Unterwegs im Magicbus

Autor: Chérie (Seite 17 von 28)

Von wunderbaren Menschen und einem wundersamen Müllkuckuck

Eines der tausend schönen Dinge an den USA sind die kleinen Chitchats mit Menschen. Plaudereien, die sich ganz nebenbei, ganz non-chalant ergeben: quasi im Vorbei gehen. Die Offenheit der Amis ihre Geschichten zu teilen, sie ist ein großes Geschenk für Geschichtensammler wie wir es sind. In 30 Minuten zahlreiche, fremde Lebensepisoden einatmen, aus denen sich ein buntes Menschenbild ergibt.

Heute Morgen ist es Dave, der uns an seinen Geschichten teilhaben lässt. Dave, dieser Typ von einem Typen, der sich von niemanden etwas sagen lässt. Einer, der ganz nach seiner eigenen Facon zu leben scheint, ein liberaler Outlaw.
Dave lebt seit eineinhalb Jahren auf dem RV-Platz. Eigentlich aus der Werbung kommend, macht er mittlerweile ein bisschen dies, ein bisschen das. Alles ist genehm, so lange es gutes Fleisch und gute Drinks dazu gibt. Schließlich hat er auch dafür in einem früheren Leben die Werbeslogans entworfen: for cheap booze.
Dave hat eigentlich schon alles gesehen: mit 16 zu Hause raus, die Jahre davor hat er sich immer bei den Nachbarn den Bauch vollschlagen müssen, da sein alleinerziehender Vater es nicht auf die Kette bekam, etwas Essbares ins Haus zu schleppen. „Until today, he never was at the grocery store“ und ist trotzdem kürzlich 90 geworden.
Mit 17 ist Dave durchs Land geradelt. Niemand hätte erwartet, dass er von dieser Reise lebend zurück kehrt. Ist er aber. Danach hat er sich durch den Westen getrampt. Nur einmal im Death Valley wäre das fast ins Auge gegangen: wegen der Hitze. Ob es ihm unwohl ist im kriminellen Deming? Mitnichten. Denn auch Dave ist bis unter die Zähne bewaffnet. Heavyly armed, nennt er das und lacht. Lacht eigentlich ständig und wenn er es nicht tut, lachen seine Augen weiter.
Dave ist es auch, der uns den nächsten Autoglaser empfiehlt. In Las Cruces. Wenn der es nicht macht, dann macht es niemand, meint Dave. Tatsächlich soll er Recht behalten. Der beste Campingnachbar der Welt.

Im liebevollen, alten Bad wird vor Weiterreise flott geduscht. Und vor einem Schminkspiegel, der noch Beehive-Tollen gewohnt ist, kommen frische Kontaktlinsen rein. Das dritte Paar in eineinhalb Wochen. Weil Wüste schmiergelt. Dann geht’s wieder los.

Trotz Daves Empfehlung wollen wir noch einen Glaser vorab in Deming checken. Einfach um unsere Chancen zu erhöhen, das Örtchen zu sehen und weil man´s ja versuchen kann. Und weil „Desert glass“ so klingt, als würde man selbst den abgehalftersten Kamelen noch helfen können. Nein, kann man leider nicht. Aber zumindest sammeln wir eine schnelle, politische Meinung ein. Wieder die eines „Rednecks“. Vielleicht ist es ein ungeschriebener Berufsethos der amerikanischer Autoglaser: Republikaner wählen!? Also weiter in Richtung Las Cruces.

Kurz hinter Deming geht es nach „Truth or consequences“ ab, dem Ort mit dem Western-tauglichsten Namen weltweit. Und kurz dahinter kommt die „Best rest area 1992“ – stolz angepriesen und preisgekrönt—mit dem größten Schrott-Wegekuckuck der Welt. World´s biggest trash roadrunner. Den wollen wir uns natürlich anschauen.

Vorbei an den christlichen Fanatikern, die in der prallen Mittagssonne kostenlose Bibelkurse anbieten und freundlich grüßen, sehen wir den Kuckuck schon von weitem. Mit seinen Flügeln aus alten Computern, seinem Bauch aus Turnschuhen und den Beinchen aus Autoreifen blickt er übers Tal auf die Stadt vor den zotteligen Berggipfeln. Endlich mal wieder Zeit für Globetrottels-TV deckt auf…

Es ist kurz nach Mittag in Las Cruces, als wir auf den Parkplatz von Safelite rollen. Safelite – Daves Empfehlung („if they don´t do it, nobody in this country will.“) und unsere – als letzte Chance erklärte—Anlaufstelle für unser Steinschlagproblem, nachdem wir bereits viermal abgewiesen worden sind.
„Vielleicht sollten wir verzweifelter klingen, wenn wir durch die Tür scheppern!?“ Wir versuchen es.

Jesse ist auf den ersten Blick wenig zuversichtlich, da „der Crack“ mittlerweile mehrere Risse sind –nicht nur lang und sternförmig gesplittert, sondern obendrein außen und innen. Aber was soll´s: er will es versuchen, um zumindest das Schlimmste zu verhindern. Jesse ist der Erste, der versteht, dass wir wirklich ein Notfallproblemchen haben und dringend erste Hilfe benötigen. Er ist der Erste, der nicht bange ist, zumindest einen Versuch zu machen uns zu helfen. Und bereits dafür sind wir ihm endlos dankbar.
30 Minuten später hat Jesse massenweise Kleber verbraucht und sehr wahrscheinlich mehrmals die Batterie am dauerlaufenden UV-Licht-Härter gewechselt. Sein Chef schleicht sich von hinten an, blickt über Jesses Schulter auf das angeblich unmögliche Projekt und nickt zufrieden: ein wohlbeleibter Mexikaner mit Gleichmut im Gesicht und einem unverrückbaren Glauben an alternative Lösungen und endloser Zuversicht zwischen den Ohren. „That will do it.“ Ein mexikanisches „Nichts ist unmöglich“ in der Stadt der Kreuze.

Dios preise die mexikanische Flexibilität und Hilfsbereitschaft! Wir sind überglücklich und können es kaum fassen. Und was kostet der Spaß? „It´s on me,“ sagt Jesse. Geschenkt. Geschenkt? Ja, geschenkt.
Ich falle Jesse um den Hals, ein Lächeln strahlt zurück. Auch Chouchou ist ganz aus dem Häuschen, kann das aber nicht ganz so exzentrisch zeigen und füllt daher die Kaffeekasse auf.
Die Globetrottels –superhappy!– an einem nicht für möglich gehaltenen Mittag, der den Glauben an die Menschheit stärkt. Eine Menschheit, die „out oft he box“ denken kann und will. Von Herzen: Danke, Safelite Las Cruces! Jetzt haben nur noch die Globetrottels einen Sprung in der Schüssel – der aber ist wahrscheinlich irreparabel.

Da also ist sie wieder: die wunderbare Kaskade der Vorsehung –oder des Zufalls:
Wäre gestern der erste Übernachtungsplatz nicht gesperrt gewesen und hätte uns der erste RV-Platz nicht naserümpfend abgelehnt, hätten wir nie Dave kennengelernt und wären nicht bei Safelite vorbeigefahren. Wofür all die Dinge doch immer wieder gut sind.

Ohne Risse in der Scheibe fahren wir nun erstmal den Bulli duschen. 4 Dollar für eine minimale Magicbuswellness und Impossible Burger für die Globetrottels danach. Satt und sauber können wir nun ins NASA-Gebiet einrollen.

