Die Globetrottels

Unterwegs im Magicbus

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Von Wikingern, dualen Wellen und sehr viel buntem Blau

Unseren Public viewing-Spot fanden wir gestern tatsächlich noch: am anderen Ende des Hafens, drum herum um einen bunten Street food-Markt, von dem wir gar nicht ahnten, dass es ihn gibt. Welch ein Reiseführerversäumnis.
Der Markt ist pickepackevoll mit Menschen in roten Trikots. Neben zahlreichen Studentenmützen, trägt der fussballaffine Däne heute Häubchen mit rotweißen Hörnern – „vikinger fodbold“ 2024, dazu gibt’s lauwarmes Bier aus Plastikbechern.

Das Spiel gestaltet sich mäßig spannend und die Dänen sind so groß, dass man von der Leinwand kaum etwas sieht auf Grund zahlreicher Hünenrücken. Nach der ersten Halbzeit rücken wir ab – 0:0– und erfahren später, dass auch die zweite kein verändertes Ergebnis ergab. Stimmung eingeschnappt und sonst nix verpasst: wir haben´s gut abgepasst.
Nächste Spiel: Dänemark gegen Deutschland. Da werden wir allerdings schon über alle Berge sein…

Den ersten Kaffee am Morgen gibt’s an der Hafenkante. Außer zwei älteren Herren kommt niemand an der einsamen Bank vorbei. „Go morn,“ brummeln sie; ein verschlucktes „God morgen“. Wie herzig kann eine Sprache sein, die wie eine Mischung aus betrunkenem holländisch, faulem englisch und übermüdetem Deutsch klingt!? Mein neues Lieblingswort lautet übrigens: „gammeldags“, ich werde es in Zukunft in meinen Wortschatz einbauen: „Dein Vintage, Liebling, ist mein gammeldags“.

Wir verlassen den Aalborger Hafen mit Erwartungen. Nur sechs Kilometer weiter wartet unser größtes, geplantes Dänemark-Highlight. Mit entsprechend euphorischer Vorfreude und lautem Tuckern wackeln wir um Punkt zehn Uhr an: in Lindholm Hoje.

Das Erste, was wir hören sind blökende Schafe, die sogleich den Hügel hinunter in unsere Richtung traben als wir parken – mit springenden Lämmchen im Schlepptau. Eigentlich reicht das bereits, um diesen Ort zum höchstpersönlichen Favoriten zu erklären. Und wir sind noch lange nicht die Anhöhe hochgekraxelt…

Lindholm Hoje ist Dänemarks größtes Gräberfeld. Vor der Christianisierung wurden an diesem Ort Steine für die Verstorbenen gesetzt –in Form von Ovalen (für die Frauen), in Form von Schiffen (für die Männer). Die Wikinger glaubten, dass die Toten nach ihrem Ableben ins geheime Thule reisen würden: ein mystisches Land im äußersten Norden, jenseits der bekannten Welt, tief im ewigen Eis, nur mit Booten zu erreichen. Daher die Schiffsetzungen.

Dieser Ort berührt uns sehr. Vielleicht weil er etwas Archaisches und gleichzeitig sehr zartes hat. Zauber in den alten Baumen am Hügelrand, ein mystischer Hafen, aus dem man ins Ungewisse aufbricht. Ein perfekter, heiliger Ort; unser 185.

Ins Museum wollen wir eigentlich gar nicht rein. Im Wikingershop aber geraten wir an eine blonde Hünin, die so tief eingetaucht ist in die Sagen des Nordens, dass diese dringend wieder raus wollen. Mit unserer Frage nach der Bedeutung der Schlange auf einem Armreif zieht sie uns in die Ausstellungshallen hinein: einmal durch Midgard im lebendigen Sprudeln, während derweil die Götter in Asgard chillen.
Ein viertelstündiger, ungeplanter Ritt durch die nordische Sagenwelt. Natürlich kaufen wir den Armreif. Und Thors Hammer gleich dazu.

Die Sonne steht noch hoch an einem strahlend blauen Mittagshimmel, der Tag ist noch jung, also geht es weiter nach Skagen.

Durch die Dünen sind wir flotten Reifens am nördlichsten Punkt des dänischen Festlands: Grenen.
Neben Kopenhagen ist dies –will man dem Andrang glauben—sicherlich der meist besuchte Ort des Wikingerstaats. Hier, wo an der sandigen Spitze Nord- und Ostsee aufeinandertreffen.
Und ich will sagen: er ist es zurecht.

Während Menschen, die nicht mehr so gut zu Fuß sind, zu Hauf mit dem Traktor an die Landzunge karrt werden, schleichen wir uns durch weißen Pudersand an. Über die Ostseeseite, kobaltblau.
Am Hotspot heißt es „hinten anstellen“, das tun wir brav, indem wir uns erstmal in den warmen Sand setzen. Hinten ansetzen, also – mit Blick auf Nord- und Ostsee gleichermaßen. Ein guter Ort zu warten.

Als der Traktor wieder ablegt, lichten sich die Reihen und wir tapsen mit den Füßen in die dualen Wellen. Chouchou in die Nordsee und ich in die Ostsee – Hand in Hand, zu jedem Sprung bereit.

Eine wunderbar verrückte Welt, wenn man von zwei Seiten den gleichen Punkt ansurfen kann. Und genau in der Mitte: eine Mischwelle.

An der Nordsee spazieren wir barfuß zurück: azurblau. Über ihr sind die Möwen zu Hause, während im Osten die Quallen schwimmen.
Endloses blau in blau im höchsten Norden Dänemarks: kobalt, azur, marine, türkis, indigo, lapislazuli. Und oben drüber der Himmel – natürlich in himmelblau.

Auf dem Rückweg verliere ich in den Dünen meinen Schuh, er flüchtet vollkommen unbemerkt aus der Tasche. Wohl ein Seesüchtiger, es sei ihm vergönnt: die endlose Freiheit im Norden und nie mehr getreten werden in diesem Schuhleben.
Im Sand ist sein Abschied nicht allzu dramatisch für mich, auf dem folgenden Kies aber vermisse ich ihn bereits sehr.
Machs gut, oller Birkenstock. Wir beiden sind weit miteinander gegangen…

Am Abend parken wir am Hafen von Frederikshavn ein.

