Unterwegs im Magicbus

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Schatten der Vergangenheit in Tallinn

Unser heutiger Spaziergang soll uns eigentlich nur an einen einzigen Ort bringen. Dass wir auf dem Weg dorthin so viel mehr erleben, war eigentlich nicht geplant. Eines der verrückten Dinge an Städten: überall passiert etwas! Weil jede Ecke quatschen kann, weil Mensch so viel erschafft und überall Spuren hinterlässt.
Ein Stadtrundgang ist immer ein Erlebnishürdenlauf. Selbst, wenn man es nicht vorhat.

Direkt hinter unserem Appartement, hinter der schrägen Methodistenkirche, beginnt der riesige Katharinenpark. Und unser Spaziergang.

Wir wandeln durch gezügelte Natur, an Springbrunnen und liebevoll angelegten Beeten vorbei – kühlen Schatten einatmend gegen die Hitze der Stadt.

Ein Freizeitpark für Kids folgt den Wiesen: entweder noch geschlossen oder aber verwaist!? Ein wunderschön buntes und groteskes Bild unter der brennenden, estnischen Mittagssonne.

Ein Großteil des Grases am Wegesrand ist nicht gemäht: eine Wohltat fürs menschliche Auge, ein Paradies für Insekten. Rasen ist überbewertet, denn erst die Wiese macht echte Natur.

Wir halten auf den „Eichhörnchenausguck“ zu. Eine Enttäuschung. Weitläufig angekündigt befindet sich hier –außer einem endenden Steg– rein gar nichts. Schon gar kein Eichhörnchen.

Hinter dem Park folgt die „Tallinn Song Festival Stage“: eine riesige Openairbühne. Wir erleben unsere 15 Minuten Ruhm nach Warhol: Tanzen vor einem imaginären Publikum. Und tagträumen von tosendem Applaus und Standing Ovations.

Nicht weit entfernt liegt das „Cromatico“: eine Kunstinstallation von Lukas Kühne, einem „accoustic artist“, der aus Beton ein überdimensionales, aufrechtstehendes und begehbares Piano goss. Bewegt man sich singend durch die „Tasten“ soll sich der Ton automatisch der Klaviatur anpassen. Angeblich.

Die nächsten 15 Minuten Ruhm stehen in den Startlöchern: Singen und Luftpiano klimpern für eine eingebildete Hörerschaft. Und tagträumen von Tränen in den Augen der Zuhörenden – aus purer Rührung.

Hinter unseren Tagträumen liegt eine „gated community“, in die wir hineinstiefeln. Sehr reiche Menschen haben sich hier vor dem Rest der Welt verschanzt. Nur ganz manchmal kann man durch eine Lücke im Zaun luken und einen Blick werfen in die ängstlichen Gefängnisse des Reichtums, dauerüberwacht von Kameras.

Wir landen auf einem deutschen Soldatenfriedhof. Dahinter eine Gedenkstätte für die 1944 Gefallenen der Abwehrschlacht Estlands.

Und gleich dahinter steht ein Denkmal für die unter „kommunistischem Terror“ Ermordeten: eine schwarze Mauer mit Einschusslöchern – dort, wo die „Feinde des Kommunismus“ wortwörtlich an die Wand gestellt wurden.

Ein letzter Blick auf die Stadt, ein letzter Blick auf die Ostsee, bevor man sie per Kopfschuss hinrichtete.
Immer wieder macht es sprachlos, wenn man sich vergegenwärtigt, wie barbarisch der Mensch auch sein kann.

Reste kommunistischer Vergangenheit stehen grau und bedrohlich im Rest der sonnigen Parkanlage herum.

An einem hat man versucht, ein aktuelles Graffiti zu entfernen.
Ganz weg bekam man es nicht: das „Z“ über der ukrainischen Flagge.

Und ich frage mich: Warum bloß lernen wir eigentlich kaum aus unserer Vergangenheit?
Eine Frage, die sich nicht nur an die „Z“-Schmierer richtet, sondern auch an ein knappes Fünftel der gesamtdeutschen Bevölkerung, die zu ignorant oder zu dumm ist zu sehen, dass ihr heutiges, politisches Blau in Wahrheit ein tiefes kackbraun ist. Wie damals.
So vergangenheitsvergessen zu sein ist vollkommen unverzeihlich. Nicht nur in Zukunft, sondern schon heute.

Aufgewühlt kommen wir schlussendlich dann doch noch dort an, wo wir eigentlich „nur“ hinwollten: bei den aussortierten Sowjet-Statuen, die man feinsäuberlich zusammengetragen und im Garten des Maarjamäe Palace ausgestellt hat.

Ein Friedhof der Skulpturen, der überschrieben ist mit den Worten:
„Vielleicht mögen diese Schatten der Vergangenheit uns helfen, uns daran zu erinnern, dass Freiheit flüchtig sein kann.“
Vielleicht.

An der Strandpromenade dackeln wir zurück nach Hause, nachdenklich. Sonnenschein und Badende – ein Kontrastprogramm zu dem, was in Kopf und Herz abgeht.

Am Abend gehen wir essen. Ein Highlight auf Hindi, während die Sonne langsam untergeht.

Nach einem Tag, der voller Schatten der Vergangenheit war. Und das ist gut so.

Vielleicht brauchen wir Menschen sie wirklich: diese Schatten.
Um etwas ganz Wesentliches nicht zu vergessen.
Die Zeiten, in denen der letzte Wunsch lautete: „Geh mir aus der Sonne!“, sind vielleicht vorbei.
Die Gefahr geblendet zu werden, ist heutzutage einfach zu groß.
Da hilft auch keine Sonnenbrille.
Leider.

