Unterwegs im Magicbus

Autor: Chérie (Seite 24 von 28)

Einfach mal auf fremde Waden hüpfen…

Die Nächte sind klirrend kalt – wie sonst sollte es sein, eher Ende als Mitte August, kurz vor Alaska, in unserem Rekonvaleszenzcamp. Auf dem ersten Kaffee liegt Tau. Er schwimmt unbeeindruckt auf der Hafermilch, gleich neben dem Ahornsirup und über dem See wabern Wolken, die bereits einen Hauch von winterlicher Behaglichkeit in sich tragen. Beim Entzünden der Heizung beschlagen die Fensterinnenseiten. Natürlich schlafen wir mit Mütze und Schal. Natürlich kann man bei dem Wetterwechsel krank werden. Sehr wahrscheinlich sogar. Chouchou ist´s heute noch immer. Nur ich bin gestern eher einer histerionen Entgleisung erlegen. Aus reiner Loyalität und heute fit.

Dieser Tag soll mal wieder ein langsamer werden. Wieder einmal, richtig so.
Zum Frühstück wackeres Sauerteigbrot aus der alpinen Bäckerei in Whitehorse („Alaskan“, 9 Dollar 50 und jeden Pfennig wert), danach legt sich Chouchou nochmal träumen. Mittlerweile ist eine Sommersonne über die Berge gestiegen, sie glitzert auf ruhigem See. Grund genug für mich in den Bikini zu schlüpfen. Das mag ein wenig frisch wirken (ist es auch), aber mir dürstet mit jeder Pore nach Sommer. Deshalb muss es so sein. Bikini, dicke Socken und ein Buch in der Hand.

Wundersamerweise haben wir hier Internet, wir nutzen es heute aber kaum. Wir lauschen eher den Kanada-light-Geräuschen um uns herum. Es ist schön, in diesem abgelegten Wäldchen erstmal nicht ganz alleine zu sein. Weil menschliche Geräusche auch ein Zeichen davon sind, dass alles Leben weitergeht. Neben uns kläfft den ganzen Tag ein empfindlicher Pfiffi, am Strand 200 Meter weiter kreischen die wenigen Kinder, die sich mit Neopren ins Wasser trauen. Die Amis zwei Plätze weiter grillen eindeutig Totes. Wie schlimm, dass ich den Geruch lecker finde. Wie gut, dass sie sich damit olfaktorisch als eindeutig besseren Bärensnack bewerben. Alles Leben geht weiter und irgendwann –zwischen zwei und drei—springt das Hörnchen , mitten in meiner Lektüre, auf meine Wade. Es vollführt einen Hörnchentanz, schaut mit großen Äuglein erst erwartend und dann hektisch enttäuscht: heute kein Snack für Dich, mein Kleiner, denn ich muss die Buchseite umdrehen.
Mut aber hast Du. Genauso wie die zahlreichen Libellen, die auf mir Platz nehmen: wohl eher weniger mutig, denn vom betörenden Geruch angezogen. Fließend Wasser gibt es auf kanadischen Territorial campgrounds nicht. Wir hatten noch feuchte Tücher, von denen Libellen sich aber anscheinend nicht austricksen lassen…

Genauso leer wie unsere Batterien, läuft mittlerweile der Magicbus auf Notstrom. Schließlich muss er nachts heizen und tagsüber Drinks kühlen. Zu viel für einen alten Herren der Eurovanklasse. Das Globetrottels-Equipment-Mastermind, alias Chouchou, muss also die Solaranlage ans Laufen bekommen. Dank arktischer Nordsonne klappt das ganz vorzüglich. Immerhin ist jetzt der Magicbus wieder voll. Nur Chouchou geht es noch immer nicht wesentlich besser.

Am späten Nachmittag –ein Buch leer, das nächste schon halb durch—komme ich aus reiner Langmut heraus auf die Idee, verweichlichten kanadischen Kids in Neopren ein Vorbild zu geben. Der Gang zum Strand ist noch voller Eleganz. Frisches Handtuch fällt auf weißen Sand, eine Nixe in schwarzem Schwimmdress mit Sonnenbrille auf. Ein zugekiffter, durchaus bärtiger Ami am Strand warnt noch („it´s cold as shit“), aber mein Entschluss steht fest: Ich werde mich unberührt in die Fluten stürzen. Ohne Neopren. Schaut her. Not born in the USA. Ich hätte es besser nicht getan…

Das Wasser ist eiskalt. Ich schaffe es gerade bis zum Bauchnabel, bevor ich innerlich abnippele. Gänsehaut ist kein Ausdruck. Millimeterlange Unterarmhärchen strecken sich meilenweit in einen endlosen Himmel. Kein Atem mehr, irgendetwas holt Luft. Ich vielleicht!? Kann mich nicht bewegen, eine eiskalte Welle –voller Gnaden– schiebt mich im letzten Moment zurück an den Strand. Da liegt es: das tiefgefrorene „ein Vorbild geben“, bibbernd, not born in the USA. Eine Ente in Neopren schwimmt kopfschüttelnd vorüber. Touristen. Unglaublich.

