Unterwegs im Magicbus

Autor: Chérie (Seite 18 von 28)

18 Kilometer Vegaswahnsinn

Viva Las Vegas!
Eine der beklopptesten Städte der Welt in Blitzlichtern:
Zum Frühstück an den Pool – mitten in die 80er. Ein künstlicher Wasserfall vor Hochhaus, palmengesäumt, im Wasser ist niemand außer den Gloebtrottels.

Die Einfahrt mit dem Bus nach Vegas: bereits ein Erlebnis auf Grund Halteansagen in Showmasterintonation.
Sortierung der Selfiejünger vor dem „Welcome to Las Vegas“-Sign, das eine eigene Bushaltestelle hat.
Luxor: eine bunte Sphinx vor schwarzer Pyramide. Drinnen so dunkel wie im Sarg – der Tag ist nun einerlei.

Bunte Lämpchen, viel Getöse. Bier vor vier und haushohe Wetten kurz nach Mittag.

In Mandalay Bay branden Wellen im Pool, fünfzehn Bademeister für eine handvoll Gäste.

Sündhaft teure Boutiquen neben Schröddelläden, die vor allem Glitzerartiges führen. Das Excalibur ein Märchenschloß.

NewYorkNewYork. Nachgebaute Häuserzeilen mit Feuertreppen aus Pappmarché. In den Spielhöllen darf geraucht werden. Cocktails werden in 50cm hohen Phallusgläsern serviert. Virtual reality shows für 25 Dollar.

Wassershow vorm Bellagio. Drinnen Shops, die kaum jemand bezahlen kann. Teppiche, italienisches Dekor, Raumbeduftung. Ein Elfengarten zieht vor allem weibliche Besucher an. Eine Braut im kurzen Weißen, das nur aus glänzenden Fäden besteht. Pumps in 20 cm Höhe, rote Sohle. Security im Mountiesstil und jede Menge Birthdaygirls.

Verbindungsbrücken zwischen den Casinos, unten drunter braust der Verkehr anhand getunter Sportwagen. Hier darf der Eifelturm seine Lightshow noch abziehen. Haie in einem Aquarium, Burlesqueshows unter blauem Heißluftballon und ein Breiter, der das schönste Liebeslied der Welt so verhaut, dass es richtig ans Herz geht.
Siegfried und Roy vor dem Mirage, ein Sternenwalk für „die größten Magier des Jahrhundert,“ ein Moonwalk für alle. Menschen jeglicher Couleur verspielen Haus und Hof.

Fontäne der Götter im Caesars Palace. Italienische Gassen wie man sie sich in Amiland so vorstellt: viel zu sauber. Ein künstliches Himmelszelt sorgt für einen ewigwährenden Sonnenuntergang. Ave Caesar.

Gondelfahren im Venetien, eine säuft unter drei neongrün gekleideten Damen fast ab, der Gondolieri singt trotzdem weiter. Kein Ausgang aus Venedig, verirrt in der Stadt der Liebe. Ein überdimensionelles LOVE-Schild.

Ein fetter Elvis besingt den Sonnenuntergang auf dem Boulevard. Zeugen Jehovas neben Frauen im Sadomasostil, die Besoffene suchen für ein bezahltes Foto. Federladies, Chippendales und das größte Riesenrad der Welt. Ziplinen zwischen den Hochhäusern.

6 Stunden, 18 Kilometer.
Auf dem Campground kassieren wir Abmahnung Nummer drei: keine Leinen an „oasis property“ – handschriftlich neu auf den umfassenden Verbotskalender hinzugefügt. Wir befestigen unsere Plane also an der Wassergalone.
Viva Las Vegas.
Und das ist nur Tag 1 gewesen…

Ein StoneHendge aus Müll kurz vor Sin city

Ob in dieser Nacht an unserem Wüstensee die Meteorschauer runter kamen!? Wir wissen es nicht. Die Wüstenfüchschen haben tief und fest geschlafen. Dank Marian aber haben wir nun den heißen Draht zum Sternenregen – via App. Was man vorher alles nicht so auf der Pfanne hatte: Meteorregen. Welch fasziniernde Dinge es doch gibt auf dieser Welt. Der nächste kommt übrigens in der Nacht vom 5. auf den 6. November runter. Falls jemand eine klare Aussicht haben sollte…

Die Fliegen auf der Pitstoilette sind am Morgen erstarrt. Als stille, schwarze Punkte an der weißen Wand bilden sie das Negativ des Nachthimmels. Ihr surren fehlt, nur das krächzen des roten Vogels und erste Autos auf dem Highway 93 begrüßen diesen ruhigen Montag, der uns heute nach Sin city trägt.

Auf dem Weg nach Vegas rollen wir an einer weiteren Kuriosität vorbei: #weirdnevada.
In RyanHendge hat der CEO der Müllkippe seine Freizeit genutzt, um sein privates Pendant zu Stone Hendge zu errichten.
Ein rundes Atrium aus Überbleibseln, in der Mitte eine Weltkarte: It is so ordered. Auf der Niederlande stehen Miniklotschen und ich kurz auf Deutschland – schnell wieder runter.

Alienfiguren wachen über diesen Ort – sie lassen uns noch nicht los—und Chouchou mittendrin, irgendwo zwischen Kanada und den USA.
Eine kleine Kapelle am Rande der Ranch, die Deckenmalereien deftig inspiriert von Disney.

Teddy Roosevelts rotes Auto neben Bahnreisewagons aus goldenen Zeiten.
Auf der Koppel stehen indische Kühe neben Lamas und Kameln am Trog. Mittenmang ein Zebresel – nicht von dieser Welt. Weil sie uns eben noch nicht loslassen….

Zu den Restrooms geht’s per privatem Caddy: Chouchou verschwindet mit einer Blonden im Wüstenstaub. Wir sind die ersten Besucher seit einem Monat.

Auf dem Weg in die Stadt passieren wir gigantische Solarfelder. Gleich neben den ehemaligen Schauplätzen von schaurigen Atomtests Und dann taucht die Stadt der Städte plötzlich am Horizont auf: Las Vegas.

Nach Tagen der Einsamkeit wirkt bereits die Einfahrt wie der Eintritt in eine Fatamorgana.

Von der Stadtautobahn winken uns schon die bekanntesten Casinos Willkommen, das größte Riesenrad der Welt dreht still seine Kreise, der Verkehr exorbitant chaotisch, eine Schrottkarre als Mahnmal der Verlorenen am Straßenrand.

