Ein bunter Abend mit Bunty.
Während Chouchou sich an diesem traumhaften, letzten See Alaskas auch so wichtige Me-Time nimmt, ist es Bunty, unser Nachbar, der mich an diesem Abend bespaßen muss.
Am Feuerchen reden Bunty und ich in zwei Stunden über die wichtigsten Themen der Welt. Den Smalltalk haben wir von Anfang an weggelassen:
Von indischer Politik über das amerikanische Gesundheits- und Bildungswesen. Die Schweizer Sonderposition in Europa, deutsche Weihnachtsmärkte und Glühwein. Über Gletschertrips, Nelken im Essen und Patagonien. Über orthopädische Malaisen über 30, Homosexualität und den Islam. Über den weltweiten Rechtsruck im Allgemeinen, den Winter in Alaska und eine Kindheit als indisches Migrantenkind in Virginia. Weit, weit weg. Über lustige, bunte Wesen im Kopf, die Späße machen, die nur der Mensch, der sie denkt, versteht. Und darüber, dass diese ihre dunkelgekleideten Nachbarn dringend brauchen: Helden der Melancholie. Damit man den großen Überspaß überhaupt verstehen kann.
Wir reden über liebe Menschen, die wir sehr vermissen. Do you want to share some stories? Yes I do.
Wie schön ist es, auf Menschen mit so anderen Lebensgeschichten und Prägungen zu treffen und in einem Gespräch zu spüren, dass die Unterschiede gar nicht so groß sind. Von Mensch zu Mensch. Auge in Auge. Am Feuer. Darüber, dass man sich in so Vielem einig sein kann. Und über das Uneinige offen diskutieren.

Um die Geisterstunde gehen wir alle schlafen: Bunty in seinem Auto, Chouchou und ich mal wieder bemützt im Salon unserer Maisonnette. Heute träumen wir alle wild. Über das Fliegen in einem Wasserflugzeug: Batterie war leer, ich konnte aber weich landen. Über schwimmen in einem türkisblauen Bach mit unserem ehemaligen Hund Paolo: er auf einem Stück Holz und ich daneben. Über Maulwürfe unter Wasser, exorbitant groß. Den Rest habe ich leider vergessen.

Gegen 11h gibt es Rohkostfrühstück. Für mich. Chouchou isst Kekse, kocht aber illegale Eier. Weil wir heute die Grenze zurück nach Kanada überqueren wollen, muss alles Frische weg. Zirka 2 Kilo Sellerie, 4 Tomaten, 2 Paprika und eine Avocado. Alles zu schade zum weg werfen, alles muss also rein in den Bauch. Meinen. Chouchous ist ja schon voller Kekse, der kann nicht mehr. Genauso wenig wie das Grauköpfchen von gestern. Das mag auch kein Sellerie.

Adlerverwöhnt rollen wir an die Grenze. Die letzte Tomate verschwindet nur mit Nachdruck zwischen meinen Zähnen; hinuntergezwängt in dem Moment, da die Schlagbäume in Sicht kommen.
Miss Forbes hat heute frei. Ihr grimmiger Kollege aber ist da. Gespannt wie ein Flitzebogen warte ich –noch kauend– auf seine Frage: „Any fresh fruits, eggs, meat on board?“ „No sir!“ Wohlwissend, dass wir die Eier im Magicbus sehr gut versteckt haben. Aber Rohkost, die zählt ja wirklich nicht, wenn sie bereits im prallgefüllten Magen vor sich hinrumort…

Der Grimmige schaut skeptisch, dann hebt er an: „Any…“, raues Husten. „Sorry. Äh… Any…firearms on board? Or more than 10000 Dollars?”
Stille.
Ich warte noch einen gespannten Moment, aber da kommt nichts mehr. „No firearms and …sadly, sadly.. no 10000 Dollars. Sir!“ Der Grimmige grinst nicht mal und das Sellerie klopft entrüstet an meinem Mageneingang: Raus, ich will raus. Rein in Alaska, raus im Yukon.

Es folgen 30 Kilometer Niemandsland. Und die unkomplizierte Grenze der Welt.
Kanada.
Im Yukon ist es gelb geworden. Herbst.
Die Raben sind zurück. Sie hoppeln unbesorgt auf der einsamen Straße. Chouchou kann nun endlich wieder sein liebgewonnenes Hobby aufnehmen: Raben anhupen im Yukon.

Wie gut können Raben eigentlich hören? Hupen beeindruckt sie anscheinend nicht sonderlich. Es ist der Bullischatten in einem letzten Moment, kurz vor »von der Schippe springen«, der Wirkung zeigt. Mehr nicht. Horn please interessiert hier wirklich niemanden.
Eine weitere, ungelöste Frage des Lebens: wie gut hören Raben eigentlich? Nach der Ohrgröße zu urteilen, kann es tatsächlich nicht sehr viel sein. Aber auf die Größe kommt es ja ganz oft auch nicht an. Zumindest nicht immer.

Kurz vor Burwash landing überholt uns Gilbert Grape aus Iowa. Er fährt das erste Auto im Rückspiegel seit über einer Stunde. Das erste Auto seit der gnadenlosen Schotterstrecke, die sich sicherlich gefühlte hundert Kilometer durch den Streifen zwischen Alaska und dem Yukon zieht. Das erste Auto auf Asphalt. Daher kommt die folgende Nummer fast einer Kunst gleich.

Vor lauter Einsamkeit (oder Freude uns zu sehen?) wirft Gilbert Grape mit Steinen. Wo auch immer er die her hat? Ganz ohne Schotter. Einer der mittleren landet mit einem großen Knall auf unserer Windschutzscheibe und hinterlässt eine Kitsche, die einer Eisblume gleicht. Ästhetisch eigentlich ganz schön, praktisch aber ziemlich scheiße. Ach Männo, Gilbert.

Unser erster Stellplatzcheck für die Nacht ist ein Flopp.
Ein verwaister Campingplatz mitten im Grizzlyhabitat. Für Abenteurer wäre es der perfekte Übernachtungsort, aber die Globetrottels haben Schiss. Und auch ein kleines bisschen mürrische Laune wegen Gilberts Steinwurf. Kein Geistercamp für uns heute Nacht. Chouchou drückt es nett aus: „Ich möchte lieber etwas beruhigendes.“ Also weiter.

Fast beschwingt klauen wir uns zwanzig Kilometer weiter den letzten Platz am Congdon Creek. Hier waren wir vor zwei Wochen schon einmal. Auf Stellplatz Nummer 5. Auch heute der letzte, der auf dem Platz noch frei ist.

Chouchou parkt mit so viel Schwung ein, dass der Magicbus die gusseiserne Feuerstelle touchiert. Der macht das gar nicht. Nur der arme Bulli hat jetzt ein kleines Loch im Popo.

Wir flicken, was zu flicken ist: das Löchlein bekommt etwas weißen Nagellack, die Gilbert-Eisblume auf der Windschutzscheibe lassen wir, wie sie ist. Mal schauen, ob irgendjemand das in Whitehorse flicken kann. In Whitehorse, mal wieder. Wir werden es einfach nicht los.

Die Freude darüber, dass wir aber nun endlich wieder in Kanada sind, wollen wir trotzdem zelebrieren. Mit dem ersten Feuerchen seit Wochen. Und einem Abschiedsbier aus Alaska. Die Dose „Kölsch“, auf der ein Orca springt.
Springt, springt – in ein neues Abenteuer. Auch mit Lackschaden und Eisblume:
Et hätt noch immer jot jejange.
In diesem Sinne: Prost.