Am Abend gibt es Feuerchen. Nasses Holz von gestern qualmt extrem stark. Es taut hochmütige Geister rauchend wieder auf. Und bringt hoffentlich Gesundung für den Vernünftigen von uns.

Alles Leben geht weiter.
Manchmal tiefgekühlt am Rande eines eiskalten Sees, manchmal hustend und träumend im Magicbus. Manchmal in Neopren und manchmal, indem man einfach mal auf fremde Waden hüpft. Vielleicht gibt es ja was zu holen!?
Ein Versuch ist es wert. Zumindest…

Die Ruhe des Pine Lake

Pine Lake, 17.08.23, 8 Grad, Regen:
Das Wetter ist uns heute hold. 8 Grad und Regen ist genau das, was wir momentan gebrauchen können.
Wir fühlen uns beide krank – was sehr wahrscheinlich Quatsch ist. Wir beiden sind lediglich zutiefst erschöpft und die Akklimatisierung auf nächtliche drei Grad im Dachzelt und Jetlag tun ihr Übriges.

Es ist ein Tag, der gut tut:
Regentropfen auf dem Dach lauschen, Heizung auf muggelige 24 Grad. Chouchou verbringt seinen Tag mit Juli Zeh, ich mit T.C. Boyle, ein Mittagsschläfchen von zwei Stunden für jeden von uns inklusive.

Irgendwann dann noch flotte Ein-Platten-Küche (Schlangenböhnchen mit Reis) und Freundschafsanbahnung mit dem hiesigen Chipmunk anhand von Schokokeks.

Mehr passiert heute nicht auf Platz 26 des Pine lake state campgrounds.
Morgen ist wieder Sonne angesagt.

Back to wilderness

Wir verlassen Whitehorse im Trockenen.
Unseren schicksalhaften Robert Service Campground, die Bank auf der Halbinsel mit Ausblick auf den wilden Yukon und damit die letzte Zivilisation für die nächsten Hunderte von Kilometern.
Im Independence Superstore decken wir uns großzügig mit Lebensmitteln für die nächsten Tage in der Wildnis ein: „yukon grown-products“, die in diesen kurzen Sommern schon in sich Wunder sind. Nur die Avocados kommen aus Mexiko, grünes Gold, Sonnensommerkinder per Import.

Das Land Yukon besitzt angeblich 23 Ampeln. Alle davon in Whitehorse. Nach der 23. folgt nur noch unberührtes Land: 200 Kilometer Pinien und rotrauschendes Fireweed – Symbolpflanze des Yukons, gedeiht vor allem dort, wo zehrende Waldbrände Schneisen hinterlassen haben.

Ein Waldbrand ist es auch, der uns kurz hinter der Stadt nicht in Richtung Norden abbiegen lässt: das Örtchen Mayo, am Silberminentrail, wurde vor ein paar Tagen evakuiert. Die 200 Mayonaisen harren nun in Whitehorse aus, betend, dass abseits ihres blanken Lebens noch irgendetwas ihres Besitzes übrig bleibt. Wir halten uns auf dem Alaskahighway in Richtung Haines Junction, denn hier brennt es noch nicht.

Am Pine Lake finden wir ein Plätzchen für die Nacht. Direkt mit Blick auf den See, der heute windumtosen Wellen schlägt. Ein Lagerfeuer nach knappen sieben, surrealen Wochen, dies ist ein Moment, der sich plötzlich sehr echt anfühlt.

Wildnis, Wind und Weite –da sind wir erneut. Mit der großen Hoffnung, dass irgendetwas Verkapseltes im Herzen wieder aufkracht. Heute Abend ist immerhin schon ein Knistern zu hören.

Kleine Wunder an bekannten Orten

Der Jetlag drückt uns morgens lange in die Kissen. 8 Grad und Nieselregen tun ihr übriges: vor halb zehn wird heute nicht aufgestanden. Whitehorse -einer unserer Schicksalsorte-kann warten.
Bis elf gibt es dann erstmal siebzehn Kaffee: der Kocher brummt fröhlich im Regen vor sich hin, ein tröstliches Geräusch. Ab halb zwölf sind wir bereit für Eier und die Sonne kommt ein bisschen raus.