Für unsere ganz persönliche „Las Vegas-experience“ geben wir uns ein RV-Resort am Rande der Stadt: das Oasis, das einen Tieftauchgang in die 80er macht und auf Casablanca getrimmt ist – wie man sich das in Amiland so vorstellt.

Eigentlich dürfen Autos, die älter als zehn Jahre sind, nur ungern rein. Genauso wie Wagen, die nicht „self-contained“ sind. Sehr wahrscheinlich hat die Wachfrau noch nie ein so mickriges Wägelchen wie unseres gesehen und winkt uns daher undurchsucht durch.

Zweifelsohne sind wir die Kleinsten am Platz. Den Stellplatz füllen wir nur zu einem Drittel aus.

In der ersten Stunde taucht zweimal der Wachdienst auf. Erst jetzt hat man anscheinend bemerkt, dass der Magicbus nicht zum gewünschten Kundenkreis gehört: zu spät. Natürlich bauen wir die verbotene Wäscheleine wieder ab, natürlich nehmen wir die Heringe wieder aus dem Boden.
Das Anbringen der Plane ist im Gesetzeskatalog noch nicht festgehalten, aber wir sind uns sicher, dass es nach unserer Abreise dort neu auftauchen wird. Die Globetrottels machen Urlaub in Las Vegas.

Die Stadt braucht heute auf uns noch nicht zu warten. Erstmal sind wir damit beschäftigt, die Wäsche zu waschen –das erste Mal seit Vancouver–, zu duschen –das erste Mal seit San Francisco– und in den Pool zu springen –das erste Mal auf der Reise.

Schlafen neben der Autobahn, in einer Stadt, die niemals schläft – es ist das erste Abenteuer.
Das erste in Sin city, Stadt der Flackerlichter, die weder Ruhe noch Nächte kennt. Nach einer langen Reise.

Liebesbriefe nach Outer Space…

Freaks zum Frühstück.
Um 10 Uhr sind bereits alle im A´lie´Inn versammelt: vier nerdige Jungs in Ufo-Shirts, die sich beim ersten Kaffee des Tages darüber unterhalten, wo genau der Kipppunkt zwischen „angetrunken“ und „betrunken“ liegt, zwei grummelige Rachelaner an der Bar, die mit Wüstensand zwischen den Zähnen bestellen und wir – die wir soeben unsere erste Alientaufe hinter uns gebracht haben: Ömmes ohne Namen heißt jetzt „TF 23“, kurz: Tef.
Chouchou hat als extraterrestischer Pfarrer alles gegeben. Und das trotz Zahnschmerzen, die das einzige Manko der Nacht waren.

Nur mit schwerem Herzen verlassen wir diesen schrägen Ort mitten im Nichts. Ein Ort, an dem es sich herrlich normal fühlen lässt – mitten in all der Surrealität. Schon lange hat diese Reise nicht mehr eine solche Freude gemacht wie hier. In Nevada.

Die Wüste wird uns auch heute noch nicht los. Wir verstehen mittlerweile, dass es hier nicht mehr aufgeht in Highlights zu denken, denn jeder neue Tag toppt den vorherigen. Oder ist das nur unsere Wahrnehmung: immer euphorischer hochgepeitscht!? Und nur noch Zahnschmerzen, die am Boden halten – ansonsten würden die Globetrottels wohl gänzlich abheben.

Einsame Kühe trippeln über die open range, vereinzelte Kakteen tauchen in der Landschaft auf: neu.

Am einem einsamen, schwarzen Briefkasten halten wir das erste Mal: weil das ansonsten nur noch das außerirdische Amazon tut.

The black mailbox: ein schwarzer Briefkasten im windigen Kakteental.

Ufojünger glauben, dass man hier Nachrichten direkt nach outer space senden kann und stopfen ihre Briefchen in diese vereinsamte Box; eine Box, die ursprünglich eigentlich für Steve Medlins Liebesbriefe gedacht war.

Steve, ein Kuhfarmer aus der Gegend, war irgendwann so entnervt über all die schrägen Mitteilungen in seiner überquellenden Postbox, dass er aufgab und den schwarzen Briefkasten seinem extraterrestrischen Schicksal überließ. Ein neuer –irdischer– musste her: tiefer in der Seitenstraße zu seiner Ranch, dort, wo das außerirdische Amazon nicht mehr vorbei kommt. Leave the black one for the aliens.

Seitdem wird das dunkle Kästchen am Highwax nur noch von langen, silbernen Trommelschlegelfingern geleert und ganz selten heißt es: return to sender. Und Steve bekommt seine Liebesbriefe endlich, ohne erst stundenlang im schrägen Kokolores wühlen zu müssen, in der Seitenstraße.

Nächster irdischer Halt: das Alien Research Center kurz vor Alamo.
Hier endet auch unser ET-Highway – unter dem strengen Blick eines überdimensionierten Außerirdischens.

Wir plumpsen hinein und finden –statt wissenschaftlichen Forschungsergebnissen– eine Auswahl der geschmacklosesten Aliensouvenirs, die der chinesische Markt so hergeben kann. Dies alles präsentiert von einer beleibten, mürrischen und imposant amimischen Lady, die uns an der Kasse ihr großes Herz ausschüttet. Die zwei T-Shirts kaufen wir nun noch lieber, nur der ET-Tequila bleibt uns etwas zu teuer.

Am Upper Pahranagat Lake dürfen wir heute Nacht bleiben: mal wieder kostenlos und mit Seeblick.
Ein heißer Wüstenwind zerrt heftig an der Plane, die wegen des Sonnenstandes keinen Schutz bietet – und wir finden es ganz wunderbar.

Restekochen im Wind: es gibt kalten Bohnensalat mit Ei. Ein Sommergericht, das besser schmeckt als es klingt, nette Salamander flitzen vorbei und ein Vogel in rot.

Erste Recherche für den morgigen Stopp im Schatten hinterm Magicbus. Marian –die ehrenamtliche Betreuerin des Camps—kommt auf ihrem E-Bike vorbeigeradelt und flötet, dass wir auf Meteorenschauer achten müssen. Nach sechs, wenn die Sonne untergangen ist. Have a beautiful night.
Another beautiful night in Nevada. Und die Grillen singen schon…

Auf dem Extraterrestial Highway zur Area 51

Es war so klar.
Am Morgen sind all unsere Nachbarn verschwunden. Irdische würden sagen: früh abgereist. Wir aber wissen: der Teleporter ist´s gewesen. Mit einem lauten Zisch um Mitternacht. Nur noch ein paar menschliche Haare blieben übrig, die am Morgen lautlos als letzte Ballen über den Schotter davon wehen.

