Die Globetrottels

Unterwegs im Magicbus

Seite 5 von 35

Herzweitmachtag

Ein Herzweitmachtag auf dem letzten Zipfel Finnlands. Ganz weit weg von allem – mittendrin.
Ein rauer Wind pfeift über den Kilpisjärvi, schäumende Wellen, die den Steg, auf dem wir finnischen Stegsurfen lernen, auf und ab wiegen.

Mittendrin – ganz weit weg von allem – unter einem Polarsonnenschein, in dem es keine Zeitrechnungen mehr gibt. Ein Wind, der alles mitnimmt.

Die Polarpiepmätze haben wir mittlerweile in den Magicbus gelockt. In unserem Vorgarten herrscht Hochbetrieb und ewiges Zirpsen – ein Stück Paradies.

Obwohl ein harter Winter vor ihnen liegt, werden die Krumen geschwisterlich geteilt, die Mutigen fressen uns aus der Hand und wir – wir sind nicht geizig.

Im lustigen Lädchen des finnischen Feriendorfs kaufe ich mir ein Andenken an diesen unglaublichen Ort, der uns so reich beschenkt: Ohrringe in polarblau, mit finnischen Blümchen drin. Ich gelobe fest, sie mit der mir größstmöglichsten Würde zu tragen.

Musik hören, die das Herz weit macht und überlaufen lässt. Noch ein paar Maschen, den Kopf mit Buchstaben füttern und natürlich in die Sauna: mit Finninnen über Finnland und den Rest der Welt quatschen.
Rein äußerlich passiert heute nicht viel. Aber drinnen, da bewegt sich eine kleine Welt.
Im Schatten des Saana…

„Und jeder unterhalb der Oberfläche kannte mich“: eine heilige Bergumrundung

Der Morgen beginnt mit Poesie. Auf dem Weg zu den Katakombenwaschräumen hat ein Wandersmann den Türsteher von gestern abgelöst. In gebrochenem Englisch teilt er seine gestrige Trekkingerfahrung zum einsamen See mit zwei älteren Damen. Sie klingt so:
„This lake was so dark. When I dropped in, I had the feeling, that everyone under the surface knew about me. That was beautiful.”
Und jeder unterhalb der Oberfläche kannte mich. Das war wunderschön.
Was für ein Satz!

Beim Frühstück ist der Polarpiepmatz wieder da. Er hat seine Freundin mitgebracht, wir frühstücken also zu viert.
Danach sind wir bestens gestärkt für die Umrundung des heiligen Bergs Saana. Nachdem wir gestern oben drauf waren, geht’s heute einmal drum herum. Im Uhrzeigersinn – wie beim Mount Kailash in Tibet.
Das einzige Boot des Sees landet in großen Wellen an, wir stiefeln los. Hinein ins große Nichts.

Nach den ersten zwei Kilometern ist es dann soweit. Inmitten endloser Weite lege ich ein Schweigegelübde ab. Bis zum Ende der Wanderung – mit einer einzigen Entlastungausbrabbelpause beim See Saanajärvi, der die Halbzeit der Wanderung einläutet.

Eine neue Erfahrung: sich selbst nicht immer quatschen hören, die Stille einfach mal ertragen, den Gedankenblubber, der ansonsten sofort nach außen drängt, einfach mal unausgesprochen vorbeiziehen lassen. Wie die Wolken. Unfassbar, wie erleichternd das sein kann.
Wie entspannend. Für alle.

Saanajärvi. Heiliger See im Schatten des heiligen Bergs.
Hier gibt’s die angekündigte Brabbelinkontinenz und eine Cola, bevor wieder Stille herrscht.

Weiter schweigend am See entlang. Mit einer tiefen Ruhe, die keine der Pilgeretappen des Jakobswegs je für uns auf Lager hatte. Eine Entspannung, die ich kurzzeitig mit Müdigkeit verwechsele – so ungewohnt ist sie.

Nach dem See folgt ein kleiner Pass mit Ausblick auf der Spitze. Und was für einem!
Die Erhabenheit dieses Bellevues schlägt einem mit ungeahnter Wucht in die entspannte Visage. Eine Aussicht, die aus purer Schönheit zu Tränen rühren kann.

Im Schatten des Saanas steigen wir nicht nur schweigend, sondern auch sprachlos bergab.

Das anschließende Urwäldchen riecht ätherisch, es passt so ganz und gar nicht, dass man hier vor allem eins hört: die einzige Straße weit und breit. Ein Wäldchen, durch das man nicht allzu entspannt dackeln sollte, da ansonsten die Wurzeln nach einem greifen.

Wir stapfen durch ein Feuchtgebiet – theoretisch die perfekte Brutstätte für die weltbekannten finnischen Moskitos. Praktisch hat uns in ganz Finnland noch nicht eine Mücke gezwackt. Auch das bleibt ein unerklärliches Mysteriosum.

Mitten im tiefen Dickicht finden wir Zeichen von Zivilisation. Ein ganz Lustiger hat ein Schild in den Boden gerammt, auf dem steht, dass es zum Betreten des Urwäldchens eines Passierscheins bedarf. In vier Sprachen. Gut zu wissen, dass wir illegal im Nichts unterwegs sind.

Sollte uns also jemand ansprechen (von all denjenigen, die nicht hier sind): Sorry. Wir haben Schweigegelübde.

Nach insgesamt zehn Kilometern spuckt der Wald uns unbefugte Eindringlinge wieder aus. Nach einer der mit Abstand schönsten Wanderungen, die wir jemals unter die Füße bekamen. Nach der ersten, die wir schweigend verbrachten.

Am Abend gibt es Kinderessen für uns: Spaghetti mit Tomatensauce und frisches Brot für die Polarpiepmätze, die mittlerweile zu dritt sind. Die Kunde hat Runde gemacht. Das ist gut so.

Während Chouchou im Magicbus arbeitet, muss ich –kurz vor Damensauna—noch einmal flott an den See. Um herausfinden, wo genau man hier eigentlich schwimmen könnte.