Es ist gut, dass diese Reise, unser Yukon 2.0, an einem bekannten Ort beginnt. Der große Überblick fehlt eh, es fällt damit zumindest leichter, einen Blick für die kleinen Wunder zu haben.

Wir spazieren am Yukon entlang in Richtung Downtown und entdecken Feenhäuschen am Wegesrand.

Auf der SS Klondike tauchen wir in die Zeit des Goldrausches ein. Passt, wenn man der Meinung ist: Früher war alles besser. Alte Kisten auf altem Dampfer flüstern von alten Abenteuern für die wir momentan selbst zu müde sind. Stellvertreterlebenssehnsucht. Ein Hauch Vergangenheit, der gut tut und zum Träumen einlädt.

Im zauberhaften Buchladen auf der Mainstreet können wir uns langsam wieder eingrooven auf den Geist des Yukon – „greater than life“. In der Auslage liegt ein Kochbuch für Cariboufleisch „von Geweih bis Huf“. Und danach ab zum Yukon Hiking im Kluane Nationalpark. Nur auf dem Papier, versteht sich.

Am Foodtruck genehmigen wir uns die einzigen vegetarischen Burger mit so vielen Pommes, dass selbst ein Elch davon satt werden könnte. Einer der stadtbekannten Junkies schnorrt uns mal wieder um einen „Loonie“ an. In seinem Leben scheint in den letzten sechs Wochen nicht allzu viel passiert zu sein.

Zurück auf unserem Milleniumtrail, zurück nach Hause zum Magicbus, grüßt uns eine gut getarnte Libelle auf einer Infotafel. Oben drüber nisten Weißkopfadler. Kleine, große Wunder des Lebens eben. Die Schönheit dessen ist unübersehbar. Selbst in Trauer.

Am Nachmittag bereiten wir den Magicbus für die morgige Abfahrt vor. Wasser zapfen, Reifen pusten, endlich wieder fegen, bevor es morgen nicht nur auf dem Papier zum Yukon Hiking in den Kluane Nationalpark geht, kurz vor Alaskas Grenze, raus aus der schützenden Decke der Zivilisation, rein in die Wildnis.

Zurück in ein Leben auf Reise. Zurück zu Pitstoiletten, in endlosen Wald, ohne Internet. Vielleicht für einen Moment hinein in Richtung kurzen Abschaltens!? Und damit sind nicht nur Daten gemeint…

Nützt ja nix…

Whitehorse, Yukon, 6 Wochen später:
Der Anflug auf den Yukon ist spektakulär. Wäre die Welt wie vorher, würde ich wohl schreiben, dass ich so etwas Schönes in meinem Leben noch nicht gesehen habe: über das ewige Eis, das viel zu brüchig ist; über eine Weite, die jede innere Enge sprengen kann; über endlose Wildnis, in der kein Menschleben mehr zählt. Die Welt aber ist nicht mehr wie vorher.

Anfang Juli hatten wir eine „kreative Pause“ angekündigt. Es wurde ein Haltknopf, der gefühlt kein Ende mehr hat.
Mein dePabels ist nicht mehr auf dieser Welt. Gelebt wie gestorben hat er mit einem großen Knall die Form gewechselt – für uns alle noch immer unfassbar. Dort, wo immer innerer Anker war, ist nun eine große Leere, von der ich keine Ahnung habe, wie man sie irgend wieder füllen wollte. „Treibt so wie a Segel im Wind“, schlingert mein Lebenskahn seither über einen stürmischen Ozean, tosende Wellen schlagen über mir zusammen, ohne dass ich wüsste, wie man in denen ein Schiff manövrieren soll. Mein dePabels ist nicht mehr auf dieser Welt. Das alles kann eigentlich gar nicht sein. Wer steuert denn das Boot, wenn John Maynard nicht mehr da ist?

„Nützt ja nix.“ „Leben wird vorwärts gelebt.“
Also sitzen wir am 13.8. wieder im Flieger. Zurück in den Yukon, zurück nach Whitehorse 2.0 in eine neue Welt, in unser momentanes Zuhause: den Magicbus. Im Herzen heimatlos.

