Unterwegs im Magicbus

Autor: Chérie (Seite 27 von 28)

Der, der nicht mehr blinkt auf Manitoulin

Gestern schrieb ich noch –ganz nostalgisch– von der Eisenbahn, die so nett tutet auf einer sehr, sehr hohen Brücke, hier in Parry Sound. Gestern um halb zehn wusste ich noch nicht, dass es genau diese nette Bahn sein wird, die uns die gesamte Nacht über den Kopf fahren wird. Und uns mitten im süßen Traum direkt ins Ohr tutet. Selbst Oropax halfen rein gar nichts, denn das Anrollen spürte man im gesamten Körper – bebend zwischen Daunen nachts um halb vier. Transcanadian railway – the real experience.

Immerhin hat´s im ansonsten wirklich sehr netten Parry Sound öffentliche Waschräume – supersauber und für alle: Arbeiter, Muttis, Opiatgeschädigte, die Globetrottels. Ein Klatsch kaltes Wasser ins Gesicht muss es um 7 Uhr richten: Good morning Georgian bay. Eigentlich seh ich besser aus, aber sei´s drum. Ich bleibe dabei: Parry Sound ist ein guter Ort, nachts vor allem für Taube.

Die Spannkraft im Gesicht nimmt auch nicht zu durch zwei Cappuchino (Cappuchini?) und Bosten Creams bei Tim Hortons. Kompensatorisch gibts bestes Internet vor Ort. Zu Hause anrufen, Tatort runterladen, der Bulli bekommt einen Schluck buntes Kühlwasser. Immerhin sind wir nun Walmart-klar. Will sagen: ich trage Socken in Birkenstocks und fühle mich angemessen gekleidet. Stop. Das stimmt nicht. Ich fühle mich schick. Auch wegen des unübertroffenen Urigkeitsniveaus der Kanadier, an dem ich mich nicht satt sehen kann. Ich finde es liebenswürdig bis in die Haarspitzen.

Über eine südfranzösisch anmutende, felsige Landschaft –Steinmännchen überall– rollt der Magicbus uns mit ein wenig Anzugproblemen mittags bis nach Sudbury: weltgrößter Nickelproduzent, für den der Lonely Planet folgende Sätze bereithält:
Sudbury hat eine Menge aus nichts gemacht – wirklich nichts. Oder: Bis 1920 hatten Industrieabfälle … die Bäume getötet, den Boden vergiftet und Sudbury zu einer Einöde mit geschwärzten Felsen gemacht.
Oder: Die Gegend war so kahl, dass in den 60ern NASA-Astronauten hier trainierten.
Wir halten am Großversorgungspunkt mit Tankstelle, JunkFood und Tim Hortons: das Urigkeitsniveau erhält hier einen beige, hustende Rußfärbung.
Hart arbeitendes Volk, teils mit wenig Zähnen bei billigem Kaffee, Möwen kreischen über der trostlosen Szenerie.
Fast wäre man versucht zu bleiben. Weil auch dies Kanada ist. Ein von Touristen gänzlich unentdecktes, abseits der Hochglanznaturfotographie, genauso echt wie alle Nadelbäume und Seen hier.
Trotzdem fahren wir nach einem Kaffee weiter. Ist ja kein Gonzotrip. Zumindest momentan nicht.

Außerdem heißt unser heutiges Ziel Manitoulin Island, nochmal 100km weiter, auf denen wir –Gott sei Dank– bemerken, dass der Magicbus doch nicht schlecht zieht, sondern lediglich ein scharfer Gegenwind bließ – im ockerfarbenen, trostlosen Sudbury. Wetter: rußiger Wind von vorne. Das passt ja auch zu Orten wie diesen.

Die Manitoulin Halbinsel zwischen Georgian und Huron Lake soll fest in indigener Hand sein. Wir hoffen so sehr, hier einen Hauch modernen, indigenen Lebens miterleben und obendrein zwei heilige, First-nations- Orte besuchen zu können. Orte, die sich nicht leicht recherchieren ließen.

Hochmotiviert halten wir – ohne rechten Blinker, der ist leider heute ausgefallen, weil der Magicbus keinen Bock mehr drauf hatte – an der Administration Office der Whitefish River First Nation. Angeblich kann man hier lieb fragen, ob man –gegen eine kleine Spende– den Dreamers Rock betreten darf, einen hochspirituellen Felsen, an dem junge Männer Visionen empfangen können. Ergo: die Globetrottels nicht, da keine jungen Männer im Team, das macht uns natürlich gar nichts. Den Angestellten der Administration Office allerdings schon.

To cut a long story short:
Die Globetrottels blitzen gehörig ab.
Freundlich, aber bestimmt bietet man uns diverse Ausreden an, warum wir nicht auf den Fels können. Ansprechpartner gäbe es leider nicht, “busy at the moment”, man selbst weiß leider gar nichts, das Areal ist zu, wahlweise wegen Covid und keiner weiß wie lange.
Wir spüren, wir brauchen gar nicht ausholen zu erklären, dass wir doch alle heiligen Orte der Menschheit besuchen müssen. Und nein, keine Sorge. Auch wenn Cannabis in Kanada überall legal ist: wir kiffen beide nicht und planen auch keine esoterischen Orgien am Dreamers Rock, selbst wenn wir möglicherweise mit den Socken in den Birkenstock anders aussehen. So lieb wir auch mit unseren traurigen Äuglein klimpern: Die Peoples der Whitefish River First Nation wollen uns einfach nicht auf dem Dreamers Rock.
Das müssen wir akzeptieren.

Heute also kein Dreamers Rock für uns. Und auch nicht die Kirche in M’Chigeeng – die ist genauso gerammelt geschlossen.

