Unterwegs im Magicbus

Autor: Chérie (Seite 25 von 28)

Yukon. Greater than life.

Am 24.Juni knacken wir die 10000 Kilometer Marke: zehntausend Kilometer Kanada. Insbesondere die letzten eintausend im kontinuierlichen Dauerstauen und –wundern über diese so unbegreifbar wunderschöne Welt im Urzustand. Wald, Straße, Bär, See, Himmel, Nichts und Niemand.
Wird das nicht irgendwann mal langweilig? Endlose Weite, endloses Nichts, tagelang. Nach 10000 Kilometern dürfen wir für uns erkennen: Nein, ganz und gar nicht! Nicht mal einen Moment lang. Auf den allermeisten dieser 10000 Kilometer lief für uns nicht einmal Musik. (Und Hörbücher oder Podcasts sowieso nicht.) Wir haben zehntausend Kilometern einfach nur Kanadas Straßen zugehört. Und den wildwechselnden Geräuschen des Magicbus natürlich. Von Halifax bis in den Yukon. Im singenden, fast dreißig Jahre alten Wunderbulli.

Nova Scotia, New Brunswick, Québec, Ontario, Manitoba, Saskatchewan, Alberta, British Columbia. Ein bisschen unglaublich ist das ja schon.

Wir wollten mit dem Magicbus bis in den Yukon. Heute tatsächlich hier einzurollen fühlt sich surreal an. Irgendwie unecht und von jemandem anderes erlebt. Heute habe ich mich dabei ertappt, dass ich unsere Nachbarn im Knutschkugelwohnwagen, der uns seit dem Icefield Parkway immer wieder begegnet, ein bisschen um ihre Reise beneide. Um dann zu merken, dass wir es ja ganz genauso sind, die eine so unglaubliche Reise unter die Räder gebracht haben. Dass ich uns selbst ein bisschen beneide, um diese Erlebnissse, die tief hinein ins Herz gesunken sind und noch immer sinken– das lässt sich zweifelsohne spüren. Der Kopf aber, der versteht die ganze Kiste noch gar nicht. Sind wir tatsächlich mit dem Magicbus in den Yukon gefahren? Ich glaube schon.

Passend zu unserer Yukoneinreise begleiten uns heute 6 Schwarzbären am Wegesrand (mittlerweile insgesamt 16) und eine große, wilde Herde von Waldbisons – es mögen um die 50 Tiere mit ihren Jungen sein. Auch daran werden wir uns nicht satt sehen: an Schönheit und Eleganz. Und der Faszination der Unverfälschtheit, der Ursprünglichkeit in einer Welt, die sich so oft in Künstlichkeit flüchtet. Wie unnötig eigentlich.

Das erste Haus im Yukon ist Contact Creek. Dort tanken wir wie bei Großmuttern. Der Tanksäule nach zu urteilen ist der Goldrausch vor nicht allzu langer Zeit vorbeigerauscht.

Das erste Dorf im Yukon ist Watson Lake mit seinem berühmten Schilderwald. Da wir gerade kein Ortsschild von Bonn zur Hand haben, lassen wir zumindest einen Aufkleber dort. Globetrottels had been here. Im Yukon – unglaublich.

Und dann einen schnellen Sturz aufs Internet im Visitor Center: einziges Netz in hunderten Kilometern Umkreis. Tatsächlich sind wir schneller fertig, als gedacht. Ohne Internet, das hat durchaus auch seine Reize. Digital detox und die Welt dreht sich auch ohne gut weiter.

Unsere erste Nacht im Yukon verbringen wir tief im Wald kurz hinter Watson Lake. Und wie jeden Abend kommt das Gewitter, und wie jeden Abend ist das nur ganz kurz.
Wir lauschen den Tropfen auf dem Bullidach. Nordischer Regen über dem Magicbus. Im Yukon.
Wo es Ende Juni keine Nächte gibt und Raben in blauem Gefieder über unseren Schlaf wachen. Es wird ein heller sein…

Von heißen Quellen und durchgeknallten Sicherungen

Heute geht es –nach einem Frühstücksplantsch im spiegelglatten Lake Muncho—für uns nur einen Tatzelsprung weiter. Knappe einhundert Kilometer hinter dem Munchosee, der uns heute Nacht, ganz zauberhafte Szenerie gewesen ist, liegen die heißen Quellen am Fluss Liard: die Liard River Hot Springs.
Über den nördlichen Rockies scheint die Sonne, der kanadische Sommer schleicht in Schritten herbei. Um 11h machen wir uns langsam los für weitere 100 Kilometer Alaskahighway. Mal wieder at its best…in Sommerklamotten.

Kurz nach Mittag haben wir noch Glück und können im Provinzialpark eines der wenigen, freien Campingplätzchen ergattern. Zwei Stunden später ist bereits alles ausgebucht auf einem der am besten gesicherten Campingplätze der Welt. Ernsthaft abgeriegelt darf man das nennen. Mit Gattern und meterhohen Elektrozäunen. Anscheinend hat man hier die Nase voll gehabt von angeknabberten Touristen. Bei „hoher Bärendichte“ und zusätzlich Elchen und Bisons in den Wäldern.

Bereits der Weg zu den heißen Quellen ist eine kleine Reise wert. In frischestem Sommergrün leuchtet der Wald unter einem tiefblauen Himmel. Saftige Gräser statt Unterholz, Moskitotümpelchen mit lustigen Minifischchen drin. Nervösfröhliche Schmetterlinge flattern in der Luft, zu schnell, um sie fotographieren zu können. Wir erwischen sie aber im Pausemodus. Der Lone Pine Führer identifiziert sie als „Weidemeyers´s Admiral“ und „Anise swallowtail“, und den Langschnabel, der wild durchs Geäst turnt als „Spotted sandpiper“. Freundliche Stege führen durch unwegsames Gebiet, dem man ansieht, dass Elche es lieben. Nur die passenden Moose, die haben wir noch immer nicht getroffen.

Nach Schwefel müffelndes Wasser, das heiß aus der Erde brodelt mischt sich mit kaltem Bergwasser in diesen Pools, die kontinuierlich ihre Temperatur verändern. So bleibt das Plantschen eine dynamische Sache. Manchmal ist es im oberen Pool zu heiß, dann wechselt man in den unteren. Ist es dort zu kühl, wechselt man in den oberen zurück. Heißkalt zugleich – witzig, dass man das als Ganzes spüren kann, nicht nur als Welle.

