Unterwegs im Magicbus

Autor: Chérie (Seite 10 von 28)

Technisch herausgefordert nach Orgiva mit Porcupineraupe

Das Hostal Manomete hat Wände aus Papier. Am Morgen können wir sagen, dass unser einziger Nachbar, der irgendwann noch einzog, dringend mal seinen Husten untersuchen lassen müsste. Und die Ohren — wegen der Lautstärke des TVs. Und den Kopf — wegen der Schlafstörung.
Da es kein Frühstück gibt, müssen wir nach einem kalten Espresso aus der Dose früher als erhofft raus. Kurz nach neun.

Einen ersten, warmen Kaffee gibt es aus dem Automaten Klippklapp am Straßenrand. Neben gutem Cappuccino für einen Euro führt der auch Crackpfeifen. Eine Wohltat, dass wir nur Koffein brauchen.

In Lanjarón ist die Zeit stehen geblieben. Nicht nur unser Hotel ist seit den 70ern vollkommen unverändert, auch die Wechselstube bietet noch immer an, D-Mark in Pesos zu tauschen.
Am Ende des Orts ein geöffnetes Café um kurz vor zehn., deren Preise sich seit 30 Jahren ebenso wenig verändert haben: Café con leche: 1,20€, belegtes Baguette 3€.
Eines aber ist sehr wohl anders also in den 90ern:
Am Nebentisch werden vier Transfrauen ohne ein Wimpernzucken bedient. In einem Dorf, dem man auf den ersten Blick Engstirnigkeit durchaus hätte zutrauen können. Weit fehl geschlagen, wie wunder-, wunderschön. Ein kleiner Moment, der mich noch lange vor dem Frühstück ein erstes Mal heute glücklich macht. Warum eigentlich nicht immer so!? Leben und leben lassen…

Heute wandern wir abseits der Feldwege, meist auf alten Viehtreiberpfaden. Das Mittelmeer meist in Sichtweite, unendlich weit weg. Am Wegesrand wachsen Oliven, Feigen, Aprikosen, Orangen, Zitronen und wilder Wein — bewässert von kleinen Gletscherflüsschen.
In einer alten Kapelle erloschene Kerzen retten: Pfadfinderehre und Mittagsschläfchen auf alten Terrassen in einer Wildblumenwiese. Dies ist es: ein Hauch vom Paradies— für alle unter uns, die gerne mal Romantiker*in geworden wären.

Der Abstieg nach Orgiva hingegen ist nichts für zartbeseelte Träumende. Emotional wenig berührt könnte man es: „technisch herausfordernd“ nennen, mit hysterionem Gesamtkostüm ist es eher eine „potenziell höllisch hochgefährliche Rutschpartie“. Für uns heute also beides: Chouchou an der Technik und ich im ganzen Rest vom Schützenfest.
Gott sei dank hebt eine Porcupineraupe auf dem Weg die Geister: so schaffen wir es
schlussendlich sogar ohne Sturz, wenn auch teils ungelenkt auf dem Hosenboden.
Der Weg ist der Weg, das Ziel ist das Ziel. Letzteres erreichen wir mit frischen Haxen. Womit ich natürlich niemals gerechnet hätte.

Orgiva.
„Hauptstadt“ der Alpujarras. Vor 8 Jahren waren wir schonmal mit dem Daily hier. An Heiligabend. Und sind schnellstens geflohen vor all dem „Hippie“-Elend, das leider so gar nicht „Hippie“ ist, sondern lediglich „nach dem Highlight verlottert“.
Im einzigen geöffneten Café des Orts zur Siestazeit trinken wir eine Cola. Als einzige — alle anderen Wilden (die komischerweise genauso aussehen wie wir) trinken Bier. Der Barkeeper bringt uns Brot mit Serrano: Sorry, essen wir nicht. Er dreht genervt die Augen: so was von Schnauze voll von Kiffern, irgendwelchen Alternativos und woken Vegetariern. „Dann esst wenigstens die Chips!“ bellt er, während der Schinken mit dem nächsten Windhauch über den Kirchplatz hinfort weht. Keine Metapher, es war wirklich so. Eine Geschichte vom traurig fliegenden Schinken, der gerne ein Schwein geblieben wäre.

Vor dem Supermarkt wird gebettelt. Früher mal englische Subkultur, heute mittags schon besoffen und restgestrandet in Orgiva.
Wir essen die Auslage mit den Augen: mal wieder lohnt es sich für uns nicht groß einzukaufen, weil wir nichts kochen können. Eines der größten Mankos auf diesem Weg, wenn nicht sogar das größte.
Ansonsten —und das fällt uns heute auf!— empfinden wir diese letzten Wochen als wirklich unerwartete Befreiung.
Nur das allernötigste dabei. Alles, was gebraucht wird, auf dem eigenen Rücken mit sich herumtragen zu können. Seltsam eigentlich, dass eigentlich nichts fehlt.
Eine ganz neue Freiheit. (Die aber auch wohl nur dann funktioniert, wenn man eine gedeckte Kreditkarte in der Tasche hat. Seien wir ehrlich.)

Nach über 700km zu Fuß ist heute endlich mal das Zelt dran. Auch, damit es sich gelohnt hat: 700km eine Hälfte des Gesamtgepäcks mitzuschleppen.
Wie sehr es sich hat — sagt jetzt die, die nicht schleppen musste!
Bereits beim Aufbau merken wir, dass wir mehr in unserem eigenen Element sind als jemals zuvor, in jeder dieser Herberge auf der Via Podiensis.