Nach initialer Enttäuschung bin ich vor allem aber froh, dass Chouchou sich von einer zweiten Vorstellungsrunde bei den Chiefs der First Nation abhalten ließ.
Die Idee, bei einer wiederholten Begrüßung erst einmal das Eis zu brechen, indem man mit einem lauten “Howgh” in den Raum rein platzt, wäre womöglich auch nicht zielführender gewesen. Der, der im Porzellanladen tanzt und so.

Das letzte große Wasser, das wir heute sehen ist der See des großen Manitu. Dahinter biegen wir links ab und sind für die nächsten Tage zu Hause angekommen: Als einzige Gäste auf dem Ökocamp Dark Skys.

Da steht er nun, unser Magicbus:
alleine, tief im Wäldchen, am Schildkrötensee, neben dem ein paar verlassene Tipis auf Gäste warten, die wohl erst im Sommer kommen. Und blinkt nicht mehr.
Der, der nicht mehr blinkt.
Vielleicht einfach mal fest draufhauen!?
Drauf-„howgh“en….wenn man Chouchou fragt.

Von Mizzy Lake nach Parry Sound

Wir hätten vor 3 Tagen nicht gedacht, dass wir unsere kanadische Kumbh Mela im Wald tatsächlich auch mit einem traurigen Äuglein verlassen könnten. Unser Plätzchen im Wald unter Pinien – als Teil kanadischer Outdoorcommunity am Victorias Day. Wir waren dabei, bis zum bitteren Ende: in Dauerregen und mit BBQ über offenem Feuer. Ein großer Schritt in Richtung Einbürgerung wäre hiermit also getan.

Bevor wir den Algonquin Provinzialpark verlassen, wollen wir noch den bekanntesten Trail vor Ort mitnehmen: den Mizzy Lake Trail. Angeblich gäbe es hier die größten Chancen auf Wildtiersichtungen. Ganz gewiss nicht am Victorias Tag – denn wer an diesem sonnigen Tag nicht Kanu auf einem der 30000 Seen fährt, wird mit uns hier sein. Wenn überhaupt, werden wir hier und heute also nur noch die dümmsten aller kanadischen Elche antreffen. Oder die lahmsten. Für mich wäre das vollkommen in Ordnung. Hauptsache Elch. Außerdem bin ich ja selbst auch nicht eine der Schlausten mit, und der Schnellsten sowieso nicht. Man hätte also gleich etwas Verbindendes, über das man sich unterhalten könnte.

12km geht es über Stock und Stein, hoch und runter, zumeist über glitschige Pfützen. Einmal haut es Chouchou volle Motte aus der Spur, der sportliche Ex-Karati rollt sich aber gekonnt ab. Das soll ihn trotzdem nicht vor einer pädagogischen Zurechtweisung schützen: die holländischen Rentner hinter uns fragen nicht, ob ihm hier –6km von der Straße entfernt– etwas passiert sei, sondern winken nur gehässig mit ihren Wanderstöcken: “That´s why we have sticks.” Bestimmt vom Obelink im Angebot: Packe Sie jetz zu, nehme Sie sofort alle twej. Und nur heute –ganz speziell voor onze lieve Nachbarn– krijchen zee die Klugscheißsprüche ganz für kosteloos mit dabeii. Heelemal bedankt.

Die Umgebung aber ist ganz phantastisch und mit nichts zu vergleichen. Dunkle Seen vor endlosen Nadelbäumen. An der nach dem 1. Weltkrieg verlassenen Bahnstrecke sichten wir Wolfsspuren. Und ein paar Schildkröten im Wasser. Nummeriert. Vielleicht die Nummergirls unter den Kiefermäulern!? Hörnchen hier und dort, eine kanadische Wildgans führt ihre Küken spazieren. Eine aufmerksame Mutti, die sehr gut aufpasst. Nur Elche sehen wir noch immer keine. Nicht einmal die Dummen.

Vollkommen erledigt nach diesem Marsch –wo eigentlich ist unsere Fitness hin? Lost in the woods? Lost in the wild?– rollt der Magicbus mit einem eingesauten Chouchou am Steuer (und ik zeg noch: neem die Stöcke met!) 150km weiter gen Westen, bevor wir heute Abend endlich nach Hause kommen können. In Parry Sound, auf einem Community Parkplatz.

Parry Sound liegt am Georgian Bay. 6000 Einwohner geben sich alle Mühe, das Örtchen liebevoll zu gestalten. Das spürt man, trotz der fast apokalyptisch leergefegten Straßen – ist ja noch immer Victorias Day.

Wir schlendern einmal am Hafen entlang, schauen der tutenden Eisenbahn auf einer sehr hohen Brücke hinterher und quatschen mit unserem Nachbarn über sein Gemüsebeet. Sehr viel Arbeit. Ja, sehr, ich weiß, sag ich. Ich hatte auch schon mal einen Acker: Herrn Hebing, hottest Acker in town. Sehr viel Arbeit. Aber schön. Da sind wir uns einig.

Mit Blick auf den Georgian Bay atmen wir letzte Abendsonne ein und essen dann –vollkommen unübertrieben– die beste Pizza der Welt. Made by Indians from Parry Sound.

Im Magicbus ist um 20 Uhr dann Feierabend für heute. Endlich zu Hause – auch wenn sich der Film vor den Fenstern fast tagtäglich ändert. Dahoam is dahoam. Nur noch flott einen kurzen Text tippen über den heutigen Tag. Die Eisenbahn auf der sehr hohen Brücke tutet. Nur noch flott einen kurzen Text tippen und dann ist Feierabend. Deutlich später als 20 Uhr natürlich….

Weisheiten eines veganen Fellwürstchens

Überm Algonquinpark geht heute die Sonne auf. Tatsächlich. Der Dauerregen ist weitergezogen, Dunst liegt über dem Pinienwald. Es ist Zeit abzutrocknen.

