Unterwegs im Magicbus

Autor: Chérie (Seite 26 von 28)

Freunde, das Buffet ist eröffnet. All you can eat.

Geschlafen wie die Murmeltierchen, wachen wir zum Murmeltiergepiepse wieder auf. Die kleinen Racker haben diesen klitzekleinen Erdteil fest in der Hand, beziehungsweise fest in ihren kleinen Pfötchen. Sie sind es, die hier den Ton angeben. Pieppiep. Den ganzen Tag. Pieppieppiep.
Piep sagen die stehenden Hörnchen, die Beobachter. Sie checken ganz genau, wer sich nähert, wer Knabberzeug in Petto hat und wer wie lange im Bad braucht. Lebende Warnmelder und sicherlich auch ganz ausgezeichnete Waschweiber; es ist ein Leichtes sich vorstellen, wie hier über vorbeieiernde Camper gelästert wird. Im Chipmunkuniversum.
Die kleinen Resteverwerter fressen alles, was nicht niet- und nagelfest ist – Blümchen, Gras, Chouchous Mikrophon, am allerliebsten aber Camperrestbestände, wahllos und vollkommen angstbefreit bei der Nahrungsbeschaffung.
Es ist ein ausgeklügeltes Spiel, das der Beobachter ansagt:
Hey Leute. Guckt mal alle schnell. Die zwei ungewaschenen Langhaarigen in dem weißen, kleinen Auto, die schnappen wir uns jetzt. Die sind so lahm und tierlieb, die werden sich nicht wehren. Alle zusammen, bei drei. Piep piep piep: Attacke.
Die Absprache läuft zügig und reibungslos. Nicht lange, und die ersten Kompagnions hüpfen über unsere Füße. Sie klauen die Kekse, sie werfen die Tasse um, um an den Kaffee zu kommen, sie trinken aus unserem portablen Kühlschrank – der zugegebenermaßen eine prima Hörnchentränke abgibt.
Der Beobachter soll natürlich Recht behalten. Bei uns dürfen sie das alles.
Es ist noch nicht einmal 10h, die Kunde hat Runde gemacht. Ab sofort campen die Globetrottels im Auge des Murmeltierzenits, im Zentrum des Chipmunkuniversums.
Freunde, das Buffet ist eröffnet. All you can eat.
Und heute Abend schlummern ein paar mit vollgefressenen Bäuchlein schnarchend und piepend in unserem Bettchen.
Ich bin mir einigermaßen sicher, dass es genauso kommen wird.

Dies soll nicht unsere einzige Wildlifeerfahrung für den Tag bleiben. Wir rechnen mit allem auf dem heillos überlaufenen Wanderweg hoch zu den Bertha Falls, denn ganze Horden schwererziehbarer Halbwüchsiger sind mit uns vor Ort. Scheinbar aus pädagogischen Gründen werden diese armen Pubertierchen die verbrannten Hänge von hochmotivierten Erziehern hochgeschleift.
Rotwangige 15-jährige pusten an uns vorbei, brüllen über den schmalen Trail, manche den Tränen nah: Tja Kevin. Vielleicht überlegst Du Dir das nächste Mal vorher, ob Du die heimlich geschossenen Duschbilder von der Kimberley auf Deinem Instaaccount wirlich posten willst. Jetzt: Hoch da!
Wir rechnen mit allem. Mit allem, aber nicht damit…

14h. Wir sind bereits fast am Ende des 8km langen Wanderwegs – 300 Meter vom Magicbus entfernt, das Camp in greifbarer Nähe und plötzlich sehen wir ihn:
Nur 20 Meter vom Trail entfernt, eine Böschung tiefer, sitzt ein ausgewachsener Schwarzbär und zerlegt mit knackenden Beiß- und Schmatzgeräuschen genüsslich ein Reh. Bestimmt eines von den halbwüchsigen, die mich gestern beim Abendspaziergang den See entlang begleitet haben.
Unverhofft und unerwartet, ist es so faszinierend, dass man kaum wegschauen kann.
Es dauert eigentlich einen Moment zu lang zu realisieren, dass wir hier nicht im Zoo sind – und der Bär in keinem Gehege.
Es dauert eigentlich einen Moment zu lang zu verstehen, dass 20 Meter eindeutig zu nah sind, dass 20 Meter von einem ausgewachsenen Schwarzbären sehr flott überwunden werden können, wenn er das wünscht.
Es macht sehr viel Sinn, sehr zügig zu verstehen, dass es aller äußerst viel Sinn macht, jetzt ruhig und besonnen weiter zu gehen. Sofort! Bevor der Bär noch meint, wir wollten ihm seine Beute streitig machen. Bevor der Bär merkt, dass eine Ebene höher bräsige Globetrottels paralysiert auf abgenagte Rehbeinchen starren. Bevor der Bär realisiert, dass dort ein sehr leicht zu erlegendes Abendessen steht und gafft.
Freunde, das Buffet ist eröffnet. All you can eat…

Ehrfürchtig, atemlos, fasziniert, alarmiert, sehr demütig und sehr dankbar für eine unvergessliche Erfahrung erreichen wir ruhigen Schrittes den Magicbus. Um danach innerlich auszuflippen.

Wir Menschen sind schon sehr kleine und manchmal auch sehr dumme Tierchen. Und in der Fresskette nicht unbedingt oben. Das sollte man sich ruhig manchmal klar machen. Vor allem in Gegenden wie diesen…
Freunde, das Buffet ist eröffnet. All you can eat.
Wie schön, dass ich das noch schreiben kann, um danach die Murmeltierchen mit vollen Bäuchlein ins Bettchen zu bringen, wo sie heute Nacht piepend schnarchen und friedlich schlafen dürfen.

Kojote mit Medizinhut

Heute ist´s so weit. Seit Tagen beobachtet, bekommen wir sie nach Abfahrt aus den Prärien nun endlich fotogen vor die Linse: die, die wir “die Gazellenartigen” nennen. Oder: die Steppenrehe, die Antilopen der Prärie, die Gazellinskis mit Lamagesichtern und im Alpakamove. Heute finden wir auch heraus, wer diese feinen Viehchelchen wirklich sind. Es sind Gabelantilopen. Oder für die Burschikoseren unter uns: Gabelböcke. Schnellstes Säugetier Amerikas. Ich konnte es selbst nicht glauben, als ich es das erste Mal las. Gabelböcke so weit das Auge reicht, heute immer wieder, in der Summe sicherlich hunderte, verteilt auf 400 Kilometer, an den Straßenrändern, auf Kuhweiden, auf der Fahrbahn, zwischen Sträuchern. Mal sportlich galoppierend, mal träge auf Hügel starrend, einmal nicht flott genug gewesen und daher plattgefahren auf der Straße.