Ich könnte das ja gnadenlos den ganzen Tag durchziehen. Wellness made by nature. Und selbst Chouchou als ausgewiesener Wellness- und Wassermüffel hält es für seine Verhältnisse ewig aus. Also 15 Minuten. Das wir heute zweimal zu den Pools tapern, ist dann aber trotzdem uneingeschränkter Liebesbeweis. Mit Bärenspray in den Taschen.

Und so war außer zweimal Schwefel plantschen heute nicht mehr viel. Außer, dass Chouchou in der Mittagspause flott noch die Zentralverrieglung reparierte, die vor dem ersten Pool in die Knie ging.
War nur die Sicherung. Durchgeknallt.
Gar nicht mal gänzlich unpassend – für die Globetrottels.

Nördliche Rockies

Viel zu oft habe ich hier schon geschrieben von endloser Weite, endloser Wildnis – ich würde es mir selbst kaum noch glauben, wenn ich heute erneut schriebe: Es ist noch wilder geworden, noch weiter, noch ursprünglicher. Ich würde es selbst nicht glauben, wenn ich nicht mit dabei gewesen wäre.

Mein Kopf kann sie nicht mehr greifen: die Schönheit unserer Erde an einem Stück. Wenn der Mensch nicht darin herum fuhrwerkt. Ein Waldbison steht im Gebüsch, ein entspannter Schwarzbär marschiert über eine einsame Straße, ein anderer grast Blümchen hinter dem Hügel. Eine Bergziege – die eleganteste ihrer Art—lässt sich in ihrer Schönheit ebenso wenig von uns stören. Schöner, wenn der Mensch nicht überall mit herum fuhrwerkt. Auch nicht die Globetrottels.
Das lässt sich konkret so festhalten.

Am Muncho Lake –mitten in den einsamen nördlichen Rockies– vor schweigenden Bergriesen und kristallklaren Wasser unter einem wechselhaften Himmel wird mir mein unglaubliches Privileg erneut bewusst: Some people wait a lifetime for a moment like this.
Mein Warten darf ein Ende haben. Ich bin hier.

In dieser Wildnis wird deutlich, wie eng und klein meine eigene Welt eigentlich ist. Wie wenig wild an mir noch ist. Gestutzt – angepasst – eingepasst in aufoktroyierte Konventionen, die möglicherweise nie meine eigenen waren.
Weniger Angst würde mir gut stehen. Und mehr Vertrauen und Abenteuerlust. Und manchmal auch ein bisschen mehr ausbrechen aus alten Mustern.
Diese Welt ist so groß, woher soll ich schon wissen, wie´s richtig geht!? Vielleicht passen alte Hüte nicht mehr – so wie meine Hosen. Aus der nächsten bin ich heute übrigens rausgeplatzt. Ein gutes Zeichen. Und jetzt den Spiegel wegwerfen.

Sich unwichtiger nehmen und dadurch mehr wagen dürfen– vielleicht ist das ja ein Stück Freiheit!?
Ich tanz mal eine Runde am Ufer des Sees drüber nach. Auf einer EinFrauParty mit illustren Gästen: Alles Ausgebrochene aus alten Mustern.
Es steht uns gut so.

Feuer in Bärenland

Heute ist der große Tag, an dem es endlich losgehen soll: unser AlaskaHighway. Ein wenig Respekt haben wir ja schon: zwei Trottel in einem alten Klapperbus auf einer der abgelegensten Straßen der Welt, das trägt eine Menge Potential an Chaos in sich. Um nicht allzu sehr ins Grübeln darüber zu geraten, argumentieren wir hier frei nach Nietzsche: „Man muss noch Chaos in sich tragen, um einen tanzenden Stern zu gebähren.“
Man kann es aber auch einfach „bekloppt“ nennen.

Unsere Abfahrt lässt sich noch etwas hinauszögern, in dem wir das vor unserem Camp liegende „Pioneer Village“ besichtigen. Dadurch gewinnen wir Zeit. Und können uns nebenbei als ein wenig kulturell interessiert verkaufen: Ja, die Globetrottels machen auch mal einen auf Kultur.
Dass sich hinter dem Museum lediglich der Aufbau eines hundert Jahre alten Dawson Creeks verbirgt, lässt sich ja verheimlichen.
Ich persönlich mag solche Orte ja, in denen man ein wenig Zeitsprung spielen darf. Einzutauchen in eine Welt, wie sie vor hundert Jahren hier ausgesehen hat. Ein kleines Dorf, in das eine überschaubare Welt auch passt. Eine Welt, durch die lediglich ein paar Pferdekarren hoppeln, deren aufregendsten Gäste undurchsichtige Fremde sind, die einem Goldrausch im Norden hinterher jagen. Und Träumen, von denen sie weitweitweg von irgendeinem anderen Undurchsichtigen am Lagerfeuer gehört haben. Typen, die nichts zu verlieren haben, denen man aber durchaus mal die Bärte gegen Kleingeld stutzen kann. Daher gibt es in diesem Dorf natürlich einen Barbier. Und einen Arzt – Geburtshelfer, Schlachter und Scharlatan zugleich. Und einen Kaufladen, der Opium unter der Ladentheke führt. Und einen Schmied, der abgehalfterte Gäule neu beschlägt, damit die Reise nach Norden weiter gehen kann. In dieser nachgebauten Stadt gibt es alles. Nur das Bordell ließ man prüderweise unter den Tisch fallen.

Um 11h lässt es sich nicht mehr vermeiden. Wir müssen los. Auch die Mädels vom Nachbarplatz drängeln schon: sie müssen heute auf unser Plätzchen wechseln. Kennen wir ja auch alles schon: Campinghopping an den Hotspots, weil so vieles bereits ausgebucht ist. Kanadacamping an Hotsports ist nix für spontane Seelen.

Als Startschuss dieser gigantischen Straße müssen wir von unserem Campground erstmal die drei Kilometer in Richtung Nuller-Meilenstein zurück.
Gestern sind wir bereits zu Fuß hier gewesen, heute zerren wir den armen Magicbus unter das Schild am Ortseingang. Muss sein, geht nicht anders.
Heute ist hier nicht mehr so viel los wie gestern, die Gopro-Aufnahme aber gleicht trotz allem mehr einer Kriegsphotographie, denn einem Touri-Schnappschuss. Nur knapp verfehlt ein roter US- Jepp die kleine, wacker filmende Kamera auf der Straße. Aufnahme im Kasten. Jetzt kann es wirklich losgehen.

Die ersten 80 Kilometer gestalten sich unspektulär.
Im Walmart in einem bereits sehr diesigen Fort St John decken wir uns nochmal ordentlich mit Vorräten ein und nutzen ein letztes Mal das Internetz auf den –jetzt noch—geplanten 150km bis zum Pink Mountain. Dort hat´s einen vollausgestatteten Campground, den einzigen in hunderten Kilometern Umkreis mit Internet. Dazwischen kein Netz, kein Telefon, kein Mensch. Der Pink Mountain soll –jetzt noch—unser Tagesziel sein.

