Unterwegs im Magicbus

Autor: Chérie (Seite 22 von 28)

Abenteuer in Happen: von Weinstopp, Waldbrand und Wellenwunderland

An einem magischen, kühlen Morgen im einsamen Wald –Sonnenschein blinzelt durchs Geäst—macht Chouchou sich an die Recherche: Was bloß kann es sein? Das traurige Weinen des Bullis vorne rechts.

Handbücher werden gewälzt. Wie damals im Monsun auf dem Siddhartha Highway als der Daily einen elektrischen Totalausfall hinlegte. Damals hat Chouchou den gesamten Stromkreislauf des Dailys in einer Nacht auswendig gelernt – und das Unlösbare, gemeinsam mit Erwin aus Kathmandu, gelöst. Es war, wie einen Toten zum Leben erwecken. Pure Magie dank der schlauesten Hirnwindungen, die mir jemals untergekommen sind.

Hoffentlich ist damals wie heute.
Beim zweiten Kaffee hat Chouchou zumindest schon mal alle Wellen, die einander antreiben und alle dazugehörigen Scheibchen des Magicbus´ drauf. Eine erste Ahnung: vielleicht ist es der Schwingungsdämpfer!?

Die gute Nachricht daran wäre, dass wir dann zumindest eine Idee hätten, wie wir den ein wenig schonen können: wenig schalten, gute Pausen, untertourig fahren, kein Licht und alle Parasiten ab, die ansonsten während der Fahrt an der Starterbatterie hängen: Navi, Powerbank, Handys, Laubbläser.
Die schlechte Nachricht daran wäre, dass es den originalen Schwingungsdämpfer weltweit neu nicht mehr gibt. Um dran zu kommen, müsste man außerdem den gesamten Motorblock zerlegen. Um was reinzubasteln!? Genau. Ein Teil, das es quasi nicht mehr gibt.

Ich weiß nicht ganz genau, wie ich mich fühlen soll, als Chouchou seine Hypothese beim dritten Kaffee vorträgt. Vielleicht muss man das auch gar nicht wissen, es nützt ja alles nichts: die Dinge sind, wie sie sind.
Momentan so, dass wir in Watson Lake im letzten großen Dorf im großen, weiten Nichts sind. Das letzte Örtchen, das auf tausend Kilometern noch Internet hat. Und fünf Häuser, eine Tanke und den berühmten Sign-Forest. Mehr ist nicht. Nach Whitehorse zurück ist für uns keine Option.
Unsere Entscheidungsfindung ist nun durchaus spannend.

Da ein Zurück nach Whitehorse ausscheidet, bleiben uns drei Möglichkeiten:

  1. Wir suchen einen Mechaniker in Watson Lake. Watson Lake mit seinen fünf Häusern, einer Tanke und dem berühmten Sign-Forest. Ein Mechaniker, der zweifelsohne wenig Ahnung von VW Bullis hat und eh keine Ersatzteile.
  2. Wir fahren den AlaskaHighway wieder zurück – so wie wir ihn gekommen sind. Die nächste große Ortschaft wäre hier Dawson Creek. Vielleicht mit einem Mechaniker, der etwas mehr Ahnung von T4 Bullis hat. Knappe 1000 Kilometer. Ohne Internet, dafür auf einer Straße, die recht gut befahren ist.
  3. Wir fahren den Cassier Highway runter. Ohne Internet, auf einer ziemlich einsamen Seitenstraße. Bis zum nächsten größeren Ort sind es 780 Kilometer: Kitwanga, deutlich kleiner als Dawson Creek, aber die direkteste Strecke in Richtung Vancouver, Großstadt. Noch ungefähr 2000 Kilometer entfernt.

Wir überlegen lang und überlegen dann, dass wir die Entscheidung spontan fällen werden, wenn wir erstmal in Watson Lake Downtown sind. Da müssen wir eh hin: letztes Internet nutzen, tanken, dePabels neben die Globetrottels im Schilderwald verewigen, bevor es wirklich weiter geht.
Eine Entscheidung, die davon abhängt, ob der Bulli direkt mit dem Starten wieder heult (und wenn ja, wie laut!?); eine Entscheidung, die von Gefühl, Gottvertrauen und human sense abhängt.

Der Magicbus startet. Problemlos. Ohne einen Hauch von Heulen.
Wir staunen, trauen ihm nicht wirklich, freuen uns aber Bauklötze und rollen auf dem Schotter los. Vier problemlose Kilometer lang. Dann kreischt es im rechten Radlager. Und wieder staunen…

Unser klassisches Vor- und Zurücksetzen bringt nicht viel. Wir vermuten, dass sich mal wieder ein Steinchen zwischen die Bremsbeläge geklemmt hat. Heute sitzt es sehr, sehr fest.
Nur mit einem auf-dem-Schotter-unter-den-Bulli-kriechen und beherztem Klopfen lässt es los. Immerhin.
Unsere Nerven sind auf etwas ganz anderes gebürstet, wir erreichen Watson Lake also mit Erleichterung und gehen unserem frühen Tagewerk nach: letztes Internet nutzen, tanken, dePabels neben die Globetrottels, einer verzweifelten Mopedfahrerin bei der erfolglosen Suche nach einem Mechaniker zuschauen. Entscheidung Nummer 1) fällt damit raus.

Schlussendlich ist es unser Gefühl, das Möglichkeit Nummer 3 wählt: wir fahren den Cassier Highway runter. Auch der Magicbus scheint damit zufrieden, er tuckert ohne Murren aus Watson Lake raus. Adieu Zivilisation. Goodbye Internet. See you again in 780 kilometers. Hoffentlich nicht heulend.

Nach 20 Kilometern Cassier Highway stoppen uns die Feuerwehrleute. Sorry, eine Spur ist für weitere zwanzig Kilometer gesperrt, denn zwischen der Grenze des Yukons und Good hope Lake brennt es. Seit Wochen schon, das Gröbste sei aber unter Kontrolle, der Highway ist zumindest einspurig wieder freigegeben. Wir warten auf den Gegenverkehr.

Nun haben wir 45 Minuten Zeit, um zumindest die Verkehrsdichte auf dem Cassier Highway abzuschätzen. Am Ende der Wartezeit sind wir vier Wohnmobile, drei Autos, zwei Biker, ein Fahrradfahrer und wir. Der radelnde Franzose darf nicht durch: „Too much smoke out there.“ Wir bieten ihm an, sein Rad in den Bulli zu quetschen – wird aber eng. Gott sei Dank macht der Pickupfahrer hinter uns das gleiche Angebot. Das französische Rad tritt die Reise durch die Feuerschneise also bequemer an: auf der Ladefläche des Pickups. So bequem, dass wir ihn nie mehr wieder sehen sollen. Er hat wohl die Chance ergriffen, sich gleich bis Kitwanga mitnehmen zu lassen. So ein Angebot darf man sich aber auch nicht entgehen lassen…

Wir starten mittig im Konvoi in die Feuerschneise. Normalerweise lassen wir vor einspurigen Baustellen zuerst alle Wagen passieren, damit wir niemanden aufhalten. Heute ist das anders: Menschen als Schwänzchen hintendran bedeuten sehr wohl auch Sicherheit.
Vor uns brennen bis zu 70 Kilometer Wald und der Bulli neigt zum Heulen. Heute wollen wir nicht die letzten der Schlange sein, sondern –in dieser Situation—bitte ganz genau mitten drin. Im wohligen Schoß einer letzten Menschheit, die zögerlich losrollt.

Es dauert nicht lange zu verstehen, dass der Pickupfahrer hinter uns eine andere Definiton von „glimmen“ als wir hat. „Das glimmt nur noch,“ sagte er. Uns kommt das, auf was wir geradewegs zurollen etwas größer vor als ledigliches „glimmen“.

