Natürlich ist jeder Ort der Welt —unter anderem— auch eine persönliche, ja: subjektive, Frage des eigenen Geschmacks.
Dementsprechend gilt auch hier nur ein „wenn man uns fragen würde“.

Wenn man uns also fragen würde, welcher Ort der Weltbeste sei, um einen Pilgerweg initial sacken zu lassen, ist es ganz eindeutig:
Solo Pamplona!
Ganz genau dort, wo wir sind. Zwei schillernde Tage mitten im Leben nach unserem entbehrungsreichen, französischen Jakobsweg.
Es ist Pamplona. Hier! Der beste Platz der Welt. Nach Jakobsweg und mitten drauf.

Am ersten Tag klappern wir nur kurz die leicht erreichbaren Sehenswürdigkeiten ab:
Erstens: Kathedrale. Unser 183. heiliger Ort. Kostet Eintritt, den sind wir nicht willig sind zu bezahlen. Keinen Krösus für den Heiligen Gral, auch hier —bei Leibe— nicht, dios mio.
Zweitens: Stierkampfarena. Gänzlich unheilig, bis heute.
Bevor wir uns empörend über die Stierhatz und das bis heute andauernde Töten in den Arenen äußern können (da gibt es keine Diskussion!), wenden wir uns lieber ganz schnell der Huldigung des Ernest Hemingways zu —größter Schreiberling der Welt, wir verneigen uns!
Vor Ihren kargen Sätzen, die alles Tiefsinnige beschreiben können. Ein auf Anblick lieb gewonnenes Zitat, das diesen Ort äußerst schön zusammenfasst, muss jetzt sein:

„Nach Pamplona sollten Sie nie mit Ihrer Frau fahren. Mit ziemlicher Sicherheit wird sie dort krank, verletzt oder verwundet werden, zumindest wird man sie anrempeln und mit Wein beschütten; oder aber Sie verlieren sie. Vielleicht auch alles auf einmal.“
Dann beginnt auch schon die Fiesta vor der Siesta.

Wir plumpsen in die große Party ohne eingeladen zu sein: eine erste Kapelle brettert ohrenbetäubend durch enge Gassen. Kurz nach zwölf, die ersten Biere gehen reihum: voll, nicht halbvoll. Versteht sich von selbst. Meine Schuhe schäumen.
Alte Herrschaften beginnen zu tanzen auf alten Kopfsteinpflastern, eine Menge, die laut auf baskisch singt. „Una caña mas?“ Warum eigentlich nicht. Für Fiesta vor Siesta. Aufs Sein. Auch so geht Leben ganz wunderbar. Vielleicht sogar besser als anders!?

Wir tanzen zwei Stunde der Kapelle hinterher. Dann klappt plötzlich jemand den Gehweg hoch: Zeit für Mittagsschlaf. Er geht bis 18h.

Um 20h wollen wir essen. Als einzige. Die große Essenscharge wird ab 22h aufgefahren, aber die nette Barlady ist so nett, bereits „kurz nach Mittag“ unseren Appetit zu besänftigen. Sogar auf Englisch: eine Wohltat nach sechs harten Wochen französischem „No entiendo nada.“
Wir bestellen sechs Essen. „Ok, that’s a LOT of food you ordered. I will bring you four servings and you will decide later, if you need more,“ meint die Barlady. Sie soll so recht behalten.

Mit offener Hose platzen wir aus der Bar. So gut gefüttert wie seit Wochen nicht. Die Uhr zeigt Mitternacht, noch ein Absacker bis zwei. Wir schlafen bis morgens um neun am nächsten Tag.

Sonntag in Pamplona.
Vor zwölf bewegt sich nicht ins diesen Gassen. Beim Bäcker geht mit jedem Brot eine Zeitung über die Theke. Wie zu Hemingways Zeiten. Frühstück bis kurz nach Mittag, dann ist Zeit für Siesta.

Gegen fünf krabbeln wir aus dem Appartment. Rundgang um die brachiale Stadtmauer, die so viele abhalten sollte. Nicht allen hat sie über die Jahrhunderte standgehalten.
Die Souvenirgeschäfte haben zu: wir bestaunen die baskischen „Barbies“ durchs Schaufenster. „Los Gigantes“, die zu Zeiten der Stierhatz überdimensional groß durch die Gassen getragen werden, hier in klein zu kaufen. Wie gerne hätte ich doch diesen Teufel im Rock: 25cm skurriles Plastik, für meine Kuriositätensammlung zu Hause.
Aber noch immer gilt leider: jedes Gramm zählt auf der weiteren Wanderung, die wieder auf uns wartet.
Der Teufel also muss warten. Hinter geschlossenen Läden. Und er wartet gerne. Weil er weiß, dass seine Zeit noch kommen wird.

Wieder dauert es bis neun, bis andere Menschen aus den Häusern krabbeln. Am Sonntag sind es deutlich weniger als am Samstag. Schade eigentlich.
Wir feiern also im kleineren Kreis.
Heute mit einem augenscheinlich schizophrenen Herrn, der sich an unseren Tisch gesellt und äußerst lautstark mal mit uns, mal mit anderen, die nur er sieht, lamentiert.
Fernando wirkt einigermaßen erstaunt, dass wir so gar nicht erstaunt wirken über ihn. Das scheint ganz gut zu tun: dass zwei andere endlich mal seinen Diskussionen einfach nur lauschen, die er mit denen führt, die sonst keiner sieht. In der Lautstärke eines startenden Düsenjets lobt er erst meine Schönheit (wenig gepflegte Hände streichen über ein wenig gepflegtes Gesicht) und stellt dann fest, dass Chouchou aber deutlich interessanter sei. Natürlich, Fernando. Deshalb hab ich ihn ja geheiratet und nicht mich selbst geehelicht.
Fernando lacht – er weiß ganz genau, was ich damit meine und beginnt begeistert Beethovens Neunte über den Platz zu gröhlen. Du wundersame Welt, in der jeder seinen Platz hat. Eine große, verrückte Familie.

Natürlich verlieren wir uns im alternativsten, pro-baskischen Viertel. Natürlich sitzen wir den großen Regen mit Pamplonas verloren Seelen in einem Klipp-Klapp-Unterstand aus. Und lassen einen Aufkleber da. Ein Hauch zu Hause.

Pamplona, Du Wilde und Schöne und Lebenslustige.
Solltest Du irgendwann den Irrsinn lassen, fühlende Tiere durch deine Straßen zu treiben und sie danach abzumeucheln unter dem Deckmäntelchen der „Kultur“, wärst Du zweifelsohne sehr weit oben auf unserer Liste der „Städte in denen wir leben wollte“.
Just vor zwei Tagen hat die spanische Regierung den mit 30000€ dotierten Stierkampfpreis abgeschafft, um eine „Form der Tierquälerei“ nicht mehr zu belohnen.
Die Richtung stimmt also. Persönlich und ganz subjektiv.
Wenn dies irgendwann der Fall sein sollte, werden wir gemeinsam mit Fernando Beethoven anstimmen: An die Freude!
Am besten einmal über den ganzen Platz gegrölt…