Unterwegs im Magicbus

Auf nach Manitoba

Es ist das Wunder der Verdrängung, dass wir diese Nacht gut schlafen. Ein angemessen sensibler Mensch hätte das Alptraumgetier des gestrigen Abends in seine Träume mitnehmen müssen, es wäre nicht anders gegangen.

Entspannt wollten wir nur noch den Sonnenuntergang am Rainy River genießen, bevor es früh zu Hochbett geht. Am kleinen weißen Leuchtturm der sinkenden Sonne hinterher schmachten, ein Blick rüber in die USA –es sind nur 50 Meter über den Bach– und maximal noch ein paar Mücken zärtlich kaputt hauen, die genüsslich ihr Abendmal auf den Stellen unserer nackten Unterarme einnehmen, die nicht gänzlich mit toxischem Deet eingesprüht wurden. Viel Platz war nicht mehr: auf Unterarmen und im Erlebniskosmos.

Eigentlich hätten Horrorfische nicht mehr reingepasst. Und eine Schlange auch nicht. Vor allem nicht, wenn man nur Plastikschühchen an den Füßen trägt. Eigentlich. Aber manchmal kann man es sich halt nicht aussuchen…
Und so durften wir all dies noch erleben, an einem letzten warmen Sommerabend im Mai in Barwick, Kanada, kurz vor der US-Grenze, kurz vor Betthupferl:
Eine Armee kämpfender Gruselfische am Flussufer des Rainy Rivers, jedes Schuppenvieh mindestens 2 Meter lang, mit müllfressendem Welsgesichtern und Haifinnen. Mehr Krokodil als Fisch. Die wahrlich beste Grenzsicherung, die man sich vorstellen kann. Denn schwimmen will so hier niemand mehr. Es sei denn, er wäre suizidal.

Das nächste Wildtiererlebnis lässt auch am nächsten Tag nicht lange auf sich warten. Mittlerweile ist es Juni. Wir sind immer noch in Barwick: zweiter Versuch, die heiligen Begräbnishügel in Kay-Nah-Chi-Wah-Nung (wieder abgeschrieben) zu besuchen.

Der Bulli schreit bereits auf dem Schotterpfad zum RoundHouse. Mal wieder hat sich ein Steinchen irgendwo zwischen Bremsklötzen und Reifen verklemmt. Mal wieder klingt es schreiend erschütternd. Mal wieder kurz vor Infarkt – ich. Nicht der Magicbus. Dabei lässt sich –mal wieder– das Problem einfach lösen, indem man geduldig, ruhig und langsam vor- und zurücksetzt, bis sich der Verkeilte entkeilt und auf der Schotterpiste das Weite abseits des Radlagers sucht. Drei Dinge, in denen ich nicht gut bin: Geduld, Ruhe, Langsamkeit. Chouchou –Gott sei Dank– schon.

Anyway. Wo war ich stehengeblieben?
Richtig. Wildtiererlebnis.
Gestern wollten wir nicht mehr auf den Trail, da wir nicht ausreichend auf Wölfe vorbereitet waren. Heute sind wir das – schwerbewaffnet mit einstudierten Wolfsgesängen auf den Stimmbändern und Bärenspray im Anschlag. Es soll jedoch kein Wolf sein, der uns in die Flucht schlägt. Es sind –ganz geheim– viel mächtigere Tiere, die uns den Weg versperren: Mücken.
Obwohl wir erneut von Kopf bis Fuß einge-deet-et sind und wie wandelnder Atommüll riechen, stört das die Moskitos nicht die Bohne. Bereits nach den ersten Metern sitzen sie in jeder Ritze, die nicht abgedeckt ist: in Nasenflügeln, Ohrmuscheln, Augenwinkeln. Chouchous Mütze sieht aus, als sei sie nicht einfarbig, sondern melliert.
Wir lernen: Wer Mücken auf dem Trommelfell hat, der braucht keine Wolfsgesänge mehr. Nach 5 Minuten kapitulieren wir und treten den Rückzug an.
Die Wettergötter des 1. Junis haben entschieden: Keine Hügel für uns heute. Und die Mücken lachen hustend in der Morgenschwüle.

