Die Globetrottels

Unterwegs im Magicbus

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Die wunderschöne Geschichte von Brutus, dem Moschusochsen

Als unser Feuer brannte, kam unser Nachbar zu Besuch: ein deutscher Outlaw, der seit zwanzig Jahren in nördlichen Schweden lebt. Als erstes muss er seinen Frust über die Dortmunder rechts von uns abgelassen: Unmöglich, wie man das „Allemansrätt“ – das schwedische Jedermannsrecht—so missbrauchen kann! Während das bereitgestellte Holz eigentlich für alle sein sollte, die hier ein Feuerchen machen wollen, packt der Dortmunder sich den gesamten Wagen damit voll. Bis der Vorrät leer ist und ohne überhaupt ein Feuer zu machen.
Tatsächlich können wir diesen Ärger gut verstehen. Wer Lagerplätze leer räubert, sorgt auf Dauer dafür, dass diese freundliche,schwedische Freiheit irgendwann ein Ende haben wird. Weil Jedermannsrecht Gemeinschaftssinn voraussetzt, wo ein „Ich zuerst“ leider vollkommen fehl am Platze ist.
An uns hat der Outlaw –Gott sei Dank—Freude. Schlussendlich teilt er nicht nur seinen Ärger mit uns, sondern vor allem sehr viele inspirierende Ideen, wohin unsere Reise in Richtung Norden weitergehen könnte.Nach dem Sonnenaufgang um 2:49h.

Der ersten Empfehlung folgen wir an diesem Morgen sogleich: das Navi will uns 105 Kilometer über die „Hauptstraße“ schicken, der Schleichweg mittendurch aber ist 25 Kilometer kürzer.
Das sind fünfundzwanzig sehr abenteuerliche Kilometer, wie wir in den nächsten eineinhalb Stunden herausfinden werden: über jegliche Form von Schotter.

Auf dem einsamen Rappelweg kommen uns in der gesamten Zeit drei Autos entgegen. Asphalt wird erst zu leichtem Schotter, der sich irgendwann verliert. Lange zehn Kilometer rattern wir über apfelgroße, spitze Steine.

Der Magicbus schüttelt sich tapfer mit 30km/h voran. Ein schwedisches Huhn am Straßenrand macht einen auf Roadrunner und glotzt dem ächzenden, stöhnenden Mobil mit großen Augen hinterher. Sowas hat es anscheinend noch nie hier gesehen. Während wir im Fahrerhaus beginnen, ungeplante Abenteuer auszuschwitzen.

An der Landstraße 311 kommt rettender Asphalt in Sicht. Und wir haben plötzlich Hunger: ein Post-Angst-Schlotter-Appetit. Sofort muss dringend Polarbröd her. Nach der nächsten Bande Rentiere im Sommerfjellfell, die die Straße blockiert, halten wir am Lichtfluss und frühstücken. Danach kann es entspannt weiter gehen – auf Flüsterasphalt.

Bis Tännäs ist es nun nicht mehr weit. Rechts ein Holztroll mit Sense, links ein Plastiktipi und schon sind wir da. An unserem Tageshighlight, auf das wir uns seit einer Woche freuen!

Um diese Geschichte zu erzählen, müssen wir etwas zurückgreifen; genau genommen drei Jahre.
Im späten Frühling 2021 sind wir das erste Mal in Schweden gewesen. An unserem damals nördlichsten Punkt unserer Reise haben wir uns zu Fuß in die Wälder geschlagen. Irgendwo hinter Vålådalen, in Richtung eines verlassenen Samendorfs kurz vor den Jämtlands Pyramiderna.
In diesen zwei Tagen ist uns keine Menschenseele begegnet. Wir trafen lediglich ein weiteres Wesen –und dieses gleich zweimal—das größer als ein Rennhuhn war. Und das war Brutus.

In Schweden leben insgesamt 12 Moschusochsen. Sieben davon in Obhut des Menschen, fünf in freier Wildbahn.
Zum wilden Fünfertrupp gehörte ursprünglich auch Brutus. Leider aber gab es in der Urviecherwelt irgendwann Zank, der unschön endete: Brutus wurde aus der Herde verstoßen.
Daraufhin irrte er viele Jahre alleine durch die Wälder um Vålådalen, auf der verzweifelten Suche nach neuen Artgenossen. Brutus wusste nicht, dass er außerhalb seines Trupps ziemlich alleine auf weiter Flur stand.
Einige Winter wurde er von niemandem gesehen: man glaubte schon, Brutus hätte sein einsames Dasein in den harten Wintern nicht überlebt. Aber Brutus war stark und widerstandsfähig. Er ließ sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen, Brutus stand immer und immer wieder auf, moschusochsenstarrsinnig an seiner Suche festhaltend.
Seine Laune wurde über die lange Zeit der Einsamkeit –verständlicherweise– nicht besser.
Mal pflügte er ungefragt blumenreiche Vorgärten, mal hängte er die Wäsche bei den Nachbarn ab.
Als wir ihn erstmalig trafen, stand er ungefähr 200 Meter entfernt auf der Straße vor uns. Nicht wissend, dass es überhaupt Moschusochsen in Schweden gibt, hielten wir ihn zuerst für einen Bären und machten einen großen Bogen um ihn herum.
Eine Nacht senkte sich und fiel, wir bauten unser Camp im verlassenen Samendorf auf und wuschen uns in kalten Quellen am Morgen danach. Unser Weg zurück in die vermeidliche Zivilisation führte über Trampelpfade, rechts und links Blaubeersträucher, der Tritt ungefähr fünfzig Zentimeter breit, drumherum endloses Dickicht und Unterholz. Wir sprachen nicht viel in diesen Tagen. Bis zu dem Zeitpunkt, da Chouchou folgender Satz rausrutschte; ein Satz, der für die Globetrottels legendär wurde: „Das Tier steht auf dem Weg.“
Brutus war in unser Leben getreten – in zehn Meter Entfernung.

