Die Globetrottels

Unterwegs im Magicbus

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Nur für Wuzzlovers und Mushroom-maniacs — könnte Spuren von Pilzen enthalten

Ein müder Tag, an dem wir beide etwas angekränkelt sind. Chouchou geht schon seit gestern nicht gut und mir –rein stellvertretend– also mit. Weil wir nach fast eineinhalb Jahren wie ein Ei funktionieren. Ein Ei, dass heute ein besonders gesundes Frühstück bekommt; also: ich. Chouchou isst wie eh und je Nutellabrot.

Trotz aller Schlappigkeit aber hilft es nix: ich muss Gassi gehen. Und weil Chouchou der echte Kranke ist und ich nur eingebildet, darf er heute im Magicbus bleiben, während ich mich alleine in die finnischen Wälder schlage.

Es ist eine sehr spannende Erfahrung, sich ganz alleine in diesen Wäldern zu verlaufen. Hier, wo die große Taiga langsam beginnt, wo sich kein Mensch weit und breit mehr verliert.
Vier Kilometer laufe in den lichten Wald hinein, der –sehr erstaunlich—überhaupt keine Angst macht. Weil ich mich ganz und gar nicht alleine fühle.
Der Wind in den Baumwipfeln leistet mir akkustisch Gesellschaft, genauso wie die Spechte, die mit Nachdruck an ihren Baumhöhlen kloppen.

Armeen von Termiten bauen sich große Paläste, während ich langsam vorüber schlendere und in einer kleinen Höhle abseits des Pfads piept´s.

Pilze, Moose und Beeren überall – in dieser Vielfalt kann man nicht einsam sein.

Je tiefer ich komme, desto wohler fühle ich mich. In dieser Herzensheimat, die sich Wald nennt.
Ich wandere am einsamen Waldsee Särkinen vorbei, in dem ein Reiher verschreckt das Weite sucht, als er mich anhoppeln hört. Genauso wie sein Compagnion: der große Raubvogel, der soeben fette Beute geschlagen hat.
Durch die Bäume hinweg getaucht und zwanzig Minuten später folgt das Moor, umarmt von weißen Flechten, auf denen rote Preiselbeeren wie kleine Alarmknöpfchen thronen.

Ich werfe mich ins Moos, um die perfekten Pilze zu fotografieren –mushroom maniac–und kein geduldiger Chouchou, der warten muss, bis ich endlich fertig habe.

Nach weiteren 30 Minuten taucht ein Tümpel ohne Namen zwischen den Bäumen auf. Auf den Stegen gelange ich bis ans Ufer und raste.

Zwei Schwäne keifen schimpfend in den Wind – ein Geräusch, das so gar nicht zu ihrem eleganten Gleiten auf dem Wasser passt. Eine kleine Libelle fliegt vorüber.

Harmonie…bis ich mich fast zu Tode erschrecke!
Aus dem absoluten Nichts reißt plötzlich ein Überschallknall die Waldsymphonie mit einem Donnerschlag auseinander. Mein Herzklopfen aber hört hier niemand. Und als ich wieder einen klaren Gedanken fassen kann, lautet dieser: 140 Kilometer bis zur russischen Grenze. Wie gut, dass Finnland letztes Jahr der NATO beigetreten ist.

Nach drei Stunden bin ich wieder am Magicbus. Chouchou geht es etwas besser.
Unser Pizzawunsch scheitert, weil die Campingküche dicht hat, also gibt es Nudeln.
Wir quatschen über die Fragilität der Demokratie, lesen über BitCoins, hören einen Podcast über Tiefseemeeresbiologie, filmen einen NATO-Flieger inklusive echtem Geist, stricken Rechtsmaschen und duschen heiß. Dem Lesenden darf überlassen sein zu raten, wer von uns beiden was macht.

Ein stürmisch sonniger Herbsttag in Finnland…

…ganz im Zeichen der Rekonvaleszenz –dessen flammender Sonnenuntergang auf den Kämmen der Wellen ans Ufer gespült wird.

So, als hätten sie einen Goldrand.

Rennen durch den finnischen Wald

Das heutige Tagebuch ist fix getippt.
Nach einem zehnstündigen Sturmschlaf für Fortgeschrittene gibt es Frühstück so spät und üppig, dass man eher von Brunchen sprechen muss. Mit Kresse und Ei, Blaubeeren auf Vanillequark, Nutella auf dem letzten norwegischen Superbrot für Chouchou und Avocado für mich. Leider passt die vegane Kaviarpaste nicht mehr rein. Und der Sekt, den wir nicht haben.

Danach folgt Rennen durch den finnischen Wald.
Acht Kilometer lang unter meditativ gleichförmigen Bäumen hindurch. Die hiesigen Preisel- und Blaubeeren, Moose und Pilze haben schon lange keine Wandersleut mehr gesehen, wir sind vollkommen alleine unterwegs bis zur Inselspitze.

Dort brennt im perfekten deluxe-Shelter ein Lagerfeuer. Frisch aufgelegt und kein Mensch in Sichtweite. Ein bisschen unheimlich ist das schon. Aber toll.