Erste Reihe an der Ostsee, kobaltblau.

Nach einem Tag, den Dänemark nicht schöner hätte malen können. Für niemanden.
Eine Perfektion in kobalt und azur, in marine und türkis, indigo und lapislazuli.
Vor allem aber in bunt.

Menschenfreundliches Aalborg

Geschmeidig kommen wir um 10h los, die Altstadt Ribes winkt uns von weitem „farwel“. 270km weiter gen Norden durch sonnig-grünes Hügelland mit Herzkirsche bis Aalborg.

Am Yachthafen parken wir für die Nacht ein, einen Steinwurf von der Stadt entfernt. Strom können wir für 3 Euro zapfen –ein gänzlich undänischer Preis—problemlos: sehr dänisch. Nur an den Toilettentüren zappeln wir uns doof, also müssen wir uns durchs Hafenviertel fragen. Nach zwanzig Minuten kennen wir die Hälfte der Skipper und wissen zumindest, wie wir in die Toiletten 300 Meter weiter mit einem Code gelangen. Schiff ahoi, jetzt können wir die Stadt besuchen.

Stadtbeschreibungen sind langweilig, daher nur so viel:
Aalborg ist aufregend unaufgeregt und menschenfreundlich. Der Blick aufs Wasser für Wohnungen, statt Startup-Unternehmung, an der Hafenpromenade ist das Kopfsteinpflaster für Menschen mit Rollstuhl, Kinder-, Bollerwagen oder Rollator begradigt. Die Innenstadt ist weitestgehend autofrei: der Verkehr wird großzügig um den Ortskern herumgelenkt.

Menschen flanieren zur besten Arbeitszeit gemütlich im Sonnenschein oder sitzen in den Cafés, ein freier Platz schwer zu finden. Die Aalborger*innen sind ein buntes Völkchen, herrlich heterogen. Was aber vereint sind die roten Trikots fürs heutige Dänemarkspiel und die Studentenhüte der Schulabgängerinnen, die sich eine Woche lang für ihren Erfolg öffentlich feiern lassen. Zu Recht.

Kleine Boote dümpeln auf dem Wasser, die Brücken heben sich gemächlich jede halbe Stunde zur Durchfahrt der größeren Schiffe.

Ein Kreuzfahrtschiff liegt gegenüber des Utzon-Centers: letztes Projekt des Architektens Jorn Utzon, der auch die Oper von Sydney entwarf. Schönheit vs Gigantomanie.

Wir tippeln den gesamten Nachmittag durch die Stadt, schlecken Eis und schauen den Möwen hinterher. Sommer in Aalborg und wir sind mittendrin.
Jetzt müssen wir nur noch eine Bar auftreiben, die um neun Public-viewing veranstaltet…

Ein dänischer Moschusochse kommt nach Hause

Am Morgen wird um uns herum jongliert, geturnt und Einrad gefahren. Der Jugendzirkus ist schon lange wach oder noch immer, wer weiß es genau!? Wenn einem Keulen beim ersten Kaffee um die Ohren fliegen weiß man: es ist Zeit weiter zu fahren. Ab gen Dänemark.

Die erste Grenze unserer Reise passieren wir noch vor Mittag, der Zollbeamte weist uns anhand einer explodierenden Handbewegung darauf hin, dass ab nun Tagfahrlicht gilt, ein entgegen knatternder Bulli winkt fröhlich. Velkommen til Danmark – bei den glücklichsten Menschen der Welt!

Unser erster Anlaufpunkt im Land der unendlichen Hyggelichkeit ist Ribe: älteste Stadt des Landes mit ebenso ältester Domkirche und einem Kopfsteinpflaster, das seit 1100 Jahren unverändert zu Füßen der Ribenenser*innen liegt.

Ansgar von Bremen, der angebliche „Apostel des Nordens“, gründete 860 hier die erste Domkirche Skandinaviens – den heutigen Dom. Und was für einer…

Mittendrin im kirchlichen Mittelalter Ribes, zwischen Heiligenbildchen und Taufbecken, prangern trollartige Fresken, Glasfenster und Mosaike. Hier hat ein Träumer gewerkelt: Bunte, nordische Koboldträume in die Apsis gezaubert.

In die pittoresken, alten Gassen haben sich mittlerweile hippe Café und hyggelige Designläden gemogelt. Bunt verzierte Türen starren still auf einen kleinen Hafen, der vom Meer nur noch träumt, in der Gracht schaukeln Touristenbötchen, ein zauseliger Hund bellt Passanten hinterher.

Ribe riecht süß. Nach Waffeln und Softeis, der Odor des Meeres ist gänzlich abgeweht, hinweg über einen leidenschaftlich bimmelnden Kirchturm, der von einem Jediritter bewacht wird.

Wir finden Gabeln in einem schicken Haushaltsladen. Gut, da wir unsere aus unerfindlichen Gründen nicht eingepackt haben. Daneben winkt ein bunter Teeladen, auch in den müssen wir rein. Weil Ribe unbekannte Sehnsüchte weckt. Nach Besteck und Tee und einem Moschusochsen aus Plüsch…

Wir hätten uns das 10-minütige Zögern vor dem bunten Regal sparen können. Genauso wie das fünfminütige Streicheln und Halten, genauso wie den erneuten „Ich denk nochmal drüber nach-Gang“ um den Block. Es war von Anfang an klar, dass die Liebe siegen würden.

Am 24. Juni 2024 um kurz vor drei wächst das Globetrottels-Team um ein weiteres, sehr wichtiges Mitglied: Velkommen i familien, Brutus! Es ist schön, dass Du ab nun mit uns mitreist, knuffeligster Moschusochse von Welt, ein Globetrottel der zweiten Minute…

Da wir Brutus an seinem ersten Tag bei uns nicht allzu sehr schocken wollen, entscheiden wir uns für die Nacht gegen den asphaltierten Parkplatz vor den Toren der Stadt. Einen Kilometer weiter gibt es einen Fischteich mit Rasen, an dem ein Moschusochse artgerecht grasen kann. Die Entscheidung also fällt nicht schwer: Alles für Brutus! Auf zum Tümpelchen.

