarteterweise schaffen wir es trotzdem in die City und gönnen uns erstmal ein Bier. Auf 19 Kilometer, auf 745 Höhenmeter hoch und 1020 Höhenmeter runter. Einen Großteil des Tages nicht klar, ob wir dieses Pensum jemals schaffen können.

Der knuffige Wirt im Hostal Manolete hat noch ein Zimmer für uns. Oder genau genommen: er hätte wohl noch alle Zimmer für uns, denn wir scheinen die einzigen Gäste seit sehr langem zu sein. 45€ für mitten inne City, Stierkämpfer an die Wand geklatscht, ein Etablissement, wie wir es uns täglich auf dem Jakobsweg gewünscht hätten.

Am Abend gibt es Pizza in der geschlossenen Markthalle. Das halbe Dorf ist da und macht keinen Schnickschnack. Auch das hätten wir uns so oft auf dem Jakobsweg gewünscht.
Beste Pizza seit Parry Sound, wir wälzen uns im Essen und sind glücklich.
Erster Tag auf dem GR7. Ein guter Start war das.


Granada, mi corazón

Einmal quer durch die Mitte Spaniens. Bis Granada sind es —von Madrid aus— viereinhalb Stunden Busfahrt. Alleine die ein kleines Abenteuer. Wie „Interrail, 25 Jahre zu spät“ — und nur Trampen (oder laufen) wäre günstiger.
Für 25€ fahren wir also in die Sierra Nevada. Meist vorbei an Olivenbäumen so weit das Auge reicht. Unglaublich, würde man das Alter aller zusammenzählen. Wenn Olivenbäume erzählen könnten…

Wir landen in einer der schönsten Städte der Welt passend zur Siestazeit. Beziehen ein lustiges Appartment mit eindeutig zu vielen Treppen. Noch immer lassen solche sich nicht schmerzfrei begehen. Vielleicht bleibt dieses Phänomen ab jetzt ja für immer!? Ein Jakobsweg-Abschied-Pieksen in den Fersen, immer wenn’s bergab geht. Archillissehnensouvenir. Ab jetzt treppab halt nur noch Stufe für Stufe mit beiden Füßen nebeneinander. Und immer schön schräg aufgesetzt, während die Schwalbem mitten im Zimmer brüten.

Die nächsten zwei Tage lassen wir uns einfach treiben. Leider ohne auszuschlafen, da vor unserer Tür eine Grossbaustelle jeden Morgen ab 7h tobt, dafür aber wohnen wir einigermaßen kostengünstig kurz vor der Alhambra.

Die Alhambra. Natürlich bekommen wir keine Tickets mehr. Diese sind für den nächsten Monat komplett ausgebucht. Ganz kostenlos aber ist der Blick auf eines der schönsten Bauwerke dieser Welt von der Altstadt aus. Den tun wir: tags und nachts. Weil man sich an den Alhambra nicht sattsehen kann.

Catedral de Granada.
Unser 184. heiliger Ort. Kostet natürlich auch Eintritt, es hat —im Gegensatz zum Maurenpalast— noch Tickets, die wir aus reiner Boniertheit wie eh und je natürlich nicht bezahlen. Stattdessen schieben wir uns mit massenweise anderen Touristen lieber durch die Altstadt und über den alten Basar.

Essen.
Wir futtern in diesen zweieinhalb Tagen wie die Scheunendrescher. Was bereits in Pamplona begann, führen wir hier knallhart weiter. Jeden Tag sitzen wir in einem anderen vegetarischen Restaurant und futtern uns durch die Tagesmenüs. Mal veganen Burger, mal Tikka Masala, mal Seitan auf Reis — ganz ohne Omlett.
Nebenbei gibt es Eis auf die Hand und gefrorenen Joghurt. Und wieder Eis und Empanadas auf der Hauptplaza und dann wieder Eis. Zu erwähnen, wie einfach es uns Touristen hier gemacht wird auch sprachlich. Weil jeder hier englisch spricht, falls man mit seinem rudimentären Spanisch nicht mehr weiter weiß.

Irgendjemand spielt spanische Gitarre, zwei Frauen tanzen Flamenco, irgendjemand klatscht rhythmisch. Andalusien, 27 Grad und Sonnenschein.