Lediglich Traudi und Malin hat es nicht erwischt. Die spirituellen Renter rücken beim ersten Kaffee an uns heran, ihre Lebensgeschichte ist lang, aber flott geteilt: Traudi kommt ursprünglich aus München. In einem indischen Ashram hat sie Marlin aus Kalifornien kennengelernt – auf der Suche nach dem inneren Licht. Gemeinsam haben sie es gefunden und sind zusammen nach South Dakota gezogen.

Wir chitchatten bis kurz vor Mittag – vereint als Teleporter-Zurückgelassene. Falls wir auch auf dem Extraterretial Highway nicht weggehapst werden sollten, seien wir immer herzlich nach Arizona –ihr Winterdominizil– eingeladen: „You good spirit people.“ Dicke Umarmung voller Licht und schon sind wir mit zwei Kilo organic grapes und Ökomarshmallows wieder zurück auf der Straße. Einer durchaus einladenden.

In Tonopah decken wir uns in einem Laden namens „Love´s“ noch mal mit dem Nötigsten ein: für den Wüstenberg-Highway 6 und sein mystisches Anschlusssträßchen: den Extraterrestial Highway 375. Von dort aus geht es meist schnurrgerade in Richtung des bekanntesten Militärsperrgebiets der Welt: Area 51. Die letzte zivile Siedlung davor nennt sich Rachel – unser heutiges Etappenziel.

Bereits auf dem Highway Nummer 6 entdeckt Chouchou die erste Ufolandebahn. Unübersehbar verläuft sie parallel zur Straße, niemand hat sich hier Mühe gemacht, sie irgendwie zu verstecken. Außer eines diletanischen Schilds, das auf „low flying aircraft“ macht.

Dass auch die Wüstenwelt daneben heute noch bunter als gestern wirkt, ist eigentlich selbsterklärend.
Die aufgeblähte Kuh am Straßenrand wollten wir eigentlich nicht erwähnen, da –laut Ufologen—verstümmelte Tiere aber vermeidlich zusammenhängende Phänomen mit Ufo-Sichtungen sein sollen, gehört sie leider auch in diesen Text hinein. Ohne Foto.

Der Extraterrestial Highway.
Unter dem Eingangsschild unternehmen wir unseren ersten „Beam me up“-Versuch. Mit Alufolie auf dem Kopf und im rosa Glitzershirt. Wenn wir ehrlich sind, funktioniert das videographisch nur für unseren Instagramaccount. Aber immerhin.

Während der Dreharbeiten halten zwei Bengel aus California neben uns. Sie wirken in dieser Landschaft etwas entrückt; so, als habe die Fakultät für BWL ihnen heute frei gegeben, um sie –rein aus sadistischen Forschungsgründen– mit einem Pilzcocktail auf einen Roadtrip der anderen Art zu schicken. Unser Willkommenssatz: „Wow, you look more normal than expected,“ macht ihnen augenscheinlich Angst. Sie springen zügig zurück in ihren Tesla und nehmen über dampfenden Schotter Reißaus. Komische Aliens.

Wer den 375er zu fahren plant, der muss gewarnt sein:
Einige Besucher berichten auf dieser einsamen Straße von Begegnungen der ersten Art (Ufosichtungen in Entfernungen von weniger als 150 Meter) und von unüblichen Lichterscheinungen. Wir sehen vor allem bunte Weite, freilaufende Kühe, einen Cowboy, Berge, Wüstenallee, irritierenden Aspahltbelag, der kicki im Kopf macht. Nach drei Tagen am Stück in dieser atemberaubenden Landschaft sind aber auch alle anderen Phänomene nachvollziehbar.

Es ist ein bisschen vergleichbar mit der Reise zu den heiligen Orten der Menschheit, ein bisschen wie in der Religion: der Glaube –egal welcher Couleur—passt immer in die Region, in der er entstand. In Jerusalem ist Jesus logisch, am Ganges Ganesha, Mohammed macht in Arabien durchaus Sinn, Buddha in Lumbini und Manitou am Lake Superior. Diesmal also Ufo-Jünger.

Gegen 15h taucht zwischen den Bergen, im flimmernden Tal Rachel am Horizont auf: Pilgerort für Verschwörungstheoretiker und Ufologen. Taucht auf und will und will nicht näher kommen. Für die gefühlten vier Kilometer brauchen wir über 30 Minuten. Gestern schrieb ich bereits vom Verlust des Entfernungsgefühls, von der trügerischen Wüstensicht , nahe der Fatamorgana. Da ist sie wieder. Oder immer noch.

In Rachel gibt es ungefähr hundert Wohnwagen und eine Bar: das A´lie´Inn.
Michael –grüne Bandana, Zauselbart, Alienshirt– steht an der Theke: er schmeißt den wuseligen Laden alleine. Unser Glück, dass er –laut Außenanschlag—neben extraterrestians auch earthlings willkommen heißt.
Ja klar können wir heute Nacht auf dem weiten Feld vor der Bar bleiben: welcome in the middle of nowhere. Und das Ufo vor der Tür blinkt freundlich mit den Lämpchen.

Auf weitem Terrain parken wir –bestens sichtbar für Irdische und Außerirdische– ein. Ein perfekter Schnapper für jedes unbekannte Flugobjekt, quasi: Präsentierteller. Drehort Nummer zwei für ein Globetrottels´ Alienvideo, Episode: erfolgreiche Ufo-Sichtung. Dann haben wir Hunger.

>Im dunklen Etablissement serviert Michael uns seine world famous Alien burger vegetarisch: die ersten je, wie ein Unsichtbarer aus der Küche bestätigt. Im Fernsehen läuft derweil E.T., die Wände stumm und zugekleistert mit Fotos von fliegenden Untertassen. Souvenirs gibt´s auch – zum größten Teil unausgepackt in Lieferkartons auf dem Billiardtisch. Endlich bekommt Chouchou sein erstes Reisemitbringsel – momentan noch ohne Taufnamen.

Die dicken Hähne im Staub staunen nicht schlecht, als wir zu dritt aus dem A´ lie´ Inn in die scheidende Sonne hinaustreten: Eine wundersame Mehrung der Globetrottels. Mit Rudi, Sir Hilly und Ömmes ohne Namen sind wir nun also zu fünft.