Das Rätsel, wer denn nun der ominöse Feuerteufel war, löst sich nach zehn Minuten ganz von selbst.
Zwei Finnen mit zwei Golden Retrievern kriechen aus dem Gebüsch. Sie sind die Firestarter, die jetzt Würstchen auspacken. Wo auch immer sie herkommen, bleibt es so trotz allem weniger mystisch. Wir nämlich hatten schon wieder die Trolle in Verdacht.

Am Steilufer der Insel treten wir den Rückweg an, nachdem wir ein undeutbares Schild nicht deuten.

Entlang zahlreicher entwurzelter Bäume, die der Sturm in Richtung Landesinnere gefällt hat. Fassungslose Baumwurzeln, die sich haltlos wie ein stummer Vorwurf gen See strecken.

„Jätä puut seisomaan!“ (Lass die Bäume stehen.) Auch sie hat der Wind anscheinend nicht verstanden. Erodierend-bröselnder Uferweg, eine Hürdenhopsetappe.

Zurück am Magicbus knurren die Hopsemägen. Also muss ein essbares, finnisches Allerlei her. Als Vorspeise gibt es Gurkiisaalat, zum Hauptgang Linsensuppe à la Konserve.

Beides reines Vorgeplänkel für den wahren Star des Abends: das Dessert.
Nachdem wir nach wochenlanger Suche endlich fündig wurden, präsentieren die Globetrottels ihren Bäuchen den nordfinnischsten Nachtisch aller: Leipäjuusto mit Moltebeermarmelade.
= Gebratener Brotkäse mit der lediglich wild wuchernden Nordbeere, die nur zwischen dem 54. und 78. Breitengrad wächst. Ein Genuss, der quietscht beim reinbeißen.

Bevor es in die heiße Dusche geht, geht es einfach nicht anders: es muss einmal im kleinen See gedippt werden.
Ein Platsch in tiefschwarzes Wasser, das ein Assoziationsfest für jeden Phantasiebegabten darstellt. Ich traue mich nicht einen einzigen Meter hinauszuschwimmen und bin trotzdem frisch wie Bolle danach.

Mittlerweile geht die Sonne wieder unter. Jeden Tag früher, und jede Nacht wirkt dunkler denn je zuvor.
Um halb neun dippt auch die Sonne in den See – allerdings den großen.

Der Herbst kommt in großen Schritten. Es werden nicht mehr viele Nächte sein, in denen ich mein Augenkläppchen brauche…

Mit den Polarlichtern zurück nach Finnland

Und dann waren sie plötzlich da! Auf dem Weg zurück vom Zähneputzen, kurz vor Mitternacht.
Erst ein sanfter Wirbel, der sich schlierenartig über den Himmel zog – fast grau. Und der dann wie ein Chamäleon seine Farbe änderte in ein sattes, magisches Grün:
Polarlichter!

Vor entrückter Ehrfurcht weiß ich gar nicht, wohin mit mir. Zeuge zu werden von etwas so Großem, von etwas so Unbegreifbaren.
Als würde sich –für einen klitzekleinen Moment—ein Fenster in Richtung Unendlichkeit öffnen. Als würde das große Ganze uns für einen Augenblick kosten lassen von seiner Allmächtigkeit. Als würde man einen Wimpernschlag lang den Blick werfen dürfen in die Ewigkeit des Universums. Als wäre unsere Vergänglichkeit nur eine Illusion.
Und als ich des Nachts raus muss –es ist gegen halb drei—höre ich Kinderlachen.

Der Abschied aus Rörbäck fällt uns am Morgen nicht leicht. Auch wenn das Wetter es uns etwas einfacher macht. Der Himmel weint mal wieder.
Beim herzigen Adieu treffen wir die Frau des Charmanten. Und es freut mich immer so sehr, wenn man die Partner von liebenswerten Menschen trifft und spürt, dass diese ganz genauso reizend sind wie ihr Herzensmensch. Zu wissen, dass zwei Richtige sich getroffen haben, macht mich stellvertretend glücklich.

Nach einem Einkauf (Vorrats-Toscabullar) passieren wir die finnische Grenze und es bleibt verrückt, dass wir just ab diesem Moment –genau wie beim letzten Mal–keinerlei ausländische Autos mehr sehen.
Während Norwegen –allen voran die Lofoten—in fester Hand deutscher Touristen ist, werden es in Schweden schon weniger und in Finnland sind sie gänzlich fort.

Warum auch immer niemand hier her fährt? Unsere Herzchen voller Finnlandliebe können es in keinster Weise nachvollziehen.

Wir rollen durch ein Dorf namens „II“. Nicht wissend, ob es sich nun um „i-i“ oder „el-el“ oder „i-el“ oder „el-i“ handelt.

Weiter in Richtung Oulu: der nördlichsten Großstadt der EU, bekannt für „ausgeprägte Wellnesskultur“, die Luftgitarrenweltmeisterschaft und den schreienden Männerchor „Mieskuoro Huutajat“, deren Mitglieder nicht singen, sondern brüllen.

Kurz dahinter, beim Ölcheckstop im Nichts, schleicht sich ein finnisches Paar an uns heran. Zahnlos und neugierig, hängen sie sich gemeinsam mit uns in den Motorraum, um das Öl zu prüfen. Wild gestikulierend, weil wir keine einheitliche Sprache haben und durchaus verbunden: Menschen unterwegs in Schrottautos. Sie zuckeln genauso zögerlich von dannen, wie auch wir mit unserem Magicbus immer starten.