Trotz aller Stadtschwärmerei schaffen wir es heute trotzdem, uns in einem Bergabenteuer zu verlieren. „Mal eben die Alhambra vom anderen Gipfel aus beobachten“, auf der Karte sind tatsächlich Wege verzeichnet, also stiefeln wir am Morgen los.
Kraxeln höher und höher: irgendwann liegt uns die Alhambra zu Füßen. Entzückt, immer an den Wildblumen entlang denkt leider niemand daran, dass man von diesen steilen Wegen irgendwann auch wieder herunter muss…
Wir laufen den Kamm einmal in der größten Mittagshitze entlang —natürlich ohne Wasser— bis zur eingezeichneten Straße. Die gibt es tatsächlich: leider unterhalb eines 4 Meter-Steilhangs aus bröseligem Gestein, an dem wir ausgesetzt und fassungslos zum stehen kommen. 90 Grad Gefälle, Drop-off auf allen Seiten. Wie schön, dass ich zumindest in Situationen wie diesen merke, dass ich eigentlich Höhenangst habe.
Machen wir es kurz: mit viel Gefluche, Angst in den wackeligen Knien und gänzlich ohne Alternative (wir testen zwei weitere Trampelpfade, die ebenso an Drop-offs enden) schlittern wir nach eineinhalb Stunden erfolgloser Suche den gleichen Geröllhang wieder herunter, den wir initial so abenteuerlustig hochgelaufen sind ohne runter zu schauen.

Eine sehr gute Lektion für die nächsten Wanderungen in der Sierra Nevada, die ab morgen starten.
Merke 1) Hoch ist so viel leichter als runter. Nicht nur im normalen Leben, sondern vor allem an gerölligem Berg.
Merke 2) Wenn Du irgendwo hoch gehst, frage Dich vielleicht vorher mal, ob Du im Zweifelsfall diesen Weg auch wieder runter kämst.
Merke 3) Bevor Du hoch euphorisch in potentiell gefährliches Terrain vordringst, einfach mal überlegen, ob Du was zu trinken brauchen könntest. Bei 27 Grad kann der eine oder die andere schon mal durstig werden….

Am Abend sitzen wir auf unsere kleinen Dachterrasse. Die Schwalben fliegen tief um die Zypressen und veranstalten großen Rabatz, bevor sie sich unter unserem Dach irgendwann wieder schlafen legen werden.

Granada, Du wundervolle Perle. Mein Herz. Es gibt nicht viele schönere Orte als Dich auf dieser Welt.
Wie schön, dass wir endlich hier sein durften. Auch wenn der Flamenco —mit Jakobswegfersen— noch etwas warten muss.
spanische Gitarre faded leise aus


Boxenstopp Madrid

Der Busbahnhof Pamplomas liegt kurz vor dem Mittelpunkt der Erde. Hypermoderne Büsschen im Schwarzlicht, eigentlich fehlen nur noch basslastig, dunkle Technobeats. 25 Euro für eine rollende Party, weiter geht’s.

Fünfeinhalb Stunden sind es bis Madrid. Mit einem lustigen Schlenker nach Burgos, lange am Jakobsweg entlang durch grünes, hügeliges Land, streckenweise sehr einsam und endlose Weinreben.
Wir hatten vergessen, wie wunderschön das nördlich-zentrale Spanien doch ist. La Rioja. Armen Pilgern aus dem Busfenster zuwinken in der eigenen Laufpause.

Zwischenstopp Madrid. Die Frisur sitzt. DreiWetterTaft.
In unserem 18 Stunden-Halt müssen wir nicht allzu viel abklappern, in den Jahren 2008 bis 2010 wurde hier — in Spaniens Hauptstadt— mehr als genug herum geklappert.

Im Hotel México (2 Sterne Landeskategorie) kommen wir unweit des Bahnhofs unter. Prima Platz: aufs Wesentliche beschränkt. Keinen Kaffee zum Frühstück, dafür aber dicke Kissen und die Schöne und das Biest an der Wand.

Mehr als einen kleinen Spaziergang im Kiez gibt es heute nicht mehr zu tun, US-Gedenkfutter bei Taco Bell und eine heiße Badewanne.

