Unterwegs im Magicbus

Monat: Juni 2023 (Seite 3 von 3)

Bison-derer Freitag (oder: Eigentlich wollten wir nur Öl wechseln)

Vollkommen kanadisiert ist man ab dem Zeitpunkt, an dem es einem nicht mehr seltsam vorkommt, zum Einkaufen 120km zu fahren.
Vollkommen kanadisiert sind wir also seit heute. Denn heute tun wir ganz genau das. Bis Lethbridge sind es 120 Kilometer. Ein schwerster Sturzregen fällt von einem dichten, grauen Himmel auf graue, leere Straßen, in denen kaltes, graues Wasser nicht mehr abfließt.
Kanada kann vieles, nur “ein bisschen” Wetter, das kann dieses Land nicht. Entweder ganz oder gar nicht. Sintflut an einem Freitag: hervorragendes Wetter für globetrottelige Erledigungen. Und ganz besonders für den Magicbus.

VW Lethbridge hat sich bereit erklärt, dem Abenteuer “Oilchange on a german Eurovan from 1994” ins Auge zu sehen. Unser Termin ist um zehn, alemansmäßig stehen wir um 09:57h auf dem Platz. Also doch noch nicht vollkommen kanadisiert.
Während der Bulli seine Wellnesskur erhält, dürfen wir endlos kostenlosen Cappucchino zapfen. Und so kommt der Magicbus nicht nur zu frischem Öl, sondern auch zu einer Kurzinspektion, die lediglich ergibt, dass die linke CV etwas “greasy” sei. Was auch immer CV sein soll, “greasy” klingt nach Disco, John Travolta und heißem Saturday Night fever. Nehmen wir …

Passend zu dem spektakulären “Head smash”, mit dem ich den gestrigen Abend beenden durfte (Exkurs: Außer einer riesigen Beule ist nichts passiert, aber ich versuche mir in Zukunft zu merken, dass ich meinem Schädel nicht mehr in eine zuknallende Autotür halten sollte. Das ist nicht schlau und tut auch ziemlich weh…), widmen wir uns nach dem Ölwechsel heute einem zweiten UNESCO world heritage Albertas: Head-smashed-in-Buffalo-jump. Auch, damit ich mir ein für alle Mal merke, dass selbst die härtesten und dicksten Schädel irgendwann brechen können.

Head-smashed-in-buffalo-jump.
Eigentlich steht ein Großteil der Geschichte bereits im Namen. Quasi: Nomen est omen.
In Head-smashed-in-buffalo-jump jagten die Blackfoots seit über 7000 Jahren Bisons, indem sie sich einer sehr ausgeklügelten und einzigartigen Technik bedienten.
Die tapfersten Krieger hüllten sich in Bisonfelle, um sich damit unauffällig den durchziehenden Herden zu nähern. Hatten sie die Bisons umkreist, scheuchten sie die Herde auf und trieben sie in Richtung der Klippen, an denen die Tiere zu Tode stürzten. Ein durchweg unheiliger Ort – auch wenn hier viel Wert auf rituelle Zusammenhänge gelegt wird.
Einer der Blackfoots –sehr wahrscheinlich einer der weniger Smarten; so ein Typ, der heutzutage seinen Schädel auch in eine zuknallende Autotür halten würde. Hough, Bruder!– wollte sich der Jagd entziehen und dachte sich wohl: Während sich die anderen schwitzend in ihren Fellen abrackern, guck ich mir das Spektakel einfach legère von unten an. Ein Gaffer, sehr wahrscheinlich etwas moppelig und behäbig, der sich entspannt mit einer Pfeife unten an die Klippen stellte und glotzte. Einer, der heutzutage am ehesten mit Smartphone in der einen und Limo in der anderen Hand dort unten in einem überdimensionierten Campingstuhl säße.
Leider war die Jagd an diesem Tage äußerst ergiebig. Tausende von Bisons stürzten in die Tiefe und begruben den Gaffer unter sich. Der Stamm hatte hiermit gleich drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: genug Beute für den gesamten Winter, einen faulen Gaffer weniger und die Erfindung eines UNESCO – Orts, der sich entsprechend des Ereignisses heute eben “Head smashed in buffalo jump” nennt.
Nicht nur wegen meiner eigenen Head-smash-Tapsigkeit, sondern auch wegen des Wetter (die Sintflut geht weiter), bleiben wir nicht allzu lang. Die Bisons sind hier zwar nicht mehr beheimatet, aber ein Bär treibt in der Gegend sein Unwesen und auch “cougars” seien in den dichtem Sträuchern unterwegs. Erst später finden wir heraus, dass “cougars” Pumas sind – laut Infotafel vor Ort im Gegensatz zu den Bären “really dangerous animals”. Gut zu wissen…im Nachhinein.

In Head-smashed-in-buffalo-jump leben schon lange keine Bisons mehr. Alle zu Tode gestürzt oder vom weißen Mann abgeknallt wegen ihrer Felle. Kurz vor den Waterton Lakes aber soll es noch ein Gehege geben, in dem man die stolzen Büffel erleben kann, wenn man etwas Glück hat. Also soll dies unser nächster Anlaufpunkt sein. Nach so viel Tod lieber Leben.

Langsam tuckern wir auf das Gelände ein, in welchem nur eine schmale Spur zur Befahrung ist: kein Abweichen von den Wegen und bloß kein Aussteigen aus dem Auto! Entweder man sieht die Bisons von dieser Schneise aus oder gar nicht. Für uns soll es unsere Glücksschneise sein. Mal wieder.
Wir erblicken die Herde in sehr weiter Ferne auf einem Hügel stehend. Vielleicht 15 Tiere!? Haben sie möglicherweise sogar zwei Babys an Bord? Als wir uns langsam nähern, um sie genauer zu erkennen, verschwinden die Büffel galoppierend ins Tal, wir sehen sie nun nicht mehr.
Ich bitte Chouchou den –dank neuen Öls– viel zu gut brummenden Magicbus auszustellen. Einfach mal warten. Mal wieder Globetrottels, die auf Hügel starren. So lange, bis die Herde ganz plötzlich auf dem Hügelchen direkt rechts vor uns wieder auftaucht. Um gemütlich und mit massiven, schwankenden Körpern genau auf den Magicbus zuzuhalten.