Die Diesigkeit im Ort ist´s, die uns dazu bringt, dass wir im Walmart ein erneutes Mal die Brand-App von British Columbia checken. Ein guter Gedanke, denn –wenn wir ganz ehrlich sind—riecht es bereits hier ein bisschen zu sehr nach Lagerfeuer. In British Columbia, in dem wegen der hohen Waldbrandgefahr seit Anfang Juni ein genereller „Fireban“ besteht. Kein Campfire mehr für Bocholter Pfadfinderinnen in diesem Landstrich, es brennt hier überall seit Wochen schon genug. Ein guter Gedanke, bei Feuergeruch also wirklich noch einmal die Warn-App zu checken.

Die gesamte Sachlage zu begreifen gestaltet sich schwierig und unsere Logistik verändert sich ab nun für die nächsten Stunden zehnminütlich.
Um es einigermaßen griffig zu machen:
150 Kilometer nordöstlich von Fort St John brennen mehr als eine halbe Millionen Hektar Wald (um genau zu sein, sind es 553.360 Hektar). Der Wind bläst gen Südwest. Daher ist die Straße, die vor uns liegt, für knappe 180km plötzlich zur potentiellen Evakuierungszone erklärt worden. (Selbsterklärend ist wohl, dass es keinerlei Ausweichstraßen gibt.) Das nächste Camp mit Kontakt zur Außenwelt in Pink Mountain (eigentlich unser geplantes Ziel) liegt genau am Anfang dieser Zone. Um aus dem potentiellen Evakuierungsbereich weg zu kommen, müssten wir also besagte 180km weiter durchs erneut absolute Nichts fahren. Danach kommt angeblich ein Ort, an dem man zwar Campen kann, außer Bären und Wald hat es dort aber rein gar nichts. Auch kein Internet, um die Feuerdynamik im Blick zu behalten. Prophet River.

Wir wälzen Gedanken hin und her und entscheiden uns, den weiter entfernten, brandsicheren Ort in Prophet River anzufahren. Plan: Pink Mountain wird über den Haufen geworfen. In einer verqualmten Zone zu nächtigen, die möglicherweise heute Nacht noch geräumt werden muss, ist uns dann doch etwas zu abenteuerlich.* Und dann springt der Magicbus nicht an.* Genau. Nee danke.

Überflüssig (und vollkommen textungriffig) wäre es nun zu schreiben, dass aus dem nächsten geplanten Camp in Prophet River auch nichts wurde. Nicht, wegen irgendwelcher Disaster, sondern lediglich deshalb, weil es dieses –übrigens offiziell ausgeschriebene!—Camp überhaupt nicht gibt. Nach 180 Kilometer Nichts war das tatsächlich schon eine kleine Überraschung. Der Tagestacho zeigte mittlerweile 378 Kilometer. Und die Uhr halb sechs. Also weiter… noch ein Stück.

Schlussendlich sind wir heute, statt der erstens geplanten 225 Kilometer bis Pink Mountain (Feuerschneise), statt der zweitens geplanten 378 Kilometer bis Prophet River (Camp gibt es nicht), 456 Kilometer gefahren.
Bis Fort Nelson. 456 unglaubliche Kilometer.

Der Lonely Planet weiß über unserer heutige Strecke zu berichten, dass es auf der langen Strecke nach Fort Nelson, kaum Hinweise auf die kommenden Wunder gäbe. Ernsthaft?
Denn abseits der logistischen Abenteuerlichkeiten wegen Feuer und nicht existierenden Camps haben wir den gesamten Tag über lediglich ein einziges Wunder gesehen.

Ein 466 Kilometer langes Wunder, dass aus endlosen Wäldern, Hügeln, Rehen, Kranichen und vor allem insgesamt fünf Schwarzbären (einer davon in braunem Fell) am Straßenrand bestand.

Es ist mir ein großes Rätsel, wie man auf dieser Strecke keine Wunder erleben kann. Der arme Autor.

Schlussendlich also wird alles gut.
Um kurz nach halb acht dürfen wir auf der Zeltwiese des zweiten, „fulls serviced“ Campingplatzes hinter Dawson Creek einparken. Ein Cowgirl um die 50 empfängt uns. Sie trägt den imposantesten Kajal, den ich je gesehen habe und lädt uns direkt in ihren Salon ein. Als erster Fun-Fact fällt auf, dass es keinerlei Bärenempfehlungen gibt. In Bärenland.

Nun also sind wir hier:
So tief in Bärenland wie noch nie. Und auf unserem Campingplatz gibt es –im Gegensatz zu wirklich allen anderen Camps seit New Brunswick (wie weit ist das: 8000 Kilometer?!)—weder bärensicheren Müll, noch irgendwelche Verhaltensempfehlungen.
Hier –so tief in Bärenland wie noch nie—braucht es vielleicht gar keinen sicheren Müll!? Hier wird vielleicht sofort geballert, ohne zu zögern. Passendweise tippte unser Nachbar soeben, dass unser Nummernschild am ehesten „military“ sei. Soviel dazu…
Und: weil Zögern in Gegenden wie diesen auch mal daneben gehen kann. Bei Bären und bei Abfahrten.
Gut also, dass wir heute Morgen in Dawson Creek aufgebrochen sind:

Unbewaffnet, bekloppt und mit vielleicht ausreichend Chaos im Herzen, um irgendwann mal einen Stern zu gebähren.
Zumindest, wenn man Nietzsche fragt.

Dauerregen oder: Einem guten Kojoten ist das Wetter scheißegal

Am Morgen schleicht eine schwarze Gestalt am Bulli vorbei. Sie gehört zur Partytruppe von gegenüber, deren Campsite morgens von den Rangern erstmal abgeräumt werden muss. Überall stehen Dosen und Essensreste, eine der klassischen Campsites, die man hier »wildlife at risk« nennt. Genau solche Plätze sind es, die Bären zum frühstücken aufsuchen – um danach abgeballert werden zu müssen. Nur weil Menschen nachlässig waren und achtlos. Ein Bär der gelernt hat, dass Campingplatz gleich Futter ist, wird zum Problembären. Und Problembär sein heißt –wir erinnern uns an Bruno: Bär ade.
An diesem Morgen verstehe ich erstmalig, warum solche Plätze als »wildlife at risk« bezeichnet werden. Bezeichnend. Ein bisschen sauer macht sie schon: die menschliche Dummheit.