Wen wir heute auch dreimal zu Gesicht bekommen–und leider kein einziges Mal vor die Linse– sind die Steppenwölfe. Präriewölfe. Kojoten. Die, die wir Coyotis nennen und die wir bisher nur gehört haben. Im Gras lauernd, am Straßenrand, auf der Kuhweide. Dort, sehr wahrscheinlich zur coyoti´schen Mittagszeit, ergo: am Esstisch. Alle drei mit funkelnden Augen, die sagen: Mir nimmt keiner die Butter vom Brot. Spitz- und schlitzohrige Gesellen, die man abends im Zwielicht neben dem Magicbus zweifelsohne nicht braucht. Zähnebleckend, bereit für den Nachtisch.

Ansonsten passiert heute nicht viel. 400 Kilometer meist entlang an Agrikultur und freilaufenden Rindern auf Steroiden. So langsam geht auf, warum in den gigantischen Fleischabteilungen der Supermärkte nur ein kleiner Kühlschrank vorgesehen ist für tote Tierteile “raised without antibiotics”. Kanadisches Bio. Eine aus der Zeit gefallene Raststätte voller Mennoniten mit ranzigem Kaffee aus der Gulaschkanone. Grundwasserpumpen, riesige Silos, ratternde Landmaschinen, die gigantisches Land pflügen. Grüne Hügel, teils bewirtschaftet, teils unberührt, die meisten würden im Winter großartige Rodelberge abgeben. Man könnte die Gegend “einlullend” nennen. Oder –mit einer blue mood, so wie sie die Globetrottels heute haben– auch: öde. Westliches Saskatchewan, so also verlassen wir Dich. Vor uns liegt Alberta: der “wild rose country”, der für uns in Medicine hat beginnt.

Medicine hat. Klingt gesund und super. Woher der Name stammt, lässt sich nicht eroieren. Vielleicht daher, dass der größte Medizinmann der Welt im größten Tipi der Welt (steht am Ortausgang) die größte Heilung des Universums abgehalten hat. Vielleicht.
Oder daher, dass jedem Einwohner empfohlen wird, den größten Medizinhut der Welt zu tragen, um sich vor möglichen Gasunfällen zu schützen; Gas, das in Medicine Hat gefördert wird. Vielleicht.
Vielleicht ist mit “Medicine Hat” auch nur ein einfacher Sonnenhut gemeint. Bei den meisten Sonnenstunden im Jahr kanadaweit – sagt zumindest das kanadische Institut of “environment and Climate Change” –wäre ein solcher ja durchaus empfehlenswert. Vielleicht.

Wir wollen von Medicine Hat eigentlich nur einen Ölwechsel und eine Pizza. Beides sollen wir nicht bekommen.
VW hat keine Termine vor nächsten Dienstag, aber den großen Bullifan Stephen, der lediglich Automatikvans kennt.
Canadian Tire hat weder das richtige Öl, geschweige denn den passenden Filter, aber einen guten Tipp, wo es für uns weiter gehen könnte.
Bei Mobile 1 wird äußerst engagiert an die Sache heran gegangen, aber der nötige Filter sei weder vorrätig, noch gelistet, noch lieferbar.
Nach knappen zwei Stunden erklären wir das Projekt Ölwechsel für abgehakt. In Calgary werden wir erneut unser Glück probieren. Auf Pizza haben wir mittlerweile keine Lust mehr, stattdessen gibt es Veggieburger. Den einzigen der ganzen Stadt und sehr wahrscheinlich als Pioniere. Schmeckt. Also Fett statt Öl. Schade, dass die Garlic Parmesan Pommes aus waren.

Heute Nacht bleiben wir in Redcliff am Sportplatz.
Die Sonne steht noch nicht schief, mit unseren Nachbarn aus Missisippi haben wir uns bereits angefreundet. Ein paar Gabelböcke rennen die Straße entlang, weg vom Baseballfeld, mit Lamagesichtern und im Alpakamove. Es ist warm, nicht mehr so heiß wie gestern. Der Veggieburger sackt und so langsam könnte ich einen Nachtisch vertragen. Kein Lust auf Brot, von dem ich mir nicht die Butter nehmen lassen würde. Zähnebleckend in Redcliff auf der Picknickbank. Ich brauch was richtiges…
Alberta, country of wild roses, weckt möglicherweise den Steppenwolf in einem.
Na ja, oder zumindest den Kojoten.
Einen kleinen, tapsigen mit einem lustigen Medizinhut auf, tief ins schlitzohrige Coyotigesicht gezogen, unter dem sehr hungrige Augen funkeln.

Globetrottels, die auf Gras starren

Bereits um halb sieben knallt die Sonne aufs Hochdach: Sonntag Morgen in Rockglen räumt mit dem Vorurteil auf, Kanada könne nur kalt. Um sieben hat es bereits 27 Grad im Magicbus. Sommerausbruch.

Der angedrohte Tornado ist ausgeblieben. Stattdessen hatten wir eine der ruhigsten Nächte der gesamten Reise. Die letzte Straße vor den USA befährt in der Samstagsnacht niemand. Wir haben es überprüfen können. Und den Bulli nachts nicht abgeschlossen.

Mit frisch gewaschener Kleidung geht es heute für uns weiter. Auch hierfür: Danke liebes Visitor Center! Wir durften nicht nur Windschutz hier finden, nicht nur Stellplatz mit Dorfanbindung und Strom, nicht nur reizende Menschen, nicht nur Omis Badezimmer zur Mitbenutzung mit kanadaweit eingesammelten Shampoopröbchen, sondern auch den größten Hygieneluxus der letzten vier Wochen: eine kostenlose Waschmaschine mit Trockner. Über Nacht haben wir hier alles reingesteckt, was nicht niet- und nagelfest war. Kurzzeitig habe ich sogar überlegt, Rudi mitzuwaschen, das aber ging dann doch ein wenig zu weit.

Wir starten heute also den zweiten Versuch –tornadofrei– in die Grasslands zu kommen. Der Himmel ist strahlend blau und wolkenlos, jetzt muss nur noch der Magicbus mitspielen. Denn in die Grasslands führt nur Schotterpiste. Und Schotterpiste –so haben wir bereits gelernt– mag der Bulli nur, wenn das Gras von links weht, die Sterne probiotisch gegen den Uhrzeiger drehen, die Sonne im Norden untergeht und acht Adler über uns kreisen.
Heute also!? Ja, so ist es.

