Unterwegs im Magicbus

Autor: Chouchou (Seite 3 von 5)

Sonntagswanderung und -(ge-)wetter

Sonntag, 11 Uhr, die unscheuen Maultierhirsche sind wieder da und grasen fröhlich vor dem Magicbus. Unser Plan, sie mit Möhrchen in den Bulli zu locken ist gestrichen, auf das Füttern von Wildtieren stehen hier 25.000 Dollar Strafe, das ist uns doch zu teuer.
Mit ihrer Zutraulichkeit ist das Deer hier im Waterton-Park auf jeden Fall ganz einzigartig, der Evolution einen großen Schritt voraus, nur hier haben sie gelernt, daß die Nähe zum Menschen sie vor den noch böseren Bären beschützt, die hier alles fressen, was irgendwie süß und lecker aussieht…

11 Uhr ist aber auch der Zeitpunkt, an dem wir Platz Nummer G10 verlassen und auf G11 einchecken müssen – die dort letzte Nacht kampierenden Kanadier räumen auch tatsächlich minutengenau das Feld, ohne daß wir uns als typisch deutsche Pünklichkeitsfanatiker outen müssen.

Und dann ist Wanderzeit, heute ist der *Bear’s Hump‘ dran, der Rother Wanderführer verwendet unangenehm oft das Wort »Bär«:

Bear’s Hump
Gehzeit 1.00 h, Höhenunterschied: 210 m.
Einer der besten Aussichtspunkte auf die Waterton Lakes und Umgebung.
Dem großen Geist der Grizzly-Bären verdanken die Menschen ihr Wissen über die Pflanzen, weshalb er vielen Stämmen der nordamerikanischen First Nations heilig war. So hieß der heutige Mt. Crandell bei den Piikani »Grizzly Medicine Mountain« und die Bergschulter war Teil des mächtigen Tieres. Man startet am besten früh morgens oder spät abends, um in Ruhe den Ausblick auf die schier endlos erscheinende Prärie, das »Prince of Wales«-Hotel mit dahinter aufragendem Vimy Peak sowie auf den Waterton Lake bis zum Glacier Nationalpark auf der USamerikanschen Seite ohne Menschentrauben und in optimalem Licht zu genießen.

Praktischerweise beschreibt Rother auch gleich unsere Strapazen:

Anforderungen: Kurzer, durchgehend steiler Anstieg auf breitem Pfad. Oben erwartet uns eine ausgedehnte, geländerfreie Aussichtsplattform. Kurzzeitige Kondition für den Aufstieg sowie Schwindelfreiheit auf dem Plateau notwendig.

Ja, es wird anstrengend. Und warm und schwül. Soviel Jammerei darf auch einmal sein. Aber oben ist’s schön. Chip Monks (Chérie mein Goldmantelziesel) und jede Menge Aussicht:

Später gibts Softeis, Chéries Desaster-Cooking bei Gewitter und die leckersten Bratkartoffeln Kanadas.

Und statt Sonntag-Tatort gibts den Globetrottels ihr heftigstes Gewitter aller Zeiten, Starkregen, Blitz und Donner, Hagel… das Vorzelt tanzt trapfer im Sturm… und die Wetterwarnapp plingt im Minutentakt Gewitterwarnungen… Eindeutig mehr Abenteuer, als heute geplant…

Wochenende im Nationalpark

Samstagmorgen im Nationalpark. Der das ganze Tal umfassende Stromausfall vom Vorabend, der Starkregen war wohl auch für hiesige Verhältnisse heftig, ist vorbei, bloß das Internet streikt noch, statt dem üblichen »So-gut-wie-kein-Internet« gibts heute »Gar-kein-Internet« – Chouchou nimmt sich fest vor, nie wieder über das deutsche Handynetz zu jammern…

Schon frühmorgens beginnt um uns herum der Abreisebetrieb, wochenends sind die Plätze teils seit Wochen vorgebucht, für Spontanbucher wie uns bleibt da nicht mehr viel, und so müssen auch wir unser unser Plätzchen mit Seeblick räumen. Aber wir haben Glück, gestern konnten wir noch auf spontan freigewordene Plätzchen buchen, heute auf G10, morgen G11, nur hundert Meter weiter.