Die folgenden Minuten lassen sich nur stakkato abreißen: wir flüchten ins Unterholz, unmöglich uns zu verstecken, denn Brutus hat uns bereits erblickt. Alte Augen folgen uns, er ist derjenige, der hier nun die Hosen anhat und das zeigt er uns. Dickes Moschusochsenfell wird an einem Baum gerieben, der ächzend knarzt. Ein Moschusochse senkt den Kopf und macht sich auf den Weg in Richtung Dickicht. Dorthin, wo wir geflüchtet sind.

Schlussendlich ging alles glimpflich aus. Brutus drehte irgendwann ab als er spürte, dass von uns keine echte Gefahr ausging. Woher auch? Carbonwanderstöcke gegen Moschusochse?
Schlussendlich hat Brutus einfach Gnade mit uns gehabt…

Sommer 2024: Die Globetrottels sind unterwegs in einen skandinavischen Sommer. Natürlich kommt uns Brutus wieder in den Sinn. Was ist wohl aus ihm geworden?
Der Investigativjournalist im Team aka Chouchou wirft sich ins Internet und findet heraus:
2022 wurde es den Schweden zu bunt mit dem verzweifelten Moschusochsen. Brutus hatte es sich auf einem Pausenhof der lokalen Grundschule gemütlich gemacht, noch immer auf der Suche nach seiner Herde. So ging es natürlich nicht. Man entschied: Brutus musste aus der Wildnis „entnommen“ werden. Tot oder lebendig. Dem guten Herz einiger Tierliebhaber ist es zu verdanken, dass es –Gott sei Dank– zweiteres wurde.

Heute lebt Brutus im Wildreservat Myksoxcentrum in Tännäs.

Sein Beginn im Gehege: etwas holprig, aber Brutus wäre nicht Brutus, wenn die Geschichte kein Happy end fände. Zu lange hat er darauf hingearbeitet, zu lange hat er gesucht.

Erste, zarte Annäherungsversuche an die Weibchen wurden mit einer Geduld, die nur Stirnwaffenträgern der Urzeit inne wohnt, irgendwann erwidert. So erfolgreich, dass Brutus seit diesem Jahr sogar dreifacher Papa ist.

Es lässt sich kaum beschreiben, was durch unser Herz geht, als wir Brutus nach drei Jahren das erste Mal wieder sehen: Freude und Wiedererkennen, Verbundenheit und Erleichterung, Rührung und auch ein bisschen Stolz. Stolz darauf, dass Brutus nie aufgegeben hat.
Unser Moschusochse hat endlich seine Herde gefunden. Endlich ist er zu Hause.

Ein Tränchen ist hier durchaus angebracht. Auf beiden Seiten des Zauns – ich hab´s genau gesehen…

Von Rentieren und einem Troll, der die Gravitation austrickst

Den Abend mussten wir damit zubringen, den niedergeschmetterten Rudi –größter Fussballfan im Magicbus—zu trösten. Dank Blitz und Donner, die immer wieder ins Internet einschlugen, konnten wir das Spiel nur verzögert sehen. Das führt zu einem „hohem Stresslevel“ – weiß auch meine Kontrolletti-Uhr. Nicht nur bei Rudi. Schlussendlich ist´s nur der milchige Fluss im Nebel vor der Magicbustür der wahren Trost spenden kann und dessen Wasser wieder beruhigen.

Der Morgen beginnt für Chouchou mit einer unfreiwilligen Dusche: einmal mit dem Schädel an die Bergerplane gebounced, entleeren sich die dort versammelten Pfützen in einem Sturzbach über seinem Scheitel. Ein Eimer hätte es auch getan für diese Aktion: Icebucketchallenge an einem initial so harmlos daherkommenden Samstag — leider ohne Kamerakind. Das lag noch im Salz.

Unser Weg soll heute zum „Trollvägen“ führen: dem magischen Trollweg, nur 80 Kilometer weiter nördlich und etliche Höhenmeter hoch. Wir sind also auf Magie gebürstet – ab Mittag! Zum Zeitpunkt der Abfahrt ahnt niemand im Globetrottelsteam, dass diese sich heute schon sehr viel früher entfalten soll: am Wegesrand einer namenslosen Landstraße.

Im Vorbeifliegen sehen wir erst zottelig, braunes Fell, dann plüschiges Geweih. Schneller vorbei als geplant, muss Chouchou den Magicbus also wenden und zurückfahren. Damit wir uns überzeugen können, dass wir nicht mit offenen Augen träumen.

Am Straßenrand steht eine Herde Rentiere: Mütter mit Kälbern, die normalerweise im Mai oder Juni zur Welt kommen. Vollkommen unbeeindruckt von unserer Anwesenheit äsen sie friedlich vor sich hin, in tiefenentspannter Sommerpause vor Weihnachtszeit. Nur ein hupender Schwede bringt kurzzeitig flottere Bewegung in die langen Beinchen, die ansonsten nichts treibt. Kein Schlitten, der zu dieser Jahreszeit gezogen werden muss, kein Stress am absolut südlichsten Punkt des rentierischen Lebensraums. Denn eigentlich sind diese Freundchen deutlich nördlicher zu Hause.

Die Globetrottels im südlichsten aller südlichen Rentierparadiese der Welt – wenn man der Verbreitungskarte trauen kann. Ein Paradies, das wir heute nicht mehr verlassen werden.

Am Trollvägen angekommen warten sie schon wieder: diesmal ein Dreiergespann mit deutlich wuchtigeren Geweihen. Wir lesen und lernen: Rentiere sind die einzigen Stirnwaffenträger der Welt, bei der auch die Weibchen Geweih tragen und die einzige domestizierte Hirschart der Erde. Mit ihrem sympathischen, sanften und zutraulichen Wesen war es vollkommen logisch, dass der Weihnachtsmann gerade sie als Zugtiere ausgewählt hat. Mit Huskies hätte es viel zu viel Trubel gegeben.
Wir sind so hin und weg, dass wir kurzzeitig den Troll vergessen, wegen dem wir eigentlich hier sind.