In einer kurzen Dauerregenpause packen wir unser Camp ein, der letzte Teil unserer Rocky Mountains-Etappe will gefahren werden. Ein bisschen verrückt fühlt sich das schon an: der letzte Teil unserer Rocky Mountains-Etappe…, bevor wir eine ganz große Neue beginnen.

In Hinton, dem ersten Örtchen auf unserer heutigen Reise, 80km hinter Jasper, kaufen wir ein. Zwei Mopedfahrer aus Bad Tölz schlappen patschnass mit uns in den Walmart. Sie kommen gerade aus dem Norden, tropfend und regennass gekrümmt, nur aufrechterhalten von unvergesslichen Ereignissen und dem Stolz der ausgewachsenen Midlifecrisis. Es ist nicht das erste Mal, dass wir unglaublich froh sind, nicht mit den Mopeds losgefahren zu sein. So bekloppt der Magicbus auch sein mag.

Ich möchte gar nicht zu viel lästern: der Bulli macht seinen Job weiterhin sehr gut. Mit wechselhaftem Klappern, Quietschen, Singen, Jaulen, Surren schlägt er sich bis hierhin wirklich großartig. Heute scheint er sogar nur mit Regenwasser zu fahren: auf 400 Kilometern verbrauchen wir laut Tankanzeige so gut wie keinen Sprit. Du Magicbus, Du, wir loben Dich. Nicht nur für Dein wackeres »uns trocken halten« an dauerverregneten Tagen wie diesen. Und auch wenn Du wirklich nicht die allererste Wahl bist, wenn es darum gehen sollte nach Alaska hochzufahren. Aber wir sind ja auch nicht mehr die Frischesten – also passt das alles schon. Nicht nur im Dauerregen, der dem Magicbus anscheinend sehr viel besser tut als Wochenend und Sonnenschein und dann mit dir im Wald allein….

Warte. Dauerregen stimmt nicht ganz. Auf unserem Bighorn Highway – immer am Smokey River entlang– regnet es plötzlich nicht mehr. Auf dem Bighorn Highway schneit es irgendwann. Zwischen Hinton und Grande Cache kommt 180 Kilometer rein gar nichts. Außer Schnee auf einer Bergetappe, die wir irgendwie übersehen hatten. Das Wetter ist so wild, dass sich selbst die wohlfeil angepriesenen Caribous nicht sehen lassen. Und auch nicht die Mountain Sheep. Es gibt keine Mutter, die ihre Kinder bei diesem Schietwetter vor die Türe schickt. Nur ein einsamer, scheuer Kojote scheint die ganze Nummer nicht zu stören. Einem guten Kojoten ist das Wetter nämlich scheißegal.

Zwischen Grande Cache und Grande Prairie kommt 180km wieder nichts. Nicht mal mehr Berge. Ein paar Rehe am Straßenrand, eines davon plattgefahren von einem der wenigen Monster-RAMS, die zum Kohletagebau gehören. Im Hinterland leben hier nur noch ein paar zahnlose Trapper, die halbtote Biber an den Schwänzen hinter sich her ziehen, Bären mit bloßen Händen erwürgen, das graue Leben finanziert mit dreckigen Durchfahrtsgeschäften, aber spucken können wie die Weltmeister. Schätze ich zumindest.

Dann, aus dem Nichts, ein brutaler Knall auf der Frontscheibe. Was zum Teufel war das? Gesehen haben wir nichts, fahren bis nach Grande Prairie aber mit der Paranoia im Nacken, dass oben an unserer Thulebox ein Rehschädel mit den Hörnern zuerst eingecheckt hat. Und Blut zieht in roten Schlieren im Dauerregen über das Dach des Magicbus. Ein Ralleybulli mit Blutlackierung wäre eine sportliche letzte Rocky Mountains-Etappe in Öko. Gott sei Dank ist das alles –bis auf den Aufpraller unbekannter Natur– nur phantasiert, hätte aber sehr gut zu Grande Prairie gepasst, das den unverwechselbaren Charme einer Ölbohrinsel besitzt. Im Dauerregen.

Im unserem lichten Birkenwäldchen für die Nacht finden wir an der Thulebox rein gar nichts. Keinen Rehschädel, keine Schlieren, nur Tropfentropfentropfen. Dass die Wettergötter uns tatsächlich die einzigen fünf trockenen Minuten des Tages gönnen, um das Camp aufzubauen, bevor es danach wieder in Strömen regnet, ist schier unglaublich.

Auf Sasketoon Island, 15 Kilometer hinter dem Charme von Grande Prairie. Und noch 150 Kilometer bis Dawson Creek.
Ohne Rehschädel als Kühlerfigur und im kalten Dauerregen.

P.S.: Die Gopro hats aufgedeckt: Es war ein armes Vögelchen. Schade, dass an seinem letzten Tag so ein Schietwetter war. Die Globetrottels entschuldigen sich aufrichtig.

Milepost from Jasper

Erneut nicht weggehapst vom Grizzly sind wir kurz vor Mittag zutiefst ausgeschlafen. Was auch immer in diesen Zapfen war, die wir gestern so großzügig verbrannt haben. Zapfen der »subalpinen Fir«, die von Indigenen schon in uralten Zeiten verräuchert wurden to repel evils spirits – meint unser Lone Pine Büchlein auf Seite 121.

Gonzojournalistisch darf man festhalten, dass die Zapfen auf jeden Fall zu sehr tiefem, langen Schlaf und sehr, sehr bunten Träume führen:
Heute Nacht im Traum haben Chouchou und ich alle Tiere aus dem Lone Pine Büchlein in einem afrikanischen Omnibus eingesammelt. Jedes auf seinem Platz, die gefährlichen und die freundlichen. Heute Nacht haben wir eine Arche Noah gebaut. Alle Tierchen zusammen, friedlich und durcheinander – und wir mittendrin. So war das – unter einem klaren Rocky Mountain´schen Sternenhimmel, zwischen den Seiten des Lone Pine nature guides, im Halbtraum unter subalpinem Fir-Einfluss. Den übrigens scheinen auch die roten Hörnchen um uns herum sehr lieben (siehe LonePine Büchlein, S. 46). Lautlustig schnatternd knabbert unser Nachbarhörnchen Zapfen nach Zapfen, es scheint bester Laune zu sein, während wir den ersten Kaffee trinken.

Auf unserem letzten Stück des zauberhaften Icefield Parkways gen Jasper machen wir die Athabasca Trilogie voll. Nach Gletscher und Fluss sind heute die Wasserfälle dran. Mit dabei: oben eine Fischsorte, unten vierzehn (die Anzeigetafel spricht von einem mystery), sowie zwei Globetrottels und halb Indien.