Jeder, der mich kennt weiß, dass ich nichts dagegen habe, eine gute Geschichte auszumalen, wenn es sich lohnt. Diesmal aber darf ich unübertrieben sagen: Wir rollen in ein Inferno.
Der Wald östlich der Straße brennt noch immer lichterloh. Von Rauchsäulen kann man nicht sprechen. Es steigt apokalyptischer Rauch auf.
Der Wind weht –Gott sei Dank—in Richtung Osten. Weg von der Straße, unsere Sicht bleibt also frei: Auf ein Land, das im Feuerinferno stirbt. Teilweise qualmt es direkt am Straßenrand.
Selbst der Bulli ist mucksmäuschenstill, uns allen verschlägt es die Sprache.

Ein Schild am Straßenrand: „Caribou next 25km“. Jetzt nicht mehr.
No more caribous in hell.

Nach 70 Kilometern, in Good hope Lake, liegt das Buschfeuer hinter uns. So, als sei es nie dagewesen. Kein Hauch von irgendetwas in der Luft. Nicht mal mehr von Lagerfeuer.
Vor uns liegt nun einsames Wellenwunderland. Wir lassen die geduldigen Autos hinter uns endlich passieren. Danke für euren Support, von dem ihr nie gewusst habt.

Manchmal glaube ich, diese Welt geht nicht mit rechten Dingen zu.
Die nächsten 150 Kilometer bis Dease Lake fährt der Magicbus, als könnte er kein Wässerchen trüben. Kein Heulen, kein Singen mehr. Vorbei wie das Buschfeuer.
Vor uns ein wunderbares Land, das wir ganz schonend erklimmen. Bei 50km/h in den fünften Gang, kontinuierliches Rollen, jede Stunde ein kurzes Päuschen, unverbrannte Aussicht genießen. Dem Bulli scheint das sehr zu gefallen.

Kurz hinter Dease Lake hat der Lion´s Club (wo auch immer der in dieser Einsamkeit herkommt!?) einen rudimentären Campingplatz gebaut. Self-check-In. Das heißt keine Socke da, 10 kanadische Dollar in einen Löwenkopf werfen und sich eines der freien Plätzchen am rauschenden Bach aussuchen.

Außer uns ist niemand hier. Wir wählen Traumplatz Nummer 6. Am Wasser, ganz weit hinten versteckt. Vor wem auch immer!?

Und so endet dieser aufregende Tag wie in einem Märchen.
Alleine am rauschenden Bach, der –genau wie der Magicbus—kein Wässerchen trüben kann. Rein campingtechnisch hat uns Kanada auf immer versaut: denn schöner campen als hier geht es ungelogen nirgendwo auf der Welt mehr.

Die Sonne geht strahlend unter. Die Hörnchen sind wieder da.
Glitzer auf Steinen –auf Nägeln ja eh.
Ihr wolltet Abenteuer, Ihr bekommt Abenteuer.
Nicht in Häppchen, sondern in großen Happen.
Groß genug, dass man satt davon wird. Klein genug, das sie noch gerade so als gut verdaulich gelten.
Happen. So wie das Pückler Eis aus den 80ern: drei Geschmäcker zwischen zwei pappigen Waffeln.
Vanille, Schoko, Erdbeer, Pampwaffel.
Mehr hatten wir ja nicht. Wir brauchen auch nie mehr.
Für uns sind´s die besten Happen der ganzen Welt gewesen.
Damals. Wie heute.

Tanzend nach Watson Lake mit frischgeduschten Fussiligesichtern

Unseren Nachtplatz bei Steve verlassen wir deutlich später als geplant.
Das lag unter anderem daran, dass ich –aus reiner Lebensfreude—morgens noch einmal geduscht habe. Einfach, weil´s so schön warm war und ich am Abend so schön sauber, dass man das am Morgens ruhig ein weiteres Mal machen kann. Dachte ich so bei mir. Vollkommen unnütz (das Duschen, nicht das Denken), aber durchaus herrlich. Manchmal geht Genuss ja ganz banal auch so…
Wellnessverknallt tapse ich um neun Uhr aus der Dusche 2.0. Jetzt habe ich einmal angefangen, jetzt mache ich auch weiter: die Nägel sind das nächste. Geknipst. Dann Gesichtspeeling (!). Und zu guter Letzt gehen die letzten weißen Pferde kurz hinter Whitehorse komplett mit mir durch: jetzt lackiere ich mir auch noch die Fußnägel. Grüngoldglitzer. Wat kost´die Welt?! Und Kinnas: wenn´s sonst nix is…

Es ist halb elf geworden, als wir die luxemburgische Enklave schlussendlich verlassen. Mitsamt dem deutschen Labersack (pardon!), der gestern versucht hat, uns mit Nachdruck ein Ohr abzukauen; so hartnäckig, bis wir es endlich verstanden haben: Er war, ist und bleibt der Coolste. Der Chefabenteurer vom Dienst, der wirklich gar keinen Luxus braucht. Keine Elektrizität, keine anderen Menschen, überhaupt keine Zivilisation. Sagt er, mit Dosenbier in der Hand und stöpselt seinen Camper an den Strom. Ich bin so´n echter Outdoortyp, verstehse?! Jawohl. Verstanden.
Mit ihm lassen wir auch die gut besuchte Currywurstbude an der Campingrezeption hinter uns, den Schweizer Käse in der Auslage und das schallende „Moooorgähn!!!“ der CanadaDreamCamper zwei Plätze weiter. Am ehesten aus Rostock. Die Menschen, nicht das Würstchen.

460 Kilometer liegen heute vor uns. Ein letztes Mal Yukon´sche Weite, bis kurz vor Watson Lake. Danach beginnt wieder British Columbia.

Die ersten 200 Kilometer schlägt sich der Magicbus gut. Er fängt erst an zu weinen, wenn wir keine kontinuierlichen 80km/h mehr fahren. Oder, wenn man den Gang wechselt.
An der ersten Baustelle des Tages, nach besagten zweihundert Kilometern, müssen wir leider beides: bremsen und schalten. Danach geht das jämmerliche Heulen wieder los.
Was will man machen?

Entweder, wir bleiben auf ewig im Yukon und fahren bis ans Lebensende immer punktgenau 80km/h oder wir schalten heute einfach die Musik an: laut.
Weil´s übertönt, weil´s Spaß macht, weil uns ansonsten auch nichts Besseres einfällt als eine Tanzparty. Tanzparty im Sitzen im ohnehin omnipräsenten Dauersoundsystem, das sich „Magicbus“ schimpft.
Magicbus!? So langsam eher „der Katastrophenbulli“. Wenn er so weiter macht, steht die Umtaufe wirklich langsam an.

Die Landschaft, die vorbei fliegt, haben wir oft und ausführlich beschrieben. Ende Juni sind wir die gleiche Strecke schon einmal gefahren. Nur anders herum: von Watson Lake nach Whitehorse. Wen es interessiert, der kann gerne nachlesen. Am besten von hinten nach vorne – weil die Strecke ja umgedreht ist.

Heute erleben wir–trotz allem—Neues: grüngoldglitzernde Fußnägel vor einer Windschutzscheibe ohne Steinschlag, zum Beispiel.

Oder einen Japaner mit Handwagen im absoluten Nichts. Was für coole und verrückte Leute es auf der Welt so gibt…toll.
Viel hat sich ansonsten aber nicht verändert im Nichts. Nur die Farben sind anders, das schrieb ich schon: Goldener Herbst im Anmarsch. Ganz ohne Handwagen und in Windeseile.

Kurz vor Watson Lake bleiben wir heute Nacht. Alleine im Wald. So ruhig wie hier, war es gefühlt schon lange nicht mehr. Zwei, drei Tage oder so.