Der Trollvägen ist ein magischer Weg. Bewacht wird er von dem Nipsmann, der im Schutze der Steinmännchen um ihn herum, Tag ein Tag aus damit beschäftigt ist, die Gravitation durcheinander zu würfeln und damit die Menschen verrückt zu machen.

Wer auf diesem Weg im Leerlauf rollt, rollt tatsächlich bergauf. Klingt komisch, ist aber so.

Chouchou –als Investigativjournalist des Teams– versucht Details aus dem stillen Männchen herauszupressen, wie er das genau macht: vergeblich. Ob so wenig Kooperation im Gespräch wird ihm das dargebotene Knäcke –das Plauderbrot– wieder entzogen. So, Sie Nipsmann, können wir nicht arbeiten… und rollen planlos weiter bergauf.

Den einfachsten Hügel in dieser unwirklichen Bergwelt besteigen wir. Böse Zungen nennen ihn „die Touristenknolle“ – weil der Gipfel selbst von Globetrottels bezwungen werden kann in einem 45minütigen Aufstieg.

Wir sind auf 1000 Metern über Null, die Umgebung aber wirkt, als seien wir viel, viel höher. Keine Bäume mehr, zahlloses, buntes Gestein und eine Aussicht, die nicht enden will.

Eine feine Touristenknolle, finden wir. Und dann schaut plötzlich –in unerreichbarer Ferne– der echte Troll über den Berghang.
Wir trauen unseren Augen nicht. Deshalb fotografieren wir und erwischen zumindest seine Mütze mit dem Objektiv.

Der echte Troll des Trollvägens!! Es gibt ihn. Wir wussten es.

Fest an drei Rentierpopos geheftet rollen wir den Berg wieder runter. Dafür muss man Gas geben: Verrückt.

Unser heutiger Lagerplatz liegt erneut an einem wilden Fluss, acht Kilometer hinter Idre.

Wir parken an diesem Traumplätzchen –dem ungelogen schönsten der bisherigen Reise—ein und atmen. Und atmen. Oh Welt, wie wunderschön Du bist.

Kochen im kargen Sonnenschein, der Fluss trägt unsere Gurkenreste flussabwärts und fließt plätschend bergauf, ansonsten herrscht Stille.

Oh Welt, wie wunderschön Du bist. Und magisch.
Zeit für ein Freudenfeuer!

Njupeskär — Thors Elfenwasserfall

Thor, der Wettergott, ist gut zu uns: nach einer „Tropfen, die an mein Fenster klopfen“-Nacht erwachen wir mit einem Hauch Sonnenschein über dem See. Trocken das Camp zusammenpacken ist immer ein gutes Omen für den Tag und obendrein sehr komfortabel.

Nach einer letzten Dusche geht’s weiter gen Nordwest: Nadeln werden zu Birkenwäldern und wieder zu Nadeln. Eine Explosion Lupinen am Straßenrand und sehr viel nichts bis zum ersten und letzten Einkaufsstopp auf 190km Strecke: in Älvdalen – im „Flusstal“, 1669 schauriger Schauplatz bekannter Hexenprozesse, heute allerdings ganz harmlos.

Im ICA decken wir uns mit allerlei Leckrigkeiten ein und heben unsere ersten Kronen ab, die uns der Kassierer freundlicherweise gleich auch in kleine Scheine zerlegt.

Die Mädels werden wir in den nächsten Tagen brauchen, weil das Campsystem auf unseren nächsten zwei Etappen sich dem kanadischen angleicht: zahlen auf Vertrauen, in dem man Bargeld in einen Briefkasten wirft.

Unser heutiges Tagesziel ist der Fulufjäll Nationalpark an der norwegischen Grenze, bekannt für seine urwaldartigen Täler und kahlen Höhen, vor allem aber für den höchsten Wasserfall Schwedens: den Njupeskär –93 Meter hoch– und die Uraltfichte Old Tjikko –9550 Jahre alt.

Der Nationalpark scheint kein Geheimtipp zu sein. Wir rollen kurz vor Mittag an, der Parkplatz ist bereits brechend voll. Macht nix, auf einer Fläche von 385 Quadratkilometern wird sich das wohl zerlaufen. Genauso ist es – nach der Hundebadestelle.

Für die Tausendsasser der Naturliebhabenden wurden gemütliche Stege angelegt, um erst durchs Marschland mit seinen Puschelblumen zu wandeln, das sogleich in nordischen Urwald mit verschlängelten Flüsschen übergeht. Rentierflechte zwischen alten Steinen und Moose auf den Rinden, Farne greifen nach den Wandernden, die alle früher oder später gen Njupeskär streben.
Ein Wunder, dass am Wasserfall selbst so wenig los ist.

Ein rationaler Geist würde behaupten, der Fall sei durch rückschreitende Erosion entstanden – das Wasser trüge den Sandstein des Gebirges mehr und mehr ab. Ein mythologischer Geist aber weiß: es war Thors Hammer, der den Fall in den Fels schlug. Im Pool darunter lebt heute noch eine Elfe, die betörend ein Streichinstrument spielt. Man muss seine Ohren ganz weit spitzen, dann aber hört man es deutlich.

Zum Old Tjikko wollen wir natürlich auch hoch. Keuchend erklimmen wir die Stufen, die aufs Bergplateau führen: 200 Höhenmeter Anstieg auf einen Streich, meine Kontrolletti-Uhr behauptet: hart anaerober Bereich, bitte 35 Stunden Erholung einplanen. Und einen pinken Schweppes trinken.

