Keiner dieser Texte geht unabgenommen raus. Grundsätzlich ist das Ende jedes Schreibvorgangs, dass der Schreibende demjenigen vorliest, der die Fotos editiert hat. Arbeitsteilung. Und erst, nachdem durchgewunken wurde, wird auch publiziert.

Gestern Abend, am rauschenden Bach kurz hinter Dease Lake, endet dieser Vortrag mit einem großen Lachanfall: „Wahnsinn. Nachdem ich jetzt weiß, wie aufregend unser Tag war, brauche ich erstmal ein Bier.“ So sei es. Ein Schlückchen nach dem Happen: Postabenteuer-Feierabendbierchen.

Es rauscht uns herrlich durch die Nacht. Nicht das Bier, der Creek nebenan ist´s. Im Lions Club-Wäldchen leben keine Geister. Einsamer Naturrausch pur – ohne magisches Herumgezappel im Geäst. Ein Bullicampingtraum der Sonderklasse.

Am Morgen schnappt Chouchou sich sein Handy. „Warum?“ frage ich ihn. Denn Internet, das gibt es bekanntermaßen auf dem Cassier Highway nirgends.
Kühlschranktemperatur checken per App – das ist das einzige, wofür unser digitales Gerätchen hier noch gut ist. 4 Grad dauerhaft in der Kühlbox. Wärmer als draußen: dort hat´s nur 2. Wir hätten heute Nacht den Käse also auch neben dem Kopfkissen lagern können. Oder an Rudis Flanke.

Trotz allem habe ich im Tshirt geschlafen. Es wundert mich selbst: es war gar nicht kalt. Unberührtes Waschen mit Eiswasser aus der Gallone. Abgestumpft. Oder es sind doch Wärmewichte unterwegs, die wir nur nicht sehen können!?
Magic is there, you just need to look out for it. Kuschelig warm kurz oberhalb des Gefrierpunkts…

Ab 10h sind wir wieder auf dem Cassier Highway.

Der Magicbus fährt auch heute weiter ohne jegliche Mucken. Doch die Aufregung bleibt.
Noch immer sind wir in Non-Kommunikationsland, fast menschenleer. Die ersten hundert Kilometer kostet jeder Lastwechsel weiterhin mentale Kraft. Heult er oder heult er nicht?
Spitzohrig, hellhörig über den Cassier Highway – vielleicht sehen wir dadurch noch viel mehr!? Weil alle Sinne zum Reißen gespannt und hellwach sind.

Je weiter wir Richtung Süden rollen, desto bunter wird es. Lieblicher und blumiger. Die Wellen bleiben, die knurrigen Nadeln auch, aber am Wegesrand tut sich etwas auf, das nach „indian summer“ schimmert. Indian Summer in First Nations Land.

Ein Bärenwarnschild fliegt vorbei und es soll Recht behalten: sie sind wieder da. Die Bärchen!

Vier Prachtexemplare laufen uns heute über den Weg. Einer schöner als der andere. Mal galoppierend, mal lässig flanierend, mal entspannt snackend am Wegesrand: nicht mal die Fliegen ums Schnäuzchen stören ihn. Auch das pechschwarze Erdhörnchen auf der anderen Straßenseite wundert sich mit weit aufgerissenen Augen darüber.

Der Bulli bleibt den ganzen Tag lieb. Kein Weinen, kein Jaulen. Neben dem normalen Tuckern fast still. Wie die gesamte Welt, die ihn umgibt. Wir sind ihm endlos dankbar dafür.

Heute Nacht bleiben wir nach knappen 350km am Meziadin Lake. Auf dem ersten State Campground British Columbias seit Ewigkeiten. Was für ein Unterschied zum Yukon!

Der Campground ist ziemlich gut besiedelt: direkt am Ufer hat´s kein Plätzchen mehr für uns. Hello again, kanadische Wochenendcamper. Tatsächlich gibt es Fließendwasser aus einem Hahn! Natürlich keine Duschen und weiterhin nur Pitstoiletten, aber diese sind –zumindest äußerlich—vom Feinsten.
Ein Camphost checkt uns ein. Vorbei die rudimentären Zettel, die man per Hand ausfüllt. Vorbei die Bezahlung auf Vertrauensbasis.
(Fürs Phantom:) Auf Platz 25 werden wir eingecheckt. Eine Terrasse oberhalb des Ufers und mit einem kleinen, aber wunderschönen Rest an Seeblick.
Die Nachbarn singen acappella, aber in schön. Feuer sind nicht erlaubt. Nach der gestrigen Erfahrung mehr als nachvollziehbar.

Es ist 16h. Der Text ist getippt, nun werde ich etwas kochen.
Auch mal wieder schön: ein bisschen normales Campingleben. Mit warmem Essen vom Campingkocher mit Gaffeegochkas und später mit einem Bierchen am Ufer.
Nicht, um ein heutiges Abenteuer zu verdauen, sondern einfach, weil es Freude macht. An einem Urlaubstag wie diesem. Mit 18 Grad Außentemperatur.

P.S.:

Um 18h war es so weit: „Bierchen am Ufer. Nicht, um ein heutiges Abenteuer zu verdauen…“ Dachten wir.
Wir klicken Bilder auf dem Bootssteg, laufen den kleinen Steinstrand am Ufer entlang und knacken unser Bierchen mit Blick auf die gegenüberliegende Insel auf.