Es fühlt sich sinnlos an, diesen Blog weiterzuschreiben, wenn der aufmerksamste Leser ihn nicht mehr liest. Es fühlt sich unmöglich an, diese Texte wieder aufzunehmen. Auch wenn ich ahne, dass es wichtig ist. Also tippe ich. Irgendwas. Buchstaben auf der Tastatur mit zittrigem Finger.
Es ist in Ordnung, wenn dabei erstmal wenig Sinnvolles entsteht. Momentan geht es nur darum, erstmal wieder anzufangen. Neu. In einer Welt, die nie wieder so sein wird, wie sie einmal war.
Und im Ohr höre ich meinen Papa, der jetzt kommentiert: „Ja bidde. Geht doch.“
Nicht gut, das ist momentan auch nicht der Maßstab. Zur Zeit geht es erst einmal darum irgendwie weiterzuleben. Ein Leben, das aktuell das unsere ist: in einem ollen Magicbus, am Rande des Yukons und vielleicht gen Alaska. Das Versprechen hat er mir noch abgenommen.
„Mach all die Dinge, die andere für unmöglich halten.“
Ich gebe mein Bestes, dePabels.

Be happy — it´s Canadaday // Be happy –it´s a happy day

Die letzten 48 Stunden haben wir uns ganz dem Yukon in seinen verschiedensten Formen hingegeben.
Kilometer lang spazieren – durch endloses Grün. Von einer Bärenwarnung an den Hidden Lakes verjagt, genießen wir hoch oben über Whitehorse die Aussicht über den See ganz bärenfrei. Bierchen am Fluss in unserem geheimen Park, Ackerschachtelhalmträume im Unterholz, ein umgedrehter Regenbogen über uns.

Dann Canadatag mit den Yukonern feiern im Shipyardpark und noch eine Runde Adäka Kulturfest der First Nation.

Den Abend verbringen wir mit unseren Nachbarn Paul, Louise, Gesicca und Antoine. Sie alle leben tief im Yukon in einem 400 Seelen Dorf, 500 Kilometer von Whitehorse entfernt, erreichbar nur über eine Schotterstraße. An diesem Abend dürfen wir ganz tief eintauchen und Geschichten hören, wie es sich am Ende der Welt lebt. Mit schönen Seiten und allen Problemen, die das Leben so ausmachen können.
Winter mit bis zu 50 Grad minus.
Keinerlei Gesundheitsversorgung vor Ort: der nächste Arzt in 500 Kilometern Entfernung, kommt einmal im Monat mit dem Auto vorbei. Insbesondere die „mental health“ Probleme seien gravierend. An einem Punkt der Konversation wird an uns die Bitte herangetragen, doch eine psychiatrische Praxis im Ort zu eröffnen, es würde so händeringend Hilfe gebraucht.
Alle vier arbeiten in der ortsansäßigen Miene – oder das, was von ihr übrig blieb. Mittlerweile geht es nicht mehr um den Abbau von Zink, sondern darum, die Umweltschäden „the day after“ wieder aufzuräumen.
Alkohol und Gewalt sind zentrale Themen: Letztes Jahr hat ein Verrückter zwei Menschen im Dorf abgeknallt, seitdem käme von außerhalb niemand mehr. Und jagen und fischen: wir sehen Fotos eines erschossenen Elchs –mittlerweile auf vier Tiefkühltruhen verteilt. Das Fleisch hält über den Winter satt. Frisches Gemüse gibt es nur im Sommer in einem Tante Emma Laden, aber von so schlechter Qualität, dass man besser das selbst Angebaute isst. Wenn es in den zwei Sommermonaten denn wächst im eigenen Garten.
Wir reden über die weiterhin bestehende Trennung von Aborigines und Non-Aboriginies. „They don´t like us“, über Louises schwerkranke Freundin und die morgige Hochzeit der Tochter. Darum sind alle vier hier. Das Geld aber ist so knapp, dass alle –Brautmutter und –vater und –schwester und -schwager– im Zelt übernachten. Die Einladung auf Bierchen bleibt trotzdem nicht aus: Herzlichkeit und Gastfreundschaft inklusive. Morgens machen sich alle im Regen fertig für das bevorstehende Event. Bester Zwirn im Vorzelt. Louise wird nach über 20 Jahren ihren Exmann treffen, der sie so sehr vermöbelt hat, dass sie ans Ende der Welt geflohen ist. Sie hat Angst. Es wird sicher dynamisch werden.

