Manchmal ist es gar nicht so schlecht, über seine Reizeziele vorab zu lesen. Dann passiert es einem nämlich nicht wie uns: dass man plötzlich auf einer Atombombenabschussrampe steht.
1945 wurde der weltweit erste Atombombentest an der Holloman Lake Air base durchgeführt. Der große Pilz der „Trinity“ ist exakt dort, wo wir stehen, hoch und nieder gegangen.

Ein geschichtsträchtiger Übernachtungsplatz, gut zu wissen. Einer, der nachdenklich macht.

Wir sind eher die Leute, die nachrecherchieren. Siehe Trinity.
Entsprechend haben wir den gestrigen Abend auch mit einer Doku über die Besatzung der Biosphere2 verbracht. Auch hier ist das Stauen im Nachhinein nicht minder. Vor allem, da fünf der acht Bewohner bis heute gemeinsam leben: als mittlerweile betagte Leutchen auf einer nachhaltigen Farm im Norden New Mexicos. Ihr eigenes Gemüse ziehen sie bis heute. Nur der Arzt der Crew ist zwischenzeitlich verstorben. Er war derjenige, der eine Lebensverlängerung anhand von Kalorienreduktion predigte. Zynisch irgendwie.

Bereits um kurz nach acht –drei Stunden nachdem die Erde in Texas bebte– geht es für uns weiter, vorbei an der größten Pistazie der Welt, die über den Highway bei Almagordo wacht.

Die weiße Gipswüste ist hier flott vergessen, denn der Magicbus ackert sich tapfer in ein Wäldchen hoch: Herbstbäume in der Hochebene, mitten im Apachenreservat.

Am Casino Apache –kurz hinter dem Apache Summit mit seinen 7500 Fuß (ca 2280 Meter)– machen wir ein Päuschen in dem, was man hier „gusty wind“ nennt: böig und kühl bei strahlendem Sonnenschein. Der beste Wettermoment der letzten Wochen.

Im Supermärktchen auf dem Pass bemerken wir sehr schnell, dass wir mitten im „Native America“ aus dem Bulli gepurzelt sind; im Süden New Mexicos das weit und breit einzige Stück Land, was noch in den Händen der Indigenen ist.
Natürlich gibt es ein Casino. Denn außerhalb Nevadas darf usa-weit nur auf indigenem Land noch Glückspiel betrieben werden. Der ältere Herr mit Stock an der Kasse könnte –wenn es nicht so despektierlich klänge—Mime für die Bilder von Sitting Bull sein, der Gentlemen dahinter arbeitet für das „Department of Indian affairs“ – sagt sein T-Shirt.

Es ist seltsam, dass wir uns immer so freuen in „Native Land“ zu sein … obwohl die gesamte USA ja indigenes Land sein sollte. Es ist seltsam, dass es so seltsam wirkt. Es ist traurig, dass es so überschaubar ist. Und so selten, dass es deprimiert.
Im „Reservat“ – alleine in diesem Wort steckt so viel Pein und Unrecht. Und wenig gelebte, historische Verantwortung.

An orangenen Bäumen geht es vom Gipfel wieder bergab in die Ebene von Roswell, aus dem Herbstwald wieder zurück in die trockene Wüste.

Schilder am Straßenrand kennzeichnen, dass das Müll aus dem Fenster kippen immer günstiger wird, je weiter wir gen Südosten reisen. In Oregon und Kalifornien kostet das 2000 Dollar, in Nevada 1000, Arizona kassiert 500 Dollar für „littering“, in New Mexico macht es nur noch 300. Ab Texas ist´s sehr wahrscheinlich kostenlos. Nicht, dass wir davon Gebrauch machen würden, aber spannend ist es trotzdem.

Ab Roswell sind wir wieder voll in unserem Element: Globetrottels-TV kann endlich wieder etwas aufdecken. Heute: Der UFO-Zwischenfall in Roswell von 1947.

Allerdings muss erst gefrühstückt werden – im vollkommen überfordernden Subway.
Auf die Frage, ob es auch vegetarische Sandwiches gibt, entgegnet die Dame hinter dem Tresen: „Natürlich. Mit Huhn oder Fisch?“ Also nehmen wir vegetarisch – without fish or chicken.
Das erste Brot von zwölf auf der Karte mit dem ersten Käse von fünf und Rohkost mit alles, Soße egal. Hat noch niemand so bestellt in Roswell, sagt die Lady. Nun denn, aber natürlich geht auch das im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Vor dem UFO-Museum plaudern wir uns erstmal warm mit dem hunderettenden Inhaber des Kristallshops im Alienshirt und den Zeugen Jehovas, die –vor dem Museum positioniert– schon von weitem sehen, dass wir einen guten Tag haben. Erst danach wird es wissenschaftlich: die Globetrottels auf Alienresearch.

Machen wir es kurz: natürlich ist alles wahr!
350 Zeugen können nicht irren, die erhaltenen Alienkadaver werden im Museum live ausgestellt, Kornkreise können nie von Menschenhand sein und auch Erich von Däniken flunkerte natürlich nicht, als er auf Mayaabbildungen eindeutig Außerirdische identifizierte.
Der Begriff „fliegende Untertasse“ wurde in Roswell geboren. Hier wussten sie als erste: von wegen Wetterballon…
Kurzum: Wir haben eine wirklich großartige Zeit zwischen phantasievollen, bunten Wänden.
Aliengeschichten: sie sind immer toll. Und so unfassbar lustig.

Die Souvenirs, die wir später natürlich kaufen müssen, sind von den Amischen hergestellt. Auch das eine wilde Zusammenarbeit, die nicht von dieser Welt scheint.
Womit die Amischen 2023 also ihr Geld verdienen. Aliensouvenirs gefertigt von Vorzeitlichen, die es auf ihre ganz eigene Art in die Neuzeit geschafft haben.
Isn´t it a funny world?!

Kurz hinter Roswell bleiben wir heute Nacht: am Angelsee des bäuerlichen Dexter.

Unter einem orangenen Baum nehmen uns sogleich gigantische Enten in Beschlag und quaken uns um Futter an. Sie bekommen natürlich nichts, machen aber trotzdem für uns eine gute Figur unterm Sonnenuntergang: so dick wie sonst wer.

Enten in der Größe von Pfauen: auch das geht kann eigentlich nicht mit irdischen Dingen zugehen. Und morgens soll´s in der Wüste angeblich regnen.
Ich sag nur eins: Wetterballon.