Eines der tausend schönen Dinge an den USA sind die kleinen Chitchats mit Menschen. Plaudereien, die sich ganz nebenbei, ganz non-chalant ergeben: quasi im Vorbei gehen. Die Offenheit der Amis ihre Geschichten zu teilen, sie ist ein großes Geschenk für Geschichtensammler wie wir es sind. In 30 Minuten zahlreiche, fremde Lebensepisoden einatmen, aus denen sich ein buntes Menschenbild ergibt.

Heute Morgen ist es Dave, der uns an seinen Geschichten teilhaben lässt. Dave, dieser Typ von einem Typen, der sich von niemanden etwas sagen lässt. Einer, der ganz nach seiner eigenen Facon zu leben scheint, ein liberaler Outlaw.
Dave lebt seit eineinhalb Jahren auf dem RV-Platz. Eigentlich aus der Werbung kommend, macht er mittlerweile ein bisschen dies, ein bisschen das. Alles ist genehm, so lange es gutes Fleisch und gute Drinks dazu gibt. Schließlich hat er auch dafür in einem früheren Leben die Werbeslogans entworfen: for cheap booze.
Dave hat eigentlich schon alles gesehen: mit 16 zu Hause raus, die Jahre davor hat er sich immer bei den Nachbarn den Bauch vollschlagen müssen, da sein alleinerziehender Vater es nicht auf die Kette bekam, etwas Essbares ins Haus zu schleppen. „Until today, he never was at the grocery store“ und ist trotzdem kürzlich 90 geworden.
Mit 17 ist Dave durchs Land geradelt. Niemand hätte erwartet, dass er von dieser Reise lebend zurück kehrt. Ist er aber. Danach hat er sich durch den Westen getrampt. Nur einmal im Death Valley wäre das fast ins Auge gegangen: wegen der Hitze. Ob es ihm unwohl ist im kriminellen Deming? Mitnichten. Denn auch Dave ist bis unter die Zähne bewaffnet. Heavyly armed, nennt er das und lacht. Lacht eigentlich ständig und wenn er es nicht tut, lachen seine Augen weiter.
Dave ist es auch, der uns den nächsten Autoglaser empfiehlt. In Las Cruces. Wenn der es nicht macht, dann macht es niemand, meint Dave. Tatsächlich soll er Recht behalten. Der beste Campingnachbar der Welt.

Im liebevollen, alten Bad wird vor Weiterreise flott geduscht. Und vor einem Schminkspiegel, der noch Beehive-Tollen gewohnt ist, kommen frische Kontaktlinsen rein. Das dritte Paar in eineinhalb Wochen. Weil Wüste schmiergelt. Dann geht’s wieder los.

Trotz Daves Empfehlung wollen wir noch einen Glaser vorab in Deming checken. Einfach um unsere Chancen zu erhöhen, das Örtchen zu sehen und weil man´s ja versuchen kann. Und weil „Desert glass“ so klingt, als würde man selbst den abgehalftersten Kamelen noch helfen können. Nein, kann man leider nicht. Aber zumindest sammeln wir eine schnelle, politische Meinung ein. Wieder die eines „Rednecks“. Vielleicht ist es ein ungeschriebener Berufsethos der amerikanischer Autoglaser: Republikaner wählen!? Also weiter in Richtung Las Cruces.

Kurz hinter Deming geht es nach „Truth or consequences“ ab, dem Ort mit dem Western-tauglichsten Namen weltweit. Und kurz dahinter kommt die „Best rest area 1992“ – stolz angepriesen und preisgekrönt—mit dem größten Schrott-Wegekuckuck der Welt. World´s biggest trash roadrunner. Den wollen wir uns natürlich anschauen.

Vorbei an den christlichen Fanatikern, die in der prallen Mittagssonne kostenlose Bibelkurse anbieten und freundlich grüßen, sehen wir den Kuckuck schon von weitem. Mit seinen Flügeln aus alten Computern, seinem Bauch aus Turnschuhen und den Beinchen aus Autoreifen blickt er übers Tal auf die Stadt vor den zotteligen Berggipfeln. Endlich mal wieder Zeit für Globetrottels-TV deckt auf…

Es ist kurz nach Mittag in Las Cruces, als wir auf den Parkplatz von Safelite rollen. Safelite – Daves Empfehlung („if they don´t do it, nobody in this country will.“) und unsere – als letzte Chance erklärte—Anlaufstelle für unser Steinschlagproblem, nachdem wir bereits viermal abgewiesen worden sind.
„Vielleicht sollten wir verzweifelter klingen, wenn wir durch die Tür scheppern!?“ Wir versuchen es.