Nach diesem Abend –an dem wir gnadenlos unter den Tisch gesoffen werden—sind wir dankbar. Für so vieles. Für unser Rundumsorglosleben, für die endlose Gastfreundschaft von Menschen, die kaum etwas zu teilen haben und es trotzdem so freigiebig tun. Wir sind dankbar für die kurzen Einblicke in ein Leben, das unserem so fern ist, dankbar für so viel Herzlichkeit und demütig. Unser Leben ist eines der einfachsten und sorgenfreiesten, das man auf dieser Erde führen kann. Eigentlich haben wir immer in unserem Leben so unglaublich viel Glück gehabt, beschützt durch einen guten Stern und ganz ohne eigenes Zutun. Sonntagskinder, die täglich warm essen können – was auch immer wir wollen, wieviel auch immer wir wollen. Und ein Arzt um Eck.
Und so sind so Abende wie diese unfassbar kostbare Momente einer großen Reise. Weil es nicht immer nur um die Schönheit der Erde geht, sondern oft auch darum, das eigene Leben in Relation zu setzen. In Relation zu einer Welt, in der es vielen Menschen nicht so einfach gemacht wird, einfach gut leben zu dürfen. Unglaublich, wieviel Glück wir haben…

Die Globetrottels: Shy dancers

Es gibt eine Sache, die beiden Globetrottels –bei allen charakterlichen Unterschieden—gleichsam schwer fällt: ein „bis drei Nachmittags nichts zu tun“. Heute stellen wir uns eben dieser Herausforderung, denn unser Programm soll an diesem Donnerstag vorher nicht losgehen. Füße stillhalten in der Wuselwelt. Einfach ist das für uns nicht.
Gespoilert darf werden, dass wir es trotzdem schaffen.
Zugegeben lag ein 6 Kilometer Spaziergang davor. Mit ganz viel auf gewidmeten Bänken sitzen und auf den Fluss starren und quatschen. Über die wichtigen Dinge im Leben. Über Bänke zum Beispiel, die meist sehr jungen Toten gewidmet sind. Im Yukon wird man nicht ganz so alt wie in unserer Rundumsorgloswelt mit Notarzt rund um die Uhr und einem Klima, das wir noch als „gemäßigt“ bezeichnen. Als männlicher Angehöriger der First Nations schafft man es im Yukon im Durchschnitt 67 Jahre am Leben zu bleiben. Ein sogenannter „non-aboriginal Yukoner“ schafft es 8 Jahre länger – und immer noch vier weniger als bei uns. Allein diese Statistik spricht Bände bezüglich der Gesundheitsversorgung und auch –probleme der Menschen der First Nations.

Um 15 Uhr geht dann endlich unser Programm los: Donnerstag ist Farmers Markt in Whitehorse.

Wir stürzen uns Hufen scharrend mittenmang, flanieren, spazieren, lustwandeln, schlagen uns die Bäuche voll und schlummern dann eine Runde im Schatten. Danach gibt es als Belohnung lokal gebrautes Bier („a beer worth freezing for“) und lokale Livemusik im Sonnenschein. Perfekt um einen Tag zu starten – mittlerweile nachmittags um halb fünf.

Die junge Musikerin ist engagiert, laut und leidenschaftlich. Obendrein meint sie es gut mit unserem Zeitplan. Um zehn vor sechs legt sie ihre Klampfe ins Gras, das passt, denn wir müssen weiter ziehen. Um sechs fängt die Eröffnungs-Zeremonie des Adäka Kulturfests – der hiesigen First Nation—an. Das kann natürlich nicht ohne die Globetrottels von Statten gehen.

Auf dem Adäka Kulturfestival feiert die in Whitehorse ansässige First Nation eine Woche lang den Reichtum ihrer Kultur. Eine gänzlich untouristische Veranstaltung, wie wir schnell herausfinden werden. Außer uns sind Hunderte von Menschen in einer abgedunkelten Halle zusammengekommen, außer ein paar augenscheinlich esoterischen Winnetoufreaks sind außer uns keine weißen Menschen dort. Auch Bände sprechend, diesmal bezüglich der Mischung aboriginaler und non-aboriginaler Lebenswelten vor Ort.

Für uns soll dieser Abend ein bewegender und berührender sein. Dreimal dürfen wir fernen Musiken lauschen – von modern interpretiert über rockig bis traditionell.
Innerlich mit allem mitgehen, das geht. Nur mittanzen, das trauen wir uns dann leider doch nicht.

