Unterwegs im Magicbus

Monat: Mai 2023 (Seite 3 von 4)

What are you waiting for, honey?

Was für eine einsame und eiskalte und stille Nacht. Außer dem Schulbus, der am Morgen die buddhistischen Kids aus dem weltberühmten Kloster Gampo Abbey winkend abholte (an dieser Stelle kurz Danke an Pema Chödrön, die dieses Kloster leitet und unter anderem das unglaubliche Buch “Wenn alles zerbricht” geschrieben hat -quod erat demonstrandum), ist tatsächlich niemand vorbei gekommen. Nicht einmal im Schnee gibt es Elchspuren. Der befürchtete Grusel ist also ausgeblieben. Und wir allein im Meeresrauschen.
(Noch wissen wir nicht, dass genau das in 2 Stunden sehr gruselig werden soll…aber dazu später mehr.)

Mit kalten Nasen und dicken Wollmützen schlafen wir so lange wie noch nie in Kanada. Erst gegen halb acht trauen wir uns aus warmen Federn heraus, hinein in die kristallklare Luft- mit drei Lagen Buxen übereinander. Denn selbst um diese Uhrzeit hat es noch immer unter null Grad.

Über den verschneiten Waldpfad tapern wir mit 4 Crocs, 8 Socken (viel zu wenig!) und Kaffee auf unsere einsame Klippe und schauen unzählbaren Delfinen beim Luft holen zu. Frühstücksfernsehen de luxe, dem ansonsten nur noch die Hummerfischer in bunter Jolle 100m unter uns beiwohnen und denen sicher kein Jubelschrei mehr entfährt, als kurz darauf sogar ein Wal auftaucht. Mir schon.
Wie sagte der Herr in Antigonish so passend: “God created the Cabot Trail and decided it was perfect.” Er hat recht behalten.

Die entrückte Freude über dieses exklusive Schauspiel hält nicht lange an. Wie passend für diese Reise, die komprimiert Platzhalter für alle menschlichen Gefühle bis zum Anschlag ist. Um 10h wollen wir langsam lostuckern in Richtung Zivilisation. Die schlaglochdurchlöcherte Schotterpiste hinunter funktioniert das noch problemlos. Und dann kreischt es plötzlich entsetzlich aus dem linken, vorderen Radlager.

Wie erstarrt hält Chouchou sofort an. Dieses Schreien klingt ganz und gar nicht gut. Fast wie ein Schlachtbanksschrei. Oder – für jeden, der weniger hysterion als ich gelagert ist— auf jeden Fall ungesund bis ins Mark. Erst in diesem Moment wird uns wohl vollendend bewusst, dass wir auf der Route komplett von der Außenwelt abgeschnitten sind. Kein Internet, kein Telefonnetz, der einzige Mensch, den wir in den letzten 24 Stunden gesehen haben: ein buddhistischer Schulbusfahrer. Einer, der sehr wahrscheinlich erst morgen wieder vorbeikommt…wenn überhaupt.

Eigentlich haben wir ja nichts gegen Abenteuer. Also: gegen kleine. Wenn man Internet hat!
An kleinen Abenteuern, digital gut vernetzt, haben wir ergo eigentlich gar nichts auszusetzen! Dann, wenn man zügig Hilfe holen könnte. Oder wenigstens, wenn man ein gutes Nervenkostüm hat. Will sagen: Eigentlich haben wir just in diesem Moment rein ganz und gar nichts über für Abenteuer. Nicht mal für die, der kleineren Art.

Pema Chödrön schreibt in ihrem Buch: “Wenn alles zerbricht”, dass wir lernen müssen loszulassen. Hilfreicher fänden wir momentan einen findigen, buddhistischen Autoschrauber. Loslassen. Ja, was denn bitte!?
Die Angst, die mir den Nacken hochkriecht? Die Bremsbelänge? (An denen Chouchou übrigens nicht findet.) Die Idee, dass alles nach Plan läuft?
Loslassen kann ich momentan nur eins: ein Schluchzen.
Aus purer Verzweiflung.

Eigentlich müsste die Geschichte nun spektakulär weitergehen.
Tut sie aber nicht. Gott sei dank.
Wir warten ein wenig am Straßenrand. Keine Ahnung, auf was eigentlich. Auf ein Zeichen, das nicht kommt!? Auf einen Schulbusfahrer, der nicht vorbei fährt!? Irgendwann kommt Chouchou auf die glorreiche Idee, den Wagen einfach noch einmal neu zu starten. Und siehe da: das Kreischen ist weg.
So unvermutet wie es kam, so unvermutet bleibt es nun fort.
Die nächsten Kilometer rollen wir langsam, teils mit Warnblinkanlage die verschneiten Pässe rauf und runter. Immer mit Blick aufs Meer, immer mit so spitzen Ohren, dass wir die Wale unten in der Bucht husten hören könnten. Und hören: nichts. Ausser Meeresrauschen. Bis zu unserem heutigem Ziel am See, 80km weiter, soll das so bleiben. So, als hätte es das Kreischen nie gegeben. Seltsam. Sehr, sehr seltsam, Du bekloppter Magicbus.

Immerhin stehen wir drei -ein bekloppter Bus, ein seelenruhiger Chouchou und einen emotional achterbahnfahrende Chérie- heute Nacht etwas weniger abenteuerlich. In erster Reihe an einem See zwischen Hügeln, die alle scheinbar So gar kein Problem mit Loslassen haben.

Wieder fliegt ein Adler vorbei, Sonne scheint sanft auf ruhige Wellen, 14 Grad und in der Nacht soll es erstmalig nicht mehr frieren. Ich sitze auf einer verwitterten Bank und starre auf den See, nicht mal im Ansatz im Stande, die Erlebnisse der letzten paar Tage zu verarbeiten.