Die Straßen werden kleiner, die Wälder dichter. Irgendwann biegen wir rechts ab auf eine wellige Piste, deren Asphalt deutlich bessere Zeiten gesehen hat, in Richtung der Binneninsel Manamansalo. Hier wollen wir ein paar Tage bleiben.

Beim Einchecken ins Camp möchte ich meinen zwei Stunden lang geprobten finnischen Satz testen: „Leider spreche ich kein finnisch. Darf ich englisch sprechen?“
Heißt auf finnisch: „Valitettavasti en puhu suomea. Osaanko puhua englantia?“ Und scheitere gnadenlos. Betretenes Schweigen auf allen Seiten. Die Campeltern wissen nun zumindest, dass die einzigen Gäste auf dem Platz ziemliche Vollhonks sind. Einen Platz dürfen wir uns trotzdem aussuchen.

Zwischen schlanken, hohen Bäumen parken wir ein. Wenn man sich streckt, kann man vor hier aus den See sehen.
Ein Buntspecht arbeitet hart, ein paar Bachstelzen kommen vorbei, der Wind pfeift mächtig in den Baumwipfeln, die Sonne fächert sich fingerig über dem Wasser auf.

In der Nacht hören wir dem Sturm zu. Es scheint derjenige zu sein, der hier das Sagen hat.
Wir liegen mucksmäuschenstill in unserem Dachzelt und ich traue mich nicht zu rufen: „Bitte lass die Bäume stehen!“ Heißt auf finnisch:“Jätä puut seisomaan!“;
wissend, dass er mich eh nicht verstehen wird.

Ein Herz für den Polarkreis

Im usseligsten Wetter, das die Welt je gesehen hat werden wir wach. So eingeregnet wie an diesem Morgen war es auf der gesamten Reise noch nie. Wir tragen den Regen hinein. Nach den ersten Kaffees ist der gesamte Innenraum des Magicbus feucht und kühl, als hätte man draußen im peitschenden Regen einen Sturmkocher bedient.
Durch tiefe Pfützen zur Pitstoilette hüpfen, auf denen ein Ölregenbogen träumt.

Kiruna.
Sieht genauso aus, wie man sich eine Eisenerzcity über dem Polarkreis so verstellt.

Der Großteil der Stadt liegt unter einem dichten Nebel, der sich ausweint.
Wir rollen durch das neue Viertel, das bereits versetzt wurde. Bunte Reihenhäuser kämpfen gegen graue Tristesse. Ein Bande schwarzer Vögel im Dunst, vor der neuen Aurora-Bibliothek lungern Taubenskulpturen herum und warten auf ein Futter, das nie kommen wird.

Sehr viel Industrie im Nebel, versteckt hinter einem neugebauten Hotel. Man kann ihn nicht verschleiern: den Geruch von gewaltsamer Penetration der Erde im kalten Regen.

Den anvisierten Mekonomen — Schwedens SupergünstigAutoteilemarkt— finden wir selbst im dritten Anlauf nicht. Stattdessen erstehen wir im Industriegebiet bestes (und doppelt so teures) LiquidMoli-Öl und verbuchen es als Wellnesseinheit für den Magicbus.

Im ICA tun wir das, was wir bereits im REMO1000 gestern in Norwegen taten: unsere liebsten Leckrigkeiten, die es sonst nirgendwo gibt, in den Wagen zu packen. In Schweden sind das Himbeersnusis, rote Currynudeln, perfekt geschmierte Knäckebrote, vegane Kaviarpaste in der Tube und Toscabullar.

Toscabullar: der ultimative Gebäcktraum! Zarte Mandel auf weichem Vanilleteig, am Gaumen zerdrückbar und trotzdem knusprig. Ein Seelentröster par excellence, der klebt wie Hölle. Gut, dass der ICA auch feuchte Tücher im Angebot hat.

Bei Abfahrt kreischt der Keilriemen herzzerreißend. Und fängt sich dann doch wieder. Wie schade, dass der Magicbus statt Zahnriemen keine Zähne hat. Zum Trost hätte auch er jetzt ein Toscabullar verdient.

Wir rollen durch den Herbst. Die Bäume sind mittlerweile gelblich. Endlose Straße immer geradeaus, straight in Richtung Osten. Links ein Eishotel, das noch keine Contenance angenommen hat, rechts diverse Angebote für Huskyschlittentouren, die momentan genauso im Spätsommerschlaf liegen.

Wunderschöne, entspannte Straße: die Tannen grün, die Laubbäume gelb. Obwohl wir noch immer über dem Polarkreis cruisen, fühlt sich die Welt auf dieser Seite deutlich hyggeliger als in Norwegen an. Beruhigender, weniger aufgeregt, gemütlicher. Vielleicht ist diese Umgebung für Gemüter, die von Natur aus schon aufgeregt genug sind, einfach heilsamer!?
Weniger bombastisch. Passt besser zu uns.

Was dazu allerdings so gar nicht passt, ist das Weltuntergangswetter vom Feinsten, dass hinter Gällivare auf uns hinunterprasselt. Bis hierhin war es ungemütlich, jetzt wird es apokalyptisch.
Die Pfützenschwapper von der Gegenfahrbahn knallen wie Geschosse auf unsere Windschutzscheibe. Die Straße fließt, wir schwimmen auf einer Aquaplaningvorzeigespur.
Man muss kein großes Herz haben, um hier für Schutzhütten eigens für Elche zu plädieren. Es wäre dringend an der Zeit für eine Petition.