Es ist unglaublich, dass die Knochen nach unserem Marsch noch immer weh tun. Zehen, die nachts so sehr ziehen, dass sie einen wecken können.
Eine Ferse, die bei jedem Kreisen laut kracht.
Ein Mittelfuss, der druckempfindlich wie eine Fontanelle bleibt.
Verkürzte Sehnen und Bänder in den Beinen, die sich aus reiner Frackigkeit nicht mehr dehnen wollen.
Messerstiche in den Knien — hier und da, wenn’s gerade langweilig wird.

Ganz gut zu wissen, dass wir noch ein paar Tage Pause machen, bevor die Fersen wieder Flamenco tanzen müssen.


Pamplona subjektiv

Natürlich ist jeder Ort der Welt —unter anderem— auch eine persönliche, ja: subjektive, Frage des eigenen Geschmacks.
Dementsprechend gilt auch hier nur ein „wenn man uns fragen würde“.

Wenn man uns also fragen würde, welcher Ort der Weltbeste sei, um einen Pilgerweg initial sacken zu lassen, ist es ganz eindeutig:
Solo Pamplona!
Ganz genau dort, wo wir sind. Zwei schillernde Tage mitten im Leben nach unserem entbehrungsreichen, französischen Jakobsweg.
Es ist Pamplona. Hier! Der beste Platz der Welt. Nach Jakobsweg und mitten drauf.

Am ersten Tag klappern wir nur kurz die leicht erreichbaren Sehenswürdigkeiten ab:
Erstens: Kathedrale. Unser 183. heiliger Ort. Kostet Eintritt, den sind wir nicht willig sind zu bezahlen. Keinen Krösus für den Heiligen Gral, auch hier —bei Leibe— nicht, dios mio.
Zweitens: Stierkampfarena. Gänzlich unheilig, bis heute.
Bevor wir uns empörend über die Stierhatz und das bis heute andauernde Töten in den Arenen äußern können (da gibt es keine Diskussion!), wenden wir uns lieber ganz schnell der Huldigung des Ernest Hemingways zu —größter Schreiberling der Welt, wir verneigen uns!
Vor Ihren kargen Sätzen, die alles Tiefsinnige beschreiben können. Ein auf Anblick lieb gewonnenes Zitat, das diesen Ort äußerst schön zusammenfasst, muss jetzt sein:

„Nach Pamplona sollten Sie nie mit Ihrer Frau fahren. Mit ziemlicher Sicherheit wird sie dort krank, verletzt oder verwundet werden, zumindest wird man sie anrempeln und mit Wein beschütten; oder aber Sie verlieren sie. Vielleicht auch alles auf einmal.“
Dann beginnt auch schon die Fiesta vor der Siesta.

Wir plumpsen in die große Party ohne eingeladen zu sein: eine erste Kapelle brettert ohrenbetäubend durch enge Gassen. Kurz nach zwölf, die ersten Biere gehen reihum: voll, nicht halbvoll. Versteht sich von selbst. Meine Schuhe schäumen.
Alte Herrschaften beginnen zu tanzen auf alten Kopfsteinpflastern, eine Menge, die laut auf baskisch singt. „Una caña mas?“ Warum eigentlich nicht. Für Fiesta vor Siesta. Aufs Sein. Auch so geht Leben ganz wunderbar. Vielleicht sogar besser als anders!?

Wir tanzen zwei Stunde der Kapelle hinterher. Dann klappt plötzlich jemand den Gehweg hoch: Zeit für Mittagsschlaf. Er geht bis 18h.

Um 20h wollen wir essen. Als einzige. Die große Essenscharge wird ab 22h aufgefahren, aber die nette Barlady ist so nett, bereits „kurz nach Mittag“ unseren Appetit zu besänftigen. Sogar auf Englisch: eine Wohltat nach sechs harten Wochen französischem „No entiendo nada.“
Wir bestellen sechs Essen. „Ok, that’s a LOT of food you ordered. I will bring you four servings and you will decide later, if you need more,“ meint die Barlady. Sie soll so recht behalten.

Mit offener Hose platzen wir aus der Bar. So gut gefüttert wie seit Wochen nicht. Die Uhr zeigt Mitternacht, noch ein Absacker bis zwei. Wir schlafen bis morgens um neun am nächsten Tag.