Ein Spaziergang durch Tallinn

Als allererstes wird ausgeschlafen. In weichen Decken, auf flauschigen Kissen, mit dem Geruch von Frische in der Nase.
Den ersten Kaffee kocht heute Morgen eine Nespressomaschine, beim ersten Augenaufschlag bin ich bereits entzückt: wie viel Luxus ein solches Zimmerchen doch bietet!
Beim ersten Schlückchen schwarzes Gold –im kuscheligen Bett– denke ich mir:
Eines der abertausenden von wunderbaren Dingen auf dieser Reise ist, dass der Magicbus ein dankbares Herz macht. Dass wir auf dieser Reise jeden Tag aufs Neue erfahren dürfen, dass all diese im Alltag so „normal“ wirkenden Dinge genau das eigentlich nicht sind. All diese kleinen, alltäglichen Annehmlichkeiten wie warmes Wasser, ein eigenes Bad, eine Maschine, die uns den Kaffee kocht – der Kaffee selbst! Das alles ist so ganz und gar nicht selbstverständlich.
Eigentlich müssten wir jeden Tag aufs Neue zergehen –vor Dankbarkeit und Freude: über so unglaublichen, nicht selbstverständlichen Komfort.
Nach Kaffee Nummer zwei räumen wir den Wäschetrockner aus. Den Wäschetrockner!!! Wahnsinn.

Frisch geduscht sind wir am Mittag bereit –so schick, wie es uns möglich ist– in die City zu taumeln.
Dafür muss man erstmal an einer Menge Ostblockcharme –alt und neu– entlang schrabbeln.

Bis zu Blumenlädchen an den großen Türmen, die die Altstadt säumen: ab hier herrscht bestens erhaltenes Mittelalter.

Wir reihen uns in die Schlangen der Touristen ein – ein Aufmarsch, mit dem wir so nicht gerechnet haben.
Hätten wir ein klein wenig vorab recherchiert, so hätten wir vielleicht ahnen können, dass wir in einer der besterhaltensten Mittelalterstädte Europas, die obendrein zum UNESCO Weltkulturerbe gehört, nicht ganz alleine sein würden.
Memo an uns: Reiseführer vor der Reise lesen, nicht immer nur danach…

Zwischen geführten Reisegruppen tippeln wir Slalom durch die ruppigen Kopfsteinpflastergassen.

Erst durch die Unterstadt mit dem Covent (inklusive Appell: Ora et labora), der Nikolaikirche, den zahlreichen Tourishops (inklusive Puppen, die den Ästhetiksinn herausfordern), der Tüssütür und dem Rathausplatz…

…dann über den Domberg mit der einzigen Kirche, für die kein Eintritt verlangt wird: die Alexander-Newski-Kathedrale.

Halb Asien ist bereits hier und ärgert sich, dass drinnen nicht fotografiert werden darf: ein Aufpassermann mit Argusaugen achtet genauestens darauf.

Sein zweiter Aufgabenbereich: bei Bedarf den Touristen die Hüte vom Kopf pfeifen. Auch hier kennt er kein Pardon! Ein Mensch, vermutlich aus dem Reich der Mitte, kassiert einen mächtigen Anpfiff und ist so erschrocken über die deutliche Ansprache, dass er mir vor Schreck mitten ins Gesicht niest. Eine Einladung, sich nach dem Panoramaausblick ein kleines bisschen aus den Touristenströmen wieder heraus zu bewegen…

Jenseits der Bahngleise liegt das Hipster- und Künstlerviertel Kalamaja. Hier gönnen wir uns erstmal ein Immunsüppchen auf dem Streetfoodmarkt.

Im alten Industriegebiet dahinter –an der Telliskivi– wird mittlerweile Kunst, die sich nicht schert, geboren.

Vegane Cafés und kleine Handwerksläden, Ausstellungen und Musikstudios und jede Menge feinster Graffiti.

Ein öffentlicher Platz, auf dem Urban Gardening betrieben (Palme unter Glas) und gleichzeitig an den „Baltischen Weg“ erinnert wird: Erinnerungen an den 23. August 89, an dem Hundertausende Menschen aus Estland, Lettland und Litauen eine 600 Kilometer lange Menschenkette bildeten um für ihre Freiheit und Unabhängigkeit zu demonstrieren.

Aus dem Vintageshop riecht es nach gestern, für heute finde ich leider nichts. Außer Erinnerungen.

Zehn Kilometer sind wir zu Fuß unterwegs durch Tallinns verschiedene Gesichter: von Ostcharme über mittelalterliche Hanse bis hin ins Hipsterviertel und wieder zurück.
Zehn Kilometer durch den sommerlichsten Tag, den wir hier im Norden bisher erlebt haben.
Zehn Kilometer durch alte und neue Geschichte, Gegenwart und ganz bestimmt durch sehr viel Zukunft:
Vor knappen zwei Jahren wurde die Stadt vom „fDi Magazin“ der Financial Times unter die Top 10 der „mittelgroßen europäischen Städte der Zukunft“ gewählt.
Es lohnt sich also, auch morgen nochmal einzuschalten.

Mit dem Partyboot nach Tallinn

Das wilde Helsinki zu verlassen ist stressfreier als über den Bocholter Ring zu düsen. Wer auch immer dem Reiseführer gegenüber behauptete, dass man ohne Hupe nicht durchkäme!? Es muss wohl ein Häschen gewesen sein, dass während eines Hardrockfestivals unterwegs war.
In zwanzig Minuten sind wir am Hafen – easy durchgerollt.