Polarkreis.
Im strömenden Regen rollen wir hinüber – diesmal in Richtung niedrigerer Gefilde. Dass ich bei der Überquerung vor vier Wochen in Richtung Norden ein kurzes, blaues Kleid trug, lässt sich in diesem Moment kaum glauben.

Genauso wenig glaubwürdig wirkt der Szenenwechsel, der uns keine fünfzig Kilometer später erwartet. Über dem scharfen Wind lässt sich plötzlich die Sonne blicken.
Weitere fünfzig Kilometer und ich spiele mit dem Gedanken, das kurze Blaue wieder rauszukramen.

Weil es auf der Strecke liegt und weil Rörbäck ein so guter Ort für uns war, wollen wir für eine Nacht wieder an der Bottenwieck halten. Wie vor vier Wochen, als es Zeit war dösende Robbe auf den Felsen im Meer zu spielen.
Der charmante Mensch von damals ist wieder da. Diesmal sagt er nicht: „Ihr kommt mir irgendwie bekannt vor,“ diesmal ist sofort klar, dass wir einander kennen. Auch das: ein Wunderschönes, ein Heimkehrgefühl. Auch das: ein Merkmal für diesen herzenswarmen Ort.
Leider können wir uns heute nicht zu den Zelten gesellen, da wir dringend die austrocknende Heizung, ergo Strom, brauchen. Den gibt es nur bei den „Dickschiffen an Weißware“, wie Chouchou die normalen Wohnmobile nennt. Aber auch hier lässt es sich prima sein.

Während das Dorf heute seinen Surströmming (durch Milchsäure konservierter Fisch, der angeblich so intensiv faulig stinkt, dass einer deutschen Mieterin nach mutwilligem Öffnen einer Dose im Treppenhaus 1981 die Wohnung fristlos gekündigt wurde – laut Gericht zu Recht) zelebriert und verputzt, gibt es für uns olfaktorische Feiglinge eine riesige Portion Bolognese „sin carne“ – sturmgekocht.

Über dem Camp geht ein riesengroßer Halbmond auf, während auf der anderen Seite dieser Minihalbinsel langsam die Sonne untergeht. Der Robbenfelsen liegt verlassen da. Genauso wie der Strand davor.
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In zwei Tagen sind wir vom nördlichen Westen Norwegens über die Berge bis in den nördlichen Osten Schwedens gefahren. Um noch einmal das letzte Stückchen unsalzige Ostsee zu erleben.
Weil es magischer Orte nie genug sein kann. Und: Weil wir hier –wenn man ganz genau schaut– unseren persönlichen Polarkreis angemessen schließen: in Herzform.

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Vanlife und frei stehen in der Nicht-Instagram-Version

Beim ersten Öffnen der Magicbustür peitscht uns eiskalter Nieselregen ins Gesicht. Dusche: erledigt!
Der Himmel macht heute Morgen wahr, was die Wettervorhersage seit Tagen gedroht hat: der Sommer über dem Polarkreis ist ein für alle Mal vorüber.
Nachdem wir gestern lange überlegten, wie es heute für uns weiter geht, sehen wir den kühlen Sprüh – der ungehemmt unter den Pulli und durch die Hose kriecht– als Unterstrich, als Ausrufezeichen! Auch für uns ist es an der Zeit, Abschied zu nehmen vom hohen Norden.

Ein Tag zum Strecke machen. Vorbei an den Schäfchen, geht´s über die Hälfte der Lofoten zurück in Richtung Osten. Von dieser Seite wirkt diese unwirkliche Welt fast noch magischer als bei der Anfahrt.

Vielleicht, weil der Regen von höher fällt?! Und vielleicht auch, weil wir wissen, dass dies unsere letzten Fjorde der Reise sein werden. Ein 200 Kilometer Goodbye.

Bevor wir Norwegen verlassen, gönnen wir uns einen letzten REMO1000-Einkauf. Im Wagen landen die besonderen Leckrigkeiten, die es ansonsten nirgendwo gibt. Eine letzte Freya ApfelsinenSalz-Schokolade, eine bis oben hin gefüllte Bunte Tüte mit veganen, palmölfreien Regenbogenweingummis, das beste Instant-TikkaMasala der Welt – mit indischem Geist in der Flasche. Wer sie öffnet, wird unverzüglich mitten hinein katapultiert ins pulsierende Zentrum Mumbais.

Nach den Fjorden folgt letztes, norwegisches Fjell. Mal wieder ist es an der Zeit, dass der Magicbus sich –verächtlich kühlwasservernichtend– die Berge hinaufackern muss. Hoch, hoch bis auf den Pass.
Wir sind wieder in Schweden.

Feinste Bergwelt empfängt uns. Wir rollen an Gestrüpp und Gestein vorbei. Am Himmel stehen wilde Wolken und kalter Wind, der an den Farnen zerrt. Bis zu Chouchous Sehnsuchtsort Abisko ist es nicht mehr sehr weit. Hier endet der nördliche Kungsleden – in einem rauen, kargen Bergtraum. Ein Traum, den wir unerfüllt mitnehmen werden. Denn leider ist es für zartbesaitete Globetrottels hier oben mittlerweile zu nass und zu kalt, als dass wir uns für ein paar Tage einsam ins Fjell stürzen wollten. Ein guter Grund, um irgendwann noch einmal wieder zu kommen. In einem Hochsommer.

