Heute verabschieden wir Louisiana endgültig. Nachdem wir gestern bereits kurz unser Näschen nach Natchez ausgestreckt hatten, lassen wir die Staatsgrenze heute ein für alle Mal hinter uns:
Hallo Mississippi!

Wie bereits geschrieben, belegt Mississippi den letzten Platz der USA, wenn es um Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung, Wohlstand und Lebenserwartung geht. Knapp 40 Prozent der 3 Millionen Einwohner sind Afroamerikaner und Schwarze: der Staat in den USA mit den meisten „people of color“.
20% der Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze. In manchen Countys sind es sogar die Hälfte.
Insbesondere auf Grund des Films „Mississippi burning“ erlangten die sogenannten „race riots“ des 20. Jahrhunderts traurige, internationale Berühmtheit. Fast jedem sagt das heute etwas.
Weniger bekannt aber war –zum Beispiel mir–, dass Mississippi bis Mitte 2020 eine Staatsflagge besaß, die noch immer die Kriegsflagge der Konförderierten Staaten von Amerika enthielt. Ergo: bis 155 Jahre nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs. Samma Kinnas…
Erst in Folge der Rassismusdebatte um den Tod von George Floyd hat man sich entschieden, dieses Thema doch mal anzugehen. Seither heißt´s auf der Fahne Magnolie, statt Kriegsverlustbedauerung. Frei nach dem Motto: Besser spät als nie…

Das erste, was wir in Mississippi sehen ist ein Jeep mit dem Kennzeichen „I LOVE“.
Das zweite ist die Küste des Golfs von Mexiko: mit zuckerweißem Sand, Palmen, endlosen Piers, rosa Mülleimern. Zwei Urlaubsörtchen –Gulfport und Biloxi–, die ganz auf amerikanische Bedürfnisse ausgerichtet sind: Hard Rock Casinos, *barbeque for butts*, ein Souvenirgeschäft, das man durch das Maul eines Megahais betritt.

Das dritte ist der schwer eingezäunte Shephard State Park. Wegen des nahenden Wochenendes eigentlich campingtechnisch ausgebucht. Wäre da nicht Dixie. Dixie aus Dixieland.

Im freundlichsten Überschwang seit Kanada empfängt Dixie uns so herzlich, dass wir uns für eine Umarmung bereit halten.
Ausgebucht!? Das wollen wir doch mal sehen, sagt Dixie und klemmt sich sogleich hinter´s Telefon.
Leider geben die heute abgereisten Camper von Platz 5 ihren Platz nicht frei. Also findet Dixie eine andere Lösung: Heute dürfen wir auf Platz 18 halten, danach macht sie einfach eine große Ausnahme für uns. Im Wildtierbereich sind eigentlich nur Zelter gestattet, aber egal, my German friends, ab morgen seid ihr auf dem Papier dann eben diese. Wochenende und wir dürfen bleiben! Mitten zwischen Alligatoren und auf dem wildesten und schönsten Campground seit langem.
Wie unbeschreiblich wohltuend menschliche Freundlichkeit ist.

Auf Platz 18 parken wir rückwärts ein. Beinahe. Denn erst müssen wir ein mississippisches Wunder bestaunen.
Direkt neben unserem Nachtplätzchen knabbert ein gepanzertes Etwas. Erst auf den zweiten Blick erkennen wir: es ist ein Neunbinden-Gürteltier!

Zwei Globetrottels mal ein Neunbinden-Gürteltier macht ….. 2×9= 18. Wie herrlich ist das denn bitte!? Wir sind genau am richtigen Ort!
Das faszinierende, letzte überlebende Säugetier der gepanzerten Nebengelenktiere (ja, natürlich alles im Kopf gehabt) lässt sich erstmal gar nicht von uns stören. Erst als ich die Kamera holen will, wird es ihm zu bunt und es marschiert geräuschvoll ins Unterholz.
Unfassbar, wie ein so kleines Etwas so polternd abdüsen kann. Beim Nachlesen entdecken wir, dass Neunbindengürteltiere die „geräuschvollsten Waldbewohner“ der Welt sein sollen.
Sehr sympathisch: Ein tapsiger Panzersäuger mit einem Schwanz, der fast so lang wie sein Rumpf ist, endlos langer Nase, riesigen, beweglichen Ohren und vier Vorderfußzehen, von denen zwei enorm hervorragen. Der liebe Gott muss wirklich einen sehr guten Tag gehabt haben, als er die Gürteltiere schuf. Siehe: die Globetrottels sind schon wieder verliebt. Diesmal in Panzerklaus.

Und weil Liebe durch den Magen geht, wird erstmal gekocht: eine Stunde für die leckerste Bolognese seit Ewigkeiten – das ist keine Minute zu viel. Da muss ich mich selbst mal loben.

Und dann geht in spektakulär geschecktem Rot auch noch die Sonne über dem Sumpf unter.

Heute Nacht werden wir den geräuschvoll singenden Zirkaden lauschen und den wild-polternden Gürteltieren im Unterholz. Wenn´s gut läuft, locken wir den kleinen Panzerklaus morgen in den Magicbus und nehmen ihn einfach mit.
Wir wurden vor der grauen Mississippipupskatze gewarnt: Vorsicht wegen Flöhen und Toxoplasmose. Gürteltiere können angeblich Lepra übertragen.
Wer sich unsererseits deshalb Sorgen machen sollte, der muss gewarnt sein. Die größte Gefahr geht in diesen Breiten nicht von
gepanzerten Nebengelenktierchen aus und auch nicht von Alligatoren. Sondern –ganz profan– von kolibrigroßen Mücken, die laut über den Sümpfen surren, auf der Suche nach frischem Blut.
Und noch darüber steht der gefährlichste Räuber von allen.
Der Spezies gehören wir selber an.