Hinter Las Cruces liegen hochgeheime Aeronautikgefilde. Mit Höherem als mit liebevoller Namensgebung befasst, ist die –nach den Hügeln Las Cruzes folgende– Weite einfach als „District 1“ und „District 2“ benannt. Steppe, so weit das Auge reicht. Ein paar schlecht frisierte Yuccapalmen am Wegesrand, ein Kojote joggt über den wenig befahrenen Highway.

Ein Bordercontrolposten im Nirgendwo, ein sonnenbebrillter Homeland security-officer, der uns freundlich weiter winkt. Die geheimen NASA-Wärmekameras haben im Hinterteil des Magicbus sehr wahrscheinlich nur die erweiterte Globetrottelscrew registriert:
Rudi – ein fauler, speckiger Türkisdrache ohne Zähne.
TF 23 – ein blaues Alien mit Hang zum Punkrock.
Sir Hilly – ein Zombieeinhorn mit Verstoffwechslungsproblemen. Alle legal und mit Visum.

Am Holloman Lake, kurz hinter den weißen Dünen, bleiben wir heute Nacht. Ein müffeliges und giftiges Rinnsal an Restwasser, aber mit tollem Ausblick und sehr kostenlos. Ein paar Düsenjets fliegen Proberunden über dem verlassenen Fleckchen Erde und durchbrechen einmal die Schallmauer – ein Geräusch, dass jegliche Nachmittagsmüdigkeit vertreibt.

Und dann geht um halb sechs auch schon wieder die Sonne unter: heute in kitschigem Pastell.
Ein Tag geht zu Ende, an dem wir die großen und kleinen Geschichten preisen, die Müllkuckucke und das Denken außerhalb der Box.
Vor allem aber sind wir dankbar für menschliche Hilfsbereitschaft – ohne die es sich einfach nicht leben lässt.
Nicht nur nicht mit einem Sprung in der Schüssel…

The chipdoctor is hanging — auf nach New Mexico!

Auch wenn wir den gestrigen Meteorschauer verschlafen haben, zeigten sich die Sterne in der letzten Nacht gnädig: zumindest, wenn man Chouchous Nachtaufnahme trauen kann. Auf der nämlich fielen einige Sternschnuppen über dem Magicbus. Wildwestschnuppen in Tombstone.

Gestern noch hielten wir die Wildwestfassade für einen reinen Touriaufzug. Wohl auch deshalb staune ich auf meinem Morgenspaziergang zu den Restrooms im Ortskern große Bauklötze.
Auf den Gehwegen des staubigen Örtchens lustwandeln sie morgens um halb acht: die böse Buben in Cowboyboots und –hüten, die vor Dienstantritt mit ihren Chihuahuahündchen Gassi gehen.
Hätte ich meine Kontaktlinsen drinnen gehabt, hätte ich sicherlich erkannt: es sind Hündchen an rosafarbenen Leinen. Und ich kann nicht umher: irgendwie macht mich dieses Bild sehr glücklich.

Leider ist unser windschutzschildiges Einschussloch über Nacht nicht verschwunden.
Unser erster Weg führt uns daher noch einmal zurück über die Berge. 29 Kilometer bis nach Sierra Vista zum Autoglaser. Beziehungsweise zu dreien.
Die erste Werkstatt winkt schon an der Türschwelle ab: Zu groß, so was machen wir nicht. Besser wir fragen den Chipdoktor, der normalerweise mit seinem Zelt vorm Dennys steht und Steinschlag direkt vom Pickup runter macht. Also weiter zum Dennys.
Der Chipdoktor ist um 10 Uhr leider noch nicht vor Ort. Also nochmal weiter zur Autoglaswerkstatt Nummer zwei.
Tim lässt uns unser Anliegen immerhin hinter der Türschwelle vortragen. Nee – machen kann er das aber nicht. Zu groß halt. Und natürlich findet er im Internet keine austauschbare Scheibe, die passen würde. Das wussten wir bereits vorab, aber es ist lieb, dass er trotzdem geschaut hat. Aber den Chipdoktor, den könnten wir mal fragen. „War nicht da,“ sagen wir, also versucht Tim ihn anzurufen. Wir kommen der Sache scheinbar näher.
Der Chipdoktor ist nicht erreichbar. Liegt vielleicht am Montag Morgen noch im Salz. Mit seiner Telefonnummer bewaffnet fahren wir zum zweiten Mal zurück zum Dennys: erstmal frühstücken. Vielleicht taucht der Doc in der Zwischenzeit ja auf.
Auf dem Dennys Parkplatz steht Don, der uns mitteilt, dass der Chipdoktor seit einer Woche spurlos verschwunden ist. Abgetaucht oder hanging, meint Don, der die frei gewordene Nische mitleidsarm und flott nachbesetzt hat. Mit Lesebrille und Messer widmet er sich kurz unserem Problem: Nee, das mach ich nicht. Zu groß. Aber John aus Tucson kann uns bestimmt eine neue Scheibe besorgen. Den ruft er doch gleich mal an.
John aus Tucson ist nicht erreichbar. Don brüllt auf den Anrufbeantworter, dass das jawohl nicht sein kann. Soviel hätte John ja schließlich nicht zu tun. Egal, steckt die Nummer ein. Machen wir. Auch wenn wir sicher wissen, dass selbst ein John aus Tucson uns zu hundert Prozent keine 94er T4-Windschutzscheibe backen kann.
Und so endet unser erster Versuch, den Steinschlag zu beheben um kurz vor halb zwölf auf dem Parkplatz vom Dennys in Sierra Vista. Unverrichtet. Aber immerhin bekommen wir eine Menge Lokalkolorit ab – als wir noch weitere 30 Minuten mit Don quatschen.

Don ist ungefähr Mitte 60. Er trägt Sonnenbrille, weißen Vollbart und ein zerrissenes Jeanshemd. Seit 15 Jahren lebt er hier an der Grenze zu Mexiko. Schwieriges Terrain mit all den illegalen Einwanderern, die mit Rucksäcken über die Berge kommen– vor allem da der jetzige Präsident nur die Hände in den Hosentaschen hält. Meint Don – mit Hände in den Hosentaschen. Er sei ja kein Trumpfreund ABER…
Schneller als wir gucken können stehen wir mitten in der Wüste plötzlich auf sehr dünnem Eis.
„Keine Religion und keine Politik diskutieren“ lautet eigentlich unser Motto auf Reisen. Aber Don ist in seiner Meinungsäußerung gar nicht zu bremsen. Also hören wir zu:
Die Mauer bauen – das war mal ein richtiger Ansatz. Denn die Einwanderer bringen ja auch all die Drogen mit rüber. Die Polizei hat man schon drastisch aufrüsten müssen – mit Cops von der Ostküste, da man den illegalen Zulauf sonst gar nicht mehr stoppen kann. Und die nichts-tuenden Demokraten wollen nun auch noch an den privaten Waffenbesitz ran. Dabei ist privater Waffenbesitz in der amerikanischen Verfassung doch klar verankert! Damit man sich gegen korrupte Regierungen und alle andere Feinde schützen kann. Das –DAS!– lassen wir uns ganz bestimmt nicht nehmen. Auch wenn Vollautomatik jetzt verboten ist, kann man die übrigens problemlos nachrüsten. Wenn die uns schon nicht verteidigen, müssen wir es schließlich selbst tun….
Siehe und höre: Arizona ist kein „swing state“. Arizona ist Republikanerland.