Kurz vor Jasper dann Stau wegen »White-tailed deer« am Straßenrand. Im Lone Pine Büchlein auf Seite 31 erwähnt. Wir arbeiten an der Arche –vom Autofenster aus.

In Jasper halten wir uns für ganz besonders schlau. Da Wochenende ist (die überfüllten Parkplätze unterstreichen dies) und Campingplätze rar, reservieren wir uns bereits am späten Mittag ein Plätzchen auf dem Snaring Campground. So lässt es sich nachmittags entspannter im Ort herum streifen, weil wir wissen, wo wir nachts zu Hause sein dürfen. Im Nationalpark Jasper, wo wilden Campern drakonische Strafen drohen.

Jasper ist ein freundlicher Ort. Irgendwas zwischen Hippie-Outdoor-Berg-Dorf im Manalistil. Daher passt es, dass wir in einem wirklich sehr originalen, indischen Restaurant landen. Wir sind die einzigen Westler, gegessen wird mit den Händen. Das Essen ist köstlich und scharf – das beste Essen, das wir in Kanada bisher hatten. Aus den Lautsprechern dudeln überlaut die angesagtesten Bollywoodhits, das Toilettenpapier in den Washrooms ist unberührt. Eine Reise in der Reise, eine Stunde Incredible India, eine Wohlfühloase.

Pappsatt sitzen wir später bei Tim Hortons, um träge und happy mit gutem WLAN die weitere Route zu recherchieren.Und um Informationen über die Waldbrände im Norden einzuholen.

Noch später und noch immer pappsatt laufen wir das Örtchen ab. Nett, süß, freundlich, es ist wirklich schön hier.

Bei den »Friends of Jasper« stöbern wir erneut nach der »milepost«. Ein Buch, das wir seit Tagen fieberhaft suchen; DER Reiseführer für alle Verrückten, die den Alaska Highway hoch ins Nichts wollen. Leider finden wir das Buch auch hier nicht, treffen an der Kasse aber unerwarteterweise auf eine echte Yukonexpertin.
Die betagte Dame in rosa trägt –unter ihrer türkisen Lesebrille– ein Lächeln und Abenteuer in den Augenwinkeln. Sie selbst sei schon sieben Mal im Norden gewesen. Es blitzt in ihren Augen: It is so unbelievable amazing. Sie beginnt zu erzählen, verliert sich so schnell in Begeisterungsstürmen, dass sie das kassieren total vergisst. Die Schlänge wird länger und länger, aber niemand drängelt, niemand wird ungeduldig. Sympathischen Menschen in euphorischen Momenten zuhören – in diesem Moment muss niemand schnell weiter. In Gedanken sind wir alle gemeinsam im Yukon. Dank der gelebten Liebeserklärung, die aus der Dame hervorsprudelt.

Heute Abend werden wir beim Feuer vom Yukon träumen. Und vielleicht ja auch heute Nacht – wenn wir wieder genügend Zapfen der subalpinen Fir verräuchern.
Bunte Träume von einem wilden Norden, in dem alle Tiere aus dem frei und wild leben können. Arche Noah grenzenlos, Lone Pine nature guide Seite null bis Seite 191. In der einen Hand die Milepost, die andere weit geöffnet aus dem fahrenden Fenster gestreckt. Der Welt entgegen.

One night in heaven

Zur Feier des Tages hat der Regen aufgehört. Kirmesende, holt die Zelte ein, die Globetrottels müssen weiter ziehen. Raus aus Banff, drauf auf den sagenumwobenen Icefield Parkway. Eine der angeblich schönsten Bergstraßen weltweit, der Reiseführer überschlägt sich in Superlativen. Zwei der Giganten lassen wir direkt links liegen: den Lake Moraine und den Lake Louise. Millionenfach fotographiert, heute –selbst außerhalb der Hauptreisezeit– anscheinend auch millionenfach visitiert von Menschen aller Herren und Damen Länder. Meist China.
Rummel hatten wir die letzten Tagen genug, die große Mauer lassen wir also liegen.

Auf dem Icefield Parkway muss man die Hotspots vielleicht gar nicht anfahren, für die Globetrottels ist diese Straße mehr als gigantisch genug. Keiner unserer Reiseführer hat übertrieben. Das Herz der kanadischen Rocky Mountains macht sprachlos. Selbst bei verhangenen Himmel.

Nach knappen 100 Kilometern geschwungenem Grün zwischen majestätischen Bergriesen und 2000ern Pässen (die der Magicbus wirklich ganz hervorragend meistert. Chapeau, alter Junge. Bei so viel Arbeit darfst Du auch singen…) dürfen wir für heute auf einem der letzten freien Plätze im Rampart Creek zu Hause sein. Für eine Nacht im Himmel.

Und so stehen wir hier nur 10 Meter entfernt vom weiß rauschenden, laut wispernden North Saskatchwan River im dichten Wald. Die Lichtung ums Eck flüstert von Elchen, an Campsite Nr 8 wurde vor ein paar Tagen noch ein Schwarzbär gesichtet, Welt im Urzustand. Heute ist Zeit auf den Fluss zu hören, beschützt durch die Rockys, schneebedeckt.
Welt im Urzustand stillt alte Sehnsüchte, ganz tief. Momente, die es mit allen Sinnen zu genießen gilt. Daher gibt es heute nur ein kurzen Text. Es ist wichtiger, ein Feuer zu machen. Und einfach nur zu sein…

Bääämpff: Von Bärparanoia und Iced Cappucchino

Wer hätte gedacht, dass in einem der bekanntesten Nationalparks der Welt jede geschlagene Stunde in einer gar nicht mal tiefen Nacht ein Zug fährt!?
Wir kennen das Phänomen bereits aus Parry Sound: fährt ein Zug nach Nirgendwo neben dem Magicbus, dann fährt ein Zug nach Nirgendwo plötzlich direkt ins Hirn eines so ganz und gar nicht mehr schlafenden Globetrottels.
Irgendwann schrieb ich: im Dachzelt des Bulli ist drinnen wie draußen. Genauso ist es. Und so haben wir heute Nacht also in einem der bekanntesten Nationalparks der Welt mit den Köpfen auf den Gleisen campiert. Anyway, macht nix. In Bääämpff sind wir ja eh schon Asphaltkrieger im Durchgangsverkehr, die transkanadische Railwaylinie passt also problemlos noch rein in die Durchfahrt. Rein kompensatorisch schläft Chouchou am Morgen bis fast gegen neun. Rekord in ganz Kanada, Rekord auf glühenden Gleisen.