Tütenzelt aufstellen, Matten pusten, Chouchou hängt die Lebensmittel bärsicher in den Olivenbaum. Gelernt ist gelernt und alles mit unverbaubarem Bergblick.
Die WoMoCamper aus Holland und Paderborn haben ein bisschen was zu gucken und registrieren sehr wohl, dass wir um kurz vor sieben ein Dosenbier öffnen.
Drei heimatlose Stühle zwischen topausgestatteten Wohnmobilen: Entschuldigung. Brauchen Sie die noch oder können wir die haben?
Ein Paar in gemütlichen Campingsesseln nickt wohlwollend — damit ist unser Luxus perfekt.

Lecker essen im Campingrestaurant. Vegetarische Paella ist aus, aber es gibt vegane Burger. Die Barlady stellt uns nach der Bestellung überbackene Muscheln hin. Chuzpe hat sie: Gott sei dank. Denn die Muscheln schmecken traumhaft. Und der Burger auch.

Hauptstadt der Alpujarras, da sind wir:
Verlotterte Hippies, zu Fuß angekommen. Transfrauen können hier ungehindert morgens einen Kaffee bestellen und abends schläft der Dorfmechaniker am Tisch der Bar ein.
Vielleicht ist es kein Wunder, dass sich einstige Freigeister hier so wohl fühlten.
Wir —auf jeden Fall— sind sehr happy hier sein zu dürfen.


Löffelliste: Einmal durch die Dörfer der Alpujarras im Frühling, Etappe 1

Die Granadaiesens und die Granadias haben in der Nacht wieder gewütet. Entsprechend gerädert stehen wir um halb sieben auf: kein Auge tut man zu im Auge des Sturms des südspanischen Nachtlebens. Selbst, wenn man nicht feiert, sondern einfach nur drüber wohnt.

Kaffee am Busbahnhof muss Mut machen. Heute geht unser GR7 los: ein weiterer Meilenstein, ein weiterer Bucketlistmoment:
Einmal im Leben durch die Dörfer der Alpujarras im Frühling wandern.
Keine Ahnung, ob das für uns überhaupt machbar ist: lange nach dem Frühling, im heißen Staub und mit schrottigen Jakobswegfersen. Aber wir wollen es versuchen.

Mit dem Bus nach Niguëles.
Der Fahrer hat keinen Bock ins Zentrum zu fahren und schmeißt uns an der Landstraße raus. Verloren im Staub. So fangen wohl Abenteuer an.

Bereits nach einem Kilometer, im Zentrum von Niguëles, sind wir uns nicht mehr sicher, ob dieses Ding für uns überhaupt zu schaffen ist:
Die Sonne brennt um 11h bei 27 Grad gnadenlos herab und vor uns liegen 600 Höhenmeter.
Erstmal einen weiteren Kaffee im Dorf, um uns noch mehr Mut zu machen und einander ehrlich zu fragen, ob wir nicht zur Selbstüberschätzung neigen.

Der Kaffee ist stark. Der Kaffee ist gut.
Wir beratschlagen ernsthaft und entschließen uns, die ersten 500 Höhenmeter einfach in Angriff zu nehmen. Oben auf dem Gipfel entscheiden wir dann, ob diese Wanderung für uns machbar ist. Oder ob wir dann schon lange ausgedörrt auf irgendeinem Mandelhain vor uns hinvegetieren und auf Hilfe warten müssen.

Der Weg geht so fies bergan, wie die Karte es verraten hat. In gleisender Hitze.
Tatsächlich aber schaffen wir die ersten 500 Höhenmeter: schwitzend, mit roten Backen, aber noch mit restlicher Luft im Gepäck.
Die Entscheidung steht damit kurz vor dem ersten Gipfel fest: ab hier geht’s heute weiter voran und nicht mehr zurück.

19km laufen wir durch spanische Sonne. Kein Moment, in dem wir keine Schmetterlinge sehen. Wildes Gras neben Ginster und Aussicht. Endlose Mandelhaine und Blumen, die man ob der Wasserarmut gar nicht mehr trocknen müsste, um sie als immerwährende
Trockenblumen in den Handel zu bringen.

Alles sieht aus wie angelegt zu irgendwas oder irgendwo hin. Man mag kaum glauben, dass in dieser Gegend kein Landschaftsgärtner sein Händchen im Spiel hat: so perfekt steht Gestrüpp neben Wildblümchen neben zerzaustem Gras neben plüschigen Mandelbäumen.
Aus einem Hain entspringt eine Quelle — halbtote Füße im eiskalten Quellwasser: eine Wohltat ohne Worte. Auch wenn man‘s den Füßen nicht abnimmt, wenn man sie danach so anschaut.

Irgendwann taucht in der Ferne, tief im Tal, das ersehnte Lanjarón auf: erste Zieletappe unseres GR7. Nach nicht endenwollenden fünf Kilometern. Die längsten unseres Lebens. Bis ins Dorf, in dem die Zeit irgendwann stehen geblieben ist.

Unerwarteterweise schaffen wir es trotzdem in die City und gönnen uns erstmal ein Bier. Auf 19 Kilometer, auf 745 Höhenmeter hoch und 1020 Höhenmeter runter. Einen Großteil des Tages nicht klar, ob wir dieses Pensum jemals schaffen können.

Der knuffige Wirt im Hostal Manolete hat noch ein Zimmer für uns. Oder genau genommen: er hätte wohl noch alle Zimmer für uns, denn wir scheinen die einzigen Gäste seit sehr langem zu sein. 45€ für mitten inne City, Stierkämpfer an die Wand geklatscht, ein Etablissement, wie wir es uns täglich auf dem Jakobsweg gewünscht hätten.

Am Abend gibt es Pizza in der geschlossenen Markthalle. Das halbe Dorf ist da und macht keinen Schnickschnack. Auch das hätten wir uns so oft auf dem Jakobsweg gewünscht.
Beste Pizza seit Parry Sound, wir wälzen uns im Essen und sind glücklich.
Erster Tag auf dem GR7. Ein guter Start war das.