Mit Plastikbirkies schmatze ich mich durch feuchten Morast, bis ich auf dem Gelände der „University of Helsinki, Abteilung: Bio“ fündig werde. Dass ich damit heute bereits das zweite Mal unbefugt irgendwo eindringe, weiß ich allerdings noch nicht. Sondern erst, als Mikko mich anspricht.
Der bärtige, runde Finne, der augenscheinlich schon gemütlich einen in der Krone hat, weißt mich äußerst charmant darauf hin, dass wir uns hier auf Forschungsgelände befinden.
Schwimmen für mich?! Na ja, das wäre eher eine Grauzone. Eigentlich eher nicht, eigentlich aber auch möglich, wenn ich nirgendwo anders einen Einstieg in den See fünde.
Nach kurzem Abwägen einigt Mikko sich mit sich selbst darauf, dass ich morgen wieder kommen kann. Er hat dann nichts gesehen.
Unsere kleine Verhandlung endet mit einem Dialog, der finnischer nicht sein könnte:
„So. Ich muss jetzt los. Sauna!“
„Jojo. Da war ich gerade schon.“
„Schön. Bis morgen dann.“
„Jojo, bis morgen.“
Wir sehen uns in der Grauzone.

In der Stille des Laufens kam mir heute ein loser Gedanke:
Vielleicht hängt die Qualität unseres Lebens manchmal auch ein Stückchen davon ab, was wir der Welt aktiv von uns aus anbieten. Weil das die Resonanz beeinflusst.
Das muss ja nicht immer viel sein: ein Lächeln, ein poetisches Wort, vielleicht tut´s manchmal auch einfach ein Schweigen im richtigen Moment.
Je mehr wir von uns geben und zeigen, desto eher werden wir alle miteinander bekannt – gekannt.
Ein erster Schritt zu:
Und jeder unterhalb der Oberfläche kannte mich. Das war wunderschön.
Ich finde, das ist ein netter Gedanke. Manchmal einfach ein bisschen –nur ein kleines bisschen– jenseits der Nehmermentalitäten…

Am Türsteher vorbei auf den heiligen Berg Saana

Am Morgen gibt’s Frühstück mit Aussicht: Ei mit veganem Tubenkaviar und Nutella für uns, unauffällig verteilte Brotkrumen für die Vögelchen. Denn der nette Piepmatz, der Dauergast vorm Magicbus ist, soll ja auch nicht leben wie ein Hund. Zumindest nicht, so lange die Globetrottels hier sind.

Vor dem Waschraum unseres finnischen Ferienparks liegt heute Morgen ein Türsteher. Beim Zähneputzen wird´s spannend, ob er uns reinlassen wird: in die welken 60er Jahre Katakomben, in denen sich Duschen, WCS und Sauna verstecken und die schwer an die verwaiste, alte MedPoliKlinik im Herzen Bonns erinnern.

Zum Frischmachen heißt´s abtauchen in die verlassene Anstalt: zweites Untergeschoss, abwaschbare Fliesen, (gefühlt) neben der Prosektur finden sich die Waschbecken.

Der Türsteher aber hat nur beste Absichten. Entspannt kauend winkt er uns durch. Wir können also mit einem strahlenden Lächeln in den Tag starten: durchgewunken von einem Rentier mit Flauschgeweih mitten im Gesichtsfeld und perfekten Hufen.

Am Magicbus zurren wir uns die Wanderrucksäcke auf. Bereit für einen Pilgerweg.
Bis auf den Gipfel des heiligen Bergs Saana, direkt in unserem Nacken, sind es one-way vier Kilometer und fünfhundert Höhenmeter. Los geht’s.

Schnell lassen wir den finnischen Ferienpark mit seiner Zusammenwürflung aus selbst zusammengezimmerten Winterhäuschen, die eine rustikale, pro-gemütliche Gleichgültigkeit ausstrahlen, hinter uns.

Über Stege und Stein geht es erst leicht bergan durch ein Restewäldchen. Es ist logisch, dass es lange so nicht bleiben kann, die Härte des Aufstiegs aber überrascht uns trotzdem, als wir für den Gipfelsturm rechts ab müssen.

Ab nun geht’s gnadenlos bergauf.
Meist auf einem netten, griffigen Großfels, der Freude macht und Grip hat. Einmal über 214 Treppenstufen. Auch Schotter und Geröll folgen –aber nur kurz– und dann kommt die erste Aussicht über den See Kilpisjärvi.

Wir pusten uns weiter bergauf. Den spiegelglatten See zur Rechten, end- und baumlose Weite zur Linken. Die Wolken zaubern wilde Schattenbilder auf das große Nichts, das sich langsam aber sicher auch beim Wandernden ausbreitet. Gegen die Anstrengung beginne ich innerlich zu singen: das Lied der Ojibwe, des indigenen Volkes, das am Lake Superior lebt.
Es hilft. Natürlich.

Nach eineinhalb Stunden sind wir oben. Puderrot und glücklich auf dem Gipfel des heiligen Saana, 1029 Meter über null, mit Blick auf Finnland, Schweden und Norwegen gleichzeitig.

Eine samische Truppe ist vor uns da. Sie zelebrieren als erste ihren Gipfelsturm: mit schamanistischen Trommeln und Drohne, die das Spektakel filmt. Samen der Neuzeit.
Geduldig starren wir auf Aussicht, Geschehen und den Steinkreis kurz vor Gipfel…

… bis wir dran sind.

Kurz vor Abstieg verewigen wir uns noch schnell im Gipfelbuch, bevor es auf stabilen Sohlen flott bergab geht. Aus Norwegen zieht Regen auf, wir sehen ihn über die Berge anschleichen.

Die ersten Tropfen fallen, als wir die Füße auf den Campingplatz setzen.

Zur Belohnung des Tages –und weil das finnische Feriendorf so lustig ist– wollen wir das allererste Mal auf dieser Reise essen gehen.
Unten an der Rezeption hat´s ein Café, das neben sehr viel Rentierfleisch auch ein vegetarisches Gericht auf der Karte hat: „Eggplant-Burger“. Der ist unserer!