Die Viking Line tuckert schon an und begrüßt uns persönlich:
„Welcome BNTF23!“ Wie nett.

Die Garagendecke der Fähre hängt tief. So tief, dass wir die Luft anhalten, als wir boarden. Problemlos. Der Magicbus ist also wirklich keine zwei Meter hoch. Im Sonnendunst legen wir –gemeinsam mit melchanolischen Möwen– ab gen Walhalla. Adieu Suomi.

Mit dem Partyboots geht’s über die Ostsee. In der Lounge wird zu finnischem Rock Discofox getanzt, beim Bingo wird eifrig gekreuzt, trotzdem gewinnt keiner.

Zahlreiche Finnen lassen sich unter der Sonne, die auf der Hochsee ihren Nebel ablegt, hemmungslos vollaufen. Während literweise Schnaps aus dem Duty Free getragen wird, starren wir –zollfrei–zweieinhalb Stunden sinnierend auf Blau.

Den Blick zurück gen Finnland gerichtet: ein Land, in deren Weite und mit deren Menschen wir uns sehr tief verbinden konnten.
Es täte der Welt nicht schlecht, grundsätzlich etwas finnischer zu sein.
Mit dieser Erkenntnis endet eine wesentliche Etappe unserer großen Reise. Hier endet unser Kapitel „Ein Sommer in Skandinavien“.

In Estland waren wir noch nie. Als Tallinn in Sicht kommen, staunen wir nicht schlecht.

Erwartet hatten wir ein Kuhdorf mit Schotterstraßen, auf denen sich goldzähnige Schwerbewaffnete auf Wildwestpferdekarren wilde Schießereien liefern. Ein bisschen.
Stattdessen legt die Viking Line an einem modernen, lichten Hafen an, der für jegliche illegale Machenschaften zu überschaubar und ängstlich wirkt.

In Estlands Hauptstadt rollen wir heute nicht weit. Neben teuren Autos knattert sich der Magicbus an der Altstadt vorbei durch hochmoderne Halbhochhausschluchten, die –trotz aller Bemühungen—einen gewissen Ostcharme nicht verbergen wollen.
Zum Beginn dieser letzten großen Etappe –nennen wir sie „Die baltische Heimkehr“– machen wir uns ein Geschenk. Drei Nächte lang gönnen wir uns ein Appartement mitten inneCity und kommen aus der Freude nicht mehr heraus: über ein echtes Bett, ein eigenes Bad mit Dusche und WC, ein richtiges Sofa, einen Wasserkocher und Kühlschrank, eine Netflixglotze, die Farben an die Wand wirft.

Obendrein dürfen wir –nach lieber Nachfrage– die Waschmaschine mit Trockner in einem anderen Appartement nutzen.

Der Himmel im Baltikum.

Und so passiert heute nicht mehr viel. Zweimal kaufen wir noch im ostigen Supermarkt ums Eck ein – die zweite Runde wird nötig, da wir in unserer Kitchenette eine Heißluftfritteuse entdecken und unser Abendmenü entsprechend anpassen müssen: auf „Fritüürikartulid“. Estnisch für „Pommes für die Heißluftfritteuse“.
Im Café ums Eck gibt es Puddingteilchen und Piroggen mit Kohl – die probieren wir noch im Park mit den pinken Rädern und dem Mann, der Blumen trägt…

…bevor wir uns den Rest des Tages im Luxus unserer Unterkunft versenken: drei Wäschen waschen, duschen, einen Film gucken und Fritüürikartulid knabbern, bis niemand mehr Hunger hat.
Ein sehr guter Start nach Estland — wo wir bereits an unserem erstem Tag einem Wunder begegnen. Ein besseres Omen kann es nicht geben.

Helsinki — in winter only fishing.

Fein schnorcheln mit den dicksten Oropax der Welt – da kann in der größten, nordischen Megametropole der Punk abgehen, wie er will: dieser Morgen startet ausgeschlafen. Sogar ohne Augenkläppchen – das erste Mal auf dieser Reise.

Heute schauen wir uns die Monstercity also mal an, bestens eingestimmt dank R.I.P. Ulis „Helsinki is hell“, Hape Kerkelings feinster Interpretation von finnischen Rappern Ende der 90er. Ein Glanzstück. „In winter only fishing.“

Auf knallorangen, abwaschbaren Plastiksitzen, die jedem Hochdruckreiniger gewachsen sind, kutschiert uns die Metro nach Downtown. Neben uns heute mit da auf dieser Welt: ein verkaterter Vollbartfinne mit Sonnenbrille und in bunter Joggingbuxe.
Am Hauptbahnhof hebt uns eine endlos lange Rolltreppe zurück an die Erdoberfläche und spuckt uns aus, während der musterfreudige Vollbartfinne in Richtung Hesburger abbiegt.

Helsinki, wir kommen.

Zuerst müssen wir am Parkplatz für Einhörner und dem bärenbewachten Eingang gen „Pohjola“ vorbei, dem ein schwer Tätowierter zu Füßen liegt.

Und schon sind wir an unserem ersten, helsinkischen heiligen Ort: der Kathedrale von Helsinki. Unser Pfarrer-Engels-Heiliger-Ort Nr. 189. Opulent-prunkvoll von außen, von innen protestantisch schlicht.

Am Senatsplatz davor flaniert, sitzt und tummelt sich Mensch am Zarendenkmal.