Fischtreppe, Keller-Trevor und ZZ Top als Nachbarn

Mittwoch, 28.6., weit nach Mitternacht:
Es ist so schön, wenn die Sonne gar nicht mehr untergeht. Wenn man gar nicht mehr schlafen möchte. Weil der Tag endlos erscheint. Oder ist. Und das Leben dahinter genauso…
Wie sehr würde ich mir wünschen, dass es ganz genauso wäre: Endlos. Dieses Leben. Für all meine Liebsten und manchmal auch für mich selbst. Weil die Welt so voller Wunder ist – und alle wollen gesehn werden. Endlose Weite, Bären in freier Wildbahn, Mitternachtssonne… zum Beispiel.
Das Rad der Zeit aufhalten, indem man einfach nicht mehr schlafen geht…das wäre doch was! Und so fällt es mir Tag für Tag schwerer einfach ins Bett zu gehen. Es gibt keine Nacht mehr. Wir alle wachen unter dieser Sonne. Und das, was bleibt, ist endloses Leben. Mit geöffneten Augen.

Mittwoch, 28.6., 08:30h:
Schlussendlich sind wir doch irgendwann ins Bett gegangen. Nachdem das Eichhörnchen im Bulli war. Und die ersten Seelen an einem neuen Tag zum Arbeiten nach Whitehorse mussten. Irgendwann, vielleicht kurz nach drei, als die Sonne schon wieder vollendend aufgegangen war.

Nach dem ersten Kaffee spüren wir, wie gut die gestrigen 15 Kilometer zu Fuß getan haben. Sich endlich wieder ausgiebig bewegen nach 10000 Kilometern Magicbus fahren. Also machen wir das heute nochmal. Nur auf etwas abgewandelten Wegen. Und einen Hauch verkatert.

Kurz hinterm Staudamm liegt die größte Fischtreppe der Welt, vor allem bekannt für riesige Königslachse, die im Herbst stromaufwärts wollen. Im späten Nordfrühling sind vor allem kleine Forellchen vor Ort, die allerdings müssen sich richtig Mühe geben, die lange Leiter gegen den kräftigen Strom hoch zu kommen. Wackere Schwerstarbeit ohne zu Murren, die wir hier durch die Aquariumsscheiben beobachten dürfen. Hut ab, ihr fleißigen Fischchen. Wir sind froh, nicht tauschen zu müssen.

Danach spazieren einmal den Milleniumtrail ab – immer am Fluss entlang, der heute deutlich wilder als gestern fließt.

Fünf stramme Kilometer, dann gibt es als Belohnung erstmal bestes Katerfrühstück: Pizza und Donuts. Obwohl es deutlich nach Mittag ist. Anyway. Hauptsache alles für die Linie. Danach treffen wir Trevor.

Trevor arbeitet in einem Kellerverschlag. Als mehr kann man das dunkle, hutzelige Räumchen wirklich nicht bezeichnen. Trevor sitzt hier tief vergraben unter USB-C Kabeln und alten Ipads und wartet auf Kunden, die sich die steilen Treppen hinab trauen. Er ist genau der richtige Experte für das vor Wochen zerdepperte Apfeltelefon von Chouchou. Keller-Trevor, der erste, der bereit ist zu versuchen, das bunte Display (und alles dahinter) zu retten. Zu Applepreisen.
Trevor ist Großmeister im Multitasking. Beziehungsweise im „eine Sache anfangen, noch eine Sache anfangen, noch eine Sache anfangen…. und wo war ich jetzt stehen geblieben!?“
Neben der Bearbeitung der Zugangsdaten von Chouchous Telefon, dem Einpflegen des Auftrags in ein nur schleppend laufendes System, kann Trevor gleichzeitig mit Witzen um sich werfen und 100 Jahre europäischer Geschichte mit abhandeln. Dann ruft Dan an, dessen Tochter ihre Airpods verloren hat. Dan wird in einem Zug über Lautsprecher mit abgehandelt, neben Scherzen und History und Daten irgendwo einpflegen. Trevor ist anscheinend nicht nur auf vielen Hochzeiten gleichzeitig unterwegs, sondern nebenbei auch in allen Iclouds der Stadt. Unser Mann für digitales Fallobst.

Zurück in unserem Camp hat die Nachbarschaft mittlerweile gewechselt. Die Hells Angels aus Ohio haben mit ihren Harleys neben uns eingecheckt.
Das ist gut. Dann kann uns heute Nacht nichts mehr passieren. Beschützt von nachbarschaftlichen ZZ-Top-Bärten, die alles Böse fernhalten können.

Whitehorse in 15 Kilometern zu Fuß ist …

Whitehorse in 15 Kilometern zu Fuß ist:
…meist am sagenumwobenen türkisgrünen Yukonriver entlang . Eigentlich dachten wir, ab Whitehorse wäre der Yukon eher noch ein Flüsschen, müssen aber lernen–mit Nichten! Also doch kein ungeführtes Kanufahren für uns als blutige Anfänger. Erste Erkenntnis des Tages und ein Strich, statt Haken, auf der Löffelliste.

