Das heutige Tagebuch ist fix getippt.
Nach einem zehnstündigen Sturmschlaf für Fortgeschrittene gibt es Frühstück so spät und üppig, dass man eher von Brunchen sprechen muss. Mit Kresse und Ei, Blaubeeren auf Vanillequark, Nutella auf dem letzten norwegischen Superbrot für Chouchou und Avocado für mich. Leider passt die vegane Kaviarpaste nicht mehr rein. Und der Sekt, den wir nicht haben.
Danach folgt Rennen durch den finnischen Wald.
Acht Kilometer lang unter meditativ gleichförmigen Bäumen hindurch. Die hiesigen Preisel- und Blaubeeren, Moose und Pilze haben schon lange keine Wandersleut mehr gesehen, wir sind vollkommen alleine unterwegs bis zur Inselspitze.
Dort brennt im perfekten deluxe-Shelter ein Lagerfeuer. Frisch aufgelegt und kein Mensch in Sichtweite. Ein bisschen unheimlich ist das schon. Aber toll.
Das Rätsel, wer denn nun der ominöse Feuerteufel war, löst sich nach zehn Minuten ganz von selbst.
Zwei Finnen mit zwei Golden Retrievern kriechen aus dem Gebüsch. Sie sind die Firestarter, die jetzt Würstchen auspacken. Wo auch immer sie herkommen, bleibt es so trotz allem weniger mystisch. Wir nämlich hatten schon wieder die Trolle in Verdacht.
Am Steilufer der Insel treten wir den Rückweg an, nachdem wir ein undeutbares Schild nicht deuten.

Entlang zahlreicher entwurzelter Bäume, die der Sturm in Richtung Landesinnere gefällt hat. Fassungslose Baumwurzeln, die sich haltlos wie ein stummer Vorwurf gen See strecken.

„Jätä puut seisomaan!“ (Lass die Bäume stehen.) Auch sie hat der Wind anscheinend nicht verstanden. Erodierend-bröselnder Uferweg, eine Hürdenhopsetappe.
Zurück am Magicbus knurren die Hopsemägen. Also muss ein essbares, finnisches Allerlei her. Als Vorspeise gibt es Gurkiisaalat, zum Hauptgang Linsensuppe à la Konserve.

Beides reines Vorgeplänkel für den wahren Star des Abends: das Dessert.
Nachdem wir nach wochenlanger Suche endlich fündig wurden, präsentieren die Globetrottels ihren Bäuchen den nordfinnischsten Nachtisch aller: Leipäjuusto mit Moltebeermarmelade.
= Gebratener Brotkäse mit der lediglich wild wuchernden Nordbeere, die nur zwischen dem 54. und 78. Breitengrad wächst. Ein Genuss, der quietscht beim reinbeißen.
Bevor es in die heiße Dusche geht, geht es einfach nicht anders: es muss einmal im kleinen See gedippt werden.
Ein Platsch in tiefschwarzes Wasser, das ein Assoziationsfest für jeden Phantasiebegabten darstellt. Ich traue mich nicht einen einzigen Meter hinauszuschwimmen und bin trotzdem frisch wie Bolle danach.
Mittlerweile geht die Sonne wieder unter. Jeden Tag früher, und jede Nacht wirkt dunkler denn je zuvor.
Um halb neun dippt auch die Sonne in den See – allerdings den großen.

Der Herbst kommt in großen Schritten. Es werden nicht mehr viele Nächte sein, in denen ich mein Augenkläppchen brauche…