Es ist nicht einfach uns abzuseilen, denn Don hat noch jede Menge Meinung zu verteilen. Um zwölf müssen wir aber wirklich los. Wirklich. Auch weil Zähne zusammen beißen kaum noch geht.

Eine viertel Stunde später fahren wir auf dem Highway an stehendem Blaulicht vorbei: Drei Bordercontrol-Pickups haben zwei Kleinwagen festgesetzt: die (mutmaßlichen) Mexikaner sitzen mit Handschellen am Straßenrand, die Beamten durchkämmen die Steppe nach Davongelaufenen. Die USA an der Grenze zu Mexiko.

Weiter geht’s gen Osten: vorbei am aggressivste beworbenen „The thing“, von dem kein Mensch weiß, was es eigentlich ist; vorbei an der ehemaligen Atomraketenabschussbasis, die mittlerweile verriegelt und Privatland ist.

Vorbei an einer alten Trump-Wahlwerbung, die uns vollkommen die Sprache verschlägt.
Da droht er mit dem Zeigefinger hinab von der Werbetafel mit dem Slogan:
„It´s you they are after, I am only in the way.“
Es braucht einen Moment. Man muss es wirken lassen….
Time to say good-bye Arizona.

Der nächste Staat ist New Mexico. Bis vor ein paar Wochen wussten wir nicht, dass es ihn gibt. New Mexico, demokratisch. Laut Don lassen die Leute hier alles schleifen. Vor allem natürlich die Einwanderungspolitik, die knappe Hälfte der 2 Millionen Einwohner ist spanischsprachig.
New Mexico wirbt um sich mit dem Zusatz „the land of enchantment“. Ein wenig Verzauberung können wir nach dem Morgen gebrauchen.

Warntafeln begrüßen uns: Achtung Sandsturmgefahr. Am Highway steht in dicken Lettern eine genaue Verhaltensanleitung, sollte die Wüste zu blasen beginnen: Anhalten, Füße von der Bremse, angeschnallt bleiben. Viel freie Sicht, gigantische Steinhaufen, dann ein paar Pistanzienbaumfarmen.

Unser erster potentieller Übernachtungsplatz nahe des Highways ist verriegelt, wir müssen also weiter bis nach Deming fahren. Deming, nie gehört. Also lesen wir fix nach. Deming, laut Internet die kriminellste Stadt ganz New Mexicos. Glückwunsch, irgendwie schaffen wir es ja immer….

Die Entscheidung auf einem einigermaßen sicheren RV-Platz stehen zu wollen ist plötzlich einigermaßen selbsterklärend.
Auf dem ersten Platz lehnt man uns ab. Eine sehr spannende Erfahrung: Musternder Blick von unten nach oben. Nein! Ihr seid hier nicht willkommen.
Und gleich geht die Sonne unter.
Auf dem nächsten Platz hat man etwas mehr Mitgefühl mit uns. Wir dürfen bleiben.

Eingeparkt auf Platz Nummer eins wird schnell klar, dass wir die einzigen Reisenden sind. Alle anderen leben hier. In alten, ziemlich abgelebten Wohnwagen. Keine 300000 Dollar „Snowbirds“-Riesenmobile mit gezogenem Jeep hintendran, es gibt niemanden, der sich touristisch hierher verliert.
Die Lady am Tresen ist fürchterlich nett – und auch ein bisschen erstaunt. Und auch unser Nachbar Dave –Ex-Navy mit Rauschebart und unfassbar viel Leben im Gesicht—macht uns bereitwillig seinen Picknicktisch frei. Normalerweise kommt da nie jemand Fremdes, deshalb hat er ihn belegt.
Die Bäder sind von 1960, aber so gepflegt, wie es mit Sanitäranlagen diesen Alters möglich ist. Man gibt sich Mühe im alltäglichen Badezimmer für alle Anwohner der Wohnwagensiedlung.
Mühe um einen Rest Würde in einem ärmlichen Leben – irgendwo am Existenzminimum in New Mexiko, dessen Soundtrack die Sirenen der Bordercontrol sind und selbst das Wifi-Passwort mit „safe“ zu tun hat.

Globetrottels go wild west

Der Morgen startet mit zwei bahnbrechenden Erkenntnissen.
Erstens: Die Globetrottels haben nicht nur einen Sprung in der Schüssel, sondern auch einen Riss in der Scheibe. Mal wieder. Der Steinschlag muss so enorm gewesen sein, dass wir ihn im Schockmoment wohl überhört haben. Denn der Splittergröße nach zu urteilen, sind wir irgendwann wohl unbemerkt durch einen Kugelhagel gefahren. Steinschlag im Stil eines 12mm-Kalibers, der Riss ca 30cm lang. Ganz saubere Leistung.

Die zweite Erkenntnis ist, dass wir wohl mal wieder einen Meteorschauer verschlafen haben. In fester Annahme, dass er erst heute runter käme, desillusioniert uns die American Meteor Society noch vor dem Frühstück: Freunde, der war gestern. Vielleicht also waren es auch einfach die Tauriden, die in unsere Frontscheibe einschlugen als wir schliefen!? Zumindest würde das von einem knackigen Tiefschlaf zeugen.

Nachdem wir gestern eingekauft haben, gibt es heute mal wieder ein Frühstück für zwölf. Denn jeder Einkauf –und das Essen danach– ist wie ein großes Globetrottels-Erntedank. Heute mit Eiern, Croissants, Joghurts, Avocados, Trauben und Mandarinen: Schlaraffenland kurz hinter den Kartchner Caves. Und Chouchou als kauendes Stylingmonster.
Neben dem Wocheneinkauf gab es für Chouchou nämlich auch noch neue Schlappen – weil die alten ja Karl zum Opfer fielen.
Da sitzt er nun auf dem Höckerchen: mit hoch angesagten Pummies anneFöß. „Pret-a-porter pour hommes“ mitten in Arizona. Deswegen motzen die Nachbarn wohl auch nur über meinen Aufzug.

Mit unserem gunshot-Riss fahren wir heute nicht weit. Auch wenn Tobias uns die Sorge nimmt, dass die Scheibe uns eher nicht hollywoodmäßig entgegen splattern wird. Unser heutiges Ziel könnte dem Thema trotzdem nicht näher sein: Im Augen des Sturms mit dem wild um sich ballernden Wilden Westen.

In Tombstone parken wir auf einem staubigen Feld kurz hinter der Rodeokoppel ein. Es ist noch nicht mal Mittag, wir sind also passend zum Highnoon da: in Tombstone, der Stadt, die zu hartnäckig zum Sterben ist. Steht zumindest so an der Dorfeinfahrt: „The town too tough to die.“

Der ehemalige Boomtown hat heute noch 1300 Einwohner. Alle davon im Wildwestlook – für die zahlreihen Touris.
Die Hauptstraße –statt Autos fahren Pferdekutschen– ist weitestgehend so erhalten, wie sie 1880 hier stand: Saloons und andere Spelunken reihen sich an ehemalige Bordelle, Wildwestfassaden, Bretterbuden. Nur die Pferdepflöcke vor den Bars und die Schwingtüren fehlen schmerzhaft.

Passend zu seinem Namen „Grabstein“ war Tombstone einst Schauplatz zahlreicher Wildwestschießereien. Revolverhelden, Outlaws, Cowboys und zwielichtige Gestalten gaben sich die Saloonklinken in die Hand, bevor sie –drei Whiskey später—mit Knarre im Anschlag schwitzend voreinander standen. Köppe, die man heute leider nicht mehr so zahlreich hier findet.

