An einem magischen, kühlen Morgen im einsamen Wald –Sonnenschein blinzelt durchs Geäst—macht Chouchou sich an die Recherche: Was bloß kann es sein? Das traurige Weinen des Bullis vorne rechts.
Handbücher werden gewälzt. Wie damals im Monsun auf dem Siddhartha Highway als der Daily einen elektrischen Totalausfall hinlegte. Damals hat Chouchou den gesamten Stromkreislauf des Dailys in einer Nacht auswendig gelernt – und das Unlösbare, gemeinsam mit Erwin aus Kathmandu, gelöst. Es war, wie einen Toten zum Leben erwecken. Pure Magie dank der schlauesten Hirnwindungen, die mir jemals untergekommen sind.
Hoffentlich ist damals wie heute.
Beim zweiten Kaffee hat Chouchou zumindest schon mal alle Wellen, die einander antreiben und alle dazugehörigen Scheibchen des Magicbus´ drauf. Eine erste Ahnung: vielleicht ist es der Schwingungsdämpfer!?

Die gute Nachricht daran wäre, dass wir dann zumindest eine Idee hätten, wie wir den ein wenig schonen können: wenig schalten, gute Pausen, untertourig fahren, kein Licht und alle Parasiten ab, die ansonsten während der Fahrt an der Starterbatterie hängen: Navi, Powerbank, Handys, Laubbläser.
Die schlechte Nachricht daran wäre, dass es den originalen Schwingungsdämpfer weltweit neu nicht mehr gibt. Um dran zu kommen, müsste man außerdem den gesamten Motorblock zerlegen. Um was reinzubasteln!? Genau. Ein Teil, das es quasi nicht mehr gibt.
Ich weiß nicht ganz genau, wie ich mich fühlen soll, als Chouchou seine Hypothese beim dritten Kaffee vorträgt. Vielleicht muss man das auch gar nicht wissen, es nützt ja alles nichts: die Dinge sind, wie sie sind.
Momentan so, dass wir in Watson Lake im letzten großen Dorf im großen, weiten Nichts sind. Das letzte Örtchen, das auf tausend Kilometern noch Internet hat. Und fünf Häuser, eine Tanke und den berühmten Sign-Forest. Mehr ist nicht. Nach Whitehorse zurück ist für uns keine Option.
Unsere Entscheidungsfindung ist nun durchaus spannend.
Da ein Zurück nach Whitehorse ausscheidet, bleiben uns drei Möglichkeiten:
- Wir suchen einen Mechaniker in Watson Lake. Watson Lake mit seinen fünf Häusern, einer Tanke und dem berühmten Sign-Forest. Ein Mechaniker, der zweifelsohne wenig Ahnung von VW Bullis hat und eh keine Ersatzteile.
- Wir fahren den AlaskaHighway wieder zurück – so wie wir ihn gekommen sind. Die nächste große Ortschaft wäre hier Dawson Creek. Vielleicht mit einem Mechaniker, der etwas mehr Ahnung von T4 Bullis hat. Knappe 1000 Kilometer. Ohne Internet, dafür auf einer Straße, die recht gut befahren ist.
- Wir fahren den Cassier Highway runter. Ohne Internet, auf einer ziemlich einsamen Seitenstraße. Bis zum nächsten größeren Ort sind es 780 Kilometer: Kitwanga, deutlich kleiner als Dawson Creek, aber die direkteste Strecke in Richtung Vancouver, Großstadt. Noch ungefähr 2000 Kilometer entfernt.
Wir überlegen lang und überlegen dann, dass wir die Entscheidung spontan fällen werden, wenn wir erstmal in Watson Lake Downtown sind. Da müssen wir eh hin: letztes Internet nutzen, tanken, dePabels neben die Globetrottels im Schilderwald verewigen, bevor es wirklich weiter geht.
Eine Entscheidung, die davon abhängt, ob der Bulli direkt mit dem Starten wieder heult (und wenn ja, wie laut!?); eine Entscheidung, die von Gefühl, Gottvertrauen und human sense abhängt.
Der Magicbus startet. Problemlos. Ohne einen Hauch von Heulen.
Wir staunen, trauen ihm nicht wirklich, freuen uns aber Bauklötze und rollen auf dem Schotter los. Vier problemlose Kilometer lang. Dann kreischt es im rechten Radlager. Und wieder staunen…
Unser klassisches Vor- und Zurücksetzen bringt nicht viel. Wir vermuten, dass sich mal wieder ein Steinchen zwischen die Bremsbeläge geklemmt hat. Heute sitzt es sehr, sehr fest.
Nur mit einem auf-dem-Schotter-unter-den-Bulli-kriechen und beherztem Klopfen lässt es los. Immerhin.
Unsere Nerven sind auf etwas ganz anderes gebürstet, wir erreichen Watson Lake also mit Erleichterung und gehen unserem frühen Tagewerk nach: letztes Internet nutzen, tanken, dePabels neben die Globetrottels, einer verzweifelten Mopedfahrerin bei der erfolglosen Suche nach einem Mechaniker zuschauen. Entscheidung Nummer 1) fällt damit raus.
Schlussendlich ist es unser Gefühl, das Möglichkeit Nummer 3 wählt: wir fahren den Cassier Highway runter. Auch der Magicbus scheint damit zufrieden, er tuckert ohne Murren aus Watson Lake raus. Adieu Zivilisation. Goodbye Internet. See you again in 780 kilometers. Hoffentlich nicht heulend.
Nach 20 Kilometern Cassier Highway stoppen uns die Feuerwehrleute. Sorry, eine Spur ist für weitere zwanzig Kilometer gesperrt, denn zwischen der Grenze des Yukons und Good hope Lake brennt es. Seit Wochen schon, das Gröbste sei aber unter Kontrolle, der Highway ist zumindest einspurig wieder freigegeben. Wir warten auf den Gegenverkehr.
Nun haben wir 45 Minuten Zeit, um zumindest die Verkehrsdichte auf dem Cassier Highway abzuschätzen. Am Ende der Wartezeit sind wir vier Wohnmobile, drei Autos, zwei Biker, ein Fahrradfahrer und wir. Der radelnde Franzose darf nicht durch: „Too much smoke out there.“ Wir bieten ihm an, sein Rad in den Bulli zu quetschen – wird aber eng. Gott sei Dank macht der Pickupfahrer hinter uns das gleiche Angebot. Das französische Rad tritt die Reise durch die Feuerschneise also bequemer an: auf der Ladefläche des Pickups. So bequem, dass wir ihn nie mehr wieder sehen sollen. Er hat wohl die Chance ergriffen, sich gleich bis Kitwanga mitnehmen zu lassen. So ein Angebot darf man sich aber auch nicht entgehen lassen…
Wir starten mittig im Konvoi in die Feuerschneise. Normalerweise lassen wir vor einspurigen Baustellen zuerst alle Wagen passieren, damit wir niemanden aufhalten. Heute ist das anders: Menschen als Schwänzchen hintendran bedeuten sehr wohl auch Sicherheit.
Vor uns brennen bis zu 70 Kilometer Wald und der Bulli neigt zum Heulen. Heute wollen wir nicht die letzten der Schlange sein, sondern –in dieser Situation—bitte ganz genau mitten drin. Im wohligen Schoß einer letzten Menschheit, die zögerlich losrollt.
Es dauert nicht lange zu verstehen, dass der Pickupfahrer hinter uns eine andere Definiton von „glimmen“ als wir hat. „Das glimmt nur noch,“ sagte er. Uns kommt das, auf was wir geradewegs zurollen etwas größer vor als ledigliches „glimmen“.
Jeder, der mich kennt weiß, dass ich nichts dagegen habe, eine gute Geschichte auszumalen, wenn es sich lohnt. Diesmal aber darf ich unübertrieben sagen: Wir rollen in ein Inferno.
Der Wald östlich der Straße brennt noch immer lichterloh. Von Rauchsäulen kann man nicht sprechen. Es steigt apokalyptischer Rauch auf.
Der Wind weht –Gott sei Dank—in Richtung Osten. Weg von der Straße, unsere Sicht bleibt also frei: Auf ein Land, das im Feuerinferno stirbt. Teilweise qualmt es direkt am Straßenrand.
Selbst der Bulli ist mucksmäuschenstill, uns allen verschlägt es die Sprache.

