Unterwegs im Magicbus

Bison-derer Freitag (oder: Eigentlich wollten wir nur Öl wechseln)

Vollkommen kanadisiert ist man ab dem Zeitpunkt, an dem es einem nicht mehr seltsam vorkommt, zum Einkaufen 120km zu fahren.
Vollkommen kanadisiert sind wir also seit heute. Denn heute tun wir ganz genau das. Bis Lethbridge sind es 120 Kilometer. Ein schwerster Sturzregen fällt von einem dichten, grauen Himmel auf graue, leere Straßen, in denen kaltes, graues Wasser nicht mehr abfließt.
Kanada kann vieles, nur “ein bisschen” Wetter, das kann dieses Land nicht. Entweder ganz oder gar nicht. Sintflut an einem Freitag: hervorragendes Wetter für globetrottelige Erledigungen. Und ganz besonders für den Magicbus.

VW Lethbridge hat sich bereit erklärt, dem Abenteuer “Oilchange on a german Eurovan from 1994” ins Auge zu sehen. Unser Termin ist um zehn, alemansmäßig stehen wir um 09:57h auf dem Platz. Also doch noch nicht vollkommen kanadisiert.
Während der Bulli seine Wellnesskur erhält, dürfen wir endlos kostenlosen Cappucchino zapfen. Und so kommt der Magicbus nicht nur zu frischem Öl, sondern auch zu einer Kurzinspektion, die lediglich ergibt, dass die linke CV etwas “greasy” sei. Was auch immer CV sein soll, “greasy” klingt nach Disco, John Travolta und heißem Saturday Night fever. Nehmen wir …

Passend zu dem spektakulären “Head smash”, mit dem ich den gestrigen Abend beenden durfte (Exkurs: Außer einer riesigen Beule ist nichts passiert, aber ich versuche mir in Zukunft zu merken, dass ich meinem Schädel nicht mehr in eine zuknallende Autotür halten sollte. Das ist nicht schlau und tut auch ziemlich weh…), widmen wir uns nach dem Ölwechsel heute einem zweiten UNESCO world heritage Albertas: Head-smashed-in-Buffalo-jump. Auch, damit ich mir ein für alle Mal merke, dass selbst die härtesten und dicksten Schädel irgendwann brechen können.

Head-smashed-in-buffalo-jump.
Eigentlich steht ein Großteil der Geschichte bereits im Namen. Quasi: Nomen est omen.
In Head-smashed-in-buffalo-jump jagten die Blackfoots seit über 7000 Jahren Bisons, indem sie sich einer sehr ausgeklügelten und einzigartigen Technik bedienten.
Die tapfersten Krieger hüllten sich in Bisonfelle, um sich damit unauffällig den durchziehenden Herden zu nähern. Hatten sie die Bisons umkreist, scheuchten sie die Herde auf und trieben sie in Richtung der Klippen, an denen die Tiere zu Tode stürzten. Ein durchweg unheiliger Ort – auch wenn hier viel Wert auf rituelle Zusammenhänge gelegt wird.
Einer der Blackfoots –sehr wahrscheinlich einer der weniger Smarten; so ein Typ, der heutzutage seinen Schädel auch in eine zuknallende Autotür halten würde. Hough, Bruder!– wollte sich der Jagd entziehen und dachte sich wohl: Während sich die anderen schwitzend in ihren Fellen abrackern, guck ich mir das Spektakel einfach legère von unten an. Ein Gaffer, sehr wahrscheinlich etwas moppelig und behäbig, der sich entspannt mit einer Pfeife unten an die Klippen stellte und glotzte. Einer, der heutzutage am ehesten mit Smartphone in der einen und Limo in der anderen Hand dort unten in einem überdimensionierten Campingstuhl säße.
Leider war die Jagd an diesem Tage äußerst ergiebig. Tausende von Bisons stürzten in die Tiefe und begruben den Gaffer unter sich. Der Stamm hatte hiermit gleich drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: genug Beute für den gesamten Winter, einen faulen Gaffer weniger und die Erfindung eines UNESCO – Orts, der sich entsprechend des Ereignisses heute eben “Head smashed in buffalo jump” nennt.
Nicht nur wegen meiner eigenen Head-smash-Tapsigkeit, sondern auch wegen des Wetter (die Sintflut geht weiter), bleiben wir nicht allzu lang. Die Bisons sind hier zwar nicht mehr beheimatet, aber ein Bär treibt in der Gegend sein Unwesen und auch “cougars” seien in den dichtem Sträuchern unterwegs. Erst später finden wir heraus, dass “cougars” Pumas sind – laut Infotafel vor Ort im Gegensatz zu den Bären “really dangerous animals”. Gut zu wissen…im Nachhinein.

In Head-smashed-in-buffalo-jump leben schon lange keine Bisons mehr. Alle zu Tode gestürzt oder vom weißen Mann abgeknallt wegen ihrer Felle. Kurz vor den Waterton Lakes aber soll es noch ein Gehege geben, in dem man die stolzen Büffel erleben kann, wenn man etwas Glück hat. Also soll dies unser nächster Anlaufpunkt sein. Nach so viel Tod lieber Leben.