Auf dem Gipfel angekommen unterstreicht auch Thor die Notwendigkeit, langsam zu machen: er schwingt seinen Hammer und donnert. Einmal, zweimal, dreimal. Bis zum alten Tjikko ist es noch einen Kilometer über die baumlose Bergflanke, während wir dabei zuschauen können, wie das Unwetter von Weitem über die Ebene ankriecht.

„Unwetterwarnung“, meint jetzt auch meine Kontrolletti-Uhr hysterisch. Nun gut: also keine baumlose Bergflanke für uns, Old Tjikko muss wohl warten. Er macht seit 9550 Jahren ja nichts anderes. Schade für uns, der Fichte ist es leidlich egal.

Der Regen setzt im Urwald ein. Spitze Tropfen auf bunten Schirmen.
Bis zum heutigen Nachtplatz ist es für uns nicht mehr weit: wir rollen lediglich acht Kilometer wieder hinaus aus dem Park und schnurrstracks an den Fluss des Mörkret Camps.

Der einzige Platz mit Privatsphäre ist unserer – alle anderen müssen sich später in Reihe und Glied nebeneinander reihen. 200 Kronen in den Briefkasten, nun können die dicken Tropfen problemlos kommen. Natürlich tun sie das auch.

Für uns heißts heute nur noch: ein flotter Text, ein paar schnelle Videos, definitiv die Heizung an, die Nudeln müssen sich heute von selbst kochen. Programm bis um sechs, Joggingbuxe an und dann auf einen fairen Internetgott hoffen.

Einer, der das Fussballspiel ganz ohne Blitz und Donner überträgt.

Haushaltstag im Sturm

Über dem Kratersee stürmt es bereits am Morgen heftig. Das Wetter ist für den gesamten Norden in den nächsten Tagen grottig angesagt, ein guter Grund, es entspannt und winddicht angehen zu lassen.

Als erstes nach dem allerersten – den Kaffees!—wird der Bulli sturmfest umgeparkt: Popo in den Wind, damit die Böen im sauberen Winkel übers Dachzelt abwehen. Die Bergerplane prügelt uns hart für diesen Plan, sie scheint ganz und gar nicht einverstanden und verteilt wilde, wütende Ohrfeigen beim Abnehmen. Damit –Freundchen– ist deine Chance für heute verspielt: ab in den Bulli mit dir! Zur Strafe darfst du nun nicht mehr wüst vor dich hinflattern und eine knallende Geräuschkulisse veranstalten.

Rote Ohren vor Mittag, Zauseln im Haar und ziemlich außer Atem: immerhin hat Chouchou nach dieser Aktion nun auch mal berauschenden Seeblick. Eine gute Aussicht, bei der die nächste Zecke gezogen werden will. Diesmal aus Chouchous Schädel…

Als nächstes sind die Müffelklamotten dran. Mit zwei Tüten voller Kleidung marschieren wir zur Campingwaschmaschine und kommen zum richtigen Zeitpunkt.

Eine Stunde später sind die Handtücher und Socken trocknerflauschig, die empfindlichen Teilchen dürfen wüst am Baum flattern. Nach 20 Minuten ist –dank der reißenden Böen—alles wie glattgebügelt, keine Falte mehr im Stöffchen. Vielleicht sollte ich mein Gesicht ganz genauso in den Sturm halten? Eine gute Anti-Aging-Maßnahme, aber leider ist es dafür eindeutig zu zugig, meint Uschi inne Leoleggins und dem Flamingopulli.

Der erste Regen kommt pünktlich um eins. Ein guter Zeitpunkt, um den Rest des Camps nun regenfest zu machen. Ein guter Zeitpunkt für Recherche bei laufender Heizung – auch, um die restlichen Klamotten zu trocknen, die –nach Trocknungsschnellabbruch durch erste Tropfen—nun wild durcheinander im Magicbus herumhängen. Zum Trost gibt es Zimtschnecken.

Bis drei wälzen wir Wanderbücher, Reiseführer und Internet, um eine Idee der nächsten globetrottelsgeeigneten Anlaufpunkte zu bekommen und werden äußerst vorfreudig fündig. Verraten werden darf so viel: es wird toll werden. Egal, ob´s stürmt oder schneit. Weil es unter anderem um eine sehr romantische Tiergeschichte geht. Aber dazu in den folgenden Tagen mehr…

Um vier kommt der kleine Hunger. Da draußen noch immer Ronjas Räuberregen runter geht, weichen wir auf die Campküche aus – welch glücklicher Umstand, dass es diese gibt!

Gemüsebällchen, die touristenfallig als „vegane Köttbullar“ verkauft wurden, in einer richtigen Pfanne zu brutzeln, ohne Sorge zu haben, dass im nächsten, stürmischen Moment der Kocher vom Tisch gefegt wird, macht durchaus Freude. Und schmeckt.

Um fünf ist satte Zeit für Meditation, ab halb sechs dann Glamour anhand von goldenem Glitzernagellack. Schade, jetzt kann ich den Trangiakocher nicht mehr ausscheuen wie geplant. Äußerst traurig teile ich diese Erkenntnis Chouchou mit und darf freudig verkünden: „message delivered“. Tja, hätte sich ja auch die Nägel lackieren können…

Um halb sieben lernen wir, dass die Vorhersage mit „Sturm im Vamhus“ nicht den Wetterzustand bis sechs meinte. Über den See sehen wir die Sturmfront herankriechen, bevor sie mit Wucht aufs Camp trifft. Unser Tisch lernt fliegen, die Jungs von nebenan haben sich ins zitternde Zelt verzogen und tun uns von Herzen leid. Aus einem warmen Magicbus heraus lässt sich gönnerisch kommentieren: Das sind die Abenteuer, von denen ihr später euren Enkeln erzählen werdet!, während man selbst die Heizung höher dreht. Aber ein klitzekleines bisschen wahr ist es trotzdem.

Nach einer halben Stunde ist der Spuk vorbei, die Schweden schicken ihre Kinder wieder auf den Spielplatz.
Ein Sortiermittwoch in Vamhus – eine stürmisch-schöne Angelegenheit.

