Was für ein Morgen nach was für einem Abend. Die Sonne geht seidig über einem nebligen See auf: Meziadin Lake – auf ewig unser Grizzlysee. Ein See, den wir niemals mehr vergessen werden. Unser Bärsee – noch besser als ein Seebär. Obwohl der schließlich auch schon ziemlich unschlagbar cool ist…
Kurz vor Abfahrt sprechen wir mit Evan, dem Camphost, augenscheinlich schon seit Abergenerationen hier. Er versucht die Fassung zu wahren: Nein. Vom Grizzly gestern Abend hat er nichts gehört. Im Geiste des großen Manitous aber müssten wir uns nicht fürchten. Weil Bären und Menschen miteinander koexistieren können. A bear will not bother you, if you are not bothering him. Trotzdem schreibt er sich ganz genau Ort und Zeitpunkt auf. Er wird den Grizzlyfreund genau im Blick behalten.
Im strahlenden Sonnenschein geht unsere Reise gen Süden weiter. Am Straßenrand ein schwarzes Etwas, das wir gestern für ein Erdhörnchen hielten. Es war wohl eher ein Wiesel. Vielleicht!?
Auf jeden Fall ein Nagetierartiges mit zauberhafter Ausstrahlung und aufmerksamen Augen und Öhrchen. Ein Nagetierartiges, das scheinbar auch vom herumstreifenden Grizzly gehört hat – so alarmiert, wie es über die Straße schaut. Die Kunde hat Runde gemacht.
Kilometer für Kilometer rücken wir näher an Zivilisation heran: die Stromleitungen am Wegesrand sind imposante Zeugen.
Mit Grizzylkraft in den Nerven trauen wir uns, nach zwei Tagen stillem Bullilebens, Chouchous Hypothese Test zu fahren: Lampen an, Laubbläser wieder an die Starterbatterie. Und siehe da: Chouchous Vermutung geht auf.
Die zusätzliche Belastung der Lichtmaschine bringt den Magicbus sofort zum Weinen. Nur leise, den Rest ersparen wir ihm und nehmen den Laubbläser schnell wieder ab vom Strom.
Aber es ist gut zu wissen, dass das, was man ahnen kann, anscheinend nicht immer vollständiger Blödfug sein muss. Nun wissen wir, wie des Bullis Tränen zu trocknen. Und werden wieder zuversichtlicher, Vancouver irgendwann doch noch zu erreichen. Auf eigenen vier Rädern und nicht auf einem Tieflager oder an einem Abschleppseil.
Ab Kitwanga wäre das alles sowieso nur noch halb so wild. Ab Kitwanga beginnt wieder menschliche Zivilisation. Nach 780 Kilometern Cassier Highway, nach gefühlt Tausenden Kilometern Yukon. Telefon und Internet funktionieren wieder. Ab hier hat die große, weite Wildnis ein kleines Ende. Nicht, wenn man es mit Europa vergleicht. Aus dem Blickwinkel ist´s die nächsten 1500 Kilometer noch immer sehr leer. Verglichen mit dem „Greater North“ aber ist Kitwanga Großstadt.
Und ein wenig Wehmut liegt schon in der Luft.
Ping—ping—ping. Sie haben Post. Hallo Welt, da sind wir wieder.
In Kitwanga stehen die ersten Totems. Vorboten unseres 180. heiligen Orts. In Kitwanga stehen sie im Chaos. Vor einer Kirche mit ausgelagertem Glockenturm aus Holz, einsam auf dem Feld. Hier finden schon sehr lange keine Gottesdienste mehr statt. Die Häuser drum herum sind alle zerdeppert und von Müll umrahmt, allerdings nur zur Hälfte verlassen.

Hallo Zivilisation, da sind wir wieder. Mitten in der dritten Welt, am Rande Kanadas. Armut bewacht von heiligen Totems einer weiterhin untergehenden Kultur, überquellende Mülleimer daneben.

Am beginnenden Yellowhead-Highway ein Schild: „Girls, don´t hitchhike on the highway of tears”. Wegen drei getöteten Mädchen wurde er umgetauft. Am Anfang des Yellowheads wird geweint.
Welcome back, human civilisation. Menschheit.
Kurz hinter Kitwanga befinden wir uns in einer neuen Welt. Die Rockies sind wieder da und werfen bombastische Schatten. Am Fuße der Berge wird gepflügt, geäggert, gepflanzt. Riesige Scheunen, Kühe auf der Weide, ein Pferd galoppiert wiehernd über einen Acker.
In Hazelton dann noch mehr Dinge, die wir lange vergessen hatten: ein Mensch führt einen Hund spazieren auf einer eingezäunte Wiese, „a leash-free place for dogs“, ein Golfplatz fliegt vorbei, Mann mit Hut im Caddy, eine Ampel, die auf rot springt.
Hazelton ist unser Heiliger Ort Nummer 180. Das heutige Hazelton.
Genau genommen heißt der Heilige Ort Gitanmaax, in der Sprache der hiesigen First Nation.

In Gitanmaax stehen weitere Totems: Nicht im Müll, sondern eingebettet in einen liebevoll restaurierten Ort. Kunstvoll verzierte Stelen, die einstiger Kultort waren und noch immer sind. Um seinen vorhandenen Reichtum mit anderen nicht nur zu teilen, sondern gänzlich abzugeben. Weil wahrer Reichtum erst tragfähig wird, wenn er weitergereicht wird. So der Glaube.
Die Heiligkeit des Gebens. Gib, also wird Dir gegeben – nur sehr viel älter.
Ein guter Ort. Ein heiliger.
Heute Nacht nächtigen wir in einer Großstadt. Smithers, 5300 Seelen. Auflage: hier wird nur im alpinen Stil gebaut.
Bei der Einfahrt sehen wir davon herzlich wenig. Außer der Statue einer Bergziege vielleicht, die etwas belämmert über die große Kreuzung blickt. Den angekündigten Mann mit Alpenhorn finden wir nicht.
In Smithers gibt es wieder alles, was das Herz begehrt: Safeway, superster Supermarkt von allen, Subway, Hufschmied, McDonalds, Landmaschinenschleifer, Convenience- und Liquorstores, Ampeln. Von all dem brauchen wir wenig.
Wir parken am Fluss auf dem Camping Municipal ein. Plätzchen Nummer 5. Mit Strom. Und Dusche. 5 Minuten für einen unschlagbaren Loonie, also 60 cent. Nehmen wir beides.

Nachdem die Texte von gestern in die virtuelle Welt geblasen wurden, auf Instagram alle Geschichten bildlich erzählt, hole ich den großen Kocher raus. Heute wird geduscht auf zwei Platten gekocht. In kurzer Buxe, denn in Smithers hat es 23 Grad. Fahrt gen Süden – siehste…

Um dem alpinen Flair in der Luft Tribut zu zollen gibt es Bratkartoffeln mit Würstchen im Brödel.

Man könnte es auch veganes Hot Dog mit Restkartoffeln nennen, dann wäre aber der Alpengroove weg. Das würde dem Unsichtbaren mit Alpenhorn ganz bestimmt nicht gefallen. Und der Bergziege auch nicht. Die müsste sich dann das erste Mal in ihrem Leben mit rümpfender Nase von der Kreuzung wegdrehen: „Geh bitte. Des is doch net Kanada hier.“
Entschuldigens, gnädiges Fräulein. I war kurz aus dem Film gefallen…