Vor ein paar Tagen fragte die Bedienung bei Tim Hortons: “What are you waiting for, honey?” Was für eine gute Frage…

What are you waiting for, honey?
Possibly for whales … and seriously for a wonder!
Oder wenigstens auf ein bisschen mehr loslassen…

Cabottrail Teil 1

Der Lonelyplanet schreibt zum Cabot Trail:

Die Fahrt auf dem Cabot Trail ist die beliebteste Freizeitaktivität in Nova Scotia. Man fährt über kurvenreiche Straßen vorbei an heiteren Seen. Seeadler kreisen hoch in der Luft, und von den Klippen bietet sich ein atemberaubender Ausblick. Unterwegs verstecken sich an der südöstlichen Flanke des Trails zwischen Englishtown bis zur St. Ann’s Bay Künstlerateliers. Beim Besuch ein oder zwei solcher Ateliers lernt man mit Sicherheit interessante Typen kennen – Töpfer, Kunsthandwerker, die Arbeiten aus Leder, Glas oder Zinn herstellen, sowie Maler und Bildhauer – und stößt auf überlebende Reste der Kultur der Mi’kmaq und der Akadier. Die hinreißendste Landschaft prägt die Nordwestküste der Insel, wo die Straße hinunter nach Pleasant Bay und Chéticamp führt. Man sollte immer hübsch auf der Rundstrecke bleiben, so verführerisch die Aussicht auch ist; es gibt viele Stellen, an denen man anhalten, sich umschauen, durch das vielfältige Gelände wandern und den grenzenlosen Ausblick auf den endlosen, eisigen Ozean genießen kann. 

Und den fahren wir heute – und zwar gegen den üblichen Uhrzeigersinn, Chérie meint, das ist schöner. Und schön ist’s natürlich tatsächlich. Und hügelig, so manche Steigung ackert sich der Bulli im 2. Gang bei 30km/h hoch.
Einfahrt in den Nationalpark, rein ins Infozentrum: Kein Ticket notwendig, die Saison hat noch nicht begonnen. Camping und Übernachten im Park geht nicht, alles noch zu. Aber Wanderrouten gibt’s, unter anderem gleich nebenan den Middle-Trail und an der Westküsten natürlich den berühmten Skyline-Trail.
Kojoten und Bären sollten wir im Auge behalten, zumindest haben die aber im Moment keine Jungen, sollten also nicht allzu bedrohlich werden. Und die Elche sind ja eh ganz harmlos…

Wanderzeit: 5km Middle-Trail sind perfekt für den Einstieg. Einmal die Klippe runter und wieder rauf. Sämtliche Tiersichtungen verlaufen glimpflich, eine Delphinflosse und reichlich Entenhorden im Atlantik, furchtlose Eichhörnchen auf dem schmalen Weg – alles ganz easy, unsere Taktik, durch lautstarke Quatscherei sämtliche Bären und Kojoten zu vertreiben scheint aufzugehen.

Weiter gen Norden, wir besichtigen zwei mögliche Übernachtungsplätze unserer Overlander-App: Einer im Hafen von White Point, mitten im abgelegenen 50-Seelendörfchen, hier wird man sich sicherlich nicht über ungebetene Übernachtungsgäste im fremdländischen Bulli freuen, der andere auf einer mit Bauschutt übersäten Lichtung mitten im Wald, schon bei Tageslicht gruselig und wohl kaum geeignet für unsere erste Freisteh-Übernachtung. Wir sind aber auch ängstliche Häschen!

Es ist 16 Uhr, so langsam sollte das mit dem Übernachtungsplatz eigentlich etwas konkreter werden.

Ganz im Norden gibts noch 2 Overlander-Spots, den am tief verschneiten Meat-Cove und einen kurz davor, laut Beschreibung aber eher für matsch-affine Allradler geeignet. Und nun? An der gegenüberliegenden Ostküste soll’s bei Pleasant-Bay einen hübschen Platz an der Klippe geben, bloß 50 Kilometer entfernt, schauen wir uns den mal an, immerhin ist die Straße dorthin heute wohl nicht mehr gesperrt, wir erinnern uns: Die Sache mit dem Schnee…

Und wir sind glücklich, nicht einen Tag früher dran zu sein. Schnee gab’s hier gestern wohl wirklich. Jetzt auch noch, aber nur noch neben der Straße, deren wirklich lange 13-prozentige Steigung den armen Bulli im 2. Gang trotz Eiseskälte ganz schön ans Ackern bringen. Das wir hier mitten im kanadischen Winter landen war so nicht geplant.

Pleasant-Bay, 8km Schotterstrecke gen Norden, da ist unser Übernachtungsplatz. Zwar nicht die empfohlene Lichtung, aus dem Schneematsch kämen wir nie wieder raus und wenn doch würde uns die Kuppe zur Straße vermutlich Auspuff und Standheizung unterm Bulli wegreißen – aber die Einbuchtung direkt am Straßenrand sieht vielversprechend aus. Bis auf die Buddhisten vom weiter die Straße rauf liegenden Kloster kommt hier eh niemand vorbei, und die sollten selbst für uns Angsthäschen nicht allzu bedrohlich werden.