Whitehorse in 15 Kilometern zu Fuß ist:
unter vollkommen angstbefreiten Möwen zu wandern, die als Bande einen Adler angreifen.Ich überlebe einen Winter bei minus 40 Grad ohne Jacke. Dann krieg ich jawohl auch den Eagle platt.

Whitehorse in 15 Kilometern zu Fuß ist:
…einmal die Klippen hoch zum Ausguck, sich an den Drop-offs verlaufen, von einem Fuchs verfolgt und von Jerry aus Manitoba wieder auf den rechten Weg gebracht zu werden. Jerry trägt einen weißen Rauschebart und eine mit Panzertape geflickte Hose; in der einen Hand einen Stock gegen die Kojoten, in der anderen eine Leine, an der ein winziges Hündchen hoppelt. Jerry ist seit 1967 in Whitehorse: „I came young and foolish. And never left. As they say: If you once come to the Yukon, you might stay forever.” He did.

Whitehorse in 15 Kilometern zu Fuß ist:
…die SS Klondike von außen zu bestaunen, wegen des SS hat sie bei uns allerdings bereits verschissen. Auch wenn das eine mit dem anderen rein gar nix zu tun hat.

Whitehorse in 15 Kilometern zu Fuß ist:
…besonders in den indigenen Communities erneut zu bemerken, wie groß das Drogenproblem ist.
Junkies an den Ecken, schmuddelige Flyer mit Hilfsangeboten, die „Community health center“ brechend voll mit taumelnden Menschen. Stecknadelpupillen, Schlafzimmerblick, Benzobeugung. Der Supermarkt am Ortsende wirbt mit Naloxon-Kits unter der Ladentheke. Wenn wir wollten, hätten wir hier sofort sehr viel Arbeit.

Whitehorse in 15 Kilometern zu Fuß ist:
…trotz allem eine sehr menschenfreundliche Stadt zu genießen nach so vielen Tagen (wenn nicht gefühlten Wochen) der endlosen Einsamkeit. Es gibt Rad- und Fußwege, ein lottriges Kino, regenbogenfarbene Zebrastreifen und eine Transgender Flagge vor der Cityhall, bepflanzte Blumenkübel in der Fußgängerzone, liebevoll gestaltete Cafés, bunte First nations Grafittis an blättrigen Mauern und eine wirklich hilfreiche Lady in der Visitor Office, die obendrein eine Fuchsflüsterin ist. Aber psssst.

Wir fühlen uns sehr wohl in diesem Örtchen am Ende der Welt. Der Yukon hat knapp 40000 Einwohner auf einer doppelten Fläche von Großbritannien. In Whitehorse lebt die Hälfte der Gesamtbevölkerung.
Eine Ansammlung von 20000 wetter- und lebensgegerbten Menschen, die hart kämpfen und hart leben können. Menschen, die ihre Pforten der Welt gegenüber offen halten, trotz aller Beschwerlichkeiten. Selbstverständlich ist das nicht.

Obendrein sind wir auf dem Wohlfühlcamp Nr 1 gelandet.
Vor den Toren des Orts gibt es einen Platz, an dem eigentlich nur Zelte sein dürfen. Weil wir ein wenig raus aus der Monster-RV-Welt wollten, haben wir es trotzdem hier probiert. Einfach mal fragen. Und erneut Glück haben.
Weil wir so klein sind –und eigentlich auch nur ein Auto mit Zelt obendrauf– dürfen wir hier bleiben. Und weil die Stadt so nett ist, werden wir das für insgesamt drei Nächte tun.
Neben uns checken gerade die drei Mopedfahrer aus Illinois ein: laute Stimmen, lustige Geschichten im Gepäck und zum vierten Mal unterwegs nach Alaska.
Daneben steht Hans in seinem Zelt. Mit seinen knappen 70 wartet er auf seine Kumpels aus Süddeutschland, um vierzehn Tage den Salmon River zu erpaddeln. Danach geht’s ab zum Paragliden.
Ein freches Eichhörnchen tanzt auf dem Tisch und möchte Krumen vom Schweizer Sauerteigbrot haben.
Wir sind alle schon jetzt verbunden.

Whitehorse. Es ist ein nettes Zurückkommen in einen Hauch dessen, was wir einmal kleine Zivilisation nannten. Heute aber fühlt es sich wie die große, weite Welt für uns an.
Eine große, weite Welt nach 100 Jahren Einsamkeit…

Shower – greater than Feuchttücher

Yukon: larger than life. Es ist nicht ganz unbescheiden, wie dieser Teil der Erde um sich selbst wirbt. Größer als das Leben selbst. Das Selbstbewusstsein muss man erstmal haben. Der Yukon hat es. Zurecht.