Sonntag in Pamplona.
Vor zwölf bewegt sich nicht ins diesen Gassen. Beim Bäcker geht mit jedem Brot eine Zeitung über die Theke. Wie zu Hemingways Zeiten. Frühstück bis kurz nach Mittag, dann ist Zeit für Siesta.

Gegen fünf krabbeln wir aus dem Appartment. Rundgang um die brachiale Stadtmauer, die so viele abhalten sollte. Nicht allen hat sie über die Jahrhunderte standgehalten.
Die Souvenirgeschäfte haben zu: wir bestaunen die baskischen „Barbies“ durchs Schaufenster. „Los Gigantes“, die zu Zeiten der Stierhatz überdimensional groß durch die Gassen getragen werden, hier in klein zu kaufen. Wie gerne hätte ich doch diesen Teufel im Rock: 25cm skurriles Plastik, für meine Kuriositätensammlung zu Hause.
Aber noch immer gilt leider: jedes Gramm zählt auf der weiteren Wanderung, die wieder auf uns wartet.
Der Teufel also muss warten. Hinter geschlossenen Läden. Und er wartet gerne. Weil er weiß, dass seine Zeit noch kommen wird.

Wieder dauert es bis neun, bis andere Menschen aus den Häusern krabbeln. Am Sonntag sind es deutlich weniger als am Samstag. Schade eigentlich.
Wir feiern also im kleineren Kreis.
Heute mit einem augenscheinlich schizophrenen Herrn, der sich an unseren Tisch gesellt und äußerst lautstark mal mit uns, mal mit anderen, die nur er sieht, lamentiert.
Fernando wirkt einigermaßen erstaunt, dass wir so gar nicht erstaunt wirken über ihn. Das scheint ganz gut zu tun: dass zwei andere endlich mal seinen Diskussionen einfach nur lauschen, die er mit denen führt, die sonst keiner sieht. In der Lautstärke eines startenden Düsenjets lobt er erst meine Schönheit (wenig gepflegte Hände streichen über ein wenig gepflegtes Gesicht) und stellt dann fest, dass Chouchou aber deutlich interessanter sei. Natürlich, Fernando. Deshalb hab ich ihn ja geheiratet und nicht mich selbst geehelicht.
Fernando lacht – er weiß ganz genau, was ich damit meine und beginnt begeistert Beethovens Neunte über den Platz zu gröhlen. Du wundersame Welt, in der jeder seinen Platz hat. Eine große, verrückte Familie.

Natürlich verlieren wir uns im alternativsten, pro-baskischen Viertel. Natürlich sitzen wir den großen Regen mit Pamplonas verloren Seelen in einem Klipp-Klapp-Unterstand aus. Und lassen einen Aufkleber da. Ein Hauch zu Hause.

Pamplona, Du Wilde und Schöne und Lebenslustige.
Solltest Du irgendwann den Irrsinn lassen, fühlende Tiere durch deine Straßen zu treiben und sie danach abzumeucheln unter dem Deckmäntelchen der „Kultur“, wärst Du zweifelsohne sehr weit oben auf unserer Liste der „Städte in denen wir leben wollte“.
Just vor zwei Tagen hat die spanische Regierung den mit 30000€ dotierten Stierkampfpreis abgeschafft, um eine „Form der Tierquälerei“ nicht mehr zu belohnen.
Die Richtung stimmt also. Persönlich und ganz subjektiv.
Wenn dies irgendwann der Fall sein sollte, werden wir gemeinsam mit Fernando Beethoven anstimmen: An die Freude!
Am besten einmal über den ganzen Platz gegrölt…


Das Pilgern, das Leben und der ganze Rest

Im strahlenden Sonnenschein setzen wir erste Füße auf Asphalt: den letzten auf diesem Pilgermarsch. Heute also wirklich…

Bis St Jean Pied de Port sind es 4 Kilometer. Immer vorbei an den typischen, baskischen Bauernhäusern mit rostroten Fensterläden. Die letzten vier Kilometer. Heute also wirklich…ein bisschen komisch ist es schon, dass es heute —also wirklich— vorbei sein soll.

