Unterwegs im Magicbus

Autor: Chérie (Seite 2 von 28)

Genesungsgang durch Riga

Ein Tag Krankenlager ist ein Viertel Miete. Am Morgen sind wir zwar nicht fit, aber zumindest so angenervt vom Liegen, dass ein kurzer Spaziergang –bis zum gesunden Essen und zurück–unumgänglich ist. Die Sehenswürdigkeiten „en detail“ aber müssen noch immer warten. Die Kraft reicht nur dafür, dass sie heute Walk-by-Orte sind.
Nach Vitamincocktail-Frühstück, Inhalation und Ibuboost geht’s los in Lettlands Hauptstadt – zum essen.

Wir tippeln unsere Jugendstilstraße hinunter bis in den Park.
Eine verspiegelte Schnecke mit Wolkenhaus wacht dort über die Sonntagsflanierenden und Bootstouristen, die sich über den Stadtkanal schippern lassen.

Am Freiheitsdenkmal ist soeben Wachablösung. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass mir diese Geste nicht albern vorkommt. Es ist das erste Mal, dass es mir nachvollziehbar scheint, dass –insbesondere vor der momentanen, politischen Weltsituation– die innere Dringlichkeit besteht, die junge Freiheit Lettlands mit großen Gesten beschützen zu wollen.

Vorbei an der weltberühmten Laima-Uhr, die seit hundert Jahren für Lettlands bekannteste Süßigkeit wirbt und zur Pünktlichkeit mahnt.

Vorbei an bunten Schnuckelhäuschen und dem Katzenhaus, auf dem eine buckelnde Katze der Gilde Anfang des 20. Jahrhunderts den Mittelfinger zeigen sollte, indem sie ihr den Schwanz zuwandte.

Vorbei am Fahrrad mit Luftballons und dem Haus mit Wimpeln…

Vorbei am Türmchen und dem sagenumwobenden BlackMagic, in dem es angeblich heilenden Schnaps gibt (auf den wir heute verzichten).

Mit Blick auf die Türme von St.-Johannis- und Petri-Kirche bekommen wir nach drei Kilometern zu Fuß dann endlich unser gesundes Essen: Veggie-Burger für Chouchou und eine große Schale Rohkost für mich – nichts anderes ist nämlich die hippe Poké-Bowl: pure Vitamine im Schüsselchen, served auf einem sehr hippen Indoorstreetfoodmarkt.

Damit wird es morgen nochmal besser gehen. Damit können wir uns morgen –vielleicht—einer echteren Besichtigung hingeben. Schön wäre es.
Weil Riga schon jetzt ein Städtchen zu sein scheint, in dem es sich gut sein lässt.
Wenn die Körper denn mitmachen.

Krank durch Cesis, krank nach Riga

Über die Gauja hat sich über Nacht kalter Nebel gelegt, der Himmel weint, genauso wie die Nasen, die nun endlos dicht sind. Was mit einem Pipps begann, hat sich in den letzten zwölf Stunden zu einer dicken Erkältung ausgewachsen. Wie gut, dass wir heute Nacht eh eine feste Unterkunft geplant haben.

Weil Cesis um die Ecke liegt, gucken wir uns das flott noch an. Auch wenn uns kräftemäßig gar nicht danach ist. Aber man kommt ja auch nicht tagtäglich an einem Ort vorbei, an dem deutsche Kreuzritter im Mittelalter eine Burg errichteten und der gleichzeitig die Wiege der lettischen Nationalflagge ist.

Im Regen sind wir schnell durch: einmal durch den Park geschleppt, Kirche, Burg, Steinmönch mit Buckel, Herrenhaus und Siegessäule fotografieren: das also war unser Cesis – das alte Wenden. Mehr ist momentan leider nicht drin, da es gesundheitlich weiter bergab geht.

Wir düsen nach Riga. Über spannende Straßen geht’s hoppelnd hinein in die große Stadt – „die einzig wirkliche Metropole des Baltikums“.

Unser Appartement, das wir gebucht haben, ist leider noch nicht bezugsbereit. Wir hocken uns in ein nettes Café ums Eck und warten…

– peinlich berührt, dass bei der nasalen Schnappatmungsbestellung auf einmal die Nase wie ein Kränchen läuft. Das kann man wirklich niemanden antun. Es wird dringend Zeit, dass wir Virusschleudern aus der Schusslinie anderer Menschen kommen.
Also Gang durchs Jugendstilviertel, in dem schöne Häuschen still starren…

…in dem eine Tür ohne Bordstein zum weitergehen einlädt. Ein Grafitti, „for lovers, losers and champinons“ –zu irgendeinem gehört man ja immer. Ein Baum vor verhängter Fassade, eine schlaue Kunstinstallation uns rät, dass wir dringend Drogen benötigen. Eine Schlaue.