19h: Fünf Globetrottels in der tiefschwarzen Wüste Nevadas. Es ist still. Sehr still. Verdächtig still.
In Area 51 –in 20 Meilen Entfernung– beginnen womöglich gerade geheime Versuche: wenn die Sonne untergegangen ist und kein Mensch mehr guckt.
Außer zwei hochhausgroßen, grün fluoreszierenden Embryoglupschern, die möglicherweise gleich am Himmel auftauchen…

Extraterrestrisches Fledermausland

Unser Tag in der Hochwüste startet mit Büroarbeit. Unsere nächsten Schritte benötigen ein permit: denn ab hier beginnt ernsthaft Alienland.
Da sich Chouchous „Doktor“ bereits in der Vergangenheit häufig als Türöffner bewährt hat, ist er es, der heute den Antrag stellen muss: Globetrottels applying for paranormal passport. Take us home please.

Die extraterrestrische Behörde erkennt Chouchou direkt als einen der ihrigen: Passport approved. Welcome home. Ein Lichtstreifen am Himmel, zweimal zischt es, ab nun sind wir ganz legal unterwegs in Richtung Area 51. Wenn wir denn Fledermausland überleben….

Kurz hinter Austin („social distancing since 1862”) biegen wir rechts ab auf den Highway 376. Und bereits nach den ersten Meilen wird klar, dass der Highway 50 die heimische Tourismusbehörde mit einem cleveren Schachzug bestochen haben muss: „the loneliest road of the USA“ kann er nicht sein. Denn auf dem Highway 376 ist nochmal sehr viel weniger los.

Highway 376, hallo Fledermausland.
Jedem, der in der endlosen Weite dieser bunten Wüstenstrecke Halluzinationen entwickelt, dem darf gesagt sein: Ganz falsch liegst du nicht. Surreale Farben meilenweit, einsame Briefkästen ohne Häuser am Straßenrand, flirrende Hitze unter einer Sonne, die niemals unterzugehen scheint.

Auf dieser schnurrgeraden Straße, dessen Fluchtpunkt im flimmernden Nichts verschwindet, verlieren wir binnen Minuten jegliches Gefühl für Zeit und Entfernung. Berge am Horizont wirken zum Greifen nah, sie kommen allerdings nicht näher. Ein Blick auf die Uhr sagt, wir seien 20 Minuten gefahren; 20 Minuten, die sich wie Stunden anfühlen. Fledermausland eben.

Nach ungefähr sechzig Meilen erste Bruchstücke von Zivilisation: eine Baustelle kurz vor Sunnyside, mitten im Shoshonenreservat. Wir halten hinter einem Mülllaster, dessen Fliegen die Pause nutzen, um das Fahrzeug zu wechseln. Sie wollen anscheinend auch nach Alienland – ohne paranormalen Pass.
Der Fahrer kennt sich bestens mit der heimischen Pflanzenwelt aus: „Duranium“, ruft er mir entgegen, als ich ein orangenes Gewächs am Wegesrand fotografiere, in einer Pause, von der niemand weiß, wie lange sie eigentlich dauert.

Irgendwann blinkt es grün: Müllwagon und Magicbus setzen sich wieder in Bewegung. Hinter Sunnyside biegt der Laster ab, die Fliegen fahren mit uns weiter geradeaus. Erste befremdliche Bergformationen tauchen auf, von denen Irdische behaupten würden, es handele sich um Silberabbau. Es könnten aber auch extraterrestrische Pyramiden sein: günstige Teotihuacan-Kopien.
You are the one choosing the persepective.

Unser paranormaler Pass führt uns an unseren ersten Halt: Manhattan.
Der angebliche Geisterort liegt 8 Meilen östlich des Highways: übers Viehgatter holpern, vorbei an den Gabelantilopen und einmal über die Hügel mit dem silbernen Boden – am ehesten Alienlockstoff.

Manhattan in Nevada. Etwas weniger prätentiös als sein Namensvetter aus dem Osten. Um nicht zu sagen: verlottert. Statt der angeblichen Geister leben hier 124 Menschen, irgendwo zwischen Kirche, Saloon, Feuerwehr und einem Schild, dass für Goldschürfgenehmigungen à 5 Dollar wirbt.

Wir fahren die einsame Hauptstraße einmal rauf und wieder runter auf der Suche nach außerirdischen Zeichen. Nichts. Das Paranormalste ist und bleibt Chouchou, der heute ausnahmsweise Sonnenbrille trägt und es schafft, den Cakepop mit dem ersten Happs so zu zerlegen, dass das edele Bällchen konsterniert vom Stiel fällt und auf nimmer Wiedersehen im Fußraum verschwindet. Egal – war eh nur eine Süßigkeit für Feingeister.

Kurz vor Tonopah die nächste Zivilisation: ein Gefängnis im Nichts. Schilder weisen darauf hin, dass man bitte keine Tramper mitnehmen soll, am Eingang ein Bild hartarbeitender Männer mit Hacken, Fußfesseln werden nicht mit abgebildet. Das hier ist Nevada, baby.

Tonopah: nächster extraterrestischer Stopp laut unseres Passes.
Im Clownshotel spukt es, auf dem alten Friedhof liegen Untote, die unter bemerkenswerten Umständen ums Leben kamen. Unter ihnen die größte Heiratsschwindlerin Nevadas, die allerdings –ganz profan– von guten, alten Drinks dahingerafft wurde. Es kann ja schließlich nicht jeder hochgebeamt werden.

Mit Blick auf die weite Ebene parken wir für heute Nacht ein.

Am Horizont glänzt ein leuchtender Stab: angeblich ein überdimensionaler Solarkollektor. Genau.

Dahin starren wir jetzt die ganze Nacht. Gespannt, wen man hier alles so anliefert.
Über den –vollkommen peinlich ersichtlichen– Teleporter…

Great Basin: Richtig Wüste eben

Pünktlich zum Sonnenaufgang –nach einer unbeschreiblich sternenklaren Nacht– scheppert im Magicbus der Wecker: den ersten Sonnenaufgang in der Wüste dürfen wir auf keinen Fall verpassen. Meine zumindest ich, Chouchou ist diesbezüglich eher zweigeteilter Meinung. Irgendwas zwischen „muss nicht“ und „muss das wirklich, Chérie?“ Ja, es muss.

Was gestern pastellfarben endete, fängt heute pastellfarben wieder an. Zeitlos. Nur die fliegenden Fische und wir sind einen Tag älter geworden in einer Wüste, deren Licht ewiglich ist. Ewiglich und so leise, dass man die Flöhe im 80 Kilometer entfernten Reno husten hören kann.