G10 bietet zwar keinen Seeblick, dafür aber illustre Nachbarschaft: Neben uns kampiert eine wuselige Gruppe Inder, vor 10 Jahren aus Punjab nach Calgary immigriert – nein, schwer sei das Einleben hier in Kanada nicht gewesen, halb Punjab lebt eh hier.

Ed aus Edmonton, unser zweiter Nachbar und äußerlich eher so der Hemingway-Typus, scheint nicht so richtig zu wissen was er davon halten soll, daß neben Incredible India jetzt auch noch ein deutscher Magicbus quasi in seinem Vorgarten kampiert, begrüßt uns dann aber gewohnt kanadisch-freundlich. Jedes Jahr kommt er ein paar Tage hierher, auch wenn es seit Covid schwer geworden sei, hier für mehrere Tage zu reservieren – von dem uns bestens bekannten Problem mit dem unsäglich schlechten Online-Reservierungssysstem ganz abgesehen. Für den Rest des Tages verabschieden sich Charley und er dann erstmal nach Lethbridge, sein Sohn lebe dort, ob der sich über seinen Besuch freue bleibe noch abzuwarten. Charley ist übrigens Ed’s Hund.

Unser Plan, den ganzen Tag bei Regenwetter im Bulli zu chillen scheint nicht aufzugehen. Vom groß angekündigten Gewitter keine Spur. Also Spaziergang nach Waterton-City, 100 Einwohner hat’s hier, wir Touristen sind in der grandiosen Überzahl. Die Hauptstraße eine wilde Touri-Meile, für uns gibts hier lecker Eis, die kleinste Portion zu knapp 500 Gramm.

Und Literatur: Lone Pines‘ Rocky Mountain Natur Guide, vielleicht erklärt der uns ja, wie die (meist) süßen Tierchen hier alle heißen. Bei den ganz und gar unscheuen Rehartigen im Parkverbot gleich nebenan tippen wir auf Mule Deer, der Sikh auf Kurzbesuch aus Toronto tippt eher auf Goat – Ziege? Ernsthaft?

Das Terrain um den Magicbus ist bei unserer Rückkehr fest in der Hand der Columbia-Ziesel, der Lone-Pine-Guide nennt sie »Columbian Ground Squirrel«.

Unser Plan, sie mit Möhrchen in den Bus zu locken, scheitert fürs erste, aber wir werden dranbleiben. Zumindest, falls wir nicht vom Platz gejagt werden – Wildtiere-Füttern ist hier wirklich äußerst unerwünscht und wir erweisen und als völlig untalentiert darin, unsere Missetaten zu verheimlichen.

Aber sie sind doch sooo süß, wenn sie Möhrchen futtern!

Sauber in die Rockies

Der große Moment ist gekommen, heute wird der Bulli gewaschen, ob er will oder nicht, mit dem Insektenfriedhof am Kühler werden wir hier so langsam zum ernsthaften Biohazard, invasive Arten mögen die Kanadier so gar nicht…

Die Jungs von der Truckwäscherei warnen uns netterweise, daß es hier etwas teurer ist als an der Tankstelle, hilf aber nix, beim dem Dirtlevel brauchts schwere Geschütze.

Kaffeefrühstück, rares Campingplätzchen im überfüllten Banff-Park für nächste Woche buchen, bei VW in Calgary Ölfilter (wenn auch ohne Chance auf Ölwechsel) vorbestellen … und nichts wie raus aus Medicine Hat.

Nach 180 Prärie-Kilometern Zwischenstopp bei VW in Lethbridge, unerwartet positive Auskunft am Serviceschalter: Ölwechsel ginge am Freitag, noch besser die Info am Parts-Schalter: Der passende Ölfilter Nr. 074115561 ließe sich bis dahin per Express aus Vancouver bestellen, und sogar das passende Öl, 15W40 mit VW-Norm 50101, wäre dann vorrätig. Supi, Termin und Parts sind gebucht, Thank you, see you on friday!