Über 400 Kilometer rollen wir so daher – mit einem Herz voller Träume – bis kurz vor Kiruna. Eine Stadt, die mittlerweile drei Kilometer nach Osten umgezogen werden muss, da der Boden durch exzessiven Erzabbau gnadenlos absackt und die Stadt zu versinken droht.

Für die Nacht halten wir an einem Parkplatz nahe der E10. Im hippen „vanlife“ würde man wohl von „frei stehen“ sprechen. Das klingt um so vieles besser und abenteuerlicher als das, was es schlussendlich ist: neben dicken WoMos auf einem Rastplatz mit Pitstoiletten nahe der Hauptstrasse zu übernachten.

Endlose Güterzüge beladen mit Eisenerz rattern geräuschvoll vorbei, der Verkehr zwischen Schweden und Norwegen fließt zwischen vergessenen Bahnhöfen.

Ein leichter, kalter Niesel fällt von West, er tropft auf zwei Globetrottels, die als einzige draußen ihr Essen kochen, bevor sie durch den Schauer zu den Pitstoiletten eilen.
Thermounterbuxen an, ein Deckchen um die Schultern gegen die eisige Kälte, die ohne Erbarmen über die Berge kriecht. Um so lange wie möglich Heizung zu sparen, weil die ausgelatschte Magicbusbatterie nicht mehr viel hergibt.
Heute Nacht wird mit Oropax geschlafen (gegen die Züge) und Mütze (gegen die Kälte), nachdem wir uns mit dem eingeteilten Wasser aus unserem Wasserkanister gewaschen und die Zähne geputzt haben.
„Vanlife“ und „frei stehen“ – in der Nicht-Instagram-Version.

Für Henning, die lofotische Begleithummel

Der einzige sonnige Tag für Wochen brennt uns aus den Federn. Um acht steht die Sonne bereits hoch.
Aufgestanden! Es ist an der Zeit, diesen einen Tag Leben auf den Lofoten zu leben.

Kaffee auf dem Hügelchen am Meer mit Rundumsicht. Ein leichter Wind bläst freundlich, er treibt den letzten Sommertag über dem Polarkreis weich wehend vor sich her.

Frühstück gibt es erst spät. Dafür aber mit allem Zick und Zack. Zuckerzufuhr für den sportlichen Teil des Tages.

Kurz vor Mittag ist es endlich mal wieder Zeit für Das Bøøt. Viel zu lange liegt es schon geduldig wartend im Kofferraum. Noch nie hat es Norwegen gesehen. Sein letzter Einsatz auf dem Vildmarksvägen in Schweden. Vor gefühlten Ewigkeiten. Zu lang her.

Das Aufpusten läuft erwartungsvorfreudig zackig: innerhalb von 10 Minuten sind wir drei startklar. Und der Magicbus ist froh, dass er ausnahmsweise heute mal nicht dran ist. Dass er den Aktivitätsdrang abgeben kann an halbstarkes Gummi ohne Salzwassererfahrung.

Auf dem Fjord ist es windiger als man auf Land vermutet. Unter uns blauklares Wasser, von dem wir gar nicht wissen wollen, was alles darin schwimmt, wie tief es schlussendlich wird und welche Einwohner potentiell nach uns schnappen könnten. Wohlwissend, dass das nach uns greifende Seegras womöglich das harmloseste von allen ist.

Gegen den Wind paddeln wir in Richtung Miniinsel – sehr viel langsamer und mit deutlich mehr Muskelkraft als erwartet. Sehr schnell merken wir: Dies hier ist gänzlich anderes Paddeln als auf einem schwedischen See. Mit Böen von vorne und unsichtbaren Strömungen von unten, die Männchen mit uns spielen könnten – wenn sie es denn wollten.

Heute aber will das keiner: Njörd –nordischer Gott des Meers und der Winde– sei Dank. Weder Wind, noch Wasser oder Meeresgetier greift nach uns. Nur eine Hummel weicht uns nicht von der Seite. Ohne sie „bodyshamen“ zu wollen muss man ehrlich sagen: sie ist sehr, sehr dick. Henning, unsere Begleithummel.
Wir treiben von rechts nach links, zwei vor, drei zurück. Das Bøøt dreht sich in Richtungen, die unerklärlich sind für uns: erstaunte Wesen an der Wasseroberfläche.
Es macht Spaß – auf einem Meer, das selbst an freundlichen, zarten Tagen wie diesen keinerlei Zweifel daran lässt, dass mit ihm niemals zu spaßen ist. Eine sehr aufregende Sache.

Nach drei Kilometern (Chouchou meint „bergauf“), wollen wir unser nautisches Anfängerglück nicht weiter herausfordern. Und sind trotz allem bändig happy: die Globetrottels sind auf dem Polarmeer gepaddelt!
Pustekajak auf den Lofoten fahren – das hätte zweifelsohne auf unserer Bucketlist stehen können. Wenn wir denn eine hätten.

