Unterwegs im Magicbus

Monat: November 2023 (Seite 3 von 3)

Reise zum Mittelpunkt der Erde

Es ist kurz vor Mitternacht. Die dicken Enten haben sich schon schlafen gelegt, Rudi und ich oben in der Koje, Chouchou liest noch was, als der Wind aufkommt.
Erst zerrt er nur sanft am Dachzelt, das leichte Schaukeln des Magicbus wirkt einlullend, so dass das Lüftchen eigentlich gar keine andere Chance hat, als noch ein Stück mehr aufzuziehen: einfach um ernst genommen zu werden.
Als erstes hören wir ihn – im Rascheln der Blätter des orangenen Baums, den wir beim Einparken noch für Schutz hielten. Nun beginnt er langsam, die ersten Äste abzuwerfen. Und Sand prasselt gegen das Dachzelt, das mittlerweile nicht mehr leicht schwingt, sondern verzweifelt flattert.
Es dauert nicht allzu lang, bis wir verstehen, dass es Zeit wird umzuparken, weil ein Sandsturm aus Norden anrückt. Also murrend den Magicbus´ Popo windabwärts drehen, weg vom orangenen Blätterwunder.
Weitere fünf Minuten später –und zwei Beaufort mehr– ist klar, dass wir oben nicht schlafen können. Zumindest nicht, wenn wir morgen kein Cabrio fahren möchten.
Unter viel Gefluche muss also die Bombe im Bulli einschlagen.
Das Dachzelt einzufahren ist hierbei der kleinste Teil. Doch kram mal den Kram von monatelangem Durcheinander notfallmäßig so zur Seite, dass unten im Magicbus ein Himmelbett entsteht. Quasi unmöglich.
Wir türmen Taschen über Kisten über loses Zeug über Feuerholz über Ölkanister über uns. Danach ist mehr als Kein-Bock-mehr-Schlafenszeit.

Am Morgen ist der Sandsturm vorbei gefegt. Wir kippen den Ministrand aus der Segeltasche, stauben die Stühle, die Hocker, die Getränkekisten ab. Danach gibt´s Kaffee mit Aufräumen.

Der Ranger des Angelsees schneit mit seinem Pickup vorbei. Er freut sich über das kühle Wetter und die deutschen Gäste. Da wir gestern kein Kleingeld hatten, haben wir 10 Dollar in die Campkasse gelegt, das war zu viel, also gibt er uns einen Dollar zurück und berichtet derweil vom Leben in der Wüste. Eine Wüste, die sich nach dem nächtlichen Temperatursturz nicht mehr ganz so echt anfühlt. Denn statt der gestrigen 30 Grad hat´s heute maximal 14. Einzelne Tröpfchen Regen fallen, mehr als ein Niesen des Himmels ist es aber auch nicht.

Auf dem Weg nach Carlsbad müssen wir durch Farmland, entlang an flachen, endlosen Ackern, vertrocknet oder unnatürlich grün – vollstoffbewässert. Ölpumpen, Rinder mit gigantischen Hörnern, Pistazien, ein verlassenes Adults- Only-Kino, ein Ex-Apache-TradingPost, Baumwolle – dann kommt auch schon die Stadt, die uns über vier Staaten hinweg wärmstens empfohlen wurde.

Carlsbad. Klingt nach Heilquellen, altem Gemäuer, nach Prag in New Mexico.

All das, was wir uns vorgestellt haben, ist Carlsbad nicht. Eher das Gegenteil. Altbekannte Kettenrestaurants, gesichtslose, schnurrgerade Straße, ein Nichtsagen an jeder Ecke, das Schönste: das Stadteingangsschild. Was auch immer man an Carlsbad außergewöhnlich finden kann – wir finden es nicht. Und das Wort „pittoresk“ dürfte es im Amerikanischen generell nicht geben.

20 Meilen hinter der City liegen die Carlsbad Caverns. Auf der Zufahrtsstraße wird bei Regen darum gebeten bitte nicht zu ertrinken: weil die „Dips“ in Windeseile vollaufen und Autofahrer absaufen. Da der Himmel weiterhin nur niest, scheint dies für uns heute ausnahmsweise kein Problem zu sein.

Die Carlsbad-Caverns sind mit ihren 487 Metern unter der Erdoberfläche die tiefsten Tropfsteinhöhlen der USA. Ihr „Big room“ ist einer der größten unterirdischen Räume weltweit, in ihrem „Bat cave“ leben ca. eine halbe Millionen mexikanischer Bulldoggfledermäuse, die wir aus Artenschutzgründen aber leider nicht besuchen dürfen. Sonst wird der Weißnasenpilz der beflügelten Mäuschen nämlich schlimmer. Und die Ringtail Kätzchen schlafen tagsüber.

Wer gemütlich in die Höhle will, nimmt den Aufzug runter. Wir machen es uns etwas unbequemer und steigen den „natural entrance“ zu Fuß hinab. Ein seltsames Gefühl: wenn das letzte Sonnenlicht schwindet und es im Stockdunklen, im Rutschigen, im unfassbar Stillen ins Erdinnere weitergeht.

Drinnen wie draußen 13 Grad – nur drinnen unveränderlich.
4 Kilometer geht es vorbei an bizarren Stalagmiten und Stalagtiten – erst steil bergab und dann in Wellen.

Wilde Koboldgesichter, Quallen, ein Löwenschwanz, Korallen, eine Popcorn-Feenlandschaft, Pilze, Monster und Unanständiges aus Kalkstein. Sehen wir. Keine Ahnung, ob´s für andere ebenso ersichtlich ist.

Faszinierend, sportlich, aufregend, spannend. Eine tolle Erfahrung, wenn auch nix für Menschen mit Beklemmungstendenzen. Wobei: sehr wahrscheinlich gibt es für diese im unterirdischen Souvenirshop auch Tranquillazer zu kaufen.

Als wir wieder an der Erdoberfläche kommen, ist´s draußen sehr viel diesiger. Statt eines Himmelsniesens tröpfelt es nun wirklich. Ein Roadrunner pest über die Straße, macht seinem Namen alle Ehre damit und ist wieder zu schnell, als dass wir ihn vor die Linse bekommen.

Auf dem Sunset Reef Campground hat´s heute Nacht noch ein Plätzchen für uns. Mitten unter Kühen hat das Büro für Landmanagment (BLM) einen sehr komfortablen Platz für Reisende ausgebaut: mit überdachten Picknickbänken, ebenen Schotterflächen und einer Toilette. Geschenkt und traumhaft.
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Schwarze Rinder beobachten neugierig, wie wir unser Camp aufbauen, ein paar Mutige in Zelten bei nächtlichen sechs Grad im Regen.
Wenn der Nachbar irgendwann noch seinen Generator abstellt, sind wir wieder im Himmel.
Gestern noch im All, heute unterwegs zum Mittelpunkt der Erde. Da wäre der Himmel doch ein gutes Mittelding.
Finden wir. Keine Ahnung, wie das der Nachbar sieht…

Roswell: Wetterballon. Genau!

Manchmal ist es gar nicht so schlecht, über seine Reizeziele vorab zu lesen. Dann passiert es einem nämlich nicht wie uns: dass man plötzlich auf einer Atombombenabschussrampe steht.
1945 wurde der weltweit erste Atombombentest an der Holloman Lake Air base durchgeführt. Der große Pilz der „Trinity“ ist exakt dort, wo wir stehen, hoch und nieder gegangen.