Die Grasslands.
Vor unseren Augen erstreckt sich endloses Grün – wie es sich für anständiges Grasland gehört. Sich sanft wiegende Hügel, end- und baumlos, saftig. Die Prärien, Kanadas Steppe.
Weitblick wie am Meer. Die steife Brise auch. Aber statt nach Salz, riecht es nach undefinierbaren ätherischen Ölen knorriger Sträucher, deren Namen wir nicht kennen. Gleißende Sonne, Hitze auf der Haut. Keine Mücken – und auch sonst keine gefährlichen Tiere, weiß Trish, die plauderige Parkmitarbeiterin, die uns begeistert in Empfang nimmt. Ein Präriehund flitzt trotzdem vorüber.
Der Magicbus parkt ohne Murren, Knurren, Klackern, Quietschen oder Kreischen ein: Panoramablick.

Im Firepermit ist so viel Holz enthalten, wie man verfeuern kann. Also endlos. So wie der Blick. So wie die Freude darüber, hier sein zu dürfen. An diesem unfassbaren Ort, dessen Schönheit sich nicht in Worte fassen lässt.

Den Rest des Tages passiert nicht mehr viel. Globetrottels, die auf Gras starren. Mal mit Fernglas, mal ohne. Es gibt beeindruckend wenig zu sehen in dieser Weite. Nur in ganz weiter Ferne entblößt sich gegen drei ein einsamer Künstler, der mit einer selbstgebastelten Lochkamera Aktbilder von sich selbst am Flüßchen schießt.
“In this wilderness I am not shy,” sagt er. Die Weite und Ruhe tut uns allen sehr gut.
Genauso wie das große Feuer, das wir schon am Nachmittag entzünden und das –dank der steifen Brise– wie eines des stolzesten seiner Art brennt.

Endlos weit schauen, sich vom Winde verwehen lassen, Sonne auf der Haut, so hoch lodern wie es geht und brennen wie das Stolzeste seiner Art. Genau so sollte es öfter sein.
“In this wilderness I am not shy.”
Drückt mal bitte jemand auf den Auslöser!?

Auf nach Manitoba

Es ist das Wunder der Verdrängung, dass wir diese Nacht gut schlafen. Ein angemessen sensibler Mensch hätte das Alptraumgetier des gestrigen Abends in seine Träume mitnehmen müssen, es wäre nicht anders gegangen.

Entspannt wollten wir nur noch den Sonnenuntergang am Rainy River genießen, bevor es früh zu Hochbett geht. Am kleinen weißen Leuchtturm der sinkenden Sonne hinterher schmachten, ein Blick rüber in die USA –es sind nur 50 Meter über den Bach– und maximal noch ein paar Mücken zärtlich kaputt hauen, die genüsslich ihr Abendmal auf den Stellen unserer nackten Unterarme einnehmen, die nicht gänzlich mit toxischem Deet eingesprüht wurden. Viel Platz war nicht mehr: auf Unterarmen und im Erlebniskosmos.

Eigentlich hätten Horrorfische nicht mehr reingepasst. Und eine Schlange auch nicht. Vor allem nicht, wenn man nur Plastikschühchen an den Füßen trägt. Eigentlich. Aber manchmal kann man es sich halt nicht aussuchen…
Und so durften wir all dies noch erleben, an einem letzten warmen Sommerabend im Mai in Barwick, Kanada, kurz vor der US-Grenze, kurz vor Betthupferl:
Eine Armee kämpfender Gruselfische am Flussufer des Rainy Rivers, jedes Schuppenvieh mindestens 2 Meter lang, mit müllfressendem Welsgesichtern und Haifinnen. Mehr Krokodil als Fisch. Die wahrlich beste Grenzsicherung, die man sich vorstellen kann. Denn schwimmen will so hier niemand mehr. Es sei denn, er wäre suizidal.

Das nächste Wildtiererlebnis lässt auch am nächsten Tag nicht lange auf sich warten. Mittlerweile ist es Juni. Wir sind immer noch in Barwick: zweiter Versuch, die heiligen Begräbnishügel in Kay-Nah-Chi-Wah-Nung (wieder abgeschrieben) zu besuchen.

Der Bulli schreit bereits auf dem Schotterpfad zum RoundHouse. Mal wieder hat sich ein Steinchen irgendwo zwischen Bremsklötzen und Reifen verklemmt. Mal wieder klingt es schreiend erschütternd. Mal wieder kurz vor Infarkt – ich. Nicht der Magicbus. Dabei lässt sich –mal wieder– das Problem einfach lösen, indem man geduldig, ruhig und langsam vor- und zurücksetzt, bis sich der Verkeilte entkeilt und auf der Schotterpiste das Weite abseits des Radlagers sucht. Drei Dinge, in denen ich nicht gut bin: Geduld, Ruhe, Langsamkeit. Chouchou –Gott sei Dank– schon.

Anyway. Wo war ich stehengeblieben?
Richtig. Wildtiererlebnis.
Gestern wollten wir nicht mehr auf den Trail, da wir nicht ausreichend auf Wölfe vorbereitet waren. Heute sind wir das – schwerbewaffnet mit einstudierten Wolfsgesängen auf den Stimmbändern und Bärenspray im Anschlag. Es soll jedoch kein Wolf sein, der uns in die Flucht schlägt. Es sind –ganz geheim– viel mächtigere Tiere, die uns den Weg versperren: Mücken.
Obwohl wir erneut von Kopf bis Fuß einge-deet-et sind und wie wandelnder Atommüll riechen, stört das die Moskitos nicht die Bohne. Bereits nach den ersten Metern sitzen sie in jeder Ritze, die nicht abgedeckt ist: in Nasenflügeln, Ohrmuscheln, Augenwinkeln. Chouchous Mütze sieht aus, als sei sie nicht einfarbig, sondern melliert.
Wir lernen: Wer Mücken auf dem Trommelfell hat, der braucht keine Wolfsgesänge mehr. Nach 5 Minuten kapitulieren wir und treten den Rückzug an.
Die Wettergötter des 1. Junis haben entschieden: Keine Hügel für uns heute. Und die Mücken lachen hustend in der Morgenschwüle.

