Bestens geschlafen in der Koboldnacht. Am nächsten Morgen sehen wir, wo sie sich des Nachts versteckt hielten. Wie vermutet: Unter riesigen Pilzhüten haben einige der kleinen Wichte Unterschlupf vor dem kalten Regen gefunden, ein paar Faule hängen in den Nadelbäumen, ein junger Halbstarker plantscht in der seidenen Pfütze vor dem Magicbus. Er beäugt uns beim ersten Kaffee neugierig. Und beim Starten mit dem Spaten umso mehr.

Es ist gut, dass wir uns nicht mit Pilzen auskennen. Zu schmackhaft sieht der Boden um uns herum aus. Ein Pilzexperte wäre hier eindeutig in seinem persönlichen Schlaraffenland. Und hätte die Koboldunterschlüpfe wohl ausnahmslos abgeräumt. Lucky Kobolds heute. An einem Sonntag.
Beim zweiten Kaffee wird der Blog von gestern getippt. Die Wichte haben zwar kein Wifi, aber so viele Erlebnisse müssen einigermaßen sofort niedergetippt werden, bevor sie in einem Wust von Weiteren untergehen.
Morgens tippen ist gut. Der Geist ist da noch frischer und kommt schneller auf den Punkt. Das merkt man vor allem im Vergleich zu allen anderen Texten, die hier so gnadenlos und ohne Rücksicht auf Verluste meist spätabends veröffentlicht werden. Der klassische Abendtext: manchmal mehr eine Sammlung des täglichen Laberrhabarbers, als Reisetext in Reinform.
Unsere Reise trägt uns heute gen Nordosten. Ab nun befinden wir uns langsam auf einem Rückweg, der nur nach vorne geht. Ab Glennallen schließt sich der erste Kreis: hier sind wir vor ungefähr zwei Wochen rechts abgebogen. Auf in Richtung unseres ersten Alaskagletschers. Ewigkeiten ist das her.
Auf den Gipfeln des Wrangell Nationalparks liegt frischer Puderschnee. Ab mittags regnet es nicht mehr und wir sind dankbar, dass es nicht schneit. Unser erster und letzter Bär in Alaska huscht vorüber. Ein Teenie. Auch er trägt dazu bei, dass unser Alaskakreis rund wird.
In Tok decken wir uns mit Vorräten ein. Die Three Bears Alaska kennen wir schon und wissen sofort, wo Zewa in den kuscheligen Regalen liegt. Das Tanken läuft direkt an Säule 6. Die 8erSäulenErfahrung wurde getippt, sie hat sich gut eingebrannt. Dank Funkenschlag und roher Gewalt. Unsere Visakarte will das Tankterminal noch immer nicht akzeptieren. Manche Dinge ändern sich nicht. Und nach manchen kann man noch immer die Uhr stellen: bei Schneeansage Anfang September in Alaska zum Beispiel. Man kann ihn schon riechen: das puderige Weiß, das erstmal auf den Gipfeln Platz nimmt. Bei vier Grad Tagestemperatur ist der Boden aber auch nicht mehr weit. Noch ein Grund, den Schotterhighway über Chicken zu lassen. Außerdem wird morgen dort die Grenze eh für den Rest des Jahres dicht gemacht. Laborday. Winteranfang.
Hinter Tok fahren wir also nicht links, sondern geradeaus. Wieder über den Flickenteppich. Der Reiseverkehr ist –im Gegensatz zu vor zwei Wochen—allerdings durch. In An- und in Abreiserichtung. Mal wieder sind wir weitestgehend mutterseelenallein unterwegs.
Auf knappen 400 Kilometern insgesamt quatschen wir heute nicht viel. Außer über Neuweltstachelschweine, bei denen sich der liebe Gott wirklich viel Mühe gegeben hat, über den Fluchtpunkt im Kunstunterricht der frühen 90er und die Highway Conditions in British Columbia, Kanada. Dort brennt der Wald noch immer lichterloh, der von uns so ersehnte HW 37 war wochenlang wegen den größten Bränden der kanadischen Geschichte gesperrt. Sollte das so bleiben, würde das für uns einen Umweg von ungefähr tausend Kilometern bedeuten. Aber das ist erst in einigen Tagen dran.
Heute genießen wir erstmal die grandiose Aussicht: beschämend schön und mit unserer bescheidenen Fotokunst nicht einfangbar. Atemlos hinterlassend, passt. Denn die Sprache hat es uns heute ja eh schon fast verschlagen.

Ich weiß nicht, ob es heute Abend wirklich dran ist!? Oder ob man das jemals verdient hat!?
Als krönender Abschluss parken wir am Yarger Lake ein. Gänzlich kostenlos und unbezahlbar. Ein Geschenk des Bundestaates an die Menschen.
Ein letzter Blick auf Alaska. Über spiegelglattes Wasser, die kalten, weißen Riesen des kanadischen Kluanes im Hintergrund. Brave Nordenten ziehen stille Poesiealbumskreise um sich, ein lustiger Graukopf landet auf der Bank neben mir und liest als erster den heutigen Text neugierig gegen.

Ich weiß nicht, ob er ihn für gut befindet. Kleiner Graukopf, habe ich irgendetwas vergessen?
Ja. Du hast den seichten Wolkenschleier über den Nadelbäumen nicht erwähnt. Und den Sonnenuntergang überm See. Du hast die besten Nistplätze vergessen. Und auch zu schreiben, dass es hier ganz viele leckere Mosquitos gibt. Ein großes, ausladenes Buffet für alle.

Im zuliebe schalte ich also das Thermacell aus, dass gänzlich mückenunfreundlich neben mir brummt. Entschuldige, mein Kleiner. Ich habe nicht registriert, dass Du gerade zu Tische flogst.
Genieß die Aussicht und friss Dich satt in diesem Paradies. Heute hast Du mehr Rechte als wir, denn du musst Dich leckerdick futtern, bevor der Winter kommt.
Ein Winter, der bitterkalt schon vor der großen Nordtür steht.









Ernest Hemingway wäre neidisch auf deinen Arbeitsplatz und deine morgendliche Prosa.😊
Und ich bin auf meiner noch sommerlichen Terasse auch ein wenig……bis auf die 4 Grad…..die können warten. Lg🙋♀️🙋♂️
Liebe Dagmar,
Hemingway wäre neidisch auf den Arbeitsplatz und ich bins auf seine gesamte Prosa.
Genieß den restlichen Terassensommer. Wir suchen ihn so langsam auch wieder.
Unterwegs gen Süden,
Deine Joana
Was für wunderbare Texte und Bilder – beim Vorlesen hat es mir teilweise die Stimme versagt,,,
Liebes Phantom, Du Wunderbares!
Und mir versagt fast der Rührungstränchenkanal bei diesem Kompliment.
Von Herzen, danke!
Deine Joana
Wunderschön ❤️ Pilze , Waschbären, Mücken, die wilde See und soviel mehr🤗
…ein kleiner Zoo des Garten Edens!
Es macht Freude deine Texte zu lesen mit den dazugehörigen Fotos! Fühle mich absolut mitgenommen. Mimi 🥰
Meine Mamels,
das ist ein wunderbares Kompliment. Von Herzen ganz viel Dankedankedanke.
Ein dicker Kuss über den großen Ozean – von hier aus nimmt er die Abkürzung über den Panamakanal.
Und: es werde Licht.
Deine Nani