Ich kann nicht mehr. Die Bisons sind RIESIG! Und sie haben tatsächlich zwei Kälbchen dabei! Nicht auszudenken was jemand fühlt, der schon vor Kühen panische Angst hat.
ICH habe panische Angst vor Kühen. Und noch viel, viel größere vor Kühen mit Kälbchen!
Die Bisons starren uns mit großen Augen an. Der größte unter ihnen schnaubt, taxiert den Bulli genau, bei dem –nur einen Meter weiter– nun vollkommen wumpe ist, ob er neues Öl hat. Ein neuer Kuhfänger wäre besser gewesen. Wobei – bei einem Stockmaß von 2,5m wäre auch der ziemlich überflüssig.
Mein Herz pocht bis zum Hals. Angst und überschwellige Freude, dass die Herde so nah bei uns ist, mischen sich zu einem kaleidoskop-artigen Gefühlschaos.
Die Bisons kommen immer näher, der Leitbüffel schaut mir nun direkt in die Augen. Bloß nicht zurück gucken! Allenfalls nur ganz kurz aus dem Augenwinkel linsen und bloß nicht, bloß nicht hyperventilieren.
Durchatmen. Es ist ganz klar, wer hier der Chef ist. Und er ist da – ganz nah, hier bei uns, und starrt uns noch immer in Grund und Boden.
Erst als wir die Köpfe senken, zieht die Herde langsam weiter. Ruhig, gemächlich, im wiegenden, watteweich-mächtigen Huftritt vorbei am Magicbus gen regnerisch-verhangenen Horizont. Es ist unglaublich. Einfach nur absolut unglaublich!

Und so endet dieser sintflutartig verregnete Freitag am Rande der Rocky Mountains mit zwei Heads-smashed und einem “heart-crashed”.
Es gibt kaum etwas Größeres, sich so klein fühlen zu dürfen. Und dankbar dafür zu sein.
Watteweich-mächtig gen Horizont.
Bisonhappy and lovely heart-crashed.
What a day for a daydream…

Freunde, das Buffet ist eröffnet. All you can eat.

Geschlafen wie die Murmeltierchen, wachen wir zum Murmeltiergepiepse wieder auf. Die kleinen Racker haben diesen klitzekleinen Erdteil fest in der Hand, beziehungsweise fest in ihren kleinen Pfötchen. Sie sind es, die hier den Ton angeben. Pieppiep. Den ganzen Tag. Pieppieppiep.
Piep sagen die stehenden Hörnchen, die Beobachter. Sie checken ganz genau, wer sich nähert, wer Knabberzeug in Petto hat und wer wie lange im Bad braucht. Lebende Warnmelder und sicherlich auch ganz ausgezeichnete Waschweiber; es ist ein Leichtes sich vorstellen, wie hier über vorbeieiernde Camper gelästert wird. Im Chipmunkuniversum.
Die kleinen Resteverwerter fressen alles, was nicht niet- und nagelfest ist – Blümchen, Gras, Chouchous Mikrophon, am allerliebsten aber Camperrestbestände, wahllos und vollkommen angstbefreit bei der Nahrungsbeschaffung.
Es ist ein ausgeklügeltes Spiel, das der Beobachter ansagt:
Hey Leute. Guckt mal alle schnell. Die zwei ungewaschenen Langhaarigen in dem weißen, kleinen Auto, die schnappen wir uns jetzt. Die sind so lahm und tierlieb, die werden sich nicht wehren. Alle zusammen, bei drei. Piep piep piep: Attacke.
Die Absprache läuft zügig und reibungslos. Nicht lange, und die ersten Kompagnions hüpfen über unsere Füße. Sie klauen die Kekse, sie werfen die Tasse um, um an den Kaffee zu kommen, sie trinken aus unserem portablen Kühlschrank – der zugegebenermaßen eine prima Hörnchentränke abgibt.
Der Beobachter soll natürlich Recht behalten. Bei uns dürfen sie das alles.
Es ist noch nicht einmal 10h, die Kunde hat Runde gemacht. Ab sofort campen die Globetrottels im Auge des Murmeltierzenits, im Zentrum des Chipmunkuniversums.
Freunde, das Buffet ist eröffnet. All you can eat.
Und heute Abend schlummern ein paar mit vollgefressenen Bäuchlein schnarchend und piepend in unserem Bettchen.
Ich bin mir einigermaßen sicher, dass es genauso kommen wird.