Langsam tuckern wir auf das Gelände ein, in welchem nur eine schmale Spur zur Befahrung ist: kein Abweichen von den Wegen und bloß kein Aussteigen aus dem Auto! Entweder man sieht die Bisons von dieser Schneise aus oder gar nicht. Für uns soll es unsere Glücksschneise sein. Mal wieder.
Wir erblicken die Herde in sehr weiter Ferne auf einem Hügel stehend. Vielleicht 15 Tiere!? Haben sie möglicherweise sogar zwei Babys an Bord? Als wir uns langsam nähern, um sie genauer zu erkennen, verschwinden die Büffel galoppierend ins Tal, wir sehen sie nun nicht mehr.
Ich bitte Chouchou den –dank neuen Öls– viel zu gut brummenden Magicbus auszustellen. Einfach mal warten. Mal wieder Globetrottels, die auf Hügel starren. So lange, bis die Herde ganz plötzlich auf dem Hügelchen direkt rechts vor uns wieder auftaucht. Um gemütlich und mit massiven, schwankenden Körpern genau auf den Magicbus zuzuhalten.

Ich kann nicht mehr. Die Bisons sind RIESIG! Und sie haben tatsächlich zwei Kälbchen dabei! Nicht auszudenken was jemand fühlt, der schon vor Kühen panische Angst hat.
ICH habe panische Angst vor Kühen. Und noch viel, viel größere vor Kühen mit Kälbchen!
Die Bisons starren uns mit großen Augen an. Der größte unter ihnen schnaubt, taxiert den Bulli genau, bei dem –nur einen Meter weiter– nun vollkommen wumpe ist, ob er neues Öl hat. Ein neuer Kuhfänger wäre besser gewesen. Wobei – bei einem Stockmaß von 2,5m wäre auch der ziemlich überflüssig.
Mein Herz pocht bis zum Hals. Angst und überschwellige Freude, dass die Herde so nah bei uns ist, mischen sich zu einem kaleidoskop-artigen Gefühlschaos.
Die Bisons kommen immer näher, der Leitbüffel schaut mir nun direkt in die Augen. Bloß nicht zurück gucken! Allenfalls nur ganz kurz aus dem Augenwinkel linsen und bloß nicht, bloß nicht hyperventilieren.
Durchatmen. Es ist ganz klar, wer hier der Chef ist. Und er ist da – ganz nah, hier bei uns, und starrt uns noch immer in Grund und Boden.
Erst als wir die Köpfe senken, zieht die Herde langsam weiter. Ruhig, gemächlich, im wiegenden, watteweich-mächtigen Huftritt vorbei am Magicbus gen regnerisch-verhangenen Horizont. Es ist unglaublich. Einfach nur absolut unglaublich!

Und so endet dieser sintflutartig verregnete Freitag am Rande der Rocky Mountains mit zwei Heads-smashed und einem “heart-crashed”.
Es gibt kaum etwas Größeres, sich so klein fühlen zu dürfen. Und dankbar dafür zu sein.
Watteweich-mächtig gen Horizont.
Bisonhappy and lovely heart-crashed.
What a day for a daydream…

10 Kommentare

  1. Grundmann, B.

    Das sind die Momente, wo ich gerne dabei wäre!
    Faszinierende Tiere und so imposant! DeM 🫶

    • Die Globetrottels

      Das ist nur einer der zahlreichen Momente, in denen es so schön wäre, wenn Du hier wärst…
      Deine Nani

  2. Hans-Jürgen Grundmann

    Bären und Bisons ganz nah! Bei Cougars würde ich mich nicht auf die Ruhe verlassen, die die ersteren ausstrahlen! Wildnis pur! Viel Spaß! DeP.

    • Die Globetrottels

      Liebster Pabels,
      den Cougars ist nicht zu trauen — auch wenn er ganz offiziell zu den Kleinkatzen zählt. Sicher gibts…
      Lieber mit Pumas an den eigenen Pfoten,
      Deine Anelie

  3. das Phantom

    wow – was für eine Geschichte und was für Bilder!!!

    • Die Globetrottels

      Liebes Phantom!
      Eigentlich fehlt in Eurem Zoo noch ein Bison, oder? Sollen wir Euch einen mitbringen?
      fragt,
      Das Schnuffpuff

      • das Phantom

        bei einem Stockmaß von „nur“ 1,86m bringe doch bitte einen mit – aus Platzspargründen für Euch nehmen wir gerne mit dem Kalb vorlieb 🙂

        • Das Schnuffpuff

          Liebes Phantom!
          Alles klar: wie laden es in den dicken Käfer auf dem Dach und ab dafür. Räumt schon mal einen Pferdestall frei…
          Euer Euch vermissendes
          Schnuffpuff

  4. das Phantom

    „Mit über 5000 Jahren Nutzung wurde dieser Platz am längsten genutzt, wie über 20 Millionen Büffelknochen und über 100,000 Speerspitzen aus Stein beweisen“

    Will auch mal meinen Senf dazugeben :-p

    • Die Globetrottels

      Liebes Phantom!
      Es ist sehr, sehr gut, wenn Du Deinen Senf dazu gibst. Das sind wirklich sehr spannende Fakten. Und beim erneuten Nachlesen fällt mir auf, dass ich mit einem Stockmaß von 2,5m etwas übertrieben habe. Gibt man bei Google den Suchbegriff „Bison Stockmaß“ ein, wird „Bison latifrons: 2,5m“ eingeblendet. Leider ist dies die Höhe des schon etwas länger ausgestorbenen Bruders der heutigen Bisons. Die werden dann doch „nur“ bis zu 1,86cm. Ist ja –Gott sei Dank– kein Infoblog hier.
      Es grüßen Euch,
      Eure Globetrottels – Stockmaß mindestens 3,50m. Zusammen.

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