Das Bird Cage Theater –vor 150 Jahren Bordell, Theater und Saloon in einem—ist heute ein Museum mit allerhand Klimbim. Die größten Hits sind zweifelsohne der mumifizierte Mini-Meermann und die Flugblätter von 1882, auf denen „all shady ladies“ geraten wird, nicht auf der Sonnenseite der Straße zu laufen, da sie ansonsten im Kittchen landen.

#im11#
Eine großzügige Einladung für alle zur öffentlichen Hängung, die fröhlich „grand neck-tie party“ genannt wird. Und eine Leichenkutsche, die damit wirbt: „why walk around half dead, when we can bury for only 22 Dollar.”
Schäbige Skelettfiguren an staubigen Spieltischen und ein Bisonkopf an der blättrigen Wand runden das Ambiente stilvoll ab; ein Ambiente, das genauso riecht, wie man es sich vorstellt.

Auf dem Friedhof sind die größten Revolverhelden der Stadt begraben. Hier steht statt Kutsche ein Leichenwagen. Und weil die neue Technologie mehr Schotter kostete, haben sich auch die Bestattungskosten erhöht: in Zeiten des ersten Automobils nahm man statt der 22 nun 49,50 Dollar.
Werbetechnisch aber ließen die Undertaker in keinster Weise nach:
„When you are shot and before you get stiff, we´ll be there in just a jiff,“ und:
„We will be the last to let you down.“ Gefällt mir fast noch besser.

Ein einsamer Drummer hat vor dem Supermarkt eine EinMannShow auf seinem Pickup aufgebaut, für uns geht´s weiter zum Eis. Danach haben wir Durst und kehren in „Big nose Katie´s“ Saloon ein – zur nächsten „one-man-show“. Der Cowboy hinter der Theke trägt natürlich Hut und veranstaltet sein eigenes EinMannFlaschenwerfen. Meist trifft er nicht, schenkt uns aber trotzdem alkoholfreies Bier aus – ganz ohne ein Nasenrümpfen. Und der Alleinunterhalter am Keyboard scharrt schon mit den Hufen. Er haut –nachdem der Barkeeper mal wieder daneben geworfen hat—mit Schwung in die Tasten, die Cowgirls (und ein gelebter Armyveteran) stellen sich sogleich zum Line dance auf. Galant und ein Wunder, dass sie in ihren engen Korsagen dabei noch atmen können…

Auf der Mainstreet stehen mittlerweile die Cowboys zum Highnoon aufgereiht. Abgeballert wird hier heute niemand, die Jungs werben lediglich für die stündlichen Platzpatronenshows, die am Originalschauplatz mit lautem „hoh“ und „hah“ die Schießerei vom O.K. Corral nachahmen. Die Show geben wir uns nicht, aber ein Foto mit echten bösen Buben muss natürlich drin sein.

Und weil der Cowboygroove am Nachmittag so langsam gegriffen hat, muss ich mir schließlich doch etwas kaufen: Den flattrigsten Cowgirlrock der Welt, der an der Puppe ganz wunderbar aussieht, mich hingegen macht er ein bisschen mollig. Macht nichts, denn das liegt nur daran, dass ich noch nicht die passenden Boots dazu habe. Und den Hut. Aber das wird kommen.
Denn dies war ja schließlich erst der allererste Tag im guten, alten Wilden Westen.

…und wenn ein Bösewicht, was ungezogenes spricht…

Heute ist Vorwochenendruhe in Kakteenland angesagt. Das inkludiert einen schnellen, sehr kurzen Blog. Diesen hier.

„Vorwochenenderuhe“, das sind konkret zwei Hügelspaziergänge. Wer hätte es gedacht: durch Kakteen. Einmal in der Mittagshitze –die Globetrottels als Dörrobst– …

…und einmal im Sonnenuntergang –die Globetrottels in feinem Licht.

Von den beschriebenen 25 Kakteenarten sehen wir heute fünf, können davon aber leider nur drei bestimmen: den Saguaro natürlich, die Oputien und den gemeinen Jumping Cholla (Cylindropuntia), der uns mit seinen fiesen Haken auch direkt anfällt.

Erst später finden wir heraus, in was wir da reingelatscht sind: in den pfiffgsten Kaktus der Welt, der Passanten anfällt und sich kaum wieder loswerden lässt, da er sich mit Widerhaken festkrallt. Kein Schmuh, ist wirklich so. Deshalb nämlich heißt er „jumping cholla“. Siehe Chouchous Schuh – Beweisbild. Jaja, Sachen gibt’s…

Ob die dicken Bauchigen Goldkugelkaktusse sind!? Wir wissen es nicht. Im Netz sehen sie ähnlich aus, aber eben auch nicht ganz. So wie Profilbilder bei Tinder.

Und auch hinter den Namen des stachligen Gestrüpps, das sich keinerlei Mühe gibt in irgendeiner Weise nett auszusehen, kommen wir bis abends nicht.
Falls es irgendjemand weiß, bitte Finger hoch und schnipsen.

Es gibt viel Kaffee, Wasser und kalte Cola. Viel Sonne, wenig Schatten: im zweiten sitzen wir.

Eine kalte Outdoordusche unter der Gastrobrause im Bikini und ein gutes Buch – Recherche für morgen.
Heute kocht Knorr für uns: Reis Taco, in sieben Minuten fertig, weil wir nichts Frisches mehr haben. Hätt sich ja niemand träumen lassen, dass wir tatsächlich drei Nächte bleiben können.
Immer wieder flitzen die Wegekuckucke vorbei –zu schnell um sie vor die Linse zu bekommen.
Wegekuckuck: das ist der Roadrunner bei Bugs Bunny. Möppmöpp. Kennt man doch.
Der Kaktuszaunkönig pickt fröhlich an Karl herum und auch der Kolibri ist wieder da. Ein paar Häschen hoppeln vorüber: Mittagssnack der Kojoten, die wir heute wieder nicht sehen.
Gehört aber haben wir sie: gegen fünf. Da hat die Bande so laut geheult, dass wir beide senkrecht im Bett standen. Könnte man vier verschlafenen Globetrottelsohren trauen, hätte man meinen können, das Rudel habe direkt vor der Magicbustüre Stellung bezogen. Aber, wer weiß es schon.

Ein gemütlicher, stiller Wüstentag, an dem kein Bösewicht, was ungezogenes spricht und nur ein jumping Kaktus sticht, sticht, sticht…

Kein Kaffee für Karl

Am Abend haben die Kojoten mit den Fiffies der Camper um die Wette angeschlagen: ein nächtlicher Wohlgesang. Zumindest seitens der Coyotis – die Fiffies akkustisch ganz weit hinten abgeschlagen. Eindeutig ein Eins zu Null für die Steppenwölfe kurz vor Mitternacht. Und eine Sternschnuppe fällt lautlos.

Beim Frühstück ist der Kolibri wieder da: das unglaubliche 3-Gramm-Wunder. Nachdem wir den Zauber gestern sofort nachgeschlagen haben, wissen wir heute: der Kleine ist eine Veilchenkopfelfe. Kein Name der Welt könnte passender sein. Veilchenkopfelfe.
Ein Kaffee also für die Fee mit den schnellsten Flügeln der Welt– weil Koffein auch in Zauberland nie schaden kann. Nur Karl kriegt heute morgen nichts ab, weil der in der Nacht Chouchous Schlappen gerissen hat. Selber Schuld, alter Käseliebhaber. Zur Strafe kein Käffchen für fünfarmige Flipflopverschlinger mit Pieksoberfläche. Und Karl rülpst leise.