Der fleischlose Finnburger ist ein Erlebnis: Aubergine auf nordfinnischem Brotkäse. Das also ist „Leipäjuusto“: das undefinierbare Etwas, das wir vor zwei Wochen vollkommen unwissend in den Einkaufskorb gepackt haben. Nordfinnischer Brotkäse, der –so lese ich später—auch gerne mit Kaffee übergossen oder kalt mit Moltebeeren gegessen wird. Gehört auf jeden Fall in den finnischen Einkaufswagen: ein ungewöhnlicher Genuss.

Um sechs geht´s wieder in die Sauna. Zweckmäßig, geschlechtergetrennt, mit Finninnen, die niemals bange vor zu wenig Aufgüssen oder einem Schnack sind.
Dreimal schwitzen, dreimal kalt duschen, Wärmflasche machen und ab in den Magicbus zum Tagebuch tippen.

Es ist ein Faszinosum, dass in diesem lustigen Park keinerlei Touristen von außer Landes sind. Wir sehen weder Schweden, noch Norweger und schon gar keine Deutschen.
Hier sind lediglich Finninnen und Finnen und FinnenInnenkinder, die wandern, schwitzen, schnaufen, essen, duschen, leben, Feuerchen machen und ihre Zelte gnadenlos in der Schräge aufbauen.
Finnische Ferienparks: ein besseres Eintauchen in die finnische Lebenswelt gibt es, glaube ich, kaum. Es sei denn, man wird Rentierzüchter.
Oder Startup-Unternehmer in Helsinki. Für ungenormte Bausätze zur Zusammenzimmerung von Winterhäuschen, die eine rustikale, pro-gemütliche Gleichgültigkeit ausstrahlen.

Aus Norwegen zurück nach Suomi über Finnland und Schweden

Die Sonne brennt uns um sieben aus dem Dachzelt. Über dem See herrscht Windstille. Surreal.
Es ist, als würden wir an einem anderen Ort erwachen. Ein versöhnliches Auf Wiedersehen, bevor wir weiterziehen.

Als wir der Mama des grauäugigen Samens mit Gummistiefeln Tschüss sagen, sitzen die zwei Mädels, die mit ihren Rädern unterwegs gen Nordkapp sind, und die ich gestern in der Küche in Beschlag nahm, Müsli mümmelnd am Frühstückstisch. Fröhlich wollen wir sie Adieu winken: ungehört.
Beide sind sie zu beschäftigt mit zwei Profiradlern in knappen Höschen, deren Fahrräder teurer als der Magicbus sind und die Sturzhelme beim Frühstück tragen.
So engagiert wollte auch ich mal in den Tag starten.

Unsere Reise trägt uns heute aus Norwegen nach Finnland, nach Schweden, bevor es zurück nach Suomi geht. Natürlich ist auch das Finnland, es klingt im Sprachfluss aber besser: „zurück nach Suomi“.

Zweihundertvierzig Kilometer und drei Staatsgrenzen sind ein Traum für jedes zollparanoide Häschen.

Beim Überschreiten der ersten Grenze spüren wir: Wir haben Finnenbock! Der aber muss sich noch ein wenig geduldigen.
Zuerst muss es einmal kurz nach Schweden gehen: zum Einkaufen, da der norwegische REMO1000 sonntags zu hat. Ich aber kann keinen Meter weiter reisen, solange ich nicht neue Wolle habe!

Wir verlassen den schwedischen KnüsselTanteEmmaLaden kurz hinter der Grenze mit vier, bunten Knäulen und einem Set neue Nadeln. Jetzt kann der Finnenbock kommen.

Hundert Kilometer rollen wir am Grenzfluss Könkämäeno entlang und die Handys spielen verrückt.
Pling: „Willkommen in Schweden.“
Pling: „Willkommen in Finnland“.
Pling: „Nee, sorry. Doch Schweden.“
Pling: „Willkommen in Finnland!? Oder?!“
Auch die Zeit springt hin und her. Ob´s jetzt halb zwei oder halb drei oder doch halb zwei ist?
Verloren in einem Mini-Zeitloch für Grenzgänger.
Fakt bleibt: in Finnland ist es immer eine Stunde später als in Schweden.

Das Land wird weiter, die Bäume gelber, die Berge höher.
Wolken am Horizont, die wirken, als habe sie jemand mit dem Kuchenmesser geteilt. Riesige Sahneberge strecken sich gen Himmel. Chouchou Kachelmann meint, dass dies ein Zeichen für anrückende Gewitter sei.

In Kilpisjärvi heißt uns ein weißes Rentier am Orteingang willkommen. Deutlich erheiternder als der Sturmbock, an dem wir vorbei gerollt sind: eine ehemals deutsche Verteidigungslinie im Zweiten Weltkrieg.

Kilpisjärvi ist der Hotspot am allerletzten Nordwestzipfel Finnlands, wo das Land gemeinsam mit Schweden und Norwegen ein Dreiländereck bildet.
Oberhalb des Sees parken wir am hintersten Rande des finnentypischen Ferienspots „Kilpisjärven retkeilykeskus“ ein. Im Schatten des heiligen Bergs Saana, der direkt in unserem Nacken steil wie eine Himmelsrampe in die Höhe schießt.

Wenn man den schröddeligen Wohnwagen mit Satelittenschüssel ausblendet, darf man unbescheiden behaupten: Wir haben eine unschlagbare Traumaussicht.

Am Abend ist es Zeit, ganz selbstlos einen Teil zur Völkerverständigung beizutragen. Da Chouchou nicht will, erbarme ich mich tapfer, ganz allein und stehe Punkt sechs hufenscharrend am Eingang zur finnischen Sauna. Hallo, die Alemans sind da.
Schon sehr lange wollte ich diesen Blog nutzen, um mich mal in einem vorteilhaften Licht zu präsentieren. Das hier ist es: meine Schwertspitze des multikulturellen Konsens.
Noch Stunden später sitze ich hier –rotgebrannt wie ein Hummer—und tippe diesen Text, während die Wände des Magicbus meine Ausdünstungen reflektieren.
Alles nur aus purer Hingabe zum Integrationswillen in dieses wunderschöne Land, das wirklich und ganz in echt „Suomi“ heißt.