Einkauf im Walmart, in den so wunderbar genormten Läden finden wir (nagut: Chérie) uns mittlerweile fast blind zurecht, Gemüse direkt am Eingang, Baguette vorne rechts, dann Wasser mit Zitronenspritzer und ganz hinten die Washrooms, es ist so easy!
An der Kasse für Franzosen gehalten zu werden bringt uns kurz aus dem Konzept, das passiert sonst nicht, aber Chérie und Chouchou sind wohl auch nicht die urdeutschesten Namen, da brauchen wir uns nicht zu wundern…

Traditionell wieder Sushiparty im Bulli:

Noch 150 Kilometer bis zum Waterton Nationalpark, wir (der Bulli!) haben es tatsächlich bis in die Rocky Mountains geschafft. Nach insgesamt 7369 Kilometern on the road mündet die Trans-Canada– nun in die Rockymountains-Etappe. Eigentlich Zeit, für ein wenig Poesie, vielleicht sogar eine Prise Pathos – die gibts aber nicht, weil heute bloggt Chouchou.

Berge, See und Präriehunde soweit das Auge reicht, wunderschön, soviel Euphorie muß trotzdem erlaubt sein. Und ein Fuchs und die Antilopen kommen auch noch vorbeigechillt.

Und dann kommt auch Chérie heute noch zu ihrem Vollbad – den Waterton-Lake hat sie dank 7 Grad Wassertemperatur ganz für sich alleine – so daß am Ende der Tages nur noch einer der drei Globetrottels nach müffelnd zu Bett geht.

Die Präriehunde vom Grasslands-Park

Vorab der Sonnenuntergang von gestern, eher von der spektakulären Art, monsterbunt, vielleicht typisch amerikanisch?

Chérie hört Kojoten heulen, Chouchou bloß kichernde Nachbarcampende in hunderten Metern Entfernung, so richtig still will es an „einer der leisesten Orte der Welt“ nicht werden…
Die Nacht im Bulli danach eher stürmisch, bei auf 32 Grad aufgeheiztem Bulli mussten die Schotten offenbleiben, Durchzug im Dachzelt mit Windstärke 4 — unbedingt vormerken: kommende Nacht Mütze tragen!
Morgens Präriehunde vorm Bulli. Diesmal wirklich, die lustigen Gesellen der letzten Tage waren wohl doch eher Biberartige. Einer wohnt direkt unter unserer Feuerstelle, keine Ahnung, ob es sich um ein ungewöhnlich doofes oder doch eher ein monsterintelligentes Exemplar handelt, das gerade für seine Gattung die Nutzung des Feuers entdeckt? In dem Fall wird es vermutlich als nächstes das Rad erfinden.

Clever sollen die Hündchen ja ohnehin schon sein und über ein ausgeklügeltes Repertoire an Warnrufen verfügen, das sogar zwischen unterschiedlichen Arten sich nähernder Menschen unterscheiden kann. Der Warnruf vor Chouchou lautet eindeutig „Piep“. Einen Raubvogel für weitere bioakustische Experimente steht uns leider gerade nicht zur Verfügung.
Prärie-Spaziergang: Querfeldein, das ist hier ausnahmsweise im Nationalpark mal nicht verboten sondern sogar empfohlen, hoch auf den Ausguckhügel. Zwecks Runtergucken.

Später noch Präriekundebaby gucken:

Der Wachhund macht „Piep“:

Und natürlich Lagerfeuer, für 9€ *Campfire-Permit* dürfen wir soviel Holz verfeuern, wie wir wollen. Gar nicht gut für den CO2-Footprint, zumindest riecht es aber nicht nach verbranntem Präriehund.

Vom Wetter verweht in Saskatchewan

Die Hauptattraktion von Moose Jaw? Elch natürlich. Und zwar der größte der Welt: Mac the Moose, den müssen wir uns natürlich angucken, Mööp und so…

Und Mac ist mit seinen 10 Metern wirklich groß, zwischenzeitlich gab’s in Norwegen mal einen größeren, das ging natürlich gar nicht, hier in Kanada muß jede ordentliche Stadt mit »größtes Irgendwas« werben – also hat Mac jetzt ein neues Geweih und ist wieder The Biggest Elch. Mööp!