Dies soll nicht unsere einzige Wildlifeerfahrung für den Tag bleiben. Wir rechnen mit allem auf dem heillos überlaufenen Wanderweg hoch zu den Bertha Falls, denn ganze Horden schwererziehbarer Halbwüchsiger sind mit uns vor Ort. Scheinbar aus pädagogischen Gründen werden diese armen Pubertierchen die verbrannten Hänge von hochmotivierten Erziehern hochgeschleift.
Rotwangige 15-jährige pusten an uns vorbei, brüllen über den schmalen Trail, manche den Tränen nah: Tja Kevin. Vielleicht überlegst Du Dir das nächste Mal vorher, ob Du die heimlich geschossenen Duschbilder von der Kimberley auf Deinem Instaaccount wirlich posten willst. Jetzt: Hoch da!
Wir rechnen mit allem. Mit allem, aber nicht damit…

14h. Wir sind bereits fast am Ende des 8km langen Wanderwegs – 300 Meter vom Magicbus entfernt, das Camp in greifbarer Nähe und plötzlich sehen wir ihn:
Nur 20 Meter vom Trail entfernt, eine Böschung tiefer, sitzt ein ausgewachsener Schwarzbär und zerlegt mit knackenden Beiß- und Schmatzgeräuschen genüsslich ein Reh. Bestimmt eines von den halbwüchsigen, die mich gestern beim Abendspaziergang den See entlang begleitet haben.
Unverhofft und unerwartet, ist es so faszinierend, dass man kaum wegschauen kann.
Es dauert eigentlich einen Moment zu lang zu realisieren, dass wir hier nicht im Zoo sind – und der Bär in keinem Gehege.
Es dauert eigentlich einen Moment zu lang zu verstehen, dass 20 Meter eindeutig zu nah sind, dass 20 Meter von einem ausgewachsenen Schwarzbären sehr flott überwunden werden können, wenn er das wünscht.
Es macht sehr viel Sinn, sehr zügig zu verstehen, dass es aller äußerst viel Sinn macht, jetzt ruhig und besonnen weiter zu gehen. Sofort! Bevor der Bär noch meint, wir wollten ihm seine Beute streitig machen. Bevor der Bär merkt, dass eine Ebene höher bräsige Globetrottels paralysiert auf abgenagte Rehbeinchen starren. Bevor der Bär realisiert, dass dort ein sehr leicht zu erlegendes Abendessen steht und gafft.
Freunde, das Buffet ist eröffnet. All you can eat…

Ehrfürchtig, atemlos, fasziniert, alarmiert, sehr demütig und sehr dankbar für eine unvergessliche Erfahrung erreichen wir ruhigen Schrittes den Magicbus. Um danach innerlich auszuflippen.

Wir Menschen sind schon sehr kleine und manchmal auch sehr dumme Tierchen. Und in der Fresskette nicht unbedingt oben. Das sollte man sich ruhig manchmal klar machen. Vor allem in Gegenden wie diesen…
Freunde, das Buffet ist eröffnet. All you can eat.
Wie schön, dass ich das noch schreiben kann, um danach die Murmeltierchen mit vollen Bäuchlein ins Bettchen zu bringen, wo sie heute Nacht piepend schnarchen und friedlich schlafen dürfen.

Sauber in die Rockies

Der große Moment ist gekommen, heute wird der Bulli gewaschen, ob er will oder nicht, mit dem Insektenfriedhof am Kühler werden wir hier so langsam zum ernsthaften Biohazard, invasive Arten mögen die Kanadier so gar nicht…

Die Jungs von der Truckwäscherei warnen uns netterweise, daß es hier etwas teurer ist als an der Tankstelle, hilf aber nix, beim dem Dirtlevel brauchts schwere Geschütze.

Kaffeefrühstück, rares Campingplätzchen im überfüllten Banff-Park für nächste Woche buchen, bei VW in Calgary Ölfilter (wenn auch ohne Chance auf Ölwechsel) vorbestellen … und nichts wie raus aus Medicine Hat.

Nach 180 Prärie-Kilometern Zwischenstopp bei VW in Lethbridge, unerwartet positive Auskunft am Serviceschalter: Ölwechsel ginge am Freitag, noch besser die Info am Parts-Schalter: Der passende Ölfilter Nr. 074115561 ließe sich bis dahin per Express aus Vancouver bestellen, und sogar das passende Öl, 15W40 mit VW-Norm 50101, wäre dann vorrätig. Supi, Termin und Parts sind gebucht, Thank you, see you on friday!

Einkauf im Walmart, in den so wunderbar genormten Läden finden wir (nagut: Chérie) uns mittlerweile fast blind zurecht, Gemüse direkt am Eingang, Baguette vorne rechts, dann Wasser mit Zitronenspritzer und ganz hinten die Washrooms, es ist so easy!
An der Kasse für Franzosen gehalten zu werden bringt uns kurz aus dem Konzept, das passiert sonst nicht, aber Chérie und Chouchou sind wohl auch nicht die urdeutschesten Namen, da brauchen wir uns nicht zu wundern…

Traditionell wieder Sushiparty im Bulli:

Noch 150 Kilometer bis zum Waterton Nationalpark, wir (der Bulli!) haben es tatsächlich bis in die Rocky Mountains geschafft. Nach insgesamt 7369 Kilometern on the road mündet die Trans-Canada– nun in die Rockymountains-Etappe. Eigentlich Zeit, für ein wenig Poesie, vielleicht sogar eine Prise Pathos – die gibts aber nicht, weil heute bloggt Chouchou.

Berge, See und Präriehunde soweit das Auge reicht, wunderschön, soviel Euphorie muß trotzdem erlaubt sein. Und ein Fuchs und die Antilopen kommen auch noch vorbeigechillt.

Und dann kommt auch Chérie heute noch zu ihrem Vollbad – den Waterton-Lake hat sie dank 7 Grad Wassertemperatur ganz für sich alleine – so daß am Ende der Tages nur noch einer der drei Globetrottels nach müffelnd zu Bett geht.

Kojote mit Medizinhut

Heute ist´s so weit. Seit Tagen beobachtet, bekommen wir sie nach Abfahrt aus den Prärien nun endlich fotogen vor die Linse: die, die wir “die Gazellenartigen” nennen. Oder: die Steppenrehe, die Antilopen der Prärie, die Gazellinskis mit Lamagesichtern und im Alpakamove. Heute finden wir auch heraus, wer diese feinen Viehchelchen wirklich sind. Es sind Gabelantilopen. Oder für die Burschikoseren unter uns: Gabelböcke. Schnellstes Säugetier Amerikas. Ich konnte es selbst nicht glauben, als ich es das erste Mal las. Gabelböcke so weit das Auge reicht, heute immer wieder, in der Summe sicherlich hunderte, verteilt auf 400 Kilometer, an den Straßenrändern, auf Kuhweiden, auf der Fahrbahn, zwischen Sträuchern. Mal sportlich galoppierend, mal träge auf Hügel starrend, einmal nicht flott genug gewesen und daher plattgefahren auf der Straße.