Zu allererst wird am Morgen der wunderbaren Brunny zum Geburtstag gratuliert. Viel zu weit weg, aber wenigstens ist die Internetverbindung so gnädig, einigermaßen Stand zu halten. Kam vielleicht mit der Bahn: 4G, 2 Balken, das ist das Minimum, um einigermaßen kontinuierlich eine Stimme vom anderen Ende der Welt zu übertragen. Danke Transcanadian railway – selbst, wenn Du es nicht gewesen bist. Es macht mein Verhältnis zu Dir aber besser. Und noch einmal: Happy birthday, liebste Brunny, meine allerliebste deMamels von Welt. Eigentlich bin ich überhaupt nicht weit weg.

Wie bereits angedroht, wollen wir uns heute die Kirmes geben. Anreise im Bollerwagen wäre am passendsten, wir aber nehmen den nächstgelegenen Wanderweg, der über die so genannten Hoodoos nach Banff führen soll. Hoodoo bitte was?

Wer Hoodoo bei Google eingibt, stößt zuerst auf die Übersetzung: »person that brings bad luck« – ein Unglücksbote. Gott sei dank verbergen sich hinter diesem ominösen Namen keine bösen Wichte, sondern lediglich Feenkamine. Das wieder rum klingt wirklich wunderschön. Also ab auf den Feenkamin-Trail.

Durch ein Zauberwäldchen geht es ab nun 10 Kilometer bergauf und bergab. Man hatte uns versprochen, dass auf diesem Weg wahnsinnig viel los sei. De facto sind wir ganz alleine. Grund genug, nach knappen fünf Kilometern reinem Wald eine Runde ernstgemeinte Bärenparanoia zu schieben.

Ich bin mir nicht sicher, wie es sich mit den Maestros Petz hier vor Ort wirklich verhält. Mein eingeschränkter Verstand aber sagt mir: wo viele Menschen sehr viel Essen krümeln werden irgendwann ein paar pfiffige Bärchen darauf kommen, dass es ganz besonders schlau ist, sich vor allem auf gut bewanderten Wegen aufzuhalten. Diese bauernschlaue Nummer von wegen eins plus eins ergibt und so kenne ich ja selbst ganz gut. Warum im tiefen Wald mühsam nach Wurzeln, Knospen, Früchten, Maultierhirschen suchen, wenn arglose Touristen (wir!) die Taschen voll haben mit Snickers (haben wir), Trockenfleisch (haben wir nicht) und Eiern (haben wir). Und nebenbei selbst noch Frischfleisch am wandelnden Knochen sind (immerhin: frisch sind wir –Gott sei dank– nicht. Aber Fleisch. Manchmal reicht das ja.) Schritt für Schritt tiefer in den Wald, kommt mir plötzlich der rehknackende Schwarzbär von Waterton wieder in den Kopf. Diese Begegnung fühlte sich zweifelsohne surreal an. Auch weil so viele Menschen auf dem Wanderweg waren und ich wohl insgeheim gehofft hatte: sollte der Bär uns bemerken, frisst er als erstes die laut schnatternden Tanten mit ihren Schoßhündchen. Oder die Schulkinder.
Hier ganz alleine nach ein paar Kilometern purem Wald hat sich das Blatt gewendet. Ich komme mir plötzlich sehr klein und lächerlich vor – mit meiner Dose Bärspray in der linken Außentasche meines Rucksacks. Missen möchte ich es zweifelsohne aber trotzdem nicht. Das Spray nicht und auch nicht das Erlebnis.

Viel gelästert haben wir vorab, über diese überlaufende Banffregion. Auf diesem Wanderweg aber verstehen wir auch, warum es so viele Menschen hier her zieht.

Die Natur ist wahrlich atemberaubend, teilweise fast märchenhaft mit seinen grünen Tannen, dem kristallklarem Bow River, eine Lichtung, saftig grüne Wiese, ein bunter Vogel im Unterholz. Wenn ich träumte von einem perfekten Wald, dann ist es einer wie dieser. Welt erleben– so, wie sie gefühlt noch im Urzustand ist. Und danach einen iced Cappuccino bei Tim Hortons und ein hochwertiges Souvenir in einem der zahlreich stylischen Läden kaufen als Erinnerung. Schlecht gemacht ist das nicht. Banff Town hätte ich mir wirklich gruseliger vorgestellt.

Wir flanieren noch ein wenig durch den Ort, zünden in der Kirche ein sehr wichtiges Kerzchen an, essen –stellvertretend für Brunny– zehn Birthday Timbits bei Tim Hortons und spülen sie mit besagtem iced Cappuccino runter. Pünktlich zum Regen sind wir nach insgesamt 14 Kilometern wieder zu Hause…

Und so endet dieser Dienstag mit klopfenden Tropfen auf dem Hochdach des Magicbus´. Kalter Regen nach einem warmen Tag. Mächtige Berge beäugen uns, vielleicht gütig, vielleicht süffisant lächelnd, ich weiß es nicht.
Aber ganz bestimmt sind sie unberechenbar.

Auf nach Bääämpff

Am Morgen danach heißt es erst einmal: Schäden begutachten. Gott sei Dank sind wir äußerst schnell durch, der Magicbus hat sich mal wieder von seiner tapfsteren Seite gezeigt und sein altes Fell kühn in den Sturm gehalten. Weder ihm, noch uns ist etwas passiert. Nur Waterton hat die ganze Sache nicht ganz so wacker weggesteckt.

Gestern haben wir im Halbdunkel einen neuen Fluss entdecken dürfen, dort wo eigentlich unsere Straße war. Der Cameroon Fall hat anscheinend sein Bestes gegeben, um über die Ufer zu treten. Mal wieder war´s Licht aus in ganz Waterton.
Was wir gestern Abend noch nicht sahen, waren sturmzerrupfte Zelte, die wir am Morgen verwaist vorfinden. Wo sind ihre Bewohner hin? Verweht? Geflohen? Verschwommen? So wie die gesamte Lage vor Ort?
Die Ranger tun alles, um sich einen ersten Überblick über die Katastrophe zu verschaffen: Hubschrauber in der Luft, alle Wanderwege gesperrt, unser gestern noch begangener Bear hump wurde von einer Gerölllawine weggerissen, auf der Webpage des Parks (die wundersamerweise das erste Mal gut läuft) werden Menschen gebeten, nicht mehr anzureisen. Es ist an der Zeit, dass die Globetrottels weiterfahren. Auch, weil zusätzlich ein Bär im Nachbarcamp eines der verwaisten Zelte verwüstet hat. Mannomann, hier ist wat los, Leute, ich sachet euch…

Bei ausgeprägtem Beziehungserleben könnte man fast meinen, die Globetrottels zögen eine Schneise der Verwüstung hinter sich her. Ostkanada brennt, Tornadowarnung in Saskatchwan, im Waterton Parc bitte nicht mehr anreisen. Wir müssen hier erstmal postglobetrottelig aufräumen. Sorry for the inconvenience.
Bei gesundem Menschenverstand ohne Beziehungserleben könnte man einfach mal die KanadierInnen befragen. Alle, ausnahmslos alle, mit denen über das Thema sprachen, fürchten sich vor dem Sommer. Wir haben erst Juni und die Brände sind bereits jetzt außer Rand und Band. Von den Tornados und den Unwettern ganz zu schweigen. Bei gesundem Menschenverstand hat jeder Klimaleugner eigentlich eine Backpfeife verdient.

