Weiter geht´s durch dieses weite Land. Hinter Ten Mile Lake noch immer Mennoniten regiert, noch immer an riesigen Farmen vorbei.

Vorbei fliegende Örtchen sind –etwas lieblos—einfach nach der Meilenanzahl des Cariboo Highways benannt. Warum auch immer in Meilen– in einem Land, das eigentlich in Kilometern denkt!? Kamen die Mennoniten womöglich aus dem, ebenfalls in Meilen denkenen, Britannien? Heute bin ich zu faul zu recherchieren und lasse es beim mich-wundern.

Entspannende Weite, weniger spektakulär als im hohen Norden, vielleicht ist es eben gerade dies, was den Hirnwindungen heute ganz gut tut. Entspannende Weite und, dass es heute auch keine spannenden Zwischenfälle gibt. Außer ein Reh auf der Straße in einem Meile X Ort.

Wenn man gerade nicht ungeteilte Gedanken denkt, hat es etwas von Fahrmeditation.

In Williams Lake machen wir Kaffee- und Recherchepause bei Tim Hortons.
Der Bulli hat nun einen Termin bei VW kurz vor Vancouver am Donnerstag Morgen. In Chilliwack.
Ernsthaft, der Ort heißt wirklich so: Chilliwack.
Wollte man sich seinen eigenen Charakter zusammenkleistern, würde ich meinem zweifelsohne den Geburtsort Chilliwack zuteilen.
Geboren und aufgewachsen in Chiliwack, im Erwachsenenalter einen Saloon eröffnet mit dem Namen Präemesis. So sehen –unter vielen anderen—manchmal meine Tagträume aus.

Hinter Williams Lake ändert sich die Szenerei dramatisch. Aus lieblich anmutendem Farmland mit Bärchen drin wird ziemlich zackig Steppe. Die trockenste Gegend Kanadas liegt plötzlich vor uns. Unerwartet. Gelbes Land mit wüstenartigem Gestrüpp, nur wo großzügig gewässert wird, zieht sich ein surrealer Streifen Grün hindurch.
So geht es bis Ashcroft.

In Ashcroft bleiben wir heute Nacht. Am Thompson River.

Aus der Zeit gefallenes Ashcroft, das sich selbst betitelt als „Oase in Kanadas einzig echter Wüste“ und damit wirbt, dass uns hier „Wellness erwartet“. Wo und wie auch immer.

Eines jedoch wirkt sofort: wir sind des Abends –nach Camp aufbauen, Kochen und die gesamte Wäsche (inklusive Bettwäsche & Handtücher) von einer Maschine (!) durchwaschen lassen– so entspannt, dass wir das erste Mal beschließen, heute Abend nicht zu bloggen. Heute hat das bis Morgen Zeit.

Erstmal schlafen wir unter Zügen, die auch des Nachts durch die karge Berglandschaft rattern…

Nach einem Nachtspaziergang durch den verlassenen Ort natürlich.

Am nächsten Morgen haben wir –trotz vier nächtlichen, beherzten Tutern direkt in die Ohren—ausgezeichnet geschlafen. Und sind noch immer zu faul zum Bloggen. Später… auch heute ist noch: später….Zeit.
Ashcroft hat eine befreiende Wirkung auf uns: Nicht müssen, müssen, sondern dürfen, dürfen….

Da wir kein Brot mehr im Vorratskörbchen haben (und bis mittags zu faul sind, zum Bäcker ummeEcke zu gehen), probieren wir das erste Mal in unserem Leben Porridge zum Frühstück. Mit Apfel und Ahornsirup. Sorry, is nix für uns. Also: nix, außer sättigend. Da wir heute aber dürfen, dürfen haben, müssen, müssen wir auch nicht aufessen. Der Brei bleibt für die Götter. Gott sei Dank.

Da wir uns beim gestrigen Abendspaziergang bereits in diesen Ort verliebt haben, haben wir uns entschlossen zwei Nächte zu bleiben. Und nehmen uns heute Mittag Zeit, das Örtchen ohne Stress zu genießen.
In Ashcroft hat man sich augenscheinlich so viel Mühe gegeben: So gut wie jede Ecke ist liebevoll gestaltet und gepflegt. Begonnen bei Privathäusern, über Kunst an den Straßenecken, über den liebevollen Heritagepark, hin zum kleinen Café und der Ökobäckerei, die die dicksten Cinnamonrolls der Welt verkauft. Selbst der lokale Supermarkt hat sich rausgeputzt – nicht für Touristen, den derer gibt es nicht viele, sondern einfach für seine Leutchen selbst. Ashcroft gibt sich Mühe für sich selbst.
Das ist einfach schön miterleben zu dürfen, dürfen.

Am Nachmittag schenkt uns der Himmel warmen Niesel.
Gut für Ashcroft, das wegen der Trockenheit bereits jetzt eine Wasserbegrenzung rausgegeben hat.
Gut für uns, wir dürfen, dürfen einfach im und am Magicbus chillen: Lesen, Restechili und köstliche Weintrauben essen (der hiesige Boden erweist sich –wenn bewässert—als äußerst fruchtbar, so dass die Gegend für ihr ausgezeichnetes Gemüse und Obst bekannt ist), dösen, Tee trinken, der transkanadischen Eisenbahn beim Knattern und dem Thompson River beim Fließen zuhören. Sein. Dürfen, dürfen.
Der erste Tag seit langem ohne Plan und Fahren –genau genommen seit Anchor Point, Alaska. Das war vor 16 Tagen…

Und so ist Ashcroft –ganz ungeplant und unerwartet– für uns tatsächlich der Ort, „where wellness awaits you“.
Die Globetrottels im Sonntagsgroove.
Dürfen, dürfen statt müssen, müssen.
Eigentlich dürften wir das öfter mal so machen. Nicht nur in Ashcroft.