Über den einsamen Highway 71 geht es für uns zurück auf den Transkanadischen Highway, heute: “Heart of Canada”-Route. Das Schild: Center of Canada fliegt am Straßenrand vorbei. Verrückt. Es schwupst gut, der Magicbus kreischt nicht und zeigt auch ansonsten keine Malaisen, die Temperatur steigt bis zum Mittag auf 30 Grad. Sommer im äußersten Westen Ontarios.

So geht es vergnügt bis kurz vor Manitoba. Dann rauschen wir in eine Vollsperrung. Der Transcanadian wird abgeriegelt. Diverse Feuerwehrautos, Paramedics, Polizei und weitere Einsatzkommandos sind die einzigen, die sich durch die stehende, stetig länger werdende Blechparade noch durchquetschen. Alan – unser Leidensgenosse im Auto hinter uns– erzählt uns beim gemeinsamen Pläuschchen, dass das ganz und gar kein gutes Zeichen sei. Erfahrungsgemäß sei jemand gestorben, passiert hier täglich in den Baustellen, dann ist die Straße –auch aus Respekt– die gesamte Nacht dicht. Blöd für uns, denn es gibt weit und breit keine alternative Straße gen Westen. Noch blöder aber für den Toten … auch das muss man fairerweise zugeben.

Nach knappen drei Stunden gehts weiter. Gutes Zeichen: Gestorben ist –Gott sei Dank– niemand. Es hat nur eine kleine Sprengung gegeben. Und einen Blechschaden bei einem Jeep und einem RAM. Eigentlich ein Wunder, dass bei einer Kollision zwei so fetter Karren niemand über die Wupper ging. Offenbar hochmotivierte Schutzgeister dort oben in Manitous Wonderland. Chapeau und Good job!

Winnipeg.
Mit ordentlich Verzögerung rollen wir auf dem Ring der Metropole in Kanadas Mitte ein. Wir sehen gigantisch-bunte Einkaufsviertel, nicht fußgängerunfreundlich, sondern fußgängerunfähig. Futuristisch-apokalyptische Wohneinheiten an den Stadträndern, mit Leuchttürmen als Viertelseingang abgesteckt. Bescheidener Wohlstand in anthrazit, der modernes Leben am Rand der Großstadt vergaukelt. Vom Munde abgespart und leer. Nach der Einkaufsrunde drehen wir ab und fahren weiter.
Nicht mehr weit, aber weit genug.

Am Rande der Stadt gibt es einen lauten, praktischen Campground, dort bleiben wir heute Nacht – den vorbeirauschenden Autos zuhören und diesen unverwechselbaren Vögeln Manitobas:
Mit einem steil abfallenden Ton klingen die Piepmätze hier wie Kamikazeflieger, die eine akkustische Bruchlandung simulieren. So, als wollten sie sich mit Karacho zu Boden stürzen und ihren kleinen Federkörper zerdeppern.
Unerschrocken und angstfrei, mehr Flugsaurier als Vogel.
Das sind so Typen, die würden auch durch den Rainy River schwimmen. Ohne mit der Vogelwimper zu zucken und mit Plastikschühchen an den Füßen.

Die Meditation des Fahrens oder: Freies Assoziieren auf dem Highway Nr 11. bis Barwick

Einfahrt Highway Nr 11. Warnung: Achten Sie auf Ihre Tankfüllung. 300 Kilometer bis zur nächsten Tankstelle. Dazwischen mal wieder das große Nichts. Das große Nichts mit einem weiteren Straßenrandschwarzbären darin. Natürlich weiß ich erneut ganz genau, wer er ist. Erkannt. Again. Als Krähe fliegt er weiter.

Endlose Straße im Sonnenschein nach einem reinigenden Gewitter kurz vor Thunder Bay. Rudi pennt auf der Hutablage. Eine Gelegenheit die Hirnwindungen frei zu lassen. Freies Assoziieren als Strechtingübung für die Synapsen. Dreihundert Kilometer ungefähr so:

Über
I am so sorry honey, no vegetables. We are only a small Walmart – bei GaleriaKaufhausgröße.
Über
arktische Wasserscheiden, heading north.
Über
ein Sicherheitsnetz, das so dicht ist, dass man sich nicht mehr bewegen mag.
Über
-springen von Zeitzonen, außerhalb der Zeit, eine Stunde gewonnen.

Über
Donnerbucht bis Rainy rivers,
Black flies, die ganze Hautstücke ausbeißen,
sich selbst immer mitnehmen,
die Instantlebendigkeit, wenn man die Hand aus dem Beifahrerfenster in den Wind hält.

Über
den Segen, keinen Spiegel mehr zu haben – es macht uns alle schöner.
Über
die Schwingen des Adlers über uns – ich weiß, wer er ist.
Über
wieviel mehr Menschsein wir Menschen eigentlich brauchen. Und wieviel weniger auch gut täte.

Und dann sind wir am späten Nachmittag auch schon da:
Kay-Nah-Chi-Wah-Nung (ich gestehe, ich musste abschreiben), heiliger Ort der Ojibwe am Rainy River. Hier gehen die Seelen nach ihrem diesseitigen Ableben am einfachsten in die jenseitige Welt über. Über die Stromschnellen, an ihrer größten Begräbnisstätte Kanadas. Leider sind wir für die Trails hin zum größten Heiligtum etwas spät dran: der Weg dorthin sei 7 Kilometer, weiß Saiyen. Bis 18h sei das nicht mehr zu schaffen. Trotz der gewonnenen Stunde. Außerdem muss man auf Wölfe vorbereitet sein: diejenigen, die für Demut und Gleichheit aller Menschen stünden. Auch das sind wir heute nicht mehr.
Das RoundHouse, den spirituellen Versammlungsort schaffen wir zeitlich und mental aber noch. Und eine Spende in die Gemeindekasse. Auch das ist wichtig.

Ob wir die Trails morgen –bei Gewitterwarnung– angehen können, müssen wir den Wettergöttern des 1.Junis überlassen. Den wohlgesonnenen Wächtern über die EinMonatsGereisten. Schon.

Heute Nacht dürfen wir in Barwick –ganz im Westen Ontarios– zu Hause sein. Freistehend legal erwünscht willkommen.

Die Barwicker haben es so freundlich gestaltet: ihren kleinen Stadtpark, der offiziell auch zum wilden Campen einlädt. Mit öffentlicher Toilette, Feuerstelle, Picknickbänken, Wasser und sogar kostenlosem Strom. Mit Blick auf einen Rainy River, der in schwülem Sommersonnenschein träge vor sich hinfließt. Im Bulli sind es um 19h noch 33 Grad und hier auf meiner Picknickbank in der untergehenden Sonne nur wenig weniger.