Es tut gut, den Magicbus nach 460 Kilometern endlich auszuschalten und sein Weinen nicht mehr hören zu müssen. Wie auch immer er sich die nächsten tausend Kilometer so vorstellt!? Sollten wir den Highway 37 wirklich runter fahren, kommt so lange nämlich erstmal gar nichts mehr. Nicht mal mehr Internet. Soviel ist schon sicher. Der Rest scheinbar nicht.

Nüdelchen zum Abendessen. Das erste, warme Essen seit…wir wissen es nicht mal mehr. Umso besser schmeckt es. Und bringt auf ganz phantastische Ideen:

Während des Kochens überlegt Chouchou, ob wir das Nudelwasser nicht auffangen sollen. Morgen früh könnten wir das doch zum Waschen benutzen!? Schließlich müssen wir ab hier unsere Wasservorräte wieder sehr genau einteilen. Wäre doch eine großartige Win-win-Situation!?
Chouchou, mal wieder ein wirklich grandioser Gedanke.
Hallo, wir sind´s, die Globetrottels. Frisch geduscht, mit durchgekochten Fussiligesichtern und goldgrünen Glitzernägeln.
So wollte ich mich schon immer mal vorstellen…

Von Weltfriedensfreudefeuer und Lapalomababyland

Bei unserem Orcabierchen bleiben wir nicht lange alleine.
Nachdem wir bereits mit einem großen Rumps, für den halben Yukon hörbar, gegen den Grill eingeparkt haben –Hello! The Globetrottels arrived!– können unsere Nachbarn Sophie und David uns nicht mehr lange dabei zuschauen, wie wir verzweifelt versuchen, mit kleinen Ästchen ein Feuerchen zu entzünden. Die kleinsten am Congdon Creek angeboten Holzpflöcke sind 70cm dick. Die bekommen wir ohne Axt nicht klein und der Magicbus ist einzige Wagen in ganz Nordamerika, der gänzlich without an axe unterwegs ist.
Initial ist´s am ehesten wohl Mitleid, das die beiden auf unser Plätzchen Mambo No.5 herüberweht. Ausgestattet mit einer Axt, um für uns das Holz zu hacken. Und Fireball: kanadischer Whiskey mit Zimtgeschmack, um die Seelchen zu trösten, die sich soeben gnadenlos vor dem gesamten Campground zu Tode blamiert haben.

Ein bunter Abend mit Sophie und David.
Wir sitzen bis tief in die Nacht an einem Feuer, das dank Davids gespaltenen Pflöcken perfekt brennt. Der Fireball ist ziemlich bald weg, wir gehen zu den Orcabierchen über. Wir lachen uns schigglig über allseitige, aleman´sche Zöllnerangst und ein Abenteuermaximum, das darin gipfelt, gekochte Eier zu schmuggeln und sich dabei wie ein verwegener Held zu fühlen: Abenteuer Ü40.
Geologie, Goldrausch, Rüstungsindustrie, interkulturelle Kommunikation. Sophie holt irgendwann den Weißwein raus: Naked, heißt der. Dann weiter zum Ost-West-Konflikt, den First Nations, Drogenpolitik und Akutpsychiatrie. Ab Mitternacht trinke ich Wasser und lehne Sophies Wunsch freundlich ab, doch bitte, bitte mit ihr schwimmen zu gehen. Leicht fällt es mir –dank Fireball– nicht, aber morgen früh machen wir Yoga am See…bestimmt.

Die morgendliche Yogasession fällt aus. Kater. Bevor die beiden weiter gen Haines düsen, gibt es zum Abschied aber noch eine große Bescherung für die Globetrottels: zwei Tüten voll bester Lebensmittel, die Sophie und David nicht mehr benötigen, da morgen ihre Reise zu Ende ist. Weihnachten am KluaneLake, ganz ohne Rentiere!
Wir freuen uns wie Schneekönige über Honig und ganz viele Nüsse, über Tütensuppen, Couscous, Tomatenmark, Ramennudeln, Knabberzeug, Haferflocken, Dosenmandarinen, Datteln, Knoblauch und so vieles mehr. Eigentlich müssten wir in Whitehorse nun nicht mehr einkaufen. Danke, Ihr zwei lieben Wilden. Und das nach einer Nacht, die ein Freudenfeuer der Toleranz war.
So verschieden wie wir alle sind, so unterschiedlich die Lebenswege und Weltansichten, die sich dort an diesem Feuer trafen. Und ein jeder hat dem anderen mit offenem Herzen zugehört. Trotzdem oder gerade deswegen.
Vielleicht geht er so ja doch: der Weltfrieden.

Nach einem herrlichen Morgenspaziergang in bunter Herbstsonne und an einer frischen Luft, die Katermenschlein wieder mit Leben erfüllt, geht es für uns heute mal wieder nach Whitehorse. Durch hüggeliges Endlosland.

Der Magicbus weint die gesamte Fahrt über. Ein bisschen tut er mir leid. Armer, alter Magicbus. Ein größeres bisschen aber nervt er heute damit: Nudnick, blöder Katastrophenbulli.
Sei es drum. Das Wichtigste ist, dass er fährt. Heute also heulend. Vielleicht müssen wir einfach während der Fahrt die Musik lauter drehen!?

In Whitehorse kümmern wir uns erst mal um den Steinschlag. Der erste, lustige Glaser hat viel zu erzählen, aber seine Maschine ist schrott. In drei Wochen können wir wiederkommen. Er schaut sich die Eisblume zumindest an und meint mit besorgtem Blick: „Seriously, get someone NOW, who solves this problem. A new windshield for THIS kind of car will be a REAL BIG problem over here.”

Als nächstes versuchen wir es bei Canadian Tire. Dort soll ein hutzeliger Mann in einem orangenen Zelt campieren, der macht Scheibenkleister wohl ganz anständig.
Leider ist der Hutzelmann heute im Urlaub. Wir heulen uns mit dem Bulli also weiter durch die Stadt. Zu All West Glass, gleich neben dem Junkieauffang und der alpinen Bäckerei. Dort kann man uns helfen. Zwischen Vollkornbrot und Substitution. Natürlich, hier sind wir ja auch zu Hause. Meint anscheinend auch das Minihundchen unter der Ladentheke. Eigentlich schnappt der nach jedem, uns beide hat er scheinbar gern und kuschelt. Natürlich, hier sind wir ja zu Hause.
Dank indischer Zauberhand ist die Eisblume zwanzig Minuten später Zeitgeschichte. Für einen Preis, der glücklich macht. Dhanyavaad, sagt man auf Hindi. Von Herzen vielen Dank dafür.

Unser Versorgungsstopp ist lange noch nicht vorbei. Wir müssen noch tanken, 10W40 finden, Grizzlybierchen (die Orcas sind ja weg), Wasser und frisches Gemüse kaufen. Den Rest haben wir dank Sophie und David ja schon.
Zwei Stunden später platzt der Bulli aus allen Nähten: Vorräte aufstocken: Check. Von hier aus kann´s wieder in Richtung Einsamkeit gehen. Und alles riecht nach Popcorn.
Und dann geht die Seitentüre nicht mehr zu. Ehrlich?! Ach, Magicbus…

Rohe Gewalt ist mal wieder die Lösung. Nach zwanzig Versuchen (von zart bis wild), rastet die Schiebetüre endlich wieder ein, ohne dass wir wissen, was genau das Problem war. Oder das Geheimnis.
Sei es drum. Das Wichtigste ist, dass sie schließt. Heute also schnippisch. Vielleicht müssen wir einfach während der Fahrt Panzertape drüber kleben!?