Deutlich sakraler geht es bei den Orthodoxen ums Eck zu. In der Uspenski Kathedrale, nahe des Hafens, wo ein dicker Kreuzer gerade Halt macht und ein Riesenrad seine Runden dreht, ist man sich mit Pomp und Gold ganz und gar nicht bange.

In dem verschachtelten Ziegelsteinbau mit seinen dreizehn Kuppeln blicken strenge Ikonen prüfend auf einen herab. Goldene Leuchter baumeln von den sternenbehangenen Decken, die von einem orthodoxen Gandalf und einem Engel bewacht werden, dem man das zukünftige Fallen schon fast ansehen kann.

Der Geruch von brennenden Kerzen betört, zu den Reliquien hinter Glas geht’s nur noch weihrauchtaumelig. Hier haben in der Vergangenheit viele russische Großmuttchen ihre günstigen oder weniger günstigen Ringe vor Freude über eine Wundertat von sich geworfen. Zu einer solchen nämlich soll eine der Ikonen durchaus fähig sein. An unserem heiligen Ort Nr. 190.

Am Präsidentenpalast ist am Mittag Staatsemfang. Wer genau in den verdunkelten Limousinen anrollt, können wir nicht erraten. An der Karnevalsmusik und dem Trara gemessen, dass Blaskapelle und Militär veranstalten, kann es sich eigentlich nur um den Prinz von Zamunda handeln, meint Chouchou.

Auf dem Weg zu den Markthallen scheint etwas Spannendes im Internet zu geschehen.

Für uns gibt es statt Data lieber „iced latte“ in Roberts Café neben hartarbeitenden Hipstern…

…am Designmuseum hingegen rasten wir nur kurz.

Weil Heiliger Ort Nr. 191 auch noch wartet: die Temppeliaukio-Kirche.
1969 in den Granitfels gebaut und mit einem Kupferdach gekrönt ist die Felsenkirche vor allem ein Magnet für Touris wie uns. Acht Euro pro Nase – das erste Mal seit Barcelona zahlen wir für einen heiligen Ort – es sind sechszehn Euro, die sich durchaus lohnen. Auch, wenns von außen noch nicht so aussieht.

Innen aber kommt man aus dem Bestaunen des archaisch-organischen Gesamteindrucks gar nicht mehr heraus.

Als zusätzliches Goodie gibt es obendrein Klaviermusik vom Band und einen finnischen Segensspruch für umme. Instantspiritualität in einem architektonisch äußerst faszinierendem Gebäude.

Nach so viel Heiligkeit ist dringend Zeit für einen Mittagssnack. Bei Beijing 8 gibt es vegane Dumplings mit Pflaumensauce auf Reis für Chouchou oder auf Glasnudeln für mich. Haben wir noch nie gegessen, würden wir in Zukunft gerne nochmal, sollte es solche außerhalb von Peking oder Helsinki noch ein drittes Mal geben auf der Welt.

Für den postprandialen Koffeinschubs sorgt –in Hommage an unseren „God bless the USA“-Trip—das böse, böse Starbucks. Und wie immer schaue ich an einem unprätentiösen Cappuccino nuckelnd, den Menschen mit ihren sahneschwangeren, karamellverzierten Süßgetränken neidisch hinterher, weil ich bis heute keinerlei Ahnung habe, wie man solche Schweinereien eigentlich bestellen kann, sie stehen nie auf der Karte. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass irgendwann mal ein Wunder geschieht, hinter der Theke etwas schief geht und eine fröhliche Stimme ruft:
„Double cream vanilla oat latte shake with triple nut siroup for Jooooääääna!“
Normale Tagträume unter einer grünen, zweischwänzigen Meerjungfrau eben.

Trotz allem ist genügend Zucker zurück, dass wir unser letztes Helsinkiabenteuer noch antreten können: Stöbern in lustig bunten und leicht müffeligen Vintagestores, das nettere Wort für „Altkleider shoppen“. Und ich werde doppelt fündig! Zwei Jacken trage ich aus den Hallen: einen grünen Regenmantel in Schlangenoptik und eine Winterjacke mit samisch anmutenden Stickereien. Für 34 Euro. Zusammen. Ich bin stolz wie Bolle …und hoffe, dass jetzt ganz schnell ein verregneter Herbst kommt.

Nach insgesamt 12 Kilometern, drei heiligen Orten, 12 Dumplings, zwei kalten, zwei heißen Kaffees und tausenden von Eindrücken haben wir die Füße und Herzen voll. Wir sind uns mit dem grünen Männchen einig.

Helsinki is hell? Mitnichten.
Das hier ist eine großartige Stadt. Lebendig, voll, pulsierend, innovativ, heilig, lecker, bunt, verrückt, kreativ, nachhaltig.
Schließen will ich trotzdem mit Hape:
„This is finnish – but not the end.
In winter only fishing…”

Von der Wildnis in den Großstadtdschungel

Es ist das allerletzte Ostseebad von finnischer Seite aus, auf dieser letzten Episode unserer so langen Reise. Ein wenig Wehmut badet plötzlich mit – unter dem final curtain eines „Sommers in Skandinavien“. Ein letzter finnischer Ostseeakt.

Für uns geht’s heute weiter bis ans letztes finnische Ziel auf dieser Reise: Helsinki.
Über eine zweispurige Autobahn rollen wir in einen der zahlreichen Vororte, wo ein allerletzter Campingplatz liegt: der citynächste und die allergünstigste Art, irgendwo in der Hauptstadt unterzukommen. Im Zentrum wäre uns alleine das Parken des Bullis pro Tag teurer gekommen als zwei Nächte im architektonisch herausgeputzten Ghetto.