Um vier ist es endlich bezugsfertig: unser entzückendes Appartement, das in der Ausschreibung als „romantic boho“ bezeichnet war. Das trifft es sehr gut.

Und so sehen wir am Abend von Riga nur noch eins: schwedisch gefärbte Bilder seiner Straßen, die über den Bildschirm flimmern.
Chouchou hat Mankells „Hunde von Riga“ runtergeladen. Mehr als Film gucken ist heute einfach nicht mehr drin. In die Mattscheibe glotzen, Tee trinken, heiß duschen und hoffen, dass die Nasennummer nicht so explodiert wie letzten Winter.
Dann wäre die Reise nämlich hier ziemlich vorbei…

Nach Lettland

An leeren Storchennestern und vollen Apfelbäumen vorbei verlassen wir diesen wunderbaren Ort – erst auf kleinen, unbefahrenen Nebenstraßen…

…dann auf Estlands größter Straße gen Süden: der Verbindungsautobahn mit Lettland.

Neben uns die Ostsee, von der wir wenig sehen, knattern wir beherzt über Elchwarnungsgrafittis auf Asphalt.

Ein aufbauendes „Daumen hoch“ fliegt blinkend an uns vorbei. Dankeschön, knattert der Magicbus leicht errötet. Das letzte Mal auf Estnisch.

Grenze Lettland.

Das erste, was wir von diesem neuen Land sehen, sind unbesetzte Wachtürme und den „Superalko“-Shop. Womit bereits geklärt wäre, welches Produkt diesseits der Grenze anscheinend deutlich günstiger zu sein scheint.

Im ersten Supermarkt Lettlands –in Limbažis „Top“, der Name ist Programm– lernen wir: nicht nur der Alkohol ist hier deutlich günstiger als in Estland. Das äußerst schwere Roggenbrot (nie und nimmer wiegt es nur 500g!) kostet 1,20 Euro, Tee 1,25 Euro, 300 Gramm geräucherte Käsefäden bekommen wir für 2 Euro und die unverschämt leckeren Gebäckstückchen für 50 Cent pro Sündenhappen. Aprikosentaschen, Sahnebomben, Puddingplunder landen im äußerst leichtgängigen Einkaufswagen. Und –das allerbeste von allem: Kohlblätterteigtaschen! Wie auch immer ich fast 45 Jahre ohne leben konnte.
Schon jetzt können wir bereits festhalten: Die besten Bäcker auf der Reise sind eindeutig die Letten!
Keine Diskussion.

Limbaži selbst wirklich ärmlicher als die Orte, die wir auf der anderen Seite der Grenze gesehen haben. Irgendwie „ostblockiger“. Das Land aber ist ähnlich: viele Weiden und Landwirtschaft, eine Menge Bäume, Storchennester auf den Strommasten und ziemlich wenig Verkehr.

Eine melancholische Frauenstatue mit Kind auf der Schulter, die einem Unbekannten hinterher winkt, eine rote Kirche, halbes Auto auf Mauer, eine Monsterspinne vor Elch.

Über eine frisch gegossene, neue Straße rollen wir in Lettlands größten Nationalpark ein: den Gauja Nationalpark. Ein einziges Camp hat hier noch drei Nächte lang geöffnet, bevor es in den Herbstschluss geht. Es soll für heute Nacht unsere Heimat sein.

Direkt am Fluss –der Gauja, nach der der Park benannt ist– parken wir ein. Ein riesiges Auenareal für zwei letzte Gäste: Chouchou und mich. Mal wieder sind wir die einzigen hier.

Eine Ente lässt sich entspannt den Fluss runtertreiben, ein Reiher wartet geduldig auf sein Fischdinner, eine Kröte springt entrüstet zur Seite, als ich zum Ufer hinunter schlendere. Mein heutiger Sportbeitrag: vier Meter Abendspaziergang.
Die letzten Zikaden singen schwindende Sommerlieder, vielleicht locken sie damit ja die paar Bären an, die hier irgendwo noch im Gebüsch leben.
Alleine unter Mücken in lettisch Livland, schön ist´s hier.

Zu Fuß durch Estlands Sümpfe

In der Nacht ziehen estnische Waldgeister übers Camp. Man hört es an den unsichtbaren Hunden, die hysterisch angehen und sich in tiefer Dunkelheit wie von Sinnen heiser bellen, man hört es an dem Vogel, der ängstlich um sein Leben kreischt – und dann auf ewig verstummt.
Unruhige Halbträume zwischen aufgewühlten Kissen nachts um halb zwei. Und die Erkenntnis nach dem ersten Kaffee um acht, dass „Die Nacht der Seelen“ vom estnischen Autor Ristikivi eventuell nicht die allerbeste Gute-Nacht-Literatur darstellt. Zumindest nicht, wenn man plant, süß träumen zu wollen.