Fallon ist unser Tor zur echten Wüste, das Intro zum Großen Becken. Eine Gebrauchsstadt, die wie eine verwitterte Perlenkette an einer lieblosen Hauptstraße aufgefädelt wurde: Fast Food Klitschen, zwei Casinos, ein Rodeozaun-Fachgeschäft, ein Reminder to breathe: ok or fine? Durchatmen. Denn ab hier geht’s Richtung Einsamkeit.

Der Highway 50 rühmt sich damit, die einsamste Straße der USA zu sein. Von Fallon bis Austin 180 Kilometer perfekter Asphalt durch einsame Wüste, Steppe, Berge und nixnixnix. Pure Fahrmediation bei achtundzwanzig Grad im Schatten, nur ein paar Gabekböcke huschen vorbei. Eine Welt wie von einer anderen Welt. Ein Potpourri aus Sonne, Farben und Wind.

Viele Menschen sind tatsächlich nicht hier – unterwegs auf der ehemaligen Ponyexpressroute, die top Eilpostlieferung von 1860 bis 1861. Dann kam das Telegraphennetz und machte den jungen, gerne verwaisten Reitern und Ponys (egal, ob die noch Eltern hatten) den Garaus. Schade eigentlich, denn generell lief die Sache einigermaßen rund: Von 120 Reitern wurde nur einer gemeuchelt (vielleicht das einsame Grab am Straßenrand?!), nur eine Sendung wurde unvollständig geliefert und eine ging verloren. Die deutsche Post könnte sich ein Beispiel daran nehmen – bis auf den Gemeuchelten natürlich.

Langsam und stetig geht es immer weiter der Sonne entgegen, ganz bullifreundlich: Steigung, Ebene, Steigung, höhere Ebene, Steigung, Hochebene und dann kommt Austin, das Westernörtchen, das auf 2240 Metern liegt. „Sehr heiß ist das hier, richtig Wüste,“ sage ich siebenmal zu Chouchou. Siebenmal kommt vom Fahrersitz: „In Südspanien ist es heißer.“ Kann sein, aber heiß ist es hier. Richtig Wüste. Oder Chouchou?

Kurz hinter Austin blubbert es –als sei es nicht schon heiß genug—warm aus der Erde.
Die Spencer Hot Springs liegen mitten im noch größeren Nichts als ohnehin der ganze Rest. Elf Kilometer abseits des Highways geht’s über Wellblechschotter mit Schlaglöchern. Nicht mehr ganz so bullifreundlich, aber irgendjemand wollte ja baden gehen. Diejenige womöglich, die sich jetzt vor Angst fast in die Buxe macht.

Nach 40 Minuten sind wir endlich da. Durchgeschüttelt, auf glühendem Boden, unter einer gleißenden Sonne. Die zweihundert Meter bis zum Pool sind ohne Kopfbedeckung und Wasser nicht machbar, das merken wir nach fünf Schritten. Chouchou ist von Hause aus ja immer gut behutet, nur ich muss eine modische Ausnahme machen: mit dem letzten Schrei an schwarzem (!) Sonnenhut, eine crème de la crème der Haute Couture. Weil schwarz immer elegant ist. Auch in der Wüste.

In Pret (auch mit Sonnenmützchen auf dem e)-à-porter flanieren wir zum ersten Pool. Nur ein leicht Bekleideter (auch mit Hut) ist mit uns in dieser Einsamkeit, er misst soeben die Temperatur der muffigen Brühe mit einem Fleischthermometer. „110 Fahrenheit“, raunt es unter dem Hütchen: lauschige 43 Grad. Ein aufgeblähter Frosch starrt uns aus toten Augen vom Beckenrand an. Alles in allem nicht die beste Werbung.

Der zweite Pool ist etwas kühler. In den trauen wir uns mit unseren Munkifüßen kurz rein. Zwei Esel rümpfen in der Ferne ihre Nasen, voneinander abgewandt, sie haben wohl Knies. Ein heißer Wind von Ost brutzelt über die Haut, sehr heiß ist das hier. Richtig Wüste. Unterm Hut kocht irgendetwas: Großhirn vielleicht. Laut IphoneApp hat es mittlerweile 32 Grad. Hier in Cool. Sowas kannste Dir nicht ausdenken. Nicht mal mit blubberndem Liquor.

Die Hitze treibt uns für die Nacht auf den Pass hinter Austin zurück: kühles Übernachten auf 2100 Metern. In Austin, wo in fünf Tagen Frost angesagt ist. Auch das kann man sich nicht ausdenken.

Zwischen knorrigem Wüstengestrüpp parken wir ein. Verschwitztes Kochen in kurzer Buxe bis jemand um punkt 18h plötzlich das Licht ausmacht. Sofortiger Temperaturabfall auf 13 Grad . Also Icebreakerbuxe an und Tee kochen.
Nevada nachts: sehr kalt ist das hier. Nevada tagsüber: sehr heiß ist das hier.
Nur Sir Hilly, dem macht der ganze Temperaturwechsel rein gar nichts. Als alter Zombie des Ponyexpress´ klappert er belustigt nur mit den Kieferknochen:
„Richtig Wüste eben…“

Nevadification nach Donnerpass

Unser warmer Sommermittwoch beginnt mit einem Telefonat, weil der tollste Bruder der Welt Geburtstag hat: Happy Birthday, mein Tops. Du bist der allerbeste Bruder, den ich mir vorstellen kann, ein unglaublich liebevoller Papa und ein lustiges, menschliches Beben – vielleicht geht auch deshalb während des Gesprächs mein Alarm am Handy los: Erdbebenalart in Sacramento! Doch der Boden bleibt still. Es ist also ein Topsalarm aus reiner Geburtstagsfreude.

Um zehn rollen wir los. Frühstück gibt’s beim Starbucks: „Impossible breakfast“ nennt sich dort die vegetarische Variante der frühen Kalorienbombe: Sandwich mit beyond meat, dreifach Käse und sehr viel Ei. Kein Vitamin zu viel, genau genommen: gar keins. Damit geht’s am besten den anstehenden Berg hinauf.

Die rechte Spur ist unsere. Warnblinker an, mit 30km/h im zweiten Gang bergan, der Magicbus kämpft sich auf einem Rappelasphalt, der schwer an Albanien erinnert, tapfer die nördliche Sierra Nevada hoch.