Wen wir heute auch dreimal zu Gesicht bekommen–und leider kein einziges Mal vor die Linse– sind die Steppenwölfe. Präriewölfe. Kojoten. Die, die wir Coyotis nennen und die wir bisher nur gehört haben. Im Gras lauernd, am Straßenrand, auf der Kuhweide. Dort, sehr wahrscheinlich zur coyoti´schen Mittagszeit, ergo: am Esstisch. Alle drei mit funkelnden Augen, die sagen: Mir nimmt keiner die Butter vom Brot. Spitz- und schlitzohrige Gesellen, die man abends im Zwielicht neben dem Magicbus zweifelsohne nicht braucht. Zähnebleckend, bereit für den Nachtisch.

Ansonsten passiert heute nicht viel. 400 Kilometer meist entlang an Agrikultur und freilaufenden Rindern auf Steroiden. So langsam geht auf, warum in den gigantischen Fleischabteilungen der Supermärkte nur ein kleiner Kühlschrank vorgesehen ist für tote Tierteile “raised without antibiotics”. Kanadisches Bio. Eine aus der Zeit gefallene Raststätte voller Mennoniten mit ranzigem Kaffee aus der Gulaschkanone. Grundwasserpumpen, riesige Silos, ratternde Landmaschinen, die gigantisches Land pflügen. Grüne Hügel, teils bewirtschaftet, teils unberührt, die meisten würden im Winter großartige Rodelberge abgeben. Man könnte die Gegend “einlullend” nennen. Oder –mit einer blue mood, so wie sie die Globetrottels heute haben– auch: öde. Westliches Saskatchewan, so also verlassen wir Dich. Vor uns liegt Alberta: der “wild rose country”, der für uns in Medicine hat beginnt.

Medicine hat. Klingt gesund und super. Woher der Name stammt, lässt sich nicht eroieren. Vielleicht daher, dass der größte Medizinmann der Welt im größten Tipi der Welt (steht am Ortausgang) die größte Heilung des Universums abgehalten hat. Vielleicht.
Oder daher, dass jedem Einwohner empfohlen wird, den größten Medizinhut der Welt zu tragen, um sich vor möglichen Gasunfällen zu schützen; Gas, das in Medicine Hat gefördert wird. Vielleicht.
Vielleicht ist mit “Medicine Hat” auch nur ein einfacher Sonnenhut gemeint. Bei den meisten Sonnenstunden im Jahr kanadaweit – sagt zumindest das kanadische Institut of “environment and Climate Change” –wäre ein solcher ja durchaus empfehlenswert. Vielleicht.

Wir wollen von Medicine Hat eigentlich nur einen Ölwechsel und eine Pizza. Beides sollen wir nicht bekommen.
VW hat keine Termine vor nächsten Dienstag, aber den großen Bullifan Stephen, der lediglich Automatikvans kennt.
Canadian Tire hat weder das richtige Öl, geschweige denn den passenden Filter, aber einen guten Tipp, wo es für uns weiter gehen könnte.
Bei Mobile 1 wird äußerst engagiert an die Sache heran gegangen, aber der nötige Filter sei weder vorrätig, noch gelistet, noch lieferbar.
Nach knappen zwei Stunden erklären wir das Projekt Ölwechsel für abgehakt. In Calgary werden wir erneut unser Glück probieren. Auf Pizza haben wir mittlerweile keine Lust mehr, stattdessen gibt es Veggieburger. Den einzigen der ganzen Stadt und sehr wahrscheinlich als Pioniere. Schmeckt. Also Fett statt Öl. Schade, dass die Garlic Parmesan Pommes aus waren.

Heute Nacht bleiben wir in Redcliff am Sportplatz.
Die Sonne steht noch nicht schief, mit unseren Nachbarn aus Missisippi haben wir uns bereits angefreundet. Ein paar Gabelböcke rennen die Straße entlang, weg vom Baseballfeld, mit Lamagesichtern und im Alpakamove. Es ist warm, nicht mehr so heiß wie gestern. Der Veggieburger sackt und so langsam könnte ich einen Nachtisch vertragen. Kein Lust auf Brot, von dem ich mir nicht die Butter nehmen lassen würde. Zähnebleckend in Redcliff auf der Picknickbank. Ich brauch was richtiges…
Alberta, country of wild roses, weckt möglicherweise den Steppenwolf in einem.
Na ja, oder zumindest den Kojoten.
Einen kleinen, tapsigen mit einem lustigen Medizinhut auf, tief ins schlitzohrige Coyotigesicht gezogen, unter dem sehr hungrige Augen funkeln.

Die Präriehunde vom Grasslands-Park

Vorab der Sonnenuntergang von gestern, eher von der spektakulären Art, monsterbunt, vielleicht typisch amerikanisch?

Chérie hört Kojoten heulen, Chouchou bloß kichernde Nachbarcampende in hunderten Metern Entfernung, so richtig still will es an „einer der leisesten Orte der Welt“ nicht werden…
Die Nacht im Bulli danach eher stürmisch, bei auf 32 Grad aufgeheiztem Bulli mussten die Schotten offenbleiben, Durchzug im Dachzelt mit Windstärke 4 — unbedingt vormerken: kommende Nacht Mütze tragen!
Morgens Präriehunde vorm Bulli. Diesmal wirklich, die lustigen Gesellen der letzten Tage waren wohl doch eher Biberartige. Einer wohnt direkt unter unserer Feuerstelle, keine Ahnung, ob es sich um ein ungewöhnlich doofes oder doch eher ein monsterintelligentes Exemplar handelt, das gerade für seine Gattung die Nutzung des Feuers entdeckt? In dem Fall wird es vermutlich als nächstes das Rad erfinden.