Die nette Dame an der Rezeption hat noch ein „Quick stop“-Plätzchen für uns direkt am Wasser.

Unverbaubarer Teichblick im Sonnenschein. Am Rande stehen maulfaule Alte und halten Angeln ins trübe Wasser. Eine Möwe fliegt vorbei, um mit einem untoten Fisch zu kämpfen: vergeblich. Das Schuppentier geht mit 1:0 aus der Begegnung hervor, kopfüber.
Beste Nudeln blubbern und könnten nicht besser schmecken als mit grobem Parmesan und gerösteten Pinienkernen. Ein zerknitterter Däne springt in den Magicbus, um das Geheimnis der Schlafkoje zu lüften. Alle Angler gehen leer aus.
Und am Rande der Szenerei steht still ein plüschiger Moschusochse, der zum zweiten oder dritten Mal das frische, grüne Gras kaut. Langsam und genüsslich. Er hat die Ruhe weg. Er weiß, dass er endlich dort angekommen ist, wo er immer hin gehörte: zu Hause.

An der Schlei … bin ich schon mal gewesen

Mit vollem Herzen haben wir gestern Hamburg verlassen.
Unterwegs gen Norden, ohne genaueren Plan. Es war eher ein Zufall, dass uns der Campingplatz an der Schlei über den Bildschirm hoppelte. Die Schlei?! In meiner Erinnerung bin ich dort noch nie gewesen…

Bereits kurz hinter Hamburg wird es deutlicher leerer. Blauer Himmel, weites Grün, altes Land.

Intuitiv hätte es uns eigentlich zum ersten Sortieren des Bullis (und unser selbst) an die Nordseeküste gezogen – weil Nordsee bekanntes Terrain, weil Husum geheime Lieblingsstadt ist, weil Wattenmeer wegen Schlamm und Wind etwas globetrottelig passendes hat.
Irgendetwas aber schlug die andere Richtung vor. An die Ostsee. Ans angeblich einzige Fjord Deutschlands. Unter einen Erdbeermond an der Schlei. Schlei!? Bin ich noch nie gewesen…

Der Campingplatz Wees liegt in Missunde, einem kleinen Dorf mit hutzeligen Reeddachhäusern, wilden Blumen und Schafen in den Vorgärten, einem Hünengrab und einer Fähre nach Brodersby.

Broders- bitte was? Brodersby?! Das kann doch nicht sein!?
Und plötzlich klappt eine Erinnerungskaskade im Kopf auf.

Das kleine Bauerndorf Brodersby –nahe bei Schleswig, weit weg von allem anderen—ist für mich Schauplatz unvergesslicher Kindheitserinnerungen gewesen. Die schönsten Bauernhofgeschichten, die ich live erleben durfte; Erinnerungen, die bis heute jeder meiner Hofphantasien ein Gerüst geben, ein inneres Bild.

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte der alte Hof der Familie Greve. Mama Frauke –viel eleganter, als man sich jemals eine Bauersfrau malen würde– bewarb sich in den 80ern bei Dieter-Thomas Hecks „Die Pyramide“. Sie wurde genommen und durfte spielen –gemeinsam mit der Stimme von Alf—gegen meinen Papa, der mit Schwester Elke aus der Schwarzwaldklinik antrat. Frauke gewann die Show und wir als Familie gewannen neue Freunde. Freunde im Norden, die auf einem alten Bauernhof lebten.

Bis heute rieche ich das frische Heu. Ich kann die Wärme der Eier in der Hand fühlen, die wir aus dem Hühnerstall klauten. Noch immer höre ich das Maunzen der kleinen Katzen im Ohr, die wir aus der alten Scheune retteten. Das pieksende Stroh unter nackten Füßen, der feuchtnasse Geruch des Schmutzfangs am Hintereingang, der Geschmack des „falschen Hasens“ im knorrigen Esszimmer, das Schnaufen der Bullen in der Scheune.
Es ist klar, wie wir diesen Tag gestalten…

Unser Weg führt uns zu Fuß mitten in die Vergangenheit. Wir nehmen die Fähre über die Schlei, Brodersby begrüßt uns mit einem kleinen Leuchtturm. Vorbei an Reeddachhäusern, über eine tiefgrüne Landstraße, an der Mitfahrbank weiter geradeaus über die welligen Felder.

Es sind 5km zu Fuß und über 35 Jahre zurück, um herauszufinden: Den Hof gibt es noch immer. Verkauft und saniert. Im alten Bullenstall befinden sich heute moderne Ferienwohnungen, der Heuboden aber atmet noch die gleiche Luft aus wie vor beinahe vier Jahrzehnten. Und auch ich habe mich kaum verändert – sagt mein Herz und läuft über.

Frauke können wir heute leider nur noch auf dem alten Brodersbyer Friedhof besuchen. Eine alte Dame führt uns zu ihr.

Danke, liebe Frauke, für diese wunderschönen Erinnerungen. Es war eine so schöne Zeit, damals. Vielleicht spielst Du mittlerweile ja wieder gegen Papa im Himmel … und dann lacht ihr beide wie verrückt, weil´s im Endeffekt ja immer ein Spielen mit- und niemals gegeneinander ist. Auch das ein schöner Gedanke. Ihr zwei zusammen dort oben, während wir anderen hier unten noch die Stellung halten.

Nach dem Friedhof gibt es für uns nur noch ganz viel Leben: in der Sonne über die Felder, die Schlei wirft windige Wellen. Ein Rhabarbarkuchen selbst gemacht mit Stangen aus dem Garten des „Geeler Kroogs“ mit ordentlich Sahne, danach Fischbrötchen, die hier natürlich als „vegan“ getaggt werden. Nur das Hünengrab am Rande von Missunde erzählt noch von gestern: ein vorvorgestern, das knappe 4000 Jahre alt ist. Das macht nicht mehr melancholisch, weil viel zu viel Auferstehungen zwischendrin passierten.