Granada, mi corazón

Einmal quer durch die Mitte Spaniens. Bis Granada sind es —von Madrid aus— viereinhalb Stunden Busfahrt. Alleine die ein kleines Abenteuer. Wie „Interrail, 25 Jahre zu spät“ — und nur Trampen (oder laufen) wäre günstiger.
Für 25€ fahren wir also in die Sierra Nevada. Meist vorbei an Olivenbäumen so weit das Auge reicht. Unglaublich, würde man das Alter aller zusammenzählen. Wenn Olivenbäume erzählen könnten…

Wir landen in einer der schönsten Städte der Welt passend zur Siestazeit. Beziehen ein lustiges Appartment mit eindeutig zu vielen Treppen. Noch immer lassen solche sich nicht schmerzfrei begehen. Vielleicht bleibt dieses Phänomen ab jetzt ja für immer!? Ein Jakobsweg-Abschied-Pieksen in den Fersen, immer wenn’s bergab geht. Archillissehnensouvenir. Ab jetzt treppab halt nur noch Stufe für Stufe mit beiden Füßen nebeneinander. Und immer schön schräg aufgesetzt, während die Schwalbem mitten im Zimmer brüten.

Die nächsten zwei Tage lassen wir uns einfach treiben. Leider ohne auszuschlafen, da vor unserer Tür eine Grossbaustelle jeden Morgen ab 7h tobt, dafür aber wohnen wir einigermaßen kostengünstig kurz vor der Alhambra.

Die Alhambra. Natürlich bekommen wir keine Tickets mehr. Diese sind für den nächsten Monat komplett ausgebucht. Ganz kostenlos aber ist der Blick auf eines der schönsten Bauwerke dieser Welt von der Altstadt aus. Den tun wir: tags und nachts. Weil man sich an den Alhambra nicht sattsehen kann.

Catedral de Granada.
Unser 184. heiliger Ort. Kostet natürlich auch Eintritt, es hat —im Gegensatz zum Maurenpalast— noch Tickets, die wir aus reiner Boniertheit wie eh und je natürlich nicht bezahlen. Stattdessen schieben wir uns mit massenweise anderen Touristen lieber durch die Altstadt und über den alten Basar.

Essen.
Wir futtern in diesen zweieinhalb Tagen wie die Scheunendrescher. Was bereits in Pamplona begann, führen wir hier knallhart weiter. Jeden Tag sitzen wir in einem anderen vegetarischen Restaurant und futtern uns durch die Tagesmenüs. Mal veganen Burger, mal Tikka Masala, mal Seitan auf Reis — ganz ohne Omlett.
Nebenbei gibt es Eis auf die Hand und gefrorenen Joghurt. Und wieder Eis und Empanadas auf der Hauptplaza und dann wieder Eis. Zu erwähnen, wie einfach es uns Touristen hier gemacht wird auch sprachlich. Weil jeder hier englisch spricht, falls man mit seinem rudimentären Spanisch nicht mehr weiter weiß.

Irgendjemand spielt spanische Gitarre, zwei Frauen tanzen Flamenco, irgendjemand klatscht rhythmisch. Andalusien, 27 Grad und Sonnenschein.

Trotz aller Stadtschwärmerei schaffen wir es heute trotzdem, uns in einem Bergabenteuer zu verlieren. „Mal eben die Alhambra vom anderen Gipfel aus beobachten“, auf der Karte sind tatsächlich Wege verzeichnet, also stiefeln wir am Morgen los.
Kraxeln höher und höher: irgendwann liegt uns die Alhambra zu Füßen. Entzückt, immer an den Wildblumen entlang denkt leider niemand daran, dass man von diesen steilen Wegen irgendwann auch wieder herunter muss…
Wir laufen den Kamm einmal in der größten Mittagshitze entlang —natürlich ohne Wasser— bis zur eingezeichneten Straße. Die gibt es tatsächlich: leider unterhalb eines 4 Meter-Steilhangs aus bröseligem Gestein, an dem wir ausgesetzt und fassungslos zum stehen kommen. 90 Grad Gefälle, Drop-off auf allen Seiten. Wie schön, dass ich zumindest in Situationen wie diesen merke, dass ich eigentlich Höhenangst habe.
Machen wir es kurz: mit viel Gefluche, Angst in den wackeligen Knien und gänzlich ohne Alternative (wir testen zwei weitere Trampelpfade, die ebenso an Drop-offs enden) schlittern wir nach eineinhalb Stunden erfolgloser Suche den gleichen Geröllhang wieder herunter, den wir initial so abenteuerlustig hochgelaufen sind ohne runter zu schauen.

Eine sehr gute Lektion für die nächsten Wanderungen in der Sierra Nevada, die ab morgen starten.
Merke 1) Hoch ist so viel leichter als runter. Nicht nur im normalen Leben, sondern vor allem an gerölligem Berg.
Merke 2) Wenn Du irgendwo hoch gehst, frage Dich vielleicht vorher mal, ob Du im Zweifelsfall diesen Weg auch wieder runter kämst.
Merke 3) Bevor Du hoch euphorisch in potentiell gefährliches Terrain vordringst, einfach mal überlegen, ob Du was zu trinken brauchen könntest. Bei 27 Grad kann der eine oder die andere schon mal durstig werden….

Am Abend sitzen wir auf unsere kleinen Dachterrasse. Die Schwalben fliegen tief um die Zypressen und veranstalten großen Rabatz, bevor sie sich unter unserem Dach irgendwann wieder schlafen legen werden.

Granada, Du wundervolle Perle. Mein Herz. Es gibt nicht viele schönere Orte als Dich auf dieser Welt.
Wie schön, dass wir endlich hier sein durften. Auch wenn der Flamenco —mit Jakobswegfersen— noch etwas warten muss.
spanische Gitarre faded leise aus


Boxenstopp Madrid

Der Busbahnhof Pamplomas liegt kurz vor dem Mittelpunkt der Erde. Hypermoderne Büsschen im Schwarzlicht, eigentlich fehlen nur noch basslastig, dunkle Technobeats. 25 Euro für eine rollende Party, weiter geht’s.