Der Fußweg durchs Hochmoor ist heute dran. Angereist wird mit rostigen Fahrrädern aus dem Holiday Camp: drei Kilometer über eine leere Landstraße, an verfallenen Bauernhofruinen vorbei, die den kleinen Ort „Riisa“ ausmachen – das Zentrum des Nationalparks.

Am Eingang zum Wanderweg stellen wir sie ab. Abschließen muss nicht, sagt Mariella. Hier kommt nix weg.

Fünf Kilometer wandeln wir über Stege, durch einen Sumpf, der anderes gar nicht begehbar wäre. Weder auf normal Null, noch von oben. Mit Aussichtplattform geht in Estland sogar letzteres…

Eine einsame, matschige Welt in bunt, über der wild ziehende Wolken stehen.

An zwei der hunderten von Moortümpeln darf man baden. Leitern laden zum Einsteigen ein.
Einmal im Leben in tiefes Dunkelblau 8das eigentlich ein Schwarz ist) zu tauchen, wer könnte da –außer Chouchou natürlich– Nein sagen?

Das sauberste, schwarze Wasser der Welt, sagt Mariella, man kann es sogar trinken. Auch wenn es den körperlichen Durst (wegen fehlender Mineralien) nicht stillt, dem Durst nach Leben kommt so ein Bad sehr wohl entgegen.

Nach dem Sumpf landen wir in einem düsteren Wald, der schwer nach Elch riecht. Den König des nordischen Waldes: wir können ihn schnüffeln, sehen aber können wir ihn natürlich wieder nicht.

Eine pockige Kröte hüpft vorbei, ein gefallener Ast zwinkert uns verschwörerisch zu, weil er eigentlich ein zahmes Baumtier ist, das nur gestreichelt werden möchte. Ist ja auch etwas…

Mit Bärenhunger trampeln wir auf den Radrostgurken zurück in Mariellas Garten.
Die Mücken und ich kochen heute Spaghetti der zornigen Frau – ohne Spaghetti und Zorn. Und das, obwohl mir die Moskitos heute mal wieder ordentlich Breitseite geben.
Nach dem Kochen trag ich ein Einhorn mitten auf der Stirn und sieben neue Flatschen an Fledermausarm, Popo, Schienbein links, Wade rechts, Hüftring und Unterarm beidseits. Harter Einsatz für den Brennstift zum Nachtisch.

Trotz allem aber bleibt dieser Ort ein Stückchen Paradies für uns:
Mit seinen Hängematten am Fluss und dem Storchennest neben dem Servicehaus, das ganz alleine uns gehört.

Mit der heißen Regenwalddusche und dem Ruderbootsteg, wo am Mittag –vis-à-vis– die Schafe grasen.

Mit dem gemütlichen Tipi – einziger Nachbar des Magicbus– und den prallgefüllten Apfelbäumen, die über den Fluss wachen.

Mit den wilden Hundchen, die schmusen, spielen oder Patrouille laufen wollen.

Und natürlich mit der ultimativen Schaukel, die auf ewig die meine im Herzen bleibt.

Wie könnte man sich hier nicht wohlfühlen?
Man kann es den Moskitos nicht verdenken….

Torfpaddeln in Estlands Everglades

Heute ist der Sumpf dran: in Mariellas Ruderboot. Fast wie von estnischen Moorgöttern herbeigerufen, passt das bestens zu Chouchous angeschlagenem Gesundheitszustand, denn Mariellas Boot liegt bereits abfahrbereit am Steg. So müssen wir unser Das Bøøt gar nicht aufpusten, wir dürfen uns nur bequem selbst zu Wasser lassen. In baltischem Hartplastik.

Zwei Stunden lange paddeln wir durch torfige Wasser, durch eine Landschaft, die scharf in die Everglades erinnert, es wäre nicht sehr verwunderlich, wenn plötzlich ein Alligator seine Schnauze heben würde im dichten Schilf.

Ein paar Libellen fliegen vorbei: in blau und pink, kleine Fischchen springen Pirouetten über dem tiefbraunen Nass, wir rühren altes Seegras auf, das kiloschwer an den Rudern hängt.

In wilden Kurven schlängeln wir uns gegen den Wind flussaufwärts voran, um uns nach zwei Kilometern stromabwärts bequem nach Hause zurück treiben zu lassen.
Pure Meditation – mit einer perfekten Blase danach – die schönste ihrer Art, die die Welt je gesehen hat.

Zurück an unserem Holidaypark sind alle anderen abgereist, mal wieder gehört das gesamte Areal nur uns.
Wir snacken frische Äpfel vom Baum und auch zum Abend gibt es erneut Genesungsküche.

