Unterwegs im Magicbus

Von magischen Tümpeln, Monsterkakteen und einem Kolibri

Ein Klappspatenmorgen hoch über Rimrock mit weitem Blick ins Tal. Niemand kam in der Nacht vorbei, lecker geschlafen haben wir. Trotz des weißen Rauschens der Interstate 17, die recht weit unter und westlich von uns liegt. Ein Wahnsinn, welchen Lärm Autos machen – selbst in vier Kilometern Abstand.

Nach den obligatorischen drei Kaffee pro Nase –frisch gebrüht im Wüstenstaub—starten wir los zu Montezumas Well, einsames Süßwasserwüstenreservoir und ein magischer See der Apachen.

Bereits vor knappen 1000 Jahren haben Menschen hier Wohnungen in den Fels geschlagen. Eins A Wohngegend im ewigen Staub: am Wasser und mit Seeblick.

Irgendwo sprudeln aus der Erde täglich 5,7 Millionen Liter Süßwasser in den Kalksteinsee. Leider ordentlich arsenhaltig.
Möglicherweise stammt daher der Begriff „Montezumas Rache“: weil die Menschlein das MontezumaWell-Wasser tranken und sich das Arsen dünnflüssig wieder vom Leibe schüttelten!? Nur so eine Idee. Meine. Die ansässigen Blutegel und Wasserskorpione scheint das Alles eher weniger zu stören.
Kein Mensch weiß bis heute, wie tief Montezumas Well genau ist. Denn der See wirft alle Messgeräte immer wieder von sich. Diesmal kein Schmuh, der meinem Hirn entspringt, es ist tatsächlich so. Steht zumindest auf der Infotafel.

Klapperschlangen im Gebüsch, Fledermäuse in den Höhlen.
1818 hat ein Herr aus Phoenix seine Werbung an den Stein geschmiert: er vertickt zum unschlagbaren Sonderpreis Fotos des Sees – acht Jahre vor Erfindung der Photographie. Auch das ein wenig mystisch.

Der azektische Eroberer Montezuma selbst ist übrigens niemals vor Ort gewesen. Wenn´s von dem ein Foto geben sollte, geht das eindeutig auf die Kappe des Schlingels aus Phoenix.

Durch die staubige Weite Arizonas geht’s für uns am Mittag weiter gen Süden. So viel Weite, dass wir vergessen sie zu fotografieren: so weitenverwöhnt wie wir mittlerweile sind.
Endloser Highway durch die Leere, die Megametropole Phoenix am Horizont wirkt zuerst wie eine Fatamorgana. Die pulsierende Synapse an einem weiteren Neuron.

Phoenix: Wolkenkratzer, achtspurige Straße, ein abgehalftertes, halbes Riesenrad nahe der Autobahn und massenweise Fahrer mit Wüstenstaub im Hirn. Wärme macht hitzig, hier wird sie unmittelbar aufs Lenkrad und die Hupe übertragen. Hilft nix, der Bulli kann nun mal nicht schneller. Freundlich winkend und schnauben. Zum sechzigsten Mal am heutigen Tag.
Mit dem Sand aus den Nebenhöhlen könnten wir mittlerweile ein Terrarium füllen. Ein Wohnzimmer-großes, in dem eine handvoll Skorpione und Klapperschlangen ein zu Hause finden würden.

Hinter der Stadt tauchen die ersten Saguarokakteen auf. Ein guter Grund, aus der Fahrlethargie –ganz ohne Übergangsfrist– direkt rüber in die volle Euphorie zu gleiten. Beim Anblick dieser stacheligen, stummen Riesen kann man gar nicht anders: man muss einfach vollkommen aus dem Häuschen geraten. Monsterkaktusse – wie TOLL ist das denn bitte!?

Außerdem ein wesentlicher Teil unseres heutigen Tagesziels.

In Marana geht’s für uns –nach über 350 Kilometern—endlich vom Highway runter. Marana, ein Örtchen, das sich just in diesem Moment wie Phoenix aus der Asche zu erheben scheint.

Neben schottrigen Baulandsstraßen werden nagelneue gated communities soeben erst aus der Traufe gehoben, Bagger so weit das Auge reicht. Rohbaupappbretthäuser.
Immerhin stehen schon die geplanten Ortsbezeichnungen dran: „Villages“, noch auf keiner Karte verzeichnet. Ein Projekt in Masse, ein Rohbau kleiner, ängstlicher Träume. Die Baumwollfelder im Hintergrund sind vom Bauschutt schon ganz zu gestaubt. Zeit, um in enormer Lautstärke einfach mal ein „Baumwoll-Traditional“ anzustimmen:
Oh when them cotton bolls get rotten, you cannot pick very much cotton, in them old cotton fields back home…, zwanzig Mal wiederholt.