Zur Gönnung des Tages fahren wir dreißig Kilometer hinter Whitehorse einen echten Campingplatz an. Mit heißer Dusche, einem Hauch Wifi und Spülmöglichkeiten. Heiße Dusche nach neun Tagen ohne Fließendwasser: This is Lapalomababyland hoch 72.

Zwanzig handgewaschene Socken später sind wir also heute Abend dran: mit Nagelbürste, Schrubber und so heißem Wasser, dass die Globetrottels auch Hummer sein könnten.
Eine Rarität. Eine Seltenheit. Und durchaus eine Delikatesse.
Manchmal.

Mit Schwung zurück in den Yukon

Ein bunter Abend mit Bunty.
Während Chouchou sich an diesem traumhaften, letzten See Alaskas auch so wichtige Me-Time nimmt, ist es Bunty, unser Nachbar, der mich an diesem Abend bespaßen muss.
Am Feuerchen reden Bunty und ich in zwei Stunden über die wichtigsten Themen der Welt. Den Smalltalk haben wir von Anfang an weggelassen:
Von indischer Politik über das amerikanische Gesundheits- und Bildungswesen. Die Schweizer Sonderposition in Europa, deutsche Weihnachtsmärkte und Glühwein. Über Gletschertrips, Nelken im Essen und Patagonien. Über orthopädische Malaisen über 30, Homosexualität und den Islam. Über den weltweiten Rechtsruck im Allgemeinen, den Winter in Alaska und eine Kindheit als indisches Migrantenkind in Virginia. Weit, weit weg. Über lustige, bunte Wesen im Kopf, die Späße machen, die nur der Mensch, der sie denkt, versteht. Und darüber, dass diese ihre dunkelgekleideten Nachbarn dringend brauchen: Helden der Melancholie. Damit man den großen Überspaß überhaupt verstehen kann.
Wir reden über liebe Menschen, die wir sehr vermissen. Do you want to share some stories? Yes I do.
Wie schön ist es, auf Menschen mit so anderen Lebensgeschichten und Prägungen zu treffen und in einem Gespräch zu spüren, dass die Unterschiede gar nicht so groß sind. Von Mensch zu Mensch. Auge in Auge. Am Feuer. Darüber, dass man sich in so Vielem einig sein kann. Und über das Uneinige offen diskutieren.

Um die Geisterstunde gehen wir alle schlafen: Bunty in seinem Auto, Chouchou und ich mal wieder bemützt im Salon unserer Maisonnette. Heute träumen wir alle wild. Über das Fliegen in einem Wasserflugzeug: Batterie war leer, ich konnte aber weich landen. Über schwimmen in einem türkisblauen Bach mit unserem ehemaligen Hund Paolo: er auf einem Stück Holz und ich daneben. Über Maulwürfe unter Wasser, exorbitant groß. Den Rest habe ich leider vergessen.

Gegen 11h gibt es Rohkostfrühstück. Für mich. Chouchou isst Kekse, kocht aber illegale Eier. Weil wir heute die Grenze zurück nach Kanada überqueren wollen, muss alles Frische weg. Zirka 2 Kilo Sellerie, 4 Tomaten, 2 Paprika und eine Avocado. Alles zu schade zum weg werfen, alles muss also rein in den Bauch. Meinen. Chouchous ist ja schon voller Kekse, der kann nicht mehr. Genauso wenig wie das Grauköpfchen von gestern. Das mag auch kein Sellerie.

Adlerverwöhnt rollen wir an die Grenze. Die letzte Tomate verschwindet nur mit Nachdruck zwischen meinen Zähnen; hinuntergezwängt in dem Moment, da die Schlagbäume in Sicht kommen.
Miss Forbes hat heute frei. Ihr grimmiger Kollege aber ist da. Gespannt wie ein Flitzebogen warte ich –noch kauend– auf seine Frage: „Any fresh fruits, eggs, meat on board?“ „No sir!“ Wohlwissend, dass wir die Eier im Magicbus sehr gut versteckt haben. Aber Rohkost, die zählt ja wirklich nicht, wenn sie bereits im prallgefüllten Magen vor sich hinrumort…

Der Grimmige schaut skeptisch, dann hebt er an: „Any…“, raues Husten. „Sorry. Äh… Any…firearms on board? Or more than 10000 Dollars?”
Stille.
Ich warte noch einen gespannten Moment, aber da kommt nichts mehr. „No firearms and …sadly, sadly.. no 10000 Dollars. Sir!“ Der Grimmige grinst nicht mal und das Sellerie klopft entrüstet an meinem Mageneingang: Raus, ich will raus. Rein in Alaska, raus im Yukon.

Es folgen 30 Kilometer Niemandsland. Und die unkomplizierte Grenze der Welt.
Kanada.
Im Yukon ist es gelb geworden. Herbst.
Die Raben sind zurück. Sie hoppeln unbesorgt auf der einsamen Straße. Chouchou kann nun endlich wieder sein liebgewonnenes Hobby aufnehmen: Raben anhupen im Yukon.

Wie gut können Raben eigentlich hören? Hupen beeindruckt sie anscheinend nicht sonderlich. Es ist der Bullischatten in einem letzten Moment, kurz vor »von der Schippe springen«, der Wirkung zeigt. Mehr nicht. Horn please interessiert hier wirklich niemanden.
Eine weitere, ungelöste Frage des Lebens: wie gut hören Raben eigentlich? Nach der Ohrgröße zu urteilen, kann es tatsächlich nicht sehr viel sein. Aber auf die Größe kommt es ja ganz oft auch nicht an. Zumindest nicht immer.

Kurz vor Burwash landing überholt uns Gilbert Grape aus Iowa. Er fährt das erste Auto im Rückspiegel seit über einer Stunde. Das erste Auto seit der gnadenlosen Schotterstrecke, die sich sicherlich gefühlte hundert Kilometer durch den Streifen zwischen Alaska und dem Yukon zieht. Das erste Auto auf Asphalt. Daher kommt die folgende Nummer fast einer Kunst gleich.

Vor lauter Einsamkeit (oder Freude uns zu sehen?) wirft Gilbert Grape mit Steinen. Wo auch immer er die her hat? Ganz ohne Schotter. Einer der mittleren landet mit einem großen Knall auf unserer Windschutzscheibe und hinterlässt eine Kitsche, die einer Eisblume gleicht. Ästhetisch eigentlich ganz schön, praktisch aber ziemlich scheiße. Ach Männo, Gilbert.

Unser erster Stellplatzcheck für die Nacht ist ein Flopp.
Ein verwaister Campingplatz mitten im Grizzlyhabitat. Für Abenteurer wäre es der perfekte Übernachtungsort, aber die Globetrottels haben Schiss. Und auch ein kleines bisschen mürrische Laune wegen Gilberts Steinwurf. Kein Geistercamp für uns heute Nacht. Chouchou drückt es nett aus: „Ich möchte lieber etwas beruhigendes.“ Also weiter.

Fast beschwingt klauen wir uns zwanzig Kilometer weiter den letzten Platz am Congdon Creek. Hier waren wir vor zwei Wochen schon einmal. Auf Stellplatz Nummer 5. Auch heute der letzte, der auf dem Platz noch frei ist.

Chouchou parkt mit so viel Schwung ein, dass der Magicbus die gusseiserne Feuerstelle touchiert. Der macht das gar nicht. Nur der arme Bulli hat jetzt ein kleines Loch im Popo.

Wir flicken, was zu flicken ist: das Löchlein bekommt etwas weißen Nagellack, die Gilbert-Eisblume auf der Windschutzscheibe lassen wir, wie sie ist. Mal schauen, ob irgendjemand das in Whitehorse flicken kann. In Whitehorse, mal wieder. Wir werden es einfach nicht los.