Abendessen-Kochen an der Steilküste, Aufwärmen im Bulli, nochmal zur Klippe, diesmal mit Bärenspray bewaffnet (zwar keine Bärenspuren im Schnee zu sehen, aber man weiß ja nie), perfekten Sonnenuntergang begucken, und schnell wieder in den Bulli. Standheizung hochdrehen und schaun, was unsere erste Freihsteh-Übernachtung so bringt…

Kaffeefahrt nach Cape Breton

Frühstück bei Tim Hortons. 340 Kalorien Blaubeer-Muffin und 240 Kalorien Boston Cream Donuts, gemeinsam mit dem Cappuccino sollte das als erste Stärkung reichen. Kurzer Plausch mit den freundlichen Rentnern am Nebentisch, unser Tagesziel Cape Breton ist wohl wirklich die schönste Gegend der Welt: »God made the Carbot trail and when he saw it he decided, it was perfect«. Nur die Sache mit dem Schnee sollten wir ernst nehmen.

Highway 104, auf dem Trans Canadian Highway gen Osten – in umgekehrter Richtung werden wir noch ganz viel davon bekommen. Der Ölnachschub hat dem Bulli offenbar gut getan, das jammernden Geräusche ist weg. Oder liegts am Dröhnen der Trucks, die wir am Berg ausbremsen?

Nächster Kaffeestopp bei Tim Hortons gleich neben der Deutschen Bäckerei, zwei Sikhs zelebrieren am Kaffeeautomaten eine spirituell anmutende Zeremonie – die Warterei lohnt sich, der Cappuccino schmeckt göttlich… Inspiriert von soviel Ruhe entscheiden wir, es heute ebenfalls entspannt angehen zu lassen, bis ans nördliche Ende zum Meat Cove müssen wir es heute nicht mehr schaffen sondern gönnen uns nochmal einen Campingplatz. Im Finden geöffneter Campgrounds sind wir mittlerweile Experten. Unter anderem spricht ja auch der Wetterbericht eher gegen Freistehen auf einsamen Klippen…

Eine Stunde, eine Firstnation-Community, mehrere Graupelschauer und einen Adler später erreichen wir nach beschaulichen 125 Tageskilometern MacKinnons Campground am Lake Ainslie. Campingplatz-Chef Michael hat Mittagspause, wir suchen uns unser Plätzchen am See selber aus. Einparken mit dem Heck gen See und Windstärke-5-Schneeregen – fein im Windschatten eines der verlassenen Monsterwohnwägen, neben denen sich der Magic Bus wieder einmal extrem winzig anfühlt.

Check-In bei Michael. Ob wir den Cabot Trail fahren wollen? Die Sache mit dem Schnee – sehr ungewöhnlich für diese Jahreszeit – ist wohl ein wenig kompliziert, ein Teil der Route ist heute gesperrt, von den verschneiten Webcam-Bildern zeigt sich selbst unser gälisch sprechender Campingwirt einigermaßen beeindruckt. Unsere Pläne für morgen überdenken wir dann wohl nochmal…

Besorgte Whats-App-Nachfrage bei Tobias, unserem jungen Platznachbarn vom Norse-Cove-Camping, der letzte Nacht in der Meat Cove verbringen wollte: Er hat es noch rechtzeitig vor dem Schnee rausgeschafft und ist in Sicherheit.

Und dann zieht der Adler von Vorhin an uns vobei in Richtung untergehender Sonne…

Highway 7 nach Antigonish

9 Uhr, Highway Nummer 7 ruft, auf Norse Cove folgen Murphys Cove, Carters Cove, Webbs Cove und hunderte weitere »kleine Buchten« – perfekt, um einen ersten Eindruck kanadischer Weite und Einsamkeit zu bekommen. Von Verkehr keine Spur, ebensowenig von Handyempfang oder Internetz. Stattdessen reichlich malerische Ortsnamen: Moosehabour, Ecum secum river, Bear Brook erzählen von Geschichten, die wir gerne gehört hätten. Und immer wieder „No-MPA„-Plakate – von der Marine protection area hält man hier wohl nicht sonderlich viel…

Tapfer ackert der Bulli sich durch die hügelige Landschaft, bergauf gerne auch mal mit höchsten 50km/h im 3. Gang, bis nach 180 Kilometern kurz vor Antigonish dann wieder die Sache mit dem merkwürdigen Geräusch vorne-rechts los geht. Da ist wohl mal wieder ein halber Liter Öl fällig…

Einkauf bei Sobeys, an der Kasse lernen nun auch die Globetrottels, einen Gang zurückzuschalten: Hier gehts gemächlich zu. Und gleich um die Ecke hat’s tatsächlich einen geöffneten Campingplatz, den nehmen wir.

Nur die Sache mit den keltische Ursprüngen der Stadt verstehen wir nicht so ganz, Wikipedia ordnet den alten Stamm eher der Eisenzeit zu – nach unserer Information also eher vor der hiesigen Siedlungsgeschichte…

Ein Sonntag in Nova Scotia

Die Kanadier sind hart. Während wir bei minus 2 Grad mit Mützen kuscheln, schläft der Einheimische vor Ort in einem Zelt ohne Seitenwände. Und das einzige, was gebraucht wird, ist um halb sieben morgens das erste Lagerfeuer am See zu entzünden. Nach einer Nacht, die so dunkel war – und die Sterne so nah und Tau auf dem Gras am Morgen danach.

Es ist ein unfassbarer Luxus, dass wir uns mittlerweile trauen, oben im Bulli (Verzeihung: im “Magicbus”) zu schlafen. Denn dadurch müssen wir am Abend nichts mehr umbauen. Wenn die eine aufsteht, muss der andere nicht direkt mit – sondern darf im Loft noch ein bisschen weiterträumen. Beim ersten Kaffee mit raureifer Milch freue ich mich diebisch über diesen neu gewonnenen Komfort.

