Das Hostal Manomete hat Wände aus Papier. Am Morgen können wir sagen, dass unser einziger Nachbar, der irgendwann noch einzog, dringend mal seinen Husten untersuchen lassen müsste. Und die Ohren — wegen der Lautstärke des TVs. Und den Kopf — wegen der Schlafstörung.
Da es kein Frühstück gibt, müssen wir nach einem kalten Espresso aus der Dose früher als erhofft raus. Kurz nach neun.

Einen ersten, warmen Kaffee gibt es aus dem Automaten Klippklapp am Straßenrand. Neben gutem Cappuccino für einen Euro führt der auch Crackpfeifen. Eine Wohltat, dass wir nur Koffein brauchen.

In Lanjarón ist die Zeit stehen geblieben. Nicht nur unser Hotel ist seit den 70ern vollkommen unverändert, auch die Wechselstube bietet noch immer an, D-Mark in Pesos zu tauschen.
Am Ende des Orts ein geöffnetes Café um kurz vor zehn., deren Preise sich seit 30 Jahren ebenso wenig verändert haben: Café con leche: 1,20€, belegtes Baguette 3€.
Eines aber ist sehr wohl anders also in den 90ern:
Am Nebentisch werden vier Transfrauen ohne ein Wimpernzucken bedient. In einem Dorf, dem man auf den ersten Blick Engstirnigkeit durchaus hätte zutrauen können. Weit fehl geschlagen, wie wunder-, wunderschön. Ein kleiner Moment, der mich noch lange vor dem Frühstück ein erstes Mal heute glücklich macht. Warum eigentlich nicht immer so!? Leben und leben lassen…

Heute wandern wir abseits der Feldwege, meist auf alten Viehtreiberpfaden. Das Mittelmeer meist in Sichtweite, unendlich weit weg. Am Wegesrand wachsen Oliven, Feigen, Aprikosen, Orangen, Zitronen und wilder Wein — bewässert von kleinen Gletscherflüsschen.
In einer alten Kapelle erloschene Kerzen retten: Pfadfinderehre und Mittagsschläfchen auf alten Terrassen in einer Wildblumenwiese. Dies ist es: ein Hauch vom Paradies— für alle unter uns, die gerne mal Romantiker*in geworden wären.

Der Abstieg nach Orgiva hingegen ist nichts für zartbeseelte Träumende. Emotional wenig berührt könnte man es: „technisch herausfordernd“ nennen, mit hysterionem Gesamtkostüm ist es eher eine „potenziell höllisch hochgefährliche Rutschpartie“. Für uns heute also beides: Chouchou an der Technik und ich im ganzen Rest vom Schützenfest.
Gott sei dank hebt eine Porcupineraupe auf dem Weg die Geister: so schaffen wir es
schlussendlich sogar ohne Sturz, wenn auch teils ungelenkt auf dem Hosenboden.
Der Weg ist der Weg, das Ziel ist das Ziel. Letzteres erreichen wir mit frischen Haxen. Womit ich natürlich niemals gerechnet hätte.

Orgiva.
„Hauptstadt“ der Alpujarras. Vor 8 Jahren waren wir schonmal mit dem Daily hier. An Heiligabend. Und sind schnellstens geflohen vor all dem „Hippie“-Elend, das leider so gar nicht „Hippie“ ist, sondern lediglich „nach dem Highlight verlottert“.
Im einzigen geöffneten Café des Orts zur Siestazeit trinken wir eine Cola. Als einzige — alle anderen Wilden (die komischerweise genauso aussehen wie wir) trinken Bier. Der Barkeeper bringt uns Brot mit Serrano: Sorry, essen wir nicht. Er dreht genervt die Augen: so was von Schnauze voll von Kiffern, irgendwelchen Alternativos und woken Vegetariern. „Dann esst wenigstens die Chips!“ bellt er, während der Schinken mit dem nächsten Windhauch über den Kirchplatz hinfort weht. Keine Metapher, es war wirklich so. Eine Geschichte vom traurig fliegenden Schinken, der gerne ein Schwein geblieben wäre.

Vor dem Supermarkt wird gebettelt. Früher mal englische Subkultur, heute mittags schon besoffen und restgestrandet in Orgiva.
Wir essen die Auslage mit den Augen: mal wieder lohnt es sich für uns nicht groß einzukaufen, weil wir nichts kochen können. Eines der größten Mankos auf diesem Weg, wenn nicht sogar das größte.
Ansonsten —und das fällt uns heute auf!— empfinden wir diese letzten Wochen als wirklich unerwartete Befreiung.
Nur das allernötigste dabei. Alles, was gebraucht wird, auf dem eigenen Rücken mit sich herumtragen zu können. Seltsam eigentlich, dass eigentlich nichts fehlt.
Eine ganz neue Freiheit. (Die aber auch wohl nur dann funktioniert, wenn man eine gedeckte Kreditkarte in der Tasche hat. Seien wir ehrlich.)

Nach über 700km zu Fuß ist heute endlich mal das Zelt dran. Auch, damit es sich gelohnt hat: 700km eine Hälfte des Gesamtgepäcks mitzuschleppen.
Wie sehr es sich hat — sagt jetzt die, die nicht schleppen musste!
Bereits beim Aufbau merken wir, dass wir mehr in unserem eigenen Element sind als jemals zuvor, in jeder dieser Herberge auf der Via Podiensis.

Tütenzelt aufstellen, Matten pusten, Chouchou hängt die Lebensmittel bärsicher in den Olivenbaum. Gelernt ist gelernt und alles mit unverbaubarem Bergblick.
Die WoMoCamper aus Holland und Paderborn haben ein bisschen was zu gucken und registrieren sehr wohl, dass wir um kurz vor sieben ein Dosenbier öffnen.
Drei heimatlose Stühle zwischen topausgestatteten Wohnmobilen: Entschuldigung. Brauchen Sie die noch oder können wir die haben?
Ein Paar in gemütlichen Campingsesseln nickt wohlwollend — damit ist unser Luxus perfekt.

Lecker essen im Campingrestaurant. Vegetarische Paella ist aus, aber es gibt vegane Burger. Die Barlady stellt uns nach der Bestellung überbackene Muscheln hin. Chuzpe hat sie: Gott sei dank. Denn die Muscheln schmecken traumhaft. Und der Burger auch.

Hauptstadt der Alpujarras, da sind wir:
Verlotterte Hippies, zu Fuß angekommen. Transfrauen können hier ungehindert morgens einen Kaffee bestellen und abends schläft der Dorfmechaniker am Tisch der Bar ein.
Vielleicht ist es kein Wunder, dass sich einstige Freigeister hier so wohl fühlten.
Wir —auf jeden Fall— sind sehr happy hier sein zu dürfen.