Über den einsamen Highway 71 geht es für uns zurück auf den Transkanadischen Highway, heute: “Heart of Canada”-Route. Das Schild: Center of Canada fliegt am Straßenrand vorbei. Verrückt. Es schwupst gut, der Magicbus kreischt nicht und zeigt auch ansonsten keine Malaisen, die Temperatur steigt bis zum Mittag auf 30 Grad. Sommer im äußersten Westen Ontarios.

So geht es vergnügt bis kurz vor Manitoba. Dann rauschen wir in eine Vollsperrung. Der Transcanadian wird abgeriegelt. Diverse Feuerwehrautos, Paramedics, Polizei und weitere Einsatzkommandos sind die einzigen, die sich durch die stehende, stetig länger werdende Blechparade noch durchquetschen. Alan – unser Leidensgenosse im Auto hinter uns– erzählt uns beim gemeinsamen Pläuschchen, dass das ganz und gar kein gutes Zeichen sei. Erfahrungsgemäß sei jemand gestorben, passiert hier täglich in den Baustellen, dann ist die Straße –auch aus Respekt– die gesamte Nacht dicht. Blöd für uns, denn es gibt weit und breit keine alternative Straße gen Westen. Noch blöder aber für den Toten … auch das muss man fairerweise zugeben.

Nach knappen drei Stunden gehts weiter. Gutes Zeichen: Gestorben ist –Gott sei Dank– niemand. Es hat nur eine kleine Sprengung gegeben. Und einen Blechschaden bei einem Jeep und einem RAM. Eigentlich ein Wunder, dass bei einer Kollision zwei so fetter Karren niemand über die Wupper ging. Offenbar hochmotivierte Schutzgeister dort oben in Manitous Wonderland. Chapeau und Good job!

Winnipeg.
Mit ordentlich Verzögerung rollen wir auf dem Ring der Metropole in Kanadas Mitte ein. Wir sehen gigantisch-bunte Einkaufsviertel, nicht fußgängerunfreundlich, sondern fußgängerunfähig. Futuristisch-apokalyptische Wohneinheiten an den Stadträndern, mit Leuchttürmen als Viertelseingang abgesteckt. Bescheidener Wohlstand in anthrazit, der modernes Leben am Rand der Großstadt vergaukelt. Vom Munde abgespart und leer. Nach der Einkaufsrunde drehen wir ab und fahren weiter.
Nicht mehr weit, aber weit genug.

Am Rande der Stadt gibt es einen lauten, praktischen Campground, dort bleiben wir heute Nacht – den vorbeirauschenden Autos zuhören und diesen unverwechselbaren Vögeln Manitobas:
Mit einem steil abfallenden Ton klingen die Piepmätze hier wie Kamikazeflieger, die eine akkustische Bruchlandung simulieren. So, als wollten sie sich mit Karacho zu Boden stürzen und ihren kleinen Federkörper zerdeppern.
Unerschrocken und angstfrei, mehr Flugsaurier als Vogel.
Das sind so Typen, die würden auch durch den Rainy River schwimmen. Ohne mit der Vogelwimper zu zucken und mit Plastikschühchen an den Füßen.

2 Kommentare

  1. Hans-Jürgen Grundmann

    Ouiouiouioui. Das war ein Tag! Alles dabei. Wilde Tiere im Wasser und in der Luft. Flirrende Hitze im Stillstand. Unendliche Weiten und letztendlich ein beschaulicher (oder nicht?) Stellplatz zum Tagesabschluß. Bin gespannt auf den nächsten Tag! DeP.

    • Joana

      Liebster Pabels!
      Ein Tag mit alles dabei. Dann schlummert man abends sogar direkt neben der Autobahn wie ein Baby…
      Fest gedrückt,
      Der Anelie

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