Der Globetrottels-TV-Beitrag ist dank springlustiger Amis beim ersten Versuch im Kasten, wir werden von zwei Kanadiern angesprochen, wieder einmal hat der fremdartige Bulli die Neugierde geweckt und wieder einmal stoßen unsere Reisepläne auf große Begeisterung.
Das Farmerehepaar aus Dawson Creek reist selber gerade in entgegengesetzter Richtung gen Osten. Und den Unterschied zwischen »Moose« und »Elk« kennen sie ganz genau, einmal im Jahr erlegen sie einen der deutlich größeren »Moose« und zehren dann den Rest des Jahres davon und schauen uns ob unseres Vegetariertums bloß mitleidig an. Sehr sehr mitleidig. Und wirklich sehr sehr nett, die zwei.

Auch mit den überall rumwuselnden Nagetierchen kennen sie sich im Tierreich besser aus also Chouchou, die vermeintlichen Ratten seien »Ground Hogs« (von Google übersetzt zu »Murmeltier«, aber damit liegt der Translator in der Artenbestimmung fast so schief wie Chouchou).

Zutraulich und süß sind die kleinen Tierchen auf jeden Fall und erwärmen nachhaltig Chéries Herz. Und auf deutsch sind es »Präriehunde« – unserer aufwändigen Recherche nach zumindest…

Auf nach Süden. Im Grassland Nationalpark sind zwei Übernachtung gebucht, 200 Kilometer bis dahin, der Magicbus klingt mit frischem Diesel, Kühlwasser und Motoröl heute wieder fröhlicher, genauso wie wir, aufgesättigt mit leckerem Kaffee.

Quer durch feinste hügelige Graslandschaft in sämtlichen shades of green, sagte irgendwer was von *Grassland“? Wunderwunderschön die Landschaft, die Hochebene bringt uns zum staunen und den Bulli mit seinen Steigungen (und den sommerlichen Temperaturen) ordentlich ins Schwitzen.

Alarm – Alarm – Alarm, jetzt kommen auch wir ins Schwitzen, unsere Handy kreischen in gräßlichen Tönen, Cell Broadcast Emergency Alert:

Alarmstufe Hoch, »deutliche Bedrohung für Leben oder Besitz« – im Bereich unserer Funkzelle bestehe höchste Tornado- und Gewittergefahr: »Take cover immediately if threatening weather approches«.

Im Umkreis von 30 Kilometern gibt es hier nix außer unserer Straße und grünen Wiesen, wo sollen wir hier »unverzüglich Schutz suchen«? Von Tornados zwar bislang keine Spur, aber ganz so pitoresk und harmlos wie noch vor 5 Minuten wirken die Wolkenformationen plötzlich überhaupt nicht mehr, und der Wind scheint auch deutlich zuzunehmen. Und warum ist uns seit gefühlten Ewigkeiten kein anderes Auto mehr begegnet? Wie schnell kann so ein Tornado überhaupt sein, schneller als der Bulli?

Nur dank Chéries Gabe, die Zeichen der Tierwelt so präzise zu deuten gelingt es uns, einen kühlen Kopf zu bewahren: Die Kühe auf den Wiesen wirken noch ganz entspannt, also auch für uns keinen Grund, in Panik auszubrechen!?

Vollgas geben wir trotzdem, jagen den armen Bulli mit 90 Sachen die Hügel rauf, aber auch für ihn wird das ja wohl gesünder sein, als vom Tornado verweht zu werden.

Zwei Antilopenartige und ein Kojote am Wegesrand, auch noch ganz entspannt, im Gegensatz zu uns, die wir glatt das Knipsen vergessen. Was tun wir denn eigentlich, wenn so ein Tornado vor uns steht? Die Empfehlungen für so einen Fall sind widersprüchlich, so eine Situation gilt wohl als eher ungünstig, im Wagen bleiben und sich unter die Scheibe ducken oder aussteigen und im tiefergelegenen Graben Schutz suchen? Klingt definitiv beides unspaßig.

Wieder erwarten erreichen wir lebendig Rockglen, das einzige Dörfchen weit und breit. Die Straßen verlassen – sitzen die alle schon im Bunker? Mitnichten, das ganze Dorf versammelt sich in der Community Hall zu einer Beerdigung. So auch Marge, die nette Dame in Schwarz am Straßenrand, die wir verängstigt ansprechen: Wie ernst ist die Lage?