Ein Schild am Straßenrand: „Caribou next 25km“. Jetzt nicht mehr.
No more caribous in hell.
Nach 70 Kilometern, in Good hope Lake, liegt das Buschfeuer hinter uns. So, als sei es nie dagewesen. Kein Hauch von irgendetwas in der Luft. Nicht mal mehr von Lagerfeuer.
Vor uns liegt nun einsames Wellenwunderland. Wir lassen die geduldigen Autos hinter uns endlich passieren. Danke für euren Support, von dem ihr nie gewusst habt.
Manchmal glaube ich, diese Welt geht nicht mit rechten Dingen zu.
Die nächsten 150 Kilometer bis Dease Lake fährt der Magicbus, als könnte er kein Wässerchen trüben. Kein Heulen, kein Singen mehr. Vorbei wie das Buschfeuer.
Vor uns ein wunderbares Land, das wir ganz schonend erklimmen. Bei 50km/h in den fünften Gang, kontinuierliches Rollen, jede Stunde ein kurzes Päuschen, unverbrannte Aussicht genießen. Dem Bulli scheint das sehr zu gefallen.
Kurz hinter Dease Lake hat der Lion´s Club (wo auch immer der in dieser Einsamkeit herkommt!?) einen rudimentären Campingplatz gebaut. Self-check-In. Das heißt keine Socke da, 10 kanadische Dollar in einen Löwenkopf werfen und sich eines der freien Plätzchen am rauschenden Bach aussuchen.

Außer uns ist niemand hier. Wir wählen Traumplatz Nummer 6. Am Wasser, ganz weit hinten versteckt. Vor wem auch immer!?
Und so endet dieser aufregende Tag wie in einem Märchen.
Alleine am rauschenden Bach, der –genau wie der Magicbus—kein Wässerchen trüben kann. Rein campingtechnisch hat uns Kanada auf immer versaut: denn schöner campen als hier geht es ungelogen nirgendwo auf der Welt mehr.

Die Sonne geht strahlend unter. Die Hörnchen sind wieder da.
Glitzer auf Steinen –auf Nägeln ja eh.
Ihr wolltet Abenteuer, Ihr bekommt Abenteuer.
Nicht in Häppchen, sondern in großen Happen.
Groß genug, dass man satt davon wird. Klein genug, das sie noch gerade so als gut verdaulich gelten.
Happen. So wie das Pückler Eis aus den 80ern: drei Geschmäcker zwischen zwei pappigen Waffeln.
Vanille, Schoko, Erdbeer, Pampwaffel.
Mehr hatten wir ja nicht. Wir brauchen auch nie mehr.
Für uns sind´s die besten Happen der ganzen Welt gewesen.
Damals. Wie heute.