Fünfeinhalb Stunden sind es bis Madrid. Mit einem lustigen Schlenker nach Burgos, lange am Jakobsweg entlang durch grünes, hügeliges Land, streckenweise sehr einsam und endlose Weinreben.
Wir hatten vergessen, wie wunderschön das nördlich-zentrale Spanien doch ist. La Rioja. Armen Pilgern aus dem Busfenster zuwinken in der eigenen Laufpause.

Zwischenstopp Madrid. Die Frisur sitzt. DreiWetterTaft.
In unserem 18 Stunden-Halt müssen wir nicht allzu viel abklappern, in den Jahren 2008 bis 2010 wurde hier — in Spaniens Hauptstadt— mehr als genug herum geklappert.

Im Hotel México (2 Sterne Landeskategorie) kommen wir unweit des Bahnhofs unter. Prima Platz: aufs Wesentliche beschränkt. Keinen Kaffee zum Frühstück, dafür aber dicke Kissen und die Schöne und das Biest an der Wand.

Mehr als einen kleinen Spaziergang im Kiez gibt es heute nicht mehr zu tun, US-Gedenkfutter bei Taco Bell und eine heiße Badewanne.

Es ist unglaublich, dass die Knochen nach unserem Marsch noch immer weh tun. Zehen, die nachts so sehr ziehen, dass sie einen wecken können.
Eine Ferse, die bei jedem Kreisen laut kracht.
Ein Mittelfuss, der druckempfindlich wie eine Fontanelle bleibt.
Verkürzte Sehnen und Bänder in den Beinen, die sich aus reiner Frackigkeit nicht mehr dehnen wollen.
Messerstiche in den Knien — hier und da, wenn’s gerade langweilig wird.

Ganz gut zu wissen, dass wir noch ein paar Tage Pause machen, bevor die Fersen wieder Flamenco tanzen müssen.


Pamplona subjektiv

Natürlich ist jeder Ort der Welt —unter anderem— auch eine persönliche, ja: subjektive, Frage des eigenen Geschmacks.
Dementsprechend gilt auch hier nur ein „wenn man uns fragen würde“.

Wenn man uns also fragen würde, welcher Ort der Weltbeste sei, um einen Pilgerweg initial sacken zu lassen, ist es ganz eindeutig:
Solo Pamplona!
Ganz genau dort, wo wir sind. Zwei schillernde Tage mitten im Leben nach unserem entbehrungsreichen, französischen Jakobsweg.
Es ist Pamplona. Hier! Der beste Platz der Welt. Nach Jakobsweg und mitten drauf.

Am ersten Tag klappern wir nur kurz die leicht erreichbaren Sehenswürdigkeiten ab:
Erstens: Kathedrale. Unser 183. heiliger Ort. Kostet Eintritt, den sind wir nicht willig sind zu bezahlen. Keinen Krösus für den Heiligen Gral, auch hier —bei Leibe— nicht, dios mio.
Zweitens: Stierkampfarena. Gänzlich unheilig, bis heute.
Bevor wir uns empörend über die Stierhatz und das bis heute andauernde Töten in den Arenen äußern können (da gibt es keine Diskussion!), wenden wir uns lieber ganz schnell der Huldigung des Ernest Hemingways zu —größter Schreiberling der Welt, wir verneigen uns!
Vor Ihren kargen Sätzen, die alles Tiefsinnige beschreiben können. Ein auf Anblick lieb gewonnenes Zitat, das diesen Ort äußerst schön zusammenfasst, muss jetzt sein:

„Nach Pamplona sollten Sie nie mit Ihrer Frau fahren. Mit ziemlicher Sicherheit wird sie dort krank, verletzt oder verwundet werden, zumindest wird man sie anrempeln und mit Wein beschütten; oder aber Sie verlieren sie. Vielleicht auch alles auf einmal.“
Dann beginnt auch schon die Fiesta vor der Siesta.

Wir plumpsen in die große Party ohne eingeladen zu sein: eine erste Kapelle brettert ohrenbetäubend durch enge Gassen. Kurz nach zwölf, die ersten Biere gehen reihum: voll, nicht halbvoll. Versteht sich von selbst. Meine Schuhe schäumen.
Alte Herrschaften beginnen zu tanzen auf alten Kopfsteinpflastern, eine Menge, die laut auf baskisch singt. „Una caña mas?“ Warum eigentlich nicht. Für Fiesta vor Siesta. Aufs Sein. Auch so geht Leben ganz wunderbar. Vielleicht sogar besser als anders!?

Wir tanzen zwei Stunde der Kapelle hinterher. Dann klappt plötzlich jemand den Gehweg hoch: Zeit für Mittagsschlaf. Er geht bis 18h.

Um 20h wollen wir essen. Als einzige. Die große Essenscharge wird ab 22h aufgefahren, aber die nette Barlady ist so nett, bereits „kurz nach Mittag“ unseren Appetit zu besänftigen. Sogar auf Englisch: eine Wohltat nach sechs harten Wochen französischem „No entiendo nada.“
Wir bestellen sechs Essen. „Ok, that’s a LOT of food you ordered. I will bring you four servings and you will decide later, if you need more,“ meint die Barlady. Sie soll so recht behalten.

Mit offener Hose platzen wir aus der Bar. So gut gefüttert wie seit Wochen nicht. Die Uhr zeigt Mitternacht, noch ein Absacker bis zwei. Wir schlafen bis morgens um neun am nächsten Tag.

