Pünktlich zum Sonnenaufgang –nach einer unbeschreiblich sternenklaren Nacht– scheppert im Magicbus der Wecker: den ersten Sonnenaufgang in der Wüste dürfen wir auf keinen Fall verpassen. Meine zumindest ich, Chouchou ist diesbezüglich eher zweigeteilter Meinung. Irgendwas zwischen „muss nicht“ und „muss das wirklich, Chérie?“ Ja, es muss.
Was gestern pastellfarben endete, fängt heute pastellfarben wieder an. Zeitlos. Nur die fliegenden Fische und wir sind einen Tag älter geworden in einer Wüste, deren Licht ewiglich ist. Ewiglich und so leise, dass man die Flöhe im 80 Kilometer entfernten Reno husten hören kann.
Fallon ist unser Tor zur echten Wüste, das Intro zum Großen Becken. Eine Gebrauchsstadt, die wie eine verwitterte Perlenkette an einer lieblosen Hauptstraße aufgefädelt wurde: Fast Food Klitschen, zwei Casinos, ein Rodeozaun-Fachgeschäft, ein Reminder to breathe: ok or fine? Durchatmen. Denn ab hier geht’s Richtung Einsamkeit.
Der Highway 50 rühmt sich damit, die einsamste Straße der USA zu sein. Von Fallon bis Austin 180 Kilometer perfekter Asphalt durch einsame Wüste, Steppe, Berge und nixnixnix. Pure Fahrmediation bei achtundzwanzig Grad im Schatten, nur ein paar Gabekböcke huschen vorbei. Eine Welt wie von einer anderen Welt. Ein Potpourri aus Sonne, Farben und Wind.
Viele Menschen sind tatsächlich nicht hier – unterwegs auf der ehemaligen Ponyexpressroute, die top Eilpostlieferung von 1860 bis 1861. Dann kam das Telegraphennetz und machte den jungen, gerne verwaisten Reitern und Ponys (egal, ob die noch Eltern hatten) den Garaus. Schade eigentlich, denn generell lief die Sache einigermaßen rund: Von 120 Reitern wurde nur einer gemeuchelt (vielleicht das einsame Grab am Straßenrand?!), nur eine Sendung wurde unvollständig geliefert und eine ging verloren. Die deutsche Post könnte sich ein Beispiel daran nehmen – bis auf den Gemeuchelten natürlich.
Langsam und stetig geht es immer weiter der Sonne entgegen, ganz bullifreundlich: Steigung, Ebene, Steigung, höhere Ebene, Steigung, Hochebene und dann kommt Austin, das Westernörtchen, das auf 2240 Metern liegt. „Sehr heiß ist das hier, richtig Wüste,“ sage ich siebenmal zu Chouchou. Siebenmal kommt vom Fahrersitz: „In Südspanien ist es heißer.“ Kann sein, aber heiß ist es hier. Richtig Wüste. Oder Chouchou?
Kurz hinter Austin blubbert es –als sei es nicht schon heiß genug—warm aus der Erde.
Die Spencer Hot Springs liegen mitten im noch größeren Nichts als ohnehin der ganze Rest. Elf Kilometer abseits des Highways geht’s über Wellblechschotter mit Schlaglöchern. Nicht mehr ganz so bullifreundlich, aber irgendjemand wollte ja baden gehen. Diejenige womöglich, die sich jetzt vor Angst fast in die Buxe macht.
Nach 40 Minuten sind wir endlich da. Durchgeschüttelt, auf glühendem Boden, unter einer gleißenden Sonne. Die zweihundert Meter bis zum Pool sind ohne Kopfbedeckung und Wasser nicht machbar, das merken wir nach fünf Schritten. Chouchou ist von Hause aus ja immer gut behutet, nur ich muss eine modische Ausnahme machen: mit dem letzten Schrei an schwarzem (!) Sonnenhut, eine crème de la crème der Haute Couture. Weil schwarz immer elegant ist. Auch in der Wüste.
In Pret (auch mit Sonnenmützchen auf dem e)-à-porter flanieren wir zum ersten Pool. Nur ein leicht Bekleideter (auch mit Hut) ist mit uns in dieser Einsamkeit, er misst soeben die Temperatur der muffigen Brühe mit einem Fleischthermometer. „110 Fahrenheit“, raunt es unter dem Hütchen: lauschige 43 Grad. Ein aufgeblähter Frosch starrt uns aus toten Augen vom Beckenrand an. Alles in allem nicht die beste Werbung.

Der zweite Pool ist etwas kühler. In den trauen wir uns mit unseren Munkifüßen kurz rein. Zwei Esel rümpfen in der Ferne ihre Nasen, voneinander abgewandt, sie haben wohl Knies. Ein heißer Wind von Ost brutzelt über die Haut, sehr heiß ist das hier. Richtig Wüste. Unterm Hut kocht irgendetwas: Großhirn vielleicht. Laut IphoneApp hat es mittlerweile 32 Grad. Hier in Cool. Sowas kannste Dir nicht ausdenken. Nicht mal mit blubberndem Liquor.
Die Hitze treibt uns für die Nacht auf den Pass hinter Austin zurück: kühles Übernachten auf 2100 Metern. In Austin, wo in fünf Tagen Frost angesagt ist. Auch das kann man sich nicht ausdenken.

Zwischen knorrigem Wüstengestrüpp parken wir ein. Verschwitztes Kochen in kurzer Buxe bis jemand um punkt 18h plötzlich das Licht ausmacht. Sofortiger Temperaturabfall auf 13 Grad . Also Icebreakerbuxe an und Tee kochen.
Nevada nachts: sehr kalt ist das hier. Nevada tagsüber: sehr heiß ist das hier.
Nur Sir Hilly, dem macht der ganze Temperaturwechsel rein gar nichts. Als alter Zombie des Ponyexpress´ klappert er belustigt nur mit den Kieferknochen:
„Richtig Wüste eben…“

