Die Freude darüber, dass wir aber nun endlich wieder in Kanada sind, wollen wir trotzdem zelebrieren. Mit dem ersten Feuerchen seit Wochen. Und einem Abschiedsbier aus Alaska. Die Dose „Kölsch“, auf der ein Orca springt.
Springt, springt – in ein neues Abenteuer. Auch mit Lackschaden und Eisblume:
Et hätt noch immer jot jejange.
In diesem Sinne: Prost.

Von Pilzkobolden und sprechenden Grauköpfen: Alaska wird rund

Bestens geschlafen in der Koboldnacht. Am nächsten Morgen sehen wir, wo sie sich des Nachts versteckt hielten. Wie vermutet: Unter riesigen Pilzhüten haben einige der kleinen Wichte Unterschlupf vor dem kalten Regen gefunden, ein paar Faule hängen in den Nadelbäumen, ein junger Halbstarker plantscht in der seidenen Pfütze vor dem Magicbus. Er beäugt uns beim ersten Kaffee neugierig. Und beim Starten mit dem Spaten umso mehr.

Es ist gut, dass wir uns nicht mit Pilzen auskennen. Zu schmackhaft sieht der Boden um uns herum aus. Ein Pilzexperte wäre hier eindeutig in seinem persönlichen Schlaraffenland. Und hätte die Koboldunterschlüpfe wohl ausnahmslos abgeräumt. Lucky Kobolds heute. An einem Sonntag.

Beim zweiten Kaffee wird der Blog von gestern getippt. Die Wichte haben zwar kein Wifi, aber so viele Erlebnisse müssen einigermaßen sofort niedergetippt werden, bevor sie in einem Wust von Weiteren untergehen.
Morgens tippen ist gut. Der Geist ist da noch frischer und kommt schneller auf den Punkt. Das merkt man vor allem im Vergleich zu allen anderen Texten, die hier so gnadenlos und ohne Rücksicht auf Verluste meist spätabends veröffentlicht werden. Der klassische Abendtext: manchmal mehr eine Sammlung des täglichen Laberrhabarbers, als Reisetext in Reinform.

Unsere Reise trägt uns heute gen Nordosten. Ab nun befinden wir uns langsam auf einem Rückweg, der nur nach vorne geht. Ab Glennallen schließt sich der erste Kreis: hier sind wir vor ungefähr zwei Wochen rechts abgebogen. Auf in Richtung unseres ersten Alaskagletschers. Ewigkeiten ist das her.

Auf den Gipfeln des Wrangell Nationalparks liegt frischer Puderschnee. Ab mittags regnet es nicht mehr und wir sind dankbar, dass es nicht schneit. Unser erster und letzter Bär in Alaska huscht vorüber. Ein Teenie. Auch er trägt dazu bei, dass unser Alaskakreis rund wird.

In Tok decken wir uns mit Vorräten ein. Die Three Bears Alaska kennen wir schon und wissen sofort, wo Zewa in den kuscheligen Regalen liegt. Das Tanken läuft direkt an Säule 6. Die 8erSäulenErfahrung wurde getippt, sie hat sich gut eingebrannt. Dank Funkenschlag und roher Gewalt. Unsere Visakarte will das Tankterminal noch immer nicht akzeptieren. Manche Dinge ändern sich nicht. Und nach manchen kann man noch immer die Uhr stellen: bei Schneeansage Anfang September in Alaska zum Beispiel. Man kann ihn schon riechen: das puderige Weiß, das erstmal auf den Gipfeln Platz nimmt. Bei vier Grad Tagestemperatur ist der Boden aber auch nicht mehr weit. Noch ein Grund, den Schotterhighway über Chicken zu lassen. Außerdem wird morgen dort die Grenze eh für den Rest des Jahres dicht gemacht. Laborday. Winteranfang.

Hinter Tok fahren wir also nicht links, sondern geradeaus. Wieder über den Flickenteppich. Der Reiseverkehr ist –im Gegensatz zu vor zwei Wochen—allerdings durch. In An- und in Abreiserichtung. Mal wieder sind wir weitestgehend mutterseelenallein unterwegs.

Auf knappen 400 Kilometern insgesamt quatschen wir heute nicht viel. Außer über Neuweltstachelschweine, bei denen sich der liebe Gott wirklich viel Mühe gegeben hat, über den Fluchtpunkt im Kunstunterricht der frühen 90er und die Highway Conditions in British Columbia, Kanada. Dort brennt der Wald noch immer lichterloh, der von uns so ersehnte HW 37 war wochenlang wegen den größten Bränden der kanadischen Geschichte gesperrt. Sollte das so bleiben, würde das für uns einen Umweg von ungefähr tausend Kilometern bedeuten. Aber das ist erst in einigen Tagen dran.

Heute genießen wir erstmal die grandiose Aussicht: beschämend schön und mit unserer bescheidenen Fotokunst nicht einfangbar. Atemlos hinterlassend, passt. Denn die Sprache hat es uns heute ja eh schon fast verschlagen.

Ich weiß nicht, ob es heute Abend wirklich dran ist!? Oder ob man das jemals verdient hat!?
Als krönender Abschluss parken wir am Yarger Lake ein. Gänzlich kostenlos und unbezahlbar. Ein Geschenk des Bundestaates an die Menschen.

Ein letzter Blick auf Alaska. Über spiegelglattes Wasser, die kalten, weißen Riesen des kanadischen Kluanes im Hintergrund. Brave Nordenten ziehen stille Poesiealbumskreise um sich, ein lustiger Graukopf landet auf der Bank neben mir und liest als erster den heutigen Text neugierig gegen.

Ich weiß nicht, ob er ihn für gut befindet. Kleiner Graukopf, habe ich irgendetwas vergessen?
Ja. Du hast den seichten Wolkenschleier über den Nadelbäumen nicht erwähnt. Und den Sonnenuntergang überm See. Du hast die besten Nistplätze vergessen. Und auch zu schreiben, dass es hier ganz viele leckere Mosquitos gibt. Ein großes, ausladenes Buffet für alle.

Im zuliebe schalte ich also das Thermacell aus, dass gänzlich mückenunfreundlich neben mir brummt. Entschuldige, mein Kleiner. Ich habe nicht registriert, dass Du gerade zu Tische flogst.
Genieß die Aussicht und friss Dich satt in diesem Paradies. Heute hast Du mehr Rechte als wir, denn du musst Dich leckerdick futtern, bevor der Winter kommt.
Ein Winter, der bitterkalt schon vor der großen Nordtür steht.

Mit dem Nordlicht nach Valdez

Richtig gute Monate kündigen sich an. So kennen wir das. Der Januar böllert sich den Weg frei in ein neues Jahr, man flachwitzelt sich in den April, der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus. Unser September in Alaska aber zieht die ganz große Räuberpistole: mit einer Lichtshow der besonderen Art. Eigentlich viel zu früh im Jahr. Wie dieses Jahr eh einiges viel zu früh passierte.

Nordlichter!
Es war gegen halb zwölf. Plötzlich ein grünes Glimmen am Horizont, das sich flackernd ausstrahlt. Siehst Du das auch? Ja, was denn? Das da. Was denn? Das!? DAS! Ja. Was ist –mein Gott– DAS denn?
Nordlichter! Nordlichter? Ja. Unbeschreibliche Magie, die uns der Himmel schickt.
Viel zu früh. Es ist viel zu früh gewesen.
Das weiß man da oben auch. Deswegen haben sie den Besten nun an den Laserpointer gesetzt. Und grün ist die Hoffnung am nächtlichen Himmelszelt…

Unser Morgen beginnt mal wieder mit einem kleinen Chitchat. Diesmal mit Paul aus Wien. Der fährt den zweiten weißen T4 Bulli im nordamerikanischen Universum. Entsprechend groß ist die Freude, als der Magicbus sein Brüderchen entdeckt. Paul ist hartgesotten. Mit einem unversicherten, nirgendwo mehr angemeldeten, ollen Bus kurvt er schon seit Ewigkeiten durch Alaska. Mit einem Auge. Seine Frau hat große Probleme mit den Pitstoiletten. Auch sonst scheint ihr das Leben wenig komfortabel, aber sie lächelt tapfer. Paul macht es wieder gut, indem er ihr Champagner und Austern serviert.