Sonntag in Pamplona.
Vor zwölf bewegt sich nicht ins diesen Gassen. Beim Bäcker geht mit jedem Brot eine Zeitung über die Theke. Wie zu Hemingways Zeiten. Frühstück bis kurz nach Mittag, dann ist Zeit für Siesta.

Gegen fünf krabbeln wir aus dem Appartment. Rundgang um die brachiale Stadtmauer, die so viele abhalten sollte. Nicht allen hat sie über die Jahrhunderte standgehalten.
Die Souvenirgeschäfte haben zu: wir bestaunen die baskischen „Barbies“ durchs Schaufenster. „Los Gigantes“, die zu Zeiten der Stierhatz überdimensional groß durch die Gassen getragen werden, hier in klein zu kaufen. Wie gerne hätte ich doch diesen Teufel im Rock: 25cm skurriles Plastik, für meine Kuriositätensammlung zu Hause.
Aber noch immer gilt leider: jedes Gramm zählt auf der weiteren Wanderung, die wieder auf uns wartet.
Der Teufel also muss warten. Hinter geschlossenen Läden. Und er wartet gerne. Weil er weiß, dass seine Zeit noch kommen wird.

Wieder dauert es bis neun, bis andere Menschen aus den Häusern krabbeln. Am Sonntag sind es deutlich weniger als am Samstag. Schade eigentlich.
Wir feiern also im kleineren Kreis.
Heute mit einem augenscheinlich schizophrenen Herrn, der sich an unseren Tisch gesellt und äußerst lautstark mal mit uns, mal mit anderen, die nur er sieht, lamentiert.
Fernando wirkt einigermaßen erstaunt, dass wir so gar nicht erstaunt wirken über ihn. Das scheint ganz gut zu tun: dass zwei andere endlich mal seinen Diskussionen einfach nur lauschen, die er mit denen führt, die sonst keiner sieht. In der Lautstärke eines startenden Düsenjets lobt er erst meine Schönheit (wenig gepflegte Hände streichen über ein wenig gepflegtes Gesicht) und stellt dann fest, dass Chouchou aber deutlich interessanter sei. Natürlich, Fernando. Deshalb hab ich ihn ja geheiratet und nicht mich selbst geehelicht.
Fernando lacht – er weiß ganz genau, was ich damit meine und beginnt begeistert Beethovens Neunte über den Platz zu gröhlen. Du wundersame Welt, in der jeder seinen Platz hat. Eine große, verrückte Familie.

Natürlich verlieren wir uns im alternativsten, pro-baskischen Viertel. Natürlich sitzen wir den großen Regen mit Pamplonas verloren Seelen in einem Klipp-Klapp-Unterstand aus. Und lassen einen Aufkleber da. Ein Hauch zu Hause.

Pamplona, Du Wilde und Schöne und Lebenslustige.
Solltest Du irgendwann den Irrsinn lassen, fühlende Tiere durch deine Straßen zu treiben und sie danach abzumeucheln unter dem Deckmäntelchen der „Kultur“, wärst Du zweifelsohne sehr weit oben auf unserer Liste der „Städte in denen wir leben wollte“.
Just vor zwei Tagen hat die spanische Regierung den mit 30000€ dotierten Stierkampfpreis abgeschafft, um eine „Form der Tierquälerei“ nicht mehr zu belohnen.
Die Richtung stimmt also. Persönlich und ganz subjektiv.
Wenn dies irgendwann der Fall sein sollte, werden wir gemeinsam mit Fernando Beethoven anstimmen: An die Freude!
Am besten einmal über den ganzen Platz gegrölt…


Du weißt nie, was Du kriegst…

7:00 Uhr: alle Pilger sitzen beim Frühstück . Alle, außer die Globetrottels. Die träumen noch und tapern erst 30 Minuten später —ganz alleine— in der Pilgerküche, den eigenen Krümelkaffee trinkend und beobachtend, wie die echten Profis dabei sind, hochengagiert loszuspurten. Mit Aufnäher und Ziehwagen.
Der absolut beste Start in einen neuen Pilgertag.

Tatsächlich haben wir im Nebenzimmer von Kim und Chang geschlafen. Die beiden düsen heute auch schneller los als wir: sie hatten bereits Frühstück um 7h. Und wir nehmen uns fest vor, sie in ein längeres Gespräch einzuspannen, wenn wir sie heute einholen werden. Schließlich begleiten sie uns nun auch schon locker eineinhalb Wochen und wir wollen seit Tagen dringend wissen, wie es sich eigentlich für Südkoreaner auf diesem Weg anfühlt. Noch mehr Aliens als wir.

Wir verlassen die Gîte auf den allerletzten Drücker, um kurz nach halb neun. Betten werden selbst abgezogen.
Beim Abmarsch erblicken wir einen Aufruf zum Jakobsweg-Fotocontest. Mit vier Themenbereichen:
1) Landschaften. 2) Freude. 3) Erkenntisse und 4)Schmerz.
Plötzlich fällt es uns wie Schuppen von den Augen: ein Viertel dieses Weges also soll der Schmerz sein!? Ganz offiziell deklariert.
Wie blöd muss man sein, sich das anzutun? Ganz ohne Gottgläubigkeit mitten rein in die alte Büßernummer? Transformation durch Leid und so einen Quatsch?
Entsprechend nachdenklich die ersten Kilometer.

Vorbei an „Bitte hier nicht defäkieren“-Schildern: die Nachdenklichkeit wird dadurch nicht weniger. Was musst passieren, dass der Bauer dieses Schild aufstellt?
Pause an einem Wunderbrunnen: hilft angeblich gegen offene Wunden. Über Moospfaden zu einsamem Kirchlein. Meist mit Blick auf die schneebedeckten Pyrenäen in der näher kommenden Ferne. Verkannter Wachhund, der nur schmusen will.