So die Götter wollen, wird dies unsere letzte Nacht in Ontario sein. Die ausgedehnten Felder und die großen Farmen ums Eck flüstern schon leise: Manitoba.
Ma-Ni-To-Ba. Wie ein bäuerliches Versprechen, wie warme, frische Milch, frisch gemähtes Heu und seicht wiegende Kornblumen in endlosem sonnengelb.
Manitoba. Vielleicht wird es ein Sommermärchen.
Mit Kartoffelstampferchen in Hotpants. Ohne Spiegel.
Das wär doch was…

Marathon oder Manitou?

Ich finde es spannend, dass alle Religionen am Ort ihrer Originalschauplätze plötzlich Sinn machen – vollkommen egal, wie abstrus sie abseits derer bei genauerer Betrachtung wirken.
Am Ganges fühlt es sich logisch an, dass nur ein Elefant mit einem Stoßzahn für Glück verantwortlich sein kann. Wer sonst? Im Garten Gethsemane war es klar, dass Gott den Kelch am Sohn nicht wird vorüber gehen lassen. Natürlich hat ein Prinz namens Siddhartha in Bodghaya so lange unter einem Baum gesessen bis er erleuchtet wurde. Und natürlich begegnet uns hier plötzlich Manitou in all seinen Erscheinungsformen. Nicht an jeder Straßenecke, aber täglich. Das geht nicht nur den Hochsuggestiblen so.

Beim ersten Kaffee haben wir das magische Plusterhuhn von gestern nicht mehr präsent. Und auch in Marathon –einziger Versorgungspunkt in hundert Kilometern Umkreis– holt uns das Allumfassende Geheimnis noch nicht ein. Und das, obwohl wir mit nur 80km/h unterwegs sind. Ist morgens scheinbar auch nicht die Flotteste: die Große Kraft, die in allen Wesen enthalten ist.

Marathon für seinen Teil ist gänzlich unmagisch und ziemlich geerdet. Hier hält sich nichts und niemand mit Schöngeistigem auf – und mit Magischem schon gar nicht.
Praktisch quadratische Häuser, farblich entblättert, mit einer verklebten Tankstelle, die jeden Preis nehmen kann, weil alle einfach nur wegwollen – und niemand es mehr schafft wegen der lähmenden Trägheit und Lethargie auf den Bordsteigen. Marathon: Niedergang in Allem, ohne Liebe verputzt, Zentrum der Abhalfterung in der Mitte leeren Nichts. Kanadisches Survival der echten Art: vollkommen untauglich für jede Outdoorwerbung, vollkommen fähig den härtesten Winter zu überstehen.
Hier gehen wir einkaufen. Gegen Barkasse.

Sehr “down to earth” nehmen wir die nächsten 300 Kilometer transkanadischen Highway in Angriff, weiterhin mit 80km/h. Es ist mittlerweile kurz vor Mittag. Unser Mittagstief, eine Morgenmuffelige aber nimmt langsam wieder Fahrt. Im Windschatten der großen Trucks schleicht sie sich unbemerkt von hinten an: die deutlich flotter gewordene Große Kraft, die in allen Wesen enthalten ist.

Ein Marathoner würde nun wohl schreiben: “Da fraß ein Schwarzbär am Highway Nr 17.” Ich aber weiß just in diesem Moment genau, wer dieses zottlige, schwarze Tier am Straßenrand wirklich ist. Und warum er dort hockt. Und was er damit sagen will. Manitou am Motorway.
Man muss das nicht verstehen, man darf aber.

Wer ganz und gar keine Verständnisprobleme bei diesem Thema hat, ist der “Sleeping Giant” – unsere heutige Heimat für die Nacht. Wie ein schlafender Riese ruht dieser Vorgebirgszugs am Rande des Lake Superiors. Seine Geschichte ist kompliziert, kann sehr vereinfacht aber so klingen:
Der große Manitou sendete den Ojibwe (hier ansässige First nation) eine Lehrerin namens Nokomis, die weise Tochter des Mondes. Deren Tochter wurde vom Westwind entführt und starb. Nokomis trauerte unstillbar, bis plötzlich eines weißes Kaninchen vorbeigehoppelt kam. Zum Trost nahm Nokomis es an sich und taufte den kleinen Racker Nanabozho, was passenderweise “mein kleines Kaninchen” heißt. Dieses Karnickel wurde im Laufe seines Lebens ein mächtiger Schöpfer und Magier, der heute versteinert am Lake Superior liegt, die Hände gefaltet, den Blick starr gen Himmel gerichtet: The sleeping giant, der genaugenommen eigentlich ein magischer Riesenhase mit gefalteten Pfoten ist. Für Phantasiearme oder Marathoner zumindest. Man muss auch das nicht verstehen, man darf aber.

Ich könnte nun schreiben, dass wir am Abend ein Lagerfeuer mit Blick auf die untergehende Sonne und den schlafenden Riesen entzünden, um die Geister in den Felsspalten zu besänftigen – so wie die Ojibwe das tun. Tatsächlich aber bringen wir eher ein Rauchopfer gegen die Mücken dar. Marathon statt Manitou.

Und dann, als ich glaube, dass dieser Tag beendet ist –auf dem Weg zur wärmsten und schönsten Dusche im ganzen Mai, einmal durch den tiefen Wald– ist er doch plötzlich wieder da: diesmal im Form eines gigantischen, grauen Rehs, das seelenruhig 3 Meter entfernt äst und mich mit großen Augen anschaut. Ich weiß genau, wer das wirklich ist. Und warum er hier rumäst. Und was er damit sagen will.

Man muss das nicht verstehen, man darf aber: darf jeden Tag aufs Neue entscheiden, woran man eigentlich glauben will.
Manitou oder Marathon?
Heute nehme ich ersteres…

Von einer Zeremonie, einem Waldbrand und einem Lörracher Roadblock

Mit einem spektakulären Sonnenuntergang in pastell ging die Welt gestern unter. Mystisch wirkende Felsen im Wasser und weiterhin kein Horizont in Sicht am Lake Superior – abends noch bezaubernder als nachmittags, sollten wir unseren Campingnachbarn für die grauenvolle Musik dankbar sein, die sie lautstark bis zehn Uhr aus scheppernden Autoboxen spielten. Ansonsten wäre die Perfektion nicht aushaltbar gewesen.