Eine Stunde schaukeln und Musik hören auf meinem Lieblingsplatz: dem Hängesessel am Fluss.
Jahrzehnte lang habe ich vergessen, wie sinnstiftend es ist, so seine Zeit zu verbringen: mit lebenslustiger Musik auf den Ohren sich im Kreis drehen lassen und das Gefühl zu haben, endlich fliegen zu können. Schneller als die Mücken, die es in Estland wirklich ernst meinen. Deshalb schaukelt auch Thermacell mit.

Ein schneller Dip im schwarzen Fluss, zweimal mit Autan einsprühen, sieben Mal Stiche wegbrennen und schon wird es auch schon wieder dunkel.
Ein echter Ferientag in Estlands Everglades…

Von der Ostsee ins Hochmoor

Unter der deutlich sichtbaren Milchstraße sind wir irgendwann eingeschlummert, ohne, dass die Trolle uns weggeschnappt haben. Vielleicht auch, weil wir uns schlussendlich dann doch entschlossen haben, lieber abzuschließen. Der schwarze Wald fühlte sich an Mitternacht –zur Geisterstunde– einfach zu nah dran an: am Kopf auf dem Kissen.

Zum Frühstück gibt es nach den ersten Sonnenstrahlen einsamen Morgenplantsch – in einer Ostsee, unter einer Sonne, die uns ganz alleine gehört.

Hätten wir noch (Süß-)Wasser gehabt, es hätte uns durchaus passieren können, dass wir noch eine Nacht drangehängt hätten: hier, auf unserem estnischen Traumcamp.
Aber Wasser ist alle – und „Wasser alle“ bedeutet Abfahrt, weil selbst die Globetrottels nicht alleine von Luft und Liebe leben können.

Heute sind wir auf Estlands Landstraßen gen Süden unterwegs, die meist kurvig an weiten Feldern oder geraus durch den Wald vorbei führen, unterbrochen nur von kleinen Dörfchen mit viel Vieh und Kleingärten.

Ein estnisches Elchschild (natürlich ohne Elch weit und breit), dahinter führen Frauen ihre Schoßhündchen an der leeren Schnellstraße spazieren.

Man muss sich schon etwas Mühe geben, um ein Fotomotiv zu finden, entspannend ist das. Um nicht zu sagen: etwas eintönig unspektakulär. Eine Kirchenruine rettet es.

Im Dorf Kullamaa gehen wir im „Coop Konsum“ einkaufen und finden –neben Katze Artur Kuchen– eine estnische Süßschweinerei, die sich „Kohupiimapallid“ nennt: kleine, süße Fettbällchen, die man ganz schnell weghapsen und sich danach direkt ans Stammfett hängen kann. Köstlich.

Kullamaa hat auch eine Kirche, die weitläufig als Sehenswürdigkeit anhand von braune Schildern angepriesen wird. Leider hat das Gotteshaus heute zu, vor dem angehängten Friedhof aber kann man erneut estnische Haute Couture aus dem Lieferwagen heraus kaufen.

Ein Storchennest am Straßenrand – das hätte man eher mal braun ausschildern können, wenn man mich gefragt hätte.

Drei Stunden rollen wir über die Sträßchen dieses kleinen Landes und haben es damit halb gequert als wir im Soomaa Nationalpark ankommen.

Hier im Hochmoor wollen wir für zwei Nächte zu Hause sein, im „Soomaa Holiday Village“.
Was wie eine estnische Ferienverheißung klingt, ist eher ein liebevoller Garten, den Mariella neben dem träge dahinfließenden Flüsschen angelegt hat. Wir parken unweit der Kürbisse und des Tipis.

Den Nachmittag verbringen wir an verschiedenen Orten von Mariellas Biotop: auf der Terrassencouch neben dem kaminbeheizten Aufenthaltsraum, auf dem Steg zum Fluss, an der Feuerstelle und auf meinem persönlichen, neuen Lieblingsplatz: der Sesselschaukel mit Blick aufs gegenüberliegende Flussufer, wo die Schafe grasen. Ein absolutes Traumörtchen – auch zum wach sein.

Der zweite Schal wird endlich fertig und ist genau das richtige Geschenk für das arme, kränkelige Wesen im Magicbus: den verschnieften Chouchou.

In den Fluss muss natürlich einmal gedippt werden, bevor es ans Kochen geht.

Heute gibt’s aus Gründen (s.o.) Gesundküche. Die erste Hälfte koche ich, die zweite muss sehen, wie sie alleine zurecht kommt: weil pünktlich zu Sonnenuntergang die Killermoskitos so hart angreifen, dass man sich –trotz Thermacell—draußen von einen Moment auf den anderen nicht mehr bewegen kann, ohne gnadenlos zerstochen zu werden. Da wird selbst vor Stirn und Augenlid nicht mehr Halt gemacht. Oder vor Parken im Ohr.
Wer meint, dass Skandinavien ein Mückenproblem hat, der ist noch nie in Estland gewesen.