Ein geschichtsträchtiger Übernachtungsplatz, gut zu wissen. Einer, der nachdenklich macht.

Wir sind eher die Leute, die nachrecherchieren. Siehe Trinity.
Entsprechend haben wir den gestrigen Abend auch mit einer Doku über die Besatzung der Biosphere2 verbracht. Auch hier ist das Stauen im Nachhinein nicht minder. Vor allem, da fünf der acht Bewohner bis heute gemeinsam leben: als mittlerweile betagte Leutchen auf einer nachhaltigen Farm im Norden New Mexicos. Ihr eigenes Gemüse ziehen sie bis heute. Nur der Arzt der Crew ist zwischenzeitlich verstorben. Er war derjenige, der eine Lebensverlängerung anhand von Kalorienreduktion predigte. Zynisch irgendwie.

Bereits um kurz nach acht –drei Stunden nachdem die Erde in Texas bebte– geht es für uns weiter, vorbei an der größten Pistazie der Welt, die über den Highway bei Almagordo wacht.

Die weiße Gipswüste ist hier flott vergessen, denn der Magicbus ackert sich tapfer in ein Wäldchen hoch: Herbstbäume in der Hochebene, mitten im Apachenreservat.

Am Casino Apache –kurz hinter dem Apache Summit mit seinen 7500 Fuß (ca 2280 Meter)– machen wir ein Päuschen in dem, was man hier „gusty wind“ nennt: böig und kühl bei strahlendem Sonnenschein. Der beste Wettermoment der letzten Wochen.

Im Supermärktchen auf dem Pass bemerken wir sehr schnell, dass wir mitten im „Native America“ aus dem Bulli gepurzelt sind; im Süden New Mexicos das weit und breit einzige Stück Land, was noch in den Händen der Indigenen ist.
Natürlich gibt es ein Casino. Denn außerhalb Nevadas darf usa-weit nur auf indigenem Land noch Glückspiel betrieben werden. Der ältere Herr mit Stock an der Kasse könnte –wenn es nicht so despektierlich klänge—Mime für die Bilder von Sitting Bull sein, der Gentlemen dahinter arbeitet für das „Department of Indian affairs“ – sagt sein T-Shirt.

Es ist seltsam, dass wir uns immer so freuen in „Native Land“ zu sein … obwohl die gesamte USA ja indigenes Land sein sollte. Es ist seltsam, dass es so seltsam wirkt. Es ist traurig, dass es so überschaubar ist. Und so selten, dass es deprimiert.
Im „Reservat“ – alleine in diesem Wort steckt so viel Pein und Unrecht. Und wenig gelebte, historische Verantwortung.

An orangenen Bäumen geht es vom Gipfel wieder bergab in die Ebene von Roswell, aus dem Herbstwald wieder zurück in die trockene Wüste.

Schilder am Straßenrand kennzeichnen, dass das Müll aus dem Fenster kippen immer günstiger wird, je weiter wir gen Südosten reisen. In Oregon und Kalifornien kostet das 2000 Dollar, in Nevada 1000, Arizona kassiert 500 Dollar für „littering“, in New Mexico macht es nur noch 300. Ab Texas ist´s sehr wahrscheinlich kostenlos. Nicht, dass wir davon Gebrauch machen würden, aber spannend ist es trotzdem.

Ab Roswell sind wir wieder voll in unserem Element: Globetrottels-TV kann endlich wieder etwas aufdecken. Heute: Der UFO-Zwischenfall in Roswell von 1947.

Allerdings muss erst gefrühstückt werden – im vollkommen überfordernden Subway.
Auf die Frage, ob es auch vegetarische Sandwiches gibt, entgegnet die Dame hinter dem Tresen: „Natürlich. Mit Huhn oder Fisch?“ Also nehmen wir vegetarisch – without fish or chicken.
Das erste Brot von zwölf auf der Karte mit dem ersten Käse von fünf und Rohkost mit alles, Soße egal. Hat noch niemand so bestellt in Roswell, sagt die Lady. Nun denn, aber natürlich geht auch das im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Vor dem UFO-Museum plaudern wir uns erstmal warm mit dem hunderettenden Inhaber des Kristallshops im Alienshirt und den Zeugen Jehovas, die –vor dem Museum positioniert– schon von weitem sehen, dass wir einen guten Tag haben. Erst danach wird es wissenschaftlich: die Globetrottels auf Alienresearch.

Machen wir es kurz: natürlich ist alles wahr!
350 Zeugen können nicht irren, die erhaltenen Alienkadaver werden im Museum live ausgestellt, Kornkreise können nie von Menschenhand sein und auch Erich von Däniken flunkerte natürlich nicht, als er auf Mayaabbildungen eindeutig Außerirdische identifizierte.
Der Begriff „fliegende Untertasse“ wurde in Roswell geboren. Hier wussten sie als erste: von wegen Wetterballon…
Kurzum: Wir haben eine wirklich großartige Zeit zwischen phantasievollen, bunten Wänden.
Aliengeschichten: sie sind immer toll. Und so unfassbar lustig.

Die Souvenirs, die wir später natürlich kaufen müssen, sind von den Amischen hergestellt. Auch das eine wilde Zusammenarbeit, die nicht von dieser Welt scheint.
Womit die Amischen 2023 also ihr Geld verdienen. Aliensouvenirs gefertigt von Vorzeitlichen, die es auf ihre ganz eigene Art in die Neuzeit geschafft haben.
Isn´t it a funny world?!

Kurz hinter Roswell bleiben wir heute Nacht: am Angelsee des bäuerlichen Dexter.

Unter einem orangenen Baum nehmen uns sogleich gigantische Enten in Beschlag und quaken uns um Futter an. Sie bekommen natürlich nichts, machen aber trotzdem für uns eine gute Figur unterm Sonnenuntergang: so dick wie sonst wer.

Enten in der Größe von Pfauen: auch das geht kann eigentlich nicht mit irdischen Dingen zugehen. Und morgens soll´s in der Wüste angeblich regnen.
Ich sag nur eins: Wetterballon.

Von wunderbaren Menschen und einem wundersamen Müllkuckuck

Eines der tausend schönen Dinge an den USA sind die kleinen Chitchats mit Menschen. Plaudereien, die sich ganz nebenbei, ganz non-chalant ergeben: quasi im Vorbei gehen. Die Offenheit der Amis ihre Geschichten zu teilen, sie ist ein großes Geschenk für Geschichtensammler wie wir es sind. In 30 Minuten zahlreiche, fremde Lebensepisoden einatmen, aus denen sich ein buntes Menschenbild ergibt.