Asteroidenglück zwei Werktage vor Kollektivsommer

Das gestrige Essen muss noch erwähnt werden. Nicht, weil es so grandios gut war, sondern vor allem heiß. Nepalesischer Fenchelreis ist überall auf der Welt ein Hit, aber besonders wohltuend schmeckt er, wenn der Mensch gut durchgekühlt ist. Innere Hitzemaschine aus dem Himalaya.

Niesel klopft uns aus dem Bett: es ist an der Zeit, weiter zu ziehen und den Zaubersee hinter uns zu lassen. Danke, schönes Glaskogen Naturreservat. Eine bessere Pforte in Richtung Mittelschweden hätte sich nirgendwo sonst auftun können.

Hinter Värmland wird es hügeliger, hinter Torsby wird es einsam. Wir rollen über Straßen wie im kanadischen Westen, lediglich der Wald ist enger und die Straßenführung kurviger.

In einer Nische am Straßenrand frühstücken wir mit Blick auf den endlosen Wald. „Magisch,“ meint Chouchou, der sich plötzlich dreißig Jahre zurückversetzt fühlt: „wie das erste Schwedengefühl damals mit Peter.“
Erste Schneemobilschilder tauchen am Straßenrand auf, die haben im Juli Pause. Im Sommer fährt der Mittelschwede lieber Endzeitkarre. Oder Ghostbustersmobil.

An der Kirche links, achtzigkilometer geradeaus bis zum nächsten Kreisverkehr, dahinter kommt ein schrottiges Sammelsurium namens „Grymb place“. Nun ist es nicht mehr weit.

270km nordöstlich von Glaskogen liegt das Städtchen Mora am Siljansee, siebtgrößter See ganz Schwedens, entstanden durch den Einschlag eines Asteroidens und angeblich die größte sichtbare Einschlagstruktur ganz Europas. Die bekanntesten Persönlichkeiten des Ortes: entweder Eishockeyspieler, Freestyle-Skirennläufer, Metalbandfrontleute und ein Maler namens Zorn. Ab heute bewegen wir uns also auf rauem, aber geschlossenrotem Terrain.

Das spüren wir auch sogleich beim ersten, zarten Versuch, bei VW Mora einen flotten Ölwechsel zu bekommen.

Der Herr am VW-Tresen ist freundlich und deutlich. Ölwechsel? „Not today.“ Nächste Termine im August.
Wir könnten es aber mal bei Mekonomen versuchen, vielleicht haben die noch spontane Termine? Also hin.

Im ersten Mekonomen gibt es leider keine Werkstatt, dafür aber viel günstiges Bulliöl. Das packen wir ein. Die Dame am Tresen ist nicht sicher, ob wir bei den Kollegen, vier Kilometer weiter nördlich in der Werkstatt spontan einen Termin bekämen, aber versuchen lohne sich alle mal.

Im zweiten Mekonomen treffen wir auf einen liebenswerten Herren, der uns leider auch nicht helfen kann, wie er uns traurigen Auges mitteilt. Er sei eh schon im Verzug mit seinen Auftragsarbeiten, obendrein fehle ihm ein Mann und Freitag sei ja letzter Arbeitstag wegen der „holidays“. Welche Holidays?, fragen wir. Er meint Schwedens kollektiven Sommerurlaub, ab nächste Woche haben die allermeisten Werkstätten für mindestens drei Wochen dicht. Wir können es aber mal bei Meca versuchen, sagt er, den Tränen nahe.

Im Meca belächelt man unseren naiven Wunsch nur, in den folgenden Tagen noch zum Zuge kommen zu wollen. „Fully booked.“ Aber wir könnten es ja mal bei Bosch auf der anderen Straßenseite versuchen. Wir können nicht, wir müssen.

Langsam aber sicher rückt ein Hauch Verzweiflung immer näher. Nach Mora wollten wir eigentlich ins nordische Nichts, in Gegenden, wo ein Ölwechsel nicht nur nicht leichter, sondern hunderte von Kilometern-streckenweise quasi unmöglich ist. Der Magicbus aber braucht einen Ölwechsel – noch vor dem schwedischen Kollektivsommer, also: jetzt. Erste Gedanken spinnen sich um eine möglicherweise notwendige Streckenabweichung in die nächstgrößere Stadt Östersund: von hier aus schlappe 400 Kilometer gen Osten statt Norden. Wieviel Lust wir dazu hätten, muss hier nicht explizit erwähnt sein. Die Frage nach einer Werkstatt dort, die noch vor dem Wochenende einen Termin für uns hätte, ist hiermit noch nicht einmal gestellt….

Mit schlaffer Trauermiene schlurfen wir zu Bosch, feilend an einem psychologischen Manöver, wie wir das nächste Mechanikerherz eventuell weich kochen können. Trauermiene ist dafür schon mal gut und muss nicht mal geschauspielert werden, den Satz: „Sie sind schon unsere fünfte Anlaufstelle“ lassen wir weg. Wenn fünf schon abgelehnt haben, fällt es dem sechsten auch nicht schwer. Träne an den Wimpern und rein geht’s: „God dag! We are deeply desparated…“ Das stimmt!

Und wie immer haben die Globetrottels natürlich Glück! Ein Sonnenschein an schwedischem Herren steht hinter der Theke. Kurz überlegt er: tatsächlich sei sein Tag bisher gut gelaufen, alle Auftragsarbeiten seien schon durch. Aber – kritischer Blick auf die Uhr—es bräuchte durchaus Risikowillen, eine Stunde vor Feierabend an einem so alten Auto –kritischer Blick aus dem Fenster auf den Magicbus—noch irgendetwas zu beginnen. Bekanntermaßen seien Karren dieser Art ja Wundertüten.
Mit einem schlagenden Argument aber, bekommen wir ihn dazu, dieses Wagnis heute noch einzugehen: „Wir sind wagemutig und versuchen zwei Tage vor dem Urlaub noch einen Ölwechsel zu bekommen – Sie sind wagemutig und versuchen eine Stunde vor Feierabend so einen noch durchzuführen. Das passt doch gut.“ „Det stämmer,“ sagt er, das stimmt! Und macht sich an die Arbeit.