Zurück auf dem Campingplatz haben „Kuschelcamper“ neben uns eingeparkt. So nah, dass wir nicht mal mehr den Kofferraum öffnen können, auf einer leeren Wiese, die so groß wie ein Fußballfeld ist. Menschenherz – wie unterschiedlich kannst du sein.

Danach kommen die Zirkuskinder: ungefähr fünfzig an der Zahl. Wir wechseln den Ort, ohne uns bewegt zu haben: von der besinnlichen Schlei mitten hinein in ein wildes Jugendzeltlager.

Dank Telekomflatrate zur EM können wir das heutige Em-Spiel im Magicbus streamen. Wir freuen uns für die Schweizer Underdogs und die deutsche Mannschaft gleichzeitig und staunen darüber, dass für manche beim Sport der Spaß schmerzlich aufhört.

Ach Menschenherz – wie unterschiedlich kannst du sein.
Ein Sammelsurium aus Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen.
Und ich rieche den Heuboden der 80er.
Brodersby – hier bin ich schonmal gewesen…

Was in der Zwischenzeit geschah…

Aus der höchsten Ortschaft des spanischen Festlands geht es für uns fußfreundlich mit dem Bus zurück: einmal retour durch die weißen Dörfer der Alpujarras, einmal im Schnelldurchlauf unsere gesamte Wanderschaft zurück.Abschiedstage in Capileira: einen letzten Hauch der südlichen Sierra Nevada im Herzen einatmend, bevor schlussendlich das azurblaue Meer nach uns ruft.

In Salobrena beziehen wir für eine Woche das höchstgelegenste Appartment der ganzen Stadt: 207 Stufen hoch, dafür mit einem grandiosen Ausblick über die ehemaligen Zuckerrohrfelder, die Bausünden der Costa del Sol fast außerhalb unserer Sichtweite. Kompensatorisch wird dafür direkt vor unserer Haustür gebaut. Die Treppe muss lautstark erneuert werden, harte Jungs schuften bei 27 Grad im Schatten, die Wände atmen tropische Feuchtigkeit aus. Und genauso riecht es.
Als eine der wenigen im azurblauen Meer baden, der Strand ist nur vorsaisonsbelegt. Chouchou holt Wassereis und hält einen Zeh ins Wasser. 90er Jahre Strandliegen und Aperol unter Palmen.

Den Vogel aber schießt schlussendlich unser nächster Halt ab: Torremolinos.
Auf der Suche nach einem flughafennahen Stopp finden wir die zahlreichsten Unterkünfte in diesem Dorf, das uns bis dato noch kein Begriff ist. Torremolinos. Erst bei Anreise lernen wir, dass wir mitten in der Bettenburg-Touri-Metropole der Costa del Sol landen: Der Strand zugepflastert mit grauen Hochhäusern, in den Kiosken wird 1€-Schröddel feilgeboten. In den 80ern gab es ein Computerspiel, dass sich „Terrormolinos“ nannte. Ziel: die Stadt so bald als möglich zu verlassen.
Terrormolinos: „wish you where here … instead of me.“

Trotz allem kommt alles natürlich gut. Weil die Globetrottels sonst nicht die Globetrottels wären. Unser Appartment ist eine unschlagbare „crème de la crème“, die Gastgeber charmant bis zum get-no. Wir kommen pünktlich zur Pride-week: Torremolinos bebt unter der Feierfreude der gay-community und wir stürzen uns mittenmang. Anfeuern beim Highheels-Wettlauf, schwule Hunde-Wettbewerb, Parade und Travestieparty am Abend. Ich verliebe mich in ein schwules Einhorn, die Welt ist gut zu uns.

Flug nach Basel, Zug nach Zürich zur best durchgeyogasten Frau von Welt: mein MukiSpuki. Ein erstes Nachhause-kommen. Weil Spuki immer zu Hause ist. Egal wo.

Weiter geht’s nach Basel zu Pia und Werner. Ein weiterer Besuch, der so überfällig war. Und genauso schön wie immer wird.

Der Zug in Richtung Bonn: eine Dauerwerbeveranstaltung für Autofahren, Fliegen, Radeln, Laufen und Paddeln. In Offenburg verweigert der Zugführer die Weiterfahrt, so lange nicht Menschen aus dem gnadenlos überfüllten Abteil wieder ausstiegen. Eine Klasse Kinder quetscht sich unter die Sitze, alle Menschen über 20 starren stoisch vor sich hin. Stillstand – so lange bis den ersten nach 45 Minuten die Puste ausgeht und der Viehtransport doch wieder ruckelnd anfährt. Der Herr hinter mir hustet Bröckchen, wer nun zur Toilette muss hat auf ewig verloren.

Bonn. Viele wichtige Menschen müssen nach drei Monaten dringend gedrückt und geknuffelt werden. Mama hat Geburtstag, wir machen Wellness für drei zusammen mit Tante Edi. Die Rosensauna gehört für diesen Tag nur uns und einem verlorenen Eishockeyspieler. Lecker Essen für sechs, Gesichtsmasken und Prosecco. Der Hase läuft, merkste wat?

Ich verbringe eine letzte Nacht in Aalten.

Bärbel hat die letzten Monate bestens auf unseren Magicbus aufgepasst. Strahlend nehmen wir ihn in Eitorf wieder entgegen. Chouchou hat meine Wellnessabwesenheit genutzt und derweil mal wieder die perfekte Organisation unseres letzten, großen Trips auf dieser langen Reise in die Hand genommen: Skandinavien, wir können kommen. Mit einem aufblasbaren, neuen Tussiboot, das jeglichen Platz wegnimmt, die Taschen fliegen erstmal im Innenraum rum, als es endlich wieder losgeht. Rudi steigt wieder mit ein und auch TF 23 hat nun monatelang geduldig gewartet, dass es endlich wieder weiter geht. Nur Sir Hilly wird von Chouchou aus dem Team gewählt. Armes, untotes Einhorn.

Im Kickstart geht’s nach Bremen: mit einem wunderschönen und spontanen Familientreffen am Abend.

In Hamburg krabbeln wir für eine Nacht bei Claire unter und erleben das Klavierkonzert eines aufstrebenden Genies.