Heute Morgen ist es Dave, der uns an seinen Geschichten teilhaben lässt. Dave, dieser Typ von einem Typen, der sich von niemanden etwas sagen lässt. Einer, der ganz nach seiner eigenen Facon zu leben scheint, ein liberaler Outlaw.
Dave lebt seit eineinhalb Jahren auf dem RV-Platz. Eigentlich aus der Werbung kommend, macht er mittlerweile ein bisschen dies, ein bisschen das. Alles ist genehm, so lange es gutes Fleisch und gute Drinks dazu gibt. Schließlich hat er auch dafür in einem früheren Leben die Werbeslogans entworfen: for cheap booze.
Dave hat eigentlich schon alles gesehen: mit 16 zu Hause raus, die Jahre davor hat er sich immer bei den Nachbarn den Bauch vollschlagen müssen, da sein alleinerziehender Vater es nicht auf die Kette bekam, etwas Essbares ins Haus zu schleppen. „Until today, he never was at the grocery store“ und ist trotzdem kürzlich 90 geworden.
Mit 17 ist Dave durchs Land geradelt. Niemand hätte erwartet, dass er von dieser Reise lebend zurück kehrt. Ist er aber. Danach hat er sich durch den Westen getrampt. Nur einmal im Death Valley wäre das fast ins Auge gegangen: wegen der Hitze. Ob es ihm unwohl ist im kriminellen Deming? Mitnichten. Denn auch Dave ist bis unter die Zähne bewaffnet. Heavyly armed, nennt er das und lacht. Lacht eigentlich ständig und wenn er es nicht tut, lachen seine Augen weiter.
Dave ist es auch, der uns den nächsten Autoglaser empfiehlt. In Las Cruces. Wenn der es nicht macht, dann macht es niemand, meint Dave. Tatsächlich soll er Recht behalten. Der beste Campingnachbar der Welt.

Im liebevollen, alten Bad wird vor Weiterreise flott geduscht. Und vor einem Schminkspiegel, der noch Beehive-Tollen gewohnt ist, kommen frische Kontaktlinsen rein. Das dritte Paar in eineinhalb Wochen. Weil Wüste schmiergelt. Dann geht’s wieder los.

Trotz Daves Empfehlung wollen wir noch einen Glaser vorab in Deming checken. Einfach um unsere Chancen zu erhöhen, das Örtchen zu sehen und weil man´s ja versuchen kann. Und weil „Desert glass“ so klingt, als würde man selbst den abgehalftersten Kamelen noch helfen können. Nein, kann man leider nicht. Aber zumindest sammeln wir eine schnelle, politische Meinung ein. Wieder die eines „Rednecks“. Vielleicht ist es ein ungeschriebener Berufsethos der amerikanischer Autoglaser: Republikaner wählen!? Also weiter in Richtung Las Cruces.

Kurz hinter Deming geht es nach „Truth or consequences“ ab, dem Ort mit dem Western-tauglichsten Namen weltweit. Und kurz dahinter kommt die „Best rest area 1992“ – stolz angepriesen und preisgekrönt—mit dem größten Schrott-Wegekuckuck der Welt. World´s biggest trash roadrunner. Den wollen wir uns natürlich anschauen.

Vorbei an den christlichen Fanatikern, die in der prallen Mittagssonne kostenlose Bibelkurse anbieten und freundlich grüßen, sehen wir den Kuckuck schon von weitem. Mit seinen Flügeln aus alten Computern, seinem Bauch aus Turnschuhen und den Beinchen aus Autoreifen blickt er übers Tal auf die Stadt vor den zotteligen Berggipfeln. Endlich mal wieder Zeit für Globetrottels-TV deckt auf…

Es ist kurz nach Mittag in Las Cruces, als wir auf den Parkplatz von Safelite rollen. Safelite – Daves Empfehlung („if they don´t do it, nobody in this country will.“) und unsere – als letzte Chance erklärte—Anlaufstelle für unser Steinschlagproblem, nachdem wir bereits viermal abgewiesen worden sind.
„Vielleicht sollten wir verzweifelter klingen, wenn wir durch die Tür scheppern!?“ Wir versuchen es.

Jesse ist auf den ersten Blick wenig zuversichtlich, da „der Crack“ mittlerweile mehrere Risse sind –nicht nur lang und sternförmig gesplittert, sondern obendrein außen und innen. Aber was soll´s: er will es versuchen, um zumindest das Schlimmste zu verhindern. Jesse ist der Erste, der versteht, dass wir wirklich ein Notfallproblemchen haben und dringend erste Hilfe benötigen. Er ist der Erste, der nicht bange ist, zumindest einen Versuch zu machen uns zu helfen. Und bereits dafür sind wir ihm endlos dankbar.
30 Minuten später hat Jesse massenweise Kleber verbraucht und sehr wahrscheinlich mehrmals die Batterie am dauerlaufenden UV-Licht-Härter gewechselt. Sein Chef schleicht sich von hinten an, blickt über Jesses Schulter auf das angeblich unmögliche Projekt und nickt zufrieden: ein wohlbeleibter Mexikaner mit Gleichmut im Gesicht und einem unverrückbaren Glauben an alternative Lösungen und endloser Zuversicht zwischen den Ohren. „That will do it.“ Ein mexikanisches „Nichts ist unmöglich“ in der Stadt der Kreuze.

Dios preise die mexikanische Flexibilität und Hilfsbereitschaft! Wir sind überglücklich und können es kaum fassen. Und was kostet der Spaß? „It´s on me,“ sagt Jesse. Geschenkt. Geschenkt? Ja, geschenkt.
Ich falle Jesse um den Hals, ein Lächeln strahlt zurück. Auch Chouchou ist ganz aus dem Häuschen, kann das aber nicht ganz so exzentrisch zeigen und füllt daher die Kaffeekasse auf.
Die Globetrottels –superhappy!– an einem nicht für möglich gehaltenen Mittag, der den Glauben an die Menschheit stärkt. Eine Menschheit, die „out oft he box“ denken kann und will. Von Herzen: Danke, Safelite Las Cruces! Jetzt haben nur noch die Globetrottels einen Sprung in der Schüssel – der aber ist wahrscheinlich irreparabel.

Da also ist sie wieder: die wunderbare Kaskade der Vorsehung –oder des Zufalls:
Wäre gestern der erste Übernachtungsplatz nicht gesperrt gewesen und hätte uns der erste RV-Platz nicht naserümpfend abgelehnt, hätten wir nie Dave kennengelernt und wären nicht bei Safelite vorbeigefahren. Wofür all die Dinge doch immer wieder gut sind.

Ohne Risse in der Scheibe fahren wir nun erstmal den Bulli duschen. 4 Dollar für eine minimale Magicbuswellness und Impossible Burger für die Globetrottels danach. Satt und sauber können wir nun ins NASA-Gebiet einrollen.

Hinter Las Cruces liegen hochgeheime Aeronautikgefilde. Mit Höherem als mit liebevoller Namensgebung befasst, ist die –nach den Hügeln Las Cruzes folgende– Weite einfach als „District 1“ und „District 2“ benannt. Steppe, so weit das Auge reicht. Ein paar schlecht frisierte Yuccapalmen am Wegesrand, ein Kojote joggt über den wenig befahrenen Highway.

Ein Bordercontrolposten im Nirgendwo, ein sonnenbebrillter Homeland security-officer, der uns freundlich weiter winkt. Die geheimen NASA-Wärmekameras haben im Hinterteil des Magicbus sehr wahrscheinlich nur die erweiterte Globetrottelscrew registriert:
Rudi – ein fauler, speckiger Türkisdrache ohne Zähne.
TF 23 – ein blaues Alien mit Hang zum Punkrock.
Sir Hilly – ein Zombieeinhorn mit Verstoffwechslungsproblemen. Alle legal und mit Visum.