Clever sollen die Hündchen ja ohnehin schon sein und über ein ausgeklügeltes Repertoire an Warnrufen verfügen, das sogar zwischen unterschiedlichen Arten sich nähernder Menschen unterscheiden kann. Der Warnruf vor Chouchou lautet eindeutig „Piep“. Einen Raubvogel für weitere bioakustische Experimente steht uns leider gerade nicht zur Verfügung.
Prärie-Spaziergang: Querfeldein, das ist hier ausnahmsweise im Nationalpark mal nicht verboten sondern sogar empfohlen, hoch auf den Ausguckhügel. Zwecks Runtergucken.

Später noch Präriekundebaby gucken:

Der Wachhund macht „Piep“:

Und natürlich Lagerfeuer, für 9€ *Campfire-Permit* dürfen wir soviel Holz verfeuern, wie wir wollen. Gar nicht gut für den CO2-Footprint, zumindest riecht es aber nicht nach verbranntem Präriehund.

Globetrottels, die auf Gras starren

Bereits um halb sieben knallt die Sonne aufs Hochdach: Sonntag Morgen in Rockglen räumt mit dem Vorurteil auf, Kanada könne nur kalt. Um sieben hat es bereits 27 Grad im Magicbus. Sommerausbruch.

Der angedrohte Tornado ist ausgeblieben. Stattdessen hatten wir eine der ruhigsten Nächte der gesamten Reise. Die letzte Straße vor den USA befährt in der Samstagsnacht niemand. Wir haben es überprüfen können. Und den Bulli nachts nicht abgeschlossen.

Mit frisch gewaschener Kleidung geht es heute für uns weiter. Auch hierfür: Danke liebes Visitor Center! Wir durften nicht nur Windschutz hier finden, nicht nur Stellplatz mit Dorfanbindung und Strom, nicht nur reizende Menschen, nicht nur Omis Badezimmer zur Mitbenutzung mit kanadaweit eingesammelten Shampoopröbchen, sondern auch den größten Hygieneluxus der letzten vier Wochen: eine kostenlose Waschmaschine mit Trockner. Über Nacht haben wir hier alles reingesteckt, was nicht niet- und nagelfest war. Kurzzeitig habe ich sogar überlegt, Rudi mitzuwaschen, das aber ging dann doch ein wenig zu weit.

Wir starten heute also den zweiten Versuch –tornadofrei– in die Grasslands zu kommen. Der Himmel ist strahlend blau und wolkenlos, jetzt muss nur noch der Magicbus mitspielen. Denn in die Grasslands führt nur Schotterpiste. Und Schotterpiste –so haben wir bereits gelernt– mag der Bulli nur, wenn das Gras von links weht, die Sterne probiotisch gegen den Uhrzeiger drehen, die Sonne im Norden untergeht und acht Adler über uns kreisen.
Heute also!? Ja, so ist es.

Die Grasslands.
Vor unseren Augen erstreckt sich endloses Grün – wie es sich für anständiges Grasland gehört. Sich sanft wiegende Hügel, end- und baumlos, saftig. Die Prärien, Kanadas Steppe.
Weitblick wie am Meer. Die steife Brise auch. Aber statt nach Salz, riecht es nach undefinierbaren ätherischen Ölen knorriger Sträucher, deren Namen wir nicht kennen. Gleißende Sonne, Hitze auf der Haut. Keine Mücken – und auch sonst keine gefährlichen Tiere, weiß Trish, die plauderige Parkmitarbeiterin, die uns begeistert in Empfang nimmt. Ein Präriehund flitzt trotzdem vorüber.
Der Magicbus parkt ohne Murren, Knurren, Klackern, Quietschen oder Kreischen ein: Panoramablick.

Im Firepermit ist so viel Holz enthalten, wie man verfeuern kann. Also endlos. So wie der Blick. So wie die Freude darüber, hier sein zu dürfen. An diesem unfassbaren Ort, dessen Schönheit sich nicht in Worte fassen lässt.

Den Rest des Tages passiert nicht mehr viel. Globetrottels, die auf Gras starren. Mal mit Fernglas, mal ohne. Es gibt beeindruckend wenig zu sehen in dieser Weite. Nur in ganz weiter Ferne entblößt sich gegen drei ein einsamer Künstler, der mit einer selbstgebastelten Lochkamera Aktbilder von sich selbst am Flüßchen schießt.
“In this wilderness I am not shy,” sagt er. Die Weite und Ruhe tut uns allen sehr gut.
Genauso wie das große Feuer, das wir schon am Nachmittag entzünden und das –dank der steifen Brise– wie eines des stolzesten seiner Art brennt.

Endlos weit schauen, sich vom Winde verwehen lassen, Sonne auf der Haut, so hoch lodern wie es geht und brennen wie das Stolzeste seiner Art. Genau so sollte es öfter sein.
“In this wilderness I am not shy.”
Drückt mal bitte jemand auf den Auslöser!?

Vom Wetter verweht in Saskatchewan

Die Hauptattraktion von Moose Jaw? Elch natürlich. Und zwar der größte der Welt: Mac the Moose, den müssen wir uns natürlich angucken, Mööp und so…

Und Mac ist mit seinen 10 Metern wirklich groß, zwischenzeitlich gab’s in Norwegen mal einen größeren, das ging natürlich gar nicht, hier in Kanada muß jede ordentliche Stadt mit »größtes Irgendwas« werben – also hat Mac jetzt ein neues Geweih und ist wieder The Biggest Elch. Mööp!