Genau genommen machen auch wir heute nicht mehr. Lüften und trocknen. Dicke Decken und enge Hirne, Höckerchen und Tränen. Es ist verrückt, wie Gefühlsextreme nebeneinander –gleichzeitig – existieren können. Die Achterbahnfahrt des Lebens. Und die Globetrottels in einer der vordersten Reihen. Ein Teil davon ganz ungewählt. Manchmal bin ich mir nicht sicher, wie gut ich eigentlich angeschnallt bin.

Mit einem Spaziergang an den See erklären wir unsere heutige Sporteinheit für erledigt. Halb Kanada ist mit uns dort – allerdings im Auto angereist. Selbst, wenn der eigene Stellplatz viel näher am Strand liegt als der unsere. Auch zur Dusche wird eher gefahren als gegangen. Am Morgen bildeten sich dort Schlangen. Washroom-Drive-Thru und danach ab aufs Kanu. Zugegeben ist das eigentlich nicht weniger sportlich. Wir nämlich sitzen nur am Ufer und glotzen.

Erst gegen frühen Nachmittag –nach lüften und fegen und räumen und glotzen und trocknen– sind wir bereit, uns einem einzigen Miniabenteuer für den heutigen Tag zu widmen. Und das nennt sich: vegan grillen über offenem Feuer.

Grundsätzlich ist es so, das der gemeine Kanadier unsere Ernährungsgewohnheiten eh schon mitleidig belächelt. Dem Ganzen lässt sich noch die Krone aufsetzen (Achtung: crown land), wenn bemitleidenswerte Europäer obendrein versuchen, ein sehr männliches Feuer zu entzünden – um darauf dann grünen Spargel und Mais zu grillen. Und irgendeinen zusammengepressten Matsch aus Erbsenproteinen, der anhand von Glutamat versucht verzweifelt nach Würstchen zu schmecken. In unserem Fall: nach den “hot italian” ones.

Die Sache mit dem Feuer gestaltet sich je nach Tagesform. Und immer in Teamarbeit. Natürlich bin ich mir sicher, dass ich den deutlich besseren Überblick habe, was das Firestarting im Generellen angeht. Bocholter Pfadfinderehre und so. Natürlich behauptet Chouchou von sich das Selbe. Ganz ohne Bocholter Pfadfindererfahrung. Ich sag jetzt nix, aber schlussendlich bekommt natürlich wer es an? Genau.

Die ganze Aktion dauert fünf Stunden. Die veganen Würstchen tragen Fell, sind aber durchaus lecker. Und der Spargel ein Gedicht. Außerdem ist es Wellness für Geist und Seele: ein Feuer zu machen. Ich glaube wirklich, dass es kaum etwas natürlich entspannenderes gibt auf dieser Welt.

Ein Feuer braucht Zeit und Geduld. Ein Feuer fordert Frustrationstoleranz und Durchhaltevermögen.
Wenn es dann aber einmal brennt, dann schenkt es Wärme und den heimeligsten Geruch jenseits von Prada.
Wenn es einmal brennt, darf die Welt still stehen und man selbst einen Moment in Ruhe verweilen. Nur Flammen hinterher schauen und dem Knistern zuhören. Mehr muss nicht, nichts muss.
An einem Lagerfeuer darf man einfach sein;
alles denken, alles aussprechen, alles fühlen. Egal, was da ist. Am Feuer ist es in Ordnung so. Wenns schön ist, wenns weh tut.
Am Feuer ist es okay. Immer.
Unabhängig vom dem, der es gemacht hat…(auch wenn wir alle natürlich wissen, wer es war),
meint auch das vegane Fellwürstchen.

Slalom unter Pinien

In Nipissing herrscht seit gestern Abend ergiebiger Dauerregen. Seltsam. Ist so, als ob man in Essen Hunger hätte. Oder Bier teuer wäre in Wasserbilig.

Wir geben uns dieser Fügung des Universums nur allzu gerne hin. Dauerregen heißt auch mal die Füße hochlegen, zumindest in der Theorie. Muss man nicht tun, alleine der Gedanke daran aber trägt schon zu deutlicher Entspannung bei.

Der Platz im Pinienwald riecht nach kanadischer Kumbh Mela. Dunst und Feuchtigkeit zwischen den Pinien, riecht es dort, wo vor dem Wetter noch nicht in die Knie gegangen wurde, nach kaltem Feuer. Die Hälfte der beinharten Camper ist bereits abgereist. Zu viel Dauerregen an Victorias Day. Zelte stehen in tiefen Pfützen, der weite Gang zum Bad gleicht einem Slalomlauf. Mit trockenen Füßen kommt hier niemand durch. Nicht einmal in Gummistiefeln. Aber die Mücken freuen sich.

All dies soll uns nicht von einem kleinen Waldspaziergang abhalten. Schuhe und Jacke an und ab. Mit Regenjacken, die auf Bonner Niesel, und Laufschuhen, die eher auf Asphalt, denn auf nasse Felswege ausgelegt sind, stapfen wir los in den dichten, nächsten Pinienwald, der bei unseren Two Lakes um die Ecke ist.

6km rutschen wir über Felsen, lassen uns vom lauen Regen durchweichen und genießen die heimische Flora und Fauna, die wir bei diesem Wetter ganz für uns alleine haben. Will sagen: wir genießen einen Gang durch die Wolken, sehr, sehr viele Pinien und das vorherrschende Wildtierleben – heute in Form von ferienwütigen Mücken, die sich freuen, dass überhaupt jemand vorbeikommt. Euphorisch stürzen sie sich auf uns. Welcome to our pinewoods.
And thanks for having me.