Wir treffen Kim und Chang wieder und setzen unseren Plan in die Tat um. Voller Spannung dreißig Minuten hören, wie man als Mensch aus Südkorea auf diesen Weg kommt, zurecht kommt, die Welt hier empfindet. Und finden obendrein heraus, dass sie nicht Kim und Chang heißen, sondern Kim und Kang.

Weiter geht’s: vorbei an einer die Gîte, die Kakao als Cappuccino verkauft und seltsamen Graffitis, die an ehesten als Antiwerbung fürs Pilgern fungieren. Ein Kälbchen mit Milchmäulchen, ein Schild —aus den Latschen gekippt- das vor „zahlreichen Pilgern“ warnt, ein liebevoll angelegter Rastplatz am Bächlein, verlotternd in die Jahre gekommen. Durchaus ein Bild, mit dem sich identifizieren lässt.

Nach 21 Kilometern endlich Ankunft im wundervollen Pomps: Bullerbü in Frankreich.
Die Gîte Communale hat noch zu, also wenden wir uns erstmal dem Tante Emma Laden zu. Mitten hinein gepurzelt in Pomps.

Mit den Hunden sind wir —wie zu erwarten— sofort beste Freunde: ein fettiger Labrador und eine Bulldogge, die Schweinchen-rosaschwarz gefleckt ist und nur einmal nachlässig weiß übergestrichen wurde. Dann spendiert uns Cathy einen lokalen, süßen Weißwein: aus reiner Freude und Freundlichkeit. Omi sitzt mit Freundin im Hof und werkelt dann im Garten, irgendwo springen Kinder rum.
Und wir sind heute Teil hiervon. Willkommen.
Lange vor dem Regen, der nicht mehr kommen soll.

Irgendwann eröffnet Stephane auch seine Gîte. Laut Internet hat’s hier nur 10BettZimmer, in unserem Gemach stehen elf Betten.
Und wir haben Glück:
Stephane ist ein bärig-fröhlicher Mann, den man schnell umarmen möchte. Außerdem hat er heute nur vier Betten vermietet. In einem Schlafsaal, der —wie früher in den Krankenhäusern— durch blickdichte Gardinen in einzelne Departments unterteilt ist.
Wir schnappen uns ein „Zweierabteil“ und schieben erstmal die Betten zusammen.

Was wie ein Horrorfilm beginnen kann, geht wunderbar zu Ende:
Wir duschen und schlupfen vor dem Essen nochmal zu Cathy: zweiter Apero und ein Plausch. Es stellt sich heraus, dass auch sie eine Herberge führt, heute mit zwei Gästen aus Korea: Kim und Kang.
Dann ist auch schon Abendessen bei Stephane.

Der Tisch für vier steht am Ende der Turnhalle. Annick und Pierre-Eve aus der Bretagne (eigentlich aus Belgien, das aber kommt erst nach Pierre-Eves dritten Wein raus) speisen heute mit uns.
Es ist nicht nur die Szenerie, die diesen Abend großartig macht. Es sind auch die zwei superfreundlichen Belgier-Bretonnen, Stephanes Liebe zum Essen, die beste Mayo der Welt und Isabelles (Stephanes Kollegin) Tänzeln bei jedem Wort der Zuneigung zu ihrem Hahn Olaf.

Oh Chemin de Compostelle. Immer wieder aufs Neue weißt Du zu überraschen. Und niemals weiß man morgens, was man kriegt.
Eines aber ist sicher: langweilig wird es nie.
Punkt 2) und 3) der Fotochallenge:
Freude und Erkenntnis.
Wen stört da schon der Fersenschmerz?


Aire sur l‘Adour

Liebes Tagesbuch!

Heute gibt es keinen Text, sondern nur ein paar Bilder eines entspannten Sonnenmontags in Aire sur l‘Adour.
Ab morgen geht’s wieder weiter, weniger wortkarg,

Deine Globetrottels


Immer wieder für die Erleuchtung

Morgens von den Putzdamen aus der Herberge gefegt, warten heute 28 Kilometer auf uns.
Durch Sonne und mit Pyrenäenblick. Immer am Wein entlang.

Heute laufen Kim und Chang, die beiden Koreaner, parallel zu uns. Die beiden, vor denen ich den allergrößten Respekt habe.
Für uns ist jeder Tag auf diesem Weg eine endlose Herausforderung.
Wie bloß geht das mit einem lahmen Bein? Es scheint mir fast unmöglich.
Und Kim lächelt und läuft weiter. Zum zigsten Mal bereits. Wahnsinn.

„Ich liebe dich, mutiges Leben“ steht irgendwann am Wegesrand.
An einer Kirche im Nirgendwo portraitiert ein Fotograf die vorbei kommenden Pilger: uns.
Und Chouchou knipst ihn.
Wir knacken die 500 Kilometermarke irgendwo hinterm vorletzten Acker.

Bei Ankunft in Aire sur l‘Adour zeigt mein Schrittzähler 30 Kilometer, die letzten Kilometer des Tages mal wieder pures Durchhalten. Immer und immer wieder.

Wie gut, dass am Ende irgendwann die Erleuchtung steht. Sonst käme man womöglich irgendwann auf die Idee sich zu fragen, was das alles eigentlich soll. So weiß man es wenigstens.
Für die Erleuchtung.
Immer und immer wieder.


Gut drauf aufpassen: auf alles wichtige.

Auf Plastik schläft es sich nicht allzu mega, aber wir sind am Morgen happy: erwachen im eigenen Stadthaus in Eauze, der Kaffee ist selbst gebrüht. Es gibt auf diesem Weg wenig kostbareres als das: Selbstbestimmtheit. Außer vielleicht Mandelcroissant zum Frühstück.