Strikking-Bær — eine neu entdeckte Art!

Unsere zwei Sturmtage am See in Kautokeino verwehen in einem steifen Wind, der von Tag zu Tag zunimmt.
Am ersten Abend haben wir mit 4 Beaufort gestartet (Chouchou Kachelmann hat´s mit seinem Gadget ja nachgemessen), am nächsten Tag sind wir bei 5 und klettern gnadenlos auf 6.
Gemütlich draußen sitzen geht nur in hochalpinen Windbreakern – während der Kocher auf dem Tisch einem um die Ohren fliegt – auf der zugigsten Ecke des Platzes, die wir zielgerichtet ausgewählt haben. Was tut man nicht alles, um an einem Badestrand zu stehen!? Der Magicbus – für seinen Teil– zieht tagsüber das Dachzelt ein: aus Sicherheitsgründen und wir tragen Windjacken.
Der See schäumt wild und ruft sehnsüchtig nach einer Schwimmerin: Ein Ruf, der ungehört verhallt. Wenn auch mit großer Wehmut und sieben Anläufen, den inneren Schweinehund zu überwinden – aber selbst mir ist es bei dieser Witterung zu heikel. Zur Freude meiner Nasennebenhöhlen – und Chouchous, der die Idee generell für zutiefst hirnrissig hält.

Wir wandern über die Haushügel, auf einem Wanderweg, der offensichtlich lange von keiner Menschenseele mehr betreten wurde. Die morschen Stege holt sich die Natur zurück, zweimal ist der Pfad gänzlich verschwunden, wir schlagen uns per Schweinetaktik durchs Unterholz.

Rechts und links ein Wunderland aus Pilzen, Beeren und Moos. In Nahaufnahme.

Dank Bestimmungsapp finden wir heraus: einiges am Wegesrand wäre durchaus essbar.
Wenn man denn nicht Blau- mit Rauschbeeren verwechselt. Aus ersteren macht man Muffins, mit den zweiten lernt man fliegen. Wir lassen es lieber nicht drauf ankommen…und gehen weiter.

An einem namenlosen See machen wir Rast und taufen ihn auf den Namen „Kloden-Idioti-Innsjø“ = „Globetrottelssee“ auf norwegisch.

Mehr Eroberungen sind für einen Tag nicht angemessen, wir dackeln also wieder zum Sturmcamp auf dem Schröddelplatz zurück. Beeren- und Pilzschlauer, denn je zuvor — bei bunter Mitternacht.

Der heutige Tag ist Haushaltssamstag.
Die Gedanken oft in der Heimat, die Haare gewaschen und sturmgeföhnt, die Fingerchen verkrampft um neue Stricknadeln, die stundenlang klappern in Obsession.
Brutus trägt jetzt eine Bauchbinde und Rudi pastorale Halskrause der dänischen Volkskirche.

Der erste Schal wird länger und länger – ich kann gar nicht mehr aufhören.
Als ich Stricknacken kriege, packe ich mir eine Wärmflasche auf die Schultern und weiter geht’s, die Krämpfe in den Fingern einfach wegschüttelnd: besessen von einem Hexenwerk.

Bevor es morgen weiter geht, müssen wir noch einmal zurück in den REMO1000: mehr Wolle holen.
Möglicherweise habe ich bei den Nahaufnahmen der ganzen Beeren und Pilze doch irgendwas abgekriegt?
Die norwegische „Strikking-Bær“ vielleicht?!
Eine noch unentdeckte Beerenart des Nordens: die berauschenden „Strickbeere“, die ganz schnell süchtig und das Leben bunter macht.

Größenwahnsinn in Wolle in Kautokeino

Nach einer ausgedehnten Dusche im größten Wellnesstempel des Samenlands rollen wir weiter gen Südwesten.
Hinein in ein bergiges Grün, das langsam seine Farben fallen lässt: ein erstes Gelb der Blätter.
Namenlose Flüsse und Seen fliegen vorbei, die so unberührt und sauber sind, dass Wehmut aufkommt, wenn man sie vergleicht mit all den verdreckten Gewässern des restlichen Erdballs.

Wenn diese Reise eines tut, dann ist es ein Gefühl für die ernste Verpflichtung, diese Welt mehr schützen zu müssen.
Mama Erde, wir haben nur diese eine und ihre Zerstörung schreitet in viel zu großen Schritten viel zu schnell voran.

Nach hundert Kilometern treffen wir auf die Hauptstraße aller Hauptstraßen des hohen Norden:
die E 45, die rechts gen Nordkapp rollt. Wir biegen links ab.
In Indien ist uns einst vorgeworfen worden, dass es hochmütig von uns sei, dass Taj Mahal links liegen zu lassen. Anscheinend haben wir die gleiche Arroganz noch immer: auch das Nordkapp lassen wir gnadenlos weg.
Damit ist auch die häufigste Frage geklärt, wenn es um unsere Reiseroute geht:
„Und? Schon am Nordkapp gewesen?“ Nö.
„Ihr fahrt aber noch, oder?!“ Nö.
„Lasst ihr das echt links liegen?“ Nö. In unserem Falle, liegt es ja rechts.

Die nächsten vierzig Kilometer des Tages –und die letzten—haben ein Kreuzchen im Kalender verdient, denn der Magicbus überholt ein anderes Autol!
Mit stolz geschwellter Brust schaffen wir es am Mittag bis nach Kautokeino.

Da wir am See, sieben Kilometer weiter, ein paar Tage bleiben wollen, nutzen wir in diesem kleinen Samendorf die Chance, unsere Vorräte endlich mal wieder ordentlich aufstocken.
Im Remo1000 kaufen wir erst das Nötigste – und noch viel mehr.
Der Gewinner des Impulskaufs ist eine riesige Bunte Tüte.

Vor vierzig Jahren gabs beim Meiering TanteEmma-Laden in Bocholt-Stenern für 50 Pfennig Taschengeld zehn Gummitiere (und eins kostenlos in die Schnute, wenn Frau Meiering nicht guckte). Heute ist es umgedreht.
Beim Remo1000 in Kautokeino gibt es fünfzig Gummitiere für 10 mal 10 Kronen. Dafür aber keins kostenlos in den Mund.