Den Rest des Tages bleibt dann leider auch keine Zeit mehr zum Füße hochlegen, denn irgendwie gibt es am und im Magicbus ja immer etwas zu tun:
Weitere Reiserecherche – wer wie wann wohin als nächstes?
Dann muss es dringend zum duschen gehen im 700m entfernten Duschhäuschen. Wieder Slalomlauf im Dauerregen, um eine erfrischende Dusche zu genießen, die auf kanadische Holzfäller abgestimmt ist: Wasserstrahl hart, Temperatur kalt. Kein Weicheiercamping ist das hier auf der kanadischen Kumbh Mela, die das Outdoordasein mit all seinen Facetten feiert, auf die harte Tour.
Unter einer Schönwetterplane auf die der prasselnde Regen klopft wie dicke Spechte an den … genau!…wie dicke Spechte an den Pinien, kochen sich die Nudeln natürlich nicht von selbst. Wobei: die Nudeln tun das schon, aber die Soße will gemacht werden.

Gespült wird im Dauerregen per Hand mit kaltem Wasser, das wir in unserem Wassersack herantragen, 700m bis zum Duschhäuschen im Slalomlauf unter Pinien hindurch, falls ich das noch nicht erwähnt haben sollte. Ohne Seife natürlich. Denn Seife ist für Weicheier.

Bis zum Abend leert sich der Platz mehr und mehr. Viele Kanadier flüchten – sehr wahrscheinlich auf überdimensionale Fernsehsessel, die in überproportionalen Häusern stehen, auf riesigen Grundstücken. Dort werden heute Abend sicherlich tausende von kinoleinwandgroßen TVs angeworfen, Biere in Literhumpen ausgeschenkt und kiloweise Steaks auf Monstergrills geladen. Und so viele Sparerips, dass man selbst aus einer Einzelportion eine ganze Schweinefamilie wieder zusammensetzen könnte – inklusive Schwippschwägerinnen und Angeheiratete.

Wir aber, wir bleiben schön hier.
In unserem kleinen Magicbus. Ohne TV und vegetarisch.
Wir aber, wir bleiben schön hier.
Momentan ohne festen Wohnsitz und vor uns die Welt.
Wir aber, wir bleiben hier.
700m bis zum Duschhäuschen im Slalomlauf um alle Pfützen herum, die uns der Dauerregen schenkt.
Und die ganze Zeit unter Pinien.

WE R 1 – je me souviens

Schlafmütze obligat – daran kann man sich schnell gewöhnen. Mit ein bisschen Phantasie hat es sogar etwas sehr Schönes einen warmen, mummeligen Kopf zu haben, während die Nasenspitze kälter als die Schnauze eines Huskys ist, weils draußen mal wieder friert. Und nur eine Zeltwand zwischen uns und der Welt über die ein strahlender Nordstern wacht. Als gutes Omen an Vatertag.

Nach einem Plausch mit unserem Québecer Nachbarn, der uns nur darin bestärkt Montréal zu knicken („I can´t blame you. Too many people.“), ist es Zeit für uns weiter gen Westen zu ziehen. Ohne die kleine, verschreckte Meise, die kurzzeitig Gästin im Magicbus ist. Verflogen. Nicht schlimm. Ist uns auch schon oft passiert im Leben.

Zurück auf dem transcanadischen Highway, der heute hinter den Windschutzscheiben mit wildem Leben auf uns wartet.

Ein Murmeltier hält Ausschau am Straßenrand – womöglich nach einer lang vermissten Geliebten, die ihn vor Urzeiten für einen Jüngeren verließ.
Ein Truthahngeier (ich konnte meinen Augen selbst kaum trauen. Ja, es gibt Geier in Kanada) frisst ein frisch überfahrenes Stinktier.
Wanderdrosseln mit dicken roten Bäuchlein fliegen unterm Radar von undefinierbaren Raubvögeln, mit denen man sich auch namenlos zweifelsohne nicht anlegen wollte.
Nur die Elche, die lassen sich noch immer nicht blicken.

Kurzer Stopp im Walmart: der Bulli braucht neues Öl.
Und weil an diesem ersten Frühlingstag in Kanada wirklich alles klappen will, bekommen wir nicht nur das passende 10W40, sondern auch die letzte Flasche Magicbus-kompatibeln Kühlwassers und grünen Spargel im Angebot.

Der Plaisance Provinzialpark kurz vor Ontario hat heute ein Traumplätzchen für uns. Heute steht der Magicbus so, wie sich mein beschränkter Kopf Kanada immer vorgestellt hat:
Mitten im einem frühlingsgrünen Wald, in dem Streifenhörnchen toben und angeblich auch Schlangen kreuchen. In einem frischen Lenzenforst, in dem großblütige Waldlilien blühen und Murmeltiere galoppieren können. Die pummeligen Wanderdrosseln zwitschern ihre Lieder, irgendwo kloppt ein fleißiger Specht bestimmt kanadisch gigantische Löcher in alte Bäume, die Geschichten erzählen und irgendwo –in weiter Ferne– tutet leise eine anachronistische Eisenbahn und träumt von einem Goldrausch, der noch kommen wird.

Unser Lagerfeuer brennt knisternd – zugegeben: auch diesmal waren es erst 30 Minuten quälender Rauch vorab, das liest sich in der Geschichte aber nicht so romantisch.
Trotzdem sei gesagt: so lässt es sich arbeiten. Ergo: happy hustend, einen Blog schreiben. The best things in life und so are free….firestarting.

Dies wird wohl unsere letzte Nacht in Québec sein. Québec – französischsprachiger Staat in diesem endlosen Land. Ein Staat, der seine Autokennzeichen untertitelt mit “Je me souviens”.

Heute flog ein dicker Pickup am Magicbus vorbei, dessen Nummernschild ganz wunderbar dazu passte, zu diesem québec´schen “Ich erinnere mich”.

“WE R 1” stand dort.
“WE R 1 – je me souviens.”

Wir sind eins – ich erinnere mich.
Ich erinnere mich: wir sind eins.
What an important reminder.