Auf Platz F03 werden wir eingewiesen – einer von schätzungsweise zweihundert Plätzen, alle im Vorschatten neuer Wohnblocks hinter Zaun. Eine niedrige Hecke, in der gebrauchte Taschentücher hängen, trennt uns vom nächsten Wohnmobilnachbarn, der soeben sein Luxusmobil lautstark hydraulisch hochfährt, danach richtet er die Fernsehantenne aus.

Sehr wahrscheinlich ist dieser Platz für einen Hauptstadtplatz gar nicht mal schlecht. Vor allem, wenn wir ihn mit den zahlreichen Hinterhofparkplätzen anderer Großstädte vergleichen, auf denen wir auf diversen Reisen schon hausen durften. Nach wochenlanger Weite aber wirkt dieser Ort etwas eng auf uns. Und zweifelsohne um so viel geschäftiger, als wir seit 60 Tagen gewohnt sind. Ich möchte stramm behaupten, dass hier an einem Tag so viel Bewegung ist, wie auf allen Plätzen der letzten acht Wochen – in Summe. Helsinki, nördlichster Ballungsraum der Welt mit über eine Millionen Einwohnern. Was wollt man anderes erwarten?

Am Stadtstrandchen ums Eck recherchieren wir, wie wir unserem morgen Tag hier gestalten wollen.

Unter Wolken wie schwindende Pinselstriche, die über dem verlassenen Herrenhaus hängen, das in der Hauptsaison als Campingrestaurant dient.

Im arabischen Supermarkt ums Eck kaufen wir ein, um die abgerockten Pizzaläden dann doch zu umgehen, die wir –bevor wir sie das erste Mal sahen– für kurzzeitig einladend hielten.
Im Abendsonnenschein kochen wir dann doch lieber selbst. Es gibt schnelle Küche, die mit neuen Freunden geteilt wird: mehrere Dutzend Spatzen haben uns bereits gefunden und leisten uns nun–nach ein paar Krümeln—aus den Taschentuchhecken heraus Gesellschaft.

Morgen geben wir uns das große, finnische Finale. In Helsinki, dem angemessensten Ort um zu verstehen, dass dieses Land nicht nur endlose Wildnis ist.
Sondern endlose Wildnis und Weite – plus ein Großstadtdschungel.

Der letzte Zipfel finnische Ostsee

Nach dem Gewitter war noch Sonnenuntergang am See. Ich stiefele mit einem Stühlchen an und erkläre das Buffet für eröffnet. Innerhalb von dreißig Minuten tun sich die Mücken zwanzig Mal an mir gütig und es ist gut zu wissen, dass wir nicht die einzigen Menschen weltweit sind, die eine Finnlandreise ohne Moskitos erleben. Diese wahnsinnigen Tierchen, die ein sehr gutes Beispiel dafür sind, dass man auch als ganz Kleiner einen durchaus großen Einfluss haben kann. Zumindest auf uns pieselige Menschlein — dem Sonnenuntergang ist das vollkommen wumpe. Er macht, was er will, in all den Formen und Farben, die er will.

In der Nacht versetzt mich das Jucken in unruhigen Halbschlaf. Ich träume von Cholera und unaufhaltbarer Toxinflut, während ich mir genüsslich die Fußrücken an der Matratze wund scheuere. Ein Genuss, der nur bis zum Erwachen hält. Zum Frühstück gibt es also Brennstift.

Am Morgen heißen wir Rita Adieu, die uns aufgeregt erzählt, dass das gestrige Gewitter im Ort mehrere Dächer abgedeckt hat. Vorbei an wüstem Baumbruch verlassen wir das hippieeske Rääkkylä und versäumen nicht, im Abgang noch den buddhistisch gewaltfreien Hund zu befreien, in dem wir ihm einfach die Türe öffnen.

Auf der östlichen Ferienstraße Via Karelia – der „Straße der Lieder, der Poeten und der Grenze“—rollen wir besonnen gen Süden. Immer an der russischen Grenze entlang, der wir uns bis auf 666 Meter (sic!) nähern, bevor die Straße gen Südwesten wieder abbiegt.

Vor dieser Reise haben wir die finnische Ostsee inklusive Helsinki als durchaus nordische Gegend verstanden. Heute –nach Wochen im Dunstkreis des Polarkreises—wirkt diese Gegend im Anrollen beinahe mediterran auf uns. Schroffer Fels, lichte Birken, gelbe Blümchen und das Meer, das eine ungeahnte Wärme in sich trägt.

In Hamina wollen wir eine Nacht bleiben, doch das Camp liegt vollkommen verlassen da. Ein Anruf bestätigt, was wir sehen: Camping closed. Trotz allem dürfen wir bleiben: als einzige Gäste des Platzes, alleine an der Ostsee.

Dies wird wohl unser letztes, stilles Camp in Finnland sein: dieses Land, das uns mit seiner schieren Weite, Wildnis und Urigkeit schlechtweg umgehauen hat, nachdem es uns lange warm umarmt hielt.
An einem der letzten östlichen Zipfel der europäischen Ostsee, bevor deren Busen sein Ende im russischen Sankt Petersburg findet. An einem der letzten nordischen Sommertage…

Haute Cuisine nach dem Gewitter

Mittelfinnland verabschiedet uns mit einem letzten Hauch Nordlicht. Aurora scheint auf ein sauberes Lächeln zu stehen – denn wieder glühte es in genau diesem Moment über dem Magicbus: als wir mit Zahnbürsten aus den Waschräumen treten.