Und so mummeln wir uns also schnell hinein, in unseren Magicbus – die wilden Moskitos draußen lassend, Heizöfchen an und hoffen, dass Chouchou sich morgen gesünder fühlt.
Für eine Runde durchs Hochmoor. Oder zumindest für Schaukeln im Hängesessel – mit Blick auf die Schafe.

Ein Tag am estnischen Meer

Dieser Ort –unser Stellplatz mitten im Wald, nur 150 Meter von der Ostsee entfernt—hat einen so guten Geist, dass wir uns am Morgen spontan entschließen zu bleiben.
Noch einen Tag und eine weitere Nacht zwischen den knarzenden Bäumen, ums Eck des Pudersands einer See, die seicht, marineblau und freundlich ist. Alles sehr, sehr nah dran, zu einem unserer Traumcamps zu werden.

Heute tun wir nicht viel. Frühstück gibt es spät,

…erst am Mittag nehmen wir unseren ersten Ortwechsel vor: vom Wald an den Strand.

Lesen, im Wasser plantschen, den zweiten Schal fertig bekommen an einem perfekten Spätsommertag: 24 Grad und nur ein weiches Lüftchen, das warm über die Haut streicht.

Erst als es uns nach Stunden etwas zu sonnenintensiv wird, wechseln wir erneut: vom Strand zurück in den Wald.

Im Laufe des Tages reisen die paar Zeltenden ab, die uns in der letzten Nacht in weiter Entfernung Gesellschaft geleistet haben. Ungefähr zehn dicke und sehr teure Autos rollen am Nachmittag mit leisem E-Surren im Schrittempo am Magicbus vorbei, bevor wir am Abend die gesamte Welt nur noch für uns alleine haben.
Was zurückbleibt ist: nichts. Die Esten haben den gesamten Platz komplett blitzerein geräumt, nirgendwo liegt auch nur ein Rest von menschlichem Abfall.

Unvorstellbar wäre das in unserem Heimatland, wir könnten uns eine so große Scheibe davon abschneiden.

um halb acht tippeln wir wieder an den Strand.

Den Sonnenuntergang haben wir exklusiv, ein Globetrottels-Privat-Sunset: genauso surreal wie gestern und doch ganz anders. Nur eines bleibt ähnlich: das Pastell. Farben, die wegen des Kitschpotentials eigentlich verboten gehören.

Noch ein letzter Blick zurück, bevor die zappendustere Nacht beginnt.

Heute Nacht in diesem stockdunklen Wald ganz alleine zu stehen hat etwas aufregend-wertvolles.
Nach Sonnenuntergang sieht man wortwörtlich die Hand vor Augen nicht mehr, der Sternenhimmel aber ist so nah, dass man die Milchstraße mit bloßen Augen erkennen kann.
Eine beschützende Dunkelheit und doch, sprechen wir kurz darüber, ob wir das zweite Mal auf dieser Reise den Magicbus abschließen sollen, wenn wir schlafen gehen.
Hören wir noch ein wenig der Stille des Waldes zu –und dem Knacken im Unterholz—um dann zu entscheiden.
Bevor die Äuglein zu gehen und die Mitternachtstrolle aus den Gestrüppen klettern…

Alle Impressionisten waren in Keibo

Am Abend erreicht uns eine sehr traurige Nachricht: Unser Brutus ist tot.
Der Moschusochse, der uns am allernächsten von allen Moschusochsen auf der Welt stand, musste gestern wegen einer nicht mehr zu behandelnden Darmentzündung eingeschläfert werden.
Auch wenn es für manche Menschen komisch klingen mag: Für unsere Herzen ist es nur logisch, dass wir aufrichtig traurig über diese Nachricht sind. Weil Brutus für uns nicht irgendein Moschusochse gewesen ist. Brutus gehörte seit 2021 fest zur Globetrottelsfamilie.

Bevor wir am Morgen –nach den allerletzten Nespressokaffees—Tallinn und unser Appartement verlassen, frühstücken wir schnell noch das, was unbedingt weg muss: 500g Mangosorbet.
Und ich merke mir: mit einem halben Kilo Eis im Bauch hat man jedes Wochenende gleich im Sack, ansonsten muss man für die Fröhlichkeit nichts mehr machen.

Kostenloser Tipp an alle Morgenmüffelchen! Bitte, gern geschehen.