Weil die Ranger so nett sind, dürfen wir noch zwei weitere Nächte bleiben. Unser Spaziergangsaufbruch also hat Zeit. Ein Quätschchen mit unserem kanadischen Nachbarn – ein Robert Geißen aus Calgary, dessen Frau platinblond trägt und pralle Brüste unter knappem Bikini. Noch ein Kaffee. Und noch einer. Nein, Karl, Du nicht. Erst bei brüllender Mittagshitze ziehen wir in die Wüste los: mit Regenschirmen und Turban als Sonnenschutz.

Schnell finden wir heraus, dass sich zwischen großen Kakteen großer Spaß betreiben lässt:
Ein Tanz mit dem zehnarmigen Banditen, Kaktusblüten schnuppern, Verlaufen kurz vorm Zenit und eine gewagte Kakteenumarmung – weil Liebe manchmal auch weh tut.

Wandeln zwischen unglaublichen Riesen, deren Fähigkeit zur Anpassung an diese unwirtliche Gegend Bauklötze staunen lässt.
Zum Beispiel: ein Fassungsvermögen von tausenden Litern Wasser, von dem sich zwei Jahre trinken lässt, blähen sich die Saguaros bei seltenem Regen einfach auf. Kaktusblubberbauch.
Tagsüber –aus Selbstschutzgründen—halten sie ihre Poren verschlossen und sammeln Kohlendioxid auf der ziehharmonikaartigen Oberfläche. Erst nachts –wenn die Luft rein ist—öffnen sie die Poren und saugen alles gierig auf, um es am nächsten Morgen quasi mit angehaltener Luft in Zucker zu verwandeln. Eine „Nachts sind alle Kakteen grau“ – „jetzt hau ich rein und morgen raus“-Nummer.
Ein Saguaro wächst in den ersten 30 Jahren nur einen Meter, danach erst gibt er Gas, um jährlich je zehn Zentimeter oben drauf zu legen. Stachelige Midlifecrisis.
Spechte kloppen sich ihre Höhlen in sie hinein, Fledermäuse und Kolibris trinken ihren Blütennektar, Wüstenratten knabbern an ihren Zehen. Ein zoophiles Pflänzchen, dessen Freundlichkeit erst auf den zweiten Blick erkennbar wird.

Das größte Exemplar ist 24 Meter hoch und hat einen Durchmesser von 75 Zentimetern, wir sind bereits mit der Hälfte durchaus gut bedient, um aus dem Staunen nicht mehr herauszukommen.
Saguarokaktusse – größte Kakteen der Welt. Pieksig-faszinierende Stachelwunder überall um uns herum.

Der heiße Nachmittag ist schnell um. Neben Staunen und Tanzen war nur noch Zeit für ein flottes, kaltes Haare waschen unter der Gastrogeschirrbrause und Kamikaze-Veggie-Würstchen brutzeln –im Nahkampf mit siedendem Olivenöl.
Kurz vor Sonnenuntergang schneit der Kölner Michael vorbei: er hat sich soeben aus seinem geliehenen WoMo ausgeschlossen. Zeit für die Globetrottels Karmapunkte zu sammeln beim Verteilen von Trost und Telefonverbindung zum arizonischen ADAC.

Um acht kommt Michael wieder ins Wohnmobil, die Geißens schnorcheln schon, die Kojoten schweigen und Karl guckt hungrig. Sehr wahrscheinlich wartet er auf Mitternacht und offene Poren: um endlich Chouchous zweiten Flipflop zu futtern.
Wenn er morgen früh aufgebläht vor uns steht, wissen wir ganz genau woran es liegt. Und Chouchou muss barfuß gehen, während Karl – dank Plastikschlappen im Bauch– gerade ein sechster Arm wächst.

Von magischen Tümpeln, Monsterkakteen und einem Kolibri

Ein Klappspatenmorgen hoch über Rimrock mit weitem Blick ins Tal. Niemand kam in der Nacht vorbei, lecker geschlafen haben wir. Trotz des weißen Rauschens der Interstate 17, die recht weit unter und westlich von uns liegt. Ein Wahnsinn, welchen Lärm Autos machen – selbst in vier Kilometern Abstand.

Nach den obligatorischen drei Kaffee pro Nase –frisch gebrüht im Wüstenstaub—starten wir los zu Montezumas Well, einsames Süßwasserwüstenreservoir und ein magischer See der Apachen.

Bereits vor knappen 1000 Jahren haben Menschen hier Wohnungen in den Fels geschlagen. Eins A Wohngegend im ewigen Staub: am Wasser und mit Seeblick.

Irgendwo sprudeln aus der Erde täglich 5,7 Millionen Liter Süßwasser in den Kalksteinsee. Leider ordentlich arsenhaltig.
Möglicherweise stammt daher der Begriff „Montezumas Rache“: weil die Menschlein das MontezumaWell-Wasser tranken und sich das Arsen dünnflüssig wieder vom Leibe schüttelten!? Nur so eine Idee. Meine. Die ansässigen Blutegel und Wasserskorpione scheint das Alles eher weniger zu stören.
Kein Mensch weiß bis heute, wie tief Montezumas Well genau ist. Denn der See wirft alle Messgeräte immer wieder von sich. Diesmal kein Schmuh, der meinem Hirn entspringt, es ist tatsächlich so. Steht zumindest auf der Infotafel.

Klapperschlangen im Gebüsch, Fledermäuse in den Höhlen.
1818 hat ein Herr aus Phoenix seine Werbung an den Stein geschmiert: er vertickt zum unschlagbaren Sonderpreis Fotos des Sees – acht Jahre vor Erfindung der Photographie. Auch das ein wenig mystisch.

Der azektische Eroberer Montezuma selbst ist übrigens niemals vor Ort gewesen. Wenn´s von dem ein Foto geben sollte, geht das eindeutig auf die Kappe des Schlingels aus Phoenix.

Durch die staubige Weite Arizonas geht’s für uns am Mittag weiter gen Süden. So viel Weite, dass wir vergessen sie zu fotografieren: so weitenverwöhnt wie wir mittlerweile sind.
Endloser Highway durch die Leere, die Megametropole Phoenix am Horizont wirkt zuerst wie eine Fatamorgana. Die pulsierende Synapse an einem weiteren Neuron.

Phoenix: Wolkenkratzer, achtspurige Straße, ein abgehalftertes, halbes Riesenrad nahe der Autobahn und massenweise Fahrer mit Wüstenstaub im Hirn. Wärme macht hitzig, hier wird sie unmittelbar aufs Lenkrad und die Hupe übertragen. Hilft nix, der Bulli kann nun mal nicht schneller. Freundlich winkend und schnauben. Zum sechzigsten Mal am heutigen Tag.
Mit dem Sand aus den Nebenhöhlen könnten wir mittlerweile ein Terrarium füllen. Ein Wohnzimmer-großes, in dem eine handvoll Skorpione und Klapperschlangen ein zu Hause finden würden.

Hinter der Stadt tauchen die ersten Saguarokakteen auf. Ein guter Grund, aus der Fahrlethargie –ganz ohne Übergangsfrist– direkt rüber in die volle Euphorie zu gleiten. Beim Anblick dieser stacheligen, stummen Riesen kann man gar nicht anders: man muss einfach vollkommen aus dem Häuschen geraten. Monsterkaktusse – wie TOLL ist das denn bitte!?