Komfort ist -dank des einzig operierenden Campingplatzes im Umkreis von 500km- auch, dass weitere Wege in Richtung zivilisatorischer Bulli kurz sind: nur den Strom müssen wir in einem überdimensionierten Akku hin- und unser Internet wegtragen. Das nämlich funktioniert nur am Waschraum. Übrigens auch ein Luxus, den wir sicherlich besonders ab morgen zu schätzen lernen werden. Morgen. Aber heute ist ja erst mal heute…

Heute nennen wir diesen Sonntag einen weiteren Orgatag. Wir duschen sehr heiß und mit sehr “erdig” riechendem Wasser – meint zumindest unsere Campingmutter. Böse Zungen könnten den Odor auch “modrig” nennen, “erdig” gefällt allen Beteiligten aber deutlich besser.

Das dürftig eingebaute Wassersystem schmeißen wir aus dem Magicbus raus: angeblich ist es ziemlich neu, um es aber mit Chouchous weisen Worten zu zitieren: “Darin würde ich nicht mal mehr eine Urinprobe abgeben.” Trifft es, also weg damit. Tragbare Kanister haben bereits 2016 unseren unhygienischen Arsch gerettet – warum sollte genau dies nicht auch 7 Jahre später wieder gut funktionieren!?

Während Chouchou irgendetwas weiteres am Bulli arbeitet (magic work on magic bus), meditiere ich eine Runde mit Blick aufs Meer. Der Timer funktioniert nicht. Ich sitze also brav alemansmäßig auf meinem Stein und warte irgendwann sehnlichst auf den Abschlussgong, der Gott verdammt nicht kommen will. Nach einer Stunde gebe ich auf – mit der Gewissheit Ewigkeit zu spüren. So ein Kokolores, wie sich leider herausstellt. Die App ist schrott und hat es versäumt, mich nach 15min wieder wach zu bimmeln. Eine Stunde ungeduldig auf einem Stein sitzen und das nicht mal erleuchtet. Auch dafür muss man Zeit haben.

Irgendwann kuscheln wir überdimensionale Pudels, irgendwann wird gekocht. Leider keine Spareribs wie bei den Nachbarn. Warum sind wir eigentlich Vegetarier? Die Möhren sind aber auch ganz lecker. Irgendwann haben wir beide seit Wochen das erste Mal das Gefühl, dass wir wirklich entspannt sind. Nicht müde, nicht erschöpft, sondern einfach nur vollkommen entspannt und ganz wach dabei.

Am Abend zünden wir unser erstes Lagerfeuer. Na ja, oder nennen wir es Rauch. Die Nachbarn vom Chevy flüchten, aber wir fühlen uns wahnsinnig outdoorerfahren. Rauch mit nassem Holz zu machen, das kann schließlich auch nicht jeder. Vor allem nicht mit kompetenter Attitude.

Wir planen die nächsten Tage. Nun, da wir noch Wlan haben. Und damit wird aus der tiefen Entspannung dann plötzlich doch wieder freudige Aufregung. “Jetzt, da wir noch Wlan haben…”

Sehr wahrscheinlich ist ab morgen das Internet weg. In dem Moment, in dem wir vom Platz rollen vielleicht. Auf der Hinreise hatten wir auch kein Telefonnetz. Totally unconnected – ein wenig seltsam fühlt sich das schon an. Möglicherweise ab morgen vollkommen abgeschnitten von der Außenwelt zu sein. Das hatten wir wirklich noch nie.

Sollten wir uns also morgen nicht melden, so sollte sich bitte niemand Sorgen machen. Wir sind immer noch in Kanada – in diesem unfassbar weiten und endlosen Land, das große Strecken lang einfach mal abgeschnitten sein kann. Falls jedoch in zwei Wochen noch immer nichts von uns zu hören war: dann bitte doch mal suchen. Im schlimmsten Fall sind wir die abgenagten Knochen mit dem Bärenspray in der Hand. Irgendwo dort oben und weit draußen am so genannten Cabot Trail.

Tanzen im Wohnzimmer

Die erste Nacht im Bulli ist überlebt: unter einem satten Vollmond, der wilde Träume mit sich brachte, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Die erste Nacht nach einem ersten Tag, an dem fast jeder Moment abenteuergeschwängert war. Und damit meine ich nicht die Tatsache, dass wir diese Reise überhaupt angetreten sind, sondern all diese kleinen Alltäglichkeiten, die für uns noch so ganz und gar keine sind.

Erste erfreuliche Erkenntnis des Tages: obwohl unser Schlafzimmer nur von Zeltwänden beschützt ist, haben wir heute Nacht nicht gefroren. Zugegebenermaßen haben wir beiden aber auch mit Mütze geschlafen – was bei Chouchou natürlich nicht verwunderlich ist, bei mir allerdings nun wirklich nicht Alltag.

Apropos Alltag. Den haben wir natürlich noch gar nicht (wie auch!?), den müssen wir uns ab nun peu-a-peu erarbeiten. Zwei Menschlein, die seit gestern versuchen, auf 6 Quadratmetern zu leben. Nicht zu hausen. Deswegen muss als allererstes Ordnung her.