Der Zweitplatzierte des Spontankaufs ist ein Buch mit sieben Siegeln.
Ich bitte höflichst von Rückfragen abzusehen: ich weiß es selbst nicht, was mich reitet, als ich impulsiv Wolle und Stricknadeln in den Einkaufskorb werfe.
Stricken habe ich nie gelernt. Aber plötzlich will ich es.

Als wir am See antuckern, ist keine Menschenseele vor Ort. Der Platz hat bessere Tage gesehen, im Allgemeinen würde man von „eher abgerockt“ sprechen.
Die „Resepsion“ ist nur mit geübter Kombinationsgabe zu finden, dort tapert gerade ein grauäugiger Same in Gummistiefeln umher: der Platzwart.

Hinstellen können wir uns wo immer wir wollen.
Das ist damit: am Seeufer neben dem Sandstrand und Popo in den Wind, der ordentlich aus Süden kommend über den Teich bläst. Nach Chouchous Messung mit 4 Beaufort: eine „mäßige Brise“, die sich ungleich steifer anfühlt.

Camp aufbauen mit Sturmfrisur, das Dachzelt schlägt Alarm im Wind. Nach dreißig Minuten lernen unsere Stühle fliegen und wir entscheiden uns, dass heute Abend drinnen gekocht wird. Ein großer Luxus, der auf fast allen Plätzen in Skandinavien möglich ist: denn beinahe überall hat´s Indoorküchen zur freien Benutzung.

Als das Quinoa köchelt (Chouchou hat bis zum letzten Löffel keine Ahnung, was er da zu essen bekommt), überlege ich mir die ersten Strickschritte. Mit Youtube-Tutorials kann man ja angeblich auch OPs am offenen Herzen lernen, dann kann´s mit dem Stricken ja nicht so schwer sein.
Oh, wie weit gefehlt!

Nach dem Essen will ich die erste Maschen probieren: heidenlos erfolglos.
Siebenmal muss ich das Video zurückspulen, um überhaupt zu checken, wie man den Anfang hinbekommt. Siebenmal verheddere ich mich gnadenlos. Wie bloß kann das denn so schwer sein?

Nach dem sechszehnten, erfolglosen Versuch werfe ich die Nadeln frustriert von mir. Beleidigt wie eine Vierjährige, deren zehn Gummitiere von Meiering alle vom eigenen Bruder angeleckt wurden und damit ungenießbar sind.
Stricken –unfassbar!–ist ein Hexenwerk.
Es braucht viele, lange Atemzüge, damit ich wieder so alt werde wie ich bin.
Also: nochmal probieren!
Hexenwerk, das sollte ich doch lernen können.
Gefühlt brauche ich für die ersten zwanzig Maschen zwei Stunden. Aber immerhin: sie sehen einigermaßen gleichmäßig aus. Also:Dranbleiben!
Dann wird´s vielleicht auch irgendwann etwas mit dem eigenen Norwegerpulli, den man auch bezahlen kann…

Auf einer Sanbank: das Jetzt! Unterwegs nach Karasjok.

Hochsommer im hohen Norden: 24 Grad, Sonnenschein, ich trage Kleid.
Ein äußerst angemessenes Outfit, um dem Nordpolarmeer fürs Erste Adieu zu sagen:
Adieu blaue Fjorde, hallo gefaltetes Fjell.

Auf der entspannendsten Straße der Welt rollen wir westwärts. 100 Kilometer durch gleichförmiges Grün, in dem die Augen nicht ständig suchen müssen: Erholung von der Dauerbombastizität der Fjordlandschaft. Nur eine handvoll Autos kommen uns auf der gesamten Strecke entgegen.

Über weiche Hügel rollen wir sanft, immer am Grenzfluss zu Finnland entlang, dem Tana –so blau wie mein Kleid, mit eingesprenkelten Steinen und Sandbänken dazwischen – wie die Zitronenkuchenkrümel auf besagtem Fummel.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses –in Finnland– ist es eine Stunde später als in Norwegen.
Man könnte von hier aus also in die Zukunft schwimmen. Oder –von der anderen Seite aus–in die Vergangenheit.
Irgendwo in der Mitte wäre dann entsprechend heute.
Auf einer Sandbank: das Jetzt…

Auf solche Gedanken kommt man, wenn praller Sommersonnenschein ungehindert auf die Frontscheibe des Magicbus knallt. Tuckernde Sauna rollt durch eintöniges Grün: das nuckelt selbst den stärksten aller Wikinger ein.

Am frühen Nachmittag erreichen wir das erste Dorf nach dem Varangerfjord: Karasjok, Sitz des samischen Parlaments Norwegens.

Leider ist das norwegische „Sameting“ –Pendant des Saros in Inari, Finnland—für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.
Kein Chaga für uns heute. Schade.
Die Architektur aber haut auch ganz ohne Birkenpilzgebräu aus den Socken.

Auf dem lokalen Campingplatz parken wir heute zweiter Reihe, obwohl der Übernachtungspreis „Erste Reihe Aussicht“ vermuten lassen könnte.

Aber ein Husky bellt herzzerreißend nett, ein Rasensprenger lädt zum Durchspringen ein und die Waschräume sind „eins A-er“ als alle, die wir auf dieser Reise je gesehen haben. Fokussieren wir uns also darauf.

Obendrein haben die bösen Mücken, vor denen überall gewarnt wird (die Rezeption verkauft Kopfnetze!), heute anscheinend noch nicht eingecheckt.
Also bleibt das Kleid an, draußen im samischen Sommersonnenschein.
Ein weiteres Geschenk des Himmels…

Adieu Barentsee

Nach einem fabelhaften Sonnenuntergang und einer unstürmischeren Nacht als gedacht…

…strahlt die Sonne am Morgen über Hamningberg. Der Wind hat sich gelegt, ein perfekter Zeitpunkt zum draußen Kaffee trinken; ein perfekter Zeitpunkt, um nach dem dritten ein Walskelett suchen zu gehen.