Wir verlassen die estnische Hauptstadt über eine Autobahn, auf der auch Fußgänger spazieren.
In einem der letzten Vororte des alten Revals halten wir aber auch schon wieder an, um einkaufen zu gehen.
Wie gern ich das hab: das allererste Mal in einem neuen Land durch einen Supermarkt streichen und sehen, was die Menschen sich hier so in ihre Einkaufswagen packen.
Vor dem Rimi stehen mehrere fliegende Händler. Ein Herr bietet aus seinem Lieferwagen heraus Obst aus dem eigenen Garten feil, ein Zehnjähriger verkauft auf einem Tapeziertisch ein paar seiner alten Spielsachen, ein Stand mit bunten, 10-Euro Kleidern – made in China.

Im Rimi selbst finden wir auf den ersten Blick jedoch nichts Außergewöhnliches. Außer Trockenfleisch in Hülle und Fülle, was nun wirklich kein Essen für Globetrottels ist.

Auch auf den Straßen, die nun –jenseits der Autobahn—kleiner werden, sehen wir vorerst nichts, was uns erstaunen würde. Sie könnten eins zu eins so durch Deutschland fahren, wenn man die etwas ärmlicheren Wohnblocks jenseits der Felder abzöge.

Am versunkenen Gefängnis in Rummu fahren wir vorbei, an der Kreuzug, wo man rechts nichts abbiegen darf und links beim Kegel essen kann, biegen wir nichts links ab.

Nach zwei Kilometern liegt hier der verlassene Sowjetfriedhof für gefallene Piloten.

Mitten im Wald hat man die Toten unter den Wrackrudern der Maschinen vergraben. Immer zu zweit, Pilot und Kopilot Seite an Seite – auf ewiglich.

Genauso imposant wie die vergessenen Grabstätten sind –nach der ersten Schweigeminute– die Monstermücken, die in diesem Friedwäldchen als einzig Lebende ihr Unwesen treiben. Innerhalb von fünf Minuten stechen sie zehn Mal bestialisch zu und hinterlassen quaddelartige Flatschen in der Größe der allergrößt-verfügbaren Rubelmünzen. Zweifelsohne biowaffentauglich – falls die russischen Luftstreitkräfte mal unpässlich sein sollten.

Für heute Nacht bleiben wir im Wald bei Keibu.

Gleichsam mit dem skandinavischen Jedermannsrecht, gibt es auch in Estland Orte, an denen man problemlos campieren darf: in schönster Natur, mit Feuerstellen und Pitstoiletten für alle, kostenlos.
Unser Eckchen liegt abseits des Parkplatzes, mitten im Forst, 150 Meter entfernt vom Ostseesandstrand.

Am Nachmittag spielen wir Ferien: sitzen am Strand, stricken und lesen, sonnenbaden und den Wellen zuhören.

Abendessen gibt’s am Magicbus: ein Waldessen, in dem viele Pilze in Rotwein schwimmen.

Noch ein paar flotte Maschen unter den Klopfgeräuschen eines hartarbeitenden Spechts und dem Krächzen von echten Raben, bevor es auch schon wieder zum Sonnenuntergang ans Meer geht.

Was sich dann vor unseren Augen abspielt, ist so kitschig und surreal, dass man es kaum fotografieren kann: ein roter Ball geht in wildem Pastell unter – so unecht wirkend, dass man es für computeranimiert halten könnte, würde kein Militärschiff drunter weg tauchen.

Jetzt wissen wir: Estland muss das Land sein, in dem alle Impressionisten Sonnenuntergänge über dem Meer malen lernten. Nur so! Es kann nicht anders.

Schatten der Vergangenheit in Tallinn

Unser heutiger Spaziergang soll uns eigentlich nur an einen einzigen Ort bringen. Dass wir auf dem Weg dorthin so viel mehr erleben, war eigentlich nicht geplant. Eines der verrückten Dinge an Städten: überall passiert etwas! Weil jede Ecke quatschen kann, weil Mensch so viel erschafft und überall Spuren hinterlässt.
Ein Stadtrundgang ist immer ein Erlebnishürdenlauf. Selbst, wenn man es nicht vorhat.

Direkt hinter unserem Appartement, hinter der schrägen Methodistenkirche, beginnt der riesige Katharinenpark. Und unser Spaziergang.

Wir wandeln durch gezügelte Natur, an Springbrunnen und liebevoll angelegten Beeten vorbei – kühlen Schatten einatmend gegen die Hitze der Stadt.

Ein Freizeitpark für Kids folgt den Wiesen: entweder noch geschlossen oder aber verwaist!? Ein wunderschön buntes und groteskes Bild unter der brennenden, estnischen Mittagssonne.

Ein Großteil des Grases am Wegesrand ist nicht gemäht: eine Wohltat fürs menschliche Auge, ein Paradies für Insekten. Rasen ist überbewertet, denn erst die Wiese macht echte Natur.