Passend zur Nacht fahren wir heute mit der Aurora. Einmal über den Prince William Sound. Von Whittier nach Valdez. Pünktlich und tutend legt sie an diesem sonnigen Samstag ab. Adieu Whittier. Du bist gut zu uns gewesen.

Es folgen unbeschreibliche 6 Stunden, durch eine der schönsten Landschaften dieser Erde, die ich jemals gesehen habe. Unberührtes, wildes, ungezähmtes Land. Einsame Inseln. Gletscher am Horizont. Türkisblaues Wasser. Enorm dicke Seelöwen auf einem Felsen, sonnendösend. Ein paar Delphine hopsen in der Ferne. Adler auf Brautschau. Ich singe in den Wind. Stundenlang. Zwei Globetrottels, die auf Ewigkeit starren.

Valdez. Ein Regenbogen und ein spielender Seehund im Hafen begrüßen uns: Schaut, dies ist die tollste Seereise Eures Lebens gewesen, stimmt´s? Das stimmt. And thanks for all the fish.

Die Leichtigkeit dieses Tages trägt uns in den Abend. Dass alle Camps in Valdez wegen des langen Wochenendes voll sind macht uns nicht bange. Wir rollen wieder hinaus in die Wildnis. Dank sich neigender Sonne in einem Farbspektakel, mit dem wir –mal wieder—nicht gerechnet hatten. Hinter Valdez liegt ein in Pass (2700 feet hoch), eine kahle Hochebene, die an Ladakh erinnert, ein tiefer Canyon, in den von allen Seiten der Berge Wasser hinabstürzt. Zauberland. Mal wieder. Kann man sich an Schönheit satt sehen? Ich glaube nicht. Ich glaube es einfach nicht.

Es ist eigentlich nichts Neues, alleine in die Einsamkeit zu fahren. Nun aber, da sich die Sonne neigt, gewinnt es an neuer Aufregung. Im Dunkeln alleine in endloser Wildnis, das lockt Kobolde.

In Kobold-Downtown finden wir unser Plätzchen für die Nacht auf einem aufgegebenen Campground im Nichts. Schwarzer Wald, knurrige Nadelbäume, an der verwaisten Feuerstelle wachsen exorbitante Pilze.
Es wird eine gute Nacht werden. Tief erschöpft nach so viel Erlebnis. Ein Herz befüllt mit Bildern von Schönheit. Im Geäst wird leise gekichert, es raschelt, ein Wicht versteckt sich unterm Pilzhut.
Gute Träume im Anflug.

Sonnenschein in Alaska — ein fast biblisches Wunder

Popo im Sturm: genauso ist es richtig gewesen. Der Pazifiksturm ist in der Nacht über uns hinweg geweht und macht einem Morgen mit strahlendem Sonnenschein Platz. So wild Sturm und Regen auch sind: mit Sonne sieht Seward noch mal ganz anders aus. Uns gefällt es sehr. Nach fast fünf Tagen Dauerregen. Sonne: was für eine Wohltat.

Entsprechend lassen wir uns beim Packen Zeit:
Kleiner Chitchat mit dem Nachbarn links aus Ohio, der ebenso wie der Captain Mountain Goats an den Hängen sieht. Ein weiterer Bonniejünger womöglich!?
Danach Reifen pusten und die zahlreichen Kinder des anderen Nachbarn mit dem Nummernschild „In God we trust“ durchzählen. Wir kommen auf neun bis zwölf. Wobei zwölf deutlich wahrscheinlicher ist, da biblischer.

Frischwasser aus einem laufenden Hahn auffüllen und die frischen Lebensmittel abwaschen: der Kluge denkt voraus. Wenn es denn schon mal Fließendwasser gibt…
Und während all dessen vor allem eins: Alle Luken auf, den Magicbus endlich mal wieder vom Sonnenschein durchwehen lassen. Trocknen – wir hätten es kaum noch für möglich gehalten. Es funktioniert. Auch wir sind bis zum Mittag nicht mehr feucht hinter den Ohren.

Mit zum Bersten vollen Bullibatterien geht es für uns weiter. Sewards Stromanschluss sei Dank.
Trocken shoppen bei Safeway macht mehr Freude als feucht einkaufen bei Safeway.
Alles riecht nach Blumen. Am liebsten würde ich Chouchou einen Heliumballon mit einem bunten Stachelschwein drauf kaufen – aus reiner Sonnenscheinfreude an diesem zauberhaften Freitag.

Auch Gletscher –ich hielt es kaum für möglich—wirken im Sonnenschein noch schöner. Der Exit Gletscher beweist es uns: Eisblau kann tatsächlich noch kristallerner sein.
Richtiger Lichteinfall ist wohl eines der Geheimnisse von Schönheit. Auch wir sehen dank getönter Scheiben drinnen im Bulli viel besser aus als draußen. Fiel mir nebenbei so auf, fällt mir nun nebenbei so ein.

Mittagsessen aus der Tüte, gekocht am Ufer eines einsamen Bergsees. Das sind äußerst instagramtaugliche Bilder. Vor allem, weil man den kalten Gletscherwind nicht sehen kann. Geschmaust wird dann lieber drinnen, weil´s wärmer ist. Und natürlich, weil wir drinnen ja auch schöner sind.

Das Sonnenlichtwunder zieht sich weiter durch den Tag. Natürlich ist auch Whittier bei Sonne netter.
Die Boote liegen diesmal ruhig in einem spiegelglatten Hafen. Statt Fisch gibt es Eis. Der Campground ist der Selbe, diesmal aber stehen wir ganz nah am Creek. Die Tsunamitestwarnung wird erneut über den städtischen Warnlautsprecher gestartet, wegen Sonne rutscht uns heute nicht das Herz in die Hose. Wir trauen uns sogar durch die Bärunterführung – weil Sonnenscheinglück heute auf unserer Seite ist.

Ein sonniger Freitag in Alaska.
So prägnant, so beeindruckend, dass in diesem Text nun tatsächlich elfmal das Wort Sonne auftaucht. Nein: es sind zwölf Mal. Wie toll.
Man könnte fast meinen: biblisch.

Golf von Alaska oder: The reincarnation of chicken biryani

Das Wetter bleibt Alaskan: selbst der Waschbär von gestern Nacht war pitschepatschenass, es hilft aber nichts: heute ist ein Bucketlistmoment dran. Da kann es stürmen oder schneien. Heute werden wir Gletscher gucken. Koste, was es wolle. Vom Boot aus.

Am Check-In der Major Marine Tours informiert man uns, dass das Wetter nicht bestens geeignet dafür sei. Für Gletscher müssen wir auf den Golf von Alaska raus. Dort sei es wegen eines aufziehenden Sturms heute „very bouncy“. Zu 50 Prozent werde der Captain wohl eh umdrehen. Boarden dürfen nur Leute auf Drogen, sprich: volldosiert auf Antiemetikern. Die gibt es großzügig unter der Ladentheke. Man empfiehlt uns umzubuchen, gegebenenfalls ginge Samstag wieder ein Schiff. Aber im Alaskan Herbst weiß man das nie genau. Vielleicht eine kleine Hafenrundfahrt als Alternative?

Wir wollen keine Alternative, wir wollen Gletscher, siebeneinhalb Stunden lang. Das fifty-fifty Risiko gehen wir ein. Und wählen unter den zahlreichen Möglichkeiten der bunten Pillen die Bonnies: Eine für Chouchou, zwei für mich und los geht’s.