Sagenumwobenes St Jean Pied de Port.
Um 11h herrscht noch Ruhe vor dem Sturm. Vor der Pilgerinfo drängeln sich nur wenige: alle mit sauberen Schuhen. Wir sind gefühlt die einzigen, die hier nicht anfangen, sondern aufhören. Alle Herbergen —wie angekündigt— wirklich bumsvoll.
Die Dame in der Pilgerinfo drückt uns den letzten Stempel in den Pass. Tatsächlich ist er —bis auf zwei Kästchen— voll.
Unser „Tampon pelerin“-Tagebuch Via Podiensis.
Ein bisschen schade ist es schon, dass diese Wortkombination nun aus meiner Welt auf immer verschwinden wird: „tampon pelerin“ = Pilgerstempel. Jedes Mal ein Fest, nach einem solchen fragen zu dürfen.

Es ist seltsam durch diesen Ort zu wandeln: Beendend, nicht beginnend. Für unseren Pilgerweg passend. Ein Weg, auf dem die Vergänglichkeit ein sehr großes Thema gewesen ist. Vielseitig. Zeit für Kerzchen.

An der Touristeninfo treffen wir die Österreicher wieder, verloren rumwuselnd. Die Rädelsführerin hat alles geplant: sechs Menschen, sechs Monate im Voraus. Dass der Pass nach Spanien zur Zeit kaum begehbar ist, hat sie dummerweise nicht einkalkuliert. Wie kommt Österreich nun nach Spanien? Zeit unserer Pfadfinderehre nachzukommen und den Übersetzer zu mimen, um für morgen ein österreichisches Taxi zu organisieren. Gar nicht mal zu einfach, weil die Bagage nicht genau weiß wann wie wo und wer. Aber wir schaffen es. Leiwand.

Der Bus nach Pamplona geht einigermaßen pünktlich. In Serpentinen den Pass hoch, zarte Mägen, die von Bonnies träumen.
In Roncesvalles suchen verlorene Pilgerseelen nach einer 20BettHerberge, wir rollen mit der besten Busfahrerin der Pyrenäen fußschonend an ihnen vorüber.

In Pamplona ausgespuckt zu werden kommt einem kleinen Schock gleich: größte Stadt seit Bonn — wirkt nach sechs Wochen zu Fuß durch hyperländliches Südwestfrankreich aber wesentlich größer. Wie der Nabel der Welt, der gleich aus einer Siesta erwachen wird. Vor Schreck mal wieder was verloren von den wenigen Dingen, die wir dabei haben. Heute: meine Fleecejacke.

Zur Feier des Tages: „die Globetrottels feiern sich selbst für 666km plus 11 zu Fuß“ gönnen wir uns ein Appartment mittenmang inne City. Vom kleinen Balkon könnten wir allen Pilgern nun applaudieren. Könnten. Heute sind wir allerdings noch zu müde dafür.
Es reicht für einen kleinen Einkauf und einen Berg von Wäsche in einer echten Waschmaschine— dann gehen erstmal die Tassen hoch.

666km plus 11.
Das also war den Globetrottels ihren Jakobsweg 2024. Die Via Podiensis einmal durchlaufen. Im Dauerregen und Sonnenschein. Im Gewitter und Wind.
Von Zelt bis 11BettZimmer.
Von unerahnten Gesprächen und unerwarteten Schicksalen am Wegesrand.
Von hundert Fragen zu 1001 Antworten. Und wieder einer Frage.
Von Pontius nach Pilatus. Auf Stöcken oder Hand in Hand.
Durch Äcker, über Wiesen, durch Matsch, über Berge, durch vergessene Örtchen und Dörfern, die —nach Tagen Einsamkeit— wie Weltstädte wirkten.
Von plötzlichen Freudenausbrüchen, über einige Tränen, Schmerzen und der Unfassbarkeit, dass ein kleiner Körper jeden Morgen wieder aufsteht, um weiter zu laufen.
Manchmal jenseits aller Zeit, manchmal mittendrin am Puls des Lebens, fast immer: jetzt.