Der Nachmittag vergeht mit Maschen und Meerblick, Reality-Filmchen schneiden und Science fiction lesen. Um vier ist der perfekte Zeitpunkt für Fjorddip. Danach gibt’s lange, heiße Dusche für umme.

Kochen im letzten Sommersonnenschein. Es gibt Blumenkohl und Tikka Masala. Großes Seelenessen in reichlicher Menge.

Beim Zusammenfalten von Das Bøøt krabbelt plötzlich die dicke Hummel auf halbstarkem Gummi (jetzt mit Salzwassererfahrung!) vorbei. Fast hätten wir ihn mit eingerollt: Henning, die Begleithummel.
Vollkommen entkräftet von der Reise auf hoher See, bewegt er sich keinen Zentimeter, sondern tastet nur noch lethargisch mit dem Rüsselchen umher. Vollkommen fix und fertig.
Ganz sachte helfen wir Henning erst einmal runter von Das Bøøt. Wir betten ihn auf den Tisch und überlegen, wie wir ihm am besten helfen können. Ein Hummelsanatorium muss her!
Aus einem Zewa errichten wir den Zauberberg. Henning thront müde auf dem Gipfel und interessiert sich initial noch wenig für das, was um ihn herum passiert.

Zu Hennings Linken gießen wir einen Nektarsee (aus Agavendicksaft), zu seiner Rechten entsteht ein frischer Pool (Quellwasser angerichtet in einem Flaschendeckel).
Nach vier Minuten beginnt Henning mit seinem Rüssel vorsichtig nach dem Nektarsee zu tasten. Leider ist er etwas ungeschickt dabei. Nachdem er den Saft für gut befunden hat, tapst er vor lauter Gier mit all seinen dicken Hummelfüßen mitten hinein und klebt danach am Zauberberg fest. Mensch Henning.
Als nächstes also muss gebadet werden.
Mit der Stricknadel löse ich Hennings klebrigen Fuß und tauche ihn in den Flaschendeckelpool. Henning beginnt sich zu putzen, indem er ins Wasser taucht und sich dann genüsslich die dicken Hummelzehen leckt.
Nach dem Wellnessbad (es dauert ewig!) erneuern wir das Poolwasser. Henning soll jetzt Zeit haben, sich vollkommen zu relaxen.

Ich setze mich auf den Chefplatz mit Blick übers Fjord und beginne, diesen Tag zu tippen. Ein paar Austernfischer fliegen krächzend vorbei, bevor sie sich kamikazeähnlich ins Wasser stürzen.
Ich schreibe von unserem letzten Tag am norwegischen Polarmeer. Ein Bilderbuchtag, der besser nicht hätte sein können.

Zurück am Magicbus will ich nach Hennings Gesundheitszustand schauen.
Aber der Zauberberg liegt verlassen da.
Der Nektar aufgeschlabbert, der Pool halbleer, von Henning keine Spur mehr weit und breit.
Und ich!? Ich könnte glücklicher nicht sein.
Wissend, dass dieser Tag zu Ende geht mit nicht einer Hummel weniger dort draußen.
Weil Henning eines dieser Rädchen im großen Ganzen ist, auf das es ankommt. Weil er den Unterschied macht.
Weil Henning dieser eine ist, auf den wir niemals –nie!– verzichten können.
Genauso wie Du.

Mit neuem Auge auf die Lofoten

Der Magicbus hat ein Auge verloren. Bevor es für uns weitergehen kann, ohne, dass diverse Norweger*innen uns ständig anlichthupen, muss Chouchou erstmal vergrabenes „Chirurgie für Anfänger“-SemesterEins-Wissen reaktivieren. Der Tag startet also mit einer Operation am offenen Auge. Schweißgebadet und erfolgreich. Mit neu strahlendem Magicbusblick können wir starten: in Richtung der Lofoten.

Über der ersten großen Brücke schimmert ein Regenbogen. Das liest sich sehr gut und besagt: es schüttet wie aus Eimern. Fünfzig Schatten von Grau über wenig sichtbaren Fjorden, die zweifelsohne schön sind – und vergleichbar mit allen anderen. Heute reißen sie uns nicht vom Hocker.

Vielleicht aber sind wir mittlerweile auch einfach „voll“ mit Eindrücken!?
Es mag vermessen klingen –vielleicht ist es das auch?!—vielleicht aber gewöhnt sich der Mensch irgendwann an alles. Auch an die Schönheit.
Wir passieren die „Ausdertraum“-Brücke. Aus der Traum. So heißt sie wirklich.
Oder ist es schlicht und ergreifend das? Sind die Lofoten möglicherweise einfach eines: eine vollkommen überbewertete Reisedestination?

Ich fasse mich kurz. Die Antwort lautet: Nein.
Denn wie so oft liegt der Knick in der Optik im Auge des Betrachters.
Wir sind es, die lediglich zu trottelig sind, um uns vernünftig zu lokalisieren. Hinter dem Mopedfahrer, der auf der schrägsten Schräge und mitten auf der Straße hält, um sich wetterfest zu machen taucht ein Schild auf: Lofoten: noch 49km.

Manchmal ist es simpel. Wir haben ein unberechtigtes Urteil gefällt. Zu früh. Wir sind noch lange nicht da. Also Klappe halten, Joana.