Der Globetrottels-TV-Beitrag ist dank springlustiger Amis beim ersten Versuch im Kasten, wir werden von zwei Kanadiern angesprochen, wieder einmal hat der fremdartige Bulli die Neugierde geweckt und wieder einmal stoßen unsere Reisepläne auf große Begeisterung.
Das Farmerehepaar aus Dawson Creek reist selber gerade in entgegengesetzter Richtung gen Osten. Und den Unterschied zwischen »Moose« und »Elk« kennen sie ganz genau, einmal im Jahr erlegen sie einen der deutlich größeren »Moose« und zehren dann den Rest des Jahres davon und schauen uns ob unseres Vegetariertums bloß mitleidig an. Sehr sehr mitleidig. Und wirklich sehr sehr nett, die zwei.

Auch mit den überall rumwuselnden Nagetierchen kennen sie sich im Tierreich besser aus also Chouchou, die vermeintlichen Ratten seien »Ground Hogs« (von Google übersetzt zu »Murmeltier«, aber damit liegt der Translator in der Artenbestimmung fast so schief wie Chouchou).

Zutraulich und süß sind die kleinen Tierchen auf jeden Fall und erwärmen nachhaltig Chéries Herz. Und auf deutsch sind es »Präriehunde« – unserer aufwändigen Recherche nach zumindest…

Auf nach Süden. Im Grassland Nationalpark sind zwei Übernachtung gebucht, 200 Kilometer bis dahin, der Magicbus klingt mit frischem Diesel, Kühlwasser und Motoröl heute wieder fröhlicher, genauso wie wir, aufgesättigt mit leckerem Kaffee.

Quer durch feinste hügelige Graslandschaft in sämtlichen shades of green, sagte irgendwer was von *Grassland“? Wunderwunderschön die Landschaft, die Hochebene bringt uns zum staunen und den Bulli mit seinen Steigungen (und den sommerlichen Temperaturen) ordentlich ins Schwitzen.

Alarm – Alarm – Alarm, jetzt kommen auch wir ins Schwitzen, unsere Handy kreischen in gräßlichen Tönen, Cell Broadcast Emergency Alert:

Alarmstufe Hoch, »deutliche Bedrohung für Leben oder Besitz« – im Bereich unserer Funkzelle bestehe höchste Tornado- und Gewittergefahr: »Take cover immediately if threatening weather approches«.

Im Umkreis von 30 Kilometern gibt es hier nix außer unserer Straße und grünen Wiesen, wo sollen wir hier »unverzüglich Schutz suchen«? Von Tornados zwar bislang keine Spur, aber ganz so pitoresk und harmlos wie noch vor 5 Minuten wirken die Wolkenformationen plötzlich überhaupt nicht mehr, und der Wind scheint auch deutlich zuzunehmen. Und warum ist uns seit gefühlten Ewigkeiten kein anderes Auto mehr begegnet? Wie schnell kann so ein Tornado überhaupt sein, schneller als der Bulli?

Nur dank Chéries Gabe, die Zeichen der Tierwelt so präzise zu deuten gelingt es uns, einen kühlen Kopf zu bewahren: Die Kühe auf den Wiesen wirken noch ganz entspannt, also auch für uns keinen Grund, in Panik auszubrechen!?

Vollgas geben wir trotzdem, jagen den armen Bulli mit 90 Sachen die Hügel rauf, aber auch für ihn wird das ja wohl gesünder sein, als vom Tornado verweht zu werden.

Zwei Antilopenartige und ein Kojote am Wegesrand, auch noch ganz entspannt, im Gegensatz zu uns, die wir glatt das Knipsen vergessen. Was tun wir denn eigentlich, wenn so ein Tornado vor uns steht? Die Empfehlungen für so einen Fall sind widersprüchlich, so eine Situation gilt wohl als eher ungünstig, im Wagen bleiben und sich unter die Scheibe ducken oder aussteigen und im tiefergelegenen Graben Schutz suchen? Klingt definitiv beides unspaßig.

Wieder erwarten erreichen wir lebendig Rockglen, das einzige Dörfchen weit und breit. Die Straßen verlassen – sitzen die alle schon im Bunker? Mitnichten, das ganze Dorf versammelt sich in der Community Hall zu einer Beerdigung. So auch Marge, die nette Dame in Schwarz am Straßenrand, die wir verängstigt ansprechen: Wie ernst ist die Lage?

Marge, sie lebe ihr ganzes Laben lang (also ca. 70 Jahre?) hier, ist ganz entspannt. So eine Warnung habe es gestern auch, aber keinen Tornado gegeben. Blick in den Himmel: »Severe Clouds« – Ordentlich Wetter sei wohl schon im Anmarsch. Und yes, in den Nationalpark könnten wir aus ihrer Sicht schon fahren, wenn es für uns kein Problem sei, dort nach eventuellen Unwettern bei aufgeweichten Straßen dann ein paar Tage, maybe a week festzusitzen. Sie selber würde sich momentan aber lieber ein anderes Ziel aussuchen…

Wir fassen zusammen: Offizielle höchste Unwetterwarnstufe bis morgen früh auf sämtlichen Kanälen, beeindruckende Wolkenformationen, die Locals raten vor der Fahrt in den Nationalpark (offene und verlassene Prärie!) ab, deren 20 Kilometer lange Schotterstrecke den Bulli schon bei Schönwetter an seine Grenzen brächte. Wäre es eventuell ein klein bisschen dämlich, die geplante Route jetzt fortzusetzen…?