Kaffee gibt es um 7 Uhr. Der Verkehr am nahe liegenden Highway ist noch nicht losgerollt. Es ist Sonntag, auch unser Discopärchen schläft aus. Das ist gut, denn so können wir nach Kaffee Nummer 2 entspannt mit unserem Schäufelchen in den Wald ziehen.

Das Schäufelchen: eines der drei wichtigsten Dinge, die man zum Überleben im Magicbus braucht. Daneben gibt es nur noch den Handfeger. Und täglich meterweise Zewa.
Monster-Vanlife-Tipp: Ende. You are welcome.

Die Agawa Fels Pictogramme –30 Kilometer von unserem Übernachtungsplatz entfernt– waren als “on the road – mal eben anhalten – und dann weiter” Punkt für die heutige Reise in der Reise geplant. Wir lesen vorab, dass dies ein heiliger Ort der Ojibwe ist, die vor 150 bis 400 Jahren Ockerbilder an den Fels in der Brandung malten, um dem Donnervogel Dank zu zollen.
Wir lasen mit den Augen nur. Uns war ganz und gar nicht klar, dass dieser Ort weiterhin aktiv spirituell genutzt wird.

Und so schliddern wir ganz unverhofft in eine kleine Zeremonie. Gesang und Rasseln schwingen über den ruhigen, klaren Lake Superior, der heute niemanden von den Klippen reißt.
Stattdessen werden wir –zufällig und uneingeladen– Zeugen eines gesungenen Anrufs von wem auch immer: Manitous? Dem Donnervogel? Wir wissen es leider nicht, aber es ist ein Geschenk, dabei sein zu dürfen. Ergreifend, intim, schleusenöffnend. Ein Ströpfchen weinen ist nicht nur erlaubt, sondern vollkommen angemessen. Finde ich zumindest.

Dann kommt über 100 Kilometer erst mal gar nix. Genauso angemessen.

Kurz vor Wawa liegen die Scenic High Falls mit lustigen Totempfählen für Touris. Foto geht, denn ich habe Teile meiner Facon wiedergefunden (Nur den Kringel unter dem “c” finde ich auf dem Computer leider nicht. Sei´s drum.)

Wichtiger als Touritotempfähle ist für uns jedoch der nächste Tim Hortons in der Zivilisation. Denn wir brauchen Kaffee. Und Zucker. Und Wifi. Für Erlangen der weiterhin noch ausstehenden Facon – mit Kringel natürlich, der hier als Donut daherkommt.
Dass ich in einem Monat Kanada 5 Kilo zugenommen habe, soll hier nicht verschwiegen werden. Passiert halt, wenn man ständig nach seiner Facon und entsprechenden Kringeln sucht…

Hinter Wawa kommt 100 Kilometer wieder gar nix.
Umso gruseliger ist es, als wir am Fluchtpunkt des Highways plötzlich eine gigantische Rauchsäule sehen, auf die wir direkt zusteuern müssen.
Was tun? Das Internet befragen? Geht nicht. Radio? Läuft nicht. Umkehren? Same way back to Wawa? Wollen wir eigentlich nicht.
5 Kilometer weiter stehen fünf rußige Feuermänner an der Straße, die fragen wir. „No worry, Ma´am,“, die Straße ist sicher. “Got a couple of fires goin´,” es brennt allerdings nur rechts und links des Highways. Na dann. Weiter geht´s. Allerdings nicht rechts und nicht links. Nur geradeaus, natürlich.

Unverbrannt kommen wir im Pukaskwa Nationalpark an – weiterhin in der großen Hoffnung, nun doch endlich mal einen Elch zu sehen. Angeblich “tummeln” die sich hier im Hinterland. Neben den Schwarzbären.
Am Campingplatz ist kein Personal, man entschuldigt sich dafür am Check-In-Häuschen mit: “Sorry, we´ve missed you.” Trotzdem dürfen wir uns ein Plätzchen im Wald suchen, in dem tatsächlich einiges los ist.
Im Schritttempo rollen wir durch den Nadelwald, Ausschau nach unserem geeigneten Eckchen haltend, als plötzlich eine sonnenverbrannte Frau –Typ Grundschullehrerin– vor den Magicbus springt und Chouchou zu einer Vollbremsung zwingt. “Ah Deutsche!,” brüllt es durch den Forst. Echo in den Bäumen. Wenn hier Elche sein sollten, haben die bereits jetzt für die nächsten Tage Reißaus genommen.
“Wie lange unterwegs? Auch ab Halifax? Aha. Und wie lange noch?” Fragen wie aus der Pistole geschossen, Antwort egal, man will eigentlich nur loswerden, dass man aus Lörrach ist, erst dann wird die Straßenblockade wieder freigegeben. Be-fremd-lich.

Und so endet unser Sonntag am Lake Superior mit einem wilden Potpourri an Erlebnissen:
Erwacht mit endloser Aussicht, am heiligen Ort an einer indigenen Zeremonie teilgenommen, einen Wasserfall bestaunt, einem Waldfeuer entflohen, einen Lörracher Roadblock im Nichts überlebt. Und jetzt gegen wir Sonnenuntergang gucken.

Zum Lake Superior

Den Abend haben wir mit Richard verbracht. Richard – ein zäher, kleiner, kompakter Mensch um die 70, der seine Bestimmung im Wald gefunden hat. Richard kann mit den Steinen kommunizieren und die Adler über Manitoulin mit ihm. Aus seinem Mund klingt das nicht spinnert, in Richards Welt ist das ganz und gar natürlich. Zumindest für Menschen mit Schwitzhüttenerfahrung oder solche, die die 1000 heiligsten Orte der Menschheit besuchen. Wer kann es nicht: dem Ruf der grauen Eule folgen? Laut Richard eigentlich jeder. Nachdem er auf dem Dreamers Rock war (war er), 7 Tage gefastet hat (hat er) und dann von einem Meteorschauer umarmt wurde. Richard hat einfach die Sterne zurück umarmt. Wer würde es auch nicht so machen? Oder sein ganzes bisheriges Leben hinschmeißen und mit 50 nochmal ganz neu anfangen. Dem Ruf der Eule folgend. Ein bisschen Mut gehört dazu und ein guter Glaube. Das hat ihn hier hergeführt. Und die Adler, die nach ihn gerufen haben. Also auch ein gutes Zuhören…

Ich weiß nicht, ob Richard uns aus reiner Menschenfreundlichkeit oder als Dank für unser Zuhören am Ende dieses Abends seinen selbstgezapften Ahornsirup vermacht. Mit dem Hinweis, der gehöre unbedingt in unseren morgendlichen Kaffee, danach sei man nie mehr der Selbe. Leider geht das Fläschchen heute morgen nicht auf. Als die Selben also reisen wir weiter. Die Selben, um einige Erfahrungen reicher. Und seit heute mit einem Fläschchen geheimnisvollem Ahornsirups im Gepäck. Vielleicht muss man es zum Öffnen reiben.

