Beim ersten Öffnen der Magicbustür peitscht uns eiskalter Nieselregen ins Gesicht. Dusche: erledigt!
Der Himmel macht heute Morgen wahr, was die Wettervorhersage seit Tagen gedroht hat: der Sommer über dem Polarkreis ist ein für alle Mal vorüber.
Nachdem wir gestern lange überlegten, wie es heute für uns weiter geht, sehen wir den kühlen Sprüh – der ungehemmt unter den Pulli und durch die Hose kriecht– als Unterstrich, als Ausrufezeichen! Auch für uns ist es an der Zeit, Abschied zu nehmen vom hohen Norden.
Ein Tag zum Strecke machen. Vorbei an den Schäfchen, geht´s über die Hälfte der Lofoten zurück in Richtung Osten. Von dieser Seite wirkt diese unwirkliche Welt fast noch magischer als bei der Anfahrt.

Vielleicht, weil der Regen von höher fällt?! Und vielleicht auch, weil wir wissen, dass dies unsere letzten Fjorde der Reise sein werden. Ein 200 Kilometer Goodbye.
Bevor wir Norwegen verlassen, gönnen wir uns einen letzten REMO1000-Einkauf. Im Wagen landen die besonderen Leckrigkeiten, die es ansonsten nirgendwo gibt. Eine letzte Freya ApfelsinenSalz-Schokolade, eine bis oben hin gefüllte Bunte Tüte mit veganen, palmölfreien Regenbogenweingummis, das beste Instant-TikkaMasala der Welt – mit indischem Geist in der Flasche. Wer sie öffnet, wird unverzüglich mitten hinein katapultiert ins pulsierende Zentrum Mumbais.
Nach den Fjorden folgt letztes, norwegisches Fjell. Mal wieder ist es an der Zeit, dass der Magicbus sich –verächtlich kühlwasservernichtend– die Berge hinaufackern muss. Hoch, hoch bis auf den Pass.
Wir sind wieder in Schweden.
Feinste Bergwelt empfängt uns. Wir rollen an Gestrüpp und Gestein vorbei. Am Himmel stehen wilde Wolken und kalter Wind, der an den Farnen zerrt. Bis zu Chouchous Sehnsuchtsort Abisko ist es nicht mehr sehr weit. Hier endet der nördliche Kungsleden – in einem rauen, kargen Bergtraum. Ein Traum, den wir unerfüllt mitnehmen werden. Denn leider ist es für zartbesaitete Globetrottels hier oben mittlerweile zu nass und zu kalt, als dass wir uns für ein paar Tage einsam ins Fjell stürzen wollten. Ein guter Grund, um irgendwann noch einmal wieder zu kommen. In einem Hochsommer.
Über 400 Kilometer rollen wir so daher – mit einem Herz voller Träume – bis kurz vor Kiruna. Eine Stadt, die mittlerweile drei Kilometer nach Osten umgezogen werden muss, da der Boden durch exzessiven Erzabbau gnadenlos absackt und die Stadt zu versinken droht.
Für die Nacht halten wir an einem Parkplatz nahe der E10. Im hippen „vanlife“ würde man wohl von „frei stehen“ sprechen. Das klingt um so vieles besser und abenteuerlicher als das, was es schlussendlich ist: neben dicken WoMos auf einem Rastplatz mit Pitstoiletten nahe der Hauptstrasse zu übernachten.
Endlose Güterzüge beladen mit Eisenerz rattern geräuschvoll vorbei, der Verkehr zwischen Schweden und Norwegen fließt zwischen vergessenen Bahnhöfen.

Ein leichter, kalter Niesel fällt von West, er tropft auf zwei Globetrottels, die als einzige draußen ihr Essen kochen, bevor sie durch den Schauer zu den Pitstoiletten eilen.
Thermounterbuxen an, ein Deckchen um die Schultern gegen die eisige Kälte, die ohne Erbarmen über die Berge kriecht. Um so lange wie möglich Heizung zu sparen, weil die ausgelatschte Magicbusbatterie nicht mehr viel hergibt.
Heute Nacht wird mit Oropax geschlafen (gegen die Züge) und Mütze (gegen die Kälte), nachdem wir uns mit dem eingeteilten Wasser aus unserem Wasserkanister gewaschen und die Zähne geputzt haben.
„Vanlife“ und „frei stehen“ – in der Nicht-Instagram-Version.










