Auch wenn wir den gestrigen Meteorschauer verschlafen haben, zeigten sich die Sterne in der letzten Nacht gnädig: zumindest, wenn man Chouchous Nachtaufnahme trauen kann. Auf der nämlich fielen einige Sternschnuppen über dem Magicbus. Wildwestschnuppen in Tombstone.
Gestern noch hielten wir die Wildwestfassade für einen reinen Touriaufzug. Wohl auch deshalb staune ich auf meinem Morgenspaziergang zu den Restrooms im Ortskern große Bauklötze.
Auf den Gehwegen des staubigen Örtchens lustwandeln sie morgens um halb acht: die böse Buben in Cowboyboots und –hüten, die vor Dienstantritt mit ihren Chihuahuahündchen Gassi gehen.
Hätte ich meine Kontaktlinsen drinnen gehabt, hätte ich sicherlich erkannt: es sind Hündchen an rosafarbenen Leinen. Und ich kann nicht umher: irgendwie macht mich dieses Bild sehr glücklich.
Leider ist unser windschutzschildiges Einschussloch über Nacht nicht verschwunden.
Unser erster Weg führt uns daher noch einmal zurück über die Berge. 29 Kilometer bis nach Sierra Vista zum Autoglaser. Beziehungsweise zu dreien.
Die erste Werkstatt winkt schon an der Türschwelle ab: Zu groß, so was machen wir nicht. Besser wir fragen den Chipdoktor, der normalerweise mit seinem Zelt vorm Dennys steht und Steinschlag direkt vom Pickup runter macht. Also weiter zum Dennys.
Der Chipdoktor ist um 10 Uhr leider noch nicht vor Ort. Also nochmal weiter zur Autoglaswerkstatt Nummer zwei.
Tim lässt uns unser Anliegen immerhin hinter der Türschwelle vortragen. Nee – machen kann er das aber nicht. Zu groß halt. Und natürlich findet er im Internet keine austauschbare Scheibe, die passen würde. Das wussten wir bereits vorab, aber es ist lieb, dass er trotzdem geschaut hat. Aber den Chipdoktor, den könnten wir mal fragen. „War nicht da,“ sagen wir, also versucht Tim ihn anzurufen. Wir kommen der Sache scheinbar näher.
Der Chipdoktor ist nicht erreichbar. Liegt vielleicht am Montag Morgen noch im Salz. Mit seiner Telefonnummer bewaffnet fahren wir zum zweiten Mal zurück zum Dennys: erstmal frühstücken. Vielleicht taucht der Doc in der Zwischenzeit ja auf.
Auf dem Dennys Parkplatz steht Don, der uns mitteilt, dass der Chipdoktor seit einer Woche spurlos verschwunden ist. Abgetaucht oder hanging, meint Don, der die frei gewordene Nische mitleidsarm und flott nachbesetzt hat. Mit Lesebrille und Messer widmet er sich kurz unserem Problem: Nee, das mach ich nicht. Zu groß. Aber John aus Tucson kann uns bestimmt eine neue Scheibe besorgen. Den ruft er doch gleich mal an.
John aus Tucson ist nicht erreichbar. Don brüllt auf den Anrufbeantworter, dass das jawohl nicht sein kann. Soviel hätte John ja schließlich nicht zu tun. Egal, steckt die Nummer ein. Machen wir. Auch wenn wir sicher wissen, dass selbst ein John aus Tucson uns zu hundert Prozent keine 94er T4-Windschutzscheibe backen kann.
Und so endet unser erster Versuch, den Steinschlag zu beheben um kurz vor halb zwölf auf dem Parkplatz vom Dennys in Sierra Vista. Unverrichtet. Aber immerhin bekommen wir eine Menge Lokalkolorit ab – als wir noch weitere 30 Minuten mit Don quatschen.
Don ist ungefähr Mitte 60. Er trägt Sonnenbrille, weißen Vollbart und ein zerrissenes Jeanshemd. Seit 15 Jahren lebt er hier an der Grenze zu Mexiko. Schwieriges Terrain mit all den illegalen Einwanderern, die mit Rucksäcken über die Berge kommen– vor allem da der jetzige Präsident nur die Hände in den Hosentaschen hält. Meint Don – mit Hände in den Hosentaschen. Er sei ja kein Trumpfreund ABER…
Schneller als wir gucken können stehen wir mitten in der Wüste plötzlich auf sehr dünnem Eis.
„Keine Religion und keine Politik diskutieren“ lautet eigentlich unser Motto auf Reisen. Aber Don ist in seiner Meinungsäußerung gar nicht zu bremsen. Also hören wir zu:
Die Mauer bauen – das war mal ein richtiger Ansatz. Denn die Einwanderer bringen ja auch all die Drogen mit rüber. Die Polizei hat man schon drastisch aufrüsten müssen – mit Cops von der Ostküste, da man den illegalen Zulauf sonst gar nicht mehr stoppen kann. Und die nichts-tuenden Demokraten wollen nun auch noch an den privaten Waffenbesitz ran. Dabei ist privater Waffenbesitz in der amerikanischen Verfassung doch klar verankert! Damit man sich gegen korrupte Regierungen und alle andere Feinde schützen kann. Das –DAS!– lassen wir uns ganz bestimmt nicht nehmen. Auch wenn Vollautomatik jetzt verboten ist, kann man die übrigens problemlos nachrüsten. Wenn die uns schon nicht verteidigen, müssen wir es schließlich selbst tun….
Siehe und höre: Arizona ist kein „swing state“. Arizona ist Republikanerland.
Es ist nicht einfach uns abzuseilen, denn Don hat noch jede Menge Meinung zu verteilen. Um zwölf müssen wir aber wirklich los. Wirklich. Auch weil Zähne zusammen beißen kaum noch geht.