Blame it on the rain in Québec

Dort stehen wir also: vor den Toren der Stadt, die so unfassbar sehenswert sein soll, dass ihr selbst im dünnsten Kanadareiseführer einige Seiten gewidmet sind. Dort stehen wir also an diesem Morgen und haben so ganz und gar keine Lust, Québec zu sehen.
Sicherlich ist diese Unlust den Umständen geschuldet. Momentan dürstet uns nach Ruhe und Natur. Was also tun? Wohlwissend, dass wir niemals wieder in unserem Leben nach Québec kommen werden. Einfach links liegen lassen geht ja eigentlich auch nicht. Oder doch? Wir entscheiden uns für einen abgespackten Mittelweg. Der unaufhörliche Regen kommt uns hierbei sehr entgegen. Im Zweifelsfall: Blame it on the rain.
Wir halten die Besichtigung kurz und ohne konkrete Anlaufpunkte. Einfach schnell rein, flott umschauen und schnell wieder raus. Für gar nicht rein sind wir dann trotzdem noch einen Hauch zu restneugierig.

Québec im Regen – ist ganz nett. Bunte Häuser, szenige Lokale, wir trinken Kaffee im angesagtesten Baristacafé der Oberstadt, kriegen unterm Tisch einen gewischt, weil Stromkabel offenliegen. Anyway, vielleicht hilft das gegen die Regenstimmung. Mini-EKT für die Globetrottels.

Mit Hipster-WLAN buchen wir zwischen Double Shot-Cappucchino und Parmesansalat den Campingplatz für heute Nacht. Im siebten Anlauf klappt das, wir erhalten eine Buchungsbestätigung, die uns Google mit »Nervenzusammenbruch« übersetzt. Ehrlich. So etwas kann man sich ja nicht mal ausdenken, wenn einem zum Scherzen zumute wäre…

Über verregnete Kopfsteinpflastergassen schlurfen wir noch zur Basilika Notre-dame, um ein großes Kerzchen anzuzünden. Das Wichtigste, das in dieser Stadt für uns zu tun ist. Danach lassen wir Québec wieder Québec sein; wohlwissend, dass wir dem alten »Stadacona« mit unserem Besuch natürlich nicht gerecht geworden sind.

Trotz allem ist es schon wieder später Nachmittag, als wir auf dem Campingplatz am Flussufer des Saint-Laurent-Stroms einrollen. Dank Gott regnet es noch immer: wir dürfen uns also den Rest des Tages dem Nichtstun widmen.
Nichtstun, Kräfte bündeln, zu uns kommen – und das gute WLAN nutzen, in der Hoffnung, dass hierüber nur gute Nachrichten einströmen.

…and the world will live as one.

Hillsborough hat es gut mit uns gemeint: mit einer sehr ruhigen Nacht, in der nur die Zikaden ein Schlaflied zirpten. So also klingt New Brunswick zwischen Sonnenunter- und -aufgang. Zirpzirp zirpzirp zirpzirp. So einlullend, dass selbst die rostigen Lokomotiven und der abgehalfterte Kampfjet der Canadian Airforce nicht aufgewacht sind.

Zum Frühstück ruft ein Café wie aus dem Märchenland. Hinter einer bonbontürkisen Front, unter einem rostroten Dach werden in Hillsborough von Zauberhand die besten Cinnamonrolls der Welt gebacken. Mit Sahne obendrauf, double shot. Nicht nur, weil die Menschen hier so strahlend sind und der Ort so magisch, lassen wir uns gleich vier einpacken. Es ist bereits der Geruch, der süchtig machen kann. Vom Geschmack gar nicht erst anzufangen: zimtige Tröstlichkeit Bisschen für Bisschen, so als würde man pure Herzenswärme knabbern.

Es ist noch nicht mal Mittag, den Kalorienbedarf des Tages haben wir bereits gedeckt. Bestens gesoulfooded können wir jetzt durchstarten.

Ums Eck liegt New Brunswick bekannteste Sehenswürdigkeit: die tidenumspülten Hopewell Rocks. Mit bis zu 14 Metern Tidenhub sind sie entweder die beebbtesten oder aber die überflutetesten Felsen der Welt. Nirgendwo sonst ist die Differenz zwischen Ebbe und Flut größer. Zumindest nicht auf dieser Erde.

Der Park hat noch geschlossen. Warnungen hingegen hängen großflächig aus: Achtung! Plötzlicher Tidenhub, Gefahr von Steinschlag, keine erste Hilfe möglich, Telefonnetz nicht vorhanden. Alles klar, rein da. Mal wieder weitestgehend alleine – an einem Ort, der in der Hauptsaison vor Menschen brummen muss, glaubt man unserem Reiseführer.

Wieder einmal haben wir teuflisches Glück. Von oben können wir bereits dabei zusehen, wie das Wasser sich zurück zieht. Hopewell Rocks bei Ebbe. Wir können den Felsgiganten also ganz nah sein. Es kostet nur ein paar matschige Schuhe. Und ein ganz kleines bisschen Mut und Wahnsinn.

Das nächste Örtchen hinter den Felsen heißt Alma. Wie Seele. Passt sehr gut zu den Zimtschnecken von morgens. Morgens Soulfood, mittags Alma. New Brunswick meint es gut mit uns.

In Alma ist ebenso wenig los. Ebbe im Hafen, die Boote liegen trocken. Ein Denkmal für Molly Kool am Kai. Die Coole wurde 1936 –mit erst 23 Jahren– Nordamerikas erste Seekapitänin. Eine Verneigung vor der Chuzpe dieser Vorreiterin, die sicherlich sehr gut sehr scharf am Wind segeln konnte, muss hier sein.
Ein kurzer Blick in Almas Lobster Shop: Arme Viecherchen mit verklebten Scheren, die –teils übereinander lagernd– verzweifelt versuchen, einem Bassin zu entkommen, während ihre Kompagnions einen halben Meter weiter lebend ins Wasser geworfen werden. Ich bin mir nicht sicher, aber glaube: So lecker kann nichts sein. Alma-los in Alma.
Am Hafen futtern wir lieber unser Baguette von gestern und trinken kalten Kaffee, bevor die Weiterreise für heute nun wirklich beginnen soll.