Gegen halb zehn verlassen wir das Katastrophengebiet: Chouchou unerschrocken am Steuer, ich daneben bei 500g Mayonudelsalat und mittlerweile dem zweiten Käsebagel. Weltuntergangsangstknabbern.
An alle, die mir so ökotrophologisch gewieft getippt haben, dass die zwei Eis der letzten zwei Tage sehr viele Kalorien hatten, den soll gesagt sein: Kinnas, in Kanada lernt man zügig: man lebt nur einmal und das kann ziemlich schnell vorbei sein. Lasst mir also mein Eis. Und Mayonaisse-Nudelsalat morgens um halb zehn im Krisengebiet. Ich kann mich hier nicht um alles kümmern.

250 Kilometer sind es bis Calgary. Bob Dylan fragt im Radio: How does it feel to be without a home. Like a complete unknown, ein Bauernhaus lächelt uns an, eine Reklame erinnert: Be curious. Be transformed. Und dann sind wir auch schon da.

Obligatorischer Einkauf im Walmart: diesmal das große Programm mit allem drum und dran. Hafermilch ist im Angebot, wir kaufen vier Päckchen, räumen die halbe Gemüseabteilung leer. Für die Beyond Meat-Würstchen sind wir eh die einzigen Abnehmer kanadaweit. Bei ausgeprägtem Beziehungserleben könnte man davon ausgehen, dass sie nur für uns in der Auslage liegen. Dann noch Baguette, Käse, Oliven, Gurken, Eier, Reis, Nudeln, Pad Thai, Daal, Bagels, Chips, Ahornsirup, Nutella. Man merkt: das Weltuntergangsangstknabbern ist noch lange nicht vorüber.

Danach noch fix zum VW South Center: unser telefonisch bestellter Retro-Ölfilter wartet auf uns. Wir mussten Vorkasse leisten, da sie das olle Ding ansonsten nicht los werden. Eine Beratung zur Anschaffung des neuen VW Camper Buzz war anscheinend im Preis mit drin.

Jetzt sind´s nur noch 150 Kilometer bis zum Banff Nationalpark: unser Camp für die nächsten drei Tage. In großer Hektik reserviert, da bereits zu dieser Jahreszeit fast alles heidenlos ausgebucht ist – sagen uns alle, das Buchungsportal hat´s bestätigt.
Banff, erster Nationalpark Kanadas, der drittälteste weltweit und eines DER Kanada-Highlights, zumindest, wenn man den Reiseführern glauben darf. Banff – so schön wie Chouchou kann das kein Mensch sagen. Also: Wir fahren nach Bääämpff. Bääämpff Für Outdoorabenteuer in Bääämpff.

Dass dies ein kleiner Scherz sein wird und wir in Bääämpff sicherlich keine großen Outdoorabenteuer erleben werden, ist uns –ehrlich gesagt– von vorne herein klar. Kanadas überlaufenster Nationalpark soll eher einer großen Kirmes gleichen, einer Kumbh Mela für Touris, die Outdoorenthusiasten mimen. Die Bären sollen ihre helle Freude an diesem Schauspiel haben: viel lecker “Food for free” auf den Campingplätzen, daher hat man hier auch ernsthaft abgeriegelt und sehr, sehr viele Warnschilder aufgestellt.
Auf einem asphaltierten Großraumparkplatz parken wir ein. Netterweise gibst ein kleines Stückchen Rasen mit ein paar Bäumen drauf, der uns von unseren Nachbarn trennt, die augenscheinliche Partytiger um die 50 mit –Gott sei dank– sehr guten Musikgeschmack sind.

Morgen schauen wir uns das Spektakel im Dorf mal an. Outdoorenthusiasten-mimende Globetrottels im nächsten Nationalpark, in dem sie diesmal hoffentlich keine Katastrophe verursachen. In einem alten, schröddeligen Bulli-reisende Globetrottels, die gleich Lagerfeuer machen und ganz sicher auch nicht den besten climate foodprint hinterlassen.
Bääämpff. Ein bisschen Zeit für Selbstkritik in Bääämpff. Ich glaub, ich brauch noch einen Nudelsalat. Das nächste Gewitter ist angeblich schon im Anmarsch.

Bison-derer Freitag (oder: Eigentlich wollten wir nur Öl wechseln)

Vollkommen kanadisiert ist man ab dem Zeitpunkt, an dem es einem nicht mehr seltsam vorkommt, zum Einkaufen 120km zu fahren.
Vollkommen kanadisiert sind wir also seit heute. Denn heute tun wir ganz genau das. Bis Lethbridge sind es 120 Kilometer. Ein schwerster Sturzregen fällt von einem dichten, grauen Himmel auf graue, leere Straßen, in denen kaltes, graues Wasser nicht mehr abfließt.
Kanada kann vieles, nur “ein bisschen” Wetter, das kann dieses Land nicht. Entweder ganz oder gar nicht. Sintflut an einem Freitag: hervorragendes Wetter für globetrottelige Erledigungen. Und ganz besonders für den Magicbus.

VW Lethbridge hat sich bereit erklärt, dem Abenteuer “Oilchange on a german Eurovan from 1994” ins Auge zu sehen. Unser Termin ist um zehn, alemansmäßig stehen wir um 09:57h auf dem Platz. Also doch noch nicht vollkommen kanadisiert.
Während der Bulli seine Wellnesskur erhält, dürfen wir endlos kostenlosen Cappucchino zapfen. Und so kommt der Magicbus nicht nur zu frischem Öl, sondern auch zu einer Kurzinspektion, die lediglich ergibt, dass die linke CV etwas “greasy” sei. Was auch immer CV sein soll, “greasy” klingt nach Disco, John Travolta und heißem Saturday Night fever. Nehmen wir …

Passend zu dem spektakulären “Head smash”, mit dem ich den gestrigen Abend beenden durfte (Exkurs: Außer einer riesigen Beule ist nichts passiert, aber ich versuche mir in Zukunft zu merken, dass ich meinem Schädel nicht mehr in eine zuknallende Autotür halten sollte. Das ist nicht schlau und tut auch ziemlich weh…), widmen wir uns nach dem Ölwechsel heute einem zweiten UNESCO world heritage Albertas: Head-smashed-in-Buffalo-jump. Auch, damit ich mir ein für alle Mal merke, dass selbst die härtesten und dicksten Schädel irgendwann brechen können.