Am Holloman Lake, kurz hinter den weißen Dünen, bleiben wir heute Nacht. Ein müffeliges und giftiges Rinnsal an Restwasser, aber mit tollem Ausblick und sehr kostenlos. Ein paar Düsenjets fliegen Proberunden über dem verlassenen Fleckchen Erde und durchbrechen einmal die Schallmauer – ein Geräusch, dass jegliche Nachmittagsmüdigkeit vertreibt.

Und dann geht um halb sechs auch schon wieder die Sonne unter: heute in kitschigem Pastell.
Ein Tag geht zu Ende, an dem wir die großen und kleinen Geschichten preisen, die Müllkuckucke und das Denken außerhalb der Box.
Vor allem aber sind wir dankbar für menschliche Hilfsbereitschaft – ohne die es sich einfach nicht leben lässt.
Nicht nur nicht mit einem Sprung in der Schüssel…

The chipdoctor is hanging — auf nach New Mexico!

Auch wenn wir den gestrigen Meteorschauer verschlafen haben, zeigten sich die Sterne in der letzten Nacht gnädig: zumindest, wenn man Chouchous Nachtaufnahme trauen kann. Auf der nämlich fielen einige Sternschnuppen über dem Magicbus. Wildwestschnuppen in Tombstone.

Gestern noch hielten wir die Wildwestfassade für einen reinen Touriaufzug. Wohl auch deshalb staune ich auf meinem Morgenspaziergang zu den Restrooms im Ortskern große Bauklötze.
Auf den Gehwegen des staubigen Örtchens lustwandeln sie morgens um halb acht: die böse Buben in Cowboyboots und –hüten, die vor Dienstantritt mit ihren Chihuahuahündchen Gassi gehen.
Hätte ich meine Kontaktlinsen drinnen gehabt, hätte ich sicherlich erkannt: es sind Hündchen an rosafarbenen Leinen. Und ich kann nicht umher: irgendwie macht mich dieses Bild sehr glücklich.

Leider ist unser windschutzschildiges Einschussloch über Nacht nicht verschwunden.
Unser erster Weg führt uns daher noch einmal zurück über die Berge. 29 Kilometer bis nach Sierra Vista zum Autoglaser. Beziehungsweise zu dreien.
Die erste Werkstatt winkt schon an der Türschwelle ab: Zu groß, so was machen wir nicht. Besser wir fragen den Chipdoktor, der normalerweise mit seinem Zelt vorm Dennys steht und Steinschlag direkt vom Pickup runter macht. Also weiter zum Dennys.
Der Chipdoktor ist um 10 Uhr leider noch nicht vor Ort. Also nochmal weiter zur Autoglaswerkstatt Nummer zwei.
Tim lässt uns unser Anliegen immerhin hinter der Türschwelle vortragen. Nee – machen kann er das aber nicht. Zu groß halt. Und natürlich findet er im Internet keine austauschbare Scheibe, die passen würde. Das wussten wir bereits vorab, aber es ist lieb, dass er trotzdem geschaut hat. Aber den Chipdoktor, den könnten wir mal fragen. „War nicht da,“ sagen wir, also versucht Tim ihn anzurufen. Wir kommen der Sache scheinbar näher.
Der Chipdoktor ist nicht erreichbar. Liegt vielleicht am Montag Morgen noch im Salz. Mit seiner Telefonnummer bewaffnet fahren wir zum zweiten Mal zurück zum Dennys: erstmal frühstücken. Vielleicht taucht der Doc in der Zwischenzeit ja auf.
Auf dem Dennys Parkplatz steht Don, der uns mitteilt, dass der Chipdoktor seit einer Woche spurlos verschwunden ist. Abgetaucht oder hanging, meint Don, der die frei gewordene Nische mitleidsarm und flott nachbesetzt hat. Mit Lesebrille und Messer widmet er sich kurz unserem Problem: Nee, das mach ich nicht. Zu groß. Aber John aus Tucson kann uns bestimmt eine neue Scheibe besorgen. Den ruft er doch gleich mal an.
John aus Tucson ist nicht erreichbar. Don brüllt auf den Anrufbeantworter, dass das jawohl nicht sein kann. Soviel hätte John ja schließlich nicht zu tun. Egal, steckt die Nummer ein. Machen wir. Auch wenn wir sicher wissen, dass selbst ein John aus Tucson uns zu hundert Prozent keine 94er T4-Windschutzscheibe backen kann.
Und so endet unser erster Versuch, den Steinschlag zu beheben um kurz vor halb zwölf auf dem Parkplatz vom Dennys in Sierra Vista. Unverrichtet. Aber immerhin bekommen wir eine Menge Lokalkolorit ab – als wir noch weitere 30 Minuten mit Don quatschen.

Don ist ungefähr Mitte 60. Er trägt Sonnenbrille, weißen Vollbart und ein zerrissenes Jeanshemd. Seit 15 Jahren lebt er hier an der Grenze zu Mexiko. Schwieriges Terrain mit all den illegalen Einwanderern, die mit Rucksäcken über die Berge kommen– vor allem da der jetzige Präsident nur die Hände in den Hosentaschen hält. Meint Don – mit Hände in den Hosentaschen. Er sei ja kein Trumpfreund ABER…
Schneller als wir gucken können stehen wir mitten in der Wüste plötzlich auf sehr dünnem Eis.
„Keine Religion und keine Politik diskutieren“ lautet eigentlich unser Motto auf Reisen. Aber Don ist in seiner Meinungsäußerung gar nicht zu bremsen. Also hören wir zu:
Die Mauer bauen – das war mal ein richtiger Ansatz. Denn die Einwanderer bringen ja auch all die Drogen mit rüber. Die Polizei hat man schon drastisch aufrüsten müssen – mit Cops von der Ostküste, da man den illegalen Zulauf sonst gar nicht mehr stoppen kann. Und die nichts-tuenden Demokraten wollen nun auch noch an den privaten Waffenbesitz ran. Dabei ist privater Waffenbesitz in der amerikanischen Verfassung doch klar verankert! Damit man sich gegen korrupte Regierungen und alle andere Feinde schützen kann. Das –DAS!– lassen wir uns ganz bestimmt nicht nehmen. Auch wenn Vollautomatik jetzt verboten ist, kann man die übrigens problemlos nachrüsten. Wenn die uns schon nicht verteidigen, müssen wir es schließlich selbst tun….
Siehe und höre: Arizona ist kein „swing state“. Arizona ist Republikanerland.

Es ist nicht einfach uns abzuseilen, denn Don hat noch jede Menge Meinung zu verteilen. Um zwölf müssen wir aber wirklich los. Wirklich. Auch weil Zähne zusammen beißen kaum noch geht.

Eine viertel Stunde später fahren wir auf dem Highway an stehendem Blaulicht vorbei: Drei Bordercontrol-Pickups haben zwei Kleinwagen festgesetzt: die (mutmaßlichen) Mexikaner sitzen mit Handschellen am Straßenrand, die Beamten durchkämmen die Steppe nach Davongelaufenen. Die USA an der Grenze zu Mexiko.

Weiter geht’s gen Osten: vorbei am aggressivste beworbenen „The thing“, von dem kein Mensch weiß, was es eigentlich ist; vorbei an der ehemaligen Atomraketenabschussbasis, die mittlerweile verriegelt und Privatland ist.

Vorbei an einer alten Trump-Wahlwerbung, die uns vollkommen die Sprache verschlägt.
Da droht er mit dem Zeigefinger hinab von der Werbetafel mit dem Slogan:
„It´s you they are after, I am only in the way.“
Es braucht einen Moment. Man muss es wirken lassen….
Time to say good-bye Arizona.