Mit einem Herzen –vollbeladen mit Liebe—können wir uns nun ein letztes Mal loseisen: von Zuhause raus in die Welt. Mittendrin in Europas letztes, echte Wildnis.
Wir könnten nicht bereiter sein.

Es geht.

Eins muss man sagen: dick eingemummelt im Zelt lässt es sich angeblich ganz gut schlafen. Chouchou hat am Morgen die höchste „Body Battery“ seit Monaten: mit angeblichen 97% starten wir in unsere letzte Etappe: einmal durch die Alpujarrasdörfer zu Fuß.
Ob es wirklich an der Zeltnacht liegt? Oder an den herzzerreißenden Rufen der Zwergohreule um Mitternacht? Oder am Espresso, den uns unsere Garmischer Nachbarn Michael und Nicole servieren — aus lauter Mitleid mit den Globetrottels in ihrem ärmlich wirkenden Plastikzelt. Eines des teuersten am Markt. Das verraten wir in dem Moment natürlich nicht, sondern sind einfach still und kaffeedankbar.

Wie immer spät, aber vermeintlich fit geht’s das allerletzte Mal nun also los: geplante 15km bis Trevelez, der höchsten Siedlung des spanischen Festlands.
Die ersten Kilometer —adieu Pitres, zum dritten Mal— bis Pórtugos gehen locker vom Fuß. Vorbei an einem Aussichtspunkt für Riesen. Wohnzimmer gigantus mitten in den Bohnen.

Die Bäckerei in Pórtugos hat am Sonntag geöffnet, wir decken uns mit Keksen ein und frühstücken am Dorfbrunnen. Gestern hat’s hier eine große Fiesta gegeben: die spanischen Flaggen an den Häusern, die vergessene Schale Rotwein am Kirchplatz, eine zurückgelassene Faust schwingen am Rande des Dorfes noch ihre Tanzbeine aus. Dieses Dorf wirkt, als sei es von der Tourismusbehörde willentlich vergessen worden, um den Einheimischen eine letzten Zufluchtsort in der südlichen Sierra Nevada zu lassen, in dem sie sich unbescholten zurückziehen können. Fern ab der fersenlahmen Touristen.

Hinter dem Dorf geht es nun stundenlang bergauf: hoch hoch hoch, immer an Wilddornen entlang, die die Beine kratzen, dauerbegleitet von Insekten, die pausenlos auf Mund und Ohren zielen. Wahrlich nicht schön, da ändert auch der Ausblick nix.
Ab Kilometer fünf treten dann auch noch meine Fersen in Generalstreik.
Letzter Wandertag in den Alpujarras: wir räumen heute noch einmal komplett ab.
Eine letzte Wanderung, die eine Zusammenfassung der „hardest of“ wird. Ein Endspurt, der es in sich hat.

Heute ist nochmal alles mit dabei: Drop-offs, ein verschütteter GR7, eine Straße, die sich in ein abwärtskullerndes Geröllfeld verabschiedet. Traumweg inmitten von Ginster, kleine Wasserfälle, Kuhweiden.
Die letzten acht Kilometer kann ich über die Fersen nicht mehr abrollen, unseren höchsten Punkt der gesamten Wanderschaft erreichen wir also per Plattfuß. 1817 Meter über null, die Baumgrenze in Sicht, die eigene schon lange aus dem Blickfeld verloren.

Nach 15km kommt endlich das rettende Trevelez in Sicht: 200 Höhenmeter unter uns im Tal, in das wir über ein belebtes Bachbett schliddern.

Maria schließt uns ein uraltes Hutzelhäuschen auf: 200 Jahre alt, Gott sei dank am obersten Ende des Dorfs: im barrio alto. Frisch gestrichen — riecht man leider, aber der Rest ist heimlig.

Hier also endet unsere Alpujarrasdörfchenrunde.
Nach 86,2 Kilometern, 5653 Höhenmetern und neun Dörfern. Wie passend!
Weil nicht nur die Planung, sondern auch der Geist und vor allem das Gerüst aus tiefstem Herzen heute sagen:
Nun sind wir wirklich genug gewandert.
So lange zu Fuß unterwegs gewesen, wie es uns möglich ist.

Hier, in Trevelez — letztes geplantes Örtchen unserer Wanderschaft, spüren wir: wie können einfach nicht mehr.
Wir wollen auch nicht mehr.
Ein ganz wesentlicher Punkt auf der Bucketlist: wir haben ihn bis zum bitteren Ende ausgewandert. Bis zum Showdown.

Nun ist Zeit, die Füße für etwas länger als nur 24 Stunden mal hoch zu legen. Und vor allem: stolz auf dieses Gerüst zu sein, das —uns ziemlich auf den Tag genau— nun zwei Monate durch die Welt getragen hat.
Einmal über den französischen Jakobsweg, einmal durch die Alpujarras.
Ein Chapeau also auf vier Füße, vier Fersen, vier Knie, zwei Becken, zwei Rücken, zwei Herzen und (vor allem) zwei Köpfe.

Die bleiben tatsächlich der wichtigste Motor für so eine Laufgeschichte mit Gepäck: „weitergehen auch wenn’s nicht mehr geht“.
Es geht. Eine sehr wichtige Erfahrung.


Pitres. Best of: 2013/2016/2024

Unterwegs nach Pitres. Unterwegs in Geschichten der Vergangenheit.

Auf einer ersten Liebesreise sind wir vor elf Jahren hier gewesen: bei Herrn Ludet in einem Appartement oberhalb des Dorfs.
Damals waren wir erstmal hinfort geblasen: von den Ausblicken, von den Wildblumenwiesen. Wir haben ein Feuer gemacht, während die ganze Welt schon wusste, dass wir das Traumpaar des Jahrhunderts sind. Wir aber waren noch gefangen in Wildblumenträumen und haben es noch nicht gemerkt.

Das zweite Mal waren wir vor acht Jahren hier. Am Ende einer bombastischen Hochzeitsreise. Aus Nepal zurück kommend mit dem größten Haufen an Schrottkarre, die die Welt je gesehen hatte. Weihnachten alleine auf dem Campingplatz, mit uns war nur noch Rudi da: der coolste Wildhund der Erde. Und wir waren sicher, dass das Unglück der Welt uns niemals erreichen würde.