Nachdem wir die „echten“ Lofoten eine Stunde später geentert haben, kann man es erneut kurz machen: Die Lofoten sind ein Traum.
Wir rollen an rauen Bergketten entlang, zwischen denen mystische Nebel stehen. Wasser von allen Seiten: es fließt aus dem Berg, es schäumt an die Fjordufer, es regnet auf die Straßen. Bunte Örtchen fliegen vorbei, ein Piratenschiff dümpelt in einem kleinen Hafen.

Hinter den drei Schafen müssen wir links: nach Rystad. Unserer Heimat für zwei Nächte – die letzte am Polarmeer.

Das Camp liegt zwischen Bergriesen. Wir parken neben dem roten Häuschen mit Grasdach ein – und Fjordblick zu drei Seiten.

Morgen soll der einzige, trockene Tag für die nächste Woche sein.
Hier, in der Mitte der Lofoten. Die alles sein können, außer eines: überbewertet.

Drei Tage Fotolovestory…

Am 17. ist es endlich so weit! Der Spuki fliegt mit der Edelweiss ins Tor der Arktis, um uns drei zauberhafte, gemeinsame Tage rund um Tromsö zu bescheren. Ein „Best of Norway“, organisiert von Chouchoutours. Und da sich diese tolle Zeit textlich gar nicht angemessen greifen lässt, wollte man nicht einen Roman schreiben, gibt es heute lediglich eine 72-stündige Fotolovestory. Drei Zaubertage….dokumentiert auch dank freundlichem Copyright, erteilt von dem „one and only“ MukiSpuki höchstperönlich.
Samstag, 17. August:

Unsere Anreise nach Tromsö: vorbei am schlafenden Bergriesen.

Die Globetrottels in freudiger Erwartung hinter der Airportscheibe. Hinter der Kamera: Spuki.

Endlich vereint.

Nach Speedeinkaufen eilen wir zur Fähre nach Senja — und sind die letzten, die nicht mehr mitkommen. Nächstes Boot in vier Stunden…

Warten… die besten vier Stunden Warten meines Lebens.

Wir besetzen die Picknickbank und geben vier Stunden die Infozentrale für alle anderen, reisenden Kamaraden. Glückspilze in Poolposition vor der Fähre.

Der Magicbus wirft vor Langeweile den Fensterheber von sich.

Die 17 Uhr Fähre. Unsere!

Endlich auf dem Polarmeer!

Endlich angekommen im großen Luxus: unsere Hütte für zwei Tage.

….mit Ausblick nachmittags!

…mit Ausblick abends.

Hochengagiert bei der Nordlichtjagd kurz vor Mitternacht. Leider ohne Nordlicht.
Sonntag, 18. August:

Flotte Anfahrt ins Mefjord. Für eine kleine Wanderung.

Drei Hutzel vor ganz viel Berg.

Knuten: check.

Zwei Hutzel laufen den Berg hoch.

Drei Hutzel laufen den Berg hoch.

Drei Hutzel vor ganz viel Polarmeer.

Weiter geht´s durch Trottelgestrüpp mit sehr vielen Pilzen und Beeren.

…bis zum Urwaldsee.

Zwei Feen auf dem Rückweg.
Am Abend gibt es Zweifrauholzsauna mit Blick aufs Fjord: gänzlich undokumentiert. Festzuhalten aber bleibt eine Heldinnenleistung: das tropische Pflänzchen Spuki badet im 11,2 Grad kalten Fjord. Hier ist ein Kreuzchen im Kalender angesagt.
Montag, 19. August:
Rückfahrt nach Tromsö. Wieder haben wir an der Fähre Poolposition. Der Himmel weint, weil wir zurück in die Stadt schippern … und hört heute auch nicht mehr auf. In Tromsö beziehen wir das Superappartment mitten inne City. Große Freude, dass es obendrein auch eine Waschmaschine hat — sowie Küche mit Fußbodenheizung als Trockner.

Bevor es in die City geht, stärken wir uns mit Waffeln.


…isst man in Norwegen mit Braunkäse.

Wer Waffeln mit Käse isst, den stört auch der eiskalte Regen nicht mehr. Farblich gedeckter Stadtrundgang.

In den Ölhallen ein abschließendes Nordlichtbierchen…

…und dann ab ins Bett um halb zwei. In Tromsös schönstem Appartment vonne ganze Welt.

Dienstag, 21. August:
Und wie alles Schöne viel zu schnell zischt, sind auch diese 72 Stunden viel zu schnell vorbei. Ein trauriges Abschlussbild am Flughafen:

Und während Spuki wohlbehalten in Zürich ankommt, sind auch wir wieder unterwegs. Ab heute auch gen Süden. Nur ein wenig langsamer.

Vom Eisbaden, einem Geist in Strickjacke und Sea Shepherd

Ein flotter Fjordtag zieht so schnell vorüber, wie der Sturm von den Bergen weht.
Diesmal ist´s unser Tisch, der fliegen lernt, während die Bergerplane und das Dachzelt gerade noch militärisch zackig evakuiert werden können. Hier sind ja schließlich keine Anfänger am Werk.

Der Hit des Tages: Hallgeirs Saunageschenk.
Dreimal schwitze ich ganz alleine in der dunklen Höhle mit Blick aufs Wasser. Dreimal tauche ich ins eiskalte Fjord. Dreimal Körperexplosion. Mit Hallgeirs Geschichten im Ohr.