Marge, sie lebe ihr ganzes Laben lang (also ca. 70 Jahre?) hier, ist ganz entspannt. So eine Warnung habe es gestern auch, aber keinen Tornado gegeben. Blick in den Himmel: »Severe Clouds« – Ordentlich Wetter sei wohl schon im Anmarsch. Und yes, in den Nationalpark könnten wir aus ihrer Sicht schon fahren, wenn es für uns kein Problem sei, dort nach eventuellen Unwettern bei aufgeweichten Straßen dann ein paar Tage, maybe a week festzusitzen. Sie selber würde sich momentan aber lieber ein anderes Ziel aussuchen…

Wir fassen zusammen: Offizielle höchste Unwetterwarnstufe bis morgen früh auf sämtlichen Kanälen, beeindruckende Wolkenformationen, die Locals raten vor der Fahrt in den Nationalpark (offene und verlassene Prärie!) ab, deren 20 Kilometer lange Schotterstrecke den Bulli schon bei Schönwetter an seine Grenzen brächte. Wäre es eventuell ein klein bisschen dämlich, die geplante Route jetzt fortzusetzen…?

Fügung des Schicksals: Das *Rockwell Visitor Center“ wirbt mit (in keiner Camping-App verzeichnetem) »Trailer Park«: Gemütliche und komfortablen Stellplätzen in sicherer Lage am Rand des sympathischen Dörfchens.

Womit die Entscheidung wohl klar ist, wir schießen die 40 Dollar für die Reservierung im Nationalpark in den Wind und bleiben, mit Heck in Windrichtung geparkt, erstmal hier.

Dörfchenspaziergang. Eine Wagenkolonne zieht vorbei, von der Community Hall zum Friedhof, traurig aber freundlich winkt man uns zu, und schon sind wir wieder allein auf den wenigen Sträßchen Rockglens, dem verlassenen Dörfchen, an dem einfach alles und jedeR sympathisch und freundlich zu sein scheint.

Coole Sache, so eine Tornadowarnung, ohne die wir diesen Ort nie gefunden hätten…

Mit dem Problembulli nach Saskatchewan

5 Uhr, Sonnenaufgang, die Vöglein beginnen zu singen und der Verkehr auf Highway 1 nimmt wieder Fahrt auf – und gefühlt alles zusammen mitten in unserem Dachzelt… an Schlaf ist nicht mehr zu denken. Wir wollten Trans-Canadian-Highway, wir bekamen Trans-Canadian-Highway. Nur Kampieren tun wir demnächst doch lieber etwas abgelegener.

Zwei Stunden, der vermutlich irgendwie gesetzlich vorgeschriebene Globetrottels-Warmlaufzeit, später sind wir wieder on-the-road, gut 600 Kilometer sind geplant, unsere bislang längste Etappe. Schnurgerade, ebene, autobahnartige Straße, kaum Verkehr, alles supi, der Bulli schnurrt, raus aus Manitoba, nächster Bundesstaat: Saskatchewan.

Nächster Zeitzonensprung, wieder eine Stunde gewonnen, und jetzt 8 Stunden hinter der Heimat zurück.

Vor uns die Prärien. MarcoPolo schreibt: „Das Klischee vom Brotkorb Kanadas kommt nicht von ungefähr. Es ist ein ganz besonderes Kanada-Feeling, stundenlang auf dem Trans-Canada-Highway durch wogende Weizen- und Rapsfelder der gewaltigen Ebene zu fahren – alleine den fernen Horizont im Blick„.

Für wogenden Weizen und Raps ist’s wohl noch zu früh im Jahr, ansonsten kommt das in etwa hin.

Stopp im Außenbezirk von Regina, vermutlich der Landeshauptstadt mit den wenigsten Sehenswürdigkeiten ever. Eine davon wären die hier berüchtigten Gewitterstürme, stattdessen gibts heute aber bloß Nieselregen. Dawat Indian hat geschlossen, statt indischem Fastfood gibt’s bloß Kaffee bei Hortons. Frisches Motoröl und Nagellack kaufen bei Walmaart, Pommes auf die Hand… Stadtbesichtigung beendet.

