Die Nächte sind klirrend kalt – wie sonst sollte es sein, eher Ende als Mitte August, kurz vor Alaska, in unserem Rekonvaleszenzcamp. Auf dem ersten Kaffee liegt Tau. Er schwimmt unbeeindruckt auf der Hafermilch, gleich neben dem Ahornsirup und über dem See wabern Wolken, die bereits einen Hauch von winterlicher Behaglichkeit in sich tragen. Beim Entzünden der Heizung beschlagen die Fensterinnenseiten. Natürlich schlafen wir mit Mütze und Schal. Natürlich kann man bei dem Wetterwechsel krank werden. Sehr wahrscheinlich sogar. Chouchou ist´s heute noch immer. Nur ich bin gestern eher einer histerionen Entgleisung erlegen. Aus reiner Loyalität und heute fit.
Dieser Tag soll mal wieder ein langsamer werden. Wieder einmal, richtig so.
Zum Frühstück wackeres Sauerteigbrot aus der alpinen Bäckerei in Whitehorse („Alaskan“, 9 Dollar 50 und jeden Pfennig wert), danach legt sich Chouchou nochmal träumen. Mittlerweile ist eine Sommersonne über die Berge gestiegen, sie glitzert auf ruhigem See. Grund genug für mich in den Bikini zu schlüpfen. Das mag ein wenig frisch wirken (ist es auch), aber mir dürstet mit jeder Pore nach Sommer. Deshalb muss es so sein. Bikini, dicke Socken und ein Buch in der Hand.
Wundersamerweise haben wir hier Internet, wir nutzen es heute aber kaum. Wir lauschen eher den Kanada-light-Geräuschen um uns herum. Es ist schön, in diesem abgelegten Wäldchen erstmal nicht ganz alleine zu sein. Weil menschliche Geräusche auch ein Zeichen davon sind, dass alles Leben weitergeht. Neben uns kläfft den ganzen Tag ein empfindlicher Pfiffi, am Strand 200 Meter weiter kreischen die wenigen Kinder, die sich mit Neopren ins Wasser trauen. Die Amis zwei Plätze weiter grillen eindeutig Totes. Wie schlimm, dass ich den Geruch lecker finde. Wie gut, dass sie sich damit olfaktorisch als eindeutig besseren Bärensnack bewerben. Alles Leben geht weiter und irgendwann –zwischen zwei und drei—springt das Hörnchen , mitten in meiner Lektüre, auf meine Wade. Es vollführt einen Hörnchentanz, schaut mit großen Äuglein erst erwartend und dann hektisch enttäuscht: heute kein Snack für Dich, mein Kleiner, denn ich muss die Buchseite umdrehen.
Mut aber hast Du. Genauso wie die zahlreichen Libellen, die auf mir Platz nehmen: wohl eher weniger mutig, denn vom betörenden Geruch angezogen. Fließend Wasser gibt es auf kanadischen Territorial campgrounds nicht. Wir hatten noch feuchte Tücher, von denen Libellen sich aber anscheinend nicht austricksen lassen…
Genauso leer wie unsere Batterien, läuft mittlerweile der Magicbus auf Notstrom. Schließlich muss er nachts heizen und tagsüber Drinks kühlen. Zu viel für einen alten Herren der Eurovanklasse. Das Globetrottels-Equipment-Mastermind, alias Chouchou, muss also die Solaranlage ans Laufen bekommen. Dank arktischer Nordsonne klappt das ganz vorzüglich. Immerhin ist jetzt der Magicbus wieder voll. Nur Chouchou geht es noch immer nicht wesentlich besser.
Am späten Nachmittag –ein Buch leer, das nächste schon halb durch—komme ich aus reiner Langmut heraus auf die Idee, verweichlichten kanadischen Kids in Neopren ein Vorbild zu geben. Der Gang zum Strand ist noch voller Eleganz. Frisches Handtuch fällt auf weißen Sand, eine Nixe in schwarzem Schwimmdress mit Sonnenbrille auf. Ein zugekiffter, durchaus bärtiger Ami am Strand warnt noch („it´s cold as shit“), aber mein Entschluss steht fest: Ich werde mich unberührt in die Fluten stürzen. Ohne Neopren. Schaut her. Not born in the USA. Ich hätte es besser nicht getan…
Das Wasser ist eiskalt. Ich schaffe es gerade bis zum Bauchnabel, bevor ich innerlich abnippele. Gänsehaut ist kein Ausdruck. Millimeterlange Unterarmhärchen strecken sich meilenweit in einen endlosen Himmel. Kein Atem mehr, irgendetwas holt Luft. Ich vielleicht!? Kann mich nicht bewegen, eine eiskalte Welle –voller Gnaden– schiebt mich im letzten Moment zurück an den Strand. Da liegt es: das tiefgefrorene „ein Vorbild geben“, bibbernd, not born in the USA. Eine Ente in Neopren schwimmt kopfschüttelnd vorüber. Touristen. Unglaublich.
Am Abend gibt es Feuerchen. Nasses Holz von gestern qualmt extrem stark. Es taut hochmütige Geister rauchend wieder auf. Und bringt hoffentlich Gesundung für den Vernünftigen von uns.

Alles Leben geht weiter.
Manchmal tiefgekühlt am Rande eines eiskalten Sees, manchmal hustend und träumend im Magicbus. Manchmal in Neopren und manchmal, indem man einfach mal auf fremde Waden hüpft. Vielleicht gibt es ja was zu holen!?
Ein Versuch ist es wert. Zumindest…




Chapeau du Badenixe!
Drücke euch die Daumen, dass das Wetter noch mitspielt. Bleibt und werdet gesund lg
Liebe Dagmar!
Danke Dir für Wetter- und Genesungswünsche. Die Sonne bleibt uns hold und Chouchou darf heute im einzigen Motel weit und breit ein bisschen mehr gesunden. Baden heute eher in der heissen Badewanne, denn im kühlen Kluanelake. Danach gehts schon wieder…
Liebe Grüße aus Destruction Bay,
Deine Joana