Man weist uns Bank 22 zu. Sechs Stühle nur für uns, gleich neben der Kaffeebar und mit Seeblick vor salztropfenreichen Fenstern. Rechts außen sitzt eine indische Truppe, die von jeglicher Wetterwarnung unbeeindruckt scheint und sich vor Abfahrt erstmal ordentlich die Bäuche mit Chicken Biryani vollfuttert. In Indien ist man ein anderes Gefahrenniveau gewöhnt.

Der Resurrection Bay steckt voller Wildleben. Wir sehen spielende Ottern im Sturm, irgendwelche Jägervögel und ein paar Adler im Wind. Der Captain spricht von Mountain Goats, wahnsinnig schnell schwimmenden Delphinen und Puffins, die außer ihm aber niemand sieht. Er hat auch ein paar Bonnies drin.

Die erste Passage im Golf ist tatsächlich ein wenig „bouncy“. Den Indern rechts von uns wird langsam blümerant. Mit den Köpfen liegen sie auf den Tischen und dösen. Wegen Chicken Biryani ein großes Wunder verpasst. Hoffentlich war es zumindest lecker.

Holgate und Aialik Gletscher.
Der Katamaran bahnt sich seinen Weg langsam durch schwimmende Eisschollen. Die See ist im Fjord etwas ruhiger geworden. Und dann, ums Eck, im regnerischen Nebel plötzliches Kristallblau, surreale Strukturen, die das Auge nicht kennt, woher auch? Ins Meer strömendes Eis, je 8 bzw. 7km lang, gespeist vom Harding Icefield der Peninsula.
Es ist still. Der Katamaran schaukelt jetzt sanft auf weichen Wellen, im Auge des Sturms, wo sich nichts mehr bewegt. Und auch die Passagiere mit Männer und Frauen, im Dämmerlicht schon das Ufer schauen. Ganz ruhig, bevor ein großes Stück Eis mit grollendem Geräusch zu Wasser fällt. Gekalbt. Auf vegetarisch. Welch ein Privileg, diese schwindenden Riesen, diese vergänglichen Wunder der Erde erleben zu dürfen. Nur die Robben auf den Eisschollen zeigen sich gänzlich unbeeindruckt.
Gletscher, so what!? Der war ja schon immer hier.
Eben.

Nach ein paar Stunden geht es wieder hinaus auf den Golf von Alaska. Irgendwie müssen wir ja auch wieder zurück. Hinaus aus den ruhigen Fjorden, in die Holgate und Aialik Gletscher münden. Das geht nur über die Golfpassage. Hier hat der angekündigte Sturm mittlerweile Fahrt aufgenommen.
Was folgt, hat selbst der Captain in den letzten 20 Jahren Seefahrt vor Alaskas Küste noch nicht erlebt. Die Wellen sind fast haushoch. Der Katamaran taumelt irgendwo dazwischen. Horizont erscheint ganz kurz und verschwindet sofort wieder in einer Gischt, die gnadenlos auf uns zuhält. Das Boot gefühlt nur eine Nussschale, verloren auf der See.
Die Angestellten teilen erst Ingwerbonbons und direkt danach tapfer Tüten an alle Mitreisenden aus. Mit Handschuhen. Die wissen, was sie tun. Auf indischer Seite reinkarniert das Biryani Huhn und wird als Chicken Masala wiedergeboren. Wir haben –Gott sei Dank- genug Bonnies drin und finden alles super und wahnsinnig lustig.

Zurück an Land. Nach siebeneinhalb Stunden Abenteuer auf See macht es den Braten nicht mehr fett, dass wir als allererstes nach Heimkehr im Sturzregen doch lieber nochmal umparken. Der Magicbus muss mit dem Popo in den Sturm, nicht mit der Stirn. Weil wir da draußen gesehen haben, wie es gehen kann. Nun kann der Pazifik toben wie er will. Tanzen auf Bullis Hinterseite ist tausendmal besser als uns heute Nacht unterm Vordach den Skalp zu nehmen.

Ach Alaska. Wer sagte es so schön?
Du bist wirklich ein wilder Ort. Auch Deine Seestürme tragen Gefahr in sich. Und einen Hauch ungezügelter Freiheit.
Ein Freiheit, die endlich, endlich raus will. So wie Chicken Biryani auf hoher See.

Seward: „And the people went there, and forgot themselves“ – und manche finden sich wieder

Meeresrauschen beim Einschlafen. Mal wieder. Ganz entfernt knackt es irgendwo, dreimal in der Nacht stupse ich Chouchou an: „Hast Du das auch gehört?“ Ja, schnuffelt es aus dem Kissen, dreht sich um und schnorchelt weiter. Am Morgen wird uns klar, wer das Knacken war: der Bär ist wieder da gewesen. So steht es auf dem Porcupine-Update. Dass ich in meinen Träumen Tatzen an der Bullitür hörte ist damit wenigstens nicht allzu weit hergeholt. Tatzen, die durch herrlich wilden Nordurwald tapsen. Der Magicbus des Nachts umarmt von „Viburnum edule“: Gewöhnlicher Schneeball mit giftige roten Beeren und Bärenschnauben, einen schöneren Nachtplatz hätte ich mir kaum vorstellen können. Noch immer lost in the wild.

Zu „lost in the wild“ passt auch, dass wir mittlerweile unser Brauchwasser pumpen müssen. Wir pumpen – das ist zu fünfzig Prozent übertrieben. Der, der es verbraucht pumpt auch, meint Chouchou und filmt zumindest die Schwerstarbeit. Danach könnte ich mich eigentlich erneut mit einem Waschläppchen frischmachen. Chouchou braucht das nicht, er riecht ja nie.

Zum Frühstück gibt es Schweinedonuts auf die Pfote. Das geilaussehende Quietschbuntstückchen und die gerollte Zimtstange von gestern sind noch da. Fluffiger Teich, der im Munde zergeht, zuckrig weich, gaumenschmeichelnd. Zimt macht glücklich. Und Zucker auch.

Die Straße nach Seward ist reines Bauland. Im kurzen Sommer muss alles wieder passierbar gemacht werden für einen Winter, in dem die Straßen weitestgehend eh unpassierbar sind. Dank Dauerbaustelle im Sommer nun auch.

Der Magicbus gibt auf grobem Schotter sein Bestes. Mit ein wenig auf-und abschwellendem Weinen vorne rechts unterhalb der Kühlerhaube hoppelt er über tiefe Schlaglöcher den Moose Pass rauf und wieder runter und ist danach so eingesaut, dass er nun zweifelsohne zu unserem Hygieneniveau passt. Wir schreiben seinen Namen in den Staub auf unserer Wohnzimmertür und malen ein Herzchen daneben. Als Hippiemobil kann er in Seward nun auf den Hafen schauen. Ein wenig dubios scheint ihm das schon zu sein, zumindest deute ich so sein weiteres Heulen.

Seward. Neben Homer eine weitere Zivilisationshochburg der Kenai Peninsula. Der Hafen hier wirkt allerdings gebrauchsfertiger. Inklusive viel Fisch fischen von Land aus.

Das südliche Ende des Ortes ist für Scharen von Campingtouristen reserviert. Auch für uns: Ein winzig kleiner Saubulli zwischen rollenden Villen, frisch aufpoliert. Neugierige Blicke und allgemeines Mitleid sind uns hier mal wieder sicher.
In der ersten Reihe am Wasser ist nichts mehr frei. Kurzentschlossende sind in Seward Zweitreihenparker und haben damit schon Glück. In der Hauptsaison wäre hier spontan wohl kein Rad an den Boden zu bekommen. Ein Vorteil der Schultersaison.