Der Bulli pfeift und heult wieder vorne rechts, fast so laut wie damals in Trier. Wir hoffen, daß es ihm einfach in der Prärie ein wenig zu warm geworden ist, mehr als gut Zureden und ein Extraschlückchen 10W40 können wir wohl gerade nicht für ihn tun. Außer ein paar indigenen Gesängen anstimmen vielleicht, das heben wir aber noch für morgen auf. Um uns selber damit zu trösten…

80 Kilometer bis Moose Jaw, in der schnuckeligen Kleinstadt hat’s einen Campingplatz, wir ergattern den letzten freien Platz. Nicht gerade ein gigantisch-schöner Nationalpark-Campground, für eine Nacht aber praktisch und nett – und mit viel Spaß-Faktor, den Kanadiern beim Wochenend-City-Campen zuzugucken…

Statistik nach 4 Wochen On-the-Road:

  • 19 Camps
  • 1 Pfarrer-Engels-Heiliger-Ort
  • Bären: 2 Schwarz ein Wasch
  • Reichlich Biber und Eichhörnchen.
  • 6342 Kilometer gefahren
  • 484 Liter Diesel, 1/2 Liter Kühlwasser und 9,5 Liter Motoröl für den Bulli
  • 1 Monsterdose Mückenspray versprüht
  • trotzdem gefühlt 2000 Moskitostiche abbekommen
  • 12 Gigabyte Datenvolumen versurft
  • 1 Handy zerstört

Pukaskwa National Park

5 Uhr im Pukaskwa Nationalpark. Noch exakt 50 MInuten bis zum Sonnenaufgang, gerade mag keineR der Globetrottels zugeben, die Idee mit dem Wecker zu Dämmerungsbeginn gehabt haben. Streit wäre jetzt eine gute Lösung, wir versuchen’s aber erstmal mit Kaffeekochen – und sind tatsächlich um halb sechs bereit zum Aufbruch zum Fels über dem See, bewaffnet mit reichlich Kameras und zwei Dose Bärenspray. Letzteres brauchen wir nicht, für erstere gibts reichlich Verwendung…

Der Lonely Panet benennt 4 schöne »Wander«-Routen rund um unser Camp, jede für sich doch eher ein Spaziergang, kombiniert könnte soetwas wie eine kleine Wanderung für uns draus werden.

Erstmal aber auf zum Ranger im Campground-Büro, gestern hatte man uns dort ja verpasst, weil schon geschlossen. Zweimal »Discovery-Jahrespass« please – gut angelegte je 72 Dollar, wir wollen noch in ganz viele Nationalparks – und einen Biberaufkleber für unsere Kiste natürlich sowie Feuerholz, das den Park auf gar gar keinen Fall verlassen darf, eventuell darin hausende Insekten dürfen nicht durchs Land gefahren werden – »Don’t move Firewood«!

Unsere geplante Wanderwegkombination stößt beim Waldwächter auf wohlwollende Zustimmung, Chéries Idee, im See zu baden eher weniger, mehr als 4 Grad Wassertemperatur habe es hier in unserem spiritual Lake wohl nie…

Erste Wanderettape »Bimose Kinoomagewnan«, ein Schild informiert:

Willkommen bei Bimose Kniimagewnan (Spaziergang der Lehren). Die Anishinaabe-Ältesten aus diesem Gebiet versorgen uns mit mächtigen Nachrichten entlang dieses Weges. […] Alle Menschen, die diesen Lehren folgen werden bessere Menschen sein. Die Ältesten sagen, das der Schöpfer diese perfekte Welt geschaffen hat. Wir, die Menschen, haben das Privileg, hier zu leben. Lasst uns diese Welt genießen.

Klingt vielversprechend, und wir bereuen es wirklich nicht, uns an der auf den ersten Metern im Dickicht lauernden Kreatur – einem sich extrem lautstark auf Medizinballgröße aufpumpenden Vogelwesen – so mutig vorbeigetraut zu haben. Die zweistündige Seeumrundung ohne jede menschliche (und auch weitere tierische) Begegnung läßt selbst Chouchou über seine indigene Seele nachdenken… und Chérie entdeckt schon bei der nächsten Infotafel ihre Tendenz zur spirituellen Wanderpredigerin,

Respekt. Minaadendamowin. Repräsentiert durch den Elch.