Angeblich soll einen Kilometer hinter unserem Nachtplatz vor langer, langer Zeit ein armer Wal angeschwemmt worden sein. Das will „Globetrottels investigativ“ natürlich gucken.
Über weiche Wiese wird der Weg schnell geröllig und bleibt auch das nicht sehr lang.
Flott kraxeln wir über handballgroße Steine, Wassermelonengeröll und Uraltbaumstämme, die angeblich bis zu hundert Jahre alt sein sollen – aus Russland kommend über die Barentsee.
Haxenbrecherpfad Klasse 1 mit Traumaussicht.

Das Skelett finden wir nicht. Lediglich ein Knöchelchen, das wir für die Stimmung zur Walgräte erklären (— auch wenn’s eher wohl Rentierelle oder –speiche ist, das weiß aber ja niemand.)

Ebenso wenig lässt sich auf dem tiefen Blau, auf das wir stundenlang starren, einer der lebenden Genossen in der Bucht blicken.
Ist vielleicht zu früh im Jahr? Oder wir optisch einfach zu schlecht eingestellt!?

Nur ein nervöses Rentier galoppiert vorüber. Mit intakter Elle und Speiche.

Um eins ruft uns die Abenteuerstrasse zurück. Eine Straße, die eindeutig in der gleichen Liga wie der nepalesische Siddhartha-Highway bei Monsoon spielt, wenn man unsere Nervchen fragt. Aber es hilft ja nix.
Es gibt ja nur die eine zurück in Richtung Rest der Welt.

Zu unserem Erstaunen grooven wir viel weicher zurück als angespannt erwartet: Niemand, der vor uns bummelt und bremst, uns kommen lediglich zwei Wohnmobile entgegen und auch der Magicbus frisst auf der Strecke weniger als ein Drittel des Öls, das er auf der Hintour soff.
Seltsam schöne Welt.

Bei Vardø biegen wir erneut auf die Panoramastraße 75 ab: einer der schönsten Straßen Norwegens, wenn man die Touristikwegpage fragt. Zu Recht.

Aus der heutigen Richtung ist sie fast noch schöner als aus der gestrigen. Mal wieder die Perspektivwechselnummer. Und das Lichtphänomen in blau.

Da unser Abenteuerkontingent für heute schon wieder aufgebraucht ist, machen wir es uns leicht:
Wir checken um halb vier zum zweiten Mal einfach auf der Wiese der Jakobselfen ein, statt die eigentlich geplanten weiteren 200 Kilometer noch in Angriff zu nehmen.

Gegen die Straße – für kosteninkludierte, heiße Dusche und eine warme Mahlzeit, die ich unbedingt heute noch kochen möchte. Diesmal: vernünftig herum in Reihe geparkt

Letztes Gemüse im Sonnenschein schnibbeln, heißes Teewasser aus der Gemeinschaftsküche holen.
Am Lachsfluss um die Ecke versteckt sich die Sonne erstaunlich früh über Fischen, Weidenröschen und Insekten, wir duschen heiß im Dämmerlicht.

Ab morgen wird es westwärts gehen, die Fjorde des nördlichsten, norwegischen Ostens hinter uns lassend.
Bilder, die wir nie vergessen werden. Das tiefe Blau der Barentsee – auf immer eingebrannt.

Und der Captian schrief: „Ziehen!“ bis ans Ende der Welt

Dank Schwarmintelligenz finden wir gestern Abend noch heraus, was die Gebilde am Strand sein sollen: Aufhängungen für Stockfisch.
Wir lernen: Schon seit dem 8. Jahrhundert ist es Sitte, in Nordnorwegen den Fisch himmelzubestatten. Sehr spannend.
Außer anscheinend für die Möwen. Warum die sich überhaupt nicht für den Hängekabeljau interessieren, konnte uns leider niemand verraten.
Möglicherweise, da Eingeweide und Kopf nicht mit erhängt werden!? Möglicherweise, da Norwegens Möwen lediglich Sushiliebhaber sind?! Möglicherweise, da in jeder Möwe ein verkappter Parfumeur steckt?!
Letzteres halte ich für am wahrscheinlichsten. Wer kennt sie nicht: die weltberühmten Chanel-Möwen Norwegens…

Fein ausgeschlafen erwachen wir auf der Wiese der Jakobselfen. Quergeparkt.
Beim ersten Kaffee fällt uns auf, dass der Magicbus vom Start dieser Reise in Halifax bis hier her 40.000 Kilometer abgerissen hat.
Vierzigtausend Kilometer: einmal um die Erde!
Beim zweiten Kaffee fällt uns auf: da darf dann auch der Keilriemen mal schlackern.

Tatsächlich tut er es heute aber wieder nicht. Wir starten mit dem altbekannten Tuckern, ohne Kreischen, bereit für eine zweite Weltumrundung. Vielleicht.

Mit großen Plänen in den Backen kommen wir heute mit dem ersten Startuckern nicht sehr weit.
Kurz nachdem wir auf die E75 gen »Ende der Welt, Teil 2« abbiegen gibt´s eine Panne.
Erstaunlicherweise nicht bei uns, sondern beim Captain der norwegischen Marine. Der Magicbus als Pannenhelfer und nicht als Verletzter: das hätte wohl niemand erwartet.

Der Captain braucht Hilfe. Sein linkes Hinterrad hat alle Muttern von sich geworfen und steht schräg in einer Achse, die traurig viel Bremsflüssigkeit unter sich lässt.
„Ziehen!“ meint der Captain.
„Captain, ich glaube, das ist keine gute Idee.“
„Doch. Ziehen!“ schreit der Captain.
Matrosen mucken nicht auf. Na gut, wenn der Captain es sagt.
Also wird der desolate Uraltgeländewagen an die Leine gelegt.
„Ziehen. Jetzt!“ brüllt der Captain. Also ziehen wir.

Weit geht es so nicht, genau genommen erreichen wir nicht einmal die fünf Meter entfernte anvisierte Parkbucht.
Nach einem knappen Meter wirft der Uraltgeländewagen das Rad gänzlich von sich, mit herzzerreißendem Scheppern kippt das Auto auf die blanke Radaufhängung der Achse.