Der nächste Staat ist New Mexico. Bis vor ein paar Wochen wussten wir nicht, dass es ihn gibt. New Mexico, demokratisch. Laut Don lassen die Leute hier alles schleifen. Vor allem natürlich die Einwanderungspolitik, die knappe Hälfte der 2 Millionen Einwohner ist spanischsprachig.
New Mexico wirbt um sich mit dem Zusatz „the land of enchantment“. Ein wenig Verzauberung können wir nach dem Morgen gebrauchen.

Warntafeln begrüßen uns: Achtung Sandsturmgefahr. Am Highway steht in dicken Lettern eine genaue Verhaltensanleitung, sollte die Wüste zu blasen beginnen: Anhalten, Füße von der Bremse, angeschnallt bleiben. Viel freie Sicht, gigantische Steinhaufen, dann ein paar Pistanzienbaumfarmen.

Unser erster potentieller Übernachtungsplatz nahe des Highways ist verriegelt, wir müssen also weiter bis nach Deming fahren. Deming, nie gehört. Also lesen wir fix nach. Deming, laut Internet die kriminellste Stadt ganz New Mexicos. Glückwunsch, irgendwie schaffen wir es ja immer….

Die Entscheidung auf einem einigermaßen sicheren RV-Platz stehen zu wollen ist plötzlich einigermaßen selbsterklärend.
Auf dem ersten Platz lehnt man uns ab. Eine sehr spannende Erfahrung: Musternder Blick von unten nach oben. Nein! Ihr seid hier nicht willkommen.
Und gleich geht die Sonne unter.
Auf dem nächsten Platz hat man etwas mehr Mitgefühl mit uns. Wir dürfen bleiben.

Eingeparkt auf Platz Nummer eins wird schnell klar, dass wir die einzigen Reisenden sind. Alle anderen leben hier. In alten, ziemlich abgelebten Wohnwagen. Keine 300000 Dollar „Snowbirds“-Riesenmobile mit gezogenem Jeep hintendran, es gibt niemanden, der sich touristisch hierher verliert.
Die Lady am Tresen ist fürchterlich nett – und auch ein bisschen erstaunt. Und auch unser Nachbar Dave –Ex-Navy mit Rauschebart und unfassbar viel Leben im Gesicht—macht uns bereitwillig seinen Picknicktisch frei. Normalerweise kommt da nie jemand Fremdes, deshalb hat er ihn belegt.
Die Bäder sind von 1960, aber so gepflegt, wie es mit Sanitäranlagen diesen Alters möglich ist. Man gibt sich Mühe im alltäglichen Badezimmer für alle Anwohner der Wohnwagensiedlung.
Mühe um einen Rest Würde in einem ärmlichen Leben – irgendwo am Existenzminimum in New Mexiko, dessen Soundtrack die Sirenen der Bordercontrol sind und selbst das Wifi-Passwort mit „safe“ zu tun hat.

Globetrottels go wild west

Der Morgen startet mit zwei bahnbrechenden Erkenntnissen.
Erstens: Die Globetrottels haben nicht nur einen Sprung in der Schüssel, sondern auch einen Riss in der Scheibe. Mal wieder. Der Steinschlag muss so enorm gewesen sein, dass wir ihn im Schockmoment wohl überhört haben. Denn der Splittergröße nach zu urteilen, sind wir irgendwann wohl unbemerkt durch einen Kugelhagel gefahren. Steinschlag im Stil eines 12mm-Kalibers, der Riss ca 30cm lang. Ganz saubere Leistung.

Die zweite Erkenntnis ist, dass wir wohl mal wieder einen Meteorschauer verschlafen haben. In fester Annahme, dass er erst heute runter käme, desillusioniert uns die American Meteor Society noch vor dem Frühstück: Freunde, der war gestern. Vielleicht also waren es auch einfach die Tauriden, die in unsere Frontscheibe einschlugen als wir schliefen!? Zumindest würde das von einem knackigen Tiefschlaf zeugen.

Nachdem wir gestern eingekauft haben, gibt es heute mal wieder ein Frühstück für zwölf. Denn jeder Einkauf –und das Essen danach– ist wie ein großes Globetrottels-Erntedank. Heute mit Eiern, Croissants, Joghurts, Avocados, Trauben und Mandarinen: Schlaraffenland kurz hinter den Kartchner Caves. Und Chouchou als kauendes Stylingmonster.
Neben dem Wocheneinkauf gab es für Chouchou nämlich auch noch neue Schlappen – weil die alten ja Karl zum Opfer fielen.
Da sitzt er nun auf dem Höckerchen: mit hoch angesagten Pummies anneFöß. „Pret-a-porter pour hommes“ mitten in Arizona. Deswegen motzen die Nachbarn wohl auch nur über meinen Aufzug.

Mit unserem gunshot-Riss fahren wir heute nicht weit. Auch wenn Tobias uns die Sorge nimmt, dass die Scheibe uns eher nicht hollywoodmäßig entgegen splattern wird. Unser heutiges Ziel könnte dem Thema trotzdem nicht näher sein: Im Augen des Sturms mit dem wild um sich ballernden Wilden Westen.

In Tombstone parken wir auf einem staubigen Feld kurz hinter der Rodeokoppel ein. Es ist noch nicht mal Mittag, wir sind also passend zum Highnoon da: in Tombstone, der Stadt, die zu hartnäckig zum Sterben ist. Steht zumindest so an der Dorfeinfahrt: „The town too tough to die.“

Der ehemalige Boomtown hat heute noch 1300 Einwohner. Alle davon im Wildwestlook – für die zahlreihen Touris.
Die Hauptstraße –statt Autos fahren Pferdekutschen– ist weitestgehend so erhalten, wie sie 1880 hier stand: Saloons und andere Spelunken reihen sich an ehemalige Bordelle, Wildwestfassaden, Bretterbuden. Nur die Pferdepflöcke vor den Bars und die Schwingtüren fehlen schmerzhaft.

Passend zu seinem Namen „Grabstein“ war Tombstone einst Schauplatz zahlreicher Wildwestschießereien. Revolverhelden, Outlaws, Cowboys und zwielichtige Gestalten gaben sich die Saloonklinken in die Hand, bevor sie –drei Whiskey später—mit Knarre im Anschlag schwitzend voreinander standen. Köppe, die man heute leider nicht mehr so zahlreich hier findet.

Das Bird Cage Theater –vor 150 Jahren Bordell, Theater und Saloon in einem—ist heute ein Museum mit allerhand Klimbim. Die größten Hits sind zweifelsohne der mumifizierte Mini-Meermann und die Flugblätter von 1882, auf denen „all shady ladies“ geraten wird, nicht auf der Sonnenseite der Straße zu laufen, da sie ansonsten im Kittchen landen.

#im11#
Eine großzügige Einladung für alle zur öffentlichen Hängung, die fröhlich „grand neck-tie party“ genannt wird. Und eine Leichenkutsche, die damit wirbt: „why walk around half dead, when we can bury for only 22 Dollar.”
Schäbige Skelettfiguren an staubigen Spieltischen und ein Bisonkopf an der blättrigen Wand runden das Ambiente stilvoll ab; ein Ambiente, das genauso riecht, wie man es sich vorstellt.