Die Brille hab ich abgesetzt: aus Eitelkeit für ein Foto. Also sehe ich erst nur Schemen, die sich am Strand gegenüber bewegen. Gewaltige. Schemen.

Die Brille geht auf:
Am Strand gegenüber, ca 60 Meter entfernt, läuft ein riesiger Grizzly in unsere Fluchtrichtung. Nase am Boden, suchend, mit großen, schweren Schritten.

Es dauert einen Moment zu lang zu verstehen, was hier gerade passiert.
Großhirn an Beine: „am Strand gegenüber, ca 60 Meter entfernt, läuft ein riesiger Grizzly in unsere Fluchtrichtung.“ Es ist Zeit zu gehen. Jetzt! Der Grizzly hält auf den Campingplatz zu, von dem uns 200 Meter enger Steinstrand trennen. Zwischen ihm und uns 60 Meter Wasser. Immerhin. Aber Grizzlys sind sehr gute Schwimmer. Das habe ich erst kürzlich in meinem Bärenbuch gelesen.
Nerven an Beine: Wir springen vom Strand auf und stolpern los.
Hirn an Beine: Viel zu schnell, Kinnas! Vor einem Bären flieht man langsam.
Der Grizzly hebt den Kopf und sieht uns direkt an. Sieh an, was stolpert denn da?
Zwei ängstliche Globetrottels in Crocs. Danke für die Information, jetzt hat er Witterung aufgenommen.

Bebende Nasenlöcher im Wind – das sehe ich aus 60 Metern Entfernung. Im Zweifel sogar ohne Brille.
Tapsige Schritte in Crocs auf dicken Steinen. Keine Signale vom Großhirn mehr. Galante Flucht voraus sieht anders aus.
Wir nehmen die Arme hoch und rufen: „Wir sind Menschen. Braver Bär. Wir wollen Dir nichts.“
Einen kleinen Moment scheint das zu wirken, denn der Grizzly macht Kehrwende ins Dickicht.
Für einen sehr kurzen Augenblick werden unsere Schritte langsamer (Milchsäure an Muskel), der Atem allerdings nicht (Großhirn an Lunge). Zu Recht.
Chouchou muss irgendetwas sagen. Warum nicht ein kleiner Scherz zur allgemeinen Aufmunterung: „Ich habe einen Grizzly in die Flucht geschlagen!“ (Globetrottel an Globetrottel)
Leider höre nicht nur ich das. Der Bär auch.
Der Grizzly dreht sich wieder um und fixiert uns genau. Soviel dazu: „in die Flucht geschlagen“. Er wollte nur ablenken, dreht sich erneut zum Wasser hin und setzt sanft die Vorderpfoten in den See.

„Bärchen sind wasserscheu.“ Ach Chouchou, Dein Galgenhumor. Mitnichten sind sie das.
Der Grizzly wirft sich in die Fluten und schwimmt los.

Konzentriert und in Windeseile in Richtung Bootssteg, von dem uns noch 100 Meter trennen.

Jetzt werden wir schnell. So schnell wie es in Crocs auf groben Steinen eben geht. (BEINE an BEINE!)
Am Steg sind wir als erste. Dort flieht gerade ein schwitzender Einheimischer: „It´s a grizzly.“ Yes, we know : Ein Grizzly auf dem Wasserweg zum Campingplatz. Um sich das Abendessen servieren zu lassen, was er soeben erschnuppert hat. Uns. (Phantasie an Großhirn)
Flucht zum Magicbus. Ich beziehe Beobachtungsposten auf dem Tisch.
An Land gegangen ist er am Bootssteg, eine Minute nachdem wir da weg waren. Wo ist er jetzt?

Von unserer Terrasse aus können wir das untere Ende des Platzes nicht einsehen. Bebende Nasenlöcher im Wind. Meine. Aber ich kann ihn nicht riechen. (Großhirn an Nase: BITTE!) Aber es bleibt, wie es war: der Bär wird nicht mehr gesehen. Und auch nicht gerochen.

Den Rest des Abends bleiben wir hinter den sicheren Türen des Bullis. Und nachts in unserem soft-sided Dachzelt. Er ist hier irgendwo. Nicht weit. Wir wissen es alle.
Großhirn an Finger: Tippen!
Großhirn im Nachgang:
Nicht auszumalen, hätten wir beim Aufknacken des Bierchens nicht auf die gegenüberliegende Insel, sondern auf die Berge der anderen Seite geschaut. Wenn der Grizzly heute nicht den Campingplatz abräumt (ich denke, er lässt es bleiben, sonst hätten wir irgendjemanden wohl schreien gehört!?) , dann ist er in die andere Richtung davon. Dorthin, wo wir so einsam saßen. Auf einem eineinhalb Meter breiten Steinstrand. Auf der einen Seite Wasser, auf der anderen Seite steiler Hang, ungefähr 70 Grad Winkel. Mit Crocs und Grizzlybierchen in der Hand.
Das wäre ein Treffen gewesen:
Grizzlybeer meets Grizzlybear.
Dann hätten wir nur noch beten können Beten, dass das Bärchen eher Lust auf einen Drink hat, denn auf Nudeln in Chouchou…