Nicht des Magicbus´ Schuld: er macht so etwas zum ersten Mal.
Der Captain schreit: „Egal. Einfach weiter ziehen!“
„Captain, nein! Das reicht! Wir ziehen Sie nicht mit der blanken Radaufhängung der Achse über die E75.“
Meuterei auf der Bounty. Der Captain muss leider klein beigeben.

Zu dritt sichern wir die Pannenstelle ab, schieben zumindest den Anhänger in die Parkbucht und warten auf eine Pannenhilfe, die bestimmt auch nicht bereit sein wird, den Captain auf der blanken Achse über den Asphalt zu schleifen.
„Bin Jahrzehnte zur See gefahren, hab unter Eisenhower gedient,“ meint der Captain, als wir warten. Kurz überschlagen muss er also Mitte 80 sein, mit 60 Jahren Polarmeererfahrung. Sicherlich hat er schon sehr viele Male seinen Kahn über den nackten Asphalt der E75 gezerrt…

Weiter den Varangerfjord hinauf Richtung Vardø: Schafe an den Straßen, Schafe am Meer, Schafe überall. Kurzum: erstaunlich viel Viehwirtschaft.

Im Hintergrund taucht irgendwann der Ort auf: Vardø. Mit Möwen und Rentieren im Vordergrund.

Hier fahren wir links – auf die letzte Straße der Halbinsel. Einspurig.

Es gibt nicht viele Superlative, die diesen Weg angemessen beschreiben können.
Überwältigend, phänomenal, gigantisch vielleicht – zweifelsohne aber atemberaubend.
Der Magicbus schlängelt sich bergauf, bergab durch Gesteinsformationen, die nicht von dieser Welt scheinen, blaue Teiche im Grün, das blaue Polarmeer immer in Sichtweite.

Praller Sonnenschein über schroffem Geröll. Surreal, fast extraterrestrisch. Und wieder Rentiere am Strand. Sorry.

In Hamningberg, einem verlassenen Fischerort am Ende der Welt, wollen wir heute Nacht bleiben.
Wir müssen auch, weil dieser Abstecher all unsere Kraft gefordert hat. Insbesondere die des Magicbus: 1 Liter Öl auf 120 Kilometer. So viel Durst hatte er noch nie. Armer, tapferer Bulli.

Auf einer Wiese mit Fjordblick parken wir zwischen deutschen Mitcampern ein. Und staunen, dass die deutsche Campermentalität auch 3500 Kilometer weg von zu Hause nicht immer auf der Strecke bleiben muss.
Beim Einparken werden wir aus vier Klappstühlen heraus genauestens beäugt. Als ich winke, wird beschämt wegguckt ohne die Hand zum Gruße zu heben.
Niemand kann aus seiner Haut: Da kannste soweit fahren wie de wills, man nimmt sich immer mit.

Hamningberg wirkt genauso surreal wie die Anfahrt hierher. Der Ort ist leergepustet, die Häuschen aber stehen frisch gestrichen vor der schroffen Felswand. Knallblaues Meer, das scharf schäumt, ein unerbittlicher Wind fegt über eine bunte Szenerei, die scheint, als sei sie –nur für heute– aus einem Märchenbuch geborgt.

Wir laufen die letzte Straße der Welt bis zu ihrem Ende. Dahinter kommt nur noch ein Leuchtturm und Nordpolarmeer. Und Möwen und Wellenrauschen und ein Kuss auf „world´s end“.

Dies ist der östlichste Punkt unserer Reise, auf dem gleichen Längengrad wie Sankt Petersburg, östlicher als Istanbul.
Um hierher zu kommen, darf man sich ruhig einiger Superlative bedienen.
Wie: überwältigend, phänomenal, gigantisch. Atemberaubend.
Und der Captain schreit: „Ziehen!“ Bis ans Ende der Welt!
Heißt auf norwegisch: „Ta meg til jordens ende.“
Da wären wir also….

Perspektivwechsel…ist nie langweilig.

Unser letzter Morgen in Berlevåg startet mit flirrender Spannung.
Was ich gestern aus rein magischem Denken (und eigener Nervenschonung) nicht erwähnte, lässt sich heute Morgen leider nicht mehr ignorieren.
Die große Bauchwehfrage: Macht der Magicbus wieder Faxen beim Starten?!
Bei den letzten drei Anlassversuchen hat er sich (mal wieder) ein neues Geräusch ausgedacht hat. Eins, was einfach nicht dahin gehört.
Diesmal: schleifendes Kreischen aus der Keilriemengegend.

Ach, lieber Magicbus.
Warum eigentlich machst du so etwas am liebsten, wenn wir am Ende der Welt sind?
So, wie vor gut einem Jahr tief im Yukon … und noch 400 Kilometer bis ins nächste Dorf, und noch 700 Kilometer ohne Telefon- oder Internetz, und noch 2000 Kilometer bis zur nächsten VW-Werkstatt.
Zugegeben: eine Panne in Berlevåg käme im Vergleich nicht auf ein Elftel des Abenteuers von damals.
Denn hier –am Arsch von Norwegen—gibt es zumindest Telefon, Internet, ADAC Goldkarte, die Hurtigruten, die uns für entsprechend großes Kleingeld gen Oslo schippern könnte. Vor allem aber hat´s hier das allerwichtigste: Mitmenschen.

Auf kurzen Nägelchen kauend –ganz ohne Unterlippe, die ist schon weg—zögern wir die Abfahrt hinaus.
Einen Kaffee noch, erstmal Brötchen aufbacken, eine Dusche. Es geht soweit, dass ich mir sogar die Haare wasche: morgens! Haare, die seit fünfundzwanzig Jahren nur Shampoonieren am späten Abend kannten.
Irgendwann aber fassen wir uns ein Herz: wir müssen ja!
Mit zugekniffenen Augen starten wir hochangespannt den alten Bulli-Schiffsmotor.
Es knattert und dieselt über den Platz. Wir horchen. Und lauschen. Wir hören ganz genau hin.
Und hören: nichts. Nichts, das irgendwie außergewöhnlich wäre.
Ein alter Traktor, der startet, ein Keilriemen, der geräuschvoll schwingend schlackert—boomshakalaka. Alles ist wie eh und je.
Das schleifende Kreischen, das der Magicbus die letzten drei Male zunehmend zum Besten gab, bleibt aus. Gänzlich.
Er war, ist und bleibt ein großes Mysterium. Unser Magicbus.