Entsprechend muss heute Kramtag in der Globetrottelswelt sein. Um ein System zu finden, um unser eigenes System zu schaffen. Deswegen muss alles, was wir irgendwann -aus reiner Überforderung- einfach nur noch unkontrolliert in den Bulli und die Taschen geworfen haben, zu aller erst mal wieder raus, um danach neu rein zu können. Im besten Fall: quadratisch praktisch gut. Ein perfektes Globetrottelsding: Jeder der unsere Wohnung kennt weiß, wie einfach das für uns werden kann. Nicht ohne Grund haben wir also den gesamten Tag geplant…

Bei strahlendem Sonnenschein und 16 Grad machen wir uns ans Tagewerk. Ein saftiger Wind weht – ein Wind, den man auf der anderen Seite des Atlantiks “steife Brise” nennt. Uns kommt das sehr zu Pass, denn alles, was nicht schnell genug neu sortiert ist, trägt das Potential in sich, mit der nächsten Böe über die Klippe zu gehen. Teilweise wäre das nicht schlecht, weil irgendjemand mal behauptet hat: Weniger wäre mehr. Von “mehr” und “doppelt” haben wir auf jeden Fall genug mit. Ich weiß nicht, ob ich heute schon erwähnt habe? Mit einem “weniger” wäre auf jeden Fall mehr Platz im Bulli. Doch wer braucht schon mehr Platz, wenn er einen Magicbus hat!?

In einen normalen T4 hätten wir die Tonnen an teils überflüssigen, teils überlebenswichtigem (nur was ist was?) Kram niemals unterbekommen.
In einen normalen T4 passen die Dinge, die man in eineinhalb Jahren benötigt, sowieso nur knapp rein. (Zur Erinnerung: wir haben davon das Doppelte mit. Und das mal zwei hoch zwei im Globetrottelsquadrat. Keine Ahnung, ob ich das heute schon gesagt habe!?)
Nur ein magischer Bus schafft, was der Bulli heute an dieser sonnigen und windigen Ostküste nördlich von Halifax vollbracht hat.

Nach nur knappen drei Stunden ist alles neu sortiert. Die Taschen und Tüten und Kisten und zahlreichen Einzelteile passen wie ein organisches Ganzes vollkommen problemlos wieder in den Bulli – und im Wohnzimmer bleibt sogar noch Platz zum Tanzen. Turn the music louder.
Wahnsinn, Du magischer Bus.
Amazing, you badass of a magic bus.

Den Rest des Tages bleibt plötzlich noch eine Menge unerwarteter Zeit. Zeit, um einmal ins Dickicht zu laufen, sich ganz schnell vor Bären zu fürchten und flott wieder auf die Straße abzubiegen. Ein paar dicke Autos schweben an uns vorbei: drinnen Menschen mit ungläubigen Blicken. Hier läuft ansonsten wohl niemand.

Auch die heftig bellenden Hunde der weniger Häuser, die wir passieren, zeugen davon: Erstmalig im Leben gilt es den Hof zu verteidigen, also sehr laut bellen und Leffzen hoch. Keiner dieser Mutigen schafft es allerdings lang, die beschwerlich aufgesetzte Maskarade zu halten, denn Chouchou, Hundeflüsterer von Hause aus, läuft vorn weg. Einen Schritt zurück und zwei auf die Verteidiger zu.
Fein bist Du. Ganz fein. Und so streicheln wir nach wenigen Momenten engagierte Hundeköpfe, die euphorisch und wild vom Schwanz her wackeln und wedeln.

Und dann war da noch Yoga – so lächerlich instagramable, dass es keine Aufnahmen davon gibt. Eine Yogini im strahlenden Sonnenschein mit Blick aufs Meer, der Wind streift passgenau an der Plattform vorbei, dass Shavasana im T-Shirt möglich ist. Bei so viel Hier und Jetzt wäre es unnatürlich gewesen ein Foto zu machen.

Am Abend gibt es Sturmfood, gekocht hinterm Magicbus. Die Nachbarn versuchen noch wacker ein Lagerfeuer zu entzünden, dessen Rauch die gesamte Ostküste einnebelt, ohne dass irgendwelche Flammen zustande kämen.
Ich ziehe meinen Hut vor so viel Optimismus und Engagement. Lagerfeuer bei 9 Beaufort – das wäre nur einem Firestarter wie Keith Flint von The Prodigy möglich gewesen. Gott hab ihn selig, auch wenn man als Firestarter ja eher nach unten unterwegs ist. Egal wie die Richtung auch sei – für Wind oder Flint, eines ist sicher:
Wir haben jetzt Platz. Turn the music louder.
Wir tanzen dazu im Wohnzimmer.

Abgefahren

„Bäh, Chérie, ich mag nicht aufstehen, können wir nicht einfach liegenbleiben?“
6 Uhr, Sonnenaufgang, gleich soll’s losgehen: Bulli starten und nach Feuerland fahren. Hunderte von Vorbereitungs- und Planungsschritte der letzten Jahre verdichten sich heute morgen zu einer unüberwindbar scheinenden Herausforderung. Unter-der-Bettdecke-verkriechen ist definitiv eine gute Alternative…

Drei Kaffee später sieht die Welt schon wieder anders aus. Zumindest scheint draußen die Sonne – für uns zum ersten Mal in Kanada. Vielleicht ist die Sache mit der Reise ja doch eine gute Idee.

Bullipacken, Wohnheimplatz kündigen, Reifendruck kontrollieren (bisschen niedrig, aber egal), Abfahrt. Nervös quer durch Halifax, als wären wir noch nie im Ausland gefahren. Rechtsabbiegen trotz roter Ampel – eindeutig zu viel Abenteuer.

Erster Stopp: Walmart. Von dem fremdartige Gemüse lassen wir lieber die Finger, stattdessen gibts Basic-Verpflegung für die nächsten Tage. Kanadische Packungsgrößen sind nicht unbedingt auf Bulli-Verhältnisse zugeschnitten. Und Motoröl gibt’s, ohne 50001-VW-Norm, aber wird schon passen.
Kein Camping-Gas bei Sportcheck, dafür aber Diesel bei Shell und Cappuccino bei Tim-Hortons. Kultur-Schock im Jagd- und Angelshop Cabella’s: Kaffeekochgas findet sich gleich neben den Maschinengewehren.