Auch Schultersaison: Nasse Plane im Wind.
Die hängen wir grundsätzlich als erstes raus. Nicht zum trocknen, das wäre vertane Liebesmüh, sondern damit sie im Häuschen nicht gammelt. Und damit wir uns trocken in unserem Vorgarten bewegen können.

Im Vorgarten koche uns Eier mit Seeblick. Dicke Mütze auf dem Kopp, mummeliger Schal um den Hals gegen die Seebrise, Blick auf schaumiges Zweitereihewasser und Wolken, die tief hängen. Und plötzlich realisiere ich endlich wieder, was ich in den letzten Wochen irgendwie beiseite geschoben hatte: in was für einem Traum befinden wir uns eigentlich gerade? Welchen Traum dürfen wir gerade leben?

Wir stehen mit einem eingesauten Magicbus an der Küste Alaskas. Selbst hingefahren, von Halifax aus. Gesund. Und immer wieder bauen wir im Trockenen auf.
Plötzlich spüre ich es wieder – Was für ein Traum! – Beim Eier kochen mit Blick aufs Fjord im Nieselregen, im Trockenen unter wildwedelnder Plane im Wind. Ein normaler Eierkochgedanke womöglich. Innen butterweich, außen hart.

Als der Timer nach 6,5 Minuten klingelt, lacht dePabels mich vom Display an. Mitten aus dem Leben, die Eier sind fertig.
Und ich spüre, dass die Liebe niemals aufhört. Sie wird niemals weniger. Die Liebe ist immer da. Egal, wenn´s außen hart ist, Hauptsache innen butterweich.
Und in diesem Moment bin ich so dankbar, dass ich weinen muss.

…und manche finden sich wieder.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort nach Hope

Ein wenig blutet das Herzchen schon als wir unseren tiergesegneten Ankerpunkt verlassen. Trotz Regen war Anchor Point für uns ein Paradies, am Ende dieser unglaublich schönen Welt, die hier so vielen Raum gibt, in echter Freiheit leben zu dürfen:
Beflügelte, Beflosste, Fellnasen, Hündische des Meeres und sogar den Gehörnten, wie wir später selbst erleben dürfen. Aber eins nach dem Anderen.

In Soldotna, 100 Kilometer weiter, können wir einkaufen. Bei Fred Meyer – hatten wir auch noch nicht. Bisher haben uns in Alaska immer drei Bären bedient: der flächendeckenste Superstore seit 1980 heißt „Three bears Alaska“. Heute muss Fred es lebensmitteltechnisch reißen: er ist unser einziger Zivisilationskontakt und mal wieder hängen wir staunend in der Auslage.
Mineralwasser gibt es in den USA selten und wenn, dann nur zu exorbitanten Preisen. Bis dato ist mir nicht bewusst gewesen, dass Sprudel ziemlich europäisch ist. Ein geflügeltes amerikanisches Sprichwort lautet: »Don´t trust people who drink sparkeling water.« Warum auch immer!? Unsere letzten Importfläschchen Perrier hüten wir seither wie unsere Augäpfel und packen –unten den Argusaugen von Freds Angestellten– lieber vertrauenserweckendes, stilles und vor allem erschwingliches Bergquellwasser ein. Bergquellwasser: übrigens auch eine Rarität. Wenn überhaupt geht Wasser hier galonenweise nur destilliert über die Theke. An Ökos oder Bügelsüchtige, der normale Mensch nämlich trinkt Limo.

Nächste Theke: Brot. Fred hat tatsächlich Baguette gebacken. Ganz versteckt am Ende der gigantischen Bäckerei finden wir eine Stange im untersten, hinteren Regal, nachdem wir uns durch Berge von schaumgummiartigem Weißbrot gewühlt haben. Ich möchte ja nicht allzu hart werten, komme beim Thema Brot aber nur schwerlich umhin: Fred backt wirklich vorzügliches Baguette, warum bloß kaufen alle anderen Marshmallowtoast? Ist das ein Hang zur inneren Selbstverwahrlosung!? Anders kann ich es mir wirklich nicht erklären. Aber ja: Geschmäcker sind verschieden. Und Zahnstrukturen auch. Dringend Zeit, die Wertung wieder auszuschalten.
Vier klebrige Donuts landen natürlich auch im Wagen: triefend fettiger Applefritter, Schokokringel, gerollte Zimtstange und ein schreiend quietschigbuntes Gebäckstück, das ich nur haben will, weil es geil aussieht.
Das Bierchen wurde von der „Alaskan“ Brauerei gebraut: „Kölsch“. Ernsthaft. Wir kaufen es aber, weil ein Orca auf der Dose ist. Die Globetrottels als Labelingopfer.

Und dann passiert es. Endlich. Nach 12000 Kilometern quer durch Kanada und Alaska, nach 150km durch wunderschöne Berg- und Seewelt heute. Wir hatten nicht mehr damit gerechnet, doch dann ist er da…

In tiefem Frieden, direkt am Wegesrand grasend, steht ein junger Elch. In aller Seelenruhe, voller Eleganz, ist er ganz bei sich und vollkommen unbeeindruckt, dass wir zwei Meter neben ihm halten. Wunderschöne, berührende 15 Minuten dürfen wir direkt bei ihm sein.
Koexistieren. Existieren. Miteinander: Der schönste Elch, der ganzen weiten Welt –zweifellos– und zwei zutiefst bewegte Globetrottels, bevor er langsam und gemächlich über die Straße von dannen zieht. Es ist 12:50h. Punktgenau 6 Wochen nach dem 18. Juli, abends um zehn vor elf, mitteleuropäischer Zeit. Und mein Herz läuft über. Es kann gar nicht mehr aufhören. Hoffnung.

Hope. Genauso heißt unser heutiges Ziel. Wir schlagen der Sintflut an der Ostküste der Halbinsel ein Schnippchen und sitzen den Regen heute noch im seichten Westen von Kenai aus. Natürlich voller Hoffnung, mal wieder in einer Sackgasse.

Am Ende der Straße liegt der Porcupine Campground. Vor allem Chouchou freut sich emsig über diesen Namen – wir erinnern uns an das hocheuphorische Stachelschwein aus Homer (über das ich mich noch immer kaputtlachen muss, wenn ich es auf dem Foto sehe).
Auf dem Porcupine herrscht Bärenalarm: „Soft sided camping“ und Zelte sind nicht mehr erlaubt, seit Anfang August tapst ein Schwarzbär in regelmäßigen Abschnitten über den Platz. Meist täglich, manchmal macht er auch ein paar Tage Pause. Seit vier Tagen nicht mehr gesichtet, wird es eigentlich langsam wieder Zeit.

Wir überlegen kurz, ob unser Dachzelt unter „soft sided“ fällt, das letzte freie Plätzchen mit Blick auf den Turnagain Arm ist dann aber so reizvoll, dass wir beschließen, ein HartschalenMagicbus durch und durch zu sein. Just beim Einparken schwappt die berühmte Tidal Bore den Fjordarm hoch: auch das ist ein zustimmendes Zeichen dafür, dass der Magicbus ein Hartschalenbulli ist. (Bitte nicht fragen warum, es ist einfach so.)

Heute Abend lauschen wir zartem Niesel auf unserem plötzlich ganz und gar nicht mehr „softsided“ Dachzelt, während die Sintflut im Osten der Insel runterkommt. Ab und zu linse ich mal aus dem Fenster, auf der Suche nach Belugas, die ihr Köpfchen vielleicht aus den Fluten strecken. Sie leben direkt vor uns: im Turnagain Arm und sollen vor allem im August und September hier nach Lachsen suchen. Die Chancen sind nicht allzu groß, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.
Sowieso nicht, so lange wir in Hope sind.

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »

© 2026 Die Globetrottels

Theme von Anders NorénHoch ↑