Die Trockenheit nimmt ab, die Straßenränder werden alpiner, eine grünere Welt. Einstweilen ein Bergflüßchen, eine einsame Bergbahn, der Verkehr lichtet sich. Eine Siedlung namens „Dutch flat“ kriecht vorbei: auf 1000 Fuß über Null ist dies möglicherweise der höchste Punkt Hollands, dachte sich ein Lustiger. Und dann kommt „Das Boot“ vorbei – auf einem Hänger.

Auf dem Donnerpass atmen wir alle drei erleichtert aus: Badass-Bulli hat uns tatsächlich knappe 2200 Meter (7227 Fuß) über null getragen. Wenn´s nach Plan läuft, mag dieses der wohl höchste Punkt unserer Reise sein. Wenn´s denn mal nach Plan läuft – gell, Magicbus!? Und dann sind wir auch schon in Nevada.

In Boomtown und Reno, der „größten Kleinstadt der Welt“ oder: „Little Vegas“, gehen wir einkaufen: Proviant für Hunderte Kilometer Großes Becken, das ab hier vor uns liegt: hunderte Kilometer Steppe, Wüste, meist trockenliegende Flussläufe, Canyons, Salzseen. Wir brauchen also Wasser.

Unsere große Wüstentour führt uns heute allerdings nicht mehr sehr weit: noch einmal 1000 Höhenmeter den USA Parkway hoch und wieder runter, an ein paar Wildpferden vorbei und schon sind wir für heute zu Hause. Eine abenteuerliche und surreale Anfahrt – mitten durch die Steppe bis nach Silver Springs.

Am Lahontan Reservoir darf man überall sein Camp aufschlagen. Unseres liegt damit heute direkt am See.

Ein paar Fische veranstalten spektakuläre Luftsprünge – jeder bekommt zehn Punkte—, Bütterkes am See und dann geht die Sonne in unechtem pastell auch schon unter.

Kalifornien ist ein häufig geträumter Traum. Für uns ist Nevada der größere.
Hier, mitten in der Einsamkeit, in einer menschenfeindlichen Umgebung, die unverblümt in den Farbtopf greift, um dann einem endlosen Sternenzelt Platz zu machen ist so viel mehr Raum, um sich klein zu fühlen. Und dann wieder ganz groß.
Weil zwischen Himmel und Erde nicht mehr viel ist…
außer ein paar Kojoten und den Globetrottels.

Spannung neu regeln: Mit dem Ponyexpress gen Wüste

Federweiche Matratze, movienight und ein warmes Bad in klimakühlem Raum knocken uns für unschreibbare zehn Stunden aus. Ein erstes Äuglein öffnet sich um 09:02h, das zweite braucht drei Minuten länger, erst dann gehen Augen drei und vier auf, weil der Körper unter Auge eins und zwei Kaffee macht. Aus einer echten Kaffeemaschine.
Die Check-out-Zeit reizen wir bis zum get no aus. Vor der Tür ackern schon emsige, mexikanische Zimmermädchen, wir aber haben Zeit. Der Magicbus ist auch kein Schneller und wir wissen, dass er eh immer gut ist für eine Extrarunde rückwärts. Whoopwhoop. Warum also stressen?

Um zehn ruft Leigh an: anscheinend bestens ausgeschlafen tönt kalifornische Bombenlaune durchs Telefon. „Good morning Joan. Good news!“
The good news an diesem sonnigen Morgen sind, dass die ganze Nummer für uns deutlich günstiger wird, sagt Leigh. Die weniger gute Nachricht ist, dass dies an der neuen Lichtmaschine aus Oakland liegt. Die passt leider auch nicht und ist damit out off the game. Aber don´t worry, sehr wahrscheinlich ist die auch gar nicht das große Problem, denn eigentlich liegt es ja am Spannungsregler und der –the very best news, Joan!– ist schon auf dem Weg ins Mill Valley. Bis Mittag soll er anreisen. Und Tusch!

Dass im Magicbusuniversum nicht alles kreisrund läuft, wundert uns nicht. Am Beachtlichsten an der ganzen Sache ist und bleibt Leighs Gesprächsaufbau: Wie kommuniziert man so, dass die ganze Nummer nach einem Hauptgewinn klingt? Leigh hat es nonchalant drauf, das muss man ihm lassen. Ein Chapeau von unserer Seite aus also weit vor Check-out-Zeit…

Den Mittag verbringen wir am sonnigen Vogelmeer. Dank telefonischem Support und Sonnenschein stecken uns die weißen Miesepeter nicht mit ihrer Laune an. Und dann meldet sich Sunshine-Leigh noch vor der Mittagspause: Van is ready. Wir brauchen keine fünfzehn Minuten, um mit vor Freude bebenden Nüstern bei der Garage anzugaloppieren.

Der Bulli hat nun einen neuen Spannungsregler. In großer Hoffnung, dass der also die Spannung nun auch regelt: die der Batterie und unsere.
Car is safe, we checked it., sagt Leigh und kassiert von uns ein Piepen der Visakarte und eine dicke Umarmung, während an Jesus ein dankendes Amen geht. Beide haben es geschafft, innerhalb von 24 Stunden drei Ersatzteile zu organisieren, zwei davon zweimal ein- und wieder auszubauen und eines reinzufriemeln, das schlussendlich bleibt. Ohne Termin und bei durchweg bester Laune.
I am living in a resort, where everybody is in a good mood, sagt Leigh. Damit soll er wohl Recht haben. Selbst wir können uns ein freudigbehelfsmäßigen Grinsen nicht verkneifen und sind endlich wieder “on the road“.
Mit einem Magicbus, der geliebt wird und fordert. Anders kann man es nicht sagen: Wir haben ihn gern, er nervt aber auch.

Für uns geht es weiter gen Inland. So schön die kalifornische Küste ist, so teuer ist sie auch. Der Ruf der Wüste tönt die Sierra Nevada hinab, dem folgen wir in Richtung Sacramento, der Pony Route entlang wie Buffalo Bill.

Sacramento. Heiße und trockene Hauptstadt Kaliforniens, 525.000 Einwohner, 16% leben unterhalb der Armutsgrenze. Die Straßen voll, die Felder verdörrt, der Wassermangel weithin sichtbar. Uns hält hier nichts auf – außer ein dringender Pipistopp (gar nicht mal einfach) und ein Eis (sehr einfach). Danach sind es noch 9 Minuten bis Sunrise.

Diese Nacht werden wir wieder auf der harten Bullimatratze verbringen. Unsere Rücken werden uns danken.

Am Stausee von Folsom ist nicht viel los: zwei SUP-Ruderer, ein Langhaariger im trockenen Gras, meditierend, ein Radfahrer mit Maske aus Schlesien, ein freundlicher Bärtiger, der grüßt als würden wir uns nach Jahren endlich wieder sehen.

