Das Tuten der transcanadischen Eisenbahn begleitet uns in den Schlaf: weit genug weg, dass es keine Herzklabaster macht, nah genug dran, dass es romantisch wirkt. Transkanadische Eisenbahn – es ist lange her, dass wir Dich gehört haben. Zivilisation – auch nach Mitternacht.

Unter einer trüben Sonne erwachen wir und halten den Film überm Fluss noch für Morgendunst. Ein paar Kanadagänse fliegen laut krakelend vorüber. Servus, alpines Smithers. Guat geschloafen hams, die Globetrottels. Auch wenn Chouchous Haarbändel über Nacht das Weite suchte. Zwischen zwei und drei hat es vielleicht einen Evolutionsschritt zum Meerschwein vollbracht und ist in den Wald geflohen. Wir werden es nie erfahren. Und Chouchou mit offenen Haaren.

Zurück auf dem Yellowhead Highway. Eine Straße, die einfach keinen wirklich guten Spirit entwickeln will. Woran es liegt, kann ich kaum sagen.

Zweifelsohne sind wir hier in Pioneerland: große Bibelslogans an den Straßen. Man bemängelt ein fehlendes Abtreibungsverbot im heiligen Lande Kanadas. Riesige Farmen mit großen, schwarzen Rindern auf den Feldern, steroidgeschwängert. Pferdekutschen dürfen überholt werden – solange man nicht abgetrieben hat, natürlich. Holländische Städtenamen, christliche Splitterkirchlein am Wegesrand, die sehr wahrscheinlich das Neue Testament des 16. Jahrhunderts lehren. Heute sind sie voll.
Ein Schild bittet um Respekt gegenüber Elchkühen. Immerhin: Tierschutz statt Frauenrechte.

Nächstes Schild: Die kleine Maddie wird seit 2011 noch immer vermisst. Spurlos verschwunden auf einem Campingplatz ums Eck. Man vermutet, sie sei wohl einem „foul play“ auf den Leim gegangen. Vielleicht vom indigenen Typen auf dem Schild daneben, der kurz danach auch verschwunden ist. Sag nicht ich, stand da.

Die gesamte Szenerie wirkt surreal: diesig-gelbliches Licht, grobgepixelt. Geruch nach gigantischen Lagerfeuern hinter den Bergen, die man wegen des natürlichen Smogs nicht mehr sehen kann. Weites Farmland an die Rockies geklatscht, unter Schleier. Luftqualität ungefähr auf dem Standard von Mumbai. Wettervorhersage: Rauch. Farben wie im Herbst, Temperatur wie in einem Sommer, der sich nicht ganz traut anzufangen.

In Houston trinken wir den ersten Cappucchino seit langem im Tim Hortons. Und zwei Boston Creams auf den Schreck. Chouchou lädt die letzten Tatorte runter. Denn Tim Hortons hat nicht nur den besten Kaffee des Landes, sondern auch das beste WLAN ganz Kanadas.
Im Visitorcenter Houstons steht ein ausgestopfter Bär. Daneben eine der kleinen Kirchen, die inhaltlich seit 400 Jahren kein Update mehr brauchte, aber immerhin hat man die Wände Mitte der 90er nochmal nachgestrichen. Außen hui…und so.
Der ausrangierte Traktor an der anderen Kirchenflanke nickt stolz: Wir sind keine Hinterwäldler hier. Wie gut, dass Sie es sagen, mein Herr.

Hinter Houston Kunstinstallation am Wegesrand: ein mühselig zusammengezimmertes Holzpferd in blau, die Vorderbeine und Ohren weggewittert, ein Künstler, der wohl fliehen wollte. Chouchou gefällt es sehr gut, ich bin der Meinung, dass dieser Gaul es so wohl nicht nach Troja hineinschafft.
Und die Diesigkeit nimmt stetig zu.

Ein Blick auf den Buschfeuerreport British Columbias gibt Aufschluss darüber. Soeben passieren wir den Ortseingang von Vanderhoof, der Ort am Yellowhead Highway, der im Uhrzeigersinn umrahmt wird von vier Waldbränden, die als „out of control“ gekennzeichnet wurden. Die Wetterapp spricht jetzt von »Smog« und warnt vor „ungewöhnlicher Luftqualität“ und tatsächlich fühlen wir uns ein wenig schummerig. Gelblich-diesiges Licht, grobgepixelt. British Columbia erlebt momentan die schlimmsten Buschfeuer seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Sommer 2023: ein trauriger Rekordsommer.

Hinter Prince George biegen wir auf den Cariboo Highway in Richtung Süden ab. Die Luft ist hier deutlich besser. Und die Stimmung auf. Das Land wirkt hier wieder weiter und klarer. Insgesamt 7 Bären auf Äckern – ich leider zu eingenebelt, dass ich es schaffe, den Auslöser der Kamera zielgerichtet zu drücken.
Falls jemand fragt, wie man einen Schwarzbär auf dem Acker –rauchbenebelt—von einer pechschwarzen Kuh unterscheiden kann: Die Kuh grast in Gruppe, der Bär steht allein. Und die Kühe sind –wegen benannter Steroide—mindestens dreimal so groß.
Auch ein einsames Reh sehen wir, das soll in diesem Text nicht unterschlagen werden. Rehe stehen sowieso immer hinten an. Die Nummer machen wir nicht mit. Es war ein wunderschönes und sehr elegantes Exemplar.

Nach 430 Kilometern beschließen wir –kurz vor Sonnenuntergang– für heute da zu sein: am Ten Mile Lake.
„Bear is in the area“. One? Eher wohl seven. Und das nicht nur nine-to-five, nehme ich an.

Heute Abend aber juckt uns das mäßig. Nach einem langen Fahrtag fallen wir gleich ins Bett – hundemüde und bärenfaul.
In unserer magischen Maisonette, in der oben Träume nachts geträumt und unten tags gelebt werden.