Respekt bedeutet viele Dinge, aber eines der heiligsten Dinge ist der Respekt vor allen Lebewesen, die der Schöpfer uns gegeben hat. Respektiere das Land, Wasser, Tiere, Pflanzen, Menschen […]

Es folgen Wahrheit, Demut, Liebe und Mut. Schildkröte, Luchs und Adler. Und noch ein paar mehr. Und vor allem ein wunderschöner Weg…

Auf den Lehrpfad der Ältesten folgen dann noch die Strand-Etappe und der Geister-Pfad, auf letzterem beschleunigt sich Chérie Schritt dann nicht mehr aus Angst vor Bären – hier drohen ganz andere und vor allem ältere Gefahren. Wir kommen trotzdem heil und wohlgemut durch den Wald, nach reichlich Gehoppel über Stock und Stein (davon hat’s hier reichlich) irgendwann auch müde genug um uns gegenseitig zu versichern, den allerletztem Umwegabstecher vielleicht nicht mehr machen zu müssen.

Mittagszeit, eigentlich wieder genug Abenteuer für den Tag erlebt. Eigentlich, aber da war ja noch Chéries Idee mit dem Baden, da können auch Ranger und Chouchous nichts dran ändern. Kurz: Sie tut es wirklich. Am absolut menschenleeren Sandstrand um die Ecke – augenscheinlich eine recht frostige Angelegenheit. Den Respekt Chouchous und sämtlicher Geister aus dem benachbarten Wäldchen hat sie auf jeden Fall.

Daß sie das Campfire später mühelos und ohne jegliches Kleinholz ans Laufen bringt verwundert nach dieser Aktion dann auch gar nicht mehr…

Und dann ist es wieder da. Das Vogelwesen von unserem Pfad-der-Ältesten, jetzt nicht mehr aufgepumpt sondern wohlwollend und schützend unser Camp umkreisend.

Magisch.

Chill-Adventures im Eco-Camp

Lagerfeuer- und Kaffeegeruch, damit beginnt den Globetrottels ihr Tag. Der Rauch vom Vorabend, der Kaffee frisch. Eine volle Tasse verschüttet im Bulli, von beiden Aromen werden wir noch eine Weile etwas haben…

Akkus laden, dem Bulli seine ist leer. Gut eine halbe Kilowattstunde aus der Stromkiste in den Bull, die dann gleich wieder per Sonnenpower aufgefüllt. Und für uns gibts nochmal die gleiche Portion.

Genug Energie für einen Spaziergang. Oder wie die Einheimischen es nennen: Den Big Trail, knapp 5 Kilometer gelten offenbar schon als große Wanderung. Dementsprechend verwildert ist der Jim Guy Adventure Trail, einmal rund um den Campingplatz, die Strapaze hat scheinbar lange niemand mehr in Angriff genommen. Bewaffnet mit den empfohlenen langen Stöcken (gegen die Bären, die es hier aber gar nicht geben soll) treffen wir als erstes auf eine Eule, die aber soweit harmlos zu sein scheint.

Ein Schild klärt über Jim Guy auf: Der Pfad ist nach dem wortkargen und mittlerweile verblichenen Freund der Campground-Kommune benannt, der hier regelmäßig seine Runden drehte – die für uns möglicherweise gerade überlebensnotwendige Information, wie Jim hier ums Leben kam fehlt leider…
Mutig weiter durch die unterschiedlichen Vegatetationszonen, nach lichtem grünen Wäldchen kommen die Weihnachtsbäume, dann die Wahner-Heide-Landschaft. Hier die nächste Wildtierbegegnung, ein Storch klappert im Tiefflug über uns hinweg. Die Stöcke brauchen wir immer noch nicht.

Und dann sind wir bei den vielfach angepriesenen Fossilien, eine Menge versteinerte Muscheln und andere Tierchen, auch die alle harmlos für uns, ebenso der Hase, der hinter seinem Baumstamm sitzend glaubt, wir sähen ihn nicht. Blöd halt, wenn man so lange Ohren hat.

Ganz schön abenteuerlich, so ein Adventure Trail!