Fügung des Schicksals: Das *Rockwell Visitor Center“ wirbt mit (in keiner Camping-App verzeichnetem) »Trailer Park«: Gemütliche und komfortablen Stellplätzen in sicherer Lage am Rand des sympathischen Dörfchens.

Womit die Entscheidung wohl klar ist, wir schießen die 40 Dollar für die Reservierung im Nationalpark in den Wind und bleiben, mit Heck in Windrichtung geparkt, erstmal hier.

Dörfchenspaziergang. Eine Wagenkolonne zieht vorbei, von der Community Hall zum Friedhof, traurig aber freundlich winkt man uns zu, und schon sind wir wieder allein auf den wenigen Sträßchen Rockglens, dem verlassenen Dörfchen, an dem einfach alles und jedeR sympathisch und freundlich zu sein scheint.

Coole Sache, so eine Tornadowarnung, ohne die wir diesen Ort nie gefunden hätten…

Mit dem Problembulli nach Saskatchewan

5 Uhr, Sonnenaufgang, die Vöglein beginnen zu singen und der Verkehr auf Highway 1 nimmt wieder Fahrt auf – und gefühlt alles zusammen mitten in unserem Dachzelt… an Schlaf ist nicht mehr zu denken. Wir wollten Trans-Canadian-Highway, wir bekamen Trans-Canadian-Highway. Nur Kampieren tun wir demnächst doch lieber etwas abgelegener.

Zwei Stunden, der vermutlich irgendwie gesetzlich vorgeschriebene Globetrottels-Warmlaufzeit, später sind wir wieder on-the-road, gut 600 Kilometer sind geplant, unsere bislang längste Etappe. Schnurgerade, ebene, autobahnartige Straße, kaum Verkehr, alles supi, der Bulli schnurrt, raus aus Manitoba, nächster Bundesstaat: Saskatchewan.

Nächster Zeitzonensprung, wieder eine Stunde gewonnen, und jetzt 8 Stunden hinter der Heimat zurück.

Vor uns die Prärien. MarcoPolo schreibt: „Das Klischee vom Brotkorb Kanadas kommt nicht von ungefähr. Es ist ein ganz besonderes Kanada-Feeling, stundenlang auf dem Trans-Canada-Highway durch wogende Weizen- und Rapsfelder der gewaltigen Ebene zu fahren – alleine den fernen Horizont im Blick„.

Für wogenden Weizen und Raps ist’s wohl noch zu früh im Jahr, ansonsten kommt das in etwa hin.

Stopp im Außenbezirk von Regina, vermutlich der Landeshauptstadt mit den wenigsten Sehenswürdigkeiten ever. Eine davon wären die hier berüchtigten Gewitterstürme, stattdessen gibts heute aber bloß Nieselregen. Dawat Indian hat geschlossen, statt indischem Fastfood gibt’s bloß Kaffee bei Hortons. Frisches Motoröl und Nagellack kaufen bei Walmaart, Pommes auf die Hand… Stadtbesichtigung beendet.

Der Bulli pfeift und heult wieder vorne rechts, fast so laut wie damals in Trier. Wir hoffen, daß es ihm einfach in der Prärie ein wenig zu warm geworden ist, mehr als gut Zureden und ein Extraschlückchen 10W40 können wir wohl gerade nicht für ihn tun. Außer ein paar indigenen Gesängen anstimmen vielleicht, das heben wir aber noch für morgen auf. Um uns selber damit zu trösten…

80 Kilometer bis Moose Jaw, in der schnuckeligen Kleinstadt hat’s einen Campingplatz, wir ergattern den letzten freien Platz. Nicht gerade ein gigantisch-schöner Nationalpark-Campground, für eine Nacht aber praktisch und nett – und mit viel Spaß-Faktor, den Kanadiern beim Wochenend-City-Campen zuzugucken…

Statistik nach 4 Wochen On-the-Road:

  • 19 Camps
  • 1 Pfarrer-Engels-Heiliger-Ort
  • Bären: 2 Schwarz ein Wasch
  • Reichlich Biber und Eichhörnchen.
  • 6342 Kilometer gefahren
  • 484 Liter Diesel, 1/2 Liter Kühlwasser und 9,5 Liter Motoröl für den Bulli
  • 1 Monsterdose Mückenspray versprüht
  • trotzdem gefühlt 2000 Moskitostiche abbekommen
  • 12 Gigabyte Datenvolumen versurft
  • 1 Handy zerstört

Auf nach Manitoba

Es ist das Wunder der Verdrängung, dass wir diese Nacht gut schlafen. Ein angemessen sensibler Mensch hätte das Alptraumgetier des gestrigen Abends in seine Träume mitnehmen müssen, es wäre nicht anders gegangen.

Entspannt wollten wir nur noch den Sonnenuntergang am Rainy River genießen, bevor es früh zu Hochbett geht. Am kleinen weißen Leuchtturm der sinkenden Sonne hinterher schmachten, ein Blick rüber in die USA –es sind nur 50 Meter über den Bach– und maximal noch ein paar Mücken zärtlich kaputt hauen, die genüsslich ihr Abendmal auf den Stellen unserer nackten Unterarme einnehmen, die nicht gänzlich mit toxischem Deet eingesprüht wurden. Viel Platz war nicht mehr: auf Unterarmen und im Erlebniskosmos.

Eigentlich hätten Horrorfische nicht mehr reingepasst. Und eine Schlange auch nicht. Vor allem nicht, wenn man nur Plastikschühchen an den Füßen trägt. Eigentlich. Aber manchmal kann man es sich halt nicht aussuchen…
Und so durften wir all dies noch erleben, an einem letzten warmen Sommerabend im Mai in Barwick, Kanada, kurz vor der US-Grenze, kurz vor Betthupferl:
Eine Armee kämpfender Gruselfische am Flussufer des Rainy Rivers, jedes Schuppenvieh mindestens 2 Meter lang, mit müllfressendem Welsgesichtern und Haifinnen. Mehr Krokodil als Fisch. Die wahrlich beste Grenzsicherung, die man sich vorstellen kann. Denn schwimmen will so hier niemand mehr. Es sei denn, er wäre suizidal.

