Am Abend haben die Kojoten mit den Fiffies der Camper um die Wette angeschlagen: ein nächtlicher Wohlgesang. Zumindest seitens der Coyotis – die Fiffies akkustisch ganz weit hinten abgeschlagen. Eindeutig ein Eins zu Null für die Steppenwölfe kurz vor Mitternacht. Und eine Sternschnuppe fällt lautlos.

Beim Frühstück ist der Kolibri wieder da: das unglaubliche 3-Gramm-Wunder. Nachdem wir den Zauber gestern sofort nachgeschlagen haben, wissen wir heute: der Kleine ist eine Veilchenkopfelfe. Kein Name der Welt könnte passender sein. Veilchenkopfelfe.
Ein Kaffee also für die Fee mit den schnellsten Flügeln der Welt– weil Koffein auch in Zauberland nie schaden kann. Nur Karl kriegt heute morgen nichts ab, weil der in der Nacht Chouchous Schlappen gerissen hat. Selber Schuld, alter Käseliebhaber. Zur Strafe kein Käffchen für fünfarmige Flipflopverschlinger mit Pieksoberfläche. Und Karl rülpst leise.

Weil die Ranger so nett sind, dürfen wir noch zwei weitere Nächte bleiben. Unser Spaziergangsaufbruch also hat Zeit. Ein Quätschchen mit unserem kanadischen Nachbarn – ein Robert Geißen aus Calgary, dessen Frau platinblond trägt und pralle Brüste unter knappem Bikini. Noch ein Kaffee. Und noch einer. Nein, Karl, Du nicht. Erst bei brüllender Mittagshitze ziehen wir in die Wüste los: mit Regenschirmen und Turban als Sonnenschutz.

Schnell finden wir heraus, dass sich zwischen großen Kakteen großer Spaß betreiben lässt:
Ein Tanz mit dem zehnarmigen Banditen, Kaktusblüten schnuppern, Verlaufen kurz vorm Zenit und eine gewagte Kakteenumarmung – weil Liebe manchmal auch weh tut.

Wandeln zwischen unglaublichen Riesen, deren Fähigkeit zur Anpassung an diese unwirtliche Gegend Bauklötze staunen lässt.
Zum Beispiel: ein Fassungsvermögen von tausenden Litern Wasser, von dem sich zwei Jahre trinken lässt, blähen sich die Saguaros bei seltenem Regen einfach auf. Kaktusblubberbauch.
Tagsüber –aus Selbstschutzgründen—halten sie ihre Poren verschlossen und sammeln Kohlendioxid auf der ziehharmonikaartigen Oberfläche. Erst nachts –wenn die Luft rein ist—öffnen sie die Poren und saugen alles gierig auf, um es am nächsten Morgen quasi mit angehaltener Luft in Zucker zu verwandeln. Eine „Nachts sind alle Kakteen grau“ – „jetzt hau ich rein und morgen raus“-Nummer.
Ein Saguaro wächst in den ersten 30 Jahren nur einen Meter, danach erst gibt er Gas, um jährlich je zehn Zentimeter oben drauf zu legen. Stachelige Midlifecrisis.
Spechte kloppen sich ihre Höhlen in sie hinein, Fledermäuse und Kolibris trinken ihren Blütennektar, Wüstenratten knabbern an ihren Zehen. Ein zoophiles Pflänzchen, dessen Freundlichkeit erst auf den zweiten Blick erkennbar wird.

Das größte Exemplar ist 24 Meter hoch und hat einen Durchmesser von 75 Zentimetern, wir sind bereits mit der Hälfte durchaus gut bedient, um aus dem Staunen nicht mehr herauszukommen.
Saguarokaktusse – größte Kakteen der Welt. Pieksig-faszinierende Stachelwunder überall um uns herum.

Der heiße Nachmittag ist schnell um. Neben Staunen und Tanzen war nur noch Zeit für ein flottes, kaltes Haare waschen unter der Gastrogeschirrbrause und Kamikaze-Veggie-Würstchen brutzeln –im Nahkampf mit siedendem Olivenöl.
Kurz vor Sonnenuntergang schneit der Kölner Michael vorbei: er hat sich soeben aus seinem geliehenen WoMo ausgeschlossen. Zeit für die Globetrottels Karmapunkte zu sammeln beim Verteilen von Trost und Telefonverbindung zum arizonischen ADAC.

Um acht kommt Michael wieder ins Wohnmobil, die Geißens schnorcheln schon, die Kojoten schweigen und Karl guckt hungrig. Sehr wahrscheinlich wartet er auf Mitternacht und offene Poren: um endlich Chouchous zweiten Flipflop zu futtern.
Wenn er morgen früh aufgebläht vor uns steht, wissen wir ganz genau woran es liegt. Und Chouchou muss barfuß gehen, während Karl – dank Plastikschlappen im Bauch– gerade ein sechster Arm wächst.