Die Zirkaden besingen eine warme Nacht, im Unterholz klappern die Klapperschlangen, flotte Hörnchen huschen über gelben Stein.

Wir sind wieder unterwegs. In Richtung Wüste, in Richtung sternenklarer Nacht. Raus aus dem dichtbesiedelten Kalifornien, nach Osten gen einsames Nevada.
Mit einem neuen Spannungsregler, der hoffentlich sein Wort hält: die Spannung in die korrekte Richtung zu regeln.
Nicht zu viel, nicht zu wenig.
Zwischen Reisealltag und Abenteuer – in einer goldenen Mitte.

Lichtmaschinenträume im Hotel

Auch wenn wir es am liebsten ignorieren wollten, muss es heute dran sein: das rote Licht im Amaturenbrett. Seit Tagen unter „ferner liefen“ mitgeschleppt, kann selbst eine der schönsten, buntesten und wildesten Städte der Welt es irgendwann nicht mehr aufhalten: den ersten Werkstattbesuch in den USA.

Im Mill Valley, kurz vor San Francisco, hausen die “Masters of european and japanese cars”. Wir sind so schlau und rufen nicht vorher an, denn zwei traurig dreinblickende Globetrottels –kratzend am Werkstatttor– lassen sich schwerer abweisen – darauf bauen wir.

Um elf rollen wir auf den Hof und Leigh spurtet sogleich heran. Er kennt zwar viele amerikanische Eurovans (in Kalifornien fahren so viele T3s als hätte Volkswagen eine geheime Geburtsmaschinerie irgendwo unterhalb des Hippie hills) , einen deutschen Bulli hat er allerdings noch nie gesehen: „Oh Diesel. Never seen. What kind of engine is that: AAB!? Never heard. Let´s have a look anyway.“
Eigentlich wäre der nächste verfügbare Termin am Donnerstag. Wenn da nicht diese zwei sehr traurig dreinblickenden Globetrottels wären…
Also lässt Leigh uns heute noch auf die Bühne nehmen, unter die magischen Hände von Jesus, dem für den Magicbus verantwortlichen Mechaniker.

Während wir uns im Park mit Kalorien aufsättigen, den Monarchenfaltern hinterher schauen, uns über rote Früchte wundern, über bunte Schilder freuen und durch das wohlbetuchtete Vorörtchen schlendern (sehr teure Häuser mit sehr exzessiver Halloweendekoration) bestellt Neilgh bereits eine neue Lichtmaschine. Leider die falsche, wie sich am Nachmittag herausstellt, aber der Wille zu helfen ist enorm: Lichtmaschine Nummer 2 wird direkt im Anschluss aus Oakland geordert.
The bad news are, dass der Bulli nun leider schon zerlegt ist: heute fährt der Magicbus also nirgendwo mehr hin. Die Globetrottels dürfen sich ein Hotel gönnen.

Wir wählen das billigste am Platz, 3 Kilometer zu Fuß durch den Vogelmeerpark, an dem sich Schöne die Lunge aus dem Laib joggen und Hippe auf selbstfahrenden Einrädern tief durchatmen. Langbeinige Kraniche, freche Pieper und die schlechtgelauntesten Weißschnäbel Kaliforniens mittendrin.

Die Muir Woods Lodge liegt an der Hauptstraße, die wir schleppenden Birkenstockfußes in Windeseile überqueren müssen, ansonsten ist Matsch in Mill Valley.

Die indische Lady am Empfang weist uns Zimmer 221 zu: ein Globetrottels-Tröstezimmer, das nach hinten hin rausgeht.

Nach der teuersten Pizza der Welt (hat sich gelohnt) springen wir in die Kissen: Movienight im Muir Woods – nach einer Badewanne. Dass dafür erneut der Magicbus kaputt sein muss, ist eigentlich unnötig.
Aber ein echtes Bett nach zwei Monaten harter Bullimatratze ist tatsächlich ziemlich traumhaft. Um nicht so sagen: Lichtmaschinen-traumhaft…

San Francsisco: Love is our tribe

What a day for a daydream…
Tag 2 in San Franscisco beginnt für die Globetrottels um sieben auf dem Müffelplatz. Gott bewahre ist das Odeur von gestern Abend über die Bucht etwas abgezogen, nur ich rieche etwas salzig, nach einer durchkämpften Nacht in dicken Daunen. Eine heiße Dusche pellt immerhin einigermaßen frisch aus dem Ei: um halb neun sind wir bereit für den Sonntagsgottesdienst.

Über die Bai geht es tiefgekühlt durch den Nebel. Der Steward immerhin ist bester Laune: als beinahe einzige Gäste ruft er uns schon von weitem aus entgegen, dass wir auf dem Steg nicht drängeln müssten. Alle kämen mit. Als Tiefkühlkost schockgefroren unter einer Lüftung, die als einzige so tut, als herrschten draußen Tropentemperaturen.

Die Straßen der Stadt schlafen noch. Nur ein Straßenfeger ist unterwegs und die Verlorenen, dösend auf ihren viel zu harten Matratzen, dem groben Asphalt. Ein Kaffee ist noch nirgendwo zu kriegen, die Baristamaschinen zischen hier erst ab elf. Mit Eis auf den Wimpern tippeln wir nach Tenderloin hoch.

In der Glide memorial church begrüßt man uns an der Kirchenpforte wie alte Freunde. Good to have you here: Home. Wir setzen wir uns mittenmang in die vollen Reihen. Mittenmang in eine Gemeinde, die alle Farben des Lebens willkommen heißt — ganz explizit.
Das Welcome everybody. und das We all are family. reißen in Windeseile mit. Eine Gospelband spielt erste Takte und die Menge flippt bereits bei den ersten Tönen aus. This is a church, where everything is allowed. Dance! Sing! And let‘s celebrate life together. Now!
Eineinhalb Stunden schwimmen wir auf einer groovenden Welle mit: klatschend, singend … und jetzt, liebe Freunde, umarmen wir jeden, den wir in die Krallen bekommen. Das sind ziemlich viele, wenn die Hugging-wave zweimal eine viertel Stunde dauert.
Noch nie in meinem Leben habe ich so viele fremde Menschen in so kurzer Zeit so fest gedrückt.
Mensch, wie schön das ist: Mensch zu sein.