Außerdem ein wesentlicher Teil unseres heutigen Tagesziels.

In Marana geht’s für uns –nach über 350 Kilometern—endlich vom Highway runter. Marana, ein Örtchen, das sich just in diesem Moment wie Phoenix aus der Asche zu erheben scheint.

Neben schottrigen Baulandsstraßen werden nagelneue gated communities soeben erst aus der Traufe gehoben, Bagger so weit das Auge reicht. Rohbaupappbretthäuser.
Immerhin stehen schon die geplanten Ortsbezeichnungen dran: „Villages“, noch auf keiner Karte verzeichnet. Ein Projekt in Masse, ein Rohbau kleiner, ängstlicher Träume. Die Baumwollfelder im Hintergrund sind vom Bauschutt schon ganz zu gestaubt. Zeit, um in enormer Lautstärke einfach mal ein „Baumwoll-Traditional“ anzustimmen:
Oh when them cotton bolls get rotten, you cannot pick very much cotton, in them old cotton fields back home…, zwanzig Mal wiederholt.

Bagger knattern, Feinstaub, Kakteen in grau und ein Chouchou, der derweil genug Zeit hat, sich darüber klar zu werden, ob die Frage auf dem Balkon vor acht Jahren nun wirklich die allerbeste gewesen ist…

Wir machen uns auf die Suche nach unserem anvisierten Campground, ein Campground, den es gar nicht gibt. Das wissen wir nach drei Kilometer tiefer Sandpiste, die mit einem Waschbrett Hand in Hand arbeitet. Kurzum: Es ist ein Fiasko in Sand.

Sollte man es bisher noch nicht zwischen den Zeilen gelesen haben, möchte ich es hiermit das erste Mal öffentlich statuieren:
Diese Reise ist eine Reise, die man –im Schlauen und wenn monetär möglich—mit einem FourWheelDrive Auto antreten sollte. Mit einem VIERrad-, nicht mit einem ZWEIradantrieb! Und wenn ich schon dabei bin: eine Unterbodenwanne wäre auch ganz gut.
Ich wollte es nur ein einziges Mal gesagt haben…

Trotz allem knattert uns der Magicbus tapfer durchs Gelände. Nur einmal quiekt er kurz: aus Enttäuschung, dass wir –tief im Sand vor einem Ranchtor auf dem groß und breit „Private property“ statt „camp“ steht— wider Erwarten für heute doch noch nicht da sind. Und dann ist das Glück uns hold: auf dem eigentlich immer überlaufenden Statecamp direkt am Saguaro National Park hat es noch ein Plätzchen für uns. (Fürs Phantom: H24) Kurz vor Sonnenuntergang.

Zwischen meterhohen Kakteen parken wir ein, der Nachbar spielt Country, es hat Picknicktische und Toiletten mit Wasserspülung. Ein Wüstentraum für die Globetrottels – mit ihrem Hauskaktus Karl.
Karl steht direkt neben uns. Er hat fünf Arme und ist über fünf Meter hoch. Nach meiner nachgeschlagenen Milchmädchenrechnung für Saguarokakteen müsste er ungefähr sechzig Jahre alt sein. Ein Jungspunt, der heute Nacht auf uns aufpasst. Damit die Kojoten und Klapperschlangen uns nicht fressen.

Bevor in der Nacht vor unserer Haustür vierbeinig oder glattledrig (ohne zu kauen) gespeist wird, essen erstmal wir. Weil Nudeln immer gehen, gibt’s Nudeln.
Und da ja der mittlere Tag des Dia de los muertos ist, kommt –wenn auch etwas unerwartet– allerhöchster Besuch vorbei:

Ein Kolibri –flotteste Flügelchen, lila Kopf– schwebt ganz vertraut und neugierig über dem Teller — fast so, als wolle er landen. Und kurz darauf geht –natürlich– eine Sonne unter im knalligsten gelb und orange, das der Himmel zu bieten hat.
Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich Labskaus gemacht…

Sedona: Spiritueller Nachtext nach Vortex

Der Abend wurde noch recht dynamisch. Um zehn donnert es über den Platz: „Quite furious I am!! FURIOUS, do you hear me?“ Es sind die Plauderboys von nebenan, die sich ordentlich an die Köppe kriegen.
„MAD am I, do you hear me?“ Oh ja, wir hören dich. Und die Knarre auf dem Beistelltisch erbebt in Vorfreude: Moin Leute, hat´s hier einen Job für mich?!
Gott sei Dank nicht. Der Unbewaffnete ist so klug, sich nach den ersten vier Hasstriaden ins Führerhaus des Jeeps zu verziehen – die zwei machen das anscheinend nicht das erste Mal– sein very pissed Partner bleibt schmollend auf dem Klappstuhl zurück.
„So pissed I am,“ und das bis zwei und bei vier Grad Außentemperatur.
„Very pissed, do you see?“ Oh ja, wir sehen es, der Unbewaffnete nicht. Der hat mittlerweile sein Augenkläppchen auf und schläft tief und fest im Auto.
Dynamische Beziehung nennt man das wohl. Und siehe: der spirituelle Strudel über der Stadt erreicht anscheinend nicht jeden.

Am Morgen gibt es –Gott bewahre—keine toten Floridensianer im Staub. Über der Wüste ist es totenstill. Als seien wir alleine am Platz. Das alte Hundchen dreht seine Runden und pinkelt ans Zelt der Kids aus Texas. Ein harmonischer Morgen. Nur die Kontaktlinsen wollen nicht so richtig. Staub in jeder Ritze, muss ich fünfmal abspülen, um sie irgendwie ins Auge zu kriegen.
Kratzig, die Feinstaubwüstenkurzsicht – und ockerfarbene Taschentücher.

Unser erster heiliger Ort in „Spiri-Hochburg“ Sedona, ist die Amithaba Friedensstupa.
An rotglühendem Hang, Gebetsflaggen zwischen Kakteen, eine meditierende Frau im Regenbogenpullover, Tibet in der Wüste.
Wir drehen die Gebetsmühlen im Uhrzeigersinn. In dem geht’s auch um die Stupa, achtmal, für den achtgliedrigen Pfad. Was so in Ladakh im Himalaya steht, wirkt in der Wüste nicht weniger unpassend.
Ein Ort für alle, ein Ort des Friedens und Gebetssteine im Boden:
„Speaking words of wisdom: let it be“ – „We are all walking each other home” – “How lucky am I to have had something that made saying goodbye so hard”….

Fünf Kilometer weiter haben die Katholiken ihr beeindruckend spirituelles Plätzchen in den Fels gebaut. „The chapel of the holy cross“, ein modernes Meteora.

Golfcaddys fahren Fußlahme den Berg hoch und verteilen Halloweensweeties für alle: Süßes, statt Saures. Nur der Heiland bekommt nichts ab. Der hängt –wie eh und je—einsam und alleine leidend am Kreuz, während sich die mehr oder weniger Gläubigen die Bäuche mit Zucker vollhauen und die Aussicht genießen.
Wer sich auf dem Fußabdruck vor dem Altar platziert, kann ihm direkt in die Augen schauen. Ein stechender Blick, selbst bei den Kauenden nicht neidisch. Ein älterer Herr hilft seiner wackeligen Frau hinauf, dass sie im Angesicht des Herrn baden kann. Ein „do you see“ der anderen Art.

Sedona –the cathedrale without walls– ist bekannt für seine angeblichen Vortexe: energetische Luftwirbel, denen eine spirituelle und heilende Wirkung nachgesagt wird.

