Am Morgen schleicht eine schwarze Gestalt am Bulli vorbei. Sie gehört zur Partytruppe von gegenüber, deren Campsite morgens von den Rangern erstmal abgeräumt werden muss. Überall stehen Dosen und Essensreste, eine der klassischen Campsites, die man hier »wildlife at risk« nennt. Genau solche Plätze sind es, die Bären zum frühstücken aufsuchen – um danach abgeballert werden zu müssen. Nur weil Menschen nachlässig waren und achtlos. Ein Bär der gelernt hat, dass Campingplatz gleich Futter ist, wird zum Problembären. Und Problembär sein heißt –wir erinnern uns an Bruno: Bär ade.
An diesem Morgen verstehe ich erstmalig, warum solche Plätze als »wildlife at risk« bezeichnet werden. Bezeichnend. Ein bisschen sauer macht sie schon: die menschliche Dummheit.

In einer kurzen Dauerregenpause packen wir unser Camp ein, der letzte Teil unserer Rocky Mountains-Etappe will gefahren werden. Ein bisschen verrückt fühlt sich das schon an: der letzte Teil unserer Rocky Mountains-Etappe…, bevor wir eine ganz große Neue beginnen.

In Hinton, dem ersten Örtchen auf unserer heutigen Reise, 80km hinter Jasper, kaufen wir ein. Zwei Mopedfahrer aus Bad Tölz schlappen patschnass mit uns in den Walmart. Sie kommen gerade aus dem Norden, tropfend und regennass gekrümmt, nur aufrechterhalten von unvergesslichen Ereignissen und dem Stolz der ausgewachsenen Midlifecrisis. Es ist nicht das erste Mal, dass wir unglaublich froh sind, nicht mit den Mopeds losgefahren zu sein. So bekloppt der Magicbus auch sein mag.

Ich möchte gar nicht zu viel lästern: der Bulli macht seinen Job weiterhin sehr gut. Mit wechselhaftem Klappern, Quietschen, Singen, Jaulen, Surren schlägt er sich bis hierhin wirklich großartig. Heute scheint er sogar nur mit Regenwasser zu fahren: auf 400 Kilometern verbrauchen wir laut Tankanzeige so gut wie keinen Sprit. Du Magicbus, Du, wir loben Dich. Nicht nur für Dein wackeres »uns trocken halten« an dauerverregneten Tagen wie diesen. Und auch wenn Du wirklich nicht die allererste Wahl bist, wenn es darum gehen sollte nach Alaska hochzufahren. Aber wir sind ja auch nicht mehr die Frischesten – also passt das alles schon. Nicht nur im Dauerregen, der dem Magicbus anscheinend sehr viel besser tut als Wochenend und Sonnenschein und dann mit dir im Wald allein….

Warte. Dauerregen stimmt nicht ganz. Auf unserem Bighorn Highway – immer am Smokey River entlang– regnet es plötzlich nicht mehr. Auf dem Bighorn Highway schneit es irgendwann. Zwischen Hinton und Grande Cache kommt 180 Kilometer rein gar nichts. Außer Schnee auf einer Bergetappe, die wir irgendwie übersehen hatten. Das Wetter ist so wild, dass sich selbst die wohlfeil angepriesenen Caribous nicht sehen lassen. Und auch nicht die Mountain Sheep. Es gibt keine Mutter, die ihre Kinder bei diesem Schietwetter vor die Türe schickt. Nur ein einsamer, scheuer Kojote scheint die ganze Nummer nicht zu stören. Einem guten Kojoten ist das Wetter nämlich scheißegal.

Zwischen Grande Cache und Grande Prairie kommt 180km wieder nichts. Nicht mal mehr Berge. Ein paar Rehe am Straßenrand, eines davon plattgefahren von einem der wenigen Monster-RAMS, die zum Kohletagebau gehören. Im Hinterland leben hier nur noch ein paar zahnlose Trapper, die halbtote Biber an den Schwänzen hinter sich her ziehen, Bären mit bloßen Händen erwürgen, das graue Leben finanziert mit dreckigen Durchfahrtsgeschäften, aber spucken können wie die Weltmeister. Schätze ich zumindest.

Dann, aus dem Nichts, ein brutaler Knall auf der Frontscheibe. Was zum Teufel war das? Gesehen haben wir nichts, fahren bis nach Grande Prairie aber mit der Paranoia im Nacken, dass oben an unserer Thulebox ein Rehschädel mit den Hörnern zuerst eingecheckt hat. Und Blut zieht in roten Schlieren im Dauerregen über das Dach des Magicbus. Ein Ralleybulli mit Blutlackierung wäre eine sportliche letzte Rocky Mountains-Etappe in Öko. Gott sei Dank ist das alles –bis auf den Aufpraller unbekannter Natur– nur phantasiert, hätte aber sehr gut zu Grande Prairie gepasst, das den unverwechselbaren Charme einer Ölbohrinsel besitzt. Im Dauerregen.

Im unserem lichten Birkenwäldchen für die Nacht finden wir an der Thulebox rein gar nichts. Keinen Rehschädel, keine Schlieren, nur Tropfentropfentropfen. Dass die Wettergötter uns tatsächlich die einzigen fünf trockenen Minuten des Tages gönnen, um das Camp aufzubauen, bevor es danach wieder in Strömen regnet, ist schier unglaublich.

Auf Sasketoon Island, 15 Kilometer hinter dem Charme von Grande Prairie. Und noch 150 Kilometer bis Dawson Creek.
Ohne Rehschädel als Kühlerfigur und im kalten Dauerregen.

P.S.: Die Gopro hats aufgedeckt: Es war ein armes Vögelchen. Schade, dass an seinem letzten Tag so ein Schietwetter war. Die Globetrottels entschuldigen sich aufrichtig.