Head-smashed-in-buffalo-jump.
Eigentlich steht ein Großteil der Geschichte bereits im Namen. Quasi: Nomen est omen.
In Head-smashed-in-buffalo-jump jagten die Blackfoots seit über 7000 Jahren Bisons, indem sie sich einer sehr ausgeklügelten und einzigartigen Technik bedienten.
Die tapfersten Krieger hüllten sich in Bisonfelle, um sich damit unauffällig den durchziehenden Herden zu nähern. Hatten sie die Bisons umkreist, scheuchten sie die Herde auf und trieben sie in Richtung der Klippen, an denen die Tiere zu Tode stürzten. Ein durchweg unheiliger Ort – auch wenn hier viel Wert auf rituelle Zusammenhänge gelegt wird.
Einer der Blackfoots –sehr wahrscheinlich einer der weniger Smarten; so ein Typ, der heutzutage seinen Schädel auch in eine zuknallende Autotür halten würde. Hough, Bruder!– wollte sich der Jagd entziehen und dachte sich wohl: Während sich die anderen schwitzend in ihren Fellen abrackern, guck ich mir das Spektakel einfach legère von unten an. Ein Gaffer, sehr wahrscheinlich etwas moppelig und behäbig, der sich entspannt mit einer Pfeife unten an die Klippen stellte und glotzte. Einer, der heutzutage am ehesten mit Smartphone in der einen und Limo in der anderen Hand dort unten in einem überdimensionierten Campingstuhl säße.
Leider war die Jagd an diesem Tage äußerst ergiebig. Tausende von Bisons stürzten in die Tiefe und begruben den Gaffer unter sich. Der Stamm hatte hiermit gleich drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: genug Beute für den gesamten Winter, einen faulen Gaffer weniger und die Erfindung eines UNESCO – Orts, der sich entsprechend des Ereignisses heute eben “Head smashed in buffalo jump” nennt.
Nicht nur wegen meiner eigenen Head-smash-Tapsigkeit, sondern auch wegen des Wetter (die Sintflut geht weiter), bleiben wir nicht allzu lang. Die Bisons sind hier zwar nicht mehr beheimatet, aber ein Bär treibt in der Gegend sein Unwesen und auch “cougars” seien in den dichtem Sträuchern unterwegs. Erst später finden wir heraus, dass “cougars” Pumas sind – laut Infotafel vor Ort im Gegensatz zu den Bären “really dangerous animals”. Gut zu wissen…im Nachhinein.

In Head-smashed-in-buffalo-jump leben schon lange keine Bisons mehr. Alle zu Tode gestürzt oder vom weißen Mann abgeknallt wegen ihrer Felle. Kurz vor den Waterton Lakes aber soll es noch ein Gehege geben, in dem man die stolzen Büffel erleben kann, wenn man etwas Glück hat. Also soll dies unser nächster Anlaufpunkt sein. Nach so viel Tod lieber Leben.

Langsam tuckern wir auf das Gelände ein, in welchem nur eine schmale Spur zur Befahrung ist: kein Abweichen von den Wegen und bloß kein Aussteigen aus dem Auto! Entweder man sieht die Bisons von dieser Schneise aus oder gar nicht. Für uns soll es unsere Glücksschneise sein. Mal wieder.
Wir erblicken die Herde in sehr weiter Ferne auf einem Hügel stehend. Vielleicht 15 Tiere!? Haben sie möglicherweise sogar zwei Babys an Bord? Als wir uns langsam nähern, um sie genauer zu erkennen, verschwinden die Büffel galoppierend ins Tal, wir sehen sie nun nicht mehr.
Ich bitte Chouchou den –dank neuen Öls– viel zu gut brummenden Magicbus auszustellen. Einfach mal warten. Mal wieder Globetrottels, die auf Hügel starren. So lange, bis die Herde ganz plötzlich auf dem Hügelchen direkt rechts vor uns wieder auftaucht. Um gemütlich und mit massiven, schwankenden Körpern genau auf den Magicbus zuzuhalten.

Ich kann nicht mehr. Die Bisons sind RIESIG! Und sie haben tatsächlich zwei Kälbchen dabei! Nicht auszudenken was jemand fühlt, der schon vor Kühen panische Angst hat.
ICH habe panische Angst vor Kühen. Und noch viel, viel größere vor Kühen mit Kälbchen!
Die Bisons starren uns mit großen Augen an. Der größte unter ihnen schnaubt, taxiert den Bulli genau, bei dem –nur einen Meter weiter– nun vollkommen wumpe ist, ob er neues Öl hat. Ein neuer Kuhfänger wäre besser gewesen. Wobei – bei einem Stockmaß von 2,5m wäre auch der ziemlich überflüssig.
Mein Herz pocht bis zum Hals. Angst und überschwellige Freude, dass die Herde so nah bei uns ist, mischen sich zu einem kaleidoskop-artigen Gefühlschaos.
Die Bisons kommen immer näher, der Leitbüffel schaut mir nun direkt in die Augen. Bloß nicht zurück gucken! Allenfalls nur ganz kurz aus dem Augenwinkel linsen und bloß nicht, bloß nicht hyperventilieren.
Durchatmen. Es ist ganz klar, wer hier der Chef ist. Und er ist da – ganz nah, hier bei uns, und starrt uns noch immer in Grund und Boden.
Erst als wir die Köpfe senken, zieht die Herde langsam weiter. Ruhig, gemächlich, im wiegenden, watteweich-mächtigen Huftritt vorbei am Magicbus gen regnerisch-verhangenen Horizont. Es ist unglaublich. Einfach nur absolut unglaublich!

Und so endet dieser sintflutartig verregnete Freitag am Rande der Rocky Mountains mit zwei Heads-smashed und einem “heart-crashed”.
Es gibt kaum etwas Größeres, sich so klein fühlen zu dürfen. Und dankbar dafür zu sein.
Watteweich-mächtig gen Horizont.
Bisonhappy and lovely heart-crashed.
What a day for a daydream…

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »

© 2026 Die Globetrottels

Theme von Anders NorénHoch ↑