Dies ist eines der größten Abenteuer gewesen, die wir je erlebt haben. Unerwartet. Fordernd. Zerrend.
Ein weiteres Abenteuer, das wir erlebt haben. Das wir ab nun immer „haben“ werden. Im Herzen, im Kopf, auf der Agenda.
Gemeinsam geschafft, zusammen gewuppt.
Ein Weg, der stärker macht. Auch durchs Schwäche mal zulassen.
Via Podiensis. Der französische Jakobsweg.
Danke, dass es Dich gibt.
Danke, dass wir auf Dir leben durften.
Danke, dass Du uns nun auch eine Pause von Dir gönnst.
What a life, what a ride.
Ultreia.


Das Unmögliche nicht ausschließen

Die Mädels bei uns im Zimmer haben wohl nicht allzu gut geschlafen. Wohl weil einer des nachts laut geschnarcht hat: ich.
Mit roten Augen beginnen sie den Tag, meine Nacht hingegen war einigermaßen erholsam. Desolé Mädels. Es war wirklich nicht extra. Mit Scham bin ich schnell aus dem Bett, auf dem Weg nach unten in die Küche.

Dort wuselt bereits die Rädelsführerin der sechs Österreicher, die am Abend noch die gesamte Bude unterhalten haben.
Bester Eisbrecher am Abend: mein Einwand, dass ich mal einen Liebhaber in Salzburg hatte. Fanden alle super, is eh kloar.

Die Rädelsführerin ist bestens ausgeschlafen und bereit für den nächsten Wandertag. Sie hat den Pilgermarsch für alle sechs vorbereitet. Vor sechs Monaten bereits alles gebucht.
Jetzt gießt sie mit Schmackes sechs Kaffee in sechs Tassen. Obwohl außer ihr und mir noch keiner da ist. Die Kanne ist leer, bevor der Tag überhaupt angefangen hat. Also setze ich erstmal einen weiteren Kaffee auf.

Im Nieselregen geht’s weiter. Chouchou freut sich: „Letzter Pilgertag“. Nee, nicht ganz. Es sind tatsächlich noch zwei, aber ein Ende ist absehbar.

Wegen des Dauerregens steht ein Großteil des Wegs lecker unter Wasser. Hier heißt es mal wieder: Matschwaten vom Feinsten. Das beste Equipment wären —statt Wanderschuhen— wohl Langlaufskier. Die Stöcke hätten wir ja schon.
In den nächsten Stündchen treffen wir mehrere Leute, die sich langgelegt haben. Ein Wunder, dass es uns noch nicht passiert ist. Ein Wunder, dass Chouchous Mütze trotzdem so eingesaut ist, als hätte er versucht, mit dem Kopf zu kegeln.

Gegen späten Vormittag hört der Regen auf. Sonne und Wolken über einem Heidi-Szenario, auch die Häuschen sehen mittlerweile immer almartiger aus.
Im nächsten Dorf kommen wir zeitlich passend zum Schafauftrieb. Große Liebe für diese tollen, braven Tierchen.
Mehrere Rotmilane versuchen Feldmäuse aus den Löchern zu pfeifen, Kühe auf Bergweiden. In einer unserer Pausen lege ich mir einen Fliegenzirkus zu und dressiere ihn in kürzester Zeit zum erfolgreichsten FliegenHürdenflugZirkus der Welt.
Dann sind wir auch schon da:
St Jean Le vieux, 4km vor dem sagenumwobenen St Jean Pied de Port, dem Ende der Via Podiensis.

Wir checken in das letzte Etablissement ein, das noch ein Zimmer frei hatte: das Hotel Mendy. Hierhinter ist seit Monaten bereits alles ausgebucht. Der Run auf den Jakobsweg funktioniert bei den allermeisten spontan nicht mehr. Oder nicht mehr spontan. Stichwort: Halbpension mit Frühbucherrabatt. Wir haben uns nach 666km plus 7 noch immer nicht daran gewöhnt.

Im Hotel Mendy hat auch die Rädelsführerin gebucht. Drei Zimmer, sechs Leute, vor sechs Monaten. Fröhlich winkend nehmen sie uns in der Bar in Empfang:
Jo mei, ihr auch hier!? Ohne Reservierung?
Jo mei. So schauts wohl aus.
Ge super is des. Leiwand.
So is es wohl.