Das nächste Wildtiererlebnis lässt auch am nächsten Tag nicht lange auf sich warten. Mittlerweile ist es Juni. Wir sind immer noch in Barwick: zweiter Versuch, die heiligen Begräbnishügel in Kay-Nah-Chi-Wah-Nung (wieder abgeschrieben) zu besuchen.

Der Bulli schreit bereits auf dem Schotterpfad zum RoundHouse. Mal wieder hat sich ein Steinchen irgendwo zwischen Bremsklötzen und Reifen verklemmt. Mal wieder klingt es schreiend erschütternd. Mal wieder kurz vor Infarkt – ich. Nicht der Magicbus. Dabei lässt sich –mal wieder– das Problem einfach lösen, indem man geduldig, ruhig und langsam vor- und zurücksetzt, bis sich der Verkeilte entkeilt und auf der Schotterpiste das Weite abseits des Radlagers sucht. Drei Dinge, in denen ich nicht gut bin: Geduld, Ruhe, Langsamkeit. Chouchou –Gott sei Dank– schon.

Anyway. Wo war ich stehengeblieben?
Richtig. Wildtiererlebnis.
Gestern wollten wir nicht mehr auf den Trail, da wir nicht ausreichend auf Wölfe vorbereitet waren. Heute sind wir das – schwerbewaffnet mit einstudierten Wolfsgesängen auf den Stimmbändern und Bärenspray im Anschlag. Es soll jedoch kein Wolf sein, der uns in die Flucht schlägt. Es sind –ganz geheim– viel mächtigere Tiere, die uns den Weg versperren: Mücken.
Obwohl wir erneut von Kopf bis Fuß einge-deet-et sind und wie wandelnder Atommüll riechen, stört das die Moskitos nicht die Bohne. Bereits nach den ersten Metern sitzen sie in jeder Ritze, die nicht abgedeckt ist: in Nasenflügeln, Ohrmuscheln, Augenwinkeln. Chouchous Mütze sieht aus, als sei sie nicht einfarbig, sondern melliert.
Wir lernen: Wer Mücken auf dem Trommelfell hat, der braucht keine Wolfsgesänge mehr. Nach 5 Minuten kapitulieren wir und treten den Rückzug an.
Die Wettergötter des 1. Junis haben entschieden: Keine Hügel für uns heute. Und die Mücken lachen hustend in der Morgenschwüle.

Über den einsamen Highway 71 geht es für uns zurück auf den Transkanadischen Highway, heute: “Heart of Canada”-Route. Das Schild: Center of Canada fliegt am Straßenrand vorbei. Verrückt. Es schwupst gut, der Magicbus kreischt nicht und zeigt auch ansonsten keine Malaisen, die Temperatur steigt bis zum Mittag auf 30 Grad. Sommer im äußersten Westen Ontarios.

So geht es vergnügt bis kurz vor Manitoba. Dann rauschen wir in eine Vollsperrung. Der Transcanadian wird abgeriegelt. Diverse Feuerwehrautos, Paramedics, Polizei und weitere Einsatzkommandos sind die einzigen, die sich durch die stehende, stetig länger werdende Blechparade noch durchquetschen. Alan – unser Leidensgenosse im Auto hinter uns– erzählt uns beim gemeinsamen Pläuschchen, dass das ganz und gar kein gutes Zeichen sei. Erfahrungsgemäß sei jemand gestorben, passiert hier täglich in den Baustellen, dann ist die Straße –auch aus Respekt– die gesamte Nacht dicht. Blöd für uns, denn es gibt weit und breit keine alternative Straße gen Westen. Noch blöder aber für den Toten … auch das muss man fairerweise zugeben.

Nach knappen drei Stunden gehts weiter. Gutes Zeichen: Gestorben ist –Gott sei Dank– niemand. Es hat nur eine kleine Sprengung gegeben. Und einen Blechschaden bei einem Jeep und einem RAM. Eigentlich ein Wunder, dass bei einer Kollision zwei so fetter Karren niemand über die Wupper ging. Offenbar hochmotivierte Schutzgeister dort oben in Manitous Wonderland. Chapeau und Good job!

Winnipeg.
Mit ordentlich Verzögerung rollen wir auf dem Ring der Metropole in Kanadas Mitte ein. Wir sehen gigantisch-bunte Einkaufsviertel, nicht fußgängerunfreundlich, sondern fußgängerunfähig. Futuristisch-apokalyptische Wohneinheiten an den Stadträndern, mit Leuchttürmen als Viertelseingang abgesteckt. Bescheidener Wohlstand in anthrazit, der modernes Leben am Rand der Großstadt vergaukelt. Vom Munde abgespart und leer. Nach der Einkaufsrunde drehen wir ab und fahren weiter.
Nicht mehr weit, aber weit genug.

Am Rande der Stadt gibt es einen lauten, praktischen Campground, dort bleiben wir heute Nacht – den vorbeirauschenden Autos zuhören und diesen unverwechselbaren Vögeln Manitobas:
Mit einem steil abfallenden Ton klingen die Piepmätze hier wie Kamikazeflieger, die eine akkustische Bruchlandung simulieren. So, als wollten sie sich mit Karacho zu Boden stürzen und ihren kleinen Federkörper zerdeppern.
Unerschrocken und angstfrei, mehr Flugsaurier als Vogel.
Das sind so Typen, die würden auch durch den Rainy River schwimmen. Ohne mit der Vogelwimper zu zucken und mit Plastikschühchen an den Füßen.

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