Hallgeir sagt, dass dieser Ort ein Magischer sei:
Natürlich ist das Licht zwischen den Bergen der Allmächtige. Was für eine Frage!?
Und natürlich besitzt jeder Zweite hier heilerische Kräfte, die vor dem Tod weitergegeben werden können. Wenn´s denn nicht verdaddelt wird.
Nein – das hat nichts mit samischem Schamanismus zu tun. Was für eine Frage!?
Das sei lediglich die Aura der Natur.
Hallgeir erzählt, dass oben am Fjord – dort, in der weißen Hütte– bis zu seinem Tod der kahlköpfische Fischer Pedersen lebte. Er starb vor mehr als zehn Jahren. Noch immer aber könne man den Geist des Alten im maroden Klapperhäuschen herumwandeln sehen. Bei Zeiten und im Zwielicht. Pederson trägt noch immer die weiße Strickjacke.

Nach Sauna, Fjordbad und einer Dokumentation über missionierende Mormonen in Finnland will ich ihn besuchen. Stiefel die Anhöhe hinauf, schleiche ums Haus, klopfe. Der alte Pederson aber ist leider nicht da.

In seinem Vorgarten wachsen wilde Himbeeren. Die nehme ich mit. Zur Geisterentschädigung – während ein Glatzkopf in Strickjacke leise das Fenster zum Hof schließt.

Heute bleibt noch auf die Schweinswale zu warten. Auch das weiß ich von Hallgeir: im Storfjord schwimmen keine Delfine, sondern die zweitkleinsten Wale der Welt.
Mögen sie nicht als Beifang unseres Nachbarn enden, der engagiert wieder und wieder die Angel auf dem Steg auswirft – während seine Freundin stolz ihr »Sea shepherd-TShirt« zur Schau trägt.

Free Paul Watson!

Wer sonst? am Storfjord

Kilpisjärvi macht uns den Abschied ein wenig leichter, indem es die Sonne heute ausgeknipst. Gefühlsverstärkend, was für ein unglaubliches Glück wir hatten: den Saana bei Sonnenschein zu besteigen, den Saana bei Sonnenschein zu umrunden.
Letzte Babyrens galoppieren vorbei auf dem Weg zu den Katakombenwaschräumen – ein angemesseneres Finnland-Farewell kann man sich nicht ausdenken.

Im Örtchen erledigen wir das letzte Finnshopping inklusive Brotkäse und Guurkiisalat, bevor es für uns mal wieder über eine Grenze geht. Die Moltebeeren, nach denen ich fieberhaft suche, finden wir leider wieder nicht, Zimtschnecken zum Trost aber haben sie alle.

Bis zum nächsten „Heimat für eine Nacht-Ort“ sind es heute nur 70 Kilometer an wagemutigen Rens vorbei.

In siebzig Kilometern in eine vollkommen andere Welt.

Wir rollen die Berge im Niesel hinab – zurück auf Normalnull, was alles andere als normal aussieht, wenn es sich um einen norwegischen Fjord handelt.

In Slettnes gehört das Fjordcamp Hallgeir, dem Schlitzohr. Mit Mickymäusen auf den Ohren pest er im Traktor an, ein Grinsen auf dem Gesicht und den Schalk im Nacken. Dass er die Übernachtungspreise an Sympathien festmacht, schnallen wir erst sehr viel später – als andere Menschlein auf dem Platz eintrudeln. Vorerst aber sind wir hier die ersten Tagesvagabunden neben zahlreichen Dauercampern.

Unser Plätzchen für die Nacht finden wir direkt am Wasser des Storfjords: so blau, als hätte jemand Tinte ausgegossen, so klar, als käme es aus der Leitung, so glatt wie ein Spiegel.

Unser Camp steht innerhalb von fünf Minuten, den Niesel sitzen wir für eine Stunde unter der Bergerplane am Magicbus aus.

Danach ist´s trocken und Hallgeir kommt kassieren –diesmal mit Mickymäusen und Quad –und macht uns einen Freundschaftspreis. Inklusive kostenlose Sauna. Unsere Nachbarn, die später kommen, berappen zehn Euro mehr in ihrem neuwertigen Bulli.

Das Wunder des Fjords lässt nicht lange auf sich warten.
Zuerst begegnet uns eine pinkorange Qualle, die wie ein gigantischer Stern durchs Wasser gleitet – einen roten Quallenwald hinter sich her ziehend.

Beim Kochen kommen die Delfine.

„Irgendwas platscht da,“ sagt Chouchou. Dann: Rückenflossen, die kurz auf- und ganz schnell wieder abtauchen.
Zweimal wir wild gesprungen – zu schnell für die Kamera, genau langsam genug für die Seele. Das Nudelwasser muss warten. Weil es Wunder zu bestaunen gibt. Und ein Freudentränchen zu vergießen.

Als wäre all das nicht genug, kommt irgendwann dann noch der himmlische Sonderbeauftragte für Norwegen höchstpersönlich ums Eck. Getarnt als Sonnenstrahl, der durch die Berge aufs Wasser scheint.

„Gott, bist Du das?“
Ich bin mir einigermaßen sicher, ein „Hvem andre?“ gehört zu haben.
Wer sonst? Sorry, ich wollt ja nur mal fragen…

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