Jesse ist auf den ersten Blick wenig zuversichtlich, da „der Crack“ mittlerweile mehrere Risse sind –nicht nur lang und sternförmig gesplittert, sondern obendrein außen und innen. Aber was soll´s: er will es versuchen, um zumindest das Schlimmste zu verhindern. Jesse ist der Erste, der versteht, dass wir wirklich ein Notfallproblemchen haben und dringend erste Hilfe benötigen. Er ist der Erste, der nicht bange ist, zumindest einen Versuch zu machen uns zu helfen. Und bereits dafür sind wir ihm endlos dankbar.
30 Minuten später hat Jesse massenweise Kleber verbraucht und sehr wahrscheinlich mehrmals die Batterie am dauerlaufenden UV-Licht-Härter gewechselt. Sein Chef schleicht sich von hinten an, blickt über Jesses Schulter auf das angeblich unmögliche Projekt und nickt zufrieden: ein wohlbeleibter Mexikaner mit Gleichmut im Gesicht und einem unverrückbaren Glauben an alternative Lösungen und endloser Zuversicht zwischen den Ohren. „That will do it.“ Ein mexikanisches „Nichts ist unmöglich“ in der Stadt der Kreuze.

Dios preise die mexikanische Flexibilität und Hilfsbereitschaft! Wir sind überglücklich und können es kaum fassen. Und was kostet der Spaß? „It´s on me,“ sagt Jesse. Geschenkt. Geschenkt? Ja, geschenkt.
Ich falle Jesse um den Hals, ein Lächeln strahlt zurück. Auch Chouchou ist ganz aus dem Häuschen, kann das aber nicht ganz so exzentrisch zeigen und füllt daher die Kaffeekasse auf.
Die Globetrottels –superhappy!– an einem nicht für möglich gehaltenen Mittag, der den Glauben an die Menschheit stärkt. Eine Menschheit, die „out oft he box“ denken kann und will. Von Herzen: Danke, Safelite Las Cruces! Jetzt haben nur noch die Globetrottels einen Sprung in der Schüssel – der aber ist wahrscheinlich irreparabel.

Da also ist sie wieder: die wunderbare Kaskade der Vorsehung –oder des Zufalls:
Wäre gestern der erste Übernachtungsplatz nicht gesperrt gewesen und hätte uns der erste RV-Platz nicht naserümpfend abgelehnt, hätten wir nie Dave kennengelernt und wären nicht bei Safelite vorbeigefahren. Wofür all die Dinge doch immer wieder gut sind.

Ohne Risse in der Scheibe fahren wir nun erstmal den Bulli duschen. 4 Dollar für eine minimale Magicbuswellness und Impossible Burger für die Globetrottels danach. Satt und sauber können wir nun ins NASA-Gebiet einrollen.

Hinter Las Cruces liegen hochgeheime Aeronautikgefilde. Mit Höherem als mit liebevoller Namensgebung befasst, ist die –nach den Hügeln Las Cruzes folgende– Weite einfach als „District 1“ und „District 2“ benannt. Steppe, so weit das Auge reicht. Ein paar schlecht frisierte Yuccapalmen am Wegesrand, ein Kojote joggt über den wenig befahrenen Highway.

Ein Bordercontrolposten im Nirgendwo, ein sonnenbebrillter Homeland security-officer, der uns freundlich weiter winkt. Die geheimen NASA-Wärmekameras haben im Hinterteil des Magicbus sehr wahrscheinlich nur die erweiterte Globetrottelscrew registriert:
Rudi – ein fauler, speckiger Türkisdrache ohne Zähne.
TF 23 – ein blaues Alien mit Hang zum Punkrock.
Sir Hilly – ein Zombieeinhorn mit Verstoffwechslungsproblemen. Alle legal und mit Visum.

Am Holloman Lake, kurz hinter den weißen Dünen, bleiben wir heute Nacht. Ein müffeliges und giftiges Rinnsal an Restwasser, aber mit tollem Ausblick und sehr kostenlos. Ein paar Düsenjets fliegen Proberunden über dem verlassenen Fleckchen Erde und durchbrechen einmal die Schallmauer – ein Geräusch, dass jegliche Nachmittagsmüdigkeit vertreibt.

Und dann geht um halb sechs auch schon wieder die Sonne unter: heute in kitschigem Pastell.
Ein Tag geht zu Ende, an dem wir die großen und kleinen Geschichten preisen, die Müllkuckucke und das Denken außerhalb der Box.
Vor allem aber sind wir dankbar für menschliche Hilfsbereitschaft – ohne die es sich einfach nicht leben lässt.
Nicht nur nicht mit einem Sprung in der Schüssel…