Auf dem Friedhof sind die größten Revolverhelden der Stadt begraben. Hier steht statt Kutsche ein Leichenwagen. Und weil die neue Technologie mehr Schotter kostete, haben sich auch die Bestattungskosten erhöht: in Zeiten des ersten Automobils nahm man statt der 22 nun 49,50 Dollar.
Werbetechnisch aber ließen die Undertaker in keinster Weise nach:
„When you are shot and before you get stiff, we´ll be there in just a jiff,“ und:
„We will be the last to let you down.“ Gefällt mir fast noch besser.

Ein einsamer Drummer hat vor dem Supermarkt eine EinMannShow auf seinem Pickup aufgebaut, für uns geht´s weiter zum Eis. Danach haben wir Durst und kehren in „Big nose Katie´s“ Saloon ein – zur nächsten „one-man-show“. Der Cowboy hinter der Theke trägt natürlich Hut und veranstaltet sein eigenes EinMannFlaschenwerfen. Meist trifft er nicht, schenkt uns aber trotzdem alkoholfreies Bier aus – ganz ohne ein Nasenrümpfen. Und der Alleinunterhalter am Keyboard scharrt schon mit den Hufen. Er haut –nachdem der Barkeeper mal wieder daneben geworfen hat—mit Schwung in die Tasten, die Cowgirls (und ein gelebter Armyveteran) stellen sich sogleich zum Line dance auf. Galant und ein Wunder, dass sie in ihren engen Korsagen dabei noch atmen können…

Auf der Mainstreet stehen mittlerweile die Cowboys zum Highnoon aufgereiht. Abgeballert wird hier heute niemand, die Jungs werben lediglich für die stündlichen Platzpatronenshows, die am Originalschauplatz mit lautem „hoh“ und „hah“ die Schießerei vom O.K. Corral nachahmen. Die Show geben wir uns nicht, aber ein Foto mit echten bösen Buben muss natürlich drin sein.

Und weil der Cowboygroove am Nachmittag so langsam gegriffen hat, muss ich mir schließlich doch etwas kaufen: Den flattrigsten Cowgirlrock der Welt, der an der Puppe ganz wunderbar aussieht, mich hingegen macht er ein bisschen mollig. Macht nichts, denn das liegt nur daran, dass ich noch nicht die passenden Boots dazu habe. Und den Hut. Aber das wird kommen.
Denn dies war ja schließlich erst der allererste Tag im guten, alten Wilden Westen.

Biosphären 1 bis 3

Tschüss, Karl der Kaktus, wir ziehen weiter, quer durch Tucson, was für ein sympathisches Großstädtchen, 40 Meilen südwärts unser ersehntes Besichtigungsziel: Biosphere 2.

Guckst Du hier: www.biosphere2.org

Ausnahmeweise trudeln wir mal bestens vorbereitet hier ein, seit zwei Tagen lesen wir T.C. Boyles »Terranauten«, der Klappentext sagt aber eigentlich schon alles:

In einem geschlossenen Ökosystem unternehmen Wissenschaftler in den neunziger Jahren in den USA den Versuch, das Leben nachzubilden. Zwei Jahre lang darf keiner der acht Bewohner die Glaskuppel von „Ecosphere 2“ verlassen. Egal, was passiert. Touristen drängen sich um das Megaterrarium, Fernsehteams filmen, als sei es eine Reality-Show. Eitelkeit, Missgunst, Rivalität – auch in der schönen neuen Welt bleibt der Mensch schließlich doch, was er ist. [...] T.C. Boyles prophetisches und irre komisches Buch, basierend auf einer wahren Geschichte, berührt die großen Fragen der Menschheit 

So ganz präzise ist Boyle hier zwar nicht, in den 90ern war’s aber eine ganz große Sache, hieß aber nicht »Ecosphere« sondern »Biosphere 2« (Biosphäre 1 ist die gute alte Erde). Zwei Jahre hatte die erste Besatzung hier tatsächlich (fast) komplett isoliert durchgehalten, bis endgültig Sauerstoff, Nahrung und Nerven ausgingen – die zweite Crew hielt dann noch ein halbes Jahr durch – ein gewaltiges ökologisches, technisches und psychologisches Experiment…

Und das Ding gehört heute auch keinem größenwahnsinnigen Ölmilliardär mehr sondern der University of Arizona, und die machen hier mittlerweile richtig gute Wissenschaft zum Thema Überleben, wenn die Erde kippt.
Und Chérie vergisst vor lauter Staunen das Knipsen…

Das ist sie, Biosphäre 2:

Links das Glashaus mit den die 4 Biomen: Ozean, Regenwald, Savanne und Nebelwüste, rechts die Wohnbereiche.

Da drín stecken die vier kompletten Ökosysteme:

Durch die Schleuse gings rein und raus. Oder aber halt zwei Jahre lang auch nicht…:

Und was photographiert Chérie dann doch? Natürlich den Nutzpflanzgarten, da gehts ja ums Essen…:

Viel zu kurz kommt bei aller Ökologie aber der Klatsch und Trasch, darum sind wir doch hier. Boyle läßt sich zwar über hunderte Seiten über jedes noch so schmutzige Zwischenmenschliche Detail aus, wir hätten es aber doch gerne aus erster Hand…

Wohnen tat es sich wohl ganz gemütlich in den TerranautInnenzimmern, definitiv mehr Platz als in Biosphere 3 (der Bulli):

Die Lopgbucheinträge geben auch keine dirty Details preis, da sind wir mit unseren Blogs schon weiter:

Und die ganz große Enttäuscheung: Das Gebäude von Mission Controll dürfen wir erst gar nicht besichtigen, von hier aus wurden die Terranauten rund um die Uhr überwacht, hier wurden die ganz großen Intrigen gemanaged und PR-tauglich ausgeschlachtet:

Ganz ganz beeindruckende Sache das Ganze. Würden wir uns hier zwei Jahre isolieren lassen wollen? Psychiatrie-Erfahrung wäre sicherlich mehr als hilfreich gewesen. Oder wären wir lieber auf der bösen Seite der Macht, Mission Controll, gelandet? Wer weiß.

Dann schon lieber unsere eigene Biosphäre 3, der Bulli, Biotop und rollende soziologische Fallstudie gleichzeitig, und die Globetrottels sind ihre eigene Kontrollstation…

… die vor lauter Begeisterung auch prompt den Blick auf die Uhr vergißt, Einkaufen, noch 60 Meilen gen Osten: Sonnenuntergang. Campingplatz suchen im Dunkeln, auch eine spannende Mission…

…und wenn ein Bösewicht, was ungezogenes spricht…

Heute ist Vorwochenendruhe in Kakteenland angesagt. Das inkludiert einen schnellen, sehr kurzen Blog. Diesen hier.

„Vorwochenenderuhe“, das sind konkret zwei Hügelspaziergänge. Wer hätte es gedacht: durch Kakteen. Einmal in der Mittagshitze –die Globetrottels als Dörrobst– …

…und einmal im Sonnenuntergang –die Globetrottels in feinem Licht.

Von den beschriebenen 25 Kakteenarten sehen wir heute fünf, können davon aber leider nur drei bestimmen: den Saguaro natürlich, die Oputien und den gemeinen Jumping Cholla (Cylindropuntia), der uns mit seinen fiesen Haken auch direkt anfällt.