Schlussendlich werkelt Timo aus Leer am Magicbus. Timo, der sich vor drei Jahren nach Schweden abgesetzt hat, um hier ein wunderbares Leben zu führen, wie er meint: „Viel besser als Zuhause.“ Der Ölwechsel verläuft reibungslos und weil Timo auch einen Bulli hat und sich scheinbar freut, deutsche Bullifreunde zu treffen, guckt er ganz ungefragt noch einmal schnell über den Rest drüber: „Top Zustand, der Bus!“ sagt er und macht uns damit heute zu den glücklichsten Menschen in ganz Dalarna. Tak tak Timo, tak tak Bosch.

Weit schaffen wir es nach dieser Aktion heute nicht mehr. Aber unsere Glücksträhne reißt nicht ab:
In Vamhus –15km hinter Mora—gibt es ein allerletztes Plätzchen direkt am Siljansee. Auf einem Campingplatz mit Dusche und Pizza.

Ein Glücksmittwoch am Asteroidenkrater. Und noch zwei Werktage bis zum schwedischen Kollektivsommer…

Zwei Bilderbuchtage am See

Unsere zwei Tage am See –irgendwo in Mittelschweden—im Glaskogen Naturreservat sehen ganz genauso aus, wie eine Outdoor-Astrid Lindgren sie malen würde:

Zu allererst steht die Jungfernfahrt mit unserem neuen Aufblaskanu, das wir auf den höchstkreativen Namen „Das Bøøt“ taufen, auf dem Programm.

Das Bøøt –ab heute neues Teammitglied der Globetrottels—ist die günstigste Variante eines Pustebötchens, quietschbonbontürkis und nur willig zu schwimmen, wenn es exakt drei PSI in die Backen geblasen bekommt. Die müssen mit purer Menschenkraft erstmal in die Kammern rein: eigentlich sind wir danach schon vollkommen im Eimer und mit unserer Sporteinheit durch. Aber es hilft ja nix: das Bøøt ruft nach seinen Gefilden, also wassern wir es. Und finden so riesige Freude daran und darin, dass es an diesen zwei Bilderbuchtagen gleich zweimal zum Manöver starten muss: einmal im Sturm und einmal auf spiegelglattem Wasser.

Egal bei welchem Wetter: Bötchen fahren bleibt auf ewig eine der besten Meditationen von Welt! Neben in der Erde wühlen.
Wir tanken auf tiefschwarzem Wasser so viel Stille ein, dass diese für die nächsten Wochen halten sollte. Ich glaube, danach kann man durchaus süchtig werden.

Mehrere verlassene Inseln werden für einen Moment erobert, bevor wir sie ohne Spur wieder verlassen, ein Mittagssnack mit Annika, der Ente, geteilt. Gänse echoen über den verlassenen See, das einzige, das zu hören ist und Wasserläufer tanzen zwischen den Seerosen. Nur das einsteigen üben wir noch…

Als zweites steht das Jungfernschwimmen im Neoprenanzug an. Sieht aus wie ein hochsportliches Olympiadress, verliert aber ganz schnell an Eleganz, wenn man die ersten Schwimmzüge beobachtet. Das liegt ganz und gar nicht am Anzug, sondern lediglich an dem mopsartigen Wesen, das sich mühsam in die zweite Haut hineingepresst hat. Den höchsten Kalorienverbrauch eindeutig beim An- und auskleiden!

Dazwischen: ein Sams plantscht fünf Minuten im dunklen Wasser. Wie gut, dass ansonsten keiner hinschaut. Aber großen Spaß hat´s schon gemacht.

Viel Feuer gibt’s zu machen. Knurrtrockenes, schwedisches Holz brennt lichterloh und riecht phantastisch. Wir verfeuern insgesamt 40 Kilo.

Lecker kochen und essen…

…ein paar Runden Hoolahoop, einige Momente auf der Yogamatte und dann sind sie auch schon vorbei: zwei Märchentage an einem See in Mittelschweden.
Tage, die nie mehr vergessen werden…

Mit neuen Schlappen nach Mittelschweden

Thors Hammer schlug also über dem gestrigen Fussballspiel ein. Rudi, als alter Fußballfan, war hellauf begeistert, während unserem dänischen Teammitglied Brutus eine leise Träne übers zottelige Gesicht rollte. Sein erstes Fußballspiel – gleich verloren, das fällt einer sensiblen Moschusochsenseele nicht leicht.

Der Tag beginnt mit Nieselregen und einer vereitelten Dusche. Mit einem verträumten und voll shampooniertem Kopf, schaltet Annikas Hahn einfach aus. Ein viertel entsetzt, halb angezogen und komplett verstohlen bleibt nur, in den Spülbereich zu entwischen und schäumende „Wahre Schätze“ in einem Küchenabflusssieb zu versenken, das bisher nur Speisereste kannte. Sieb und Haar gemeinsam, vereint in einer neuer Erfahrung.

Bevor es heute weiter gen Norden, weiter gen Natur geht, müssen wir unsere Vorräte aufstocken.
Der Maxi-ICA –-vor Göteborgs Toren—hat auch am Sonntag geöffnet: ein weitläufiges Einkaufsparadies, in dem man problemlos verloren gehen kann. Neben frisbeegroßem Knäckebrot, Lasagne-Smoothies und kiloschwerem Käse in Konservenform finden wir endlich auch neue Schlappen. Eine Wohltat, nachdem sich einer der alten Birkenstocks an der dänischen Ostsee aus dem Staub machte und nur Plastikflipflops übrigblieben, die im nassen Gras und mit 300 Metern Laufstrecke zum WC nach drei Tagen eine wundtreibene Zwischenzehgeschichte erzählten.