Wir halten auf den „Eichhörnchenausguck“ zu. Eine Enttäuschung. Weitläufig angekündigt befindet sich hier –außer einem endenden Steg– rein gar nichts. Schon gar kein Eichhörnchen.

Hinter dem Park folgt die „Tallinn Song Festival Stage“: eine riesige Openairbühne. Wir erleben unsere 15 Minuten Ruhm nach Warhol: Tanzen vor einem imaginären Publikum. Und tagträumen von tosendem Applaus und Standing Ovations.

Nicht weit entfernt liegt das „Cromatico“: eine Kunstinstallation von Lukas Kühne, einem „accoustic artist“, der aus Beton ein überdimensionales, aufrechtstehendes und begehbares Piano goss. Bewegt man sich singend durch die „Tasten“ soll sich der Ton automatisch der Klaviatur anpassen. Angeblich.

Die nächsten 15 Minuten Ruhm stehen in den Startlöchern: Singen und Luftpiano klimpern für eine eingebildete Hörerschaft. Und tagträumen von Tränen in den Augen der Zuhörenden – aus purer Rührung.

Hinter unseren Tagträumen liegt eine „gated community“, in die wir hineinstiefeln. Sehr reiche Menschen haben sich hier vor dem Rest der Welt verschanzt. Nur ganz manchmal kann man durch eine Lücke im Zaun luken und einen Blick werfen in die ängstlichen Gefängnisse des Reichtums, dauerüberwacht von Kameras.

Wir landen auf einem deutschen Soldatenfriedhof. Dahinter eine Gedenkstätte für die 1944 Gefallenen der Abwehrschlacht Estlands.

Und gleich dahinter steht ein Denkmal für die unter „kommunistischem Terror“ Ermordeten: eine schwarze Mauer mit Einschusslöchern – dort, wo die „Feinde des Kommunismus“ wortwörtlich an die Wand gestellt wurden.

Ein letzter Blick auf die Stadt, ein letzter Blick auf die Ostsee, bevor man sie per Kopfschuss hinrichtete.
Immer wieder macht es sprachlos, wenn man sich vergegenwärtigt, wie barbarisch der Mensch auch sein kann.

Reste kommunistischer Vergangenheit stehen grau und bedrohlich im Rest der sonnigen Parkanlage herum.

An einem hat man versucht, ein aktuelles Graffiti zu entfernen.
Ganz weg bekam man es nicht: das „Z“ über der ukrainischen Flagge.

Und ich frage mich: Warum bloß lernen wir eigentlich kaum aus unserer Vergangenheit?
Eine Frage, die sich nicht nur an die „Z“-Schmierer richtet, sondern auch an ein knappes Fünftel der gesamtdeutschen Bevölkerung, die zu ignorant oder zu dumm ist zu sehen, dass ihr heutiges, politisches Blau in Wahrheit ein tiefes kackbraun ist. Wie damals.
So vergangenheitsvergessen zu sein ist vollkommen unverzeihlich. Nicht nur in Zukunft, sondern schon heute.

Aufgewühlt kommen wir schlussendlich dann doch noch dort an, wo wir eigentlich „nur“ hinwollten: bei den aussortierten Sowjet-Statuen, die man feinsäuberlich zusammengetragen und im Garten des Maarjamäe Palace ausgestellt hat.

Ein Friedhof der Skulpturen, der überschrieben ist mit den Worten:
„Vielleicht mögen diese Schatten der Vergangenheit uns helfen, uns daran zu erinnern, dass Freiheit flüchtig sein kann.“
Vielleicht.

An der Strandpromenade dackeln wir zurück nach Hause, nachdenklich. Sonnenschein und Badende – ein Kontrastprogramm zu dem, was in Kopf und Herz abgeht.

Am Abend gehen wir essen. Ein Highlight auf Hindi, während die Sonne langsam untergeht.

Nach einem Tag, der voller Schatten der Vergangenheit war. Und das ist gut so.

Vielleicht brauchen wir Menschen sie wirklich: diese Schatten.
Um etwas ganz Wesentliches nicht zu vergessen.
Die Zeiten, in denen der letzte Wunsch lautete: „Geh mir aus der Sonne!“, sind vielleicht vorbei.
Die Gefahr geblendet zu werden, ist heutzutage einfach zu groß.
Da hilft auch keine Sonnenbrille.
Leider.

