In der Nacht ziehen estnische Waldgeister übers Camp. Man hört es an den unsichtbaren Hunden, die hysterisch angehen und sich in tiefer Dunkelheit wie von Sinnen heiser bellen, man hört es an dem Vogel, der ängstlich um sein Leben kreischt – und dann auf ewig verstummt.
Unruhige Halbträume zwischen aufgewühlten Kissen nachts um halb zwei. Und die Erkenntnis nach dem ersten Kaffee um acht, dass „Die Nacht der Seelen“ vom estnischen Autor Ristikivi eventuell nicht die allerbeste Gute-Nacht-Literatur darstellt. Zumindest nicht, wenn man plant, süß träumen zu wollen.

Der Fußweg durchs Hochmoor ist heute dran. Angereist wird mit rostigen Fahrrädern aus dem Holiday Camp: drei Kilometer über eine leere Landstraße, an verfallenen Bauernhofruinen vorbei, die den kleinen Ort „Riisa“ ausmachen – das Zentrum des Nationalparks.

Am Eingang zum Wanderweg stellen wir sie ab. Abschließen muss nicht, sagt Mariella. Hier kommt nix weg.

Fünf Kilometer wandeln wir über Stege, durch einen Sumpf, der anderes gar nicht begehbar wäre. Weder auf normal Null, noch von oben. Mit Aussichtplattform geht in Estland sogar letzteres…

Eine einsame, matschige Welt in bunt, über der wild ziehende Wolken stehen.

An zwei der hunderten von Moortümpeln darf man baden. Leitern laden zum Einsteigen ein.
Einmal im Leben in tiefes Dunkelblau 8das eigentlich ein Schwarz ist) zu tauchen, wer könnte da –außer Chouchou natürlich– Nein sagen?

Das sauberste, schwarze Wasser der Welt, sagt Mariella, man kann es sogar trinken. Auch wenn es den körperlichen Durst (wegen fehlender Mineralien) nicht stillt, dem Durst nach Leben kommt so ein Bad sehr wohl entgegen.

Nach dem Sumpf landen wir in einem düsteren Wald, der schwer nach Elch riecht. Den König des nordischen Waldes: wir können ihn schnüffeln, sehen aber können wir ihn natürlich wieder nicht.

Eine pockige Kröte hüpft vorbei, ein gefallener Ast zwinkert uns verschwörerisch zu, weil er eigentlich ein zahmes Baumtier ist, das nur gestreichelt werden möchte. Ist ja auch etwas…

Mit Bärenhunger trampeln wir auf den Radrostgurken zurück in Mariellas Garten.
Die Mücken und ich kochen heute Spaghetti der zornigen Frau – ohne Spaghetti und Zorn. Und das, obwohl mir die Moskitos heute mal wieder ordentlich Breitseite geben.
Nach dem Kochen trag ich ein Einhorn mitten auf der Stirn und sieben neue Flatschen an Fledermausarm, Popo, Schienbein links, Wade rechts, Hüftring und Unterarm beidseits. Harter Einsatz für den Brennstift zum Nachtisch.

Trotz allem aber bleibt dieser Ort ein Stückchen Paradies für uns:
Mit seinen Hängematten am Fluss und dem Storchennest neben dem Servicehaus, das ganz alleine uns gehört.

Mit der heißen Regenwalddusche und dem Ruderbootsteg, wo am Mittag –vis-à-vis– die Schafe grasen.

Mit dem gemütlichen Tipi – einziger Nachbar des Magicbus– und den prallgefüllten Apfelbäumen, die über den Fluss wachen.

Mit den wilden Hundchen, die schmusen, spielen oder Patrouille laufen wollen.

Und natürlich mit der ultimativen Schaukel, die auf ewig die meine im Herzen bleibt.

Wie könnte man sich hier nicht wohlfühlen?
Man kann es den Moskitos nicht verdenken….