Dies wird also der letzte Abend auf unserem Jakobsweg sein. Bis ans Ende der Via Podiensis.
Viele Gedanken haben wir uns zu diesem Weg gemacht. Darüber und darauf. Viele davon sind sind noch lange gesackt, geschweige denn verarbeitet.

Ob dieser Weg nun etwas Magisches hat?
Wer weiß es schon?
Wen auch immer ich auf dieser Etappe gefragt habe: er oder sie war sich stets sicher. Ich bin es bis heute nicht und muss es auch nie sein.

Manchmal reicht es vielleicht, sich an den Möglichkeiten und Zeichen zu erfreuen.
Heute Abend gab es einen ewigen Regenbogen: 30 Minuten in allen Farben — manchmal zu zweit, manchmal alleine.
Manchmal reicht es vielleicht, sein Herzchen offen zu halten und das Unmögliche zumindest nicht auszuschließen. Weich zu bleiben, berührbar und empfänglich.
Möglicherweise ist sie auch das: diese wahre Magie!?
Wer weiß es schon?

Klagen…man man auch lassen

Zwischen den Fliegen macht Steeve ein prima Frühstück. Theirry ist leider noch kränker als vorher: er muss heute ein Taxi nehmen. Fast wäre man versucht zu sagen: Der Glückliche. Denn den gesamten Tag ist Dauerregen angesagt. Zu 100%!

Irgendwann quälen wir uns vor die Tür.
Noch vollkommen überzeugt, dass man dem Wetter mit dem richtigen „Mindset“ entgegen treten kann.
Tatsächlich passt das für drei Stunden, spätestens dann aber knickt man als mental Ungeübtes ein.
Wir klappen geistig bereits nach eineinhalb Stunden weg.

Angeblich ist dies die schönste Etappe seit Aubrac. Wegen des Ponchos sehen wir kaum etwas. Nach zwei Stunden ist wirklich alles nass. Trotz Gamaschen, trotz Regenjacke und -Hose unter dem Regenponcho.

Stundenlang laufen wir in nassen Socken in nassen Schuhen. Eine gute Übung im „nicht bewerten“: denn nass ist erstmal nur nass.
Unsere mentalen Fähigkeiten diesbezüglich reichen aber leider nur 10km. Danach muss gesagt werden: es ist doof. Richtig doof…vor allem, da man auch nirgendwo trocken rasten kann.

Bis zum ersten Unterstand werden es 14km. Unterwegs ein Super-Regenwurm von einem Meter. Wenn man ihn ziehen würde, käme er womöglich auf zwei — wir lassen es sein. Zu beschäftigt damit, uns selbst zu bemitleiden…

Die Herberge in Ostabat fast wie eine Fatamorgana: rettender Hafen. Scheiß auf Vierbettzimmer. Hauptsache man kann sich irgendwie trocken legen.

Lani und Sabrina in Stockbett neben uns. Wir tropfen pitschnass ein, ich habe deutlich mehr Mitleid mit ihnen als mit uns. Sie sind jung und kräftig und bereit für Abenteuer. Wir sind alt und nass und vollkommen ausgelaugt. Verlorene Träume tropfen auf schmierigen Linoleumboden: Sorry, to have us here with you tonight.

Wir schwören uns tief: dies wird unsere allerletzte Nacht im Vierbettzimmer sein. Auch, um andere zu schützen.
Selbst wenn wir irgendwann in den Knast kämen: ein Hohelied auf Intimität hinter schwedischen Gardinen. Dort gibt es Zweibettzimmer.

Dieser Weg fordert alles. Auch wenn man öfter drauf kommen könnte, dass es eigentlich nix ist.
Weil dies alles noch immer „selbst ausgesucht“ bleibt. Eine selbstgewählte Erfahrung.
Warum also klagen? Wenn die Schuhe abends über dem Ofen trocken brutzeln?
Warum also klagen? Wenn der eigene Körper noch immer von A nach B trägen?
Selbst nur mit ein bisschen Murren.
Warum also klagen?
Auch wenn es zwischen durch mal ganz gut tut.
…ändert es ganz und gar nix.
Eigentlich könnte man es damit auch lassen…
Wieder eine Erkenntnis.


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