Ein Spaziergang durch Tallinn

Als allererstes wird ausgeschlafen. In weichen Decken, auf flauschigen Kissen, mit dem Geruch von Frische in der Nase.
Den ersten Kaffee kocht heute Morgen eine Nespressomaschine, beim ersten Augenaufschlag bin ich bereits entzückt: wie viel Luxus ein solches Zimmerchen doch bietet!
Beim ersten Schlückchen schwarzes Gold –im kuscheligen Bett– denke ich mir:
Eines der abertausenden von wunderbaren Dingen auf dieser Reise ist, dass der Magicbus ein dankbares Herz macht. Dass wir auf dieser Reise jeden Tag aufs Neue erfahren dürfen, dass all diese im Alltag so „normal“ wirkenden Dinge genau das eigentlich nicht sind. All diese kleinen, alltäglichen Annehmlichkeiten wie warmes Wasser, ein eigenes Bad, eine Maschine, die uns den Kaffee kocht – der Kaffee selbst! Das alles ist so ganz und gar nicht selbstverständlich.
Eigentlich müssten wir jeden Tag aufs Neue zergehen –vor Dankbarkeit und Freude: über so unglaublichen, nicht selbstverständlichen Komfort.
Nach Kaffee Nummer zwei räumen wir den Wäschetrockner aus. Den Wäschetrockner!!! Wahnsinn.

Frisch geduscht sind wir am Mittag bereit –so schick, wie es uns möglich ist– in die City zu taumeln.
Dafür muss man erstmal an einer Menge Ostblockcharme –alt und neu– entlang schrabbeln.

Bis zu Blumenlädchen an den großen Türmen, die die Altstadt säumen: ab hier herrscht bestens erhaltenes Mittelalter.

Wir reihen uns in die Schlangen der Touristen ein – ein Aufmarsch, mit dem wir so nicht gerechnet haben.
Hätten wir ein klein wenig vorab recherchiert, so hätten wir vielleicht ahnen können, dass wir in einer der besterhaltensten Mittelalterstädte Europas, die obendrein zum UNESCO Weltkulturerbe gehört, nicht ganz alleine sein würden.
Memo an uns: Reiseführer vor der Reise lesen, nicht immer nur danach…

Zwischen geführten Reisegruppen tippeln wir Slalom durch die ruppigen Kopfsteinpflastergassen.

Erst durch die Unterstadt mit dem Covent (inklusive Appell: Ora et labora), der Nikolaikirche, den zahlreichen Tourishops (inklusive Puppen, die den Ästhetiksinn herausfordern), der Tüssütür und dem Rathausplatz…

…dann über den Domberg mit der einzigen Kirche, für die kein Eintritt verlangt wird: die Alexander-Newski-Kathedrale.

Halb Asien ist bereits hier und ärgert sich, dass drinnen nicht fotografiert werden darf: ein Aufpassermann mit Argusaugen achtet genauestens darauf.

Sein zweiter Aufgabenbereich: bei Bedarf den Touristen die Hüte vom Kopf pfeifen. Auch hier kennt er kein Pardon! Ein Mensch, vermutlich aus dem Reich der Mitte, kassiert einen mächtigen Anpfiff und ist so erschrocken über die deutliche Ansprache, dass er mir vor Schreck mitten ins Gesicht niest. Eine Einladung, sich nach dem Panoramaausblick ein kleines bisschen aus den Touristenströmen wieder heraus zu bewegen…

Jenseits der Bahngleise liegt das Hipster- und Künstlerviertel Kalamaja. Hier gönnen wir uns erstmal ein Immunsüppchen auf dem Streetfoodmarkt.

Im alten Industriegebiet dahinter –an der Telliskivi– wird mittlerweile Kunst, die sich nicht schert, geboren.

Vegane Cafés und kleine Handwerksläden, Ausstellungen und Musikstudios und jede Menge feinster Graffiti.

Ein öffentlicher Platz, auf dem Urban Gardening betrieben (Palme unter Glas) und gleichzeitig an den „Baltischen Weg“ erinnert wird: Erinnerungen an den 23. August 89, an dem Hundertausende Menschen aus Estland, Lettland und Litauen eine 600 Kilometer lange Menschenkette bildeten um für ihre Freiheit und Unabhängigkeit zu demonstrieren.

Aus dem Vintageshop riecht es nach gestern, für heute finde ich leider nichts. Außer Erinnerungen.

Zehn Kilometer sind wir zu Fuß unterwegs durch Tallinns verschiedene Gesichter: von Ostcharme über mittelalterliche Hanse bis hin ins Hipsterviertel und wieder zurück.
Zehn Kilometer durch den sommerlichsten Tag, den wir hier im Norden bisher erlebt haben.
Zehn Kilometer durch alte und neue Geschichte, Gegenwart und ganz bestimmt durch sehr viel Zukunft:
Vor knappen zwei Jahren wurde die Stadt vom „fDi Magazin“ der Financial Times unter die Top 10 der „mittelgroßen europäischen Städte der Zukunft“ gewählt.
Es lohnt sich also, auch morgen nochmal einzuschalten.

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