Das Frühstück on the road besteht aus einem Brot, dass uns die Dame im indigenen Supermarkt wärmstens angepriesen hat: der letzte Schrei, gebacken von der First Nation ummeEcke. Macht viel satter als das gängige Weiße und man kann es sogar einfrieren – “denn außer mir mag es keiner”. Stillschweigend genießen wir die Köstlichkeit: echtes Sauerteigbrot, das anscheinend erste und einzige seiner Art in Kanada. Wie gut, dass wir nichts einfrieren können. Und: Wie gut doch gutes Brot ist. Zu Hause würdige ich das viel zu wenig.

Wie viel haben wir schon geschrieben: von der Weite Kanadas!? Von seiner Wildnis und Einsamkeit. Unsere beschränkten Köpfe begreifen kaum, was der Reiseführer über unseren nächsten Reiseabschnitt zu schreiben weiß. Tatsächlich steht dort, dass wir erst ab heute die Zivilisation gänzlich verlassen. Denn erst Sault Ste-Marie sei “das inoffizielle Tor zu den entlegenen Regionen im nordwestlichen Ontario.” Ontario, auf dessen Autokennzeichen steht: “Yours to discover”…ab jetzt also wirklich einsam.

Abseits von Sault Ste-Marie (auch genannt “The Soo”) ist wirklich nicht mehr viel. Nur vereinzelt tauchen Farmen am transkanadischen Highway auf, auf dem jetzt nicht mehr viele fahren. Einmal sitzt eine alte Dame –augenscheinlich Mennonitin und circa 120 Jahre alt– am Straßenrand und verkauft Ahornsirup. An niemanden und sehr wahrscheinlich in Fläschchen, die nicht aufgehen.
See, See, Wald, See, Wald, Wald, See.
Gedanken fliegen vorbei, viele nicht greifbar. Einige schon.
Ein blaues Schild: “Please don´t feed the bears”.
Ein gelbes Schild mit einem Elch in Kampfhaltung.
Ein zotteliger Herr, der seinen Haushalt vor der Garage ausgekippt hat und Flohmarkt veranstaltet. Für niemanden und mit einem Fläschchen in der Hand, das sehr wahrscheinlich viel zu oft am Tag aufgeht. LCBO-Shops (Alkoholausschank) gibt es in dieser entlegenen Region dann doch erstaunlich viele.

Nachdem wir unser idyllisches Ökocamp am Morgen verlassen haben, rechnen wir an diesem Abend –nach 450 Kilometern Fahrt vorbei an See, See, Wald, See, Wald, Wald, See– am ehesten mit einem praktischen Stellplatz für die Nacht, bevor es Morgen ausgeruht weiter gen Westen gehen soll. Praktisch, legal, kostenlos, am Straßenrand. Wir haben die Rechnung ohne Manitous guten Geist gemacht, der etwas anderes für uns bereithält:

Abseits der Straße stehen wir auf einer Wiese (natürlich hinter See, See, Wald und See) direkt am Lake Superior.
Lake Superior: Heiliger See indigener Völker, Grenzsee zu den USA, größter Süßwassersee der Welt. DER See der Seen aller dieser tausenden von Seen, die wir heute gesehen haben. Er hat für uns ein nächtliches Heimatplätzchen in der allerersten Reihe reserviert. Mit Blick in Richtung Sonnenuntergang, Feuerstelle, einem endlosen Horizont am ersten wirklich warmen Tag in Kanada.
Ich bin mir nicht sicher, aber es würde mich nicht wundern, wenn heute Nacht ein Meteorschauer runterkäme.
Seit gestern wissen wir, was dann zu tun:
Im Zweifelsfall einfach die Sterne zurück umarmen.
Nur ein Eulenruftauber würde es nicht so machen…

Digitales Fallobst

Im Oberstübchen des Magicbus hört man alles. Eigentlich ist es wie draußen zu schlafen – nur die Psyche hat eine kleine Barriere als Zeltwand vorgebaut bekommen, so dass man sich seiner nächtlichen Umwelt nicht ganz so ausgeliefert fühlen muss. Antiangstwändchen. Im Oberstübchen des Magicbus gibt es –wenn man ehrlich ist– keinen großen Unterschied zwischen innen und außen. Man schläft –oder schläft eben nicht– mittendrin in der Welt.

Gestern Abend wollte ich nicht einschlafen. Es war zu schön, der Geräuschkulisse zuzuhören: in einem Meer von Nichts ein vereinzeltes Zirpen unsichtbarer Zikaden, ein Restknistern des Feuers, mehr Welt war da nicht fürs Ohr. Schlafbadend in einem Meer von Stille. Die Sterne klingen ja nicht. Sonst wäre es laut gewesen.

Schlussendlich aber hat die Müdigkeit dann doch gesiegt. Bemütztes Ohr auf dem Kissen bis halb acht. Kaffee, anrufen, Dinge bestätigt bekommen, weinen, hoffen, den Tag starten. Heute werden wir die Insel erkundigen. Jackie nennt es “going for an adventure”. Meinetwegen.

Die Breidl Veil Falls stehen als erstes auf dem Programm: Manitoulins hochgerühmter Wasserfall – kanadisch bequem per Auto zu erreichen. Vom Parkplatz drei Schritte, fällt der Fall gute 20 Meter tief ins Becken. Das ist unser Niagara. Wir sind begeistert, snacken einen Creamcheese-Bagel und düsen weiter.

Nächster Halt: Cup and saucer-Trail. Manitoulins hochgerühmter Trail. Zurecht.
Durch ein sonnendurchtupftes, frisch geborenes Ahornwäldchen geht es gut ausgelatscht und stetig bergan durch steiniges Gebiet. Surrealer Traumforst, so lange bis spektakuläre Weitsichten an steil abfallenden Klippen warten. Kristallblaue Seen, bunte Wälder, rosefarbene Orchideen und erneut keine Zivilisation so weit das Auge reicht.

Per Stativ wollen wir ein Foto von uns am Abgrund machen, den Moment festhalten. Irgendjemand anders aber wollte das anscheinend nicht.

