Am Abend erreicht uns eine sehr traurige Nachricht: Unser Brutus ist tot.
Der Moschusochse, der uns am allernächsten von allen Moschusochsen auf der Welt stand, musste gestern wegen einer nicht mehr zu behandelnden Darmentzündung eingeschläfert werden.
Auch wenn es für manche Menschen komisch klingen mag: Für unsere Herzen ist es nur logisch, dass wir aufrichtig traurig über diese Nachricht sind. Weil Brutus für uns nicht irgendein Moschusochse gewesen ist. Brutus gehörte seit 2021 fest zur Globetrottelsfamilie.

Bevor wir am Morgen –nach den allerletzten Nespressokaffees—Tallinn und unser Appartement verlassen, frühstücken wir schnell noch das, was unbedingt weg muss: 500g Mangosorbet.
Und ich merke mir: mit einem halben Kilo Eis im Bauch hat man jedes Wochenende gleich im Sack, ansonsten muss man für die Fröhlichkeit nichts mehr machen.

Kostenloser Tipp an alle Morgenmüffelchen! Bitte, gern geschehen.

Wir verlassen die estnische Hauptstadt über eine Autobahn, auf der auch Fußgänger spazieren.
In einem der letzten Vororte des alten Revals halten wir aber auch schon wieder an, um einkaufen zu gehen.
Wie gern ich das hab: das allererste Mal in einem neuen Land durch einen Supermarkt streichen und sehen, was die Menschen sich hier so in ihre Einkaufswagen packen.
Vor dem Rimi stehen mehrere fliegende Händler. Ein Herr bietet aus seinem Lieferwagen heraus Obst aus dem eigenen Garten feil, ein Zehnjähriger verkauft auf einem Tapeziertisch ein paar seiner alten Spielsachen, ein Stand mit bunten, 10-Euro Kleidern – made in China.

Im Rimi selbst finden wir auf den ersten Blick jedoch nichts Außergewöhnliches. Außer Trockenfleisch in Hülle und Fülle, was nun wirklich kein Essen für Globetrottels ist.

Auch auf den Straßen, die nun –jenseits der Autobahn—kleiner werden, sehen wir vorerst nichts, was uns erstaunen würde. Sie könnten eins zu eins so durch Deutschland fahren, wenn man die etwas ärmlicheren Wohnblocks jenseits der Felder abzöge.

Am versunkenen Gefängnis in Rummu fahren wir vorbei, an der Kreuzug, wo man rechts nichts abbiegen darf und links beim Kegel essen kann, biegen wir nichts links ab.

Nach zwei Kilometern liegt hier der verlassene Sowjetfriedhof für gefallene Piloten.

Mitten im Wald hat man die Toten unter den Wrackrudern der Maschinen vergraben. Immer zu zweit, Pilot und Kopilot Seite an Seite – auf ewiglich.

Genauso imposant wie die vergessenen Grabstätten sind –nach der ersten Schweigeminute– die Monstermücken, die in diesem Friedwäldchen als einzig Lebende ihr Unwesen treiben. Innerhalb von fünf Minuten stechen sie zehn Mal bestialisch zu und hinterlassen quaddelartige Flatschen in der Größe der allergrößt-verfügbaren Rubelmünzen. Zweifelsohne biowaffentauglich – falls die russischen Luftstreitkräfte mal unpässlich sein sollten.

Für heute Nacht bleiben wir im Wald bei Keibu.

Gleichsam mit dem skandinavischen Jedermannsrecht, gibt es auch in Estland Orte, an denen man problemlos campieren darf: in schönster Natur, mit Feuerstellen und Pitstoiletten für alle, kostenlos.
Unser Eckchen liegt abseits des Parkplatzes, mitten im Forst, 150 Meter entfernt vom Ostseesandstrand.

Am Nachmittag spielen wir Ferien: sitzen am Strand, stricken und lesen, sonnenbaden und den Wellen zuhören.

Abendessen gibt’s am Magicbus: ein Waldessen, in dem viele Pilze in Rotwein schwimmen.

Noch ein paar flotte Maschen unter den Klopfgeräuschen eines hartarbeitenden Spechts und dem Krächzen von echten Raben, bevor es auch schon wieder zum Sonnenuntergang ans Meer geht.

Was sich dann vor unseren Augen abspielt, ist so kitschig und surreal, dass man es kaum fotografieren kann: ein roter Ball geht in wildem Pastell unter – so unecht wirkend, dass man es für computeranimiert halten könnte, würde kein Militärschiff drunter weg tauchen.

Jetzt wissen wir: Estland muss das Land sein, in dem alle Impressionisten Sonnenuntergänge über dem Meer malen lernten. Nur so! Es kann nicht anders.