Bagger knattern, Feinstaub, Kakteen in grau und ein Chouchou, der derweil genug Zeit hat, sich darüber klar zu werden, ob die Frage auf dem Balkon vor acht Jahren nun wirklich die allerbeste gewesen ist…

Wir machen uns auf die Suche nach unserem anvisierten Campground, ein Campground, den es gar nicht gibt. Das wissen wir nach drei Kilometer tiefer Sandpiste, die mit einem Waschbrett Hand in Hand arbeitet. Kurzum: Es ist ein Fiasko in Sand.

Sollte man es bisher noch nicht zwischen den Zeilen gelesen haben, möchte ich es hiermit das erste Mal öffentlich statuieren:
Diese Reise ist eine Reise, die man –im Schlauen und wenn monetär möglich—mit einem FourWheelDrive Auto antreten sollte. Mit einem VIERrad-, nicht mit einem ZWEIradantrieb! Und wenn ich schon dabei bin: eine Unterbodenwanne wäre auch ganz gut.
Ich wollte es nur ein einziges Mal gesagt haben…

Trotz allem knattert uns der Magicbus tapfer durchs Gelände. Nur einmal quiekt er kurz: aus Enttäuschung, dass wir –tief im Sand vor einem Ranchtor auf dem groß und breit „Private property“ statt „camp“ steht— wider Erwarten für heute doch noch nicht da sind. Und dann ist das Glück uns hold: auf dem eigentlich immer überlaufenden Statecamp direkt am Saguaro National Park hat es noch ein Plätzchen für uns. (Fürs Phantom: H24) Kurz vor Sonnenuntergang.

Zwischen meterhohen Kakteen parken wir ein, der Nachbar spielt Country, es hat Picknicktische und Toiletten mit Wasserspülung. Ein Wüstentraum für die Globetrottels – mit ihrem Hauskaktus Karl.
Karl steht direkt neben uns. Er hat fünf Arme und ist über fünf Meter hoch. Nach meiner nachgeschlagenen Milchmädchenrechnung für Saguarokakteen müsste er ungefähr sechzig Jahre alt sein. Ein Jungspunt, der heute Nacht auf uns aufpasst. Damit die Kojoten und Klapperschlangen uns nicht fressen.

Bevor in der Nacht vor unserer Haustür vierbeinig oder glattledrig (ohne zu kauen) gespeist wird, essen erstmal wir. Weil Nudeln immer gehen, gibt’s Nudeln.
Und da ja der mittlere Tag des Dia de los muertos ist, kommt –wenn auch etwas unerwartet– allerhöchster Besuch vorbei:

Ein Kolibri –flotteste Flügelchen, lila Kopf– schwebt ganz vertraut und neugierig über dem Teller — fast so, als wolle er landen. Und kurz darauf geht –natürlich– eine Sonne unter im knalligsten gelb und orange, das der Himmel zu bieten hat.
Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich Labskaus gemacht…

4 Kommentare

  1. Grundmann, B.

    Wie sagst du immer „surreal . Phantastisch. Hoffentlich haben euch die Schlangen entspannt schlafen lassen.

    • Nani

      Liebste Bubu!
      Die Schlagen haben des nachts bei den Nachbarn geklappert. Und auch die Kojoten haben nur die Hunde der anderen angebellt.
      Alles tutti im surrealen Kakteenuniversum. Heute Morgen war der Kolibri wieder da….
      Dicke Unarmung,
      Deine Nani

  2. Micky

    Super schöne Bilder, vor allem gegenüber dem nassen Dauergrau hier im hessischen Ried. Ich habe aufgeholt und (ver-)folge euch nun live. Deine 4×4-Erkenntnis desillusioniert mich etwas, bisher dachte ich immer fröhlich „siehste, geht auch ohne“ – unsere Lola hat nämlich auch keinen. Sie war aber in ihrem früheren Leben schon auf dem Dempster Highway und in Marokko unterwegs, was wohl gutging. Wir hoffen es reicht auch so. In zwei Wochen ist unser Interview für das Visum, langsam wird es immer reeller und aufregender. 🙃 Liebe Grüße, Dunja

    • Die Globetrottels

      Liebe Dunja!
      Wie schön: nun seid Ihr also live dabei!? Das freut uns riesig, denn nur geteilte Kaktusstories sind gute Kaktusstories.
      Bezüglich des Vierradantriebs lasst Euch nicht schrecken. Der Magicbus hat’s ja auch bis hier her geschafft. Mit Schüttelfestigkeit (und noch besser: mit Unterbodenwanne!) geht einiges.
      Wir haben uns mittlerweile damit abgefunden, dass lediglich so Dinge wie Übernachten im Flussbett oder Wüstendünen nicht drin sind. Wenn Lola aber schon den Dempsterhighway kennt, kann nix schiefgehen.
      Alle Daumen sind ganz fest gedrückt für das B-Visum. Lasst mal hören, wie der Stempel im Pass gequietscht hat.
      Liebste Grüße,
      Eure Globetrottels

© 2026 Die Globetrottels

Theme von Anders NorénHoch ↑