Nach dem Vergnügen folgt dann den Globetrottels ihr harten Reisearbeitsalltag: Kaffeekochen, im Sonnenschein in der WiFi-Zone chillen, Pläne für morgen schmieden, Öl umfüllen und in den Bulli gießen und noch mehr chillen.

Und: Gardinen für die Seitentüre nähen, oder besser: kleben, Chérie’s aus gutem Grund solange aufgeschobenes Großprojekt, eine filigrane und nicht ganz unheikle Angelegenheit – aus Chouchous Sicht eindeutig abenteuerlicher, als unsere morgentliche Abenteuersafari…

»Good Job, Chérie!«

Naturpark-Hopping

Was gestern noch geschah:
Das Campfeuer hat dank Chéries Pfadfinderinnenskills irgendwann mit dem Qualmen aufgehört. Und dann kam der Waschbär. Im Stockdunkeln direkt neben dem Magicbus. Kurzer Moment der Todesangst, verzweifelte Suche nach dem Bärenspray (sinnlos, da tief im Bulli vergraben) und der Taschenlampe, wie ging die nochmal an?… und dann sitzt er da, offensichtlich angepisst von dem Streß, den wir da machen… um dann mit augenscheinlich schlechter Laune davonzudackeln…

Zurück zu heute:
Chérie ist froh, die Nacht ohne weitere Bärenattacken überstanden zu haben. Dafür zum Frühstück der nächste Wildlife-Besuch, ebenfalls nur mäßig zutraulich, dabei sollte er eigentlich dankbar sein, dass wir nicht direkt auf seinem Höhleneingang geparkt haben! Was für ein Tier er nun ist verrät er uns leider nicht.

Wie nun weiter? Eigentlich würden wir gerne noch eine Nacht hier bleiben, geht aber nicht, weil langes Wochenende in Kanada, irgendein Nationalfeiertag, unser Plätzchen zwischen Waschbär und Was-auch-immer-Tierchen ist bereits ausgebucht. Also weiter nach Westen, zum Algonquin-Park, mit etwas Glück ist’s da ja auch schön…

Fährefahren über den Ottawa-River:

Stau bei Ottawa, nach 100 Kilometern erster Stop mit randvoller Blase bei Cabela’s, Gas und Mückentot kaufen:

Schnell noch stylish den Bulli volltanken, wir sind in Ontario, Diesel für 1,48$ pro Liter (knapp 1€), für die Kanadier sündhaft teuer, für die Globetrottels ein Schnäppchen.

200 Kilometer endlose Landstraße, auf der Route 60 durch die traumhaften Wälder und urige Dörfchen Ontarios.

16:30 Chéries Frustrationstoleranz beim Versuch, bei eher mäßigem mobilen Internet on the road einen Campingplatz zu buchen ist aufgebraucht.

17:00 Trost durch Großeinkauf im letzten Dörfchen vor’m Nirgendwo.

17:30 Uhr Einfahrt Nationalpark, Algonquin Provincial Park, das Büro am Gate hat unerwarteter Weise noch geöffnet. Camping geht nur mit vorheriger Reservierung, das übernehmen die netten Rangerinnen aber gerne für uns, auch wenn eigentlich alles ausgebucht ist – langes Wochenende und Frühlingsbeginn, ganz Kanada will in die Natur. Ein einziges Plätzchen (von tausenden) ist noch frei… „Yes!!!!“, das nehmen wir…

Der Two-River-Lake-Campground bei einsetzender Dämmerung und Regen: Hunderte von Zelten, Wohnwägen und RVs im riesigen Waldgebiet, und ganz hinten am Fluß noch ein freier Platz: Unserer!

Campen mitten im kanadischen Naturpark hatten wir uns naiverweise einsamer vorgestellt – und trockener: 2 Tage ergiebiger Dauerregen sind angesagt. Aber wir hätten uns ja auch vorab klug machen können, dass es an diesem Wochenende wirklich ganz Kanada in die Wälder zieht…

Erstmal lecker kochen:

Ruhetag

Nachtfrost, Wind und Schneeregen – außer reichlich Wetter passiert heute nicht viel. Die Globetrottels sortieren sich.

(Symbolphoto)

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