Es ist kurz vor Mitternacht. Die dicken Enten haben sich schon schlafen gelegt, Rudi und ich oben in der Koje, Chouchou liest noch was, als der Wind aufkommt.
Erst zerrt er nur sanft am Dachzelt, das leichte Schaukeln des Magicbus wirkt einlullend, so dass das Lüftchen eigentlich gar keine andere Chance hat, als noch ein Stück mehr aufzuziehen: einfach um ernst genommen zu werden.
Als erstes hören wir ihn – im Rascheln der Blätter des orangenen Baums, den wir beim Einparken noch für Schutz hielten. Nun beginnt er langsam, die ersten Äste abzuwerfen. Und Sand prasselt gegen das Dachzelt, das mittlerweile nicht mehr leicht schwingt, sondern verzweifelt flattert.
Es dauert nicht allzu lang, bis wir verstehen, dass es Zeit wird umzuparken, weil ein Sandsturm aus Norden anrückt. Also murrend den Magicbus´ Popo windabwärts drehen, weg vom orangenen Blätterwunder.
Weitere fünf Minuten später –und zwei Beaufort mehr– ist klar, dass wir oben nicht schlafen können. Zumindest nicht, wenn wir morgen kein Cabrio fahren möchten.
Unter viel Gefluche muss also die Bombe im Bulli einschlagen.
Das Dachzelt einzufahren ist hierbei der kleinste Teil. Doch kram mal den Kram von monatelangem Durcheinander notfallmäßig so zur Seite, dass unten im Magicbus ein Himmelbett entsteht. Quasi unmöglich.
Wir türmen Taschen über Kisten über loses Zeug über Feuerholz über Ölkanister über uns. Danach ist mehr als Kein-Bock-mehr-Schlafenszeit.
Am Morgen ist der Sandsturm vorbei gefegt. Wir kippen den Ministrand aus der Segeltasche, stauben die Stühle, die Hocker, die Getränkekisten ab. Danach gibt´s Kaffee mit Aufräumen.


Der Ranger des Angelsees schneit mit seinem Pickup vorbei. Er freut sich über das kühle Wetter und die deutschen Gäste. Da wir gestern kein Kleingeld hatten, haben wir 10 Dollar in die Campkasse gelegt, das war zu viel, also gibt er uns einen Dollar zurück und berichtet derweil vom Leben in der Wüste. Eine Wüste, die sich nach dem nächtlichen Temperatursturz nicht mehr ganz so echt anfühlt. Denn statt der gestrigen 30 Grad hat´s heute maximal 14. Einzelne Tröpfchen Regen fallen, mehr als ein Niesen des Himmels ist es aber auch nicht.
Auf dem Weg nach Carlsbad müssen wir durch Farmland, entlang an flachen, endlosen Ackern, vertrocknet oder unnatürlich grün – vollstoffbewässert. Ölpumpen, Rinder mit gigantischen Hörnern, Pistazien, ein verlassenes Adults- Only-Kino, ein Ex-Apache-TradingPost, Baumwolle – dann kommt auch schon die Stadt, die uns über vier Staaten hinweg wärmstens empfohlen wurde.




Carlsbad. Klingt nach Heilquellen, altem Gemäuer, nach Prag in New Mexico.
All das, was wir uns vorgestellt haben, ist Carlsbad nicht. Eher das Gegenteil. Altbekannte Kettenrestaurants, gesichtslose, schnurrgerade Straße, ein Nichtsagen an jeder Ecke, das Schönste: das Stadteingangsschild. Was auch immer man an Carlsbad außergewöhnlich finden kann – wir finden es nicht. Und das Wort „pittoresk“ dürfte es im Amerikanischen generell nicht geben.

20 Meilen hinter der City liegen die Carlsbad Caverns. Auf der Zufahrtsstraße wird bei Regen darum gebeten bitte nicht zu ertrinken: weil die „Dips“ in Windeseile vollaufen und Autofahrer absaufen. Da der Himmel weiterhin nur niest, scheint dies für uns heute ausnahmsweise kein Problem zu sein.



Die Carlsbad-Caverns sind mit ihren 487 Metern unter der Erdoberfläche die tiefsten Tropfsteinhöhlen der USA. Ihr „Big room“ ist einer der größten unterirdischen Räume weltweit, in ihrem „Bat cave“ leben ca. eine halbe Millionen mexikanischer Bulldoggfledermäuse, die wir aus Artenschutzgründen aber leider nicht besuchen dürfen. Sonst wird der Weißnasenpilz der beflügelten Mäuschen nämlich schlimmer. Und die Ringtail Kätzchen schlafen tagsüber.

Wer gemütlich in die Höhle will, nimmt den Aufzug runter. Wir machen es uns etwas unbequemer und steigen den „natural entrance“ zu Fuß hinab. Ein seltsames Gefühl: wenn das letzte Sonnenlicht schwindet und es im Stockdunklen, im Rutschigen, im unfassbar Stillen ins Erdinnere weitergeht.

Drinnen wie draußen 13 Grad – nur drinnen unveränderlich.
4 Kilometer geht es vorbei an bizarren Stalagmiten und Stalagtiten – erst steil bergab und dann in Wellen.


Wilde Koboldgesichter, Quallen, ein Löwenschwanz, Korallen, eine Popcorn-Feenlandschaft, Pilze, Monster und Unanständiges aus Kalkstein. Sehen wir. Keine Ahnung, ob´s für andere ebenso ersichtlich ist.





Faszinierend, sportlich, aufregend, spannend. Eine tolle Erfahrung, wenn auch nix für Menschen mit Beklemmungstendenzen. Wobei: sehr wahrscheinlich gibt es für diese im unterirdischen Souvenirshop auch Tranquillazer zu kaufen.

Als wir wieder an der Erdoberfläche kommen, ist´s draußen sehr viel diesiger. Statt eines Himmelsniesens tröpfelt es nun wirklich. Ein Roadrunner pest über die Straße, macht seinem Namen alle Ehre damit und ist wieder zu schnell, als dass wir ihn vor die Linse bekommen.
Auf dem Sunset Reef Campground hat´s heute Nacht noch ein Plätzchen für uns. Mitten unter Kühen hat das Büro für Landmanagment (BLM) einen sehr komfortablen Platz für Reisende ausgebaut: mit überdachten Picknickbänken, ebenen Schotterflächen und einer Toilette. Geschenkt und traumhaft.
#img21#
Schwarze Rinder beobachten neugierig, wie wir unser Camp aufbauen, ein paar Mutige in Zelten bei nächtlichen sechs Grad im Regen.
Wenn der Nachbar irgendwann noch seinen Generator abstellt, sind wir wieder im Himmel.
Gestern noch im All, heute unterwegs zum Mittelpunkt der Erde. Da wäre der Himmel doch ein gutes Mittelding.
Finden wir. Keine Ahnung, wie das der Nachbar sieht…