Die Nächte bleiben eiskalt. Nichts zu beschweren, schließlich ist in dieser Ecke der Welt ab Mitte August mit potentiellen Schneestürmen zu rechnen, aber Chouchous Gesundung ist es leider nicht zuträglich. Um neun hustet es aus dicken Daunendecken stürmisch gen aufgehende Sonne, die Gott sei Dank einen Spätsommerauftakt in den Tag macht. Immerhin. Spätsommergrippe bei Tagestemperaturen um die 20 Grad.
Schnaufend und mit dicken Schals umwickelt verlassen wir unseren wunderbaren Seeplatz, unsere Nachbarn stehen schon freudestrahlend in den Startlöchern, dass der nun endlich frei wird. Gut, dass wir alles blitzeblank hinterlassen. Nicht mal Viren hängen noch in Pinien und abgebranntem Feuerholz, die packen wir ein und fahren weiter gen Westen.
Die nächste Ortschaft auf unserem Weg ist Hains Junction. Im Alaskahighwaybüchlein als Bollwerk der Zivilisation angekündet, hat es hier nicht mal einen Supermarkt. Meilenweite Blicke über eine leere Straße mit zwei Siedlungen an dessen Rändern, ein verlassener RV-Park am Ortseingang lottert munter vor sich hin, hier wird schon lange nicht mehr eingeparkt.

Immerhin finden wir eine rußige, chinesisch geführte Tanke, die Ibuprofen zu Schwarzmarktpreisen vertickt, eine stylische Ökobäckerei, die so auch in der Bonner Südstadt Kunden gewinnen könnte (why!?) und eine katholische Kirche in Miniaturausgabe. Zwei Bänke für alle verlassenen Seelen, die hier irgendwann vielleicht mal einschneien. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Und hinter Haines Junction tut sich das Paradies auf.
Mit Worten lässt sich die folgende Gegend kaum beschreiben. Chouchou trifft es –nach langer Stille im Magicbus—ganz gut: „Sehr viel sehr Wenig.“ Und davon alles atemberaubend. Sehr viel Atemberaubendes, sehr wenig Worte. Ohne zu übertreiben kann ich zumindest wohl schreiben, dass ich nur sehr, sehr selten Schöneres in meinem Leben gesehen habe. Demütig. Erhebend.
Zu unserer Linken tut sich eines der größten zusammenhängenden Naturschutzgebiete der Erde auf: der Kluane-Nationalpark. Land der Gletscher, des Eises und des ewigen Windes. Der Mensch ist hier ein niemand. Gestein und Himmel endlos. Ein paar wackere First Nations leben hier nur vereinzelt in einem Ganzjahreswinter, der lediglich für wenige Monate unterbrochen wird. Heute zum Beispiel. Hier wollen wir für eine Nacht bleiben.
20 Meter vom Kluane Lake, Yukons größtem See, entfernt bauen wir unser Camp für die Nacht auf.

Eine verniedlichende Tafel am Campeingang macht uns aufmerksam, dass wir heute Nacht mitten im Grizzlyhabitat nächtigen. Der so genannte „Wildlife corridor“ verläuft 20 Meter weiter: am Ufer. Die bei Grizzlys besonders beliebten „female soapbery bushes“ hat man netterweise von der angrenzenden Wiese entfernt, damit die Meister Petz´am See bleiben und nicht freudestrahlend übers Camp marschieren. Die Zelter sind trotzdem durch einen dicken Elektrozaun geschützt. Ein bisschen aufregend ist das schon.

Denn:
Der Mensch ist hier ein niemand. Gestein, Wasser und Himmel endlos. Es ist lehrreich, sich etwas kleiner zu fühlen, als man so im Allgemeinen glaubt zu sein. Meist Jemand. Irgend jemand.
Aber eben auch nicht immer…