Nächster Tag des „Camino buenos“: Sonne mal wieder, die schneebedeckten Gipfel der Pyrenäen winken verheißend am Horizont. Wir hören den Lockruf und reden am Abend darüber. Möglicherweise gilt es irgendwann die Route anzupassen?!
Weinreben für Weinbrand „knack knack Armagnac“ an unserer Seite, nüchtern. Butterblumen, die von Frühling erzählen und erste Zikaden vom Sommer. Wir wandeln durch einen grünen Tunnel. Fischteiche, in denen welche Schuppentierchen auch immer gezüchtet werden.

Der erste Ort auf der Strecke heißt Manclet. Die Stierkampfarena hat schon lange dicht. Genauso wie alle Kaffeealternativen, die wir dringend geplant hatten. Lerne: Never trust an old Reiseführer. Am zentralen Ort werden Kulturevents von 2019 beworben und auch die Kirche hat zu. Immerhin gehts über eine froschgrüngeile Brücke weiter. Irgendwo hinter Kilometer 11.

Perfekte Wolken, die wie Wattebäusche an den Himmel geworfen wirken. Wir kürzen über eine unbefahrene Straße ab. Die hellgrünen Weinreben in Reihe sehen aus wie pubertäres Gestrüpp, das gezähmt werden soll. Die pflanzlichen Irokesenschnitte gefallen mir deutlich besser als jedes gestutzte Gewächs. Aber was soll´s: ich bin nicht die Winzerin.
Ein Baum mit Dreadlocks im Nirgendwo. Möglicherweise Anbetungsplatz der Pastafari? Anderes Heiliges sehnen wir heute nicht. Außer vielleicht: Happy Birthday, Nutella.

Kurz vor Nogaro sind die Vögelchen außer Rand und Band, der Wegesrand voll mit Saubohnen.
Dies fühlt sich schon lange nicht mehr nach Südfrankreich an, sondern wie ein ganz eigene Welt. Die Via Podiensis. Wo die Menschen nur aus purem Zufall französisch sprechen. Wo eine ganz andere Weltzeit gilt. Jenseits von allem anderen. Auf einem anderen Stern.

Nach 19km sind die Fersenschmerzen unverändert wieder da.
Wir sitzen auf dem Boden im Schatten, fersenleckend, als Lotto King Karl vorbei kommt.
Und: was macht die Lotterie von gestern? Nichts gewonnen, sagt er. Aber er kann schmerzverzerrt bestätigen, dass es diesmal auch bei ihm die Fersen sind, die schwächeln. „Jedes Jahr was Neues.“ Wem sagt Du das, Karl!? Beruhigend allerdings ist: Schmerzen hat anscheinend wirklich jeder auf diesem Camino.

Bis zum Zentrum Nogaro sind es insgesamt 24 Kilometer für uns.
Wir checken in der Gite d´ etape communale ein. Mit zwei Tüten voller „Carrefour Hypermarché Food“. Super, vegetarisches Essen kochen: selbstbestimmt. Besser geht nicht. Außer vielleicht noch Zweibettzimmer.

Was ist eigentlich das Schöne an diesem Weg? Wenn allen alles immer mehr wehtut? Wenn jeder Tag ein Aufrappeln und schleppen ist? Bis zum Ausatmen des endlich wieder Ankommens am Abend.
Vielleicht sind es all diese kleinen Dinge, die uns weiter machen lassen. Das stille Gehen und nachdenken. Das reden darüber. Die Freude an weitem Himmel und Sonnenschein und einem leichten Windhauch bei Hitze. Die Dankbarkeit des kurzen Ankommens am Abend, das morgens wieder weiter ziehen dürfen. Und immer da sein.
Weiches Bett, warme Dusche, nahrhaftes Essen — wenn’s mal da ist.
Das zart sein mit und aufpassen auf die Dinge, die man bei sich trägt. Die Kostbarkeit jedes einzelnen Teilchens, das gepflegt werden will. Warmes Überziehjäckchen am Abend, gute Socken in wackeren Schuhen, die Liebe zueinander. Alles unfassbar wertvoll. Wie oft wir das doch vergessen.

Apropos wichtige Dinge, die man bei sich trägt:
Nach nur einem Tag habe ich vor ein paar Tagen meine „Jesus loves you“-Käppi verloren. Nicht gut aufgepasst, nun fehlt es mir sehr. Emotional und vor allem in der Mittagssonne, die zunehmend auf südfranzösisch brennt.
Heute gab es im Carrefour ein neues Mützchen. Es stecht nicht „Jesus loves you“ drauf, stattdessen: „catch the waves“.
Möglicherweise ist dies so viel passender. Und meine Freude grenzenlos.
Auch das ist ein Punkt, den ich mir dringend merken müsste.

Ab jetzt: gut drauf aufpassen. Auf alles. Alles Wichtige.


Pilgerglück, da bist du wieder.

Ich kann kaum glauben, wie ruhig ein belebtes Örtchen in der Nacht werden kann. Auch in der letzten Nacht war es so still wie in einem Grab. Montreal-en-Gers: das stillste Dorf Südfrankreichs.

Beim Frühstück sitzt eine kanadische Fee. Sie scheint in die Küche geschwebt zu sein: auch sie haben wir nicht gehört. Dass die Kanadiern im Laufe des Tages ihre Nationalität einfach wechselt — je nachdem mit wem sie spricht, wissen wir beim ersten Kaffee noch nicht. Für uns bleibt sie „die kanadische Fee“, für andere wird sie auf dem Camino Schweizerin sein. Zumindest hören wir am Mittag, dass sie sich so bei anderen vorstellt.

Nach der Pilgerkrise der letzten Tag ist der heutige Freitag fast lächerlich perfekt.
Nach einem feinen Frühstück gehts in strahlendem Sonnenschein los. In Montreal ist heute Markt, das gesamte Dorf scheint auf den Beinen. Nur unser 80-jähriger Filmmacherfreund von gestern taucht leider nicht auf. Wir hätten so gerne „adieu“ gesagt.