Tatsächlich sprengt unser erster Tag hier alle Dimensionen.
In den Prärien fühlten wir uns bei der Tornadowarnung ganz weit draußen, weit weg von allem, dabei lag die nächste Siedlung nur dreißig Kilometer weiter. In Waterton empfanden wir es als extrem weit, 120km zum Einkaufen fahren zu müssen.

Mittlerweile sind wir von der letzten Krankenstation 1200 Kilometer entfernt. Die lag in Dawson Creek. Das sind mit dem Magicbus drei Tagesreisen – wenn wir flott fahren.

„Emergency service“ gibt es im Yukon lediglich in der Hauptstadt Whitehorse – und 50 Kilometer drumrum. Ansonsten ist man in diesem Teil der Erde vollkommen auf sich alleine gestellt.

Diese Erkenntnis macht was mit einem. Was genau, weiß ich noch nicht. Ich werde es niederschreiben, wenn´s in Worte gefasst werden will.
Momentan ist es vor allem überwältigend. Mal wieder.
Chouchou sagte heute: Dieses Gefühl ließe sich kaum beschreiben, es ließe sich nur er-fahren. Ich glaube, das trifft es ein bisschen.

Auf den heutigen 450 Kilometern in Richtung Whitehorse schweigen wir sehr viel. Ruhiges und auch ehrfürchtiges Er-fahren dieses gigantischen Erdteils, larger than life.
Nur zweimal unterhalten wir uns etwas länger: einmal darüber, was es zu tun gäbe, wenn wir hier eine Panne haben sollten (beten?). Und einmal über die Diskrepanz mit dem eigenen Auto durch Indien –am dichtesten besiedelter Teil der Welt—zu reisen oder durch den Yukon –eine der entlegensten Gegenden dieser Erde.
Unglaubliche Glückspilze, beide Extreme erlebt haben zu dürfen.
Wir sind uns noch nicht sicher, welche Variante die abenteuerlichere ist…

Vorbei am Schwarzbär Nr 17, über die nächste Kontinentalscheide: die einen Wasser bitte gen Nordpolarmeer, die anderen bitte gen Pazifik. Danke. Einziges Nest auf der heutigen Strecke ist Teslin, das mit einer sehenswerten Kunstausstellung und Coffee to go wirbt. Nehmen wir beides. Die Kunstausstellung entpuppt sich als eine Ansammlung ausgestopfter Tiere, der Kaffee kommt günstig und tiefschwarz aus überdimensionalen Bottichen. People of First Nations an Tresen und Tischen, irgendwie riecht es hier bereits nach Beringstraße.

Am Highway Kilometer 1111 bittet ein Schild darum, keine Grizzlys aus dem fahrenden Wagen zu schießen. No Grizzly hunting 100m from highway. Oder sollte es heißen: Liebe Grizzlys. Bitte keine Touristen jagen im Umkreis von 100 Metern der Straße!? Wir werden es wohl nie erfahren.

Nach mittlerweile sehr vielen Tagen ohne Dusche gönnen wir uns heute einen echten Campingplatz. Mit Wasserclosets (nicht falsch verstehen: Pitstoiletten sind schön und gut, man muss ein sonores Fliegensummen als akkustische Untermalung allerdings auch lieben), Dusche, Strom und einem Hauch WLAN. An der Rezeption steht Steve aus Luxemburg. Er hat sich vor ein paar Jahren aus dem Bankenbusiness abgeseilt und ist nun Herbergsvater eines Campgrounds am AlaskaHighway. Lebensgeschichten gibt’s…
Mal wieder bekommen wir den allerletzten freien Platz (fürs Phantom: Platz 22). Wie immer: Sonntagskinder auf großer Tour.

Und so endet unser erster echter Tag im Yukon mit einer langen, heißen Dusche – mit Haare waschen. Und Haare weichspülen. Und Haut einseifen. Und Haut eincremen. Und Nägel knipsen. Und alles frisch waschen und frisch anziehen. Und schlussendlich wie sauber geschrubbte Bisonkälbchen duften. Bisonbärenwunderbar.

Der Yukon mag ja größer als das Leben selbst sein.
Eines der größten darin aber ist und bleibt – heiß duschen nach gefühlten Ewigkeiten.

Yukon – larger than life.
Shower – greater than Feuchttücher!

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