Erst später finden wir heraus, in was wir da reingelatscht sind: in den pfiffgsten Kaktus der Welt, der Passanten anfällt und sich kaum wieder loswerden lässt, da er sich mit Widerhaken festkrallt. Kein Schmuh, ist wirklich so. Deshalb nämlich heißt er „jumping cholla“. Siehe Chouchous Schuh – Beweisbild. Jaja, Sachen gibt’s…

Ob die dicken Bauchigen Goldkugelkaktusse sind!? Wir wissen es nicht. Im Netz sehen sie ähnlich aus, aber eben auch nicht ganz. So wie Profilbilder bei Tinder.

Und auch hinter den Namen des stachligen Gestrüpps, das sich keinerlei Mühe gibt in irgendeiner Weise nett auszusehen, kommen wir bis abends nicht.
Falls es irgendjemand weiß, bitte Finger hoch und schnipsen.

Es gibt viel Kaffee, Wasser und kalte Cola. Viel Sonne, wenig Schatten: im zweiten sitzen wir.

Eine kalte Outdoordusche unter der Gastrobrause im Bikini und ein gutes Buch – Recherche für morgen.
Heute kocht Knorr für uns: Reis Taco, in sieben Minuten fertig, weil wir nichts Frisches mehr haben. Hätt sich ja niemand träumen lassen, dass wir tatsächlich drei Nächte bleiben können.
Immer wieder flitzen die Wegekuckucke vorbei –zu schnell um sie vor die Linse zu bekommen.
Wegekuckuck: das ist der Roadrunner bei Bugs Bunny. Möppmöpp. Kennt man doch.
Der Kaktuszaunkönig pickt fröhlich an Karl herum und auch der Kolibri ist wieder da. Ein paar Häschen hoppeln vorüber: Mittagssnack der Kojoten, die wir heute wieder nicht sehen.
Gehört aber haben wir sie: gegen fünf. Da hat die Bande so laut geheult, dass wir beide senkrecht im Bett standen. Könnte man vier verschlafenen Globetrottelsohren trauen, hätte man meinen können, das Rudel habe direkt vor der Magicbustüre Stellung bezogen. Aber, wer weiß es schon.

Ein gemütlicher, stiller Wüstentag, an dem kein Bösewicht, was ungezogenes spricht und nur ein jumping Kaktus sticht, sticht, sticht…

Kein Kaffee für Karl

Am Abend haben die Kojoten mit den Fiffies der Camper um die Wette angeschlagen: ein nächtlicher Wohlgesang. Zumindest seitens der Coyotis – die Fiffies akkustisch ganz weit hinten abgeschlagen. Eindeutig ein Eins zu Null für die Steppenwölfe kurz vor Mitternacht. Und eine Sternschnuppe fällt lautlos.

Beim Frühstück ist der Kolibri wieder da: das unglaubliche 3-Gramm-Wunder. Nachdem wir den Zauber gestern sofort nachgeschlagen haben, wissen wir heute: der Kleine ist eine Veilchenkopfelfe. Kein Name der Welt könnte passender sein. Veilchenkopfelfe.
Ein Kaffee also für die Fee mit den schnellsten Flügeln der Welt– weil Koffein auch in Zauberland nie schaden kann. Nur Karl kriegt heute morgen nichts ab, weil der in der Nacht Chouchous Schlappen gerissen hat. Selber Schuld, alter Käseliebhaber. Zur Strafe kein Käffchen für fünfarmige Flipflopverschlinger mit Pieksoberfläche. Und Karl rülpst leise.

Weil die Ranger so nett sind, dürfen wir noch zwei weitere Nächte bleiben. Unser Spaziergangsaufbruch also hat Zeit. Ein Quätschchen mit unserem kanadischen Nachbarn – ein Robert Geißen aus Calgary, dessen Frau platinblond trägt und pralle Brüste unter knappem Bikini. Noch ein Kaffee. Und noch einer. Nein, Karl, Du nicht. Erst bei brüllender Mittagshitze ziehen wir in die Wüste los: mit Regenschirmen und Turban als Sonnenschutz.

Schnell finden wir heraus, dass sich zwischen großen Kakteen großer Spaß betreiben lässt:
Ein Tanz mit dem zehnarmigen Banditen, Kaktusblüten schnuppern, Verlaufen kurz vorm Zenit und eine gewagte Kakteenumarmung – weil Liebe manchmal auch weh tut.

Wandeln zwischen unglaublichen Riesen, deren Fähigkeit zur Anpassung an diese unwirtliche Gegend Bauklötze staunen lässt.
Zum Beispiel: ein Fassungsvermögen von tausenden Litern Wasser, von dem sich zwei Jahre trinken lässt, blähen sich die Saguaros bei seltenem Regen einfach auf. Kaktusblubberbauch.
Tagsüber –aus Selbstschutzgründen—halten sie ihre Poren verschlossen und sammeln Kohlendioxid auf der ziehharmonikaartigen Oberfläche. Erst nachts –wenn die Luft rein ist—öffnen sie die Poren und saugen alles gierig auf, um es am nächsten Morgen quasi mit angehaltener Luft in Zucker zu verwandeln. Eine „Nachts sind alle Kakteen grau“ – „jetzt hau ich rein und morgen raus“-Nummer.
Ein Saguaro wächst in den ersten 30 Jahren nur einen Meter, danach erst gibt er Gas, um jährlich je zehn Zentimeter oben drauf zu legen. Stachelige Midlifecrisis.
Spechte kloppen sich ihre Höhlen in sie hinein, Fledermäuse und Kolibris trinken ihren Blütennektar, Wüstenratten knabbern an ihren Zehen. Ein zoophiles Pflänzchen, dessen Freundlichkeit erst auf den zweiten Blick erkennbar wird.

Das größte Exemplar ist 24 Meter hoch und hat einen Durchmesser von 75 Zentimetern, wir sind bereits mit der Hälfte durchaus gut bedient, um aus dem Staunen nicht mehr herauszukommen.
Saguarokaktusse – größte Kakteen der Welt. Pieksig-faszinierende Stachelwunder überall um uns herum.

Der heiße Nachmittag ist schnell um. Neben Staunen und Tanzen war nur noch Zeit für ein flottes, kaltes Haare waschen unter der Gastrogeschirrbrause und Kamikaze-Veggie-Würstchen brutzeln –im Nahkampf mit siedendem Olivenöl.
Kurz vor Sonnenuntergang schneit der Kölner Michael vorbei: er hat sich soeben aus seinem geliehenen WoMo ausgeschlossen. Zeit für die Globetrottels Karmapunkte zu sammeln beim Verteilen von Trost und Telefonverbindung zum arizonischen ADAC.

Um acht kommt Michael wieder ins Wohnmobil, die Geißens schnorcheln schon, die Kojoten schweigen und Karl guckt hungrig. Sehr wahrscheinlich wartet er auf Mitternacht und offene Poren: um endlich Chouchous zweiten Flipflop zu futtern.
Wenn er morgen früh aufgebläht vor uns steht, wissen wir ganz genau woran es liegt. Und Chouchou muss barfuß gehen, während Karl – dank Plastikschlappen im Bauch– gerade ein sechster Arm wächst.

Von magischen Tümpeln, Monsterkakteen und einem Kolibri

Ein Klappspatenmorgen hoch über Rimrock mit weitem Blick ins Tal. Niemand kam in der Nacht vorbei, lecker geschlafen haben wir. Trotz des weißen Rauschens der Interstate 17, die recht weit unter und westlich von uns liegt. Ein Wahnsinn, welchen Lärm Autos machen – selbst in vier Kilometern Abstand.