Von einer der wenigen Windböen erfasst, kippt das Stativ in Zeitlupe. Markerschütterndes Klirren, als Glas auf Fels knallt. Sofortiger seelischer Schmerz als Übersprungsemotion: dem Geräusch nach zu urteilen, muss man sich das Handy nicht mehr anschauen, um zu wissen: so klingt Exitus. Wir schauen trotzdem.

Wäre es ein echter Apfel gewesen: es hätte nur eine Delle gegeben. Leider aber funktioniert Fallobst noch nicht digital. Sterbend bunte Schlieren auf dem Display, das Apfeltelefon ist hinüber. Byebye Instagramstories. Wir wollten sie eh zurückfahren. Wenn auch nicht so….

Man könnte es als Trostpflaster verstehen, dass Providence Bay als letzter Programmpunkt heute auf unserer To-want-Liste steht.
Nach Providence Bay: rechts am indigenen Friedhof (geht dank Blinker wieder), vorbei an amish-anmutenden Höfen, die nur per Pferdekarren angefahren werden, an der Vereinigung aller Häuptlinge der First Nations auf Manitoulin links, dann nochmal rechts nahe der First Nations Polizei und 25 Kilometer schnurtracks geradeaus.

Dort liegt sie: Eine goldene, einsame Sandbucht am Lake Huron. Bei 20 Grad und Sonnenschein. Ein Trostpflaster, wenn man kein Strandmupfel ist: Providence Bay.

Und so endet unser Tag auf Manitoulin Island weitestgehend undigital. Chouchou wird nun erstmal mehrere Tage versuchen müssen, irgendwelche Backups und Daten zu retten. Um dann zu schauen, wie er wieder überhaupt wieder erreichbar werden kann.
Und so endet unser Tag auf Manitoulin Island, dokumentiert nur durch die schwersteingeschränkten Möglichkeiten, die mir digitaler Legasthenikerin bleiben:
Ein paar verblichene Handyfotos und wolkige Rauchzeichen. Wer ganz genau hinschaut, erkennt oben am Himmel vielleicht einen angebissenen Apfel!? Wohlwissend, dass die wichtigsten Infos auf internen Festplatten gespeichert sind, die -Gott sei Dank- vollkommen unauslöschbar sind.

Weil unsere Erinnerungen vieles sein können:
Weitsichten über Klippen zum Beispiel.
Oder sonnendurchtupfte Ahronwälder.
Oder sterbend bunte Schlieren.
Aber niemals nie Fallobst. Im Frischekorb des Großhirns.

No special needs

Wir suchten indigenes Leben, was wir fanden war eine Ökokommune.

Jackie und Richard und all die anderen haben in der Mitte von Manitoulin einen Ort des Friedens, eine idealistische Oase geschaffen. Ein Ort, an dem man in der Natur zur Ruhe kommen kann. Ein Herzenszentrum abseits von allem, down to earth, rudimentär; die Dinge die da sind, aber werden liebevoll gepflegt. Man spürt, dass hier Menschen ihren Traum verwirklichen. Und wir dürfen am Rande dieses fremden Traums, den man auch selbst träumen kann, parken und ein wenig teilhaben. Für uns der ideale Ort, die letzten drei Wochen sacken zu lassen. Und für einen Moment lang anzukommen.

Eigentlich ist dies ein Ort, an dem Kinder mit so genannten “special needs” gefördert werden. Mit Anbindung an die Natur, an ehrliche Arbeit mit Erde und Tieren, möglicherweise das erste Mal in ihrem Leben mit Anbindung an menschliche Wärme auch.
Momentan aber sind nur Chouchou, der Magicbus und ich zu Gast – einen halben Kilometer abseits des Hauptgebäudes, wo Jackie die ohrlosen Ziegen füttert und Richard Holz schlägt, das wir am Abend verfeuern dürfen. Momentan sind wir die einzigen hier mit “special needs” – auch wenn wir heute erleben dürfen, dass wir eigentlich gar nicht allzu viel brauchen.

Derjenige im Team Globetrottels mit den speziellsten Herausforderungen ist zweifelsohne der Magicbus. Ziperlein hier und Ziperlein da. Heute ist sein Blinker dran. Will er nicht, wir wollen aber: Weil wir einfach keine Lust haben, in Kanada immer erst dreimal links abzubiegen, statt einmal rechts. Also muss das alte Auge raus und ein neues rein.
Es klappt an diesem magischen Ort –oh Wunder!– problemlos und ein bisschen wie von Manitus Geisterhand. Wir können es selbst kaum glauben.

Ansonsten geben wir uns heute dem Genuss des “nicht allzu viel brauchens” hin:
Duschen und Haare waschen, indem man an einem Schnürchen zieht – das Wasser wird sogar warm!– und sich danach super fühlen.
Dankbar für dreieinhalb Leinen frische Wäsche, von Hand gewaschen in gut riechender Ökoseife. Trocknet in kanadisch warmem Wind.

Schattenspiel in frischgrünen Blätter in endlosem Wald.
In offenen Schuhen zum Sternguckercamp hoch – einfach zum Gucken, auch ohne Sterne.

Ziegen ohne Ohren streicheln und ihre ohrlose Schönheit auf den ersten Blick erkennen.

Ein perfektes Feuer entzünden. Ohne Rauch, mit satt knisternden, orangenen Flammen. Beklatscht von exotischem Vogelgesang. Ansonsten braucht es keine Zuhörer.
Warten auf einen Sternenhimmel, der hier näher und dunkler sein soll als irgendwo sonst in Ostkanada.

Wir sollten viel öfter dankbar dafür sein, keine “special needs” anmelden zu müssen.
Einfach, weil all das, was wir wirklich brauchen, bereits da ist:
a) (Weiter als pathetischer Yogiteespruch:)
Die Erde, die uns trägt, ein Feuer, das uns wärmt, frisches Wasser, das unseren Durst stillt und Luft, die uns atmen lässt.
b) (Weiter als Realist:)
Den Luxus, einfach reisen zu dürfen. Als Mensch, nur zufällig geboren in der ersten Welt, unter einem sehr guten Stern. Mit genügend Geld in den Taschen und lediglich einem minimalen Quäntchen Mut aus dem Hamsterrad intermittierend auszusteigen.
Steckt der wahre Luxus wohl vor allem im zweiten Entwurf!?

Dankbar an einem perfektem Lagerfeuer, umgeben vom Geist des großen Manitus, der vielleicht heute Nacht sogar Polarlichter schicken wird
– ganz ohne “special needs”,
Die Globetrottels
(Drink Yogitee, don´t think it.)

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