Ein verzaubert-grünes Adieu, das wir für immer im Herzen mitnehmen werden. Wissend, dass es magischer nicht mehr wird. In diesem Leben.

Heute machen wir Strecke. Der Wunsch nach einem letzten Hauch Sommer wird drängender, also fahren wir schnurstracks gen Süden – auf der einsamsten Landstraße Ostfinnlands.

Nach zwei Stunden werden aus den Nadeln Birken, die Umgebung verändert sich langsam – wenn auch nur subtil. Die Zeichen an Zivilisation nehmen langsam zu: mehr Strommasten, kleine Ortschaften mit Radwegen (im Sommer) und Schneemobilwegen (im Winter), mehr Autos als vier pro Stunde, ein verlassenes Straßenrestaurant, Briefkästen am Straßenrand.

Eines aber bleibt trotz allem immer gleich: Wald und Seen. Seen und Wald. Gewöhnen kann man sich daran – sattsehen jedoch nie.
Am Ende der heutigen Reise stehen erstmals seit langer Zeit wieder ein paar Lupinen am Straßenrand: der Südhauch des Nordens, Ende August verblüht. Weil finnischer Spätsommer unser Frühherbst ist.

Heute Nacht sind wir im Garten von Rita und Patrick zu Hause – einem sanften, finnischen Hippiepaar, das seine Katze für deren Lebensgenuss feiert und seinen Hund buddhistisch gewaltfrei erzieht und das in einer finnischen Villakuntabunt lebt.

Am Rande der Wildwiese parken wir ein: mit Blick auf Wald und See. Weil anders in Finnland gar nicht geht.

Danach fegt das härteste Gewitter seit langem über uns hinweg.

10 Minuten, dann wird es wieder schön und Zeit für einen Camprundgang.

Am Abend gibt es feinste Reste Allerlei. In Helsinki könnten wir die zusammengewürfelte Pfanne als hipp-vegan für zwanzig Euro pro Teller anbieten:
„Ein Mirepoix aus zweierlei Wurzelgemüse an fein gechoppten Spinatcrêpes; veredelt mit der feinen Säure von Limette, serviert auf einem Hauch von Quinoa.“
Heißt: zwei krüppelige Restmöhren, eine keimende Zwiebel, die letzten finnischen Spinatpfannekuchen aus der Kühltheke in Kuhmo kleingeschnitten, gebraten und unter die wieder eingesammelten Kügelchen Quinoa gerührt, die beim Kippen der Packung nicht unter unsere Kühlbox gerollt sind. En fin: Limette drüber ausgequetscht und fertig.

Haute cuisine am letzten Seecamp Finnlands geht sehr wohl auch in der Outdoorkatastrophenküche.
Oder: die gehobene Kunst der Speisenzubereitung unter freiem Himmel.
Das Beste vom Besten für einen kleinen Kreis von Kennern.

Dolce fare niente in Ostfinnland

Der scharfe Wind, der heute aus Osten bläst, kippt den einzigen Plan, den wir für heute hatten: Plastikbötchen fahren ist so nicht.
Ergo tun wir heute das, was wir eigentlich schon länger mal wieder machen wollten: gar nichts.
In der Sonne sitzen, den Wind sich um die Ohren pfeifen lassen, lesen, snacken und gut is. Es gibt nicht ein einziges Foto davon.
Und: wir planen die ungefähre Route unserer Heimreise. Nach langem hin und her in den letzten Tagen entscheiden wir uns für den Weg, den wir vorab für den am unwahrscheinlichsten hielten. Auch für uns eine Überraschung! Eine, die sich auf einmal richtig und gut anfühlt:
Immer den Winden hinterher.

Manchmal findet man nicht das, wonach man gesucht hat.

Nach einem ausgedehnten Frühstück, nach dem Fertigstellen des allerersten Schals in der gestrigen Nacht, sind wir mit vollen Bäuchen soweit: heute geht’s auf Vielfraßsuche!

Wenn nicht hier, wo dann sollten sich die hundert Bärenmarder Finnlands befinden: im tiefen, wuchernden Dickicht nahe der russischen Grenze. Nicht mehr am Rande der Taiga – sondern bereits ganz tief mittendrin.
Wohlen Mutes, dass wir sie finden werden, stapfen wir los. Weil Gleiches sich gern mit Gleichem gesellt, werden die Gierlinge schon zu uns kommen.

Der Wanderweg startet gleich hinter unserem Camp. Minimal ausgetreten, drängt sich der dichte Wald bereits jetzt sehr nahe an uns heran. Dies hier ist ein gänzlich anderer Forst als der, den ich vor zwei Tagen alleine durchlaufen bin. In einem Wald wie diesen würde ich alleine nicht einen Schritt wagen. Weil in dichten, undurchsichtigen Wäldern wie diesen schaurige Märchen ihren Ursprung haben. Auch russische.

Aus Wanderweg –minimal ausgetreten—wird schnell Stegpfad: ein schwindender.

Und auch der ist bald weg. Wir rutschen über glitschige Baumwurzeln im Unterholz, auf weichem Moos, das so tief nachgibt, dass ich bereits nach fünf Minuten bis zum Knöchel in den feuchten, nachgiebigen Boden sinke.