Und dann endlich: Raus aus der Zivilisation, auf dem Highway 7 entlang der Fjorde gen Osten. Der Verkehr wird spärlicher – genaugenommen findet er nur noch hinter uns statt, die Trucks würden vermutlich gerne schneller fahren als wir mit unseren gemütlichen 80km/h.

Und so langsam realisieren wir: Die Globetrottels sind wieder on the road. Im wunderschönen Nova Scotia.
Viel zu schnell ist das Tagesziel erreicht, der einzige schon geöffnete Campingplatz in hunderten Kilometern Umkreis: Norse Cove-Camping, 80km östlich von Halifax, direkt am atlantischen Fjord.

Wie schön, heute morgen aufgestanden zu sein.

Pier 21, Mi´kma´ki und Mäuschen

Heute machen die Globetrottels einen auf Kultur. Bevor wir von ganz vorne anfangen (wie groß ist die Hoffnung darauf, irgendwo auf dieser Reise gelebtes, indigenes Leben miterleben zu dürfen), starten wir zeitgeschichtlich einfach mal in der Mitte: auch, weil hierfür ein hochgelobtes Museum vor Ort ist. Das “Museum of immigration”, Halifax´ Sehenswürdigkeit Nr. 1 am Pier 21.

Grundsätzlich sind wir keine intellektuellen Museumsgänger, dieser Ort aber muss für uns dann doch sein: um in diesen geschichtsträchtigen Hallen möglicherweise einen zentralen Hauch vom “neueren” Wesens Kanadas zu bekommen. Nur eine kleine Idee davon, was dieses -auf den ersten Blick so bunte- Land auch ausmacht: Seine Menschen, die aus aller Herren und Damen Länder kamen und noch immer kommen. In der großen Hoffnung auf ein besseres Leben.

Ich werde mich hier nun nicht Schul-TV-artig über korrekte Infos bezüglich der Immigration Kanadas auslassen. Grundsätzlich liegen Chouchous und mein Talent einerseits darin, im Museumsmoment 100% aufrichtig und begeistert staunen zu können, grundsätzlich ist unsere Schwäche andererseits, vom vermittelten Wissen im Nachhinein noch 40% zu erinnern. Also: direkt danach. Die Quote stürzt ein paar Stunden später natürlich gnadenlos weiter in Richtung 5%, weiter erneut ins Bodenlose. Für genaue Immi-Infos Kanadas also bitte googlen. Dies ist leider kein Info-, sondern ein Emoblog.

Emotional festhalten lässt sich, dass am Eingang des Piers 21 darauf verwiesen wird, dass wir uns hier eigentlich auf Mi´kma´ki – Boden befinden. Ein kurzer Blick auf die ursprünglich in Halifax und Umgebung lebende “First nation”, die die Immigration ziemlich platt gemacht hat. Mi´kma´ki gehörte einst den Mi´kmaq People. Sowas kann sich mein Kopf komischerweise dann doch merken…
Mehr erfahren wir über First nations heute allerdings nicht. Ist ja auch kein First nations-, sondern ein Immigrationsmuseum. Über die hingegen lernen wir in diesem (passend zu seinen Menschen) informativen, interaktiven und sehr bunten Museum kurzzeitig einiges. Die verbleibenden 5% werde ich allerdings nicht verraten, denn: siehe oben.

Nachdem wir unseren Morgen mental mit den Einwandern Kanadas verbracht haben, soll der Nachmittag den baldigen Durchwandernden dieses Landes gelten: uns und unserem Bulli.
Wir bekommen ein wenig Zuwendung in Form eines Mittagsschläfchens, derMagicBus bekommt ein wenig Liebe, indem wir räumen, sortieren und ihn innen ein wenig schön machen. Caring nach wilder Atlantikquerung für alle. Und um danach bereit zu sein für eine erste Jungfernfahrt auf kanadischem Boden morgen, bereit für ein erstes Camping.

An diesem Abend genießen wir noch einmal ausgiebig T-Shirt-Raumtemperatur, geheizte sanitäre Anlagen nur einen Flur weiter und die Anwesenheit einer klitzekleinen Maus -irgendwo hier mit uns gemeinsam- in unserem Zimmer. Ein Zimmer mit vier, festen Wänden, die ab morgen nicht mehr um uns sein werden.

Die Temperatur wird weniger beständig werden, die geheizten Sanitäranlagen wegfallen. Und die Tiere, mit denen wir den Lebensraum teilen, werden ab morgen möglicherweise etwas größer sein.
Darauf freue ich mich wahnsinnig. Nix gegen das Mäuschen.

Von Meilenstein zu Meilenstein

Um 6h klopft halifaxischer (klingt super, oder? “Halifaxisch” sollten wir öfter sein…) Sprühregen ans Wohnheimfenster: Zeit zum Aufstehen, es wartet ein weiterer Meilenstein auf uns. Denn heute will der Bulli aus dem Hafen befreit werden. In drei Schritten.

Es erweist sich als ziemlich hilfreich, endlich mal wieder reichlich ausgeschlafen zu sein. Die Bananen von gestern sind ein wenig geschrumpft, das Denken fällt wieder leichter. Ein seriöseres Auftreten kann einen Bonuspunkt beim Zoll (Schritt 2) geben – das ist gut. Denn vor Zöllnern haben wir noch mehr Angst als vor Taxifahrern. Beginnen wir also mit einer ersten Expositionstherapie. Taxifahren.