Kurzum: alles da, was das Herz begehrt. Nur einen neuen Outdoorteppich und ein Kaltgerätesteckerkabel finden wir leider nicht – in diesem Herzen des schwedischen Vorstadtkonsums.

Über eine Wurschtelautobahn geht’s aus dem Großraum Göteborgs wieder heraus, vorbei an harten Schweden, die trotz des Regens Achterbahn nahe der Schnellstraße fahren.

Nach den ersten 50 Kilometern tauchen Riesenhasen auf den Feldern auf. Und Elchschilder, -übergänge und –zäune. Den König des nordischen Waldes persönlich bekommen wir leider nicht zu sehen.

Hinter Trollhättän steht ein welkender Midsommarbaum und der Wald nadeliger. Hallo borealer Nadelwald. Ab hier beginnt in unseren Herzen langsam der Norden.

Der letzte größere Ort auf unseren heutigen 290km ist Amal – mit zwei Kringeln überm A. Das Navi schickt uns links. Ab hier beginnt in unseren Herzen langsam die Wildnis. Die roten Häuser werden weniger, die Straßenränder von Lupinen geküsst. Danach: 30km Schotterstraße.

Die Anreise in den Glaskogen Nationalpark gestaltet sich deutlich abenteuerlicher als erwartet: der Magicbus wackelt sich tapfer über die –von ihm so verhasste—Schotterstraße, Menschen gibt es hier keine mehr, nur die Lupinen stehen noch einsam Wache – Blüte in Ast mit den Nadelbäumen.

Wir hatten möglicherweise viel erwartet, alleine nur nicht das: dass es 30km Schotterstraße sind, mitten hinein nach Kanada…

Unser Plätzchen für die Nacht liegt direkt am totenstillen See. In unserem Garten: eine Feuerstelle aus Stein, die Infotafel warnt, dass „in den letzten Jahren“ Wölfe und Bären gesichtet worden seien. Nun gut, lediglich das „in den letzten Jahren“ ist nicht ganz Kanada. Aber fast.

Es reicht, um das Herz weit aufgehen zu lassen. Nur nur wegen der neuen Schlappen und des Feuers…

Kulinarische Schwedenhits und hoffentlich keinen Strich durchs T(h)ør

Nach satten neun Stunden Schlaf behauptet meine Kontrolletti-Uhr, dass ich mit einer „body battery“ von 100 in den Tag starte. Genauso gut fühlt es sich an – insbesondere wenn man weiß, dass man deutlich weniger davon brauchen wird. Weil nichts an diesem Samstag, dem schwedischen »lördag« wartet.

Unser erster schwedischer „lördag“ ist ein Schwedenankommenstag. Wir nehmen uns Zeit für pures Leben:
Minisport auf Matte und im Stehen.
Frühstück mit einer kulinarischen Sonderentdeckung: vegane Kaviarpaste, der Hit!

Lesen im Sitzen und Atemübungen im Liegen, dann einen Spaziergang ans Meer mit einem nächsten Geschmacksexperiment: „Homie – wake up symbiotic“, der schwedischen Energydrink mit linksdrehenden Batterien und „Keishi“ – was auch immer das sein soll. Dank Google finden wir heraus: Keishi-cho ist das Polizeipräsidium Tokios. Jetzt, wo du´s sagst, schmeckt´s auch irgendwie nach Exekutive…

Die Kühe sind von ihrer einsamen Insel heruntergeschwommen und chillen heute am Strand. Mit fliegenden Hufen werden sich die Plätzchen fein gemacht, bevor es mit lautem Schnaufen mit dem Kuhpopo in den Sand geht. Und dann die Augen mit langen Wimpern zu: auch auf die Strandkühe wartet heute rein gar nichts zwischen Sonne und Wind. Nur die Schafe müssen arbeiten: die haben heute leider Satellitenwache.

Katastrophenküche im Wind: das Handling mit zwei Platten will nicht recht von der Hand gehen, die Blumenkohl-Kartoffeln mit Mango-Curry-Sauce und veganen Schnitzelchen, die etwas zu sehr in die unbeschichtete Pfanne verliebt sind, schmecken nichts desto trotz.

Das schwedische Schnäpschen danach – auf der Stenaline gekauft unter dem Deckmäntelchen des Integrationswillens—schaffen wir allerdings nur halb.

Mit einem viertel „Fläderschnaps“ im Kopp zum Spülen eiern, die Welt sehr ulkig finden und den Geschmack danach schnell mit Marabou-Schokolade übertünchen.

Heißkalte Wellnessdusche ohne triftigen Grund, einfach weil sie wohltuend ist in Annikas liebevoll dekorierten Bädern. Frisch für das abendliche Fußballspiel: Deutschland gegen Dänemark.
Wie gut, dass heute ein schwedischer „lördag“ und kein dänischer „lørdag“ ist.
Möglicherweise hätten uns die Gastgeber ansonsten einen Strich durch skandinavische T(h)ør gemacht…

Ein Wellness-Fredag für alle

Die Wettergötter meinen es gut mit uns: in der Nacht trifft ein dänischer Starkregen aufs Land. Schwere Tropfen auf dem Dach trommeln uns aus dem Schlaf vor Sonnenaufgang um vier. Sie kühlen das viel zu heiße Westschweden auf Normaltemperatur ab. Eine romantische Wohltat, wenn man eingemummelt in der Daunendecke diesem nächtlichen Regenlied zuhören darf.

Die Regengötter sind am Morgen noch nicht durch mit ihrer Arbeit. Noch immer schauert es: ein prima Grund, um langsam zu machen. Nach dem Frühstück setzen wir als Duo unsere Lesebrillen auf: endlich Zeit zu recherchieren, wie sich unsere nächste Etappe in Schweden gestalten kann; übermorgen.

