Unterwegs im Magicbus

Von Meilenstein zu Meilenstein

Um 6h klopft halifaxischer (klingt super, oder? “Halifaxisch” sollten wir öfter sein…) Sprühregen ans Wohnheimfenster: Zeit zum Aufstehen, es wartet ein weiterer Meilenstein auf uns. Denn heute will der Bulli aus dem Hafen befreit werden. In drei Schritten.

Es erweist sich als ziemlich hilfreich, endlich mal wieder reichlich ausgeschlafen zu sein. Die Bananen von gestern sind ein wenig geschrumpft, das Denken fällt wieder leichter. Ein seriöseres Auftreten kann einen Bonuspunkt beim Zoll (Schritt 2) geben – das ist gut. Denn vor Zöllnern haben wir noch mehr Angst als vor Taxifahrern. Beginnen wir also mit einer ersten Expositionstherapie. Taxifahren.

Wetter (3 Grad, Sprühregen) und Entfernung (8km schnurrgerade, nasse und einsame Landstraße ins Nichts) zu unserem Treffpunkt mit unserer Agentin (Schritt 1)machen es uns leichter. Und Uber, das wir heute das erste Mal entdecken. Und unser wortkarger und regenscheuer Fahrer, der eigentlich eine Jennifer fahren wollte, aber auch eine Joana-Katrin samt langhaarigem Anhang mit Mütze akzeptiert. Vielleicht ist Taxifahren ja doch nicht ganz so schlimm!? So schlimm, wie Kontakt zu Zollbeamten zum Beispiel…

Schritt 1: Treffen mit unserer Agentin Bethanie.
Noch bevor wir überhaupt ausgiebig auf die Frage: “How are you doing?” antworten können, sind wir auch schon fertig. Bethanie ist freundlich und fix: Unterschrift hier, diesen Zettel dem Zoll geben, den hier unbedingt (!) behalten, take care und byebye. Und: Ja. Bis zum Zollgebäude (2km schurrgerade, nasse und einsame Landstraße ins Nichts) können wir auch laufen. Macht sonst keiner, geht aber. Also marschieren wir 2 Minuten später los. Auf dieser Strecke sollen wir wirklich fast alleine bleiben. Nur eine kleine, im Kreis gehende Demo für den Public service ist in Regenjacken kurzzeitig auf dem Gehweg.

Schritt 2: Zollgebäude im Nichts. Angstkontakt.
Für uns ist heute Mrs Cook zuständig. Sie ist also diejenige, die das Zepter der Einreise des Bullis in der Hand hält. Sie ist diejenige, die zwei kleine Globetrottels empfängt, die just bei Betreten des Zollgebäudes Erinnerungen aus Indien oder dem Iran im Kopf abspulen. Zwei kleine Globetrottels, die schon sehr, sehr viele Stunden ihres Lebens in sehr, sehr wilden Zollkontakten verbracht haben -unter anderem mit Bodycheck und Hand aufs Herz und “What do you give me now?” und “Alles aufmachen, Blick in Richtung Wagen”. Das alles sind olle Kamellen, aber Kamellen, die sitzen.

Heute aber ist Mrs Cook für uns zuständig. Eine adrette Mittvierzigerin mit leicht grau meliertem Haar und lachenden Augen. Mrs Cook will lediglich von uns wissen, ob wir Feuerwaffen mit uns führen. Nein, keine Massenschießerei geplant. Oder Bärenspray? Nein, das kaufen wir aber. Oder aber, ob wir Fleisch geladen haben!? Nein, wir sind Vegetarier. „Good.“, sagt Mrs Cook. Und ob wir Freunde in Kanada hätten? Noch nicht, aber: We plan to make them. “This will be easy,” sagt Mrs Cook. Zwei Stempel, einen Zettel für sie, einen Zettel für uns. Take care und byebye. Wir durften sogar die ganze Zeit die Hände in den Hosentaschen lassen…

Schritt 2,5: Fahrt zum Hafen.
Als neue Uberfans klicken wir Ronald an, der 4 Minuten später über die schnurrgerade, verregnete und einsame Landstraße ins Nichts entlanggepest kommt. Mit seiner Pornokarre de luxe und schnellen Geschichten auf den Lippen. Die App hatte recht als sie schrieb: “Bekannt für angenehme Gesprächskontakte”. Bis zum Hafen besprechen wir die kanadische Inflation, die Philippinen, Covid 19, den Dienstleistungssektor: Restaurantbetrieb und alle anderen “good spirits”, die so im Auto herumschweben.