Und wie schön, dass Kirche auch so sein kann: warme Gemeinschaft spenden, und das nicht nur für die Nächsten in den Kirchenbänken, sondern vor allem auch für die zweitausend vor der Pforte, die täglich kostenlos mit Essen versorgt werden.
Als wir aus dem Gottesdienst zurück auf die Straße purzeln, ist diese brechend voll. Vom Leben Vergessene stehen mehrere Blocks Schlange, um etwas Warmes in den Bauch zu bekommen. Und eine Umarmung danach. In der Glide memorial church für jeden, bedingungs- und kostenlos und vor allem: unbezahlbar.
Wir lassen –trotzdem und deshalb– eine Herzensspende da. Und ein Lachen und ein online prayerrequest. Aus Gründen.

Durch das komplizierte Bussystem schlagen wir uns nach diesem Morgen beseelt durch. Etwas schlauer als gestern, legen wir heute nicht die gesamte Strecke durch San Franscisco zu Fuß zurück, sondern lassen uns bequem kutschieren. Die neunzehn Kilometer gestern waren dann doch einen Tick zu viel — siehe die durchgekämpfte Nacht in dicken Daunen…

In Ashbury Haight spukt uns die 7 aus. Auf dem Hippie Hill im Golden Gate Park gönnen wir uns zum Mittag eine hart erkämpfte Pizza: es ist nicht leicht, den meditierenden Sandwichmaker auf uns aufmerksam zu machen. Noch nie haben wir jemanden erlebt, der in einer solchen Seelenruhe und mit so viel Liebe Brötchen belegt – eigentlich wollen wir gar nicht stören– aber die Champignonpizza mit doppelt Käse und karamellisierten Zwiebeln ist dann doch zu verlockend und unser Hunger so groß, dass wir den Liebenden nach fünfzehn Minuten ansprechen müssen. Schlussendlich für die liebvollst erwärmteste Pizza der ganzen Welt. Ein Genuss an diesem geschichtsträchtigen Ort mit Trommeluntermalung.

Im Sonnenschein dösen wir ein wenig mit bloßen Füßen in der Luft und lassen die uns umgebende Welt auf uns wirken: Rastafaris, die auf ihren Djembes jammen, ein Saddhu zieht mit seinem Shivastock vorbei, ein Chinese im Rollstuhl spielt schräg auf einer kaputten Blockflöte, das stört aber niemanden. Im Gegenteil. Die Blockflöte muss in die Szene, genauso wie die Skaterin, die auf der, für den Autoverkehr gesperrten, JFK Avenue im Bikini entlangcruist, genauso wie die Beachvolleyballer, die nach federartigem Bällen hechten, genauso wie die Hundebesitzer mit Hündchen, die gefärbtes Haupthaar tragen. Ein Eis auf die Hand, ein Peacezeichen auf dem Boden, LOVE in dicken Lettern neben dem botanischen Garten und irgendwer hat Ballons in die Bäume gehängt.

Nachdem wir gestern das Wohnhaus von Jimi Hendrix schamlos übersehen haben, müssen wir nach dem Eis heute natürlich nochmal hierher. Bewusst, um ganz genau zu wissen, wo der Begnadete nun sein „Red house“ komponierte. Im roten Haus, oh Wunder; dort, wo heute ein Geschäft für Hundeleckerchen hausiert. Um die Ecke hat Janis Joplin gewohnt. In einem pinken, viktorianischen Traumhäuschen, das tatsächlich zum Verkauf steht.

Online request zwei des Tages geht also raus. Wobei wohl alle Gebete der Glidecommunity auch nicht helfen würden, die Summe des nötigen Kleingelds wundersamerweise auf unser Konto zu transferieren.

Mit der 7 gehts am Nachmittag zurück in Richtung Wolkenkratzerdowntown.

An der Powellstreet wird die legendäre Straßenbahn per Hand gewendet, in die springen wir jetzt rein. Wir haben Glück und erwischen einen Außensitzplatz, die draußen dranhängenden Mitfahrenden müssen bei Gegenverkehr schwer die tacogefüllten Bäuchlein einziehen, so eng wird´s auf den Hügeln.

In spektakulärer Schräglage ackert sich die Bahn nach Nob Hill hoch. Ein Bär von einem Mann wuchtet an der manuellen Bremse, die nicht nur herzzereißend quietscht, sondern ganzen Körpereinsatz fordert, um das 150 Jahre alte Gefährt in den Steigungen zum Stehen zu bringen. Unsere Hochachtung ist dem Bremser sicher, wir schleudern sie ihm —noch immer glidetechnisch beseelt— einfach an den Kopf. Kehliges Lachen zwischen perfekten Zähnen: „Most of the work does the maschine itself.“ Ein Understatement der Sonderklasse, das es schafft, uns bis zur Endstation an der Fisherman´s wharf zu bremsen. Vorbei an Chinatown und vielen blauen Magen Davids auf weißem Grund: der Gegendemonstration von gestern, pro Israel.

An der Fisherman´s wharf herrscht ausgelassene Sonntagsstimmung. Flanierende in kurzen Hosen und Röcken. Seelöwen blöken an Pier 29, dessen Stege aber eher unter Futterwilligen zittern. Mexikanische Stände mit entsprechend lauter Musica latina bieten Tacos und Mojitos feil, Hütchenspieler ziehen nach allen Regeln ihrer Kunst ahnungslosen Touristen die Hunderter (jawohl!) aus der Tasche, Asiaten verkaufen quietschbunte, nach Plastik riechende Plüschtiere an müde Eltern, die keine Kraft mehr haben, ihren Kindern nach einem ereignisreichen Tag in dieser wilden Stadt die Stirn zu bieten.

Pelikane fliegen dicht über dem Wasser der untergehenden Sonne entgegen, während wir auf einer Bank über unsere Zukunft flüstern.

Nach zwölf Stunden fährt uns die Tiefkühlfähre im Dunkeln wieder heim. Die schlecht gelauntesten Vögel Kaliforniens nehmen uns am heimischen Kai in Empfang. Hatten wohl nicht so einen guten Sonntag wie wir.

Vollkommen erledigt humpeln wir zum Magicbus zurück. Totmüde und beglückt darüber, einen Tag Teil dieser Stadt gewesen zu sein.

If you‘re going to San Francisco,
be sure to wear, some flowers in your hair.
If you‘re going to San Franscisco
You‘re gonna meet some gentle people there…

Scott McKenzie hat Recht gehabt. Zumindest, was die Menschen betrifft. Die weißen Zottelvögel am Kai sind ausgenommen.
Es hat aber ja auch niemand gesungen:
You´re gonna meet some gentle birdies there…

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