Besonders am Cathedrale und am Bell Rock schwirren die wohl durch die Gegend, einen kleinen Hauch davon hätten wir natürlich auch ganz gern. Leider sind die Parkplätze pickepackevoll, ein Fuß nicht an den Boden zu bekommen. Wir müssen uns also mit esoterischen Fernwirbeln zufrieden geben. Quasi: Distanzerleuchtung.
Und ein Bettler mit einem Schild auf dem „Angels needed“ steht.

In der durchweg ocker-rot erbauten Stadt –Kanten sind anscheinend nicht erlaubt, wenn man den Standardbau beachtet—reiht sich ein Spirigeschäft ans nächste: Kristalle, Heilerden, organic healing food oder Yogamatten in der Auslage, Aurafotographie hingegen bietet jeder an.
Spirituelles Wohlergehen „to go“ für die zahlende Masse – denn auch der Kapitalismus kann heilig sein.
Manifest money. And money will come to you. It´s a holy law.

In einem mexikanisch inspirierten Patio erlebt man den herannahenden „Dia de los muertos“ hingegen auch kostenlos. Ein farbenfrohes Fest zu Ehren der Toten, die am 2. November zu Besuch aus dem Jenseits kommen und das zeitgleich mit dem heutigen Halloween startet.

Ein tröstliches Fest in bunt, es passt in den heutigen Tag. Und Chouchou als gefallener Engel.

Kurz hinter der City parken wir für heute Nacht ein. Mal wieder BLM-Land, mal wieder für lau, mal wieder mit einem unbezahlbaren Ausblick.
Die Sonne geht in einem Rauchnebel knallorange unter. Passend auch das, zum Dia de los muertos: weil die Toten gelb und orange am besten sehen können; Farben, die sie brauchen, wenn sie sich auf den Weg zurück in Richtung Erde machen.

Am Abend putzen wir uns den orangenen Staub aus der Nase und wischen uns ocker aus dem Gesicht. Die Lunge versucht mit Nachdruck, den Feinstaub von den Alveolen zu husten – ein gewirbelter, ein heilender Staub. Nur schade, dass das die Bronchien noch nicht wissen.
Sedona. Was für ein esostrudeliger Tag…

Valley of fire

Unser Nachbar links, Louis aus Mexiko, verabschiedet uns am Morgen freundlich. Und auch unser deutschaffiner Nachbar rechts aus Washington scheint etwas nostalgisch, dass das kleine Nachbarmobil schon wieder abrollt. Nur der Security atmet erleichtert auf: Endlich sind die Gypsys wieder los. Mit ihrer verbotenen Wäscheleine und dem manuellen Vordach, das dummerweise auch ohne Heringe und dem Verknoten an „oasis property“ hielt. Eine Herausforderung für die „Monster-RV-Oase“ kurz vor Vegas.

Beim Smith´s ummeEcke kaufen wir schnell noch lecker ein. Neben den drei Daumen dicken Schinkensandwiches ist heute Sushi im Angebot. Schon wieder vegetarischer Fisch: unser abgehalfterter Beitrag zu „sin city“, also einpacken bitte.

Ein kurzes Pläuschchen mit Melissa und Paul, die heute gemeinsam Kasse machen und dann sind wir wieder on the road. Raus aus dieser wilden, lauten Stadt, die es wirklich kein zweites Mal auf dieser Welt so gibt.

Die Ausfahrtsstraßen sind pickepackevoll und gepflastert mit Anwaltswerbungen. Aggressiv zurück gegelte Männer, Typ: gewinnender Lackaffe im Maßanzug, lächeln mit überdimensional großen, sehr weißen Zähnen von den Plakatwänden:

»Haha…divorce!? – da box ich Dich schon durch, baby. Bezahlen musst du erst bei Gewinn –aber keine Sorge: always winning– der Klaps auf den Po im Anschluss ist natürlich kostenlos. Du wolltest es doch auch, jetzt zier dich nicht so. Jaja, baby, that´s Vegas.
Und jetzt byebye… auf nimmer Wiedersehen.«
Ein metergroßer, rosafarbener Teddy liegt überfahren mit aufgerissenen Knopfaugen am Straßenrand. Ja, auch der hat´s scheinbar nicht anders gewollt. Das rosa Luder.

Die Straße trägt uns heute nicht sehr weit. Eigentlich nur so weit, dass der Lärm versiedet.

70 Meilen hinter der Stadt liegt das “Valley of fire“.
Bizarre, bunte Felsformationen, leuchtend rote Berge, desert bighorn sheep springen über trockenen Fels, 4000 Jahre alte Petroglyphen und wir haben Glück, dass es in der Wüste bewölkt ist.

Viele der Trails sind bis Ende September kategorisch geschlossen, da es im Sommer hier einfach zu heiß für den Menschen ist. Bei 26 Grad und Wölkchen lässt es sich Ende Oktober allerdings fein herum spazieren.

Leuchtend gelbe Blümchen in blutrotem Sand, blaues Gestrüpp, der perfekte Brautstrauß am Wanderweg macht einen auf Eisblume – mitten in der Wüste.

Siehe: das Surreale will und will nicht enden. Ganz real allerdings ist, dass der Campground ratzevoll ist. Für heute Nacht müssen wir uns also einen anderen Ort zum Übernachten suchen.

5 Kilometer vor dem Parkeingang liegt BLM-Land. Ein großer freier Streifen Wüste, der jedem zugänglich ist. Heute Nacht dürfen wir bei weiter Aussicht einschlafen und träumen.
Träumen von einem Licht, das nicht von dieser Welt zu sein scheint.
Entzündet von einem Laternenmann, der es weiß, ganz tief in die Trickkiste zu greifen…

Coz punkrock never dies: Alkoholfreier Vegaskater

Heute ist Las Vegas-Verdauungstag.
Die Lichter der letzten zwei Tage strahlen hell in uns nach, der Lärm klingelt weiterhin in unseren Ohren. Selbst für Psychiatrieerfahrene wie uns braucht es nach diesen zwei Tagen eine Pause.
Die genehmigen wir uns.

Und so passiert heute nicht viel im Leben der Globetrottels: Dreimal in den Pool, zweimal warm, einmal kalt.

Ein Mittagsschläfchen nach Morgenruhe, danach Nachmittagstief und am besten früh ins Bett.
Ein Buch, ein Text, eine Dusche –zwei Globetrottels im Sitzen– siebzehn Kaffee, drei Flaschen Wasser, eine Pizza und ein kurzer Trauermoment, dass uns der Punkrock von vor zehn Jahren verlassen hat.

Damals wäre dieser Text ein anderer gewesen. Las Vegas mit einem möglicherweise noch bunteren Gesicht. Und dem Katzenjammer danach.
Spannend aber ist die Erkenntnis, dass diese Stadt verkatern kann – ganz ohne Alkohol, ganz ohne durchgefeierte Nächte.
Und so gönnen wir uns –aus reiner Nostalgie—später vielleicht doch noch ein Alka Seltzer.
Auf die guten, alten Zeiten – die möglicherweise auch ganz bald wieder nahe Zukunftsmusik sind:
Coz punkrock never dies…

Down Busse nehmen nach Downtown

Las Vegas, Tag 2.

Heute soll Downtown dran sein: quasi die Altstadt – was man hier so alt nennen kann. Nur dahin muss man erstmal kommen.
Unser erster Bus – zu erreichen über einen Kilometer Wüstenfußstrecke—fällt aus. Immerhin lernen wir dank der Wartezeit eine Schweinerei namens „Pumkin iced latte“ kennen: Kürbis Chaitee auf Eis mit massenweise Zucker. Ein „Mama´s little helper“ gegen eine Laune, die bereits jetzt im Sinkflug ist.

