Thor, der Wettergott, ist gut zu uns: nach einer „Tropfen, die an mein Fenster klopfen“-Nacht erwachen wir mit einem Hauch Sonnenschein über dem See. Trocken das Camp zusammenpacken ist immer ein gutes Omen für den Tag und obendrein sehr komfortabel.
Nach einer letzten Dusche geht’s weiter gen Nordwest: Nadeln werden zu Birkenwäldern und wieder zu Nadeln. Eine Explosion Lupinen am Straßenrand und sehr viel nichts bis zum ersten und letzten Einkaufsstopp auf 190km Strecke: in Älvdalen – im „Flusstal“, 1669 schauriger Schauplatz bekannter Hexenprozesse, heute allerdings ganz harmlos.
Im ICA decken wir uns mit allerlei Leckrigkeiten ein und heben unsere ersten Kronen ab, die uns der Kassierer freundlicherweise gleich auch in kleine Scheine zerlegt.

Die Mädels werden wir in den nächsten Tagen brauchen, weil das Campsystem auf unseren nächsten zwei Etappen sich dem kanadischen angleicht: zahlen auf Vertrauen, in dem man Bargeld in einen Briefkasten wirft.
Unser heutiges Tagesziel ist der Fulufjäll Nationalpark an der norwegischen Grenze, bekannt für seine urwaldartigen Täler und kahlen Höhen, vor allem aber für den höchsten Wasserfall Schwedens: den Njupeskär –93 Meter hoch– und die Uraltfichte Old Tjikko –9550 Jahre alt.
Der Nationalpark scheint kein Geheimtipp zu sein. Wir rollen kurz vor Mittag an, der Parkplatz ist bereits brechend voll. Macht nix, auf einer Fläche von 385 Quadratkilometern wird sich das wohl zerlaufen. Genauso ist es – nach der Hundebadestelle.
Für die Tausendsasser der Naturliebhabenden wurden gemütliche Stege angelegt, um erst durchs Marschland mit seinen Puschelblumen zu wandeln, das sogleich in nordischen Urwald mit verschlängelten Flüsschen übergeht. Rentierflechte zwischen alten Steinen und Moose auf den Rinden, Farne greifen nach den Wandernden, die alle früher oder später gen Njupeskär streben.
Ein Wunder, dass am Wasserfall selbst so wenig los ist.
Ein rationaler Geist würde behaupten, der Fall sei durch rückschreitende Erosion entstanden – das Wasser trüge den Sandstein des Gebirges mehr und mehr ab. Ein mythologischer Geist aber weiß: es war Thors Hammer, der den Fall in den Fels schlug. Im Pool darunter lebt heute noch eine Elfe, die betörend ein Streichinstrument spielt. Man muss seine Ohren ganz weit spitzen, dann aber hört man es deutlich.
Zum Old Tjikko wollen wir natürlich auch hoch. Keuchend erklimmen wir die Stufen, die aufs Bergplateau führen: 200 Höhenmeter Anstieg auf einen Streich, meine Kontrolletti-Uhr behauptet: hart anaerober Bereich, bitte 35 Stunden Erholung einplanen. Und einen pinken Schweppes trinken.
Auf dem Gipfel angekommen unterstreicht auch Thor die Notwendigkeit, langsam zu machen: er schwingt seinen Hammer und donnert. Einmal, zweimal, dreimal. Bis zum alten Tjikko ist es noch einen Kilometer über die baumlose Bergflanke, während wir dabei zuschauen können, wie das Unwetter von Weitem über die Ebene ankriecht.

„Unwetterwarnung“, meint jetzt auch meine Kontrolletti-Uhr hysterisch. Nun gut: also keine baumlose Bergflanke für uns, Old Tjikko muss wohl warten. Er macht seit 9550 Jahren ja nichts anderes. Schade für uns, der Fichte ist es leidlich egal.
Der Regen setzt im Urwald ein. Spitze Tropfen auf bunten Schirmen.
Bis zum heutigen Nachtplatz ist es für uns nicht mehr weit: wir rollen lediglich acht Kilometer wieder hinaus aus dem Park und schnurrstracks an den Fluss des Mörkret Camps.

Der einzige Platz mit Privatsphäre ist unserer – alle anderen müssen sich später in Reihe und Glied nebeneinander reihen. 200 Kronen in den Briefkasten, nun können die dicken Tropfen problemlos kommen. Natürlich tun sie das auch.
Für uns heißts heute nur noch: ein flotter Text, ein paar schnelle Videos, definitiv die Heizung an, die Nudeln müssen sich heute von selbst kochen. Programm bis um sechs, Joggingbuxe an und dann auf einen fairen Internetgott hoffen.

Einer, der das Fussballspiel ganz ohne Blitz und Donner überträgt.












































































































































