Bei unserem Orcabierchen bleiben wir nicht lange alleine.
Nachdem wir bereits mit einem großen Rumps, für den halben Yukon hörbar, gegen den Grill eingeparkt haben –Hello! The Globetrottels arrived!– können unsere Nachbarn Sophie und David uns nicht mehr lange dabei zuschauen, wie wir verzweifelt versuchen, mit kleinen Ästchen ein Feuerchen zu entzünden. Die kleinsten am Congdon Creek angeboten Holzpflöcke sind 70cm dick. Die bekommen wir ohne Axt nicht klein und der Magicbus ist einzige Wagen in ganz Nordamerika, der gänzlich without an axe unterwegs ist.
Initial ist´s am ehesten wohl Mitleid, das die beiden auf unser Plätzchen Mambo No.5 herüberweht. Ausgestattet mit einer Axt, um für uns das Holz zu hacken. Und Fireball: kanadischer Whiskey mit Zimtgeschmack, um die Seelchen zu trösten, die sich soeben gnadenlos vor dem gesamten Campground zu Tode blamiert haben.

Ein bunter Abend mit Sophie und David.
Wir sitzen bis tief in die Nacht an einem Feuer, das dank Davids gespaltenen Pflöcken perfekt brennt. Der Fireball ist ziemlich bald weg, wir gehen zu den Orcabierchen über. Wir lachen uns schigglig über allseitige, aleman´sche Zöllnerangst und ein Abenteuermaximum, das darin gipfelt, gekochte Eier zu schmuggeln und sich dabei wie ein verwegener Held zu fühlen: Abenteuer Ü40.
Geologie, Goldrausch, Rüstungsindustrie, interkulturelle Kommunikation. Sophie holt irgendwann den Weißwein raus: Naked, heißt der. Dann weiter zum Ost-West-Konflikt, den First Nations, Drogenpolitik und Akutpsychiatrie. Ab Mitternacht trinke ich Wasser und lehne Sophies Wunsch freundlich ab, doch bitte, bitte mit ihr schwimmen zu gehen. Leicht fällt es mir –dank Fireball– nicht, aber morgen früh machen wir Yoga am See…bestimmt.

Die morgendliche Yogasession fällt aus. Kater. Bevor die beiden weiter gen Haines düsen, gibt es zum Abschied aber noch eine große Bescherung für die Globetrottels: zwei Tüten voll bester Lebensmittel, die Sophie und David nicht mehr benötigen, da morgen ihre Reise zu Ende ist. Weihnachten am KluaneLake, ganz ohne Rentiere!
Wir freuen uns wie Schneekönige über Honig und ganz viele Nüsse, über Tütensuppen, Couscous, Tomatenmark, Ramennudeln, Knabberzeug, Haferflocken, Dosenmandarinen, Datteln, Knoblauch und so vieles mehr. Eigentlich müssten wir in Whitehorse nun nicht mehr einkaufen. Danke, Ihr zwei lieben Wilden. Und das nach einer Nacht, die ein Freudenfeuer der Toleranz war.
So verschieden wie wir alle sind, so unterschiedlich die Lebenswege und Weltansichten, die sich dort an diesem Feuer trafen. Und ein jeder hat dem anderen mit offenem Herzen zugehört. Trotzdem oder gerade deswegen.
Vielleicht geht er so ja doch: der Weltfrieden.

Nach einem herrlichen Morgenspaziergang in bunter Herbstsonne und an einer frischen Luft, die Katermenschlein wieder mit Leben erfüllt, geht es für uns heute mal wieder nach Whitehorse. Durch hüggeliges Endlosland.

Der Magicbus weint die gesamte Fahrt über. Ein bisschen tut er mir leid. Armer, alter Magicbus. Ein größeres bisschen aber nervt er heute damit: Nudnick, blöder Katastrophenbulli.
Sei es drum. Das Wichtigste ist, dass er fährt. Heute also heulend. Vielleicht müssen wir einfach während der Fahrt die Musik lauter drehen!?

In Whitehorse kümmern wir uns erst mal um den Steinschlag. Der erste, lustige Glaser hat viel zu erzählen, aber seine Maschine ist schrott. In drei Wochen können wir wiederkommen. Er schaut sich die Eisblume zumindest an und meint mit besorgtem Blick: „Seriously, get someone NOW, who solves this problem. A new windshield for THIS kind of car will be a REAL BIG problem over here.”

Als nächstes versuchen wir es bei Canadian Tire. Dort soll ein hutzeliger Mann in einem orangenen Zelt campieren, der macht Scheibenkleister wohl ganz anständig.
Leider ist der Hutzelmann heute im Urlaub. Wir heulen uns mit dem Bulli also weiter durch die Stadt. Zu All West Glass, gleich neben dem Junkieauffang und der alpinen Bäckerei. Dort kann man uns helfen. Zwischen Vollkornbrot und Substitution. Natürlich, hier sind wir ja auch zu Hause. Meint anscheinend auch das Minihundchen unter der Ladentheke. Eigentlich schnappt der nach jedem, uns beide hat er scheinbar gern und kuschelt. Natürlich, hier sind wir ja zu Hause.
Dank indischer Zauberhand ist die Eisblume zwanzig Minuten später Zeitgeschichte. Für einen Preis, der glücklich macht. Dhanyavaad, sagt man auf Hindi. Von Herzen vielen Dank dafür.

Unser Versorgungsstopp ist lange noch nicht vorbei. Wir müssen noch tanken, 10W40 finden, Grizzlybierchen (die Orcas sind ja weg), Wasser und frisches Gemüse kaufen. Den Rest haben wir dank Sophie und David ja schon.
Zwei Stunden später platzt der Bulli aus allen Nähten: Vorräte aufstocken: Check. Von hier aus kann´s wieder in Richtung Einsamkeit gehen. Und alles riecht nach Popcorn.
Und dann geht die Seitentüre nicht mehr zu. Ehrlich?! Ach, Magicbus…

Rohe Gewalt ist mal wieder die Lösung. Nach zwanzig Versuchen (von zart bis wild), rastet die Schiebetüre endlich wieder ein, ohne dass wir wissen, was genau das Problem war. Oder das Geheimnis.
Sei es drum. Das Wichtigste ist, dass sie schließt. Heute also schnippisch. Vielleicht müssen wir einfach während der Fahrt Panzertape drüber kleben!?

Zur Gönnung des Tages fahren wir dreißig Kilometer hinter Whitehorse einen echten Campingplatz an. Mit heißer Dusche, einem Hauch Wifi und Spülmöglichkeiten. Heiße Dusche nach neun Tagen ohne Fließendwasser: This is Lapalomababyland hoch 72.

Zwanzig handgewaschene Socken später sind wir also heute Abend dran: mit Nagelbürste, Schrubber und so heißem Wasser, dass die Globetrottels auch Hummer sein könnten.
Eine Rarität. Eine Seltenheit. Und durchaus eine Delikatesse.
Manchmal.