Mit aufgerissenen, staunenden Augen rollen wir vom Platz.
Zwei Koboldmakis in der Fahrerkabine –mit Ohren, groß wie die der Wüstenfüchse, mit Nägeln wie Faultiere nach zu engagierter Maniküre, mit dem Herzklopfen von Kolibris. Nur der Magicbus tut so, als ob niemals irgendetwas gewesen sei…

Adieu, zauberhaftes Berlevåg mit all deinen Menschen:
Adieu, lieber norwegischer Nachbar, der uns –entschleunigend wie ein Bergflüsschen–von seiner Nordkapperfahrung im Nebel berichtet.
Adieu, verlorene Schweizerin, die auf der Suche nach einer neuen Zukunft ist.
Adieu, finnische Anglerboys mit Alphamentalität.
Adieu, sanfter Althippie mit Hund in einem T4, der noch schröddeliger als der Magicbus ist.
Adieu Ingo und Ute im Husky-Club-Partnerlook. Er (möglicherweise) stumm, sie als Kind in Hamburger Brabbelwasser gefallen. „Ich komm kurz klönen,“ sagte sie, schnappte sich ihren Campstuhl und erzählte uns dann ihre ganze Lebensgeschichte ohne, dass wir auch nur eine einzige Gegenfrage stellten.
Ute trägt jeden Tag Rentierohrringe in großen Ohrläppchen und bunte Federn am Cowboyhut. Sie ist mit dem Weihnachtsmann befreundet, sagte sie. Und Frühaufsteherin, Neufinnin und 15Kilometerläuferin mit Rückenproblemen. Ihr Husky haart stark und liegt genauso stumm wie Ingo zu ihren Füßen.
Nach einer halben Stunde hatte Ute fertig, sie musste Mittagsschlaf machen: „Schön, Euch kennengelernt zu haben. Ich mag alternative Leute.“ Wie auch immer Ute darauf kam. Denn weder der Husky, noch Ingo, Chouchou oder ich hatten in den dreißig Minuten unserer Begegnung etwas gesagt. Wir alle haben einfach still die Ute-Show genossen.

In zweihundert Kilometern Traumfahrt beruhigen sich unsere Nerven wieder. Wegen des Bullis, Ute war schon gestern da und hat uns gar nicht aufgeregt.
Wir rollen die Straße zurück, die wir gekommen sind: am Strand mit den Rentieren vorbei (ein Lesender mag dieser langsam müde werden, einem Sehenden passiert das wohl nie), eine Entenfamilie kreuzt unseren Weg.

Die Welt sieht genauso verzaubert aus wie bei Anfahrt – nur andersherum.
Perspektivwechsel…ist nie langweilig.

In Tana Bru biegen wir ab in Richtung Varangerfjord, auf die Panoramastraße E75, die von Norwegen bis Kreta führt und kurz hinter dem Ort einen Wimpernschlag lang fast savannenartig anmutet.

Am Fjord selbst ist dieser Eindruck natürlich direkt wieder verflogen. Wir werden mit dem Blick in Richtung Barentsee wieder am Wasser ausgespuckt.

Deutlich wärmer als am offenen Polarmeer ist´s hier. Davon zeugen die „pink power“-Blümchen am Straßenrand und auch die dichtere Zivilisation. Was auch immer man in Norwegen denn so „dicht“ nennen kann…

Wir rollen bis Vadsø immer am Fjord entlang. Der Campingplatz dort ist leider „midlertidig stengt“, steht an der Tür: Vorübergehend geschlossen. Uns bleibt für die Nacht –wollen wir nicht 110 Kilometer weiter gen Nichts fahren (wollen wir heute nicht!)– also nur noch das Missionscamp in Vestre Jakobselv.
20 Kilometer wieder zurück, zu den christlichen Jakobselfen. Als Ex-Pilger.

Über der “Resepsjon” prangert ein großes Kreuz. Wir stellen uns auf Nonnen hinter der Theke ein und sind mit einer Liedzeile aus „Walking in Memphis” bestens vorbereitet:
„Tell me are you a Christian child?
And I said “Ma´am, I am tonight”…”

Ma´am, we are tonight!
Ein Opportunismus, den man nur auf dem Jakobsweg lernt.

Natürlich aber steht keine Ordensschwester hinterm Tresen. Eine freundliche, junge Frau ohne offensichtliche Gesinnung heißt uns “Velkommen“ – ohne auch nur ein Wort über Jesus zu verlieren.
Auf der Wiese parken wir vor einem Hang, auf dem schmalblättrige Weidenröschen explodiert sind, ein. In der Grillhütte liegen Trockenblumen.

Spaziergang ins Dorf.
In Vestre Jakobselv gibt’s eine Kirche (geschlossen) und ein Fischrestaurant (geöffnet sonntags von 13h bis 19h), vor dem ein paar Norweger mit dicken Mützen sitzen und sich zwei Flaschen Schnaps teilen.

Seltsame Gebilde am Strand, auf denen ein paar Möwen lungern, Schneemobile auf gepflegtem Rasen, Wildblumen jenseits der Grundstücksgrenzen, Plastikstühle mit Aussicht.

Am Vogelausguck ist heute nichts los, die Flut drängt sich blubbernd ins Fjord vor und niemand da, der dem Beachtung schenkt. Außer zwei Globetrottels.

Als wir zu unseren christlichen Jakobselfen zurückkehren, sehen wir, dass in der Zwischenzeit ein paar Nachbarn neben uns eingeparkt haben.
Und wir wissen nicht ganz genau, wie dieses Bild zu deuten ist.

Ob Langzeitreisen verändern?
Wer weiß es schon. Zweifelsohne aber gilt:
Perspektivwechsel…ist nie langweilig.

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »

© 2026 Die Globetrottels

Theme von Anders NorénHoch ↑