Nach einer Viertelstunde spuckt uns der boreale Nadelwald am Ufer des Verbindungsflusses zwischen „unserem“ See und dem Lentua aus. Weiter müssen wir über eine sich auflösende finnische Brücke, deren Bohlen vielleicht vor Äonen mal intakt waren. Was übrig blieb sind dicke Steine, jeder zweite davon wackelig. Ein Knöchelwupper wie er nur in schaurigen Märchenbüchern zu finden ist.

Wieder passieren wir dichtes Dickicht. Eine Hütte im Nichts, vor deren schütternen Schuppen ein Schlitten aus den 70ern auf die Kinder von damals wartet. Eine Bärenskulptur mit Fisch, die in einem endlosen Winter mit blauen Fingern geschnitzt wurde, wartend unter einem Elchgeweih auf den zahnlosen Aussteiger, dem die Welt nichts mehr zu sagen hatte.

Im Hintergrund das wütende Rauschen von Stromschnellen. Und der Knall des ersten Kampfjets am Himmel.

An den Lentuasee gelangen wir über Stege, die surreal neu aussehen. Woher auch immer die plötzlich herkommen mögen hinter diesen unbegangenen Pfaden, die eher Wildnis, denn Wanderwege sind.

Wir setzen uns und rasten und schauen den Enten dabei zu, wie sie sich die beginnenden Rapids runtertreiben lassen– aus reiner Freude am Leben. Ein bisschen quaken, sonst Stille.
Zwei Libellen –ineinander verkeilt— fliegen vorbei. Sie suchen lange den perfekten Platz zum Liebe machen und finden ihn nicht. Irgendwann lässt die hintere genervt ab und fliegt kopfschüttelnd und alleine in Richtung Seemitte davon. Das passiert, wenn man zu lange zögert. Eine zerbrochene Liebe im Nirgendwo. Obwohl es so vielversprechend angefangen hatte.

In all der Stille und Naturharmonie knallt es plötzlich wieder. Und wieder. Und noch einmal.
Es sind die nächsten Kampfflugzeuge, die viel zu tief über uns hinweg rauschen. Ein beklemmendes Geräusch, ein bedrückendes. Und auch ein vollkommen groteskes.
Mitten in diesen endlos wirkenden Frieden platzt plötzlich das Bewusstsein eines Kriegs, den das Land dreißig Kilometer weiter östlich grundlos vom Zaun gebrochen hat. Das allerharmloseste dessen, ist das sinnlose Säbelrasseln über uns.
Krieg. Warum tut der Mensch so etwas, wenn es augenscheinlich so unzumutbar für den Menschen ist!?

Wir schlagen uns weiter ins Dickicht vor. Die Pfade werden immer schmaler bis sie gänzlich verschwinden. Hinter dem Lentuasee warnte ein Schild: „Nature trail has been demolished.“ „Zerstört“ würden wir den Pfad nicht nennen – es gibt ihn ganz einfach nicht mehr. Den ersten Kilometer lassen wir uns davon noch nicht abschrecken.

Je tiefer wir in den Wald vordringen, desto stiller wird es.
Erst verschwindet das Rauschen des Wassers, dann der Vogelgesang. Als nächstes geben die Insekten das Summen auf und irgendwann ist selbst das letzte Rascheln der Nadeln im Wind weg. Auf einmal stehen wir mitten in einer geräuschlosen Wildnis ohne Pfad und plötzlich wird uns klar: wenn wir hier vom Vielfraß gefressen werden, wird niemals eine Menschenseele unsere Überreste mehr finden. Das ist der Zeitpunkt, an dem wir umdrehen.

Hinter der unbekannten Losung –auf dem Weg zurück in Richtung einziger Schotterstraße, die unsere Karte hergibt—begegnen wir nur einmal noch tierischem Leben in Form eines kolossalen Ameisenhaufens. Ein gigantischer Berg Arbeit! Hier ist es einfach mal an der Zeit, ein riesengroßes Lob auszusprechen, an all die fleißigen Arbeiterinnen, die emsig zu unseren Füßen kriechen. In dieser Einsamkeit bekommen sie zweifelsohne viel zu wenig Anerkennung für ihr großartiges Werk.

Einen Vielfraß sehen wir nicht. Genauso wenig wie die Braunbären, Luchse oder Wölfe. Wir eieren über die Brücke, die keine mehr ist, wieder nach Hause.

Zurück am Camp ist in der Zwischenzeit die Cholera und Zivilisation ausgebrochen. Direkt neben uns –rechts und links—sind andere Camper eingezogen: offensichtlich Kuschelcamper. Und die Campmama gibt uns Bescheid, dass wir ab heute bitte das Trinkwasser kochen sollen. Wegen einer kleinen Menge fieslicher E.Colis. Die Sonne scheint, 21 Grad im Schatten, die Kampfjets haben noch nichts abgeworfen.
Eine kleine Menge E.coli, sagen Sie?! Wenn´s weiter nix is….

Ich stürze mich in den See und lasse mich danach in der Hollywoodschaukel wiegend sonnentrocknen. Drei Männer poltern laut aus der Sauna hinter mir heraus: vollkommen blank, so wie Gott sie schuf.

Ich schließe die Augen und freue mich: über ihre Freiheit. Das nächste, das ich höre ist Platschen und Prusten, dann das Knacken von Dosenbier, einen herzbefreienden Rülpser und lautes Lachen. Die Finnen – haben keinerlei Verträge mit gar nix. Irgendwie beneidenswert.

Zum Abend gibt es veganes Gyros mit Paprika und Reis – gekocht auf der Mitte der Wiese des Camps, damit die Haare sonnentrocknen können.