Heute laufen wir zu Fuß ein. Von Capileira kommend, eher schaukelnd. Es ist ein wunderschönes Wiedersehen. Auch wenn Rudi nicht mehr zu finden ist. Er hat hoffentlich noch traumhaftere Gefilde gefunden, um sein bestes Hundeleben zu leben. Immerhin streunt sein Bruder noch durch den Tante Emma Laden.

Diesmal bleiben wir zwei Nächte. In unserem Plastikzelt, in sternenklaren Nächten, die eiskalt sind, unter einem Himmel, der noch immer Unglück verneinen wollte. Wir möchten es ihm auch diesmal glauben. Wider aller Erfahrungen und Zeitungsberichte.

Der Ort ist noch immer zaubersüss. Einen Tag ist Markt, am anderen wird ständefrei gelebt. Jemand spielt Livemusik, Tapas für jeden. Am zweiten Abend weiß der Wirt, dass wir kein Fleisch essen und die Dame im Café serviert uns „Bocadillos como ayer“. Als wären wir nie weg gewesen.

Pitres. Zum dritten Mal. Deswegen gibt es am Abend ein Abschiedsbierchen. Vielleicht weil man gehen sollte, wenn’s am schönsten ist. Weil aller guten Dinge eben drei sind.

Eines aber bleibt gewiss: Pitres, dieser unscheinbare, weiße Ort —mitten in den Alpujarras— hat sich tief in unser Herz geschlichen. Quasi: hingeliebt.

Ein Ort, der an so vielen Orten sein könnte. Hineingeliebt. Wird dieser Teil des Herzen nie mehr sterben.
Pitres. Ein weiterer Schicksalsort in einer Herzensammlung, die nur noch größer werden kann.


Tage wie diese…

Ein Tagebuchtext so kurz, dass man ihn sich eigentlich sparen könnte.
Einer dieser Tage, an dem wenig berichtenswertes passiert.
Einer von diesen Tagen, die überlebenswichtig sind — solange man nicht allzu zu viele derer aneinander reiht.

Nach einem Abend mit Kaminfeuer und Badewanne wurde erst lustig geträumt und dann ausgeschlafen.
Nach einem Frühstück treten wir erneut den Weg zur andalusischen Bergwacht im Dorf an. Um herauszufinden, ob es für uns irgendeinen Möglichkeit gibt, auf den höchsten Berg ums Eck zu steigen: den Mulhacén.
Eine Eskalation: persönlich vorstellig werden!, nachdem weiterhin niemand auf unsere email antwortete, nachdem sich alle drei existierenden Telefonnummern entweder als „kein Anschluss“ entpuppten oder aber einfach niemand dran ging. Selbstschweigend ohne AB.

Trotz angeschlagener Öffnungszeiten erreichen wir: niemanden. Ein weiteres Mal unserer kläglichen Versuche.
Vielleicht ist das auch ein Zeichen!? Egal, wie beleidigt wird sind:
Mulhacén ist möglicherweise nix für fusslahme Globetrottels mit ausgelatschten Schuhen in einem Mai, der noch mit Schnee auf den Gipfeln aufwartet. Die Berggötter haben es eingerichtet: kein Anschluss unter dieser Nummer.
Schade. Sehr schade ist das, wenn auch ggf vernünftig. Eine Geschichte zerrütteter Gipfelsturmträume.

Den Rest des Tages verbringen wir auf der Terrasse, lesend in der Sonne. Nur ein einziges Mal passiert etwas erwähnenswertes:
Ein Kastenwagen mit Megaphon drückt sich durch die engen Gassen und bietet „junge Kartoffeln und süße Melonen“ feil. Hochbegeistert an der Balkonreling stehend, sind wir leider nicht schnell genug, unser Kleingeld zusammen zu sammeln und flott nach unten zu rennen.
Als wir endlich soweit sind, biegt das lärmende Mobil schon wieder um die nächste Ecke. Wir bleiben heute also nicht nur gipfel-, sondern auch melonenlos.

Es gibt nur wenig schöneres, als ein gutes Buch zu finden, darin versinken zu können und die Zeit zu haben, es in einem Schwung durchzulesen zu dürfen. Genauso wie ein Blick auf zerklüftete Berge, wie dauerhaft milde Sonne auf dem Kopf, wie „just be“. Chouchou macht irgendwann ein Mittagsschläfchen und dann ist auch schon wieder Zeit, ein Feuerchen zu entzünden.

Einer von diesen Tagen, die auch mal überlebenswichtig sind. Zumindest, solange man nicht allzu zu viele derer aneinander reiht…

Wir brauchen hier einen Torero!

Ein Spaziergang durch den Garten Eden. Mit allen Schikanen, die dazu gehören.

Nachdem wir lecker ausgeschlafen haben, gibt es für uns heute nur ein kleines Fussprogramm.
Einmal die Schlucht hoch — bis zum verlassenen E-Werk — und wieder runter. 8,9km und 426 Höhenmeter ohne Gepäck. Ein Genussspaziergang, immer den Mulhacén in Sichtweite, den höchsten Berg des spanischen Festlands.

Mulhacén. Das ist der Berg, von dem wir seit ein paar Tagen träumen. Wir träumen, in den nächsten Tagen ein einziges mal dort hoch zu kommen. 3479 Meter über Null. Wie toll das wäre! Aber auch machbar? Nur mit Jakobswegequipment? Hier ist es sinnvoll, ein paar Expert*innen mit ins Boot zu holen.

Leider hat sich auf unsere Emailanfrage an die andalusische Bergwacht bezüglich der momentanen Machbarkeit bisher niemand gemeldet. Deren Büro im Dorf hat lediglich von Donnerstag bis Sonntag geöffnet. Da müssen wir morgen früh also dringend hin. Wegen der Träume und so, in abgelatschten Schuhen und so. Das aber ist erst morgen.
Zurück also zu heute.