Den nächsten Bus –entsprechend überfüllt—fährt der übellaunigste Busfahrer der Welt. Beim Einstieg kassiert jeder erstmal einen Anschiss, zur Strafe, dass man nicht mit dem Auto in die City fährt. Ab nun beginnen eineinhalb Stunden Tiefkühlfahrt, die ein Paradebeispiel für passiv-aggressives Verhalten sind. Von Station zu Station füllen sich die Reihen zunehmend, kurz vor dem Südstrip kann man die Fahrgäste quasi stapeln. Dem Miesepeter am Steuer soll es Recht sein: so hat er noch mehr Leute zum zusammenscheißen. Die Bordansage geht am laufenden Band.
Ab jetzt wird an jeder Haltestelle –aus vollkommen unersichtlichen Gründen– kategorisch 15 Minuten gehalten. Just for fun. Genauso, wie die Klimaanlage an jedem Stopp noch einen Tick mehr aufgedreht wird. Step by step – wie in einem perfiden Milgramexperiment.
Und die Tiefkühlklapse wird immer lauter.
Für die 8 Kilometer bis Downtown lässt sich der fiese Möpp –schlechter Tag, längerer Hebel– so viel Zeit, wie er will: ist ja alles bezahlt. Eineinhalb Stunden für 8 Kilometer – ohne ersichtliche Stausituation. An der Endhaltestelle werden die menschlichen Eiswürfel endlich lächelnd ausgespukt: verächtlich. Hedonistisches Drecksvieh, und jetzt raus mit Euch.
Bibbernd stehen wir an einem Bussteig der Fremont Street, die Laune zutiefst im Eimer.
Gemein war das.

Downtown gibt sein Bestes uns mental wieder zusammen zu setzen: mit einer öffentlichen Waage, die Menschen über 350 Pfund kostenloses Essen anbietet („Fighting anorexia“), „Bier trinken und Axt werfen“ und laut fluchenden Seelchen, die am Straßenrand vor sich hinvegetieren. Ein anderes Gesicht der Stadt.

Die Spielhallen haben deutlichen Spelunkencharakter, Menschen ohne Wohnsitz bieten auf der speckigen Vergnügungsmeile geflochtene Trockenblumen an. Besoffene fliegen in Superman-Pose über den Strip hinweg, der Ausschuss der Chippendales und Federgirls feilscht darunter um Fotogäste. Puffatmosphäre und all you can drink. »Happy hour« den ganzen Tag in „gar nicht mehr ganz so happy –Vegas“.

So hart es klingt: dieser Teil der Stadt wirkt authentischer. Weil er nicht vorgibt, etwas anderes zu sein, als er ist. Weil der Glanz schon lange abgeblättert ist.
Hier: in Ballermann auf Amiland.

Die Wedding Chapels findet man in diesem Teil der City. Vielleicht weil das ganze Leben ein Fest ist –inklusive dem Kater danach.

In der Gracelandchapel platzen wir mitten in die Zeremonie. Das knitterige Elvisdouble wartet gerade auf ein „Yes, I do“, das auch Jon Bon Jovi bereits in dieser Kapelle an die Wände gehaucht hat. Nicht für immer, versteht sich. Und rosa Cadillacs in Warteposition, um jeden, der zahlt, gen vermeidlich ewige Liebe zu cruisen.

Vier Blocks weiter liegt der Art´s district. Ein Graffiti erinnert an den Anschlag in Vegas vor knapp sechs Jahren, auf einem anderen hat Johnny Depp keine Angst mehr vor Vegas, aber vor Covid. Die Freiheitsstatue liegt geknebelt über einem Streifenwagen der Einwanderungspolizei und Frida Kahlo – geht ja immer.

In den bunten Gassen wird vor allem Second hand und Antikes angeboten – wir sind leider zu spät für den Ausverkauf, was schade ist. Denn abgehalfterten Glitzer hätte es hier zu Hauf gegeben: ein Inbegriff der City. Leider noch immer gänzlich unfunkelnd besteigen wir den nächsten Bus in Richtung South Strip.

Bus fahren in Las Vegas ist –zieht man die Touris ab– Bus fahren mitten in der Unterschicht.
Hinter uns beginnt ein breiter Typ gegen eine ihm unbekannte, aber augenscheinlich toughe Lady zu krakeln, die sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt. Starker Typ Frau à la: von dir habe ich schon zu viele gesehen, mein Junge, mit dir werd ich auch noch fertig.
Wir alle rücken zusammen gegen den Jecken, doch die Situation wird immer bedrohlicher. Die Lady zückt irgendwann ihren Tazer und ruft die Busfahrerin, die es gerade noch schafft, den ungetazerten, ungehobelten Kerl hochkant aus dem Wagon zu schmeißen.
Toughe Frauen in einer knallharten Welt – so viel Hüte, wie ich ziehen möchte, habe ich gar nicht. Und bin endlos dankbar, in einer so viel sichereren Umgebung aufgewachsen sein zu dürfen.

Auf dem South Strip hauen wir uns –noch immer sehr beeindruckt– gigantische Sushirollen am Stück rein: Sushi Burritos wird das hier genannt. Sushi Burritos für die Nerven. Danke lieber Lachs, dass Du heute vegetarisch bist. Ich muss gestehen: Du schmeckst leider wunderbar.

Vorbei an einem gefakten buddhistischen Mönch, der Armbänder verteilt, vorbei an Spiderman, der sterbend auf einem Rollbrett liegt, vorbei am schwebenden Engel, Chackys Mörderpuppe, Mickey Mouse, Dominas, Jack Sparrow, Roboman, Federgirls, Besoffenen, einer Prinzessin in Tüll und ziemlich hoch gelegten Autos geht’s mal wieder totmüde zum Bus – einer, der als letzter des Tages ohne besondere Vorkommnisse fährt.

Zurück am Magicbus reflektieren wir, was heute eigentlich „echt“ gewesen ist. Die bedrohliche Bussituation zweifelsohne. Dazwischen jede Menge Schein und Illusion.
Der Kolibri, der am Morgen über den Pool flog war auch echt. Und unsere schlechte Laune am Mittag. Und sonst?

Es wäre ein Leichtes, über diese Stadt zu urteilen. Immer wieder hört man, dass man Las Vegas hasst oder liebt. Dazwischen scheint es wenig zu geben.
Wir enthalten uns –so gut es geht—der Aussage. Las Vegas ist Las Vegas ist Las Vegas.
Das gibt es so kein zweites Mal.

Nach zwei Tagen sind wir endlos geschafft. Voll – ohne je voll gewesen zu sein. Vielleicht ist auch das eines der Geheimnisse: Am besten wohl muss man sich Las Vegas erträglich saufen und spielen.
Beides haben wir nicht getan und sind daher wohl nur auf der Oberfläche geschwommen.
Auf der Oberfläche einer Stadt, von der gar nicht klar ist, ob irgendwas darunter liegt.
Schein und Illusion.
Eine Stadt, der es wohl auch reichlich wumpe ist, wie wir sie eigentlich finden. Oder sonst wer.
Und weil jede Wertung ebenso eine Illusion ist.
Nicht nur in Vegas, Vegas, Vegas…

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »

© 2026 Die Globetrottels

Theme von Anders NorénHoch ↑