Schritt 3: Hafen.
Beschwingt hinein ins Büro des Seebären, der das Hafenbüro in fester, wettergegerbter Hand hält. Noch 15 Minuten und der Bulli ist raus. Unversehrt, alles dran, alles drin. Der Seebär winkt: “Everybody´s happy?” “Absolutely.” “Welcome to Canada…don´t drink too much beer.” “We try.” Take care und byebye. Wir können es alles kaum glauben.

Vorbei an den bunten, 90er Jahre-US-Film-Häuschen, die alle dem Bulli “Welcome to Canada” zurufen, rollen wir erst mal wieder zurück auf den Hof unseres Studentenwohnheims. Hier dürfen wir die nächsten zwei Tage stehen: den Bulli sortieren und uns. Ich glaube, dass wir in diesem Parkmoment erstmalig ein bisschen verstehen können, dass wir wirklich in Halifax, Kanada sind. Am äußersten Ostzipfel eines gigantischen, großen Landes, am anderen Ende des Atlantiks, mit Weltblick gen Sonnenaufgang.

Dass wir später noch quer durch Halifax marschieren, wäre ein anderer Teil der Geschichte. Machen wir es hier also kurz: Halifax ist klein, betulich, bunt und unaufgeregt. Ein Ort, zu dem 3 Grad und Sprühregen so gut passen, dass jede Ecke Laune macht. Man darf alles sehen, man muss aber nicht. Und gerade das wirkt in diesem Moment richtig und sehr fürsorglich. Morgen gehen wir nochmal gucken. Bis dahin verpassen wir nichts.

Am Nachmittag noch schnell den dicken Käfer (aka Dachkiste) angeschraubt und dann dürfen wir diesen Mittwoch einen Tag nennen.

Let´s call it a day. A good one. A milestone. Am Anfang einer schnurrgeraden, verregneten und einsamen Landstraße ins Nichts, die voller Verheißungen zu sein scheint.

6 Kommentare

  1. Grundmann, B.

    Habe auch noch in Erinnerung, dass die Canadier immer recht freundlich waren! Also, was kann euch passieren, außer Regen? 😘 Nichts!

    • Die Globetrottels

      Jetzt kann uns nur noch das Leben passieren 😉 Dicke Umarmung!

  2. Hans-Jürgen Grundmann

    Ein Wechselbad der Gefühle! Starten in Deutschland bei Sonne und 16 Grad und nun Halifax mit 3 Grad! Anyway. Der Bully ist da, läuft und harrt den Dingen, die da kommen. Ab morgen ist Sonne in Halifax. Und 16 Grad. Jetzt geht’s erst richtig los. Und es wird besser und kanadischer. Von Tag zu Tag. Mit den Kaffee-Gas-Kapseln für Cherie und Chouchou und dem richtigen Öl für Bully kann nix mehr passieren. Have a nice journey!

    • Die Globetrottels

      Wenn man Gaffeegochkas hat kann einem nichts mehr passieren. Auf in Kanadas Wildnis!

  3. Klaus

    Schön, dass wir uns beim Umzug von Antje begegnet sind und ich von euren Vorhaben erfahren habe. Ihr schreibt so, dass ich das Gefühl habe mitzureisen. Auch ich liebe Kanada und die Menschen dort. Ein wunderbares entspanntes Land!! Gute Fahrt …

    • Die Globetrottels

      Lieber Klaus! Wir freuen uns sehr, dass Du dabei bist. Und auch darüber, wenn ein Gefühl entsteht, dass man anhand der Texte mitreisen kann. Dann sind wir nicht alleine – in diesem einsamen Land. Liebe Grüße, Deine Globetrottels

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