Diese Wege machen Freude, diese Wege machen Spaß. Den Wegesrand in den letzten Tag zu Hauf beschrieben, bekommt man von Wildblumen trotzdem nie genug. Wieder Wildblümchenwiesenparadies in mitten der Wasser der hohen Berge. Genau so steht es auch am Fluss beschrieben: „aguas de alta montaña“, genauso darf es noch hundert mal auch in diesen Zeilen beschrieben werden. In einem Text, der eh mir gehört, in dem ich ergo so oft schreiben darf, wie ich es will: Wildblümchen, Wildblümchen, Wildblümchen…

Wir kommen an engagierten Pferchen vorbei, die des euphorischen Wieherns nicht müde werden. Sie leben neben der verlassenen Kirche, die einst die Arbeiter des E-Werks bekehren, trösten, zusammenhalten sollte. Heute ist hier ihr Heulager mit einem gruseligen Graffitti darin: ein Baby ohne Gesicht, dessen Loch im Kopp gähnend leer die menschenleere Schlucht hinauf starrt.

Wir stiefeln in ein verlassenes Haus und inspizieren die Einbruchsicherheit. Am ehesten: mangelhaft.
Ein spanisches Pärchen nähert sich laut schnatternd über den ansonsten einsamen Wanderweg, sieht uns in der
Ruine allerdings noch nicht.
Aus reiner Lustigkeit am Leben stelle ich mich wie eine Schaufensterpuppe in eines der verlotterten Fenster: nicht bewegen, einfach blöde und unbewegt grinsen, kleines Spässken machen.
Der Gag verfehlt sich selbst leider mehr als geringfügig, da Chouchou —in seiner Menschenfreundlichkeit— laut „Hola“
brüllt, damit Luisa und Pepe sich nicht zu Tode erschrecken beim Anblick meiner perfekten Pantomine. Immerhin schafft es meine „Kunstinstallation am eigenen Leib“ zu einem gemeinsamen Lacher. Gut so, denn Luisa und Pepe müssen uns kurz darauf noch das Leben retten. Da schadet ein gemeinsamer Lacher vorab rein gar nix.

An einem freundlichen Schäfer auf einer Schrägwiese vorbei, sehr wahrscheinlich kommt er mit seinen Schafen und Ziegen in den letzten achtzig Jahren täglich hierher.
Ein uralter Greis, der deutlich besser zu Fuß ist als wir beiden zusammen. Vielleicht sogar besser als seine Hunde, die eher gemütlich betagt in einem ‚Tag wie alle Tage’ herumschnüffeln.
Kurz darauf folgt die Kuhherde, leider gänzlich ohne Hirte, leider auf einer sehr engen Schneise und man merkt den Herrschaften sofort an, dass sie diese hirtenlose Freiheit sehr genießen.

Eigentlich wäre es an uns allen —Kühe und Wandernde— einen guten Kompromiss für alle zu finden. Wer hat hier Vorfahrt, wer geht zuerst?
Ähnlich wie bei Brutus, dem einsamen Moschusochsen aus Schweden, aber gilt: Lebewesen mit mächtigen Hörnern müssen nicht diskutieren. Lebewesen mit mächtigen Hörnern haben IMMER Vorfahrt.
Also heißt es für uns, ängstlich an den Hang gequetscht zu warten. Dass sich wenigstens eine Kuh der Herde erweichen lässt, zumindest ein klitzekleines Stück voran zu gehen.
Die Kühe aber tun: nichts. Außer wiederkäuen.

Nach zehn Minuten Bangnis nehmen wir uns ein Herz und wollen versuchen, uns an der ersten (von zwanzig) mit angstgeweiteten Augen vorbei zu schieben.
Die Kuh starrt uns ungläubig an und dreht dann ihren massigen Körper in unsere Richtung. Friedlich, aber bestimmt, auf einem 30cm breiten Pfad, den wir uns eigentlich teilen sollten (wollte ich nochmal sagen!). Dann macht sie kauend einen Schritt nach vorne, uns in keinem Moment der Konfrontation aus den Augen lassend. Zeit für uns, zügig zurück ins Gestrüpp zu flüchten. Kühe müssen ihre Wege nicht teilen. Niemals.

Da stehen sie nun am Steilhang: die ängstlichen Globetrottels, durch und durch Städter, aber mit ganz großen Phantasien, irgendwann einmal Naturburschen zu sein. Leider ist dieser Moment nicht heute.

Nach weiteren 15 Minuten am Hang hängend (die Kühe machen weiterhin leider gar nichts außer wiederkäuen) hören wir plötzlich Stimmen hinter uns. Luisa und Pepe kommen den Weg entlang. Endlich naht Rettung — auch wenn sie wenig nett eingefädelt ist. Taktik: einen spanischen Toro bei der Männlichkeit packen. Also rufe ich —so herzerweichend wie es irgendwie geht: „Ayuda! Necessitamos un torero aqui!“
Hilfe, wir brauchen hier einen Torero!
Ethisch unsaubere Nummer, ich weiß, aber wir sind in Not, die bekanntermaßen kein Gebot kennt.

Pepe macht den Job bestens. Was soll er auch sonst tun?
Während Luisa sich —in Sicherheit—mit uns an den Hang hängt, bewaffnet Pepe sich mit einem Stock. Ein halbstündiges „Venga! Venga!“, Pfeifen und drohen folgt. Mitten in einem Flüsschen stehend, an einer uneinsichtigen Bergkurve, versucht er, die Kühe irgendwie in Bewegung zu bringen. Ich flüstere Luisa entschuldigend zu: „Disculpame, wir kommen aus einer Gegend, in der es keine Kühe gibt.“ „Ich auch nicht,“ sagt Luisa. Sie ist aus Cádiz und hängt mittlerweile ängstlich an meinem Arm, während Pepe —im Auge des Kuhsturms— erneut: „Venga! Venga!“ schreit.

Schlussendlich dauert die Nummer fast eine Dreiviertelstunde. Denn spanische Kühe lassen sich nicht unter Druck setzen. Es hat sich anscheinend rumgesprochen, dass ein vermeintlicher Torero nicht allzu gefährlich sein kann, wenn dessen Matadore ängstlich an einem Steilhang hängen.
Es ist reine, kuhliche Gutmütigkeit, dass sie irgendwann freiwillig den Weg frei geben. Für die erschöpften Wandernden. Oder ist’s, weil’s ihnen einfach zu langweilig wurde. Wer könnte es ihnen verdenken?

