Der Morgen startet mit zwei bahnbrechenden Erkenntnissen.
Erstens: Die Globetrottels haben nicht nur einen Sprung in der Schüssel, sondern auch einen Riss in der Scheibe. Mal wieder. Der Steinschlag muss so enorm gewesen sein, dass wir ihn im Schockmoment wohl überhört haben. Denn der Splittergröße nach zu urteilen, sind wir irgendwann wohl unbemerkt durch einen Kugelhagel gefahren. Steinschlag im Stil eines 12mm-Kalibers, der Riss ca 30cm lang. Ganz saubere Leistung.

Die zweite Erkenntnis ist, dass wir wohl mal wieder einen Meteorschauer verschlafen haben. In fester Annahme, dass er erst heute runter käme, desillusioniert uns die American Meteor Society noch vor dem Frühstück: Freunde, der war gestern. Vielleicht also waren es auch einfach die Tauriden, die in unsere Frontscheibe einschlugen als wir schliefen!? Zumindest würde das von einem knackigen Tiefschlaf zeugen.
Nachdem wir gestern eingekauft haben, gibt es heute mal wieder ein Frühstück für zwölf. Denn jeder Einkauf –und das Essen danach– ist wie ein großes Globetrottels-Erntedank. Heute mit Eiern, Croissants, Joghurts, Avocados, Trauben und Mandarinen: Schlaraffenland kurz hinter den Kartchner Caves. Und Chouchou als kauendes Stylingmonster.
Neben dem Wocheneinkauf gab es für Chouchou nämlich auch noch neue Schlappen – weil die alten ja Karl zum Opfer fielen.
Da sitzt er nun auf dem Höckerchen: mit hoch angesagten Pummies anneFöß. „Pret-a-porter pour hommes“ mitten in Arizona. Deswegen motzen die Nachbarn wohl auch nur über meinen Aufzug.
Mit unserem gunshot-Riss fahren wir heute nicht weit. Auch wenn Tobias uns die Sorge nimmt, dass die Scheibe uns eher nicht hollywoodmäßig entgegen splattern wird. Unser heutiges Ziel könnte dem Thema trotzdem nicht näher sein: Im Augen des Sturms mit dem wild um sich ballernden Wilden Westen.
In Tombstone parken wir auf einem staubigen Feld kurz hinter der Rodeokoppel ein. Es ist noch nicht mal Mittag, wir sind also passend zum Highnoon da: in Tombstone, der Stadt, die zu hartnäckig zum Sterben ist. Steht zumindest so an der Dorfeinfahrt: „The town too tough to die.“

Der ehemalige Boomtown hat heute noch 1300 Einwohner. Alle davon im Wildwestlook – für die zahlreihen Touris.
Die Hauptstraße –statt Autos fahren Pferdekutschen– ist weitestgehend so erhalten, wie sie 1880 hier stand: Saloons und andere Spelunken reihen sich an ehemalige Bordelle, Wildwestfassaden, Bretterbuden. Nur die Pferdepflöcke vor den Bars und die Schwingtüren fehlen schmerzhaft.

Passend zu seinem Namen „Grabstein“ war Tombstone einst Schauplatz zahlreicher Wildwestschießereien. Revolverhelden, Outlaws, Cowboys und zwielichtige Gestalten gaben sich die Saloonklinken in die Hand, bevor sie –drei Whiskey später—mit Knarre im Anschlag schwitzend voreinander standen. Köppe, die man heute leider nicht mehr so zahlreich hier findet.
Das Bird Cage Theater –vor 150 Jahren Bordell, Theater und Saloon in einem—ist heute ein Museum mit allerhand Klimbim. Die größten Hits sind zweifelsohne der mumifizierte Mini-Meermann und die Flugblätter von 1882, auf denen „all shady ladies“ geraten wird, nicht auf der Sonnenseite der Straße zu laufen, da sie ansonsten im Kittchen landen.

#im11#
Eine großzügige Einladung für alle zur öffentlichen Hängung, die fröhlich „grand neck-tie party“ genannt wird. Und eine Leichenkutsche, die damit wirbt: „why walk around half dead, when we can bury for only 22 Dollar.”
Schäbige Skelettfiguren an staubigen Spieltischen und ein Bisonkopf an der blättrigen Wand runden das Ambiente stilvoll ab; ein Ambiente, das genauso riecht, wie man es sich vorstellt.
Auf dem Friedhof sind die größten Revolverhelden der Stadt begraben. Hier steht statt Kutsche ein Leichenwagen. Und weil die neue Technologie mehr Schotter kostete, haben sich auch die Bestattungskosten erhöht: in Zeiten des ersten Automobils nahm man statt der 22 nun 49,50 Dollar.
Werbetechnisch aber ließen die Undertaker in keinster Weise nach:
„When you are shot and before you get stiff, we´ll be there in just a jiff,“ und:
„We will be the last to let you down.“ Gefällt mir fast noch besser.
Ein einsamer Drummer hat vor dem Supermarkt eine EinMannShow auf seinem Pickup aufgebaut, für uns geht´s weiter zum Eis. Danach haben wir Durst und kehren in „Big nose Katie´s“ Saloon ein – zur nächsten „one-man-show“. Der Cowboy hinter der Theke trägt natürlich Hut und veranstaltet sein eigenes EinMannFlaschenwerfen. Meist trifft er nicht, schenkt uns aber trotzdem alkoholfreies Bier aus – ganz ohne ein Nasenrümpfen. Und der Alleinunterhalter am Keyboard scharrt schon mit den Hufen. Er haut –nachdem der Barkeeper mal wieder daneben geworfen hat—mit Schwung in die Tasten, die Cowgirls (und ein gelebter Armyveteran) stellen sich sogleich zum Line dance auf. Galant und ein Wunder, dass sie in ihren engen Korsagen dabei noch atmen können…
Auf der Mainstreet stehen mittlerweile die Cowboys zum Highnoon aufgereiht. Abgeballert wird hier heute niemand, die Jungs werben lediglich für die stündlichen Platzpatronenshows, die am Originalschauplatz mit lautem „hoh“ und „hah“ die Schießerei vom O.K. Corral nachahmen. Die Show geben wir uns nicht, aber ein Foto mit echten bösen Buben muss natürlich drin sein.
Und weil der Cowboygroove am Nachmittag so langsam gegriffen hat, muss ich mir schließlich doch etwas kaufen: Den flattrigsten Cowgirlrock der Welt, der an der Puppe ganz wunderbar aussieht, mich hingegen macht er ein bisschen mollig. Macht nichts, denn das liegt nur daran, dass ich noch nicht die passenden Boots dazu habe. Und den Hut. Aber das wird kommen.
Denn dies war ja schließlich erst der allererste Tag im guten, alten Wilden Westen.


