Eine viertel Stunde später fahren wir auf dem Highway an stehendem Blaulicht vorbei: Drei Bordercontrol-Pickups haben zwei Kleinwagen festgesetzt: die (mutmaßlichen) Mexikaner sitzen mit Handschellen am Straßenrand, die Beamten durchkämmen die Steppe nach Davongelaufenen. Die USA an der Grenze zu Mexiko.
Weiter geht’s gen Osten: vorbei am aggressivste beworbenen „The thing“, von dem kein Mensch weiß, was es eigentlich ist; vorbei an der ehemaligen Atomraketenabschussbasis, die mittlerweile verriegelt und Privatland ist.

Vorbei an einer alten Trump-Wahlwerbung, die uns vollkommen die Sprache verschlägt.
Da droht er mit dem Zeigefinger hinab von der Werbetafel mit dem Slogan:
„It´s you they are after, I am only in the way.“
Es braucht einen Moment. Man muss es wirken lassen….
Time to say good-bye Arizona.
Der nächste Staat ist New Mexico. Bis vor ein paar Wochen wussten wir nicht, dass es ihn gibt. New Mexico, demokratisch. Laut Don lassen die Leute hier alles schleifen. Vor allem natürlich die Einwanderungspolitik, die knappe Hälfte der 2 Millionen Einwohner ist spanischsprachig.
New Mexico wirbt um sich mit dem Zusatz „the land of enchantment“. Ein wenig Verzauberung können wir nach dem Morgen gebrauchen.

Warntafeln begrüßen uns: Achtung Sandsturmgefahr. Am Highway steht in dicken Lettern eine genaue Verhaltensanleitung, sollte die Wüste zu blasen beginnen: Anhalten, Füße von der Bremse, angeschnallt bleiben. Viel freie Sicht, gigantische Steinhaufen, dann ein paar Pistanzienbaumfarmen.
Unser erster potentieller Übernachtungsplatz nahe des Highways ist verriegelt, wir müssen also weiter bis nach Deming fahren. Deming, nie gehört. Also lesen wir fix nach. Deming, laut Internet die kriminellste Stadt ganz New Mexicos. Glückwunsch, irgendwie schaffen wir es ja immer….
Die Entscheidung auf einem einigermaßen sicheren RV-Platz stehen zu wollen ist plötzlich einigermaßen selbsterklärend.
Auf dem ersten Platz lehnt man uns ab. Eine sehr spannende Erfahrung: Musternder Blick von unten nach oben. Nein! Ihr seid hier nicht willkommen.
Und gleich geht die Sonne unter.
Auf dem nächsten Platz hat man etwas mehr Mitgefühl mit uns. Wir dürfen bleiben.

Eingeparkt auf Platz Nummer eins wird schnell klar, dass wir die einzigen Reisenden sind. Alle anderen leben hier. In alten, ziemlich abgelebten Wohnwagen. Keine 300000 Dollar „Snowbirds“-Riesenmobile mit gezogenem Jeep hintendran, es gibt niemanden, der sich touristisch hierher verliert.
Die Lady am Tresen ist fürchterlich nett – und auch ein bisschen erstaunt. Und auch unser Nachbar Dave –Ex-Navy mit Rauschebart und unfassbar viel Leben im Gesicht—macht uns bereitwillig seinen Picknicktisch frei. Normalerweise kommt da nie jemand Fremdes, deshalb hat er ihn belegt.
Die Bäder sind von 1960, aber so gepflegt, wie es mit Sanitäranlagen diesen Alters möglich ist. Man gibt sich Mühe im alltäglichen Badezimmer für alle Anwohner der Wohnwagensiedlung.
Mühe um einen Rest Würde in einem ärmlichen Leben – irgendwo am Existenzminimum in New Mexiko, dessen Soundtrack die Sirenen der Bordercontrol sind und selbst das Wifi-Passwort mit „safe“ zu tun hat.