Gesund und munter erreichen wir unser Appartment lange nach der Siestazeit — durch Schmetterlinge und unter roten Rosen hinweg. Nach einem Spaziergang, der vollendens abenteuerfrei geplant war.
Abendessen auf der Terrasse, die Agenten von gegenüber zeichnen weiterhin unsere Gespräche auf und lesen —sehr wahrscheinlich— auch diesen Text.
Vielleicht arbeiten sie mit der Herde zusammen!? Wer weiß es schon?
Zeit, heute Abend ein Kaminfeuer zu entzünden, da uns die netten Gastgeber Holz vor die Türe legten.
Möglicherweise ist es für Rauchzeichen in Not gedacht!?


Magisch denken in den Alpujarras

Ab heute bleibe ich für immer dabei: es gibt nichts Besseres zum Frühstück als Manchego in dickflüssigem Olivenöl auf getoastetem Brot. Keine Ahnung, wie ich ohne so alt werden konnte!?
Ab heute weiß ich: ein Leben ohne Manchego in dickflüssigem Olivenöl ist möglich, aber sinnlos! Aus purem Nachholbedarf verdrücke ich also gleich sechs Scheiben davon. Weil drin is, wat drin is. Runterspülen mit Gazpacho.

Heute liegt nur eine sehr kurze Etappe vor uns. Von Pampaneira nach Bubión nach Capileira. Netto: 5,2km und 440 Höhenmeter. Eine Etappe ganz genau nach unserem Geschmack.

Auf diesem Teilstück scheint es den GR7 wirklich zu geben. Die Wege sind ausgetreten und ohne Lupe zu finden. Durch begehbares Wildblumenland sammeln wir Blütennektar mit unseren Tentakeln ein: das Gelb auf den Hosen wird nie wieder rausgehen. Gut so. Wildblumennektarbuxen.

Einige Dropoffs, nicht sonderlich beängstigend. Dann kriecht eine riesige Schlange vorüber. Wir rasten auf satten Wiesen, auf denen der wilde Fenchel wächst. Obstbäume im Überfluss, ein Teppich Gänseblümchen, mohngeküsst. Ein Land beschenkt vom ewigen Wasser der hohen Berge.

In Bubión treffen wir pünktlich zum mittäglichen Verkehrschaos ein: drei Autos stehen schräg am Platz, unklar, wer als erster kam und fahren dürfte. Geschrei ertönt: seitens der Fahrenden und seitens der Herren auf der Parkbank, die es sich nicht entgehen lassen, im erhofften Chaos (endlich passiert mal was!) mitzumischen und lautstark zu kommentieren. Der hochsensiblste von allen kreischt beim Zurücksetzen ders Handwerkerkastenwagens: „No quiero morir! No quiero morir!“ Sein Wunsch soll heute in Erfüllung gehen: an dieser Kreuzung wird an diesem Dienstag —wenn auch wider Erwarten— nicht gestorben.

Bis Capileira ist es nun nicht mehr weit, allerdings nochmal 150 Höhenmeter höher. In den Ort geht’s erst am schönsten Gärtchen der Welt vorbei— kurze Gedenkpause, um zu träumen— dann landen wir an einer ernst gemeinten Absperrung. Also drüber. Auf der anderen Seite sehen wir: der GR 7 bis Bubión ist wegen „gran peligros“ (großer Gefahr) gesperrt. Wie schön, es zumindest im Nachhinein zu wissen.
Do you think there is the danger?! Nee, nee. Die „danger“ war mal wieder auf unserer Seite. Wie damals in der Westbank.

Capileira.
Touristisches Bergdörfchen, das Tor zu dem höchsten Bergen des spanischen Festlands. Die Kirche ist geöffnet und kostenlos: unsere erste Kirche in Spanien. Entsprechend schwelgen wir im wunderbaren, katholischen Kitsch, den niemand schöner als die Spanierinnen beherrscht. Nur die Inderinnen können es noch einen Tick besser — allerdings auf hinduistisch.

Neben einem gigantischen Hund essen wir zu Mittag: Mango-Feta-Dattel-Salat mit einer Sauce, die ans Paradies glauben lässt.
Wahnsinn, wie sehr wir in den letzten Tagen das Essen zelebrieren. Als hätte Gott selbst den Tisch gedeckt. Nur für uns und immer und immer wieder.

Und weil wir in den letzten Tagen so gerne essen, kalkulieren wir unser Budget ein bisschen um:
Wir nehmen eines der günstigsten Apartments im Ort, damit mehr Geld für Restaurants —ab und zu— übrig bleibt. Eine ganz neue Priorität: Vom Fuß- zum Gaumenpilgern.
Wie gut, dass ich —in einem Befreiungsschlag— die viel zu eng gewordene Wanderhose in Granada einfach weggeworfen habe. Zu Gunsten der neuen 15,99€-Decathlon-Buxe in XL, die zwar vorne und hinten (noch viel weniger!) nicht sitzt, aber immerhin sehr viel Platz für Bauch mit Olivenölkäse hat. Geht hier schließlich nicht um Schönheit, sondern darum, vor allem innerlich eine gute Figur zu machen.

Unser Apartment ist trotzdem toll. Am besten: die Aussicht von den Terrasse, auf der wir uns initial vollkommen unbeobachtet wähnen. Aber weit gefehlt.
Beim Abendbrot fällt es uns wie Schuppen von den Augen: die wilden Schornsteine der Alpujarras sind womöglich gar nicht das, wonach sie aussehen!?
Wer ganz genau hinschaut könnte erkennen, dass es sich (ggf.!?) um verdeckte Spione handelt. Einer hält eine Pfeife in der Hand, der andere hat ein Abhörmikrophon auf uns gerichtet. Und es werden mehr, immer mehr. Ein Meer von Agenten als Schornsteine getarnt…

Ach wie schön es sich doch spinnen lässt: in den zauberhaften Alpujarras mit seinen Drachen und Hexen darin. Und den Globetrottels, die immer bereit sind, ein bisschen magisch mitzudenken, wenn’s denn erwünscht ist.


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