Der Weg ist den gesamten Tag freundlich zu uns. Nur ein einzige Mal versinken wir heute bis zu den Knöcheln im Matsch, der Rest ist trockenes Gras oder Wirtschaftsweg an Wein vorbei (für den schuheausziehenden Armagnac — lokaler Brandwein mit 40% Wumps) oder Fahrradweg im Schatten. Und den gesamten Tag keine einzige Wolke.

Mittagspäuschen ist in Lamotte. Angeblich gibt es hier eine Kirche und die einzige Picknickbank der gesamten, heutigen Etappe. Sagt der Pilgerführer. Die Realität aber hält eine zauberhafte Überraschung bereit.
Mittlerweile ist Lamotte nicht mehr nur eine einsame Kirche mit schweigendem Friedhof draußen dran, sondern hat sich anscheinend zum Pausenzentrum gemausert für alle, die die Etappe von Montreal nach Eauze pilgern.
Ein augenscheinlich sehr pilgerfreundliches Paar (Bauern oder Friedhofswächter?) hat hier einen Rastplatz improvisiert, mit allen Annehmlichkeiten, die man sich als Pilgerndes an einem sonnigen Freitagmittag wünscht:

Ein schneeweißer Golden Retriever (also eher White Retriever!?) begrüßt die Wanderleut freudig und schnorrt sich —trotz aller Warnungen— natürlich erfolgreich bei uns durch.
Die Pilgermama hat Kuchen und Nüsse und Obst und Sandwichs und Kaffee und kalte Getränke bereit gestellt. Bezahlung auf Vertrauensbasis.
An der Wand hängen abgelatschte Schuhe von ehemaligen Pilgern (teils mit 2500 Kilometern auf den Sohlen) und eine LGTBQ-Flagge.
Kanadische Stühle und Tische vor Aussicht auf ein Weintal. Ein Wasserclosett ohne Spiegel, stattdessen hängt eine Tafel über dem Waschbecken, die in mehreren Sprachen verkündet: Du bist schön. Und alle sind da:
Die Koreaner (sie flott, er Piratenbein), die sogleich mit uns ein Foto machen wollen.
Die kanadische Fee, die sich bei den Koreanern als Schweizerin vorstellt.
Ein neuer Wegbegleiter —graumelierter, biertrinkender Franzose um die 50– der von allen Anwesenden die Glückszahl erfragt, um diese Nummern heute beim Lotto zu tippen. Sollte er gewinnen, wird er mit jedem von uns, den er auf dem Weg wiedertrifft, seinen Gewinn teilen.
Und Claire! Diejenige, mit der wir mittlerweile die längste Zeit auf dem gemeinsamen Weg teilen. Seit mittlerweile 14 Tagen und 180 Kilometern laufen wir mit- und nebeneinander. Teils in der gleichen Herberge, einmal sogar im gleichen Zimmer. Wir haben Claire aus dem Matsch gerettet, sie am Kanal eingeholt — damals als sie mir sagte, dass ich sehr wohl unrecht hätte, wenn ich alle Religionen als einen Brei bezeichnen würde. In Moissac haben wir gemeinsam über ihre zerstörten Schuhe geseufzt (mittlerweile hat sie neue, die sie allerdings im Rucksack trägt. Zu sehr hat sie sich wohl an das Schluppen der mittlerweile ziemlich komplett gelösten Sohle gewöhnt. Und Angst vor Blasen in neuen Schuhen.)
Wir machen das, was wir schon beim vorletzten Treffen fest vereinbart hatten: ein Foto. Schön und wichtig.

Der Nachmittag geht so einfach weiter wie der Morgen. Es ist, als wolle der Weg uns mit allen Kräften zurückgewinnen, so schön präsentiert er sich. Und so viel Freude macht es plötzlich wieder genau hier unterwegs zu sein.

Kilometerweiter, schnurrgerader Radweg bis Eauze. Früher Eisenbahnstrecke, heute Meditationstippelweg im Schatten. Super Pilgerbänke alle zwei Kilometer: Bänke, für die man keinen Zentimeter in die Knie muss. Hier hat jemand mitgedacht: ein wandernder Landschaftsarchitekt sehr wahrscheinlich.
Am Wegesrand wächst wilder Spargel. Wir holen eine ältere Dame ein, die erzählt: den habe ihre Mutter immer gesammelt und teilt freimütig Rezepttipps mit uns. Bis Eauze flücken wir ein Sträußchen fürs Abendessen.

Nach knappen 20 Kilometern sind wir in Eauze.
Bis heute morgen schien es unglaublich unmöglich, irgendeine Unterkunft in Eauze zu finden, die hygienisch UND erschwinglich ist. Wir zogen am Morgen also gänzlich ohne Plan los.
Am Mittag aber meldete sich Arnaud auf unsere Anfrage per mail zurück: in seiner Gite sei heute Nacht noch Platz. Dahin also tippeln wir nach einem Belohnungsankommensbierchen vor der Kirche des Orts.

Um es kurz zu machen: Arnaud gibt uns per Telefon den Code der Haustür durch, er selbst sei heute nicht da. Wir stehen vollkommen alleine in einer verlassenen Herberge — als einzige Gäste heute Nacht. Das ganze Haus gehört uns. Inklusive Küche und Bad und Fußbad (wenn wir wollten). Letzteres aber wollen wir dann lieber doch nicht. 15 Euro pro Person, die vegetarische „DM“ (Demi-Pension = Halbpension) machen wir uns liebend gerne selbst:
Mit wildem Spargel an Cocktailtomaten als Vorspeise, Maccaroni an Tomaten-Parmesan als Hauptgang und Apfelkuchen als Dessert.
Heute kann es nichts schöneres geben, als auf der Via Podiensis unterwegs zu sein.
Happy Pilgern, da sind wir wieder.


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