Unterwegs im Magicbus

Globetrottels vollkommen Banane in Halifax

Halifax, Kanada, 17:18h Ortszeit. Für uns eigentlich fast halb elf. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum wir so Banane sind. Gründe hierfür gibt es viele. Aber wo anfangen? Wo bloß soll man diese Blogs eigentlich immer beginnen? Von vorne? Wo bitte soll das sein? Und: wenn man das nicht weiß, ist es dann womöglich an der Zeit, das Pferd einfach von hinten aufzuzäumen? Von rückwärts an anzufangen, von jetzt also, retour. Bis man im Prozess des Schreibens endlich ein Vorne entdeckt im Chaos!? Bis man weiß, wanns gut ist…

Wir sitzen in unserem Studentenzimmer im Kings College – das günstigste, das downtownnah in Halifax zu bekommen war. Mit Gemeinschaftsbad und Badewannen, in denen in den 68ern zweifelsohne kanadische Jim Morrison-Möchtegerne liebend gern ertrunken wären. Angekommen sind wir hier zu Fuß. Zumindest den letzten Kilometer. Jeder mit einem 23 Kilo schweren, vollkommen unhandlich in Plastik verpackten Gepäckstück unterm Arm (plus Handgepäck). Und alles nur, weil wir Angst vor Taxis haben. Wie gesagt: Banane. Nach diesem Marsch nicht mal mehr frisch, sondern mit vielen braunen Dellen – vor allem an Rücken und Unterarmen.

Die Mädels am Checkin sind unglaublich nett – so nett, wie alle Menschen hier, denen wir bisher begegnet sind. Und damit meine ich nicht das “nett” im Sinne von “kleine Schwester von…” (ein schauderlicher Ausdruck, wie ich finde) oder das oberflächliche „Hey, how are you doing?“, auf das wir gewissenhaft noch antworten, indem wir dem Kassierer, der Lobbydame, dem Bus- und dem Shuttlebusfahrer (zweimal- einmal abends, einmal nachts), der Grenzbeamtin und allen anderen ausführlich Auskunft über den Verlauf unserer letzten zwei Tage geben. (Und natürlich danach auch detailliert zurück zu fragen, wie es selbst denn so läuft. Das alles dauert ein bisschen, aber wir haben ja Zeit…)
Nein. Ich meine dieses “nett”, so wie es von Natur aus gemeint ist: im Sinne von plaudrig, von offen, von “ach, Dich würde ich eigentlich ganz gerne mal kennenlernen, wenn ich ein bisschen mehr Zeit hätte”. Ein “nett”, dass ein natürliches Interesse am Gegenüber bezeichnet, ein “ich gestalte unseren -wenn auch kurzen- Kontakt so, dass wir beide uns danach ein bisschen besser fühlen”.

Apropos: ein bisschen besser fühlen…oder fühlen im Allgemeinen…
Es ist verrückt. In den letzten zwei Wochen haben wir wohl alle Emotionen mitgenommen, die die menschliche Gefühlspalette anzubieten hat. Mitsamt der Hälfte aller zu denkenden Gedanken, die man sich vor und um eine solche Reise machen kann, noch bevor sie überhaupt angefangen hat. Packt man darauf noch sechs Stunden plötzliche Zeitverschiebung, eine Prise Schlagmangel, muss man den Körper nur noch 10 Stunden auf eine Legebatterie-artige Enge einzwängen, um ein schluderiges Chaos im Kopf zu erzeugen. Und plötzlich gar nichts mehr zu denken, nicht mehr denken zu können.
Es ist verrückt, wie leicht es ist, aus einigermaßen normal funktionierenden Menschen innerhalb von 33 Stunden Reisezeit sich mechanisch bewegende, banane Hüllen zu machen. Ganz selbstgemacht.
In den letzten 33 Stunden habe ich ab irgendeinem undefinierbaren Zeitpunkt plötzlich nicht mehr im eigenen Kopf, sondern auf meinen eigenen Schultern gesessen und mir -mal mehr, mal weniger- belustigt dabei zugeschaut, wie sich der mir zugeordnete Körper durch diese so genannte “Realität” bewegt, die eigentlich fremder Film ist. Oder Videospiel.
Klingt verrückt? Ist es ganz und gar nicht. Zumindest nicht, wenn man auf den eigenen Schultern sitzt. Oder eben Banane ist.

Anyway: Jetzt sind wir also hier. In Kanada. Seit 7 Jahren gespart, seit 7 Jahren geplant. Am Anfang einer großen Reise. Am Anfang der Realisierung eines so lange gehegten Traums.
Bei Ankunft in diesem Land begrüßte uns gestern der Busfahrer mit: “Welcome to Canada, welcome home”, und der Barkeeper verabschiedete uns mit: “If you come back to Toronto, you already got a friend.” Und an den Hotelzimmer hängen lediglich grüne Schilder an den Türen, die besagen: “Privacy wanted”. Kein Rot, auf dem “Bitte nicht stören” steht. Ich finde, das macht einen sehr großen Unterschied.

Vieles hier wirkt auf den ersten Blick vertraut – und auf den zweiten vollkommen fremd. Spätestens im Supermarkt haben wir heute gemerkt, dass wir sehr, sehr weit weg von Europa sind. Bezüglich des Angebots und auch bezüglich der Preise. Und die Häuser sind alle aus 90er-Jahre US-Filmen. Aber in bunt. Jetzt sitze ich also nicht mehr auf meinen Schultern, sondern plötzlich am Fernbedienungs-TV-Knopf. Ohne den Wunsch umschalten.

Es ist in Ordnung, sich nach einer solchen Anreise Banane zu fühlen. (Oder gar nichts zu fühlen, oder so viel, dass man viel weinen oder wahlweise hysterisch lachen muss.) Weil Kanada einem das Gefühl gibt, dass Obst jeglicher Art willkommen ist. Auch deutsche Bananen.

4 Kommentare

  1. Hans-Jürgen Grundmann

    Schön, so etwas zu lesen. Ihr seid nun in einer anderen Welt! Und das wolltet Ihr auch! Insofern alles richtig gemacht. Und es muss erfrischend sein, freundliche und einem zugewandte Menschen kennenzulernen. Und bereits einen Freund in Toronto zu haben. So ganz anders als man es hierzulande kennt. Wahrscheinlich werdet Ihr in diesem unfassbar großen und weltoffenen Land häufiger Schilder sehen, auf den steht „hier geht der Weg lang“ anstatt „Durchfahrt verboten“. Genießt Eure Zeit! Ihr werdet spüren, dieses Land, diese Tour macht was mit Euch!

    • Die Globetrottels

      „Hier entlang“ und ein Freund in Toronto – besser kann es kaum losgehen. Excited!

  2. Grundmann, B.

    Ich möchte keinen Kommentar abgeben, da mir zu persönlich! Es reicht mir diese zu lesen, da ich mich komplett mitgenommen fühle. Wunderbare Berichterstattung.
    Weiterhin ganz viele schöne Erlebnisse! Ich bin dabei! in Liebe deM

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