Über den Fundy Nationalpark (wieder keiner da) auf den TranscanadianHighway, hier “Highway of heroes” genannt, vorbei an First Nations Orten mit so klangvollen Namen wie Nackawic oder Oromocto. Dauerwarnung vor Elchen, die wir nicht sehen, stattdessen einen Fuchs, der angstfrei in Richtung Autobahn pest. Möglicherweise eine Molly Kool der Fuchsartigen.

Bei sich neigender Sonne erreichen wir Woodstock. Nicht DAS Woodstock, sondern deren kanadische Namensvetterin.
Ein bisschen wie Hippies fühlen wir uns trotzdem, als wir direkt mit Blick aufs Wasser einparken und den Sonnenuntergang mit offener Schiebetür im Magicbus erleben…
You may say I´m a dreamer. But I´m not the only one.I hope some day, you´ll join us. And the wooo—ooorld will live as one.

Haushaltstag am See

Man müsste textlich schon ziemlich versiert sein, um aus den Ereignissen dieses Tages einen Hauch Abenteuer rauszuholen. Oder überhaupt irgendetwas lesenswertes. Denn heute war lediglich Haushaltstag – irgendwo an einem sich kräuselnden See unter der ostkanadischen Sonne, 14 Grad, immer noch gänzlich ohne Frühling in der Luft. Einfach mal nichts lesenswertes zu erleben. Das ist ganz genau richtig so. Und wichtig.

Handeln wir diesen Tag also stakkato ab. Ganz ohne Poesie oder tiefgründige Gedanken – die schweben außerhalb des Textes eh weiterhin unsortierbar herum, wollen heute aber nicht geschrieben werden. Pragmatisch zu den praktischen Dingen. Noch praktischer: geschrieben als To-do-list, die wir heute einfach stoisch abarbeiten.

1) Ausschlafen:
Bis acht Uhr. War nötig. Denn die letzte Freistehnacht bei Minustemperaturen sitzt tiefer in den Knochen als erhofft. Ein AntiAbenteuerSleepIn sozusagen. Ohne zu träumen, dass ein Bär mit seinen Tatzen an der Blechbüchse namens Magicbus kratzt, in der Hoffnung auf abgestandenes Dosenfutter aka Die Globetrottels.

2) Kaffeekochen:
Auf dem Campingkocher am See. Mit Gaffeegochkas. Heute: die Sturmvariante. Bereits kurz nach Sonnenaufgang bläst ein Polarwind mit mindestens 6 Beaufort über den See. Wie gut, dass Michael uns erste Reihe am Wasser platziert hat. So erleben wir diesen Morgenhauch ganz unmittelbar, vis-a-vis. Drinnen kochen kann jeder – zumindest der, der eine Kochvorrichtung IM Bus hat. Die hat der Magicbus nicht. Natürlich nicht.

3) Frühstück:
Chouchou erlebt das erste Mal Erdnussbutter. Nachdem er die ersten 3 Esslöffel Palmöl aus dem Gläschen abgeschöpft hat. Nichts für Weicheier oder Gourmets. Hat aber Wumms die Nummer, danach kann der Tag starten. Mit Nüsschenpower.

4) Wäsche waschen:
Im Waschbecken der “Washrooms” mit sehr, sehr heißen Wasser. Kochwäsche per Hand für die zarten Merinopullis. Wenn Chouchou das wüsste…
Immerhin müffelt danach nichts mehr. Alle Müffeltierchen tot. Und ich kann mir theoretisch die verbrühte Haut vom Handrücken pellen. Sauber.

5) Wäsche aufhängen:
Dank oben bereits benannter 6 Beaufort verpasst uns jeder einzelne Merinopulli Backpfeifen. Die Klamotten aufzuhängen, indem wir den Rücken in den Wind drehen – darauf kommen wir natürlich nicht. Und so klatschen uns nacheinander auch noch frische Socken, die Unterwäsche der letzten 12 Tage, diverse T-Shirts und Handtücher feucht ins Gesicht. Immerhin macht das eine gute Gesichtsfarbe. Auch das Duschen danach hätten wir uns damit – zumindest halsaufwärts – eigentlich sparen können.

6) Duschen:
Sehr schlimm und sehr denkwürdig, wenn dieser Punkt als separater Tagespunkt auftaucht, quasi als zu erwähnendes Tageshighlight. Man ahnt, auf welchen Hygienestandard wir uns mittlerweile eingegroovt haben.

7) Kochen:
Sturmkochen 2.0. Gewürze, die eigentlich ins Essens gehören landen erneut im Gesicht. Rücken in den Wind drehen ist noch immer keine Option. Ich verkaufe es mir als Salzpeeling. Wäre der Punkt Wellness also auch gleich mit abgehakt.

8) Telefonieren:
Soweit das weiterhin grottenschlechte Netz es zulässt. Die Hoffnung auf eine gute Verbindung ist es, die uns morgen weiterfahren lässt. Denn Telefonieren ist momentan noch wichtiger als Bärenspray auf einer Wanderung.

9) Hilfe angeboten bekommen:
Vom freundlichen Menschen aus dem Monsterwohnwagen nebenan. Vielleicht ist es – neben der kanadischen Herzlichkeit – auch ein wenig Mitleid, das ihn antreibt: Zwei verloren wirkende Globetrottels bei Sturm, rotbackig von der eigenen Wäsche verprügelt und dann nur Schutz in einem so, so ein kleinen Auto: “Whenever you need something: just knock. I´ll be there. For everything.”