Wetter (3 Grad, Sprühregen) und Entfernung (8km schnurrgerade, nasse und einsame Landstraße ins Nichts) zu unserem Treffpunkt mit unserer Agentin (Schritt 1)machen es uns leichter. Und Uber, das wir heute das erste Mal entdecken. Und unser wortkarger und regenscheuer Fahrer, der eigentlich eine Jennifer fahren wollte, aber auch eine Joana-Katrin samt langhaarigem Anhang mit Mütze akzeptiert. Vielleicht ist Taxifahren ja doch nicht ganz so schlimm!? So schlimm, wie Kontakt zu Zollbeamten zum Beispiel…

Schritt 1: Treffen mit unserer Agentin Bethanie.
Noch bevor wir überhaupt ausgiebig auf die Frage: “How are you doing?” antworten können, sind wir auch schon fertig. Bethanie ist freundlich und fix: Unterschrift hier, diesen Zettel dem Zoll geben, den hier unbedingt (!) behalten, take care und byebye. Und: Ja. Bis zum Zollgebäude (2km schurrgerade, nasse und einsame Landstraße ins Nichts) können wir auch laufen. Macht sonst keiner, geht aber. Also marschieren wir 2 Minuten später los. Auf dieser Strecke sollen wir wirklich fast alleine bleiben. Nur eine kleine, im Kreis gehende Demo für den Public service ist in Regenjacken kurzzeitig auf dem Gehweg.

Schritt 2: Zollgebäude im Nichts. Angstkontakt.
Für uns ist heute Mrs Cook zuständig. Sie ist also diejenige, die das Zepter der Einreise des Bullis in der Hand hält. Sie ist diejenige, die zwei kleine Globetrottels empfängt, die just bei Betreten des Zollgebäudes Erinnerungen aus Indien oder dem Iran im Kopf abspulen. Zwei kleine Globetrottels, die schon sehr, sehr viele Stunden ihres Lebens in sehr, sehr wilden Zollkontakten verbracht haben -unter anderem mit Bodycheck und Hand aufs Herz und “What do you give me now?” und “Alles aufmachen, Blick in Richtung Wagen”. Das alles sind olle Kamellen, aber Kamellen, die sitzen.

Heute aber ist Mrs Cook für uns zuständig. Eine adrette Mittvierzigerin mit leicht grau meliertem Haar und lachenden Augen. Mrs Cook will lediglich von uns wissen, ob wir Feuerwaffen mit uns führen. Nein, keine Massenschießerei geplant. Oder Bärenspray? Nein, das kaufen wir aber. Oder aber, ob wir Fleisch geladen haben!? Nein, wir sind Vegetarier. „Good.“, sagt Mrs Cook. Und ob wir Freunde in Kanada hätten? Noch nicht, aber: We plan to make them. “This will be easy,” sagt Mrs Cook. Zwei Stempel, einen Zettel für sie, einen Zettel für uns. Take care und byebye. Wir durften sogar die ganze Zeit die Hände in den Hosentaschen lassen…

Schritt 2,5: Fahrt zum Hafen.
Als neue Uberfans klicken wir Ronald an, der 4 Minuten später über die schnurrgerade, verregnete und einsame Landstraße ins Nichts entlanggepest kommt. Mit seiner Pornokarre de luxe und schnellen Geschichten auf den Lippen. Die App hatte recht als sie schrieb: “Bekannt für angenehme Gesprächskontakte”. Bis zum Hafen besprechen wir die kanadische Inflation, die Philippinen, Covid 19, den Dienstleistungssektor: Restaurantbetrieb und alle anderen “good spirits”, die so im Auto herumschweben.

Schritt 3: Hafen.
Beschwingt hinein ins Büro des Seebären, der das Hafenbüro in fester, wettergegerbter Hand hält. Noch 15 Minuten und der Bulli ist raus. Unversehrt, alles dran, alles drin. Der Seebär winkt: “Everybody´s happy?” “Absolutely.” “Welcome to Canada…don´t drink too much beer.” “We try.” Take care und byebye. Wir können es alles kaum glauben.

Vorbei an den bunten, 90er Jahre-US-Film-Häuschen, die alle dem Bulli “Welcome to Canada” zurufen, rollen wir erst mal wieder zurück auf den Hof unseres Studentenwohnheims. Hier dürfen wir die nächsten zwei Tage stehen: den Bulli sortieren und uns. Ich glaube, dass wir in diesem Parkmoment erstmalig ein bisschen verstehen können, dass wir wirklich in Halifax, Kanada sind. Am äußersten Ostzipfel eines gigantischen, großen Landes, am anderen Ende des Atlantiks, mit Weltblick gen Sonnenaufgang.

Dass wir später noch quer durch Halifax marschieren, wäre ein anderer Teil der Geschichte. Machen wir es hier also kurz: Halifax ist klein, betulich, bunt und unaufgeregt. Ein Ort, zu dem 3 Grad und Sprühregen so gut passen, dass jede Ecke Laune macht. Man darf alles sehen, man muss aber nicht. Und gerade das wirkt in diesem Moment richtig und sehr fürsorglich. Morgen gehen wir nochmal gucken. Bis dahin verpassen wir nichts.

Am Nachmittag noch schnell den dicken Käfer (aka Dachkiste) angeschraubt und dann dürfen wir diesen Mittwoch einen Tag nennen.

Let´s call it a day. A good one. A milestone. Am Anfang einer schnurrgeraden, verregneten und einsamen Landstraße ins Nichts, die voller Verheißungen zu sein scheint.