Nach den obligatorischen drei Kaffee pro Nase –frisch gebrüht im Wüstenstaub—starten wir los zu Montezumas Well, einsames Süßwasserwüstenreservoir und ein magischer See der Apachen.

Bereits vor knappen 1000 Jahren haben Menschen hier Wohnungen in den Fels geschlagen. Eins A Wohngegend im ewigen Staub: am Wasser und mit Seeblick.

Irgendwo sprudeln aus der Erde täglich 5,7 Millionen Liter Süßwasser in den Kalksteinsee. Leider ordentlich arsenhaltig.
Möglicherweise stammt daher der Begriff „Montezumas Rache“: weil die Menschlein das MontezumaWell-Wasser tranken und sich das Arsen dünnflüssig wieder vom Leibe schüttelten!? Nur so eine Idee. Meine. Die ansässigen Blutegel und Wasserskorpione scheint das Alles eher weniger zu stören.
Kein Mensch weiß bis heute, wie tief Montezumas Well genau ist. Denn der See wirft alle Messgeräte immer wieder von sich. Diesmal kein Schmuh, der meinem Hirn entspringt, es ist tatsächlich so. Steht zumindest auf der Infotafel.

Klapperschlangen im Gebüsch, Fledermäuse in den Höhlen.
1818 hat ein Herr aus Phoenix seine Werbung an den Stein geschmiert: er vertickt zum unschlagbaren Sonderpreis Fotos des Sees – acht Jahre vor Erfindung der Photographie. Auch das ein wenig mystisch.

Der azektische Eroberer Montezuma selbst ist übrigens niemals vor Ort gewesen. Wenn´s von dem ein Foto geben sollte, geht das eindeutig auf die Kappe des Schlingels aus Phoenix.

Durch die staubige Weite Arizonas geht’s für uns am Mittag weiter gen Süden. So viel Weite, dass wir vergessen sie zu fotografieren: so weitenverwöhnt wie wir mittlerweile sind.
Endloser Highway durch die Leere, die Megametropole Phoenix am Horizont wirkt zuerst wie eine Fatamorgana. Die pulsierende Synapse an einem weiteren Neuron.

Phoenix: Wolkenkratzer, achtspurige Straße, ein abgehalftertes, halbes Riesenrad nahe der Autobahn und massenweise Fahrer mit Wüstenstaub im Hirn. Wärme macht hitzig, hier wird sie unmittelbar aufs Lenkrad und die Hupe übertragen. Hilft nix, der Bulli kann nun mal nicht schneller. Freundlich winkend und schnauben. Zum sechzigsten Mal am heutigen Tag.
Mit dem Sand aus den Nebenhöhlen könnten wir mittlerweile ein Terrarium füllen. Ein Wohnzimmer-großes, in dem eine handvoll Skorpione und Klapperschlangen ein zu Hause finden würden.

Hinter der Stadt tauchen die ersten Saguarokakteen auf. Ein guter Grund, aus der Fahrlethargie –ganz ohne Übergangsfrist– direkt rüber in die volle Euphorie zu gleiten. Beim Anblick dieser stacheligen, stummen Riesen kann man gar nicht anders: man muss einfach vollkommen aus dem Häuschen geraten. Monsterkaktusse – wie TOLL ist das denn bitte!?

Außerdem ein wesentlicher Teil unseres heutigen Tagesziels.

In Marana geht’s für uns –nach über 350 Kilometern—endlich vom Highway runter. Marana, ein Örtchen, das sich just in diesem Moment wie Phoenix aus der Asche zu erheben scheint.

Neben schottrigen Baulandsstraßen werden nagelneue gated communities soeben erst aus der Traufe gehoben, Bagger so weit das Auge reicht. Rohbaupappbretthäuser.
Immerhin stehen schon die geplanten Ortsbezeichnungen dran: „Villages“, noch auf keiner Karte verzeichnet. Ein Projekt in Masse, ein Rohbau kleiner, ängstlicher Träume. Die Baumwollfelder im Hintergrund sind vom Bauschutt schon ganz zu gestaubt. Zeit, um in enormer Lautstärke einfach mal ein „Baumwoll-Traditional“ anzustimmen:
Oh when them cotton bolls get rotten, you cannot pick very much cotton, in them old cotton fields back home…, zwanzig Mal wiederholt.

Bagger knattern, Feinstaub, Kakteen in grau und ein Chouchou, der derweil genug Zeit hat, sich darüber klar zu werden, ob die Frage auf dem Balkon vor acht Jahren nun wirklich die allerbeste gewesen ist…

Wir machen uns auf die Suche nach unserem anvisierten Campground, ein Campground, den es gar nicht gibt. Das wissen wir nach drei Kilometer tiefer Sandpiste, die mit einem Waschbrett Hand in Hand arbeitet. Kurzum: Es ist ein Fiasko in Sand.

Sollte man es bisher noch nicht zwischen den Zeilen gelesen haben, möchte ich es hiermit das erste Mal öffentlich statuieren:
Diese Reise ist eine Reise, die man –im Schlauen und wenn monetär möglich—mit einem FourWheelDrive Auto antreten sollte. Mit einem VIERrad-, nicht mit einem ZWEIradantrieb! Und wenn ich schon dabei bin: eine Unterbodenwanne wäre auch ganz gut.
Ich wollte es nur ein einziges Mal gesagt haben…

Trotz allem knattert uns der Magicbus tapfer durchs Gelände. Nur einmal quiekt er kurz: aus Enttäuschung, dass wir –tief im Sand vor einem Ranchtor auf dem groß und breit „Private property“ statt „camp“ steht— wider Erwarten für heute doch noch nicht da sind. Und dann ist das Glück uns hold: auf dem eigentlich immer überlaufenden Statecamp direkt am Saguaro National Park hat es noch ein Plätzchen für uns. (Fürs Phantom: H24) Kurz vor Sonnenuntergang.

Zwischen meterhohen Kakteen parken wir ein, der Nachbar spielt Country, es hat Picknicktische und Toiletten mit Wasserspülung. Ein Wüstentraum für die Globetrottels – mit ihrem Hauskaktus Karl.
Karl steht direkt neben uns. Er hat fünf Arme und ist über fünf Meter hoch. Nach meiner nachgeschlagenen Milchmädchenrechnung für Saguarokakteen müsste er ungefähr sechzig Jahre alt sein. Ein Jungspunt, der heute Nacht auf uns aufpasst. Damit die Kojoten und Klapperschlangen uns nicht fressen.

Bevor in der Nacht vor unserer Haustür vierbeinig oder glattledrig (ohne zu kauen) gespeist wird, essen erstmal wir. Weil Nudeln immer gehen, gibt’s Nudeln.
Und da ja der mittlere Tag des Dia de los muertos ist, kommt –wenn auch etwas unerwartet– allerhöchster Besuch vorbei:

Ein Kolibri –flotteste Flügelchen, lila Kopf– schwebt ganz vertraut und neugierig über dem Teller — fast so, als wolle er landen. Und kurz darauf geht –natürlich– eine Sonne unter im knalligsten gelb und orange, das der Himmel zu bieten hat.
Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich Labskaus gemacht…

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