10) Tanzen:
Weils anders nix nützt. Ein Tag ohne Tanzen ist ein verlorener Tag. Das steht sogar noch vor Yoga.

11) Blog tippen:
Schnelle Angelegenheit. Denn heute ist nichts lesenswertes passiert. Irgendwo an einem sich kräuselnden See unter der ostkanadischen Sonne, 14 Grad, immer noch gänzlich ohne Frühling in der Luft.

Einfach mal nichts lesenswertes erlebt. In 11 Punkten. Das ist ganz genau richtig so. Und wichtig.
Morgen darfs dann weiter gehen.

What are you waiting for, honey?

Was für eine einsame und eiskalte und stille Nacht. Außer dem Schulbus, der am Morgen die buddhistischen Kids aus dem weltberühmten Kloster Gampo Abbey winkend abholte (an dieser Stelle kurz Danke an Pema Chödrön, die dieses Kloster leitet und unter anderem das unglaubliche Buch “Wenn alles zerbricht” geschrieben hat -quod erat demonstrandum), ist tatsächlich niemand vorbei gekommen. Nicht einmal im Schnee gibt es Elchspuren. Der befürchtete Grusel ist also ausgeblieben. Und wir allein im Meeresrauschen.
(Noch wissen wir nicht, dass genau das in 2 Stunden sehr gruselig werden soll…aber dazu später mehr.)

Mit kalten Nasen und dicken Wollmützen schlafen wir so lange wie noch nie in Kanada. Erst gegen halb acht trauen wir uns aus warmen Federn heraus, hinein in die kristallklare Luft- mit drei Lagen Buxen übereinander. Denn selbst um diese Uhrzeit hat es noch immer unter null Grad.

Über den verschneiten Waldpfad tapern wir mit 4 Crocs, 8 Socken (viel zu wenig!) und Kaffee auf unsere einsame Klippe und schauen unzählbaren Delfinen beim Luft holen zu. Frühstücksfernsehen de luxe, dem ansonsten nur noch die Hummerfischer in bunter Jolle 100m unter uns beiwohnen und denen sicher kein Jubelschrei mehr entfährt, als kurz darauf sogar ein Wal auftaucht. Mir schon.
Wie sagte der Herr in Antigonish so passend: “God created the Cabot Trail and decided it was perfect.” Er hat recht behalten.

Die entrückte Freude über dieses exklusive Schauspiel hält nicht lange an. Wie passend für diese Reise, die komprimiert Platzhalter für alle menschlichen Gefühle bis zum Anschlag ist. Um 10h wollen wir langsam lostuckern in Richtung Zivilisation. Die schlaglochdurchlöcherte Schotterpiste hinunter funktioniert das noch problemlos. Und dann kreischt es plötzlich entsetzlich aus dem linken, vorderen Radlager.

Wie erstarrt hält Chouchou sofort an. Dieses Schreien klingt ganz und gar nicht gut. Fast wie ein Schlachtbanksschrei. Oder – für jeden, der weniger hysterion als ich gelagert ist— auf jeden Fall ungesund bis ins Mark. Erst in diesem Moment wird uns wohl vollendend bewusst, dass wir auf der Route komplett von der Außenwelt abgeschnitten sind. Kein Internet, kein Telefonnetz, der einzige Mensch, den wir in den letzten 24 Stunden gesehen haben: ein buddhistischer Schulbusfahrer. Einer, der sehr wahrscheinlich erst morgen wieder vorbeikommt…wenn überhaupt.

Eigentlich haben wir ja nichts gegen Abenteuer. Also: gegen kleine. Wenn man Internet hat!
An kleinen Abenteuern, digital gut vernetzt, haben wir ergo eigentlich gar nichts auszusetzen! Dann, wenn man zügig Hilfe holen könnte. Oder wenigstens, wenn man ein gutes Nervenkostüm hat. Will sagen: Eigentlich haben wir just in diesem Moment rein ganz und gar nichts über für Abenteuer. Nicht mal für die, der kleineren Art.

Pema Chödrön schreibt in ihrem Buch: “Wenn alles zerbricht”, dass wir lernen müssen loszulassen. Hilfreicher fänden wir momentan einen findigen, buddhistischen Autoschrauber. Loslassen. Ja, was denn bitte!?
Die Angst, die mir den Nacken hochkriecht? Die Bremsbelänge? (An denen Chouchou übrigens nicht findet.) Die Idee, dass alles nach Plan läuft?
Loslassen kann ich momentan nur eins: ein Schluchzen.
Aus purer Verzweiflung.

Eigentlich müsste die Geschichte nun spektakulär weitergehen.
Tut sie aber nicht. Gott sei dank.
Wir warten ein wenig am Straßenrand. Keine Ahnung, auf was eigentlich. Auf ein Zeichen, das nicht kommt!? Auf einen Schulbusfahrer, der nicht vorbei fährt!? Irgendwann kommt Chouchou auf die glorreiche Idee, den Wagen einfach noch einmal neu zu starten. Und siehe da: das Kreischen ist weg.
So unvermutet wie es kam, so unvermutet bleibt es nun fort.
Die nächsten Kilometer rollen wir langsam, teils mit Warnblinkanlage die verschneiten Pässe rauf und runter. Immer mit Blick aufs Meer, immer mit so spitzen Ohren, dass wir die Wale unten in der Bucht husten hören könnten. Und hören: nichts. Ausser Meeresrauschen. Bis zu unserem heutigem Ziel am See, 80km weiter, soll das so bleiben. So, als hätte es das Kreischen nie gegeben. Seltsam. Sehr, sehr seltsam, Du bekloppter Magicbus.