Als wir Annika durch Zufall treffen, buchen uns für weitere zwei Nächte auf ihrer Wiese ein. Weil das Wohlfühlen sehr groß ist … und wir ab nun langsam: im Konsens entschieden.

Nachdem der Magicbus mit neuem Öl und frischem, pinken Kühlwasser gefüttert ist, eine Mücke im Closeup gefilmt und Chouchous zweiter Zeckenbiss (Chouchou-> Wildlifeopfer) kontrolliert wurde…

…zieht der Regen weiter und wir uns unsere Wanderschuhe an. Bis zum Meer ist es einen Kilometer durchs Naturreservat, vorbei an Seerosen und den gigantischen Satellitenschüsseln, die stumm über ein paar grasende Schafe wachen und leider nicht fotographiert werden durften.

Mit dem ersten Wellenrauschen in den Ohren, kommt die Sonne raus, sie scheint uns auf die erstaunten Gesichter. Und dann sehen wir die Ostsee hinter den »voll trolltollen« Felsen.

Wir kraxeln von Bucht zu Bucht. Mit uns sind nur ein paar Enten und Möwen hier. Und eine Bande Kühe, die auf der gegenüber liegenden, einsamen Insel hausen. Wie auch immer sie dort hin gekommen sind?! Eine von Kühen besetzte Insel in der Ostsee, ein Best-of-Kuhleben. Gefällt den Globetrottels sehr.

Der Rest des Tages kann in einem Satz zusammengefasst werden:
Langsam Videos schneiden (Chouchou), langsam tippen (ich), langsam die Powerstation aufladen (Chouchou in Zusammenarbeit mit Annikas Strom), langsam kochen (ich), langsam essen (wir beide).
Wenns gut läuft hängen wir später noch ein „langsam Film gucken“ dran. Wellness für alle.
Ein guter, schwedischer „fredag“…

Mit dem Wissen um die wahre Größe nach Schweden

Der sich ständig verändernden Farbe des Sonnenuntergangs hinterher schmachten bis um halb zwölf nachts, so ging es gestern. Farbentaumelnd dann der kurzzeitige Gedanke: „Den Sonnenaufgang will ich auch sehen,“ weil Sonnenaufgangsseite, weil noch nicht verstanden, dass bereits hier die Tage um so viel länger sind. Ein Blick auf die App flüstert: Gerne. Sonnenaufgang um 4:22h. Ach, dann vielleicht lieber doch nicht…

Die Sonne brennt uns um halb acht aus den Federn. Angesagte 27 Grad im nördlichen Dänemark heißt „garen hinter grauen Zeltwänden schon vor acht“. Erster Kaffee im Morgensonnenschein mit Blick auf die Ostsee, während in den großen WoMos um uns herum noch wohltemperiert geschlummert wird.

Wir können uns mit dem Frühstück Zeit lassen bis elf. Erst dann müssen wir langsam in Richtung Fähre bummeln. Die Stena Jutlandica fährt erst zum Highnoon tutend und schäumend aus dem Hafen. Farwel Danmark. Du hast Dich für uns von Deiner wunderschönsten Seite gezeigt. Tak dafür.

Und dank Dir lernen wir heute obendrein, dass der Bulli nicht 2,05m hoch ist, sondern lediglich 1,98m. Den Aufpreis „Höhe bis 4m“ hätten wir uns also sparen können. Sadly no refund, sagt die Dame am Schalter. Aber immerhin ist das Wissen um seine wahre Größe Gold wert. Nicht nur beim Magicbus, sondern generell im Leben.

Bötchen fahren ist immer toll. Besonders, wenn das Meer ruhig und der Himmel strahlend ist. In den ersten zwei Stunden kundschaften wir das gesamte Schiff aus: Reling und Restaurant, Sun deck Bar und Shoppingmeile, Bistro und Passierservicepunkt, dystopischer Raucherbereich, Café und Relaxsessel.

Beim lecker Essen auf dem Sonnendeck kämpfen wir erst mit den Haaren, die nicht in den Mund sollen und dann mit einer Möwe, die nicht an den Burger darf. Die erste „Fika“ (schwedische Kaffeepause) wird mit blauem Ausblick (heute marine) und trockener Zimtschnecke zelebriert.

Im Duty free dieselen wir uns einmal von oben bis unten mit kostenlosem Parfum ein und kaufen dann zehn Pinnekes schwedischen Schnaps. Botten upp! Und dann kommt auch schon Göteborg mit seinen tausend vorgelagerten Inselchen in Sicht.

Die Einreise läuft zügig: Knattern und ab. Ganz anders als 2021, als wir das erste Mal hier waren und die Schweden einen hochaktuellen PCR-Test und Perso von uns sehen wollten – mit Maske. Oh baby, baby, how times are changing. Nur Göteborg war damals ganz genauso schön wie heute.

Unser erster Orientierungsstopp in diesem Land soll 40km südlich der Stadt sein: in Onsala, nahe dem Svängehallar-Fjärehals Naturreservat.

Weil es hier ruhiger ist und grüner, die Ostsee noch ums Eck, allerdings von der Sonnenuntergangsseite.

Auf Annikas grüner Wiese dürfen wir zwischen den Zelten stehen.

Passend, da der Magicbus kein Wohnmobil ist, sondern lediglich ein pupsnormales, altes Auto mit 1,98m Höhe (wie wir heute gelernt haben) und Dachzelt (das wussten wir schon länger). Es hat über eineinhalb Jahre gebraucht, bis wir es endlich begreifen: wir leben nicht in einem komfortablen WoMo, nicht mitten im stylischen „vanlife“. Wir schlafen momentan in einem ollen Auto, das kleiner als ein SUV ist.
Und kochen, lachen, essen und leben unter einem Himmelszelt, dem das Wissen um seine wahre Größe nie abhanden kam: Gold wert!

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