Globetrottels vollkommen Banane in Halifax

Halifax, Kanada, 17:18h Ortszeit. Für uns eigentlich fast halb elf. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum wir so Banane sind. Gründe hierfür gibt es viele. Aber wo anfangen? Wo bloß soll man diese Blogs eigentlich immer beginnen? Von vorne? Wo bitte soll das sein? Und: wenn man das nicht weiß, ist es dann womöglich an der Zeit, das Pferd einfach von hinten aufzuzäumen? Von rückwärts an anzufangen, von jetzt also, retour. Bis man im Prozess des Schreibens endlich ein Vorne entdeckt im Chaos!? Bis man weiß, wanns gut ist…

Wir sitzen in unserem Studentenzimmer im Kings College – das günstigste, das downtownnah in Halifax zu bekommen war. Mit Gemeinschaftsbad und Badewannen, in denen in den 68ern zweifelsohne kanadische Jim Morrison-Möchtegerne liebend gern ertrunken wären. Angekommen sind wir hier zu Fuß. Zumindest den letzten Kilometer. Jeder mit einem 23 Kilo schweren, vollkommen unhandlich in Plastik verpackten Gepäckstück unterm Arm (plus Handgepäck). Und alles nur, weil wir Angst vor Taxis haben. Wie gesagt: Banane. Nach diesem Marsch nicht mal mehr frisch, sondern mit vielen braunen Dellen – vor allem an Rücken und Unterarmen.

Die Mädels am Checkin sind unglaublich nett – so nett, wie alle Menschen hier, denen wir bisher begegnet sind. Und damit meine ich nicht das “nett” im Sinne von “kleine Schwester von…” (ein schauderlicher Ausdruck, wie ich finde) oder das oberflächliche „Hey, how are you doing?“, auf das wir gewissenhaft noch antworten, indem wir dem Kassierer, der Lobbydame, dem Bus- und dem Shuttlebusfahrer (zweimal- einmal abends, einmal nachts), der Grenzbeamtin und allen anderen ausführlich Auskunft über den Verlauf unserer letzten zwei Tage geben. (Und natürlich danach auch detailliert zurück zu fragen, wie es selbst denn so läuft. Das alles dauert ein bisschen, aber wir haben ja Zeit…)
Nein. Ich meine dieses “nett”, so wie es von Natur aus gemeint ist: im Sinne von plaudrig, von offen, von “ach, Dich würde ich eigentlich ganz gerne mal kennenlernen, wenn ich ein bisschen mehr Zeit hätte”. Ein “nett”, dass ein natürliches Interesse am Gegenüber bezeichnet, ein “ich gestalte unseren -wenn auch kurzen- Kontakt so, dass wir beide uns danach ein bisschen besser fühlen”.

Apropos: ein bisschen besser fühlen…oder fühlen im Allgemeinen…
Es ist verrückt. In den letzten zwei Wochen haben wir wohl alle Emotionen mitgenommen, die die menschliche Gefühlspalette anzubieten hat. Mitsamt der Hälfte aller zu denkenden Gedanken, die man sich vor und um eine solche Reise machen kann, noch bevor sie überhaupt angefangen hat. Packt man darauf noch sechs Stunden plötzliche Zeitverschiebung, eine Prise Schlagmangel, muss man den Körper nur noch 10 Stunden auf eine Legebatterie-artige Enge einzwängen, um ein schluderiges Chaos im Kopf zu erzeugen. Und plötzlich gar nichts mehr zu denken, nicht mehr denken zu können.
Es ist verrückt, wie leicht es ist, aus einigermaßen normal funktionierenden Menschen innerhalb von 33 Stunden Reisezeit sich mechanisch bewegende, banane Hüllen zu machen. Ganz selbstgemacht.
In den letzten 33 Stunden habe ich ab irgendeinem undefinierbaren Zeitpunkt plötzlich nicht mehr im eigenen Kopf, sondern auf meinen eigenen Schultern gesessen und mir -mal mehr, mal weniger- belustigt dabei zugeschaut, wie sich der mir zugeordnete Körper durch diese so genannte “Realität” bewegt, die eigentlich fremder Film ist. Oder Videospiel.
Klingt verrückt? Ist es ganz und gar nicht. Zumindest nicht, wenn man auf den eigenen Schultern sitzt. Oder eben Banane ist.

Anyway: Jetzt sind wir also hier. In Kanada. Seit 7 Jahren gespart, seit 7 Jahren geplant. Am Anfang einer großen Reise. Am Anfang der Realisierung eines so lange gehegten Traums.
Bei Ankunft in diesem Land begrüßte uns gestern der Busfahrer mit: “Welcome to Canada, welcome home”, und der Barkeeper verabschiedete uns mit: “If you come back to Toronto, you already got a friend.” Und an den Hotelzimmer hängen lediglich grüne Schilder an den Türen, die besagen: “Privacy wanted”. Kein Rot, auf dem “Bitte nicht stören” steht. Ich finde, das macht einen sehr großen Unterschied.

Vieles hier wirkt auf den ersten Blick vertraut – und auf den zweiten vollkommen fremd. Spätestens im Supermarkt haben wir heute gemerkt, dass wir sehr, sehr weit weg von Europa sind. Bezüglich des Angebots und auch bezüglich der Preise. Und die Häuser sind alle aus 90er-Jahre US-Filmen. Aber in bunt. Jetzt sitze ich also nicht mehr auf meinen Schultern, sondern plötzlich am Fernbedienungs-TV-Knopf. Ohne den Wunsch umschalten.

Es ist in Ordnung, sich nach einer solchen Anreise Banane zu fühlen. (Oder gar nichts zu fühlen, oder so viel, dass man viel weinen oder wahlweise hysterisch lachen muss.) Weil Kanada einem das Gefühl gibt, dass Obst jeglicher Art willkommen ist. Auch deutsche Bananen.

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