Immerhin stehen wir drei -ein bekloppter Bus, ein seelenruhiger Chouchou und einen emotional achterbahnfahrende Chérie- heute Nacht etwas weniger abenteuerlich. In erster Reihe an einem See zwischen Hügeln, die alle scheinbar So gar kein Problem mit Loslassen haben.

Wieder fliegt ein Adler vorbei, Sonne scheint sanft auf ruhige Wellen, 14 Grad und in der Nacht soll es erstmalig nicht mehr frieren. Ich sitze auf einer verwitterten Bank und starre auf den See, nicht mal im Ansatz im Stande, die Erlebnisse der letzten paar Tage zu verarbeiten.

Vor ein paar Tagen fragte die Bedienung bei Tim Hortons: “What are you waiting for, honey?” Was für eine gute Frage…

What are you waiting for, honey?
Possibly for whales … and seriously for a wonder!
Oder wenigstens auf ein bisschen mehr loslassen…

Ein Sonntag in Nova Scotia

Die Kanadier sind hart. Während wir bei minus 2 Grad mit Mützen kuscheln, schläft der Einheimische vor Ort in einem Zelt ohne Seitenwände. Und das einzige, was gebraucht wird, ist um halb sieben morgens das erste Lagerfeuer am See zu entzünden. Nach einer Nacht, die so dunkel war – und die Sterne so nah und Tau auf dem Gras am Morgen danach.

Es ist ein unfassbarer Luxus, dass wir uns mittlerweile trauen, oben im Bulli (Verzeihung: im “Magicbus”) zu schlafen. Denn dadurch müssen wir am Abend nichts mehr umbauen. Wenn die eine aufsteht, muss der andere nicht direkt mit – sondern darf im Loft noch ein bisschen weiterträumen. Beim ersten Kaffee mit raureifer Milch freue ich mich diebisch über diesen neu gewonnenen Komfort.

Komfort ist -dank des einzig operierenden Campingplatzes im Umkreis von 500km- auch, dass weitere Wege in Richtung zivilisatorischer Bulli kurz sind: nur den Strom müssen wir in einem überdimensionierten Akku hin- und unser Internet wegtragen. Das nämlich funktioniert nur am Waschraum. Übrigens auch ein Luxus, den wir sicherlich besonders ab morgen zu schätzen lernen werden. Morgen. Aber heute ist ja erst mal heute…

Heute nennen wir diesen Sonntag einen weiteren Orgatag. Wir duschen sehr heiß und mit sehr “erdig” riechendem Wasser – meint zumindest unsere Campingmutter. Böse Zungen könnten den Odor auch “modrig” nennen, “erdig” gefällt allen Beteiligten aber deutlich besser.

Das dürftig eingebaute Wassersystem schmeißen wir aus dem Magicbus raus: angeblich ist es ziemlich neu, um es aber mit Chouchous weisen Worten zu zitieren: “Darin würde ich nicht mal mehr eine Urinprobe abgeben.” Trifft es, also weg damit. Tragbare Kanister haben bereits 2016 unseren unhygienischen Arsch gerettet – warum sollte genau dies nicht auch 7 Jahre später wieder gut funktionieren!?

Während Chouchou irgendetwas weiteres am Bulli arbeitet (magic work on magic bus), meditiere ich eine Runde mit Blick aufs Meer. Der Timer funktioniert nicht. Ich sitze also brav alemansmäßig auf meinem Stein und warte irgendwann sehnlichst auf den Abschlussgong, der Gott verdammt nicht kommen will. Nach einer Stunde gebe ich auf – mit der Gewissheit Ewigkeit zu spüren. So ein Kokolores, wie sich leider herausstellt. Die App ist schrott und hat es versäumt, mich nach 15min wieder wach zu bimmeln. Eine Stunde ungeduldig auf einem Stein sitzen und das nicht mal erleuchtet. Auch dafür muss man Zeit haben.

Irgendwann kuscheln wir überdimensionale Pudels, irgendwann wird gekocht. Leider keine Spareribs wie bei den Nachbarn. Warum sind wir eigentlich Vegetarier? Die Möhren sind aber auch ganz lecker. Irgendwann haben wir beide seit Wochen das erste Mal das Gefühl, dass wir wirklich entspannt sind. Nicht müde, nicht erschöpft, sondern einfach nur vollkommen entspannt und ganz wach dabei.

Am Abend zünden wir unser erstes Lagerfeuer. Na ja, oder nennen wir es Rauch. Die Nachbarn vom Chevy flüchten, aber wir fühlen uns wahnsinnig outdoorerfahren. Rauch mit nassem Holz zu machen, das kann schließlich auch nicht jeder. Vor allem nicht mit kompetenter Attitude.

Wir planen die nächsten Tage. Nun, da wir noch Wlan haben. Und damit wird aus der tiefen Entspannung dann plötzlich doch wieder freudige Aufregung. “Jetzt, da wir noch Wlan haben…”

Sehr wahrscheinlich ist ab morgen das Internet weg. In dem Moment, in dem wir vom Platz rollen vielleicht. Auf der Hinreise hatten wir auch kein Telefonnetz. Totally unconnected – ein wenig seltsam fühlt sich das schon an. Möglicherweise ab morgen vollkommen abgeschnitten von der Außenwelt zu sein. Das hatten wir wirklich noch nie.

Sollten wir uns also morgen nicht melden, so sollte sich bitte niemand Sorgen machen. Wir sind immer noch in Kanada – in diesem unfassbar weiten und endlosen Land, das große Strecken lang einfach mal abgeschnitten sein kann. Falls jedoch in zwei Wochen noch immer nichts von uns zu hören war: dann bitte doch mal suchen. Im schlimmsten Fall sind wir die abgenagten Knochen mit dem Bärenspray in der Hand. Irgendwo dort oben und weit draußen am so genannten Cabot Trail.

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