Über dem ruhigen See geht die Sonne sanft unter. Sehnsüchtig schauen wir ihr auf dem Steg vor der Sauna hinterher.

Manchmal findet man nicht das, wonach man gesucht hat.
Heute, an diesem Donnerstag, wollten wir einen Vielfraß suchen – und haben einen Ameisenhaufen gefunden: ein Meisterwerk des Teamworks und der Beharrlichkeit.
Der Stille der Natur wollten wir lauschen – und haben Kriegsgeräusche vernommen: ein Symbol dafür, wie brüchig unser Frieden sein kann.
Manchmal findet man nicht das, wonach man gesucht hat, aber stößt auf etwas noch Zentraleres.
Dankbar möchte ich sein: für den Frieden, in dem wir leben dürfen.
Und dankbar möchte ich sein: für die Freiheit. Zu platschen, zu prusten, laut zu lachen.
Auch angezogen und ohne Dosenbier.

Vielfraß mit Michelinstern

Und wieder war es beim Zähneputzen – diesmal aber bei Chouchous Beißerchen:
„Chérie, komm schnell! Schnell!!!“
In dieser Nacht aber ist es kein einzelnes Licht, das einsam am Himmelzelt steht. In dieser Nacht ist es das gesamte Firmament, das in bunten Farben leuchtet. Aurora ist wieder da.

Ewig stehen wir in der stürmischen Kälte und können uns gar nicht sattsehen – an diesem Privatspektakel hoch oben über uns.
In sich ständig verändernden Formationen dreht sich grün um pink – mal als senkrechter Strahl, mal als satte Fläche, mal als waagerechtes Band.

Erst um zwei schaffen wir uns loszureißen gen ins Bett – mit Füßen wie Eiszapfen und beim Einschlafen denke ich:
Nie wieder werde ich darüber jammern, dass der Magicbus keine Nasszelle hat! Denn hätten wir uns über einem Verpasserwaschbecken bettfertig gemacht, wäre Aurora still an uns vorbei gezogen. Nie wieder also werde ich darüber stöhnen, dass der Magicbus kein Bad hat.

Vor uns liegen heute 170 Kilometer gen Osten. Über wellige Straßen und durch einen einzigen Ort namens Sotkamo, wo wir tanken.

Weiter bis es in Finnland nicht mehr geht: bis Kuhmo, dem angeblichen Tor zur wahren Wildnis Finnlands. Für Menschen, denen es bis hierhin noch nicht naturnah und verlassen genug war.
In Kuhmo selbst ist bereits der Hund begraben. Das anvisierte Naturinformationszentrum hat zu, ein paar rostanfällige Autos kurven zwischen Tanke und schneesicherem Schulgebäude umher. Im wohlsortierten S-Markt aber tummelt sich Mensch.
Mal wieder packen wir nur das Leckerste ein, der heutige Hit: eine Fetablätterteigtasche und undefinierbare Pfanneküchlein (vielleicht?!) aus dem Kühlregal.
An der Kasse steht ein älterer Herr mit einer Sammlung an Pfandbons hinter uns. Der Versuch ihn vorzulassen, löst allgemeine Irritationen aus. Irgendwann aber traut sich der Herr, sich still und leise vor unseren vollen Wagen zu schleichen. Und mich beschleicht auf einmal das ungute Gefühl, dass wir möglicherweise ein zu lautes Bohei gemacht haben bei einem unauffälligen Versuch, kurz vor Monatsende die Rente aufzubessern.

Fünfzehn Kilometer hinter dem Dorf –Richtung Urheilkukeskus und Russland– liegt der Nationalpark Luonnonsuojelualue.

Mit einem einzigen, verlassenen Camp, das von einer älteren Dame geführt wird, die nebenbei noch selbstgestrickte Socken verkauft.
Mein „Valitettavasti en puhu suomea!“ (=Leider spreche ich kein finnisch.) versteht sie auf Anhieb, eine gemeinsame Sprache haben wir damit nicht, auch wenn ihr Englisch einen Tick besser ist als mein finnisch. Einen Tick.
Mit Händen und Füßen verstehen wir aber auch so sehr schnell, was die Augen bereits sahen: der Platz ist vollkommen menschenleer. Und wir dürfen hier überall sein.

Über dem See nieselt es sich am Nachmittag etwas ein.
In Finnland macht das gar nix, weil in Finnland die nächste Sauna nie weit ist. In unserem Fall: nicht mal weit weg vom See. Genaugenommen knappe fünf Meter.
Die Campmama hackt Holz und heizt ein, schwitzen darf ich ganz alleine: zwischen dem Knistern von Holz, das wie Zunder brennt und dem Zischen des Aufgusses. Auf einem klassisch-finnischen Einmalsitzläppchen hockend frage ich mich, wie ich jemals eigentlich weiterleben soll – ohne Finnsauna und anschließendem Eisbad im kalten See!? Und der Heizkessel brodelt und ruft: „Nicht nachdenken. Komm Fußbad machen.“

Am Abend kocht Chouchou unter der sich plusternden Bergerplane.

Hungrig wartend in einem Wimmelbild, das sich „zu Hause“ nennt, gibt es genau zum richtigen Zeitpunkt beste vegane Chorizo-Hotdogs. Mit Liebe in der Pfanne gewendet vom begnadetsten Chefkoch östlich von Kuhmo, der diesen Schmaus mit einem Dessert aus Heidelbeeren und Quark abrundet.

Sicher ist: bis zur russischen Grenze kocht hier niemand besser.
Oder hast Du schon mal einen Vielfraß mit Michelinstern gesehen?

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